nr. 274 Drittes Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Vberhesfen)
Samstag, 22. November 1950
Gegen das Faufirechi!
In den letzten Monaten hat sich, wie allenthalben. auch in Gießen eine politische Hochspannung eingestellt, die bei vielen zu einer bedauerlichen Vertiefung derGegensähe im Kampfe de r Meinungen geführt hat. Leider ist dabei die Iugend, die mit dem Ungestüm ihrer Iah re und ihrer Degeisterungs- fähigkeit nur allzu schnell vor diesen oder jenen Parteikarren zu spannen ist, immer schärfer in die vorderste Linie des Ringens geschoben worden. Daraus haben sich Verhältnisse entwickelt, die wiederholt und in steigendem Maß« zu nächtlichen Schlägereien zwischen jungen Leuten geführt haben. Die Häufung solcher Vorkommnisse hat, wie wir am Montag berichteten, zu einem scharfen öffentlichen Protest der Studentenschaft an die Polizei ge- führt, in dem die Studierenden dringend um Abstellung des Mißstandes ersuchen. Es ist in hohem Maße bedauerlich, daß diesem Protest die Berechtigung nicht abgesprochen werden kann. Die Verwaltung der Polizei, wie auch die Exekuttv- bcarnteh haben immer mit kraftvoller Entschiedenheit und mit voller Hingabe bei vorbehaltloser Einsetzung ihrer Person alles getan, um die vielfach politisch fanatisierte und dadurch leicht zu Handgreiflichkeiten geneigte Iugend im Zaume zu halten. Wenn dieses anerkennenswerte Bestreben nicht in allen Fällen und bei jeder einzelnen Rempelei in den ersten Minuten schon zu d e m Erfolg geführt hat, den die Bürgerschaft sofort zu sehen wünscht, so liegt das einmal daran, daß vielen jungen Leuten in unverantwortlicher Weise die Köpfe heiß und die Gedanken rebellisch gemacht werden, zum andern liegt das aber auch darin begründet, daß offensichtlich von der obersten Stelle des Staates her nicht das Ausmaß an Machtmitteln verfügbar gemacht wird, auf das der ruhige Bürger und vielfach in Anspruch genommene Steuerzahler begründetes Anrecht hat.
Es ist für unser Gemeinwesen eine unabweisbare Rotwendigkeit und eine besonders dringliche Forderung, daß von den zuständigen behördlichen Stellen und allen verantwortungsbewußten Bürgern alles getan wird, um die jetzigen bedauerlichen Auswüchse des politischen Kampfes unserer Iugend mit Rachdruck zu beseitigen. Dazu gehört vor allem die Einwirkung der ruhig und abgeklärt denkenden Bürger in mäßigendem Sinne auf die Iugend, die von den leitenden und verantwortlichen Männern aller Körperschaften und Organisationen stärker als bisher darauf hingewiesen werden muß, dah der politische Meinungskampf nicht mit den Mitteln der körperlichen Gewalt, sondern nur mit den Waffen des Geistes ousgefochten werden darf. Dieses unbedingte Erfordernis sollte sich auch der hessische Minister des 3nrtcm allezeit eindringlich vor Augen halten. Gerade der Polizeimini- st e r als oberster Chef der polizeilichen Machtmittel des Staates muß sich in einer so erregten und unheilschweren Zeit wie der gegenwärtigen peinlich st vor Entgleisungen hüten, wie man sie dem Minister Lcuschner wegen seiner Worte bei der sozialdemokratischen Demonstration am vorigen Sonntag auf dem Paradeplatz in Darmstadt zum Vorwurf machen muß. Minister Lcuschner hat mit seiner außerordentlich bedenklichen Redewendung, daß „die Arbeiterschaft entschlossen sei, allen jenen Phrasendreschern und nationalistischen Hasardeuren den Daumen an die Gurgel zu drücken, wenn das notwendig sein würde", und mit seiner nicht minder anfechtbaren Aufforderung, „man sollte sich die kleinmütigen Geschäftsleute und Handwerker merken, die die
Der Dreizehnte.
Vornan von Anny von panhuys.
Copyright 1929 by Verlag Vechthold Braunschweig
9 Fortsetzung. Nachdruck verboten
Primo Duero dachte jetzt nicht mehr an Montserrat, er machte sich überhastig fertig.
Eine Spur von dem geheimnisvollen dreizehnten Clown, von ihm, der seinen Vater ermordet, zeigte sich, demgegenüber ward alles unwichtig.
Der Cncantes, durch eine gründliche baupolizeiliche Säuberung aus seinem alten Heim inmitten von Barocken und Elendshäusern aufgescheucht, wie Angeziefer von ein paar kräftigen Spritzen Desinfektion, zog sich provisorisch, bis ein neues Heim gefunden, durch verschiedene Straßen hin, nahe dem ehemaligen Stammplatz. Viele Duden sah man, aber der meiste Krimskrams lag auf dec Erde, Säcke 'ober Packpapier ersetzten den Derkaufstisch.
Aorba führte Primo Duero durch das Gewirr und machte vor einer Art von kleinem Zelt halt.
Eine alte Frau mit sehr verschmitztem Gesichtsausdruck zwinkerte Aorba vergnügt entgegen.
„Das ist wohl der Sennor, der sich den Anzug ansehen soll." Sie zeigte nach hinten. „Kommen Sic rein. Ich habe ihn da hingehängt, damit ihn keiner wegkäuft. Cs gibt immer noch viele Maskenfeste und Käufer für so was Gutes."
Die beiden traten ein. und auf den ersten Blick erkannte Primo. der rote Clownanzug hätte ganz gut sein eigener sein tonnen, so genau ähnelte et ihm.
Aorba beobachtete mit scharfem Auge die Erschütterung seines Begleiters und wußte, woran er war.
Er wandte sich an die Frau und zeigte ihr blitzgeschwind seine Marke.
„Kriminal?" murmelte sie und meinte dann in sehr vorwurfsvollem Ton: „Sie sehen so grundanständig und solide aus, so was hätte ich Ihnen nicht zugetraut!"
Aorba wehrte sich gegen ein Lächeln und sagte leise und eindringlich, während es für Vorübergehende den Anschein hatte, er handle um ein Kleidungsstück mit der Frau: „Run erklären Sie mir bitte, woher Sie den Anzug haben?"
Sie fuhr mit den ausgespreizten Fingern ihrer Rechten durch den grausträhnigen Bubikopf, der aber auf den Schmuck einer unverschämt falsch blitzenden Similispange nicht verzichten mochte.
„Wo ich das rote Zeug her habe, das ist sebr einfach zu erzählen, aber ob Sie mir's glauben, ist eine andere Sache. Einfache Wahrheiten glauben einem die Herren von der Polizei nie, und unsereiner lügt nicht gerne."
Rationalfaschisten unterstützten", in erstaunlicher Weise die Vorsicht, Unparteilichkeit und Ruhe vermissen lassen, die jeder Staatsbürger von dem Polizeimini st er unbedingt fordern muß. Selbst wenn er — was wir zu seinen Gunsten annehmen wollen — seine Worte unter dem Eindruck einer Demonstration in die Reihen seiner Parteifreunde hineingeworfen hat, ohne sich im Augenblick der weitreichenden Wirkung richtig bewußt zu werden, verdienen diese einseittg parteipolitischen Mi- nistcväußerungen entschiedene Zurückweisung, da sie in der Wirkung auf jugendliche Menschen, die sich ohnehin in einem bedenklichen Gärungsprozeß befinden, nur allzu sehr geeignet sind, gerade die bedauerlichen Erscheinungen zu begünstigen, an deren Beseitigung allen auf das Gemeinwohl bedachten Staatsbürgern und nattirlich dem Polizeimi - nist er in erster Linie sehr viel gelegen sein muß. Wenn erregte junge Leute zur Ruheund Mäßigung angehalten werden sollen, ist eine vorsichtige streng unparteiische und sorgsam abwägende Stellungnahme des Polizeiministers das erste Erfordernis, da sie beispielgebend für die ihm unter st eilten Behörden und darüber hinaus auch für weite st eDevölkerungskr eise sein muß.
Reben der Abrüstung der Geister ist für unsere Stadt eine Aufrüstung der polizeilichen Machtmittel als vorbeugende Maßnahme Unbedingt erforderlich, wenn für die Folgezeit die denkbar weitgehendste Gewähr für die Verhinderung von weiteren Zusammenstößen gegeben fein soll. Wer die Entfaltung des polizeilichen Außendienstes seit längerer Zeit beobachtet hat, wird mit uns zu der Ueberzeugung gekommen fein, daß die Polizeikräfte in unserer Stadt seit Anfang dieses Iahres eine zahlenmäßige Schwächung erfahren haben. Allein schon der Posten- und Kontrolldienst der Exekuttv- polizei gibt dafür den sichersten Anhaltspunkt. Wenn man sich dieser zahlenmäßigen Schwächung unserer Polizeikräfte bewußt ist. verdienen die bisherigcn hervorragenden Leistungen der Polizeibeamtenschaft und ihrer Führung gegenüber den mancherlei exklusiven Leidenschaftsäußerungen junger Menschei, besondere Anerkennung. Man kann und darf aber nicht verlangen, daß die Polizeibeamtcn auf die Dauer zahlenmäßig geschwächt einem steigenden und immer aktiver in Erscheinung tretenden Radikalismus gegenübertreten sollen, weil dann die Gefahr besteht, daß eines Tages die physische Kraft der Polizeibeamten und die Leistungsfähigkeit ihrer Rerven versagen werden, zum Schaden der ruhigen Bürgerschaft und auch zum Rachteil der Autorität der Staatsmacht. Um dieser Gefahr vorzubeugen, halten wir es für notwendig, unsere Polizei durch Heber- weisung weiterer Exekutivbeamten in ausreichendem Maße zu verstärken, damit zu jeder Zeit, insbesondere aber nachts der Sicherheitsdienst durch Posten und Patrouillen umfassender als bisher wahrgenommen werden kann. Die Stadtverwaltung und das Polizeiamt sollten dahinzielende Schritte alsbald bei dem Ministerium des Innern unternehmen. Dabei darf für die Stadtverwaltung ein gewisses Anwachsen des Polizeikostenzuschusses nicht hinderlich sein, als wichtiger und vor allem entscheidend muß sie ihre Mithilfe bei weitreichender Schaffung eines in jedem Falle unbedingt wirksamen Schuhes der öffentlichen Ordnung ansehen. Die maßgebenden Stellen der Stadt müssen sich bei ihrer Entscheidung vor Augen halten, daß es sich in dieser Angelegenheit auch um die Geltung unseres Gemeinwesens nach außen hin handelt, und von diesem Ge-
Aorba drängte: „Wir haben nicht viel Zeit, und wenn Sie uns Hinhalten wollen, fallen Sie rein. Ich nehme Sie dann gleich mitsamt dem Anzug mit."
Die Alte zwinkerte wieder.
„So schlimm wird's wohl nicht gleich kommen. Ich werde Ihnen die Wahrheit erzählen, die ich beschwören kann."
„Los, los", drängte der Beamte und Primo Duero wartete in mühsam niedergekämpfter Erregung, was er hören würde.
Die Alte zuckte die Achseln.
„Was haben Sie für Eile!" Sie spielte mit ihren Schürzenbändern und ihre dunklen Augen in dem berfälteten bräunlichen Gesicht sahen den vor ihr Stehenden groß und offen an.
„Am Rosenmontag", begann sie, „war En- cantestag wie jeden Montag. Mein Schwiegersohn hat einen Stand mit Eisenkram und befand sich den ganzen Tag hier, ich auch. Meine Tochter ist tot, und mein Enkel Pepe, er ist zwölf Iah re. war allein zu Hause. Wir wohnen in einer Tiendawohnung in der Calle Arco de San Ramon und der Pepe hat vor der Tür gestanden und herumgefaulenzt, was er am liebsten tut. Mit einemmal kam ein Kerl in diesem putzigen roten Anzug ganz schnell die Gasse raufgefliht, und es sah fast aus, als ob er sich verstecken wollte, hat der Pepe erzählt. Aber dann ist er mit einem Sah in unseren Tienda reingesprungen und hat mit verstellter Stimme, so wie die Masken meist reden, gesagt: Chico, wenn du mir hier einen Platz anweist, wo ich mich ungeniert umziehen kann, kriegst du einen Duro (Fünf- pesetenstück). Es handelt sich um einen Scherz mit Freundem Pepe hat das Geschäft natürlich nicht von der Hand gewiesen und den Menschen in unsere Stube eingelassen. Er hat ein Paket bei sich gehabt, darin müssen andere Kleider gewesen sein. Den Duro hat sich Pepe für alle Fälle vorher bezahlen taffen. Rach einer Weile hat der Mensch dann die Tür ein ganz klein bihchea auf gemacht und mit verstellter Stimme Chico! (Iunge) gerufen. Pepe hat der Caballero natürlich imponiert, der ihm so rasch, und ohne, daß er dafür etwas tun brauchte, einen Duro zu verdienen gegeben, und war gleich an der Tür. Sehen ließ sich der Fremde nicht. Er hatte die Tür nur um einen ganz winzigen Spalt ausgemacht und sagte, Pepe möchte ihm doch aus einer Dar etwas zu trinken und zu essen holen, er hätte rasenden Durst und Appettt auf ein paar Brötchen. Er dürfe für sich selbst auch etwas mitbringen. Er schob ihm durch den Türspalt wieder einen Duro zu. Da ist Pepe vergnügt loägerairnt, drei Häuser weiter in die Dar, und hat die Seltenheit benützt, sich selbst eine Flasche Di er und zwei belegte Brötchen » 1 kaufen. Wer als er nachher an die Tür geklopft hat, der Fremde soll aufmachen, er wäre zurück, hat er keine Ant-
sichtspunkt aus sollte auch der Vorstand des Verkehrs- und Verschönerungsvereins als Instrument der Derkehrswcrbung seine Hntcr- stühung in dieser Sache kundtun. Das Polizei- amt sollte beim Ministerium aber auch darauf hinwirken, daß feine Ausrüstung mit Fahrzeugen zur raschen Deförderung der Polizci- mannschaften vollkommener wird, als cs bisher leider der Fall war. Soweit wir bei unseren Beobachtungen feststellen konnten, steht unserer Polizei nur ein einziger Kraftwagen für vier Personen zur Verfügung, es fehlen ihr vor allem die schnellaufenden Wagen zur Beförderung größerer Kommandos. Wie wichtig der
artige Fahrzeuge sind, weih man aus den Erfahrungen in anderen Städten zur Genüge, und auch in Gießen konnte man diese Wahrneh- auch in Gießen konnte man diese Wahrnehmung schon machen, als gelegentlich die Schupo von Butzbach mit ihren Fahrzeugen hier weilte. Hoffentlich werden in dieser Angelegenheit von keiner Seile bureaukratische oder finanzielle Schwierigkeiten bereitet, damit unsere Polizei in Kürze wieder auf den zahlenmäßigen Stand gebracht wird, den sie zu Beginn dieses Iahres hatte, und hoffentlich wird sie bei dieser Gelegenheit auch gleich mit dem Befördern na S- matcrial ausgestattet. das für sie unerläßlich ist.
Der Znflationö-Chok in Rußland.
Don £)r. Paul Rohrbach.
Wieviel Leute wissen eigentlich bei uns, daß sich im Lause der letzten achtzehn Monate die Zirkulation vom Sowjetpapiergeld verdoppelt hat? Man erfährt es darum nicht so leicht, weil die russische Valuta auf dem ausländischen Geldmarkt keinen Kurs hat. Tscherwonzen auszuführen. ist streng verboten. Der Handelsverkehr zwischen Rußland und der übrigen Welt vollzieht sich in amerikanischer, englischer und deutscher Währung. Da er nur durch die Hand der Regierung geht und diese imstande ist. das Verhältnis von Ausfuhr und Einfuhr so zu regulieren, daß die Zahlungsbilanz nicht passiv wird, so braucht sie keine ausländische Devisen mit Tscherwonzen zu bezahlen.
Woran also merkt man die Inflation? Man merkt sie an der allgemeinen Panik im Pu» blikum, und man merkt sie aus Vorgängen, wie z. D. der plötzlichen scharfen Warnung des neuen Zinanzkommissars G r i n k o, es dürfe für die Durchfüyrung des Produktionsschemas, das nach dem Fünfjahrplan (jetzt heißt es offiziell Vierjahrsplan) in den Monaten Oktober bis Dezember dieses Iahres zu erfüllen ist. keine neue Papiergeldemission veranstaltet werden! Wer in diesem und jenem versteckten Winkel der vielerlei Sowjetpublikattonen Bescheid weih, und wer Gelegenheit hat, sich aus privaten Aeußerungen von Sowjetbeamten zu informieren, dem ist schon seit einiger Zeit be- kannt, daß der Fünfjahrsplan keineswegs mehr nur durch Vergrößerung der Produktionswerte aufrechterhalten wird, sondern zum großen Teil durch die Rotenpresse. Englische und amerikanische Korrespondenten sind darüber ganz gut informiert; sie nehmen nur nicht immer Veranlassung, ihre Weisheit öffentlich auszupacken.
Sehr ausfallend ist die Verschlechterung der Verhältnisse etwa seit Iahresfrist sogar auf denjenigen Gebieten, die der fremde Besucher direkt beobachten kann, z. B. in der Verpflegung auf der Eisenbahn und in den Hotels. Die Sowjetleute berufen sich darauf, daß die offiziellen Preise für Lebensrnittel und anderen Massenbedarf sich nicht erhöht hätten. R o m i n e l l ist das richtig — aber die Kehrseite ist, daß zu den offiziellen Preisen Lebensmittelmangel herrscht, daß Fleisch ein beinahe unbekannter Artikel ist, daß die zum Rormalpreis abgegebene Brotration, je nach der Kategorie der Empfänger, von 1000 Gramm täglich bis 300 Gramm abwärts beträgt, und daß sie für Zucker, Butter. Tee und dergleichen absolut ungenügend ist. Die bevorzugten Schwerarbeiter bekommen zwei Pfund Brot am Tage, aber sonst auch so gut wie nichts. Ein Bröckchen Fleisch ist die einzige Zulage in den Arbeiterspeisehäusern. Auch die Soldaten in den Kasernen bekommen sie.
wort erhalten. Immer lauter hat er geklopft, bis er schließlich merkte, die Tür war offen. Aber es war niemand mehr in der kleinen Stube, nur der rote Clownanzug hat über einem Stuhl gelegen, und die spitze Mütze. Da hat denn der Pepe gedacht, der Mensch käme wieder, bis cs ihm zu lange dauerte. Da hat er alles aufgegessen und ausgetrunken, und als er seinem Vater und mir das Erlebnis erzählte, habe ich gesagt, der Mensch wollte von dem Iungen nach dem Umziehen nicht gesehen werden, deshalb hat er ihn mit dem Auftrag weggeschickt."
Sie nickte vor sich hin.
„Run kümmert sich die Kriminalpolizei schon um den Anzug, also ist das ein ganz fauler Kunde gewesen. Ich wollte den Anzug verkaufen, weil er noch so gut erhalten, eigentlich fast neu ist. Unsereins ist arm, die Gelegenheit, Geld zu verdienen auf so einfache Weise, ist dünn gesät." Ihr listiger Blick wandelte sich in einen traurigen. „Hat man mal ein bißchen Glück, drängt sich schon das Pech nach."
Aorba fixierte die Frau scharf. „Ich glaube Ihre Angaben, sollten Sie mich aber belogen haben, wird es natürlich pbr Schade sein. Wickeln Sie mir den Anzug ein, ich nehme ihn mit.“
„Ohne ihn zu bezahlen?" jammerte die Alte. Aorba blickte sie ironisch an.
„Ich bezahle Ihnen genau so viel, wie Sie dafür bezahlt haben."
Mit dem Anzug suchten die beiden die Theater- und Maskenkostümschneiderei von Andreu auf. Der Besitzer empfing den Kriminalbeamten sehr höflich, bedauerte Primo Duero gegenüber, daß er in so schrecklichen Herdacht hätte geraten Eöimen und erklärte, nur die zwölf bestellten Anzüge gemacht zu haben.
Er sah sich den vorgelegten Anzug an.
„Man kann wohl sicher annehmen, die Person, die diesen Anzug genäht hat, richtete sich nach der Modellzeichnung, da einige Kleinigkeiten darauf hindeuten. Aber in unserem Atelier fertigen wir derartige Dilettantenarbeiten nicht an. Es fehlt vollkommen die saubere Ausarbeitung.'^
Der Enkel der Altkleiderhändlerin wurde ein paar Stunden später ausgefragt. Er erzählte genau dasselbe wie seine Großmutter, und als man ihn fragte, ob ihm an dem Fremden keine besonderen Merkmale aufgefallen, lachte erhüben- leck: „Außer dem Duro, den er mir gegeben, nichts."
Die Polizei setzte mit den schärfsten Rachforschungen nach dem Clown ein, der sich auf so einfache Art des verräterischen Gewandes enlledigt, aber es fanb sich keine Spur von ihm.
Es war, als hätte sich der Träger des leuchtenden Rarrenkleides in Luft aufgdöft
Und wenn die Rachforschungen auch noch immer gründlich fortgesetzt wurden, so trat die
Man schätzt, daß die verfügbaren Vorräte knapp zu Zweidritteln ausreichen, um die Bevölkerung zu sättigen. Das Gefühl für die Entwertung des Geldes — der „Inflations- Cho k!" — geht wie eine unwiderstehliche Panik durch Stadt und Land. Man bekommt nichts mehr fürs Geld! Außerhalb der offiziellen Ration kostet 'Butter nach deutschem Gelde zwischen 40 und 50 Mark das Pfund, Zucker 35 bis 40 Mark, ein sehr mittelmäßiger Anzug über 400 Mark, ein Paar Schuhe 200 bis 250 Mark. Ramentlich alle Lederwaren sind teuer und außerdem schlecht. In den Regierungsniederlagen sind die Preise nominell niedriger, aber die Dinge sind einfach nicht zu haben, weil das russische Rohmaterial exportiert wird, um Devisen für die Käufe im Ausland zu bekommen, und ausländisches, wie Baumwolle und Wolle für die Textilfabrikatton, so knapp wie möglich eingeführt wird. Statt dessen werden in Amerika Traktoren gekauft, um die Landwirtschaft zu motorisieren und zu kollektivieren. Die Idee dabei ist die daß die bäuerliche Kleiirwirt- schaft mit schwachen, schlechten Arbeitstieren und primitiven Pflügen aufhören soll und statt dessen große Flächen mit Traktoren „kollektiv" in rationelle Tiefkultur genommen werden sollen. Rur verstehen die Bauern mit den Maschinen nicht umzugehen und ruinieren sie in Menge. Dann bleibt der kostspielige Traktor in Wind und Wetter auf dem Felde stehen.
Ein anderes Zeichen .der Inflation ist die Silbergeldhamsterei. Der Silberwert der russischen Scheidemünzen, vom Rubel abwärts, ist gering genug, aber die Leute glauben doch, immerhin mehr daran zu haben, als an den Papier-Tscherwonzen. Die Regierung seht schwere Strafen auf Einbehalten und Verstecken der Scheidemünze, sogar Erschießungen als öffentliches Abschreckungsmittel kommen häufig vor. Zum Teil erfüllt, diese barbarische Maßnahme ihren Zweck; was sie aber nicht leisten kann, ist die Wiederherstellung des Vertrauend i n dieSowjetwährung. Jedermann hat das Gefühl: das Geld, mit dem ich mir im (mehr oder weniger geduldeten) Privathandel Rührung und Kleidung kaufen kann, wird immer wertloser und die offizielle Ratton, auf die ich Anspruch habe, wird immer kleiner und unsicherer!
Ietzt endlich ist mitgeteUt worden, daß die Getreideausfuhr nicht mehr fortgesetzt werden soll. Das ist, da Getreide und Holz die einzigen russischen Ausfuhrartikel sind, die stark zu Buche schlagen, ein deutliches Zeichen der Lage. Uebrigens macht man die Erfahrung, daß auch die neuen bäuerlichen Kollektivwirtschaften ebenso bemüht sind, ihr Getreide für ihre Mit
sensationelle Mordsache doch allmählich im Interesse des großen Publikums zurück. Das Geschäft von Iose Duero war wieder geöffnet, die Angestellten gingen unter dem jungen Chef ihren Pflichten nach wie vordem unter dem alten.
6.
Eines Tages betrat Montserrat das Bureau Primos, um Abschied von ihm zu nehmen. Sie war ihm seit der letzten Unterredung auffallend aus dem Weg gegangen und er hatte es aufgeben müssen, ihr Geld zu bieten, um ihre Zukunft etwas sorgloser zu gestalten. Heute aber wagte er es noch einmal.
Eie sagte im Tone ruhiger Entschlossenheit: „Ich will mir selbst helfen. Dein Vater erwähnt mich in seinem Testament nicht anders, wie er vielleicht einen zugelaufenen Hund erwähnen würde. Ich habe auch meinen Stolz, und Dettel- gaben nehme ich nicht an. Ich habe durch eine Stellenvermittlung einen Posten als Gesellschafterin bei. einer Dame in Valencia erhalten und reise in zwei Stunden ab.
Primo neigte den Kopf.
„Es tut mir sehr leib, Montserrat, daß alles so zwischen uns hat kommen müssen. Solltest du dich aber eines Tages eines andern besinnen ober in Rot kommen, so erinnere bich, bitte, ich bin jederzeit bereit, das nachzuholen, was mein Vater in- seinem letzten Willen unterließ."
Sie sah ihn mit seltsam fremdem Blick an.
„Ric, Primo, werbe ich dir aus solchem Grunde schreiben. Am besten ist es, du ttlgst mich aus deinem Gedächtnis."
Er wiederholte: „Schade, daß alles so zwischen uns gekommen ist."
Ihr schmales Gesicht mit den schönen Augen, dem schar)gezeichneten Munde, den er ein paarmal lo verlangend geküßt, lockte ihn noch einmal flüchtig in Versuchung. Aber schon tat sich dcr gähnende Abgrund wieder vor ihm auf, den sie zwischen ihnen beiden aufgerissen mit dem Worte „Vatermörder".
Er sagte leise und erschüttert von dem Scheiden: „So lebe denn wohl, Montserrat, ich wünsche dir Glück auf deinen Weg."
Sie reichte ihm die Hand. „Lebe wohl, Primo." Stolz und ausrecht ging sie und sah sich nicht um.
Primo nahm an seinem Schreibtisch Platz und stützte den Kopf in die Hand. Der Abschied tat ihm weh.
Vor dem Hause wartete ein Auto, und im Geschäft erzählte die lebhafte kleine Paquita Casanovas der blonden Eva Hirtberg, die schöne Montserrat reise nun wohl fort, um von Irgend« wo anders aus Primos Frau zu werdew
Man sah die- Portera und deren Sohn einen Koffer ins Auto stellen, sah Montserrat einsteigen.
(Fortsetzung folgt)


