Einzelbild herunterladen

Nr. (9 Zweites Blatt

Donnerstag, 23. Januar M >

Siebener Anzeiger (General-Anzeiger für Vberheffen)

Aus Der Provinzialhuuptstavt

Gießen, den 23. Januar 1930.

Oberhessische Gesellschaft für Aatur- und Heilkunde.

DaturwisienschafUiche Abteilung.

In der letzten Sitzung der Oberhessischen Ge­sellschaft für Statur» und Heilkunde (Natur­wissenschaftliche Abteilung) hielt Dr. Ahlfeld (Marburg) einen längeren Dortrag über den bolivianischen Erzbergbau, den er durch eine große Anzahl von Lichtbildern er­läuterte.

Der Dortragende, der in den letzten Iahren wiederholt Gelegenheit hatte, das Land zu be­reisen, führte etwa folgendes aus:

Lieber die Geschichte des Dergwe ens der An­denlande vor der Zertrümmerung des Inka- reiches durch die Spanier wissen wir so gut wie nichts. Aus den ungeheuren Schätzen an Gold, Silber und Smaragden, die man erbeutete, kann man indessen den Schluß ziehen, daß sowohl der Edelmetallbergbau, als auch die Gewinnung der Smaragden schon bei den Inkas in Dlüte stand. Die Spuren inkaischer Goldwäschereien hat man an vielen Orten gefunden. Aber auch Kupfer und Zinn find schon in den ältesten Zeiten gewonnen worden. Die Goldgewinnung hat in Do- livien nach Eroberung des Landes durch die Spanier keine große Dolle mehr gespielt. An- kangs beschränkte man sich auf das Verwaschen von Flußgeröllen, besonders auf der Ostseite der Cordillera Real. Als um die Jahrhundertwende die Amalgamation aus Mexiko eingeführt wurde, ging man auch an den Abbau von Goldquarz­gängen. Heute ist der Goldbergbau in Bolivien fast völlig zum Erliegen gekommen. Ungleich wichtiger war in spanischen Zeiten das Silbe r. Das Hauptvorkommen bildete der berühmte Silberberg, der Cerro Rico' in der Rühe von P o t o s i, der den Spaniern 30 000 Tonnen Sil­ber geliefert hat. Außer gediegenem Silber wurde hauptsächlich Silberglanz und Rotgiltigerz abgebaut. Heute ist an Stelle des Silbers in Potosi längst das Zinn getreten. Rur einige Tonnen Silber fallen monatlich als Rebenpro- dukte. Der Gipfel des Eerro Rico ist. durch 3000 Stollen unterfahren, auf die 500 Besitzer entfallen. Weniger wichtig ist die zweite Silber­stadt Boliviens, Oruro. Zwanzig deutsche Fir­men arbeiten hier im Handel. Auch hier ist das Zinn heute bereits wertvoller geworden als das Silber, wie überhaupt augenbl'.cklich in Boli­vien der Zinnstein das am meisten geförderte Erz darstelit. Die Zinngrube ßnramacota. welche den Dorzug hat, die höchste Arbeitsstätte der Welt zu sein, liegt 5600 Meter hoch. Die reichste Zinncrzlagersiälte Boliviens, Llnika-Llallagua, unweit von Oruro, fördert allein jährlich 20 000 Tonnen Zinn gleich 13 Proz. der Weltproduktion.

Don anderen Metallen, die Bolivien erzeugt, ist außer Blei, Zink, Antimon, Wis­mut und Wolfram in erster Linie Kupfer zu nennen. Don den vielen Kuvferlagerstätten der Westanden wird bisher nur Corocoro im Großbetrieb ausgebeutet. Haupterz ist hier nicht mehr gediegenes Kupfer, dem die Indianer wäh­rend der Kolonialzeit nachgingen, sondern Kupferglanz. Mit einer Iahreserzeugung von 8000 Tonnen Kupfer spielt Corocoro eine wichtige Rolle im Haushalt Boliviens. Antimon- und Wolfram-Bergbau standen besonders im Weltkriege in großer Blüte. Die Grube T a s n a deckt den Weltbedarf an Wismut. Don Interesse ist noch, daß die bolivianischen Wismuterze früher in Gießen bei Trom raffiniert wurden. Die reichen Zinkerzlagerstätten sind erst in neuerer Zeit untersucht worden.

Der Dortragende gab während seines Vor­trages an Hand von gut gelungenen Licht­bildern ein eindringliches Bild von der Mor­phologie des Landes und machte ferner die Zu­hörer mit den großen Abbau- und Transport-

Das neue hessische Sieueworanszchluugsgeseh.

Wie in den Dorjahren, so ist auch für 1930 ein Steuervorauszahlungsgeseh er­forderlich, da sich schon jetzt übersehen läßt, daß bis zum Beginn des Steuerjahres 1930 (1. April 1930) die endgültigen Steuerbescheide für dieses Iahr noch nicht zugestellt sein können. Die Rück­sicht auf die Staatsfinanzen und auf die Finanzen der Gemeinden und Gemeindeverbände, sowie aus die Steuerzahler verlangt aber, daß in der Ein­ziehung der lausenden Steuern keine Unter­brechung eintritt. Dasselbe dürfte auch für die späteren Iahre gelten. Zwar darf man hoffen, daß die Reichsgesehgebung auf dem Gebiete der Realsteuern und der Gebäudeentschuldungssteuer im Laufe des Winters zum Abschluß kommen wird, und es ist daher nicht unwahrscheinlich, daß schon für 1931 das Steuervorauszahlungsgeseh wieder etwas angeyaßt werden muß. Anderseits läßt sich Bestimmtes darüber zur Zeit nicht sagen, und gerade deshalb erschien es der . hessischen Regierung zweckmäßig, nunmehr ein Steuervor­auszahlungsgesetz zu erlassen, dessen Geltungs­dauer nicht von vornherein auf ein Jahr be­schränkt ist.

Rach Artikel 1 Absatz 1 des neuen Stcuervor- auszah.ungsgesehes vom 10. Dezember 1929 (Reg.» Blatt Sir. 20 von 1929) sind bis zur Zustellung der Steuerbescheide über staatliche Grundsteuer, Sondergebäudesteuer und Gewerbesteuer für ein Rechnungsjahr zweimonatliche Voraus­zahlungen auf diese Steuern von je einem Sech st el der zuletzt festgesetzten Iah­ressteuerschuld zu entrichten. Ist die Iah- rcssumme der bei der demnächstigen Skranlagung festzusehenden Grundsteuer, Sonderqebäudesteuer und Gewerbesteuer eines Steuerpflichtigen vor­aussichtlich um mehr als 100 Älk. höher als die Iahressumme der Vorauszahlungen, die fest­zusehen wären, so können die Vorauszahlungen abweichend von der allgemeinen Vorschrift fest­gesetzt oder im Laufe des Rechnungsjahres neu festgesetzt werden. Eine derartige Vorschrift fehlte seither. Das Gegenstück hierzu ist die Skftimmung in Artikel 1 Absatz 3: Wenn ein Steuerpflichtiger glaubhaft macht, daß demnächst bei der Veran­lagung seine Steuern voraussichtlich um zu­sammen mehr als Vs oder mehr als 100 Mk. hinter der Summe der Vorauszahlungen zurück- bleiben werden, so ist auf Antrag der Unter- schiedsbetrag bis zur Zustellung des Steuer­bescheids zu stunden.

Die Fälligkeitstermine sind die glei­chen, wie bisher. Eine Schonfrist von 10 Tagen ist zugebilligt. Es ist beabsichtigt, den Vorauszahlungsbescheid für 1930 mit dem end­gültigen Steuerbescheid für 1929 zu verbinden. Die Vorauszahlungen für ein Rechnungsjahr sind auf die endgültige Grundsteuer, Sondergebäude­steuer und Gewerbesteuer für dieses Jahr anzu­rechnen.

Die Umstände, die den Erlaß eines Voraus- zahlungsgesehes für die Staatssteuern erforderlich machen, bedingen auch die entsprechenden Maß­nahmen für die Steuern der Gemeinden und Gemeindeverbände. Rur ist die Sachlage hier insofern anders, als den Gemeinden und Gemeindeverbänden die rechtliche Möglichkeit ge­geben werden muß, schon bei Anforderung der vorläufigen Steuerbeträge von den vor­jährigen abweichende Steuersätze anzuwenden, da sich die Finanzlage einer Gemeinde von einem Iahr zum anderen erheblich ändern kann. Des­halb die Unterscheidung zwischen Staats steuervorauszahlungen und vorläufigen Kommunal steuern. Rach Artikel 6 Absatz 1 des Gesetzes ist der Minister des Innern ermächtigt, anzuordnen, daß die Ge­meinden, Kreise und Provinzen berechtigt sind, bis zur Zustellung der endgültigen Steuerbe­scheide für ein Rechnungsjahr Grundsteuer, Son- dergebaudesteuer und Gewerbesteuer vorläu - f i g nach den Besteuerungsgrundlagen des Vor­jahres zu erheben.

Der zweite Absatz des neuen Steuervoraus- zahlungsgcsehes bringt verschiedene Aenderungen des Sondergebäude st euergesetzes. Die Steuersätze sind nicht geändert. Reu eingesetzt ist die Bestimmung, daß auch, wenn nicht die zulässigen Höchstsätze erhoben werden, für Ge­meinden und Gemeindeverbände zusammen der höhere Steuersatz zum niederen Steuersatz im Verhältnis von 77:70 stehen muß. Bekanntlich beträgt die kommunale Sondergebäudesteuer für Gebäude über 7000 Mk. Wert 77 Pf. und für Gebäude bis zu 7000 Mk. Wert 7p Pf. je 100 Mk. Bei den Aenderungen des Sondergebäudesteuer­gesetzes handelt es sich um solche, die bei der im Gange befindlichen erstmaligen Veranlagung sich als unbedingt erforderlich erwiesen haben.

schwierigkeiten bekannt, die dem Bergmann in Bolivien säst überall in den Hochgebirgen ent­gegentreten. Aeußerst interessant war auch die Schilderung der Lebensverhältnisse der Berg­leute und besonders der Kämpfe, die sich unter den Besitzern der einzelnen Grubenselder oft in den schärfsten Formen im Innern der Berge mit Schwefel, Pfeffer und Dynamit abspielen.

Lieber die Wirtschaftslage des Landes ist fol­gendes zu sagen: Bolivien ist ein reines Berg­bauland. Produktion und Export decken sich. S3er- brauch und Verarbeitung im Lande selbst findet nicht statt. Die Exportzölle stellen die Haupt­einnahmequelle des Staates dar. Infolge der niedrigen Preise für Zink, Blei, Zinn und Anti­mon fehlen dem Staat die notwendigen Ein­nahmequellen. Daher die katastrophale Lage der bolivianischen Wirtschaft. Trotz des schlechten Zinnpreises ist die Erzeugung übrigens nicht im Abnehmen begriffen. Die kleinen Erzeuger haben ihre Betriebe zwar schließen müssen, dafür ar­beiten aber vier oder fünf kapitalkräftige Ge­sellschaften um so intensiver. Im letzten Iahre erreichte Bolivien mit 40 000 Tonnen Zinnerzeu- gung die zweite Stelle in der Liste der zinnerzeu­genden Länder der Welt. Trotzdem ist die Re­gierung durch chronischen Geldmangel in ihren Entschlüssen behindert und ganz und gar von der Güte der Rordamerikaner abhängig.

Dr. F. K.

** Zuschlag zur Vermögenssteuer. In den von Bücherrevisor Hermann Will in Gießen hcrausgegibenenAktuellen Steuerfragen" lesen wir: Auf die Vermögenssteuer 1929 wird nach § 9 des Gesetzes über die Feststellung des Reichshaushaltsplanes für das Iahr 1929 ein außerordentlicher Zuschlag von 8 Proz. erhoben. Dieser ist nach der Verordnung vom 23. Dezember 1929 am 5. Februar 1930 zu entrichten. Erfolgt die Zustellung des Vermögenssteuerbescheides erst nach dem 15. Februar 1930, so ist er gleichzeitig mit der der Zustellung folgenden Vierteljahres­

steuer zu zahlen.

Orient und Rordland im Film. Man schreibt uns: Im Lichtspielhaus Bahnhof­straße werden die beiden Reise- und Kulturfilme der Hamburg-Amerika-Linie zu einer Morgen­vorführung am kommenden Sonntag, 26. Ian., 11.15 Llhr, vereinigt, Eindrücke von eindrucks­voller Schönheit bringen.Der Orient, die Wiege Europas" benennt sich der Groß­film. der in fünf Sitten zu den alten Kultur­ländern am Mittelmeer in einer Fahrt des Ver- gnügungsreisedampfersOceana" der Hapag führt. Die Wunder Venedigs, der Adria, Grie­chenlands, Konstantinopels und Palästinas, das alte und neue Aegypten und Rordafrika, zuletzt Reapel und Rom rollen sich vor den Beschauern in künstlerischen Aufnahmen ab. An die Bilder des sonnbcglänzten Mittelmeers schließt sich das

Land der Mitternachtssonne In dem einaki gen Film ..Rordischer Sommer", eine Rord- landfahrt des DampfersSlcfolutc nach den alpinen Landschaften der norwegischen Fjords, dem Rordkap und den Grenzen der Arktis an. Auf Veranlassung der Gießener Vertretung der Hapag, des Reiscbureaus Loeb, Seltersweg, wird die Vorführung von einem Vortrag des Re­dakteurs Adrian Mayer, Frankfurt a. M. begleitet fein. Räheres ist aus der morgigen An­zeige ersichtlich.

Oberhessen.

Kein Berussbirroermeister in Aidöa.

H Ridda, 23. Ian. (Eigener Drahtbericht desDich. Anz.") Der RiddaerGemeinde- r a t lehnte in feiner Sitzung von gestern abend, die von sämtlichen Gemeinderatsmitgliedern be­sucht war, den sozialdemokratischen Antrag auf Anstellung eines Derufsbürgermei- sters für die Stadt Ridda mit 9 gegen 4 Stimmen a b. Damit ist nun auch im Ge­meinderat, in Liebereinstimmung mit der Stel­lungnahme der Bürgerschaft in z'.vei öffentlichen Wählerversammlungen, Die Entscheidung zu­gunsten eines ehrenamtlich tätigen Bür­germeisters gefallen.

Landkreis Gießen.

X Wieseck, 22. Ian. In der Reihe dev Veranstaltungen unserer Kirchengemeinde für ihre Schuljugend brachte der letzte Sonn­tag in einer Lichtbild st un de eine Wande­rung durch die Schönheiten derSächsischen Schweiz" und einen Gang durch dieDeutsche Missionsgeschichte". In einer Misfions- stunde am Abend zeigte der Ortsgeistliche m einer neuerschienenen Filmostoreihe des Deut­schen Evangelischen Filmdienstes Bilder von der Missionierung Deutschlands und Bilder, d:e in geschichtlich wertvollem Material die Mission von Deutschland aus behandelten.

y Ruttershausen, 22. Ian. Während in manchen Gemeinden die Bürgermeister- w a h l große Leidenschaft, Llneinigkeit und oft üble Folgen hervorruft, ist hiervon in unserer Gemeinde lobenswerterweise nichts zu spüren. Zur Wahl des Bürgermeisters, die nach Anord­nung der Behörde am vorigen Sonntag ftatt- zufinden hatte, war nämlich nur e i n Wahl­vorschlag, lautend auf den Rainen des seitherigen Bürgermeisters Heinrich Schwarz eingegangen. Somit konnte eine eigentliche Wahl mit ihren zweifelhaften Folgen unterbleiben, und das ge­nannte Dorfoberhaupt war einstimmig toie- dergewahlt. Das Resultat ist für den Ge­wählten, wie für die Gemeinde gleich ehrenvoll. Bürgermeister Schwarz tritt damit in die zweite Wahlperiode ein. Der Gesangverein Ruttershausen unter der Leitung seines Dirigenten Sl i c o I a i, Großen-Duseck, brachte dcm wiedergewählten Ortsoberhaupt am Abend nach einem Fackelzug ein Ständchen dar, in dessen Verlaus der Vereinsvorsihende Schubbecker dem wiedergewählten Bürgermeister in einer An­sprache Dank für sein bisheriges Wirken zum Wohle der Gemeinde sagte und ihm zur Wieder­wahl herzliche Glückwünsche aussprach. Bürger­meister Schwarz dankte darauf für alle ihm bereiteten Ehrungen mit herzlichen Worten.

Z Beltershain, 21. Ian. Der im 65. Lebens­jahr stehende Landwirt Ludwig Hornmann verunglückte heute abend in der Scheuer seines Nef­fen, des Bürgermeisters a. D. und jetzigen Gemein- derechners Hornmann, bei dem er lebte. Beim Futterholen stürzte er so unglücklich von der Leiter, daß der Tod in wenigen Augen­blicken eintrat. Der Hofbesitzer fand seinen Onkel in der Scheuertenne liegend vor. Der sofort herbei­geholte Arzt Dr. Fuldat (Grünberg) konnte nur noch den inzwischen eingetretenen Tod feststellen, der infolge Genickbruches erfolgt mar. Der auf so tra­gische Weise Verunglückte war unverheiratet, sein Tod wird in der Familie seines Bruders und Nef-

Schöner Gigolo..."

Die Romantik des Eintänzers.

Lieber die Romantik des Eintänzers, des Gi­golo, zu schreiben, ist eine Forderung des Tages, und wie soll man sie überhören, wenn einem aus allen Grammophonen, Lautsprechern, von allen Cafekapellen unö allen Gassenjungen ent­gegengesungen wird:Schöner Gigolo, armer Gigolo...", der so zart apostrophiert wird, um gefragt zu werden, ob er noch denkeder alten Zeiten", auf die sich dann zwanglosdurch die Straßen reiten" reimen kann. Zum Schluß kommt die erstaunliche Feststellung:Man zahlt und du mußt tanzen". Man merkt, es soll hier der Eintänzer so romantisch umflort werden: Lache Bajazzo..ist auch hier die Parole.

Es ist eine sehr seltsame Zeit: sie nennt sich nüchtern, sachlich, baut die kahlsten Fassaden, die jemals da waren, erfindet Stühle, die nur einen Stuhlbegriff darstellen, verdammt jeden Stich von der Wand, die radikal kahl sein muß, aber sie stöbert in allen Winkeln umher, und wo sie noch einen Fetzen Romantik entdecken kann, bläst sie ihn auf. Oder empfindet diese Zeit eine leise Reue darüber, daß zu Vieles zu schnell und übergangslos verging, sucht sie es zu halten, wenigstens in Erinnerungen? In Paris wird einem erzählt, jeder dritte ober vierte Chauffeur sei ein Russe und von den Russen mindesteirs jeder zweite ein Großfürst: in den Spiel, älen von Zoppot oder Monte Carlo, murmelt man, sei jeder Krupier bekanntlich ein höherer russischer Offizier: sogar in Ragufa, das, von diesen mehr weltlichen Dingen noch unberührt, den stillen Traum seiner großen Landschaft trägt, gibt es einen Chauffeur, von dem geflüstert wird, er sei ein russischer Oberst. Don diesem übrigens in seinem Beruf sehr trefflichen Fahrer wenigstens kann man feststellen, daß er ein schlichter und einfacher Mensch aus dem Kaukasus ist, die Legende von dem russischen Obersten kennt und duldet er mit wehmütigem Lächeln: schon manch einer, meint er, sei um ihretwegen mit ihm gefahren. Es ist anzunehmen, daß es mit den übrigen russischen Edelleuten, Kavalieren und Offizieren auch nicht anders bestellt ist, denn so viele Großfürsten kann es niemals zu­gleich gegeben haben. Aber gleichgültig: die Zeit braucht sie, sie braucht die von ihren Schlössern vertriebenen Adligen, die entthronten Größen, den verarmten Reichtum. Sie braucht ihn, also wird er erfunden, offenbar zu dem Zweck, irgend­

wo in der Welt noch Reste toerftreuter Romantik und heruntergekommene Aschenbrödel zu wissen, sie zu bemitleiden und sich selbst mit jenen zu vergleichen.

Es ist noch nicht lange her, da waren die Aschenbrödel immer weiblichen Geschlechts, und die Prinzessinnen schlummerten hinter Dornen­hecken und warteten darauf, daß sie von edel­mütigen Rittern erlöst würden, und dem Befreier wurde, so ist es im Märchen und im Leben, Herz und Hand, Krone und Land geschenkt. Reuerdings haben die Aschenbrödel und einge­kerkerten Prinzessinnen das Geschlecht gewechselt und sind männlich geworden: Krupiers, Chauf­feure, Eintänzer.Vergangene Zeiten ... durch die Straßen reiten... Run ist gar der Gigolo angedichtet und angesungen worden, es gibt eine Gigolo-Romantik und es kann eine Gigolo- Tragödie geben, es kommt nur darauf an, daß sie geschrieben werde, denn am Berliner Kur­fürstendamm, der Stätte der Gigolos, ist fein Ding unmöglich. Aber dieser Tänzer ist fein Tanzlehrer, sondern hat einen anderen Charak­ter, er ersetzt eigentlich einen Abwefenden, den Ehemann, den Freund, den Bekannten, der nicht immer Zeit hat, den Füns-Llhr-Tanztee zu be­suchen. Der Tänzer ist dazu da, die einsame Frau für diese Tanzstunden über irgendeinen Mangel ihres Daseins hinwegzutäuschen und ihr den Aufenthalt in diesem Lanzraum so angenehm zu machen, daß sie bald wiederkommt. Hierfür wird er mit einem kleinen Geschenk abgefunDen, das man bei anderen Berufen ein Trinkgeld nennt. Aber es ist unter keinen LImständen einzusehen, wo hier die Romantik liegen soll.

Aber es sollte einen Gesühlslomplex geben, der alle romantische Llmkleidung dieses Berufs ge­radezu ausschließt. Eine Aufforderung zum Lanze war einst etwas Freiwilliges, ja, sie bedeutete sozusagen den Gipfel aller Freiwilligkeit, sie war zugleich eine Art Wahl und eine ganz bestimmte Andeutung. Ieht hat man dieses System umgekehrt: das Dornröschen ist es müde geworden, ihren Mauerblümchenschlaf weiter zu schlafen, denn der Gigolo ist in die Erscheinung getreten und holt sie zum Blues, aber daß er dafür bezahlt wird, nimmt seiner Handlung lei­der alle Freiwilligkeit und alles Verdienst. O nein, der Gigolo ist nicht, wie sein kulturgeschicht­licher Detter, der Cicisdeo, einer, der aus Leiden­schaft entsagungsvoll dient, der Tänzer lebt vom Tanzen und will dafür seinen Lohn. Das ist ein ganz glattes Geschäft, und peinlich ist nur der Llmstand, daß sich ein Mann von einer Frau für etwas bezahlen läßt, was früher unter den

Begriff des Chevaleresken und Selbstverständ­lichen gefallen ist. Man braucht über die Erschei­nung der Tänzer nicht erfreut zu sein: aber man kann sie hinnehmen, wenn sie sich nur nicht von einem Schlagerkomponisten romantisch drapieren lassen wollte. Dasin vergangenen Zeiten durch Die Straßen reiten" ist eine übelsentimentale Ku­lisse, aber die entscheidende Tatsache, daß ein Mann für einen Kavalierdienst von einer Frau bezahlt wird, wird mit den Worten:man zahlt" bemäntelt. Wenn es einen Gigolo-Verband E. V. geben sollte, mag er dafür sorgen, daß dieser Schlager von der Romantik des Eintänzers mög­lichst bald verschwindet. Er hätte ihn überhaupt nicht aufkommen lassen dürfen, er müßte ihm selbst allzu blamabel in den Ohren klingen.. A.

Bubikopf mit sechzehn Scheiteln.

Der Wunsch, sich zu verschönern, ist dem Men­schen eingeboren, und nicht etwa nur dem weib­lichen Geschlecht. Wie im Tierreich das Männchen so häufig durch die Pracht seiner Erscheinung das Weibchen aussticht, so erscheint auch bei den primitiven Kulturen der Herr der Schöpfung in reichem Schmuck, zumal er meist mehr Zeit hat als die mit der Hausarbeit beschäftigte Ehe­hälfte. Die Eingeborenen des früheren Deutsch- Ostafrika, des jetzigen Tanganjika-Gebietes, sind besonders versessen auf alle möglichen Zierden, und so bietet eine Auswahl ihrer Schmuckformen, die Dr. Martin Rikli in der bei Hugo Ber- mühler in Verlin erscheinenden Monatsschrift Der Erdball" mitteilt, ein buntes Bild der tollsten Einfälle. Die Siegerinnen, bei denen der spärliche Haarwuchs ein Rassenmerkmal ist, sind daher zum Bubikopf schon viel eher gezwungen worden, als er in Europa modern wurde. Sie widmen aber dafür dem in kurzem Herrenschnitt gehaltenen Haar größte Aufmerksamkeit. Das 4 bis 5 Zentimeter lange Haar wird mit einem hohen Kamm ausgekämmt, dann tüchtig eingefet­tet. und dann werden in Abstand von 2 bis 3 Zentimeter bis zu 16 parallel verlaufende Scheitel gezogen. Dabei wird das dazwischen­liegende Haar unf ein Holzstäiochen gedreht und dann sorgfältig aus dcm zusammengeklebten Wulst herausgezogen. Eine solche Prozedur dauert sechs bis acht Stunden, wird wöchentlich von neuem vorgenommen und verschlingt einen ganzen Tage­lohn eines Ehemannes. Die ostafrikanische Schöne trägt dicht zusammengerollte bunte Papierstrei­fen im durchlochten Ohrläppchen, und in der Rase häufig eine zierliche Rosette, die aus In­

dien eingeführt wird. Während die Frauen ihre prachtvollen Zähne bisher noch nicht künstlich verschönert" haben, schleifen sie die Männer in einer höchst schmerzhaften Operation spitz zu. Die Frauen rasieren sich alle Iahre einmal mit einem Glasscherben die Kopfhaut glatt, in der Hoff­nung, daß das tiefschwarze Haar dann länger wachsen werde. Die Männer aber tragen bis auf ein kleines Haarkränzchen die Kopfhaut stets vollständig kahl. Brandmäler sollen dem männ­lichen Gesicht ein kriegerisches Ansehen verleihen- Am groteskesten ist der Ohrschmuck, der bei den bisher noch wenig erforschten Wambugu im Llsambara-Gebirge in gewaltigen Gehängen be­steht. Das durch das Ohrläppchen gestochene Loch reicht dazu bei weitem nicht aus, denn die Frauen tragen oft viele Ohrringe, die aus Eisen verfertigt, mit Glasperlen beseht sind und meh­rere Kilo wiegen. Die Ohrläppchen werden daher immer mehr, ausgeweitet, und damit sie nicht ausreihen, sind die Ringe vom Kopf aus mit Lederriemen befestigt. Diese furchtbare Schmuck­last wird während der Arbeit, ja sogar bei Rächt getragen. Es gelang Rikli nicht, ein solches Ohr­gehänge zu erwerben, Denn die Frau erhält diesen Schmuck erst bei der Hochzeit von ihrem Vater, und zu einer Hochzeit mit einer Wam- bugu-Dame konnte sich der Forschungsreisende doch nicht entschließen. Die Massai-Wänner wei­ten zuerst mit einer Radel, dann mit einem Holz­stäbchen die Ohrläppchen aus; manchmal tragen sie Konservenbüchsen im Ohr, bis Der nötige Platz geschaffen ist, um den Schmuck aus Messing oder Kupfer eiirzuhängen. Als besonders wert­voller Ohrschmuck gelten Sicherheitsnadeln. Die Massai haben auch einen regelrechten Zopf, Der aus vielen, mit rotem Lehm beschmierten Zöpfchen zusammengeknotet und in einem ledernen Futteral getragen wird. Damit der Zopf grade nach unten hängt, wird er beschwert, und stolz hängt der Häuptling eine Patronenhülse an fein Ende. In manchen Gegenden wird auch Der Zopf mit einem DinDfaden über Die Stirn gebunden, so daß er aus Der Ferne fast wie ein Helm aus- sieht. Es ist kaum glaublich, was eine Massai- Frau alles an ihrem Hals trägt. Oft ist es ein halbes Warenhaus, Denn neben Messingspiralen, Kupferringen, Goldstücken und Lederkugeln fiir­den sich gestohlene Telegraphendrähte, Klavier­saiten, Verschlüsse von Bierflaschen oder Gummi­ringe von Marmeladenbüchsen. An der Küste, wo der europäische Einfluß stärker ist, bemalen sich die Rikscha-Leute die Füße mit weißer Farbe... um Strümpfe vorzutäuschen.