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Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhefien)

M. 94 Zweites Blatt

Mittwoch, 25. April 1930

Sie englische WirWastskampagne in Südamerika

Don Professor Dr. Hermann Levy.

nicht wie bisher an zweiter oder dritter Stelle. Es ist ökonomisch eines der ersten und wichtig st en Gebiete geworden, weil sich hier der Konkurrenzkampf Europa- mit den USA. am schärfsten abspielt und weiter ab-

Kaum ist eine weltwirtschaftliche Entwicklung der letzten Zeit mit größerer Besorgnis von englischen Wirtschaltspolitikern beobachtet wor­den als die Eroberung der füdameri- kanischen Märkte durch die Verei­nigten Staaten von Nordamerika. Während vor dem Kriege die Engländer die Entwicklung des deutschen Geschäftes im Aus­lände als eine .friedliche Durchdringung" be­zeichneten. die dem englischen Exportgeschäft Pein­lich wurde und den Anlaß zu vielen Gehässig­keiten seitens englischer Politiker bot, es wur­den dabei Deutschland unlautere Methoden, Dum­ping usw. vorgeworfen, muh es jetzt Eng­land, ohne den gleich entrüsteten Ton anschla­gen zu dürfen, mitansehen, daß die Verei­nigten^ Staaten in einem ganz ande­ren Ausmaße wie ehedem das Deutsche Reich jene »Durchdringung" betreiben. Aach einer amt­lichen amerikanischen Zusammenstellung von 1928 betrug der Wert der amerikanischen Guthaben in Südamerika auf Grund von langfristigen In- oestierungen zwischen 4,6 und 5,5 Milliarden Dollars, gegen 3,7 bis 4,3 Milliarden in Eu­ropa. Scott Aearing und Joseph Frceman haben diese Durchdringung mit Kreditkapital in ihrer Schrift .Dollardiplomatie" mit dem rich­tigen Wort gekennzeichnet und ausführlich ge­rade im Hinblick aus die wirtschaftliche Er­oberung Südamerikas durch die Amerikaner be­trieben. Geschickt wußte man die wirtschaft-» lichen Röte der südamerikanischen Staaten kom­merziell auszunuhen. »Wenn dann", so schrieb vor einiger Zeit Professor M. 3. Wolff in einem beachtlichen Aufsatz imArbeitgeber", ..die Häfen, Eisenbahnen, Elektrizitätswerke an die Fremden ausgeliefert, die Staatseinnahmen ihnen verpfändet und die Notenbank ihrer Kon­trolle unterstellt war, so gab es eine neue An­leihe, die die schon bestehende Schuldknechtschaft noch unlösbarer machte."

Die Folgen dieser »Politik" des Dol­lars haben sich gerade in der Nachkriegszeit für europäische Exportländer besonders schwer ?leitend gemacht und unter diesen wieder steht n erster Linie England, dessen Industrie in den Märkten Argentiniens, Brasiliens und auch der kleineren lateinamerikanischen Staaten jahrzehntelang überaus zuverlässige und bedeut­same Abnehmer hatte. Man vergleiche die Ent­wicklung der letzten Zeit, z. V. für Argen­tinien. Es betrug die Ausfuhr in Millionen Pfund Sterling naich Argentinien aus:

England U. S. A. Deutschland

1913 23,4 11,3 13,0

1928 31,8 36,8 9,4

Man erkennt: die Vereinigten Staaten haben von kleinen Anfängen im Jahre 1913 heute die Engländer im Export nach Argentinien erheb­lich überflügelt, obschon auch der eng­lische Export hauptsächlich auf Kosten des deutschen sich steigern konnte. Prozentual war England an der Gesamteinfuhr Argen­tiniens im Jahre 1913 mit 31 Prozent, im Jahre 1927 nur mehr mit 19,4 Prozent beteiligt, während die entsprechenden Ziffern für die U. S. A. für 1913 nur 14,7 Proz. betrugen, heute dagegen 25,4 Prozent betragen. Selbst wenn man hierbei berücksichtigt, daß die Ver­einigten Staaten für diese und jene Erzeugnisse eine gewisse weltwirtschaftliche Monopolstellung einnehmen und daß sie dank ihrer Standardi­sierung in einzelnen Produkten (etwa Automo­bilen, Wirtschaftsmaschinen, landwirtschaftlichen Maschinen) eine wettbewerbliche Ueberlegenheit auf dem Weltmarkt besitzen, die auch ohne das besondere Mittel derfriedlichen Durchdringung" mit dem Dollar wiryam sein würden, so bleibt do'ch genug von diesen Ziffern bestehen, was hiervon unabhängig ist und auf den gewaltig gestiegenen pekuniären Machteinflutz der Union zurückgeführt werden muh.

Diese Situation, welche gerade im Hinblick auf die im Augenblick recht betrübliche Verfassung des englischen Ausfuhrgeschäfts besonders unan­genehm von England empfunden wird, ist der Anlaß geworden, den früheren Botschafter in Berlin, Lord D'Abernon, zu beauftragen, auf dem Wege einer.persönlich vorzunehmenden E n q u e t e die Möglichkeiten einer erneuten Aus­dehnung des britischen Geschäftes in Südamerika zu über prüfen und die Resultate der britischen Regierung zu übermitteln. Der Bericht Lord D Abernons liegt nunmehr vor, es ist der Bericht der sogenanntenBritish Economic Mis­sion" noch Argentinien, Brasilien und Uru­guay. Dieser Bericht sollte auch von deutschen Wirtschaftlern ernst und ausgiebig studiert wer­den. Denn er enthält nach vielen Richtungen wichtige praktische Fingerzeige über die Möglich­keiten und Ausdehnungsmöglichkeiten des euro­päischen Geschäfts nach Südamerika, und da wir uns wohl leider selbst die Einrichtung einer solchen halbamtlichen wirtschaftlichen Inspektions­reise nicht leisten können und vielleicht auch gar nicht in der Lage wären, den Südamerikanern eine solchezuzumuten", so müssen wir aus dem englischen Bericht lernen, was zu lernen ist.

Es ist z. D. von Interesse zu hören, daß Lord D Abern on darauf hinweist, daß man in der Besetzung der diplomatischen Po st en in Südamerika eine neue Richtung einschlagen solle, da bisher die südamerikanischen Posten weniger nach Maßgabe deraktiven wirtschaft­lichen Bedürfnisse" als nach dem Maßstabe der diplomatischen Würde und Korrektheit beseht worden seien, was dahin geführt hat, daß Süd­amerika nicht immer d i erichtigen" Männer bekommen habe und daß man merkt deutlich, was der Lord sagen will Be­förderungen auf höhere Posten von den süd­amerikanischen Diplomaten nicht erreicht wür­den. Mit anderen Worten: man betrachte Latein­amerika in den Auswärtigen Aemtern Europas

spielen wird.

Aber der Bericht Lord D'Abemons hat noch wichtigere als diese Resultate gezeigt. Gr be­wegt sich auf der Basis praktischer wirtschaft­licher Vorschläge. Diese bestehen darin, daß Eng­land versuchen soll, großzügige Reziprozi­tätsabkommen für den Güteraus­tausch mit den südamerikanischen Staaten zu treffen.Reziprozität kann," so schreibt der 'Bericht,ein wesentliches Merkmal unserer Wirtschaftspolitik in Südamerika werden, indem jedes der beiden Wirtschaftsgebiete ver­sucht, dem andern Erleichterungen zu bieten und dafür entsprechende Vorteile eintauscht." Der Prä­sident der argentinischen Republik, Dr. Hipolito Irigoyen, hat bereits ein Abkommen mit England abgeschlossen, wonach jedes der beiden Länder für die Summe von 8,7 Millionen Pfund Sterling, also annähernd 174 Millionen Gold- mark, Waren des anderen Landes kauft. Weiter schreibt Lord D Abernons Bericht:Die britische Regierung wird veranlassen, daß Argentinien einen Kredit in Sterling erhält,' der 100 Mil­lionen Pesos entsprechen wird, und zwar für zwei Jahre nach Inkrafttreten des Vertrages, ein Kredit, der zum Ankauf von Gütern verwandt werden soll, die in England ge­wonnen ober fabriziert werden. Die ar­gentinische Regierung wird ihrerseits die not­wendigen Schritte ergreifen, zugunsten her briti­schen Regierung für dieselbe Zeitdauer und mit der gleichen Summe einen Kredit zu eröffnen, mittelst dellen Personen, die von der britischen Regierung zu bestimmen sind, Zerealien und ar­gentinische Erzeugnisse anderer Art erwerben können." Der Sinn und die Bedeutung eines solchen Abkommens sind unverkennbar. England wird durch dasselbe Aufträge für feine Industrie, seine Ingenieure, seinen Schiffbau usw. erhalten, die es ohne eine solche Abmachung in schwerem Wettbewerb würde erkämpfen müssen. Es han­delt sich um ein Spezialabkommen von Staat

König Alfons von Spanien besichtigtGraf Zeppelin".

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Nach der Landung in Sevilla: König Alfons von Spanien neben Kapitän Lehmann, dem Führer des Luftschiffs, in der Gondel desGraf Zeppelin".___________

Der Chirurg Prof. Emst Küster t

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Geh. Medizinalrat Prof. Dr. (E r n ft Ä ü ft e r, einer der hervorragendsten deutschen Chirurgen, der frühere langjährige, chirurgische Leiter des Augusta- Hospitals in Berlin, starb im Alter von 90 Jahren. Küster, der Verfasser bedeutender fachwissenschaft- licher Schriften, wurde 1890 als Professor der Chirurgie nach Marburg berufen, wo er gleichzeitig die Chirurgische Klinik leitete.

zu Staat, auf reziproker Basis, das gar nicht hoch genug eingeschäht werden kann.

In Deutschland wird man dieser neuen englischen Wirtschaftskampagne in der Well nicht ohne eine gewisse Besorgnis gegenüberstehen. Wir besitzen nicht mehr die Möglichkeiten, durch Kredite an andere Länder unserer Ausfuhr die Wege zu ebnen. Immerhin sollten auch wir aus dieser neuen englischen Wirtschaftsmission die Lehre ziehen, daß tüch­tige wirtschaftliche Vermittler un Auslände mancherlei erreichen können, waS bloße Aktenarbeit nicht zu erreichen vermag.

Tagesfraaen der Hessischen StaatSsorflverwalturig.

Als Beitrag zu den kommenden Landtags­verhandlungen ist von Oberforstmeister Professor Dr. G. Baader in Darmstadt eine Schrift im Verlag der Fr. Wagnerschen Univer­sitätsbuchhandlung, Freiburg i. Br. (Preis 1,50 Mark) erschienen, auf welche alle Devölkerungs- freife aufmerksam gemacht werden, denen ein Einblick in »Wesen und Aufgabenkreis der Forst­wirtschaft" im allgemeinen und insbesondere in Hessen erwünscht ist.

Die Besprechung der einschlägigen Verhältnisse erfolgt vom wissenschaftlichen Standpunkt aus, durchaus unparteiisch und mit rückhaltloser Offen­heit. Sie gibt einerseits Aufklärung über die vielseitige Art und den Umfang der Tätigkeit der Fmtstverwaltung, insbesondere der Forst- dmter und weist eindringlich auf die bestehenden Mängel hin. Andererseits deckt der Verfasser auch die hauptsächlichsten Gründe auf, welche die hohen Kosten der Forstverwaltung in Hessen und die hierdurch bei den Gemeinden vorhandene Miß­stimmung verursachen.

Der Verfasser beschränkt sich aber nicht auf die Kritik der bestehenden mißlichen Verhältnisse, sondern zeigt auch Wege zu deren Besserung. Daß diese Wege nicht über die vom Finanz­ausschuß des Landtags beschlossene Aushebung einer größeren Anzahl von Forstämtern führen, weist der Verfasser in drastischer Weise nach. Beträgt doch nach seinen Ausführungen die Er­sparnis bei Aufhebung eines Forstamts nur 10 000 Mark, was bei einer beförderten Fläche in Hessen von 200 000 Hektar einer Ersparnis von nur 5 Pf. je Hektar, oder z.D. bei einem 200 Hektar großen Gemeindewald von nur 10 Mark

Gießener Gtadttheater.

Robert und Jean Gilbert: ,Ln der Johannisnacht."

Dies war ein erster, entschlossener Versuch das Opcrettenproblem der Gießener Bühne, an dem seit Jahren mit wechselndem Erfolge herum- experimentiert wurde, von einer neuen, zweifellos einfachen und unbestreitbar praktischen Seite her anzufassen und einer heiteren und originellen Losung entgegenzuführen. Das Ei des Columbus - mindestens soweit der finanzielle Teil der Ge­samtfrage in Betracht kommt, der ja von jeher eine außerordentlich wesentliche Rolle spielte: man ist sozusagen bei sich selber zu Gast, man wirtschaftet mit eigenen Beständen und nimmt die Operette, statt sie von auswärts zu impor­tieren, in eigne Regie. Der große und herzliche Srfolg dieser ersten Aufführung hat das Ixperiment aufs beste gerechtfertigt und ermun­tert zu neuen Unternehmungen auf dem seither unbestellten Felde.

Besonders geeignet für den Anfang erschien ein Werk, dessen Wirksamkeit bewährt ist, ohne doch an das Orchester und ein in Operettenfragen Aewissermahen jungfräuliches Ensemble allzu harte Anforderungen zu stellen.In der 3 o - hannisnach t", musikalisches Lustspiel in drei Akten nach de Flers, de Cavaillet und Reh von Robert Gilbert, Musik von Jean D ilb e r L

Um eine vollgültige Operette zu sein, legt es aicht genug Nachdruck auf die Ausgestaltung von Partitur und Gesangspartien, hat es aber auch "nen zu gediegenen Text, der seinerseits etwa M einer mittleren Linie zwischen Salonstück, Vingspiel mit volkstümlich-romantisierendem Ein- 4>lag und handfestem Schwank festzulegen wäre mrd jedenfalls eine Mischung darstellt, welche ~_in Verbindung mit einer einfachen, aber ein­prägsamen, leitmotivisch betonten und melodiösen Musik - allezeit einer populären Wirkung sicher sein darf.

Der Gang der Handlung wäre am einfachsten durch eine Reihe von Untertiteln zu charakteri­sieren, auf welche die Autoren verzichtet haben:

etwa die gestörte Vermählung! oder: das unter­brochene Opferfest; oder: die Hochzeitsreise ins Unreine: oder: die Großmutter als Braut­jungfer. Oder sonst nach Belieben: wer's gesehen hat, dem werden gewiß noch allerlei passende Wendungen einfallen.

Das geht so: Helene soll Willibalden heiraten. Willibald will. Helene weniger. Da kommt in zwölfter Stunde und knapp vor der Trauung, ahnungslos und per Zufall Andre. Er hat kein Auto, er hat kein Rittergut, er hat nur eins, et hat sie lieb; sie, Helene, ihn auch. Das ist nicht von ungefähr und bloß so, )ondem eine Jugendliebe. Lange Trennung und widrige Um» ftänbe verhinderten die Hochzeit (mit Andre), welche besser gewesen wäre als die (mit Willi­bald) von den Eltern der Braut ins Werk gesetzte

Was geschieht? Entführung vor Willibald- bleicher Rase. 3ns Heidehaus, wo Helenes Groß­mutter, eigenen Jugendglückes eingedenk, ba£ Paar erwartet, ihren Bund zu segnen Es ist dann nicht Großmutters Schuld, daß sie den Entführer für den angetrauten Gemahl hält und

die jungen Leute wie ein legitimes Pärchen be­handelt, ohne ihnen Zeit zu lassen, den Irrtum

aufzullären und die im bürgerlichen Leben üb­

lichen Formalitäten zu erledigen. Die träume­

rische Iohannisnacht über der blühenden Heide

tut ein übriges Willibald und Helenes Eltern

kommen am anderen Morgen zu spät, aber

dennoch zeitig genug, um zu erkennen, daß die

gute Großmama in ihrem dunklen Drange doch

wohl ahnungsvoll das Rechte getroffen hat.

Die sehr hübsche und stimmungsvolle Auffüh­rung wurde vom Intendanten Dr. P r a s ch selbst Geleitet Es war erstaunlich zu sehen und aller Incrlennung wert, was die Regie hier aus einem ungeschulten oder doch jedenfalls aus musikalische Aufführungen größeren Stils keineswegs ein­gestellten Ensemble herausgeholt hat. Man spürte allenthalben die sorgsame, liebevoll eingehende und anregende Probenarbeit, die leitende und ordnende Hand, die diese erste bodenständige Operettenaufführung zum Erfolg geführt hat.

Die Spielleitung wurde vom Kapellmeister Cuje, der das Orchester umsichtig regierte, und vom Tanzregisseur D ä u l k e, der die choreographische Einstudierung überwachte, wirksam unterstützt.

Bühnenbilder von Karl Löffler; Kostüme: Kurt Huber; Beleuchtung: Ludwig Keim.

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Im Mittelpunkt des Ensembles stand wiederum Frau Auguste Prasch-Grevenberg a. G. in der Rolle der Großmutter, die zu ihren be­währtesten Partien gehört und ihre großen schau­spielerischen Gaben zu vielseitiger Entfaltung bringt; sie umgab die Gestalt der alten Dame mit dem jugendlich empfindenden Herzen mit einer Fülle Humor- und gemütvoller Züge und einer biedermeierlichen Anmut in Haltung und Ton, die heute fast nur noch auf dem Theater zu finden ist.

Auch sonst wurde auf der ganzen Linie mit Eifer und Hingabe gespielt. Marianne M e - wes (Helene) und Heinrich Hub (der für die Partie des Willibald eine gepflegte und sym­pathische Singstimme einzusetzen hat) fanden Gelegenheit, eine bisher nur schüchtern geahnte Operettenbegabung zu beweisen. H a i s (Andre) ging gesanglich noch nicht recht aus sich heraus, kam aber zusehends auf den Geschmack seiner Ausgabe und war zuletzt erfreulich in Fahrt. Fuhrmann und Zingel gaben das El­ternpaar, L inkmann, Jahn und Jüng­ling spielten ein ausgelassenes Terzett komi­scher Chargen.

Wie gesagt, ein ausgesprochener Publikums- ersolg. Wiederholungen, Blumen, großer Applaus. Mit den Darstellern erschienen zu­letzt der Intendant und seine Assistenten. hth.

Tonfilm:Liebeswalzer".

Lichtspielhaus Bahnhofstraße

Jetzt geht es auch bei uns in Gießen schon Schlag auf Schlag, und es scheint fast, als ob die Tage des stummen Films (was aus mancherlei Gründen zu bedauern roäre) gezählt seien. Nach dem großen Er­folg vonDich hab ich geliebt" erscheint (im Licht­spielhaus seit Montag) der i e b e s w a lze r". Tonfilm-Operette der Erich Pommer-Produktion der Ufa, und mehrere bedeutende Neuerscheinungen, unter anderemDer blaue Engel", werden für die kommende Zeit angekündigt Der .Liebeswalzer" ist insofern durchaus operettenmäßig angelegt, als er im Gegensatz zu .Dich hab ich geliebt" entschieden aus der mit demSinging fool" beliebt gewordenen

Richtung ausbiegt, auf alle tragischen Akzente und jegliche Tränendrüsenreizung verzichtet und sich von Anfang bis zu Ende zwangloser Heiterkeit anheim­gibt. Im ganzen wirkt er mehr als ein musikalisch (sehr effektvoll) begleitetes Sprechlustspiel. Gesungen wird nicht allzuviel und jedenfalls kaum so, wie man es sich nach den bisher üblichen Begriffen bei einer Operette im eigentlichen Sinn vorstellt. Die technische Wiedergabe erscheint übrigens nicht so ebenmäßig und einheitlich durchgebildet wie bei dem Mädy Christians-Film neulich, ist aber in der ört­lichen Apparatur einigermaßen zu regulieren. Die Handlung läuft in erprobten Lustspielbahnen, ist ein­fach und auf drollige Situationskomik gestellt, beruht auf dem erprobten Motiv der Verwechslung und Vertauschung und gipfelt in ein epi Derlvbungsidyll am Zeremvnienhvf eines Duvdezfürstentums und den entzückenden Liebesszenen eines jungen Paares, welches von Willy Fritsch und Lilian Harvey charmant gespielt wird. Fritsch insbesondere zeigt sich in diesem Film von seiner liebenswürdigsten Seite; die Harvey mit ihrem zarten Puppenfigür- chen und ihrem beweglichen Temperament erinnert bald an die Bergner, bald an die Garbo und ist jedenfalls eine vollkommene Augen» und Ohren­weide. Der Vertonung von Werner R Heymann gelang ihr Kabinettstück in dem sehr melodiös und schlagermäßig instrumentierten Walzer, welcher dem Stück seinen Namen gegeben hat. Die Regie von Wilhelm Thiele arbeitet mit großer Aufmachung und bewegten Gruppen, verrät auch einen sickeren Instinkt für volkstümlichen Humor Von den übri­gen Mitwirkenden ist vor allen andern Georg Alexander zu nennen, der sich in Gießen bereits vorgestellt hat. und dessen wienerisches Lustspiel- temperament in dieser Umgebung famos zur Geltung kommt. Außerdem: Julia Ser da, Karl Ludwig Diehl, Lotte Spira, Hans Junkermann, Karl Ettlinger, Victor Schwan necke und andere bewährte Lustspielkräfte Weintraubs Synco- pators nicht zu vergessen. Das Werk, dessen seit­herige Erfolge sich herumgesprochen haben, dürfte auch bei uns einen guten Besuch garantieren. Am ersten Tage herrschte jedenfalls ein ganz außer­ordentlicher Andrang.r

Hochschulnackrichten.

Ernannt wurde Prosesior Dr. Paul Maas von der Universität Berlin zum ordentlichen Prosesior der klassischen Philologie *n der Universität K ö- n i fl s b e r fl als Nachfolger von Professor R. Lardee.