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Nr. 45 Drittes Blatt

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)

Samstag, 22. $ebruarJ930

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Das HotelSavoy Unlvers" IN Bafel wird bis 1932 der vorläufige S l tz der Internationalen Reparationsbank fein.

Vemselos spricht - Deutschland zahlt...

Don unserem H. ^.-Berichterstatter.

Dachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten. Athen. Februar 1930.

.Großer Tag" in der Athener Bule! Auf dem Dach des Parlaments bauscht sich, träge flatternd im schweren, warmen Februar-Südwind die blau- weiße Flagge, aus der Treppe, die in den Lempelbau hinaufsührt, bilden Polizisten Spalier und in den angrenzenden Straßen und Gassen drängt sich neugierig und erwartungsvoll der .Demos", das Doll von Athen. Die sonst übliche feldmarschmäßige Infanteriekompanie fehlte dies­mal das untrügliche Zeichen, daß es heute im hohen Hause ausnahmsweise nicht um inner- poli tischen Zank, um Steuer- und andere Fragen geht, die sonst nach uralter, geheiligter Sitte eben dieser Demos zum Anlaß nimmt, um handgreif­lich feine eigene, gegenteilige Meinung zum Aus­druck zu bringen.

Dafür mustert heute die spalierbildende Masse .mit unverkennbar wohlwollender, säst zärtlicher Reugier die in ununterbrochener Kette vorfäh­renden Autos der Minister, der Abgeordneten, der fremden Diplomaten: denn heute ist ein historischer Tag, von heute ab beginnt ein neuer Abschnitt der griechischen Aachkriegsge- schichten Deniselos ist aus dem Haag zurück, um vor der Kammer und dem Senat seine .gigantischen Erfolge", die er drahtlich be­reits in unverständlichen Umrissen ongedeutet, unmißverständlich und mündlich nochmals in allen Einzelheiten klorzulegen. Der immer wieder an­gekündigte Schuld ennachlaß soll scheinbar bod) Wahrheit werden.

Der große, in Blau und Oold gehaltene Sit­zungssaal, der mit seiner kanncllierten Decke das Innere eines Tempels vortäuscht, ist überfüllt. In den Logen auffallend viel Offiziere und ein­fache Soldaten, sehr viele Frauen und junge Mädchen. Die Abgeordneten nach Athener Sitte im Mantel, Hut und Spazierstock in der Hand füllen die wie in einem Physiksaal angeordneten, langsam nach rückwärts ansteigenden Sitze, deren

jeder einzelne in Schnitt und Form an die stei­nernen Marmorsessel im Dionystheater am Fuße der Akropolis erinnert. In der vordersten Reihe barhäuptig die M i n i st e r, mitten unter ihnen ein kleiner Mann mit schneeweißem Spihbart und funkelnder goldener Brille, auf dem Kops eine schwarze Krimmermütze, die den französischen Feldmützen ähnelt... der Ministerpräsi­dent Deniselos.

Aus der Rostra geschäftige Bewegung. Der Prohedros" ordnet seine Papiere, Parlaments­diener kommen mit Zetteln und Meldungen, irgendwo taucht das charakteristische Gesicht des hier feit fast einem halben Jahrhundert tätigen deutschen Parlamentsstenographen auf, Rachzüg- ler drängen sich nach allen Seiten winkend auf ihre Plätze, Stühle klappen, Fützescharren, sum­mendes Stimmengewirr... die Uhr gegenüber der Rostra zeigt halb fünf. Plötzlich flammt das elektrische Licht auf, Glockenzeichen des Präsi­denten, ein paar einleitende Sätze:

.Der Herr Ministerpräsident hat das Wort!"

Mit raschen Schritten betritt Deniselos, die Rednertribüne, breitet seine Papiere aus, hüstelt ein paarmal, rückt nervös an seiner goldenen Brllle. .. wie eine zurückrauschende Woge ebbt das Flüstern ab, verliert sich in den äußersten Ecken des weiten Saales... irgendwo klappt noch einmal ein Sessel... Totenstille.

Deniselos ist auffallend erregt- Er spricht außerordentlich schnell,. mit leiser Stimme, läuft dabei aufgeregt hin und her, fuchtelt mit ben Händen herum. Auf und ab wandernd, oft den Zuhörern den Rücken zudrehend, spricht der Ministerpräsident Monologe in irgendeine Ecke hinein, dreht sich dann plötzlich wieder um, wühlt wieder wortlos in seinen Papieren, nimmt die Mühe ab, wischt sich den Schweiß vorn kahlen Schädel,- beginnt von neuem mit seinen Wande­rungen, und als nach einstündiger Redezeit der .Prohedros" die Sitzung für kurze Zeit unter­bricht. hat Deniselos außer historischen Rück­

blicken, beginnend mit der Dorgeschichte des Weltkrieges, über Dersailles und die verschie­denen Konferenzen hinweg, bis zu den letzten entscheidenden Tagen vom Haag, nichts anderes festgestellt, als das .historische D e r d i e n st Griechenlands am Endsiege derAlli- ierten". ein Derdienst, das ausschließlich und allein der Ministerpräsident für sich und seine Kriegspolitik in Anspruch nimmt.

Unter den Tribünenbesuchern greift eine leise Unruhe Platz, immer mehr Zeitungen werden raschelnd entfaltet, nur die Senatoren sitzen schweigend und unbeweglich auf ihren Platzen musterhafte Disziplin, wie ich sie nur einmal noch In einem Balkanparlament erlebt habe. In Buka­rest, damals als Ionel Dratianu noch lebte, jener Mann, der mit seltener Meisterschaft das parla­mentarische Klavier beherrschte und mit dem der Ministerpräsident Deniselos nicht nur äußer­lich sehr viel gemeinsam hat...

Erst ün zweiten Teile seiner groß angelegten Rede kommt Deniselos auf das eigentliche Thema zu sprechen. »He Germania" ist das Leit­motiv, der rote Faden, der sich durch den un­verständlichen Wust seiner verklausulierten Be­hauptungen und Dermutungen hindurchzieht .Deutschland hat... Deutschland wird ... Deutsch­land muß... und nun folgt ein Chaos von Zahlen: Pfunde, Dollar, Franken und Mark prasseln wie ein Hagelschauer auf die Zuhörer hernieder, immer aufgeregter fuchtelt der kleine Mann mit den Händen in der Luft herum, fast erinnert er an einen Jahrmarkts-Tausendkünstler, der die Goldstücke aus dem Richts herbeizaubert.

Der frühere Innenminister Zavihianos unter­bricht als erster den Redner. Don seinem Sih

strickenden Liebenswürdigkeit: .Merne Herren! Deutschland hat uns bisher in bar und in Datura etwas über 3 7 Millionen Mark gezahlt" wofür und warum, darüber geht der Ministerpräsident taktvoll hinweg .auf Grund des Doungplanes wird es uns im Laufe der nächsten 59 Jahre weitere 500 Millionen G oldm a r k zahlen: dieser Betrag, vermehrt um die bulgarischen, tschechischen und ungarischen Reparationssumme reicht nicht nur aus, um alle unsere Schulden an die Entente abzudecken, son­dern sichert dem Staate für die nächsten 36 Jahre eine jährliche Reineinnahme von 10 Millionen Goldmark, so daß als Liquidation des Kriege« für Griechenland ein Gesamtüberschuh von sechs und einer halben Milliarde Drachmen bleibt! Ein Erfolg, meine Herren, wie ihn vor sechs Monaten sich kein Mensch in seinen kühnsten Träumen hätte träumen lassen, ein Erfolg, der zum guten Teil .auch" meinen geschickten Mitarbeitern im Haag zu ver­danken ist!"

Im ersten Augenblick verblüfftes Schweigen, dann bricht ein Beifallssturm los, wie ihn die Bule wohl noch kaum erlebt hat. 6,5 Milliarde Drachmen Reingewinn!! Wer wagt da noch zu behaupten, der Weltkrieg sei für Griechenland ein schlechtes Geschäft gewesen? Sito Deniselos! Es lebe der Ministerpräsident! Don allen Seiten umdrängt und beglückwünscht ver­läßt der kleine Mann die Tribüne. In der Tat! Ein großer Tag! Ein großer Erfolg! Richt ein­mal Kondylis hat sich geregt!

Auf Flügeln rast die Siegesbotschaft durch die Stadt, in allen Kaffeehäusern wird sie von den Athenern eifrig diskutiert, getreu den Worten des

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Frankreich versucht die Flottenkonferenz zu torpedieren^

aus stellt er eine kurze und sachlich« Frage. Es klingt beinahe wie eine kalte Dusche: .Herr Ministerpräsident, reichen diese Summen, diese Zahlen, die Sie uns eben genannt haben, auch aus, um restlos im Laufe der nächsten 62 Jahre alle unsere Schulden an d i e Entente abzudecken? Das ist das Wesentliche!"

Deniselos fährt sich mit dem Finger durch den Kragen, rund um den Hals, holt einen Augenblick tief Luft und erklärt, weit über die Balustrade gelehnt, dem Interpellanten und damit dem hohen Hause unter Entfaltung seiner ganzen be-

Apostel Paulus, der von den Athenern sagte, daß sie gewohnt seien, täglich etwas Reues zu hören und täglich etwas Reues zu erzählen... 6,5 Milliarde!

An diesem Tage hat sich Athen sehr viel zu er­zählen, so viel, daß sich Deniselos genötigt sieht, bereits nach 24 Stunden wieder die Rostra zu besteigen, um sich mit feinen .defaitistischen Kri­tikern" auseinanderzusehen. Denn innerhalb 24 Stunden hat sich die Lage von Grund auf ge­ändert, an Stelle der Siegesstimmung hat d i e Ernüchterung Platz gegriffen, die Deniselos

Herbst m Apulien.

13on Albert H. Rausch.

ix.

Monopol!.

Aufbruch aus Bari morgens am neun. Ein großes Fafcistcnfest ist schon in vollem Gang. Aus allen Teilen Apuliens kommen die Gruppen des Fascio in der Hauptstadt zusammen, um die Ansprache des Pod.sta zu Horen. Aus den Straßen schallt Musik herauf, bricht sich bei plötzlicher Wende des Zuges im rechten Winkel und töm nach kurzer Zeit wieder auf. Die grau­grüne Uniform mit den goldenen Tressen, der hellblauen Seidenschärpe und der schwarzen Mütze ist schön an jungen, schlanken Menschen Die! edle Köpfe sehen wir an diesem Sonntagmorgen, viele Stirnen, Sch.äsen, Augen, an deren For­mung hellenisches und byzantinisches Blut mit- geholfen haben. Die Halle des Gasthoses ist so überfüllt von Herrey der hoh:n Behörden, daß wir fast Mühe haben, an unseren Wagen zu gelangen. Schließlich gelingt es. Auch unser Ge­päck ist verstaut, und wir können, langsam und vorsichtig, die Fahrt durch die überfüllten Stra­ßen beginnen Kein Mensch beachtet die Fremden. Hier hat sich seit dem Siege des Fascio ein Wandel in allen größeren Städten vollzogen, aber auch nut in ihnen Italien ist nur mit sich selbst bcschältigt Der Fremde zählt nur insoweit, als er dem umgcscha denen Staate nützlich ist- Aeußert er aus Ueberzeugung Zustimmung, ja Liebe zu der neuen Lage, so findet man das natürlich. Enthält er sich irgendeiner Meinung, wie es die mindeste Pflicht der Höflichkeit vor­schreibt, so kann diese Zurückhaltung schon leicht als Mange! an Wohlwollen gedeutet werden. Und eben gerade in einer solchen Auffassung äußert sich die rührende und immer wieder be­zaubernde Kindlichkeit dies s bezaub.r den Dol- kes Wir sprechen lange über all diese Dinge. Doch sind sie verflogen in dem Augenblick, als wir in der Stadt ankommen, die wir uns für diesen strahlenden Sommersonntag ausgesucht hoben, in Monopols, der weihen, der dreimal weihen, der Magnolienblüte an der apulischen Adriaküste Manche ziehen ihr das nahe Polig- nano vor, ich habe diese Dorliebe niemals teilen können. Wollte ich mir die Dision nordafrikani- scher Küstenstädte au! europäischer Erde g.ben. so kam ich hierher Und wurde niemals enttäuscht ja sogar verzaubert bis zum Vergessen des Erd­teiles, in dem ich in Wirklichkeit noch war. Es kann einem in Monopols leicht geschehen, dah

sreundliche und auf ihre Stadt stolze Bürger. I die man um eine Auskunft bittet, den Führer machen. Das ist niemals ein Gewinn, so gut es auch gemeint sei. Man wird einen Dorwand suchen, dieser Führung zu entrinnen und sich allein auf die Wanderung begeben. Man wird sich von nichts anderem leiten lassen, als dem. was gerade lockt, wie der Blick es ersaht.. Man wird nichts anderes unternehmen, als diese Wanderung in Weih unter dem Lasur des Him- mels, über dem Lasur des Meeres Man sah. wie die Bucht verläuft, an deren Rund sich die Stadt anschmiegt, also weih man auch, wie die Stadt - rneerwärts - gelagert und in ihren Gassen geschichtet ist. Der höher gelegene Teil, der sich nach den Geleisen der Küstenbahn empor- zieht, hat breite Strahen mit sehr niedrigen, weihen, manchmal blaßblauen oder blauroten Säufern. Hier und da schwankt ein Palmenwipsel über flachem Dach Die Schlagschatten aus den Wänden sind tief und dicht violetter Samt. Diese Straßen verlaufen in einem Weißen. Unend­lichen. Weht nur ein wenig Wind, so verhüllt ein ruhlos tanzender, dünner Kalkstaubwirbel die Stollen, wo die letzten Häuser der Luft den Zutritt von allen Seiten freigeben. Oft scheint es, als ob ein Wagen nahe oder davoneile: aber es naht sich niemals ein Wagen . Rur der Wind treibt fein Spiel mit der ausgeglühten Erde und läßt die unaufhörlich bröckelnde erst ruhen, wenn er selbst in ferner Meeresdämmerung schlafen ging.. Eine gewaltige Piazza hat diese obere Stadt... Als ob hier alle Abende, um die Stunde des Angelus, viele Tausende von Män­nern nach getaner Arbeit Raum finden müßten für das ordnende und überschauende Gespräch Run, in der heißen, schattenlosen Sonntagfrühe ist er ganz leer. Brennender Flugsand hebt sich im kaum zu spürenden Hauch der süd- lichen Lüste, will weiter in die Bläue hinauf, hat die Kraft nicht mehr, sinkt zum Boden zurück, fortrieselnd, bis ihn ein neuer Atemzug des Aethers abermals aufnimmt und zu neuem Anlauf treibt, aber nun schon ferner, dort unten, der Häuserfront entgegen. Wie in das Innere, Kühle eines Sommerhauses, mit tiefgesenkten Läden trittst du ein. sobald du diesen großen Platz hinter dir ließest und nun eine der schatten- vollen Straßen gegen das Meer hinabschreitest So legt sich auch die Kühle (die warme Kühle nach dem Brand- auf deine Schultern, wenn du in Tunis oder Tripolis, in Sousa oder Kai- rouan in die Souks. in die Basare einbiegst. Wer hier, in den Seevierteln von Monopoli. ist alles Leben tot am Sonntag, der noch dazu ein Dolksfeiertag ist. Rur das Licht lebt, und seine Schatten leben und manchmal, in ihrem

Doppelspiel, ein Feigenbaum, über den Rand eines weihen Würfels geneigt, in seinem uner­schütterlichen Grün, oder ein Granatapfelbaum mit ziegelroten B üten. aus einem Binrenhos her- voricuchtend, oder ein paar blaue Winden mit roten Zungen, über einem getünchten Torbogen nieder hängend. Und schliehlich lebt, am Ende dieses Gassen- und Hosgewirrs, durch das du hin- und wiederschlenderst, das Meer .das plötz­lich da ist, und allen Traum von Weih und Weih in seiner Bläue-ohne-Mah verschluckt... Aber du brauchst ihm nur den Rücken zuzuwenden: und du hast, gegen einen feindliche, blahgelben Glockenturm - den einzigen R.b.llen in diesem All von Weiß zusammengeschlossen, wieder die große, offene, betörende Magnolienblume, um die dich das Meer betrügen wollte. Rimm seitliche Stellung und du hast beide in deinem Auge, beide in deinem Blut. Sie sind ein Eines. Run spürst du es in deinem Blick selbst. Sie sind die flammende, verz.hrende Doppelblume Apu­liens. die sich in deine fernsten Träume neigen wird.

Gefährliche Maskenfreiheit.

Don Max Sidow.

Wie Politik oft nur einem tollen Mummen­schanz gleicht, so muh sich anderseits groheStaats- kunst selbst eines Fastnachtstreibens zu bedienen wissen, um die Maske des Gegners auf kluge Weise zu entlarven. Das bewies Georg !., als er, großmütig aus Politik, ein unbedachtes Wort lächelnd verzieh und gleichzeitig mit einer schlag­fertigen Antwort sich Beifall und Freude selbst aus den Reihen feiner Feinde erwarb. Als er, der erste englische König aus dem Hause Han­nover, kaum den britischen Thron bestiegen hatte, mußte er den Aufstand der Jakobiten unter­drücken, die den rechtmäßigen Kronprätendenten Jakob III. zurückgerufen und zum König prokla­miert hatten. Georg siegte: der Prätendent floh nach Frankreich, die Vornehmsten seiner Freunde und Parteigänger wurden gefangengeseht, und vier von ihnen dem Henker überliefert. Obwohl der Aufstand nun niedergeschlagen und die Hoff­nung der Jakobiten vernichtet war, gab es doch in allen Provinzen des Reichs und selbst in der Hauptstadt noch Leute genug, die. mit den ge­gebenen Verhältnissen unzufrieden, dem vertrie­benen Prinzen die Treue bewahrten.

Roch war das Blut der Hingerichteten Ver­schwörer kaum verraucht, als man in London ein großes, glänzendes Maskenfest veranstaltete, zu dem auch der Hof erschien. Georg, der einen

Domino trug, wie es deren Hunderte im Saale gab, wäre in seiner Verkleidung kaum erkannt worden, wenn nicht der Respekt, mit dem (eine Begleiter ihn umgaben, den König in der un­scheinbaren Maske vielen verraten hätte.

Wie immer in unruhigen Zeiten, in denen die politische Meinung und Widermeinung sich schroff und gewalttätig begegnen, überstieg auch damals, im England von 1716, die Lust an sorglosen Ver­gnügungen und prunkvollen Festlichkeiten alles Maß. In den von vielen Kerzen strahlend er­hellten Räumen, an den mit tausend Leckereien und köstlichen Weinen überladenen Tischen, im bunten Tanz der Masken drängten und mischten sich Jakobiten und Anhänger des Königs, Hof­leute, Kaufherren und schöne Frauen. Die Politik schien vergessen, Maekensreiheit war proklamiert, der Strudel von Lust und Freude zog alle in seinen erregenden Rausch.

Run geschah es bei diesem Fest, daß der König an einer Colombine Gefallen fand, die ihn nicht erkannt hatte, und von der auch er nichts anderes wußte, als daß sie mit einer prachtvollen Gestalt einen lebhaften Geist vereinte und zugleich, wenn die neidische Larve nicht trog, ausnehmend schön sein muhte. Georg tanzte mit ihr, und als die ilnbefannte, durstig und ein wenig müde, am Schanktisch einige Erfrischungen zu sich nehmen wollte, begleitete er sie und füllte höflich zwei Gläser mit goldigstem Wein. Während er aber den Kelch hob, um ihn auf das Wohl feiner Tänzerin zu leeren, kam sie ihm zuvor und sagte, indem sie Georg auf eine heimlich-vertrauliche Weise ansah: »Maske, trinken wir auf die'Ge­sundheit des Prätendenten!"

Der König schw«nkte lächelnd sein Glas, dah es klingend ans andere schwang, und, Blick und Trink, pruch erwidernd, rief er laut und ohne das Zögern der lleberraschung:Ich trinke von gan­zem Herren auf das Wohl aller unglücklichen Prinzen I ilnö damit leerte er den Kelch, wobei er freilich sich abwandte, um nicht, während er zum Trinken die Larve lüftete, von der unvor­sichtigen Colombine erkannt zu werden.

Da aber in diesem Augenblick viele das Paar umdrängten, die den König erkannt und nun auch seine Erwiderung auf den Toast der Dame verstanden hatten, wurde diese Antwort, die sich zudem mit erstaunlicher Schnelligkeit rings ver­breitete, von allen Seiten lebhaft beklatscht. Man bewunderte die Geistesgegenwart Georgs eben­sosehr, wie man seine Güte rühmte: und während die schöne Colombine längst im Maskerrtrubel untergetaucht war, feierte man den klugen König noch immer mit lautem Beifall.