SSS”
Vereine
len
Vocbe
Diese
wi'Ä'
itt
rt
E yQnh , fllfi likMrs-ie» r jgtytS 1«? N§AZ-" jk' M^.Alver--
iei
d'
iint-
n*e [litt Ajl)
Stadtgfi sSik -Ktz w
—-^Technung«" e"
»7
S"j-
Nr. 95 Zweites Blatt
Dienstag, 22. April 1950
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberheffen)
Das „Eiland der Arbeit.
Oie technischen Wunder der Zuidersee. - Das Leben auf „Breezand-.
Don unserem Dr. Q. 8t.-Sonderberichterstatier'.
(Dachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten!) H.
Sie werden trotz eifrigen Suchens den Namen diese- Eilandes auf keiner noch so großen Landkarte der Niederlande wiederfinden. Dennoch ist „Breezand" kein Märchen, keine Erfindung, kein Phantasiegebilde. Die Insel, 2,5 Kilometer lang. 500 Meter im Durchschnitt breit, existiert tatsächlich, und wenn sie noch nicht auf den Länd- und Seekarten verzeichnet steht, so liegt das daran, daß Breezand nicht viel älter als ein Jahr ist. Kein Erdbeben, keine Eruption, kein wie zimmer gearteter, vulkanischer Vorgang, der sonst wie von ungefähr ein Eiland plötzlich in die Welt zu setzen pflegt, hat zu der Entstehung der Insel Breezand mitten in der Zuidersee gesührk. Breezand ist das Werk von Menschenhand und Maschinen, ist eine künstlich aufgeschüttete Insel, die man planmäßig und aus Betriebsrücksichten zwischen Wieringen und der westfriesischen Küste errichtet hat. Es stehen Häuser darauf, Holzhäuser natürlich, die ein schmuckes Aussehen haben und eine lange Zeile von Westen nach Osten bilden. Da wohnen die Arbeiter und Angestellten, da sind
• Dgl. den Aufsatz .Ein Meer liegt im Sterben" in Dr. 90 des „®. 21." vom 16. April.
die Bureaus der Ingenieure untergebracht, und auch zwei Gewerbetreibende haben sich hier niedergelassen, vermutlich die ersten seßhaften Bürger der künftigen Ortschaft Breezand, ein Bäckermeister und ein Friseur, denn nach Brot und Liebe schreit nun einmal die Welt. Es braucht wohl nicht erst gesagt zu werden, dah auch Frauen hier wohnen, die Ehegesponsinnen der Dorarbeiter, die für je eine Kolonne die Hauswirtschaft führen und die Küche besorgen und eine Reihe von weiblichen Hilfskräften, die sich am Samstag gern schön machen lassen. Darum gibt es für den Friseur genügend zu tun.
Ich sitze in der Wohnküche eines Wasserbautechnikers und schreibe in Eile diese Zeilen, denn in einer Stunde soll die Fahrt weitergehen nach Kornwerderzand, wo man wie an der Ostküste Wieringcns, in Den Oeuvre, die großen Entwässerungs- und Schiffahrtsschleusen errichtet. Als ich genau von zwei Iahren hier weilte, war alles noch Flut, dort und da schwammen Baggermaschinen und riesige Förderer, die aus dem Meeresboden den für den Dau des großen Abschlußdammes so notwendigen Geschiebemergel heraufholten. Heute steht auf Breezand ein großer Wasserturm, der durch eigene, regelmäßig verkehrende Süßwassertransportschiffe nachgefüllt wird: ein Radiosender vermittelt den telephoni-
Ein Weltmuseum der Buchdruckerkunst.
Das Haus „Zum Römischen Kaiser" in Mainz, das künftige Heim des Weltmuseums der Buchdruckerkunst.
Bis zu der 500-Jahrfeier der Buchdruckerkunst im Jahre 1940 soll das Mainzer Gutenberg-Museum zu einem Weltmuseum der Buchdruckerkunst ausgebaut werden. Die Mainzer Stadtverwaltung hat sich für das Museum das alte Patrizierhaus „Zum Römischen Kaiser" gesichert, außerdem wird das Haus „Zum König von England" hinzugenommen. Eine Druckerwerkstatt aus der Zeit Gutenbergs sowie betriebsfähige Druckereien aus dem 18., 19. und 20. Jahrhundert sollen u. a. aufgestellt werden.
schon Dachrichtendienst zwischen Breezand und den übrigen Betriebsstationen der Zuiderwerke in Friesland, Wieringen und Medemblik, und in den zwei vorbildlich angelegten Werkhäsen im Norden und Süden der künstlichen Insel herrscht ein reges Leben, zahllose Schlepper winden sich durch ein Heer von Lastkähnen, Sandsauger-, Förder- und andere Maschinell, Leichter mit Ladungen von Eenksteinen, die das Qkrlenten der großen Faschinenstücke bewerkstelligen, und hoch mit Geschiebernergel angefüllte Prahme werden dauernd hin- und herbewegt, drüben am Westrand der Insel werfen Arbeiter nach dem Kommando des Kolonnenführers Senksteine ins Wasser, während auf der anderen Seite ein paar Arbeiterfrauen die frischgewafchene Wäsche in den Wind hängen, der hier eine mächtige Stärke hat. Darum errichtete man mit Reisigbündeln vor den Häuserwänden eine Art Schutzzaun, da immerhin die Gefahr besteht, daß bei heftigem Sturm das eine oder andere Gebäude fortgeblasen wird.
Gern möchte ich auf Breezand übernachten, um am nächsten Morgen noch ein paar Meter Film zu drehen, aber das ist unmöglich. Iedes Plätzchen ist besetzt. Man hat gerade den Schlaf- raum für die hier Beschädigten. Fremde können nicht unterkommen, und um ein Hotel für die vielen Dcrgnügungsreisenden zu bauen, die im kommenden Sommer aus Deugier und fachlichem Interesse an die Zuidersee kommen werden, hat man noch keine Zeit gehabt. Man wird sich auch keine nehmen. Denn ab Mai verkehren von Amsterdam und Medemblik aus besondere Dampfer, die in einem einzigen Tage alle sehens- werten Betriebsstätten .absolvieren", älnd im übrigen haben es die Holländer noch nicht heraus, aus der immerhin gigantischen Angelegenheit der Trockenlegung Kapital für den Fremdenverkehr zu schlagen....
Gestern stand ich noch vor den Betonkolossen der im Dau befindlichen Entwässerungsschleusen von Den Oeuvre auf Wieringen und war von der architektonischen Schönheit dieser Bauten hingerissen. Einen Augenblick lang fühlte ich mich in das graue Altertum zurückversetzt, denn die mächtigen Schleusen türme erinnern an die imposanten Bauwerke der Aegypter, die heute teilweise unter Sand verschüttet liegen. Auch hier watet man in Sand, und die hoch zum Himmel ragenden Betonblöcke haben eine frappante Ähnlichkeit mit den Ruinen eines antiken Tempels, um dessen Ausgrabung man sich bemüht. Man erkennt sofort, dah hier nicht nur In- Senieure der Wasserbautechnik, sondern auch bil- ende Künstler am Werke sind.
*
Für Leser, die den Stand der Dinge noch nicht kennen sollten, sei wiederholt, dah die Arbeiten an der Zuidersee in zwei Hauptteile zerfallen: Errichtung eines 30 Kilometer langen 21 b - schluhdammes, der das Eindringen der Dordsee in den gesperrten Teil der Zuidersee verhindert — und die Trockenlegung der durch Ringdeiche abgeschlossenen Gebiete, wobei ein kleiner Teil der bisherigen Zuidersee als V s s e l - m e e r bestehen bleiben soll.
Zu diesem Zwecke baut man von der Küste der Provinz Dordholland über die frühere Insel Wieringen nach der Küste der Provinz Friesland einen Damm, dessen Breite nicht nur die Anlage einer normalen Fahrstraße, sondern auch einet doppelgleisigen Eisenbahn gestattet. Der l.Teil dieses Deiches zwischen Dordholland und Wieringen, ungefähr 2,5 Kilometer lang, wurde vor mehr als zwei Iahten vollendet. Ebenso die Deichstrecke zwischen der friesischen Küste und der Schleusengrube auf dem Kom- werderzand, die eine Länge von 3,6 Kilometer aufweist. An dem 24 Kilometer langen Damm Wieringen-Komwerderzand wird jetzt fieberhaft gebaut, da man, um Kosten zu sparen, das Tempo sehr beschleunigt hat. Der Kosten- Voranschlag, der vor dem Kriege ausgearbeitet
Oer päpstliche Vertreter auf
-em Eucharistischen Kongreß.
Kardinal Le p i c i e r wurde zum päpstlichen Legaten bei dem bevorstehenden Eucharistischen Kongreß in Karthago ernannt
1
wurde, belief sich auf 700 Millionen Gulden. Man wird aber noch 3—400 Millionen Gulden zusehen müssen...
Innerhalb des 2lbschluhdeiches wird man vier Gebiete eindeichen und trockenlegen — den nordwestlichen Teil bereits im August dieses Iahres — wobei, wie erwähnt, noch eine größere Wasserfläche. das sogenannte Vsfelmeer, offen bleiben soll. Dieses soll die Gewässer der Issel, der Decht und anderer kleiner Flüsse, sowie die Dorflut der umliegenden Länder und das den trodengelegten Poldern entzogene Wasser aufnehmen. Cs wird einen mittleren Wasserstand von 0,40 Meter unter dem Amsterdamer 2lor- malpegel und einen Abfluß in den offenen Teil der Zuidersee haben, wo der gewöhnliche Diedrig- wasserstand tiefer als das Ollittcltoaffcr des Mel- rneeres sein wird, so daß dieses unter normalen Umständen zweimal in 24 Stunden zur Ebbezeit durch die im Abschlußdamm befindlichen Ent- wäsferungsschleusen in die Dordsee abfließen kann. Da es jedoch oft Perioden von drei oder vier Tagen gibt, in denen infolge von Stürmen oder starken Winden der Wasserspiegel der Nordsee so hoch bleibt, daß ein Abfluß durch die Schleusen unmöglich wird, muß das Bsf^lmeer eine Fläche von mindestens 100 000 Hektar haben, um das Wasser der Bssel und der anderen Zuflüsse aufnehmen zu können, ohne dah dadurch der Wasserstand des Melmeeres eine unzulässige Höhe erreicht. Man sieht daraus, wieviele Probleme hier zu berücksichtigen sind. Nicht weniger als 25 Schleusen werden nach Fertigstellung des großen Abschlußdammes die Entwässerung durchführen. In Den Oeuvre haben die Schleusen eine Gesamtbreite von 180 Meter, auf Kornwerderzand 120 Meter, genug, um täglich ungeheure Wassermengen an die Nordsee abzugeben.
2Iber die Stunde ist um. Das flinke Ingenieurboot, das mir von der Direktion der Zuidersee- werke freundlichst zur Verfügung gestellt wurde, läßt feinen Ruf erschallen. Ich muß eilen, wenn ich vor Dunkelheit Kornwerderzand erreichen
Gießener Gta-ttheater.
Tcckner und Waldau: „Panne um Mitternacht".
Die Existenzberechtigung der Operette wird niemand bestreiten wollen. Sie ist die leichtgeschürzte Schwester der Oper. Witz, Satire, Parodie, kurz, jede 2lrt guten Humors ist ihr literarisches, die Tanzmusik der Gegenwart ihr musikalisches Gebiet. So sollte sie sein, so war sie auch und, zugegeben, so ist auch heute noch hin und wieder eine. Die letzteren sind weiße Roben. Was im allgemeinen, sagen wir ruhig, größtenteils, in diesem Artikel in den letzten 15 Iahren geleistet wurde, verdient nicht den Namen „Operette", wenn anders es nicht ein Werturteil nach der negativen Seite ausdrücken soll. Heute ist der „Schlager" Trumpf, aber man verwechselt bei feinet Textgestaltung leicht mit seicht und Humor mit Plattheit. Was daraus wird, kennt man zur Genüge. Cs scheint doch so zu fein, daß Humor und Witz ohne eine sehr große Dosis Schlüpfrigkeit nicht mehr zu denken sind. Das bedeutet aber einen Tiefstand, den man nicht scharf genug verurteilen kann. Man mache doch einen Versuch und nehme sich eine Anzahl Texte solcher modernen Operetten vor und man wird allein schon an der Ueverschrift der einzelnen Gesangsnummern mit Staunen feststellen, wie viel eindeutigen Schund es da gibt Wo bleibt do der Reichs- kunstwart? Oder soll die Operette keine Kunst sein?
Hans Deckners Operette „Panne um Mitternacht" (Musik von Harry Waldau) arbeitet mit bekannten und bestens bewahrten, man möchte sagen „genormten" Requisiten. Eine einsame Villa. Zwei Menschen, die sich dort zufällig treffen, versteht sich, verschiedenen Geschlechts. Ein Bett, ein Divan, der aber nur sehr vorübergehend aktiv in die Handlung eingreift, ein guter, luftiger Freund, allerlei Verkleidungen und Verwicklungen usw. Leider losen sich diese Verwicklungen am Ende des zweiten Aktes, viel zu früh bis auf die, nach dem bisher Geschehenen wirklich lächerliche, Sache mit der Millionenerbschaft. Die macht nun keinen Eindruck mehr und so schließt der dritte Akt ohne besondere Pointe. Einige Szenen des ersten und zweiten Aktes find ganz amüsant, sonst aber gibts viel Steine und wenig Brot. Die Musik ist zum Teil recht schmissig, im übrigen aber ohne besondere Originalität.
Den Darstellern gebührt volles Lob. Sie waren eifrig und mit viel Erfolg bemüht, Schwung in
die Sache zu bringen. Allen voran das Freundespaar Ronald (Hermann Hanschmann) und Fredy O'Brien (Gustl Rothe-Carey). Auch Franz G i b l h a u s e r, der für die lebendige Regie zeichnete, war ein sehr luftiger Ottokar. Nuschi Wiesner (Norma) zeigte im letzten Bild überraschende Gelenkigkeit. Gretl Kasper (Lilian) spielte sehr gut und fang auch vortrefflich. Ly Ottmar (Mary) gab ebenfalls eine recht tüchtige schauspielerische Leistung, war aber stimmlich der Rolle nicht gewachsen Die Tänze (H. H. K l ü f e r) zeigten viel Abwechslung, und die musikalische Leitung war bei Emst Topih in sicheren Händen. Man sollte aber in solchen Fällen ein gestimmtes Klavier zur Verfügung stellen. — Daß die Pausenlampen durch den ganzen dritten Akt brannten und der Vorhang am Schluß in das da capo hinein fiel, soll der Ordnung halber nicht unerwähnt bleiben.
Der Besuch lieh zu wünschen übrig, doch der Beifall war herzlich und erzwang manche Wiederholung. F. B.
Oie Reinmachefrau von pau.
Von Hans Siemsen.
Pau, in Südfrankreich, am Nordabhang der Pyrenäen, ist ein kleiner, aber eleganter, internationaler Kurort. Zwei Saisons, die eine im Spätsommer und Herbst, die andere im Winter. Die Haupt-Attraktion von Pau, abgesehen von seinem dem der Riviera ähnlichen Winterklima, die Hauptattraktion von Pau ist der „Boulevard der Pyrenäen", die breite, ebene, der Sonne bargebotene Promenade mit ihrer weltberühmten Aussicht in das liebliche Tal, das mit Recht „Vallee heureuse“, „das glückliche Tal", heißt, und auf die stolzen, schneebedeckten Pyrenäen. Von dieser Aussicht soll schon Lamartine gesagt haben: „Wenn ich nicht Lamartine wäre, möchte ich diese Aussicht —" — irgend so einen bedeutenden Ausspruch hat er jedenfalls getan.
Auf dieser Promenade promeniert die feine Welt, die in Pau hauptsächlich aus „Old England*4 besteht. Wan promeniert, wie auf allen Promenaden der fernen Welt, auch wegen der schönen Aussicht und wegen der Sonne, — hauptsächlich aber, um sich zu zeigen, und um zu sehen, ob Miß Waterbottle wieder einen neuen Hut hat, und ob Frau Donnerschlag aus Chicago (sprich: „Tscheikägau") heute mit Don „Ramiro Ra- muntcho", ober mit Monsieur „Degustation des Huitres“ geht.
Früh morgens, wenn ich meinen Morgenspa- ziergang mache, ist niemanb auf dem Boulevard der Pyrenäen. Ich habe Boulevard und weltberühmte Aussicht für mich allein.
Aber was ist das? Ich traue meinen Augen nicht! Da kriecht eine Frau unter eine Bank? 3a, wahrhaftig, da kriecht eine Frau unter eine Bank! Ich bin ganz konsterniert, ich habe noch nie in meinem Leben eine Frau unter eine Dank kriechen sehen. Soll ich zu Hilfe kommen? Sie strampelt mit den Deinen, schiebt sich mit Strampelbeinen immer weiter unter die Dank. Dann bleibt sie einen Moment liegen, um sich auszuruhen. ilnb dann beginnt sie, die fünf, sechs Grashalme auszurupfen, die unter der Bank ein bescheidenes Schattendasein führten.
Es ist die Reinemachefrau von Pau, die Straßenkehrerin des Boulevard der Pyrenäen. Ich habe sie inzwischen sehr oft gesehen und beobachtet. Sie ist eine alte, zerknitterte Same. Sie hat sich ein wunderbares Kostüm ausgedacht, vor dessen Phantasie P o i r e t und Worth armselige Schneidergesellen sind. Sie trägt nicht einen, sondern drei Röcke: einen roten, einen schwarzen und einen grünen. Darüber hat sie einen Sack gebunden, und über den Sack einen roten Schal. Auf dem Kopf hat sie einen üppigen, schwarzen Strohhut, mit Blumen und Federn garniert. Wenn es regnet, tut sie über diesen Hut, einen zweiten Sack. Absetzen tut sie den Hut nicht. Er macht ihr das Leben schwer. Denn es ist schwer, mit solch einem Hut unter eine Dank zu kriechen. 2lber sie ist durch ein langes Leben trainiert, sie kann mit dem Hut unter eine Bank kriechen. Ich glaube nicht, dah das irgendeine andere Frau in Pau konnte, nicht Miß Waterbottle und nicht Frau Donnerschlag.
Der Boulevard der Pyrenäen gehört ihr! Eie rupft die Grashalme aus und sucht das Papier zusammen und macht kleine Häufchen daraus. Unb nun kommt ihr großer Moment! Denn ihr männlicher Strahenfegerkollege (vielleicht ist es ihr Mann?) ist nicht rechtzeitig zur Stelle mit seiner Schaufel und seiner Karre, um ihre Häufchen abzuholen. Da ruft und schreit und winkt sie, bis er endlich kommt und ihre Häufchen in seinen Karren fegt Sie steht dabei und paßt genau auf, daß er auch keinen Grashalm übrig läßt! Unb bann geht sie weiter an ihre Arbeit, auf ihre Iagd nach Grashalmen und Papier.
Sie arbeitet von morgens früh bis abends, bis es dunkel wird. Ich habe nie einen Menschen gesehen (mit Ausnahme von Kindern, die spielen, Fußball- und Kartenspielern), nie hab ich einen
Menschen gesehen, der seine Beschäftigung so ernst nahm, wie diese alte Frau. Sie hat für nichts anderes Sinn, als für ihre Grashalme und ihr Papier und für „ihren" Boulevard der Pyrenäen. Sie lebt so nahe der Erde, dah sie alles, was höher als einen Meter über der Erde vor sich geht, überhaupt nicht sieht. Wenn sie sich ausruhen will (wie selten ruht sie sich aus!), setzt sie sich nicht auf eine Dank, sondern neben der Bank auf die Erde, auf „ihre" Erde, in die Nähe „ihrer" Grashalme.
Ich habe gedacht: Man muh sich eigentlich schämen! Diese alte Frau kriecht da auf der Erde herum, um die elegante Promenade für uns Fremde sauberzuhalten, während wir jungen Leute (obwohl wir so ganz jung ja auch nicht mehr sind) hier promenieren und uns dem Müßiggang ergeben? - Aber ich fürchte, man könnte der alten Frau solche Gedankengänge gar nicht klarmachen. Sie würde unglücklich werden, wenn man ihr „ihren" Boulevard und „ihre" Grashalme wegnähme und sie zur Ruhe setzte.
Es ist „ihr" Boulevard! Ihretwegen ist er dal Damit sie auf ihn auf passen und ihm seine Grashalme ausrupfen kann! Ein bißchen störend sind die vielen Fremden. Wenn allzuviel Fremde da sind, kann sie nicht richtig arbeiten. Manche von den Fremden sitzen sogar auf der Bank, unter die sie gerade kriechen mochte. Das ist sehr störend.
Wenn man ihr sagen wollte, dah der Boulevard der Pyrenäen eben dieser Fremden wegen da ist, dah sie dieser Fremden wegen angestellt ist, den Boulevard sauberzuhalten und Grashalme auszurupfen, so würde sie das gar nicht verstehen. Ihr Boulevard ist „ihr" Boulevard! Er ist nicht der Fremden wegen, sondern ihretwegen, und sie ist seinetwegen da! Was sollte aus ihm werden, wenn sie nicht da wäre?
älnd wenn man ihr eines Tages erzählen würde, es wäre Krieg und sie müsse einrücken als Feldwebel oder Rittmeister ober als was weih ich, — so würde sie ganz sicher antworten: „Krieg? Was heißt Krieg'r Lind wer soll währenddessen die Grashalme auf dem Boulevard der Pyrenäen ausrupfen?! Daran habt Ihr wohl nicht gedacht? — Macht Ihr nur Euren Krieg alleine! Ich habe Wichtigeres zu tun!“
ilnb wer möchte leugnen, daß sie recht hat? Die gute, fleißige, alte Reinmachefrau von Pau, die sich nicht auf eine Bank seht, wenn sie sich ausruhen will, sondern auf die Erde, auf „ihre" Erde, zwischen „ihre" Grashalme!


