Nr. 299 Zweites Matt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberheffen)
Montag, 22. Dezember (930
Der entscheidende Schritt zur Finanzsanierung! Son Dr. ftarl 6 emer, M. b. X
Die ReichZregierung hat sich bei ihrem Reichs- unb UMrl chaftsprogramm bekanntlich damit ab- gefunden, baß das laufende Finanzjahr 1930 mit einem Defizit abschließt, def'en Abdeckung man aufdemWegebesKrebits bewerkstelligen will. Die Schwierigkeiten des laufenden Jahres hofft sie durch das Vertrauen zu besiegen, das aus der Tatsache erwächst, daß vom 1. April 1930 ab nach so manchen vergeblichen Anläufen wirklich das innere Gleichgewicht der deutschen Finanzen aus der ganzen Linie wiederhergestellt ist. Deshalb ist der öffentliche Haushalt für 19 3 1 der Prüfstein und Eckstein für daS ganze Gebäude der Sanierung. Das gilt nicht nur rein finanzpolitisch, sondern ebensosehr wirtschaftspolitisch und vom Stand- punkt der allgemeinen Politik aus. Das gilt vor allen Dingen aber aus dem Gesichtspunkt der deutschen Austenpolitik, die von der großen Mehrheit des deutschen Volkes erstrebt wird und deren wichtigste Voraussetzung die Wiederherstellung des Vertrauens zu Deut chlands Fähigkeit ist, die notwendige Ordnung im 3nnern aus eigener Kraft wiederherzustellen und zu sichern. Damit wird es für die gegenwärtige Reichsregierung zu einer Frage von Leben und Sterben, ob sich der von ihr für 1931 vorzuschlagende Haushalt gegenüber allen Entwicklungen der Wirtschasts- und Finanzlage als hieb- und stichfest erweist. 3brc Autorität müstte zum gröstten Schaden des Landes zusammenbrechen, wenn ihre Rechnung in diesem Punkte fehlschlägt. Wer aus wichtigsten Gründen des Reichsinteresses jede denkbare Sicherheit zu schaffen bemüht ist, dah der Reichsregicrung ein solcher Zusammenbruch erspart bleibt, leistet ihr wertvolle Hilfe und ist über den Verdacht erhaben, Krisen heraufbeschwören zu wollen.
Die Deutsche Volkspartei hat nach der Erledigung der grosten Rotvorordnung vom 1. Dezember 1930, welche die Voraussetzungen für die Haushaltsgestaltung geschaffen hat, durch einen besonderen Antrag von der Reichsregierung gefordert, dast durch weitere Einsparungen am Reichshaushalt in Höhe von mindestens 300 Millionen Mark di e Sicherheit für die Aufrechterhaltung des Gleichgewichts im Haushalt für das 3 ahr 19 3 1 fester verankert werde. Sie verlangt die zu diesem Zwecke erforderlichen Vorschläge alsbald, damit sie mit dem vorliegenden Haushaltsentwurf gemeinsam vor dem 1. April 1931 beschlossen und ungesäumt verwirklicht werden können.
Diese Forderung erklärt sich aus der näheren Betrachtung der dem Haushaltsplan zugrundeliegenden Einschätzung der Einnahmen, welche zwar weitgehend der bisherigen Wirtschaftsentwicklung Rechnung trägt, aber die Tatsache noch nicht in genügendem Maste berücksichtigt, dast die Senkung der Preise und Lohne, welche die Regierung zur Zeit mit Rachdruck betreibt, auch einen entsprechenden Rückgang des gröstten Teils der Steuern und Abgaben zur Folge haben must, außer- dem aber bis zu ihrer vollen Durchführung einer Belebung des Geschäfts im Wege steht. Die günstigen Auswirkungen dieser Aktion können sich erst von dem Augenblick an geltend machen, in dem sie abgeschlossen ist. Dann aber wird es von einer ganzen Reihe anderer Faktoren abhängig bleiben, in welchem Maste die angestrebte Konjunkturbelebung während des Jahres 1931 bemerkbar wird. Selbst eine stärkere Entfaltung der Wirtschaft würde für die Einnahmen des Reichs frühestens im 3ahre 1932 einen Auftrieb bewirken können, und deshalb erfordert es der gesunde Menschenverstand, sich durchaus darauf einzurichten, dast während des Jahres 1931 der fortgesetzte Rückgang der öffentlichen Einnahmen feit Mitte 1929 als ein Prozeß beurteilt wird, dessen Stillstand nicht ohne weiteres vorausgesetzt werden darf. (Auch im Rovember sind die öffentlichen Einnahmen weiter zurückgegangen.)
Frankfurter „Christkindchesmarki".
Don Karl Neurath.
Früh am Morgen kam ich nach Frankfurt. Heber 3ahr und Tag wieder einmal. Gelassen steht die alte Stadt in der veränderten Zeit. Sie weist zu leben, wie je.
Erglüht zwischen Gegenwart und Erinnerung geht man dahin: gehobenen Herzens, und kehrt nach heiterer Hmschau aus der flutenden Zeil beglückt am Hirfchgraben ein, wo Frau Ajas lebhaft bewegter Geist noch immer spürbar ist und das etwas matte Bild des jungen Wolfgang Goethe mit ihrer jugendlichen Lebendigkeit an- mutvoll überstrahlt. Man hört ihr freimütiges Lachen, das sich unbekümmert über die Enge des Daseins hinausschob und selbst den verdrossenen Herrn Rat bezwang, und steht dann einen Augenblick betroffen, vor einer fremden Welt, wenn man aus den behäbigen Stuben eines wohl gesicherten Bürgertums wieder auf die Straste tritt.
Versonnen läßt man sich treiben vom hastenden Strom, durch enge Gassen, über schmale Höfe, an vergessenen Winkeln vorbei, und steht plötzlich auf dem Römerberg und am hellen Mittag in einem Märchen.
Jahrhunderte find mit eins versunken, als wären sie nie gewesen.
Unbekümmert und verwegen nebeneinander geschachtelt, scharen sich die hoch aufgeschohten Häuser bunt und wirr um den Gerechtigkeitsbrunnen, innig gefeilt dem ansehnlichen Römer (wo die deutschen Kaiser ihr Krönungsmahl hielten), alte Häuser, angetan mit leuchtenden Farben, blau und rot und gelb und grün, satt in das dunkele Fach- werk hineingeseht, in windschiefen, wunderlichen Lagerungen ein Stock über den anderen gefragt von Zinnen und Gauben und Giebeln abenteuerlich wehrhaft überfchmückt, vorn Hauch ritterlicher Geschichte bedeutungsvoll umflossen.
Der Römerberg zu 3ung°Goethes Zeit. Ein Stuck Deutschland aus vergangenen Sagen, mitten in der tosenden Großstadt.
And just hat auch der Weihnachtsmarkt begonnen. Buden und Zelte sind in fröhlichen Reihen über den weiten Platz gestreut, es duftet nach Backwerk und Leckereien, es schimmert von Sil- I verglanz und Flittergold, und der Wald, der mit . tausend Bäumen in die Stadt gekommen ist, er- j
Landwirtschaft und Preisabbau.
Aus Landwirtschastskreisen werden wir um Ausnahme folgender Zeilen gebeten:
-Der Preisabbau ist heute das Tagesgespräch. Wenn von Preisabbau die Rede ist. denkt der Verbraucher aber immer zuerst an die Lebensmittel, wie Milch. Fleisch. Brot usw. Dast hier jedoch ein Preisabbau auf Kosten der Landwirtschaft nicht erfolgen kann, sollte flat auf der Hand liegen. Die deutsche Landwirtschaft verkauft für ungefähr 9 Milliarden Mark Produkte, wofür der letzte Verbraucher ungefähr 18 Milliarden Mark bezahlen muh. Aus diesem Mißverhältnis allein ergibt sich, dast der notwendige Preisabbau bei den Lebensmitteln bei der Handelsspanne einsehen must. In landwirtschastlichea Kreisen ist befürchtet worden, dast die Bemühungen um Senkung der Handelsspanne auf Kosten der Landwirtschaft ausgetragen würden. Hiergegen verwahrt sich die Landwirtschaft. Preisabbaumaßnahmen finden die produzierende Landwirtschaft in energischer Kampfstellung. Die Handelsspannen bei Frischmilch, Fleisch, Gemüse. Obst und anderen Lebensmitteln sind so hoch, dah man sie wohl herabsehen kann.
Aber auch auf anderen Gebieten, denen der Bedarfsgegenstände des Landwirts, must es heißen: Preisabbau. In erster Linie bei Kunstdün- gcr (Kali. Stickstoff, Kalk), ferner bei 3 ndu - strieerzeugnisfen, w i e Landmaschine n usw., die in ihren Preisen weit über den Vorkriegspreisen liegen. Auch die Elektrizität und die eleftiifcbcn Maschinen sind viel zu teuer. Allgemein ist festzustellen, daß Industrie und Handel für die Rotlage der Bauern wenig Verständnis zeigen unö von den Preisen dieser landwirtschaftlichen Bedarfsgegenstände nichts ab»
lassen. Dabei steht fest, daß im Handel bei vielen Produkten Preisaufschläge von 30 bis 40 Proz. auf die Großhandelspreise üblich find. Hier hätte schon durch die landwirtschaftlichen Organisationen, ehe die Preisabbaufrage von der Regierung aufgerollt wurde, eine Preissenkungsaktion eingeleitet werden müssen, insbesondere gegen die Tüngemittclsyndikate. und sei es mit dem Machtmittel eines Käuferstreiks, ter ja jetzt durch das Richtkaufen und auch durch das Richtkaufenkönnen von Düngemitteln praktisch sowieso in Erscheinung tritt und in einem Rückgang bis zu 40 Prozent der Düngemittelherstellung zum Ausdruck kommt.
Auch noch auf einem anderen Gebiete, dem des ländlichen Handwerks, muß ein Preisabbau ein- gelcitet werden. Es soll nicht verkannt werden, daß Steuern und Löhne für das Handwerk sehr gestiegen sind. Immerhin ist es aber nicht gerechtfertigt. wenn heute z. B. ein Husbeschlag für ein Arbeitspferd 100 bis 120 Prozent mehr kostet als 1913. Aehnliche Verhältnisse liegen bei den anderen ländlichen Handwerken vor. Die Preise für landwirtschaftliche Produkte dagegen liegen bei dem Getreide 14 Prozent und bei den Kartoffeln um 54 Prozent unter den Dorkriegspreifen.
Man sollte sich doch vor Augen halten, dah das ländliche Handwerk, die Landmaschinenindustrie und der Handel zusammen mit dem Bauer eine Schicksalsgemeinschaft bilden. Geht es noch einige Zeit so weiter, dann wird der Bauer überhaupt nichts mehr kaufen können. And die Leidtragenden werden dann auch jene sein, die heute noch vom Dauern verdienen, die Lage der Zeit aber nicht erkennen und darum sich selber den größten Schaden zufügen."
Run sind aber für einen solchen Fall im Reichshaushalt 1931 feine r le i Reserven enthalten; er enthält vielmehr eine ganze Reihe von schwachen Momenten, die schon jetzt in seinem Ausbau erkennbar sind und von der Regierung selbst zugestanden werden. Da letzten Endes die Leistungsfähigkeit eines Volkes den allein zulässigen Maßstab für die Bemessung seiner öffentlichen Ausgaben abgibt und in Deutschland bis über die Grenze des Möglichen hinaus bereits jetzt in Anspruch genommen ist, kann die unentbehrliche Reserve nicht anders als durch eine weitere Senkung der Ausgaben gewonnen werden. Eine solche ist schon 1931 mindestens noch in der Höhe weiterer 303 Millionen möglich, auch bann, wenn man auf manchen Gebieten die von der Regierung bereits vorgesehenen Ausgabenfenkungen als das Höchstmaß des Durchführbaren ansieht. Ra- turgemäß liegen diese Senkungsmoglichle'ten nicht ausschließlich im Reichshaushalt selbst, bei dem insbesondere das Gebiet der Sachausgaben und der Fonds in Frage kommt, sondern sie liegen noch weit mehr in den vielen Einrichtungen, die abseits des Reichsetats auf Rechnung ber Allgemeinheit geführt werden. Sie liegen auf dem Gebiet der beschleunigt durchzuführendeir V e r w a 11 u n g s ve re i n f ach u n g. S e sind auch in ebenso großem Umfang bei den Ländern und Gemeinden gegeben. Hier die endgültigen Dorschläge zu finden, zu formulieren und gesetzgeberisch zu unterbauen, ist die Aufgabe der verantwortlichen Deichsregierung und der Bürokratie, und daher schiebt der Antrag der Deutschen Dolkspartei die Initiative mit Recht ber Reichsregierung zu, bie mit ihren Hilfsmitteln ebensowohl in ber Lage ist, bas Erforderliche zur Sicherstellung des Ctars vorzubereiten, wie sie in ber Lage wär, innerhalb einer Zeit von 6 Wochen bas umfangreiche Werk ber Rotver- orbnung vom 1. Dezember 1930 zu schaffen.
3m übrigen besteht Anlaß zu ber Annahme, daß der Antrag ber Deutschen Dolkspartei sich nicht nur mit ähnlichen Auffassungen in anbeten Parteien begegnet, fonbern auch im Schoße ber Regierung selbst auf gleichgerichtete Erwägungen füllt bie prickelnde Winterluft mit herbem Tannengeruch. Kinder gehen um bie bescheibenen Herrlichkeiten, bie verlockend ausgebreitet sink), mit großen Augen herum, verweilen vor ben steifen Puppen, ben eckigen Holzpferbchen unb lächeln beglückt in ben Tag. Vielleicht spüren sie ben Herzschlag, ber diesen Dingen bas bißchen Dasein gegeben hat... vielleicht spüren sie etwas von bem großen Geheimnis bes Lebens überhaupt...
Nuch bie Erwachsenen, bie vorübereilen, blei» ben zögernb stehen, werfen einen raschen Blick in ihrer Iugenb, ehe sie weitereilen.
Hnb selbst ber Herrgott hat seine Freude an dem Treiben. Er greift in eine Wolke hinein und wirft eine Handvoll Schnee über bie Dächer und den Markt und den Dom. Weih riefelt cs hernieder.
Unö da ist plötzlich eine liefe Besinnlichkeit in den Menschen unb eine ergriffene Scheu... Sie gehen dahin, als mühten sie ganz heimlich tun, der Lärm verstummt, die Hast verebbt... Es ist fast feierlich...
Das Weihnachtswunder hat fein Auge auf- geschlagen ...
Polizeioffiziere
verkaufen die Weihnachtszeitung.
3n Detroit jährt es sich in der Weihnachts- Woche dieses Jahres zum zwanzigsten Male, bah einige Oentlemcn ben Good-Fellow-Klub ber ehemaligen Zeitungsverkäufer ins Leben gerufen haben. Sämtliche Mitglieder verkauften anno dazumal auf der Straße die neuesten Morgen- unb Abendblätter, unb sämtliche haben es zu etwas gebracht. Der eine ist ein Bankbirektor geworben, ber anbere avancierte zum Zeitungsverleger. ber britte zum Polizeioffizier; jedenfalls sind alle ehemaligen Zeitungsjungen bessere Herren geworben. Sie benfen aber (im Gegensatz zu so manchem Europäer!) nicht daran, ihre „Vergangenheit" zu begraben. Im Gegenteil! Die „Ehemaligen" halten wie Pech unb Ähwesel zusammen unb sorgen geradezu vorbildlich für die tatkräftige Unterstützung des Rachwuchses. worunter die heutigen „Kollegen" zu verstehen srnb. Wirklich begcwte und geschäftstüchtige Zeitungsverkäufer Haden — zumindest in Detroit — die Sicherheit, von ihren „alten Herren" mit 2kat und Tat versehen zu werden wenn sie vorwärts kommen wollen. Unb jährlich einmal, gerade in ber Weihnachtswoche, stellen sich bie
stößt. Wer solche Erwägungen vernachlässigt und mit dem Gedanken spielt, eine hervor tretende Schwäche des neuen Haushalts etwa durch neue steuerliche Maßnahmen auszugleichen, wird sich darüber klar sein müssen, bah, von ber Opposition ganz zu schweigen, keine ber Parteien, welche ber Regierung auf dem Wege ihrer bisherigen Rotverorbnungen gefolgt ist, die Verantwortung dafür übernehmen kann, im Jahre 1931 durch die Bewilligung^ irgendeiner neuen Steuer die Unzulänglichkeit des Finanz- unb Wirtschafts- Programms der Regierung zuzugestehen und damit die außerordentlichen Opfer als umsonst gebracht anzuerkennen, die alle diese politischen Gruppen unter Zurückstellung so vieler sachlicher und politischer Bedenken und unter bewußter Aufopferung eines großen Teils ihrer Popularität im Interesse des Reichs bisher gebracht haben. Daher müßte bereits das Auftauchen neuer Unzulänglichkeit ber Reichsfinan- Aen ben Zusammenbruch ber politischen Basis ber Regierung Brüning bebeuten. Auch eine neue Notverordnung würbe sie in einer solchen Lage nicht retten können, denn es würde ihr bie Autorität fehlen, sie mit ober ohne Parlament unb gegen bie öffentliche Meinung aufrechtzuerhalten unb burchzuführen. So ist biefer Antrag in ber Tat der erhobene Finger des deutschen Schicksals.
Zwangsetatisierung für Dillenburg?
Dillenburg, 21. Dez. (WSN.) In einer dringlichen Sitzung lehnten bie Stadtverordneten eine Magistratsvorlage ab, wonach bie Deckung bes voraussichtlichen Fehlbetrags durch Erhöhung ber Real steuern herbei- geführt werben sollte. Auch bie fBier ft euer würbe bereits zum brittenmal abgelehnt, lieber- raschenberweise würbe jeboch bie Sürgerfteuer, die ebenfalls wiederholt abgelehnt worden war, angenommen. Da der Fehlbetrag sich mit den bewilligten Mitteln noch nicht decken läßt, will die Verwaltung die Entscheidung der Regierung anrufen, so daß es nicht ausgeschlossen ist/ daß für Dillenburg ein Staatskommissar bestellt wird.
Klubmitglieder sogar persönlich in den Wohlfahrtsdienst, indem sie, für einen Tag ihrem neuen Beruf untreu werdend, wieder Zeitungen verkaufen' die Weihnachts-Sondernummer ihres Vereinsblattes, der „Good-Fellow-Zeitung". Auf der Woobwarb-Avenue, der großen Hauptstraße von Detroit, nehmen bie ..Ehemaligen" Aufstellung. Der Herr Bankbirektor stellt sich neben feinen Sechssitzer, ber Verleger postiert sich vor seinem eigenen Zeitungspalast, ber Polizeioffizier steht in schmucker Galauniform an der Ecke unb alle schreien sie aus Leibeskräften wie einst im Palast: „Extrablatt! Die feine Sondernummer für groß unb klein! Kaufen Sie, solange ber Vorrat reicht! Einmalige Gelegenheit! Preis freibleibend wir nehmen auch ben kleinsten Betrag!" — 3m Vorjahre verkauften bie ©entfernen für 51 000 Dollar ihr Extrablatt im Dienste ber Wohltätigkeit. Dann haben sie eine „Kleinigkeit" beigesteuert unb führten runde 100 003 Dollar an bie notleibenben Familien ihrer „Be- rufsgenofsen" ab...
Die Dattel und der Weihnachtsbaum.
Auf bem Weihnachtsteller finden sich neben ben altgewohnten Aepfeln unb Rüssen, neben Pfefferkuchen unb Marzipan auch vielfach Satteln; dies geht auf einen uralten Brauch zurück. Zu keiner 3ahreszeit werben soviel Sat.eln gekauft wie zu Weihnachten, unb fast zwei Drittel der jährlichen Datteleinsuhr kommen unter den Christbaum. Warum dies geschieht, davon erzählt Walter Roldner in Reclams Universum. Auf einem der schönsten Werke Martin Schongauers bem Kupferstich ber »Ruhe auf ber Flucht ', finbet sich die Darstellung einer Dattelpalme, mit ber sich Botaniker unb Volkskundler viel beschäftigt haben. Wie kam ber altdeutsche Meister zu ber Wie- bergabe dieses exotischen Baumes, den er nie gesehen. und warum durfte bie Dattelpalme auf diesem sonst so deutschen Bilde nicht fehlen ? Der Baum ist feit jeher ein S i n n b i l b d e s M o r- genlandes und eng mit den Vorstellungen vom Paradies verknüpft. Auf einem alkrömischen Kaisersarkophag aus der Zeit um 450 n. Chr. in der Grabkapelle der Galla Placidia in Ravenna sehen wir neben dem Lamm, das Christus bedeutet. zwei Dattelpalmen mit zwölf Früchten, zu deren Füßen bas Walser bes Lebens in vier Quellen entspringt. Das ist bie Darstellung bes Garten Eben, in dessen Mitte nach der Erzählung des
Zum 400 Todestag des Humanisten pirkheimer.
Willibald Pirkheimer nach dem Dürerschen Holzschnitt. — Dor 400 Jahren, am 22. Dezember 1530, starb zu Nürnberg Willibald Pirkheimer. der große Humanist. Anfänglich sympathisierte Pirkheimer mit Luther, entfremdete sich aber allmählich der Reformation. Neben seinen Ucbersetzungcn aus dem Griechischen schrieb Pirkheimer die Geschickte des Schweizerkriegcs von 1499 „Bellum Helveticum“.
Um das pädagogische Institut zu Darmstadt.
Cine Erklärung her evangelischen Kirchenregierung.
Die Kirchenregierung der Evangeli. s ch e n Landeskirche in Hessen hat sich in ihrer Sitzung vom 18. d. M. eingehend mit der präge der Erhaltung des Pädagogischen I n - stitutes bei der Technischen Hochschule zu Darmstadt befaßt, da der Plan einer Aufhebung des Darmstädter Pädagogischen Instituts nicht nur in der hessischen Lehrerschaft, sondern auch in der evangelischen Bevölkerung stärkste Beunruhigung hervorgerufen hat. Die Kirchenregie- rung teilt die schweren sachlichen Bedenken, die dem hessischen Staatspräsidenten bereits mündlich zur Kenntnis gebracht worden sind. Sie betont dazu vor ber Oeffentlichkeit noch besonders folgendes:
1. Eingedenk der Tatsache, daß wir in früheren Jahrhunderten in Hessen schon vielfach akademisch oorgebildete Dolksschullehrer hatten und daß eine allgemein akademische Vorbildung der Lehrerschaft durch die neuste Entwicklung wieder angebahnt wurde, befürchtet die Kirchenregierung, daß mit der Entfernung des Pädagogischen Instituts von der Technischen Hochschule wieder eine rückläufige Entwicklung einsetzt.
2. Nachweislich stammen mehr als die Hälfte der hiesigen Studenten des Pädagogischen Instituts aus den, weit überwiegend evangelischen Darmstadt und aus seiner fast rein evangelischen Umgebung. Eine Verlegung nach dem überwiegend kathoiischen Mainz mit seinem fast rein katholischen Hinterland muß zur Folge haben, daß es vielen Evangelischen, insbesondere aus der Arbeiter- und Bauernbevölkerung, außerordentlich erschwert wirb, sich bem Lehrer- beruf zu widmen. Die evangelische Kirche aber muß besonderen Wert darauf legen, daß der Nachwuchs der evangelischen Lehrerschaft gerade auch aus diesen wertvollen Kreisen ihr gesichert bleibt. Dies um so mehr, als cs nach Aufhebung des Friedberger Lehrerseminars denselben Kreisen der fast rein evangelischen Provinz O b e r h e s s e n fast unmöglich gemacht ist, ihre Söhne unb Töchter bem Lehrerberuf zuzuführen.
3. Die Parität, deren Wahrung für ben Staat eine selbstverständliche Pflicht ist, verlangt, baß bas Institut in Darmstadt bleibt. Es wäre eine Verletzung ber Parität, wollte man bie feiner-
2Ilten Testamentes ber Baum des Lebens wuchs. <)er, für jeden Monat bes Jahres eines, im ganzen -Wolf Früchte trägt. Diese Verbinbung ber Para- biesvorstellung mit der Dattelpalme geht in bie öftesten Zeiten ber Kultur zurück, denn die Heimat dieses Baumes ist ja wohl in Mesopotamien zu suchen, das auch die Stätte des Paradieses ist. Die Dattelpalme, eine ber ältesten Rut-p lanzen, ist bereits in altsumerischer Zeit im Zweistromlanb in Kultur genommen worden und wurde von den Sumerern aus Vorderindien itiitgcbradjt, die bie in Inbien heimische Walbpalme Derebelten. Die Entwicklung ber Riesenstäbte bes Altertums Babylon unb Riniveh beruht auf ber Dattelkultur, bie in ben Oasen bie besten Lebensbedingungen fanb unb als heiliger Daum verehrt wurde. Die ^nstliche Befruchtung unb Vermehrung der Baume erfolgte bei Festen, bei denen Priester chese heilige Handlung vornahmen. Erst verhältnismäßig spät, ums Jahrtausend v. Ehr., kam die Dattel nach Aegypten, und sie ist noch heute m ganz Rordafrika und Arabien, ebenso wie in Palästina die wichtigste Ruhpflanze, die dem Araber die wesentlichen Tinge für fein Dasein lie- suchte sind fein Hauptnahrungsmittel, die Dattelkerne dienen als Schmiebekohlen, ber Stamm liefert Ruyholz, aus ben Blattfasern werden Matten geflochten, bie jungen Blätter geben ein wohlschmeckendes Gemüse, ber Saft bes Stammes wirb zu Palmzucker und Palmwein verarbeitet, und aus ben minderwertigen Früchten werden Dattelfirup, Dattelschnaps und Dattelkaffee gewonnen. So wurde also dem christlichen Mittelalter die Dattelpalme als das bezeichnendste Symbol des Orients erscheinen, und die Darstellung der Geburt Christi erhielt eine besondere Romantik durch die Anbringung dieses exotischen Baums der sich auf allen größeren Krippendarstellungen fmbet. Tie christliche Mystik sah in ihm den Baum des Lebeirs, ein Sinnbild der göttlichen Vorsehung, und der Volksbrauch schrieb der Dattel wundersame Heilwirkungen zu. Als solch ein Zeichen geheimnisvoller Märchenfeme ist sie auch unter unseren deutschen Weihnachtsbaum ge- kommen.
Hochschulnachrichten.
Professor Dr. Gerhard L a s s a r in Hamburg bat ben an ihn ergangenen Ruf auf ben Lehrstuhl für öffentliches Recht an berilniberfität Greifs- w a l b als Nachfolger von Pros. Reuwiem abaw lehnt.


