Ausgabe 
22.3.1930
 
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Nr. 69 Zweites Blatt

Eichener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)

Samstag, 22. Mär; (930

Amerika und Europa.

Außenpolitische Umschau.

Vov Or. Otto Hoehsch, o. ö. Prof, der Geschichte an der Universität Berlin, M. d. Zft.

Der neue amerikanische Botschafter in Berlin, Mister Sacke tt, der ein führender Wirt­schaftler in dem Staate Kentucky ist und bisher Senator. Vorsitzender der Finanzkommission im Senat war, hat soeben in Berlin vor der ame­rikanischen Handelskammer eine sehr interessante Bede gehalten. Er sprach von der langen Ver­schuldung seines Landes an Europa, von den europäischen Vorschüssen und Anlagen in Ame­rika, die natürlich von den Amerikanern verzinst und abgezahlt werden muhten und eine wesent­liche Vorbedingung für das märchenhafte Wirt- schastsaufblühen seines Landes waren.Es kam uns vor, wie die Zahlung eines Tri.- butes an die Welt. And es gehörte ein unbedingter Glaube an den endgülti­gen Erfolg dazu, um durchzuhalten." Die 'Probe darauf brachte der Weltkrieg, der die Gläubigcrnationen zwang, ihre Anlagen drüben zurückzuziehen, weil sie Has Geld für den Krieg brauchten. Da zeigte sich, dah Amerika ohne Finanzkatastrophe diese Probe bestehen konnte. Aach dem Krieg aber, sagte der Bot­schafter, verleitete der zunehmende Reichtum zu schneller Ausdehnung der Produktion. And das bringe den Vereinigten Staaten die Bedeutung der Ausfuhr, die Abhängig­keit ihrer Prosperität von der Wirtschaftslage oller anderen Länder zu Bewuhtsein, denn ohne seinen Export würde das Wirtschastsleben Amerikas schnell lahmgelegt werden.

3n sehr vorsichtig gewählten Worten ist da­mit dem eigenen Lande etwas gesagt, was dieses heute noch durchaus nicht überall begriffen hat, nänilich dah die Prosperität und die Ausnahnre- fähigkeit des Binnenmarktes und die Steigerung der Produktion ihre Grenzen haben. Der ueue Botschafter blickt als Geschäftsmann weit genug, um das zu sehen, und mit dieser Erinne­rung an die Abhängigkeit selbst eines so reichen Landes von der Wirtschaftslage in der Welt seinen Leuten vor Augen zu führen, dah sie, sie mögen wollen oder nicht, mit dieser Welt, mit der Weltwirtschaft aufs engste verflochten sind.

Weiter ist sehr interessant seine Formulie­rung, dah diese Zinsbelastung aus europäischen Vorschüssen von Amerika wie-einTribut" be­trachtet worden sei. Liegt darin eine kaum merk­bare Andeutung auf die deutsche Tributzah­lung, die eben jetzt endgültige Form gewonnen haben soll? Etwa ein leiser Hinweis, dah, so wie Amerika damals seinen Glauben an den endgültigen Erfolg nicht verloren habe, jetzt auch Deutschland in dieser Lage, da es nun wenigstens genau wksse, wieviel es zu bezahlen habe, in der gleichen Lage sei oder sein müsse? Wir wol­len nicht zu weit gehen in solcher Deutung, ober die Ansicht hat Amerika, und sie wird wohl auch von dem neuen Botschafter geteilt, dah nunmehr Deutschland auf Grund der geord­neten Finanzverpflichtungen zur Stabilisierung seiner Industrie und Finanzen, zum Rückgang der Arbeitslosigkeit, ja zu einem neuen industriellen Aufschwung kommen wcrdel Dabei fehlt aber dann in den Ber­liner Ausführungen des neuen Dotschasters ein Glied, von dem er wohl mit Absicht, weil das in seinem Lande noch ein heihes Eisen ist, nichts gesagt hat. Aämlich dah, wie damals der ame­rikanische Tribut eine Schuld an Europa war, der deutsche Tribut heute geworden ist zu einer Schuld an die Vereinigten Staaten von Amerika. Wir begreifen, dah Mister Sackett davon jetzt nichts sagen konnte und wollte, aber das hindert nicht, dah wir, wenn nun einmal ein so interessanter Zu­sammenhang gezeigt wird, den für uns wesent­lichen Punkt nachdrücklich mit hineinstellen samt den Folgerungen, die wir daraus ziehen.

Schließlich um noch einmal diese bedeutungs­volle Rede zu zitieren betonte der Botschafter, dah Amerika auch aus wirtschaftlichen Gründen für die Erhaltung des Friedens ar­beite. Da sprach er nun ganz unumwunden und mit deutlichem Hinweis nicht nur vom Kellogg- pakt, sondern auch von der Abrüstungskon- ferenz in London. And wenn man deren Verlauf jetzt wieder einmal betrachtet, so ver­steht man, warum ein amerikanischer Diplomat, der bis jetzt Geschäftsmann war, darauf hin- weist und nicht ohne Sorge. Denn die Konferenz, die unter so günstigen Vorbedingungen begann, droht, wenn nicht zu scheitern, so doch zu ver­sacken. Die Opposition der Marineleute selbst, die Hoover wie Macdonald gerade hatten aus­schalten wollen, noch mehr die Opposition Frank­reichs und dielaunische" Haltung Italiens drohen die Konferenz wenigstens um einen Ge­samterfolg, einen Welterfolg zu bringen, wie ihn seinerzeit die Washington-Konferenz erzielt hat. Frankreich verlangt einen ßocarfio- Vertrag f ü r das Mittelmeer. Weder England noch gar Italien sind dafür zu haben. Dann kann Frankreich, wie es behauptet, seine Flottenrüstung nicht ändern, die es, bei Zu­standekommen eines solchen Vertrages bereit sei, denkbar niedrig zu nehmen. Run aber fordert Italien einfach die Parität mit Frankreich und weigert sich, Zahlen für seine Flottenstärke zu nennen, wie Briand das wünschte. So aber kommt man überhaupt nicht voran.

Scheitert die Konferenz, so endet sie mit einer Isolierung Frankreichs, da England und Amerika unter allen Amständen eine Ver­ständigung zustande bringen. Aber der Rückschlag, den dann sowohl Hoover wie namentlich Mac­donald in ihrer politischen Stellung zu Hause erleiden, wird sehr grob fein. Beide brauchen einen derartigen außenpolitischen Erfolg bei den großen Schwierigkeiten der Innenpolitik mit denen sie beide, Macdonald noch mehr als Hoo­ver, zu kämpfen haben. Im weiteren wird natürlich die Isolierung Frankreichs, in die Tardieu und Briand ihren Staat weltpolitisch führen, ihre Wirkungen zeitigem Zunächst aber bedeutete ein solcher Ausgang einen Rück­schlag im Fortgang der Völker- bundserörterungen über die Abrü­stungsfrage. Der englische Auhenminister Hender­son hatte ja zu Anfang ein großes Programm dafür hingestellt, wie aus der Londoner Kon­ferenz Schwung in die vorbereitende Abrüstungs­kommission des Völkerbundes käme, so daß dann die definitive allgemeine Abrüstungskonferenz des Völkerbünde; sehr bald beginnen könnte. Schlägt aber die Konferenz im allgemeinen fehl, so wird England in Genf nicht viel Druck dahinter setzen, wird Amerika erst recht sich den Genfer ergebnislosen Auseinandersetzungen fernhalten. Dann behauptet Frankreich abermals in dieser Zentralfrage des Völkerbundes das Feld!

Um die Mimst der hessischen höheren Schulen.

Von Siudienrai Holzhäuser, Worms.

Von der Pressestelle des Hess. Philo­logenvereins werden wir um die Ver­öffentlichung dieses Aufsatzes gebeten.

Schon seit Jahren steht die höhere Schule Hessens ununterbrcchen im Kampf um die Wah­rung ihrer primärsten Existenzbedingungen. Don Jahr zu Jahr vollziehen sich an ihr immer wieder von neuem Avbaumaßnahmen und Spar- aktionen, die ihr die Erfüllung ihrer wichtigen Aufgabe der Erziehung und Bildung der gei­stigen Führerschicht erschweren. Die großen Spar- aktionen von 1924 und 1926 brachten die stärkste Erschütterung in den Betrieb der höheren Schule: die einzelnen Sparmaßnahmen der folgenden Jahre, vor allem die Auswirkung der Bestim­mung des hessischen Besoldungsgesetzes, daß jede dritte freiwerdende Beamtenstelle unbesetzt blei­ben solle, hinderte die Rückkehr zu der Ruhe und inneren Stetigkeit, die unbedingte Voraussetzung für den Erfolg jeder Dildungsarbeit ist. Mit dankbarem Beifall vernahm deshalb die vor einem Jahr in Bad-Rauheim versammelte hes­sische Philolögenschaft die Begrüßungsworte des Staatspräsidenten und Kultusministers, der sich dagegen wandte, daß die notwendige Sanierung unseres Staatshaushaltes Kulturquellen ver­schütte und das Kulturniveau Husens senke."

Dem entgegen hat die Regierung in ihrem im Januar d. I. veröffentlichten Sparprogramm erneute starke Eingriffe in das höhere Schul­wesen angekündigt und nun dem Landtag einen Staatsvoranschlag für 1930 vorgelegt, der die Zahl der Lehrerstellen an den höheren Schulen um 52 gegenüber der des Vorjahres kürzt. Diese Maßnahme hat in allen an der höheren Schule interessierten Kreisen besorgtes Erstaunen her­vorgerufen. Läßt sich diese erneute Ein­sparung ohne Sch ädigung der kul­turellen Leistungshöhe Hessens durchführen? Beachtet diese von der Regie­rung vorge'chlagene Maßnahme den Grundsatz, daß der Schule als dem wichtigsten Aktivposten unseres Volkstums kein Schaden erwachsen dürfe?

Bei der Bedeutung, welche die höhere Schule für alle Schichten unseres Volkes hat, da sie den geistig strebsamen Kindern aller Berufs­stände die Erwerbung einer höheren Bildung als notwendige Grundlage zu höheren Derufsstudien

und als wirksames Rüstzeug für den verschärften Existenzkampf ermöglichen will, erscheint es an­gebracht, die Auswirkungen dieser einschneidenden Maßnahme vor der Oeffentlichkeit zu erörtern.

Welche Folgen zieht die Slellenverminderung nach sich? Eine Erhöhung der Pflichtstundenzahl der Philologen ist nicht möglich. Die dienstliche Inanspruchnahme der akademisch gebildeten Leh­rer ist jetzt schon so stark, daß der Amtsvor­gänger des jetzigen preußischen Kultusministers geradezu von einerbarbarischen Aeberlastung der Philologen" sprach. Die häufigen Fälle von Erkrankungen und Beurlaubungen zur Wieder­herstellung der Gesundheit legen ein beredtes Zeugnis dafür ab, wie sehr der Staat die Ar­beitskraft der Philologen ausschöpft. Folglich führt die Stellenverminderung automatisch zu einer Erhöhung der Schülerzahlen in den einzelnen KL' 'n und zu Kombina­tionen verschiedener Klassen in gewissen Anter- richtsfächem. Diese o'v^gen wären als Rotmaß­nahmen einigermaßen erträglich, wenn die Ver­hältnisse in dieser Hinsicht zur Zeit so günstig lägen, daß eine gewisse Verschlechterung immer­hin in Kauf genommen werden könnte. Run ist der Tatbestand aber so, daß die in der Erhöhung der Klassenbesuchsziffern und in der Dürnahme von Kombinationen liegenden Ersparnismöglich- leiten im Verlauf der letzten Jahre an der höheren Schule schon überreichlich ausgenuht wurden: der Bogen ist schon bis zum Zersprin­gen angespannt.

Der Hessische Philologenverein veröffentlicht soeben gerade rechtzeitig als Material zu dieser Frage eine statistische Zusammenstellung über die ü b e r f ü l l t e n Klassen der beiden Schuljahre 1928/29 und 1929/33. Sie zeigt deut­lich ein bedrohliches Anwachsen der Zahl der Überfüllten Klassen. So ist im ablaufenden Schul­jahr in mehr als der Hälfte der Klassen der Oberstufe die Schüierzahl überschritten worden, die nach einem Beschluß des preußischen Land­tags vom 14. Februar 1928 in Preußen als Höchstzahl gelten soll! And nun wird eine er­neute Stellenverminderung vorgeschlagen, die sich um fo katastrophaler auswirken muß, als sie mit einer durch die starken Geburtenjahrgänge der Rachkriegszeit bedingten Steigerung

der Gesamts chülerzahl zulammenfallt. Der erste dieser starken Jahrgänge tritt Ostern 1930 in die Sexta der höheren Schule ein. Dem Anwachsen der Schülerzahl entspräche eigent­lich ein genau errechneter Mehrbedarf von 35 Lehrerstellen. Run soll nicht nur diesem er­höhten Bedarf keine Rechnung getragen, son­dern sogar die derzeitige Stellenzahl noch um ein halbes Hundert vermindert werden. Werden diese Vorschläge Tatsache, so müssen die hessi­schen höheren Schulen in Zukunft in den ein­zelnen Klassen Schülerzahlen aufweisen, welche die Erreichung des Bildungsziels der höheren Schule ungeheuerlich erschweren. Die gesamte Schülerschaft wird darunter zu leiden haben: besonders aber wird sich der unhaltbare Miß­stand bei den Kindern recht bald fühlbar machen, die zu ihrem geistigen Fortkommen der beson­ders individuellen Behandlung, der bedächtigen und besonnenen Förderung durch den Lehrer bedürfen. Zu dieser schwierigsten pädagogischen Leistung des Lehrers wird in einer Klasse von 50 und mehr Schülern, die in die Grundlagen der lateinischen oder französischen Sprachlehre einzuführen sind, kaum Zeit fein; die unter­richtliche Arbeit wird mechanisiert werden müssen, sie wird am laufenden Band vor sich gehen.

Aehnlich verhält es sich mit der Frage der Kombin ationen. Auch von diesem gefähr­lichsten Mittel, Ersparnisse zu erzielen, hat man schon in den letzten Jahren einen so ergie­bigen und rücksichtslosen Gebrauch gemacht, daß dadurch der Bildungsgang der von ihnen be­troffenen Schulen schwer geschädigt wurde. Eine statistische Zusammenstellung über diesen Gegen­stand in der neuesten Rümmer der Südwest- deutfchen Schulblätter weist nach, daß im Schul­jahr 1929/30 in 730 Fällen lehrplanmäßig ge­trennter Unterricht an den höheren Schulen Hessens kombiniert werden mußte. Sie deckt so unglaubliche Fälle auf wie den, wo eine höhere Schule gezwungen war, 49 Ober- und Unter» Primaner gemeinsam im Französischen zu unter­richten! Ist schon eine horizontale Kombination an einer Anstalt mit Doppclllassen sehr bedenk­lich, weil sie zu außerordentlich hohen Schüler­zahlen führt, so läuft eine solche vertikale Kom­bination aufeinanderfolgender Klaffen zumal in wissenschaftlichen Fächern geradezu auf eine Be­nachteiligung der Schüler und ihrer Eltern hinaus, denen bei diesen Verhältnissen nicht der von ihnen mit Recht erwartete Gegenwert für ihr Schulgeld geboten werden kann. Mag der Lehrer unter Raubbau an seiner Gesund­heit noch so sehr versuchen, die Rachteile der vertikalen Kombination nach Möglich!.it auszu­gleichen, jene Oberprima, die in einem wissen­schaftlichen Fach mit einer Anterprima kom­biniert unterrichtet wurde, wird nicht mit dem Maß von Wissen die Schule verlassen, das einer Oberprima an einer anderen Anstalt in ge­sondertem Kurs vermittelt wird. Kombinatio­nen erfolgen immer auf Kosten der Leistungs­höhe der von ihnen betroffenen Schulen und sind bei den hohen Anforderungen, die heute der , Lebenskampf an die in ihn eintretenden jungen Menschen stellt, besonders bedenklich. Es steht leider zu befürchten, daß die Fälle, wo von diesem gefährlichen Mittel Gebrauch gemacht wird, sich in Zukunft noch mehren: denn wie will man sonst dem vermehrten Personalbedarf bei verminderter Stellenzahl Rechnung tragen?

Diese beiden unausbleiblichen Folgen der Stel­lenverminderung sollten das Interesse aller El­tern, die Kinder zur höheren Schule schicken oder in Zukunft zu schicken beabsichtigen, an dem Kampf gegen die geplanten Abbaumaßnahmen wachrufen. Die Elternschaft kann sich dabei sehr wohl auf die Erhöhung des Schul­geldes stützen und die Forderung erheben, daß der hessische Staat, der erst am 1. Oktober seine Schuldgeldsähe auf eine Höhe Heraufgeseht hat, welche die der anderen deutschen Länder mit Ausnahme der Hansestädte zum Teil recht er­heblich übersteigt, nun nicht ein halbes Jahr später seine Gegenleistung in ihrem Wert ent-

Räckilicher Schulbesuch.

Von Martin Borrniann.

Heute nacht träumte ich davon, meine alte Schule, jenes hohe, ziegelrote Gymnasium, wieder zu besuchen, und so hoch ein Traum an Deut­lichkeit manchmal über der wachen Erinnerung steht, so sehr zeichnete sich auch der meinige an Eindringlichk.it vor jeder g d^n.enmäßipen Rück­schau, vor jedem bloß wirklichen Wiedersehen mit einer alten Stätte aus.

Ich ging die lange und schmale Promenade vom Vorbau der Schule, der an der Straße liegt, zu deren eigentlichem Massiv, das mehr in den Hintergrund gebaut ist, und dort, wo der Weg die Kurve macht, erkannte ich zur Rechten die Turnhalle wieder, auf deren Wand eine latei­nische Inschrift der Meinung ist, daß ein gesunder Geist nur in einem gesunden Körper lebe. Zur Linken sah ich in der Ferne das kleine Reben­gebäude, in welchem Menschen Menschen sind, aber die Schüler lernen darin während der Pausen, und die Lehrer sind sehr böse darüber. Dann öffnete sich der Hof: da schien alles gleich­geblieben, die Darren, an denen man bei den Turnspielen schwingen mußte, die kleinen Ketten, welche die Wege bezeichneten, auf denen man Butterbrot, die Mauer, die das Leben der teppichklopfenden Außenwelt von unserem sakra­len Treiben trennte. Ich sah die Fenster, aus denen der Pedell den Kindern, die ihr Früh­stück vergessen hatten, Milchbrötchen verkaufte, und den grünen Roll-Laden im Erdgeschoß, von dem die Sextaner erzählten, daß er einen schauerlichen Karzer absperre: es war aber der Kohlenkeller. Ich sah. in einem anderen Winkel des Schulhofes, die seltsame Sonnenuhr.

Endlich stand ich unter der Schar der Schüler vor dem eigentlichen Schuleingang, dem schweren Cichenportal, und wartete auf Einlaß. Der Pe­dell, groß und alt wie Petrus, öffnete. Wir stürmten derart die Stufen empor, daß er hinter die Tür geklemmt wurde. Drinnen standen schon einige Lehrer und empfingen uns entsprechend. Ich erinnere mich genau ihrer Ramen. Der eine hieß im Traume Herr Birblitz, der andere Herr Buhkies. Birblitz ohrfeigte meinen Freund, weil er aus den Fliesen getrappst hatte, wäh­rend Butzkies mir von rückwärts feinen runden Schirmgriff ums Dein legte. Ich war zu schnell gelaufen, siehst du, nun mußte ich büßen; ich fiel hin: aha, das hatten die beiden noch so

von früher an sich! Rach bitterem Auftakt be­gaben wir uns in die Klassenräume.

Hier machte mein Traum einen jener Sprünge, wie sie nicht selten in der Welt nächtlichen Wandelns sind. Während die Kinder, die mit mir gekommen waren, Unterricht erhielten, stand ich sogleich wieder draußen allein im Korridor dieser Korridor hatte sich aber inzwischen hinsichtlich Geist, Raum, Geruch und Zeit voll­ständig verändert. Man strich jetzt seine Säulen an, es war' großes Reinemachen. Aus einer Klasse trug man die Schulbänke heraus und stellte sie in den Flur. Ich setzte mich dort nieder, um unterrichtet zu werden. Ich llappte mit den Sitzen der Bank, so wie ich es früher getan hatte, und sieh mal an, sie klangen noch wie ehemals. Auf dies Zeichen hin kam sogleich ein Lehrer herzugelausen, erkannte mich und kom­mandierte mit ernster und erregter Stimme einige Minuten lang:Auf Setzen!" Auf... ab... Das ging so geraume Zeit hindurch. Als aber nichts, gar nichts geschah und ich nur immerfort dies leere Getöse der rasselnden Bank unter mir hören mußte, paßte ich auf. benützte einen Augenblick, in welchem der Lehrer sein Butterbrotpapier denn er während seines Kommandos zusammenknüllte uno in den Kasten unter dem Fensterbrett steckte, lief eine Treppe höher, wo die Klassen der älteren Schüler lagen, und entkam!

Es war die Erkenntnis dieser Flucht, daß ich merkte, die ganze Schule sei architektonisch nach dem System des Aufstiegs von den unteren zu den oberen Klassen gebaut, wobei die Begriffe unten undoben" eben nicht nur hingesprochen, sondern räumlich gedacht waren. 2m Traume kommt man auf solche Dinge sehr bald. Im Erd­geschoß, begriff ich jetzt, arbeiteten die kleinen Jungen, da roch es nach den zwei Kartenzimmern. Im ersten Stock, wohin ich geflüchtet war, lagen die zwei Mittelklassen: hier fühlte ich mich schon Wohler, es gab unter den Lehrern zuweilen fein- gesponnene Raturen, welche die jugendlichen Herzen besser kannten: auch hingen an den Wän­den hübsche Dllder, Segelschiffe und wogendes Meer. Dann kam die Aula, welche durch zwei Etagen ging. Im dritten Stock waren rechts und links von ihr Prima und Sekunda untergebracht. Rur die Oberprima lag, dem Dachboden nahe, im vierten Geschoß... Ganz für sich allein, an ihrem eigenen Korridor, wohnten die Oberpri­maner. Diese Klasse war offenbar nicht mehr Schule, sondern eigentlich schon Aniversität. Die

Oberprima war die Prätorianergarde des Direk­tors. Oberprimaner waren geachteter als Stu­denten; weil sie so nahe der strengen Schul­disziplin wohnten, toi.Len ihre kleinen Freihei­ten außerordentlicher als das Meer von Freiheit, das etwa die schon längst der Schule fernen Er­wachsenen genoßen. Oberprimaner waren Herren.

Den ganzen Traum hindurch strebte ich, in diese hochgelegene und bewunderte, beneidete Klasse zu kommen. Sie rückte höher und höher, je mehr ich mich um sie bemühte... Es tarnen immer neue Treppen, aber der Flur, an dem die Oberprima lag, war nicht zu erreichen. Plötzlich gelangte ich wider alle Voraussicht dennoch dort­hin. Aber als ich die Klasse nun betrat und Erwachsener sein wollte, da war es gar nicht die Oberprima, jedenfalls nicht jene Klasse, die mein Ideal gewesen war. Ich wiederhole: Ober­primaner waren Herren. Ich hatte diesen Herren- standpunkt mit dem Eintritt in die Klasse nun auch für mich erhofft. Er wurde mir auch zu­erkannt. Aber leider war das, was ich inu Traume sah, eine Enttäuschung. Es war nichts Besonderes mehr, Oberprimaner zu sein, seit ich es selbst war.

Run dachte ich, würde ein Wunder kommen, ein Examen, und nach diesem das Besondere, welches mein Schülerleben mit der Hand des großen Schicksals rühren würde. Aber das Wun­der blieb fort, dafür geschah etwas vollkommen anderes, das ich nicht erwartet hatte, und das mich zwar von der Enttäuschung befreite, aber durchaus nicht in der Wegrichtung lag, auf der ich während meines Traumes vorwärts wollte. Cs geschah nämlich das Widersinnige, daß ich die vielen Treppen, die ich hinaufgeklettert war, wieder hinuntergeschleudert wurde, und das nicht einmal mit Bedacht, sondern plötzlich und höchst gewaltsam. -Ich tat einen jener furchtbaren Stürze, die viele Klafter tief sind und die uns, wo nicht völlig wecken, so doch derart ermun­tern, daß wir dem eigenen Traum gegenüber vorsichtig werden. Aber erst, als ich wieder unten der Sexta eingeordnet war und neben meinem Freunde faß, dessen Backe anschwoll, während der Unterricht in Botanik und Buch­rechnung anhob beschloß ich, aufzuwachen!

Ich weiß dann nicht mehr, ob ich froh oder traurig war. Ich hatte so viel gesehen. Ich war sehr froh, nicht mehr auf der Schule zu fein! Andererseits betrachtete ich jetzt die endlose Wanderung zur Oberprima als Gleichnis des Lebens überhaupt. Auch dort strebte man die

längste Zeit auf ein Ziel los, und wenn es er­rungen war, dann gab es eine Enttäuschung. Run wartete man auf ein Wunder, das die Enttäuschung ablösen sollte. Aber statt des Wunders kam das Bestürzende. Es brauchte kein klaftertiefer Fall zu fein, es konnte sich im Gegenteil im Bestürzenden sogar etwas sehr Gu­tes verbergen. Immer aber lag dann dies gute Ereignis außerhalb der Wegrichtung, in der man einst, mit so großer Sehnsucht, zu gehen be­gonnen hatte.

Valeniinoö trotzige Nase.

Es handelt sich nicht etwa um die Rase des vor mehreren Jahren verstorbenen Frauenlieblings der Flimmerwand; das überaus trotzige Riech- organ besitzt sein Bruder Albert. Albert Dalen- tino ist bis dato kein Filmheld. Das ist es eben; er sollte es nämlich werden. Jedenfalls ver­sprachen sich die Filmproduzenten allerhand von dem Experiment mit Valentins II., und ließen zu diesem Zwecke die nicht gerade formvollendete Rase des jungen Mannes operieren. Leider ist der Eingriff mißlungen die neue Rase fiel viel zu kurz aus. Ein Amoroso mit Stumpfnäs­chen, das ging nicht gut, die Rase wurde aber­mals geschnitten. And abermals versagte die Kunst der oft besungenen amerikanischen Schön­heitsärzte. Treu und brav wie ein geduldiges Schaf ließ in der Folge Valentins junior nicht weniger als sechsmal die nicht gerade schmerzlose Operation durchführen, ohne seinem und feiner Förderer Ziele, eine richtiggehendeFilmnase" zu erhalten, auch nur um einen einzigen Schritt nähergekommen zu sein. Run soll der Versuch noch ein siebentes und zugleich letztesmal gemacht werden. Wenn die bockige Rase auch diesmal nicht will", gibts Albert ein für allemal auf, das Erbe seines berühmten Bruders anzutreten!

Hochschulnachrichten.

Professor Dr. Hans R i t s ch l in Basel hat den an ihn ergangenen Ruf auf den Lehrstuhl der Rationalökonomie an der Aniversität Greifswald als Rachfolger von Professor W. E. Biermann abgelehnt. Amtlich wird die Ernennung des Berliner Privatdozenten Dr. Gottfried Weber zum Ordinarius der deutschen Sprache und Literatur an der Aniversität Kö­nigsberg als Rachfolger von Professor Fried« rich Ranke bestätigt. v #