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Nr, 45 Zweiter Blatt Giehener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)5am§tag, 22. Sebruar 1950

Roggenbrot oder Weizenbrot?

Eine Lebensfrage des deuffchen Voltes.

Von Professor Dr. Opih, Rektor der Landwirt, schafilichen Hochschule, Berlin.

3n den beiden letzten Jahren hatte Deutsch­land gute Ernten zu verzeichnen. Jeder ver­nünftige Mensch sollte denken, dah diese Tat­sache sich aus die Konjunkturentwicklung in der Landwirtschaft günstig ausgewirkt hätte. Das Gegenteil ist der Fall! Der einzige Erfolg der guten Ernten war der: die Getreidepreise sind noch tiefer gesunken und Rog­ge n hat heute nur noch 95 -97 Prozent seines Dorkriegspreises. Trotz dieser außerordentlich niedrigen Preise liegen die Getreidespei­cher übervoll. QIm Roggenmarkt ist eine be­ängstigende Stauung eingetreten, und Roggen ist in der Menge, wie er geerntet wird, einfach nicht zu verlaufen. Aber während Deutsch­lands Getreidespeicher überfüllt sind, rollen aus dem Ausland Tag für Tag Getreidezüge heran, die uns fremden Weizen ins Land bringen Das Ausland macht mit uns ausge­zeichnete Weczcngeichäfte die jährliche Wei­zeneinfuhr Deutschlands erreicht zur Zeit etwa oreiviertel Milliarden Marl! und unser Bauer muh darben, weil der Deutsche meist kein in­ländisches Roggenbrot, sondernaus­ländisches Welzenbrot ißt... Obwohl Roggenbrot bei weitem gesünder ist als llHeizen- brot.

Wit tiefer Erschütterung beobachten wir Wissenschaftler seit Jahren diese paradoxen Er­scheinungen, diese ungesunde und schädliche Ab- fahentwicklung auf dem deutschen Getreidemarkt. Trotzdem haben wir leider bisher mit Erfolg nicht dagegen ankämpfen können, denn die Ueber- handnahme des Weizenbrotkonsums in Deutsch­land ist geradezu eine Modekrank­heit. Wir wünschen von ganzem Herzen, daß ein Propagandafeldzug, der das Volk über den Widersinn dieser Marktentwicklung aufklären soll, Erfolg haben möge.

Der deutsche Boden eignet sich bekannt­lich zum größten Teil ausgezeichnet für den Roggenanbau, während die Weizenproduktion bei uns von viel geringerer Bedeutung ist. Deutsch­land erntete im Jahre 1929 33,5 Millionen Doppelzentner Weizen, dagegen 81,5 Millionen Doppelzentner Roggen! Weizen wird eingesührt, Roggen ist unverkäuflich... Zum Deiweis da­für, daß das Anwachsen des Weizenkonsums wirklich eine Modekrankheit ist, ein paar ver- §leichende Zahlen' Das deutsche Bolk hat vor em Kriege 56 Kilogramm Weizenmehl und 65 Kilogramm Roggenmehl jährlich pro Kopf der Bevölkerung verbacken. Heute stellt sich der Weizenverbrauch zwar immer noch auf 56 Kilo­gramm, der Roggenverbrauch ist aber pro Kopf von 65 Kilogramm aus 52 Kilogramm, also urn beinahe 20 Prozent, zur ückgegangen. Diese 20 Prozent sind entscheidend gewesen für den Riedergang unserer Landwirtschaft. Ge­lingt es, den Roggenverbrauch um diese 20 Pro­zent wieder zu heben und den Roggenpreis da­bei nur einigermaßen zu stützen, dann kann und wird unsere Landwirtschaft wieder gesunden. Steigerung des Roggenverbrauchs, Abkehr von der ausländischen Wei­zeneinfuhr, das ist heute eine der wich­tigsten Existenzfragen der deutschen Landwirt­schaft Keines der Mittel moderner Reklame darf ungenutzt werden lasseir, um dieses Ziel zu erreichen.

Eines vor allem mutz unserem Volk immer wieder eingeprägt werden: Roggenbrot ist ge­sünder als Weizenbrot! Wenn man nicht daran gewöhnt ist, mag es in der ersten Zeit aller­dings etwas schwerer verdaulich sein als Wei­zenbrot, aber der Magen gewohnt sich sehr rasch an die Veränderung. Die großen Vorteile des Roggenbrotes liegen gegenüber dem Weizen­brot nicht zuletzt im weitaus stärkeren Gehalt an Vitaminen. Außerdem sät­tigt Roggenbrot mehr als Weizenbrot, es

schmeckt herzhaUer und reinigt wegen der stärkeren Kautätigkeit besser die Zähne. Außer­dem bringt ständiger Genuß von Weizenbrot die große Gefahr der Hartleibigkeit mit sich, wäh­rend das Roggenbrot eine gute Verdau­ung fördert. Das alles sind Ernährungsmo­mente von wesentlichster Bedeutung.

Die Rückwanderung zum Roggenbrot ist heute sozusagen eine nationale Frage. Ein­dringliche logische Argumente werden unterstützt von stärksten Argumenten des Gefühls. Land- Wirtschaftler wie Volkshygieniker vereinigen heute ihre Stimmen in dem Ruf.E h t mehr Rog­ge n b r o t." Cs ist tatsächlich so, dah davon, ob wir täglich ein paar Scheiben Schwarzbrot, einige Salzbrötchen mehr essen, als bisher, das

wirtschaftliche Schicksal eines großen Teils des deutschen Volkes abhängen kann. Alle müssen helfen, die ungeheuren Vorräte in den Roggenspeichern zu leeren. Es darf nicht mehr geschehen, dah ein Teil unserer Ernten verfault oder verschleudert werden muh, während wir weiter treue und einfältige Abnehmer der aus­ländischen Weizenmärkte bleiben. Sehr viel ist in dieser Beziehung schon gesündigt worden, aber wir hoffen, dah ein grobzügiger Propagaickra- feldzug endlich dieser unnatürlichen Entwicklung auf deck! Getreidemarkt ein Ziel setzen und den Ruin von der Landwirtschast abwenden kann. Deshalb richten wir heute mit lautester Stimme an alle die Mahnung: Bringt den deut­schen Roggen wieder zu Ehren!"

Die Prunkschiffe des Kaisers Caliaula.

Eine vergoldete Zanus-Säule, die

Das erste aus dem Nemisee gehobene Schiss. auf dem zweiten Schiff gefunden

wurde.

Fehlende Gewallenieilung in der FmanzpoM.

Eine Kernfrage deutscher Staatswirtschast.

Von Or. Josef Winschuh.

Der Fall Schacht wirft über seine aktuelle Bedeutung hinaus Licht auf einen kritischen Punkt der deutschen Politik, auf eine brüchige Stelle in der Struktur des deutschen Parlamen­tarismus. Er lehrt zunächst politische Bio­logie, und zwar nach zwei Richtungen. Wenn die zuständige Führung versagt 'und ihr Kapital an Vertrauen vergeudet, wird die führungsbe­dürftige Ration sich aus gesundem Instinkt stets der Persönlichkeit oder S^lle gefühlsmähig zuwenden, die überhaupt Tatkraft, Füh­rung und Härte zeigt. Sie wird sich dabei nicht viel darum kümmern, ob diese Führung sich in jedem Falle der richtigen Mittel und des richtigen Augenmahes bedient und ob sie die Grerczen ihrer formal politischen Zuständigkeit stets innehält. Wenn die zuständige Führung versagt und somit ein Leerraum an Auto­rität und Tatkraft entsteht, wird ferner der an sich nicht zuständige, aber verantwortlich fühlende und starre Rebenspieler stets die natür­liche Versuchung empfinden, in diesen Leerraum vorzustoßen und ihn auszufüllen. Cs ist möglich, dah er dabei einmal mit dem Staats­gerichtshof in Konflikt kommt; vor der höheren Verantwortung der Geschichte wird er in seinen Motiven st e t s bestehen können. Wir haben diesen Vorstoh an sich unzuständiger Kräfte in einen Leerraum politischer Tatkraft und Führung schon einmal im Kriege erlebt, als die poli­

tische Führung unter unentschlossenen Kanzlern versagte und daher die mit stärkerem Willen ausgestattete Oberste Heeresleitung auch die deut­sche Gesamtpolitik formte, anstatt wie unter Bis­marck nur scharfes Instrument im Dienst eines Staatsmannes mit konstruktiver Phantasie zu fein, der sein Werkzeug auch im Rotfall traft feiner Autorität zu bändigen versteht. Kein Para­graph, keine Institution wird dies lebendige Rin­gen der Kräfte, die Verdrängung der schwächeren politischen Kraft durch die stärkere Autorität bannen können. Will man solche Eingriffe und Verschiebungen mit ihren unvermeidlichen Ver­wirrungen beseitigen, nützen keine Formalien, sondern hilft nur d i e Einheit von Amt und Persönlichkeit. Wit andern Worten: Cs muh dafür gesorgt werden, dah diejenige Stelle, die verfassungsmähig Auftrag und Ver­antwortung Hai. zu führen, auch wirklich von Personen besetzt wird, die Tatkraft, Autorität und Führung verkörpern. Eine Reform kann dem­nach nicht darin bestehen, starke Persönlichkeiten im politischen Reben- und Hilfsbetrieb, die sich in Angelegenheiten einer schwachen Regierung mischen, zu beschränken ober gar in die Wüste Alt schicken. Sie kann nur darin bestehen, starke Persönlichkeiten in die Regierung zu nehmen und sie so führen zu lassen, dah Rebenkräfte nicht hoch kommen und ihre Ein­mischungen unnötig sind. Verfährt man umge­

kehrt, macht man das Figurenkabinett der deut­schen Politik nur noch persönlichkeits­ärmer, als es heute ist.

Roch wichtiger ist aber eine andere Einsicht, die der Fall Schacht vermittelt. Wir haben in der Konstellation der politischen Kräfte kein Organ mehr, dessen Ausgabe darin besteht, von Berufs wegen und aus Tradition ständig wie ein mißtrauischer Cerberus die Etatswirt- schast zu überwachen und im Prinzip stets gegen Steuererhöhungen und neue Ausgaben zu sein Vor dem Kriege war das der Reichstag; das Steuerbewilli­gungsrecht und die Ctatskritik war seine einzige große, aber auch eifersüchtig blankgehaltene und oft angewandte Waffe. Die Krone forderte neue Steuern an, wies die Rotwendigkeit neuer Ausgaben nach, das Parlament fühlte sich als Beschützer der Staatsbürger und ihrer Börsen gegenüber einem allzu begehrlichen Staat. A1 s Gegengewicht zur Regierung, deren Abhängigkeit vom Reichstag eben darin bestand, daß sie ihn für Gesetze und vor ollem für neue Steuern brauchte, wurde der Reichstag in diese Rolle hineingedrängt und erfüllte sie wachsam und kritisch. Diese Ausgabe erfüllt er heute nicht mehr, wo er eins mit der Regierung ist, die ja nichts anderes als einen Parlaments­ausschuß darstellt.

Da der alte Reichstag bei der Verabschiedung des Etats und der Bewilligung von Steuern der Regierung am besten Zähne und Macht zeigen konnte, entwickelte er auch auf diesem Gebiet stets ausgezeichnete Kenner des Haushalts, die auch seine verborgensten Falten kannten und in den Amtsstuben ge­fürchtet waren. Crzberger war ein erfolg­reicher Schüler dieser Tradition; er wußte, daß auch in der Politik die Verfügung über das Geld und die Fähigkeit, seine Quellen, Transaktionen und Anlagen zu übersehen und zu beherrschen, immer stärkste Macht bedeutet. Außerdem bestand damals eine Scheidung zwischen Parla­ment und Beamtenschaft, eine Trennung, die sowohl der Klarheit der Ctatsgebarung wie der ständigen notwendigen Kritik am Etat sehr förderlich war. Heute fehlt diese Trennung und mit ihr auch jene Klarheit und Cindring- lichkeit der Kritik. Als Kritiker der Etats treten vielfach Beamte auf, die man für Fachleute hält, weil sie eben Beamte und demnach Kenner dec Verwaltung sind. Daß diese Eigenschaft noch keineswegs zur Ctatskritik ausreicht, daß sie zuweilen sogar eine ernsthafte Kritik unter­bindet, leuchtet ein So kommt es, dah wir im heutigen Parlament kaum eindringliche und von der Dureaukratie gefürchtete Etatskritiker haben. Will man heute eine interessante, wirklich zer­pflückende und auch in die Kuljsse hineinleuch- tende Ctatskritik lesen man hört sie ja nicht mehr so muß man sie in gewissen Zeitschriften suchen, findet sie dann allerdings meist im Dienst einer politischen Tendenz. Das zeigt auch schon die künftige deutsche Entwicklung an; an Stelle des Reichstags, der in weitem Maße auf Grund feiner ganzen Atmosphäre und Zusammensetzung unsähig zur eindringlichen Ctatskritik geworden ist, muß und wird diePresse als Sachwalterin des Bürgers und Hüterin der Publizität treten. Vorläufig steckt diese Entwicklung noch in den Anfängen.

Die Rolle eines indirekten Betreibers der Finanzreform und eines Gegners neuer Aus­gaben und Schulden, in die Schacht durch Ver­hältnisse und Verantwortung hineingezwungen wurde, ist nur möglich und verständlich auf dem Hintergründe eines politischen Systems, das nicht mehr wie früher in dem Gegen­spiel von Regierung und Parlament selbst die Kräfte und Bürgschaften für eine zurückhaltende Steuer- und Ausgabenwirtschaft enthält. Auch hier ist ein Leerraum entstanden, in den eine Kraft wie Schacht notwendig vorstoßen mußte. Außer der alten Montesquieuschen Teilung dec Gewalten: Gesetzgebung, Rechtsprechung und Ver­waltung, deren richtige Arbeitsteilung für das

Münchener Faschingserinnerungen.

3on Karl Wolsstehl.

Ob der Fasching früher schöner war als heute, ob er ungebundener war, ob die Fröhlichkeit mehr von Herzen kam, die Laune phantastischer spielte, kurz ob es faschingSmäßiger zuging beim Münchener Fasching: wer möchte darüber ur­teilen? Wer viel mitgemacht hat, Jahre, ja Jahrzehnte durch immer wieder in diesen tollen Wochen unterging ober aufging, wie man will, der weih zu gut, von wieviel Gelegentlichem, Unber.chmbarem das Fasch.ngscrl>.bnis genährt wird, und wie auch schon früher erfüllte und obere Fafchingsjahre miteinander abwechselten keiner konnte sagen warum. Ein wahrhaft dä­monisches Geschick bestimmt die Faschingswochen und ihre einzelnen Höhepunkte. Man wußte und weiß nicht, warum dies ober jenes Fest im Vorjahre aller panischen Mysterien Schauplatz gewesen ist, diesmal unterm tristen Zeichen Sankt Gähnians steht, um bann im lommenben vielleicht toieber das anerkannt ..schönste van allen" zu werben. Ein paar äußere Momente lassen sich manchmal mit Händen greifen (aber dach nicht ändern!) Wenn auf einem der großen öffentlichen Feste gar zu viel durchs bunte Maskenzeichen ihre Alltagsbürgerlichkeit noch überbetonende bessere Herren das bunte Bild beschatten, wenn gar zu viel neulingshaftes Reden und Benehmen sich breitmacht, oder wenn die(Heue Sachlich­keit" Mannsleute und Weibervolk dazu bringt, sich im voraus zu sichern, d. h. wenn man mit Seinem oder Seiner nicht nur über die Schwelle tritt, sondern das Pärchen einen Abend lang beieinander bleibt, bann allerdings kann kein richtiges Fest gedeihen. Besonders die letzt­genannte Faschingssünde ist gefährlich. Früher war es fast Gesetz, dah man während einer Faschingsnacht einander nicht nur nicht störte, sondern überhaupt nicht sah. nichts voneinander wußte. Man kam sofort und ungestüm in den Strom, wirbelte mit, tanzte mit allen, war selig mit vielen, ging auf im allgemeinen Gewoge und hatte eher Angst, sich durch ein Augenblicks­erlebnis gänzlich zu isolieren. Mittun wollte man, teilhaben an allem, an der Gesamtlust, der mit Worten gar nicht wiederzugebenden schwelge­rischen Gehobenheit. in der jeder einzelne sich

stärker, schöner, freier fühlte. Die Kargen ober Selbstischen kamen freilich auch bamals nicht auf ihre Rechnung. Aber wie selten waren fiel Cs Hingt unwahrscheinlich, aber wirklich es ist so: die Faschingsjahre, deren ich jetzt gedenke, taten fast allen gut. Das Herz schlug freier, schmieg­samer wurde der Sinn, freundlicher der Blick. Wenn man wohl gesagt hat, das Münchener Leben - freilich war dies ein Dorkriegslob - Las Münchener Leben vermenschliche jeden, mache den einzelnen naturnäher, verstehender, freudiger, auch der Zugezogene wandle sich in diesem Zau­ber, so hat der Fasching daran vor allem teil­gehabt. Ich glaube, jeder pflichtet mir bei, der etwa der nun auch entschwundenen Schwabinger Dauemlirchwcih sich entsinnt. Bei diesem Fest, das Winter um Winter den Mittelpunkt, man könnte sagen, die eigentliche Kultfeier des ganzen Faschings gebildet hat, schien der Geist der Landschaft selber geheimnisvoll am Werk. Das Städtische, die soziale Gliederung, die Scheide­wände von alt und jung, von fremd und ein­heimisch: alles zerbrach oder war wie wegge­flammt. Diese Burschen und Dirndeln, diese Hofbauern und Bäuerinnen waren eine Rächt lang tatsächlich das, wofür sie sich gaben. Bauern, das Bauernland, hatte gesiegt, der baye­rische Bauer erstand in jedem einzelnen, echte Scholle hatte ihn geboren, und was vor sich ging, war echte, altderbe, altheilige Kirchweih­lust. Kein Fest trug so wenig das Gewand der Maskerade, der willkürlichen oder einmaligen Selbstveränderung Echtheit^ grade gab es frei­lich, und darin, in der Verwirllichung, konnte man einander übertrumpfen. Verpönt aber war alles, was nach Zufall oder Willkür schmeckte. Selbst geistreiche Masken, die nicht hinein» paßten, wurden mitleidslos und höhnisch wieder hinausspediert. Auch dies ein Beweis für den geheimen Zwang, der hier fast unbewußt gewaltet hat Aber jeder Bua und jedes Gänseliesel waren willkommen, wie simpel auch die Stasfierung war und freilich, wer tanzen wollte, tat besser, sich derart leicht zu überdauern, während die vielen echten Trachten mehr den würdigeren Jahrgängen lang­sameren Blutes und Tanzbeins zukamen und anstanden. Diele Trachten waren oftmals heilig- gehaltene Familienerbstücke, hundertjährige, schwerwattierte und faltenreiche Seidenröcke, Gold° und Spitzenhauben, grellfarbig und doch geschmackvoll gemusterte Wieder und Drusttüch- lein sowie herrlicher alter Filigranschmuck bei

den Frauen, ilnb wer sich ausstatten muhte für den einen Abend, dem stand in mehr als einem Leihgeschäft eine unerschöpfliche Auswahl echter Stücke zu GeboL Keines dec Faschingsbilder, die in meiner Erinnerung leben, kommt dem der Dauemkirchweih gleich. Und heute noch schlägt mir das Herz, wenn ich daran denke, wieviel Wüh und Eifer ich in meinen ersten Münchner Jahren daran setzte, Einlaß zu bekommen. Denn die Bauemkirchweih war ja das Fest der Münch­ner Künstlerschaft, man war wählerisch und streng, wollte möglichst unter sich sein und ein bloßer" Dichter und Schriftsteller wie ich, be­durfte empfehlender Protektion, muhte sich be­währen, ehe es selbstverständlich wurde, dah man teilnahm, und von selber durch eines der prachtvollen Einladungsblätter sich das Tor vor einem auftat. Run, jegliche Mühe war belohnt, nein vergessen, wenn man von fern schon an- gelockt durch diezünftige" Musik in den ver­schneiten Garten bog, eingelassen wurde, drinnen war. Gar zu früh zu kommen, war gegen das ungeschriebene Gesetz, aber von zehn Uhr abends bis weit, weit nach Mitternacht währte in diesen glücklicheren, polizeistundenlosen ßäuften, in ab­wechselnden Spannungsstärken, stets aber einen jeden von uns erfüllend, die gleiche Fröhlichkeit.

Soviel habe ich von der Bauemkirchweih ge­sprochen. nicht nur, weil die Erinnerung mir überquillt, wenn ich ihrer gedenke, weil man eigentlich gar nicht aufhören kann, von ihr zu erzählen vor allem doch, weil in ihr das Ge­heimnis des Münchner Faschings so ganz deut­lich wird, jenes Geheimnis das ihn auch vom rheinischen und anderen Karneval abhebt. Cs ist die sonderbare, Leben verwandelnde, LLben befreiende Wirklichkeitsnähe, der bei allem Witz, aller Laune, das eigentlich Rärrische im Sinne z. B. des Kölner Jeckentums fremd, fast unver- ftänblid) ist. Weswegen es auch hier selbst in den erfülltesten Faschingsjahren, nicht eigentlich das tolle Strahentreiben gegeben hat, das die rheinischen Städte für drei Tage so bunt über­zieht. Der Münchner Fasching, wenigstens wie er war und wieder werden sollte, läht den Men­schen Au sich selber kommen und gerade darum ist er früher die Angelegenheit aller gewesen, für die man Betten und Hausrat verpfändete, um nur mittun zu können. Und für wieviele ist er eine Lebensschule geworden! Wieviel Sprödheit und Scheu, wieviel Angst und Verzagen, wieviel Hemmungen hat er weggeschmolzen bei Männ­lein und Weiblein. Jeder konnte spüren und

zeigen, was an ihm war, was er konnte, wieviel Ausdauer er besah. Oh, diese durchtanzten Rächte! Sport war es nicht, und kein Rekordkrampf be­lohnte das unermüdlichste Paar. Aber man selber war frischer, heiterer, leichter, lebenstüchtiger nach einer solchen Rächt. Wenn man der Schwabinger Brauerei, wo ja die schönsten öffentlichen Feste ihre Stätte hatten, frühmorgens wehmütig und doch lächelnd sich enthob, im Cafe Benz, das damals noch nichts von einem Kabarett an sich hatte, mit der Schar den schwarzen, heißen Trank schlürfte, dann war dies kein Ende eines Festes. Es ging so weiter. Wer Zeit hatte, fuhr ins Isartal, die letzten Rachtnebel sich wegblasen zu lassen vom Dergwind. Wen es in Amt. Atelier oder Studierstube trieb, der ging ans Werk, als läge nichts hinter ihm. Geschlafen hat keiner, frisch blieb ein jeglicher. So ging es Wochen durch. Bis mit dem Aschermittwoch das unver­meidliche, dama s wirklich noch streng eir.gehaltene Ende, die bunte Wirklichkeit umschuf zur grauen. Aber im Blut lebte sie fort und in den Sinnen, jene unbegreiflich schwellende, fruchtbare Zeit. Und sie hat nicht nur mich, sie hat viele, von denen ich weiß, mitgestalten helfen. Und wie ist sie in mir geblieben. Wieviele Feste erstehen in meinem Gedächtnis!

Ein napoleonisches $orf zu verkaufen!

Zwischen den Inseln Aix und Oleron erhebt sich ein Fort, das eine alte Geschichte, ein ver­wittertes Aussehen und einen billigen Preis hat. Dieses Fort wurde von Rapoleon I. in Austrag gegeben, und zwar aus strategischen Gründen gegenüber der Insel Aix. Die Ge­schichte berichtet, daß der Korse am 5. August 1808 den Dau besichtigte; aber dann ruhte ec vierzig Jahre lang, um erst 1859 vollendet zu werden. Jetzt wird dieses Fort zum Derkauf oder zur Miete für irgendeinen Sonderling aus- geboten. Die Fortschritte der Artillerie haben es überslüssig gemacht und die hohen Unter­haltungskosten bewiesen, dah es unrentabel sei. Richt einmal als Gefängnis lohnte es. Wer wünscht ein Fort zu erwerben? Billig, billig ein Fort, das Rapoleon bestellte. Rur das Meer und die Stürme nagen so verteufelt stark an den Festen, dah es möglich ist. eines Tages das billige Fort mitsamt dem Mieter fortgeschwemmt zu sehen, verschlungen vom Rachen Reptuns.