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Nr. 18 Zweites Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)Mittwoch, 22. Januar 1950

Zur Steuerpolitik.

Von Dr. Otto Leibrock.

Die Auffassung, daß die Steuermacherei der letzten zehn Jahre keine produktionssteigernde Wirkung erzielte, wohl aber die Produktion in ihrem Ertrage verringert hat. ist heute Allgemein, gut weitester Kreise des 3n- und Auslandes. Durch die Steuergesetzgebung ist die Produktions- freudigkeit vollends gelähmt worden. Steuer- pflichten reihen sich an Steuerpflichten, durch Die sich der Steuerschuldner nicht mehr allein durch­finden kann. Steuerspezialisten stehen ihm gegen entsprechende Honorierung zur Verfügung. Es gibt wohl heute keinen Betrieb mehr, der sich nicht fachmännischen Rates bedienen müßte, um nicht infolge dieser oder jener Einzelheit straf­fällig zu werden. Der Steuererheber steht bei der Lohnzahlung, bei jedem Honorar, bei jedem Unternehmergewinn. An der ungeheure Summen verschlingenden achtzehnfachen Parlamentsspielerei und -regiererei in den Ländern, die auf dem Bo­den der ersten nachkriegszeitlichen Finanzreform ins Kraut geschossen ist, muh auch das kräftigste und arbeitsfreudigste Bolk zugrunde gehen. Es gibt außer Deutschland keinen Staat, in dem die Unternehmungen eine solch schwere Steuerbürde zu tragen haben, eine Bürde, die gegenüber 1913 um das zehn- bis zwölffache gestiegen ist. Die Folge ist eine katastrophale Been­gung des Kapitalmarktes und durch den teilweisen Eingriff in die Substanz die Kreditaufnahme zum Zwecke der Steucrzahlun- gen ist nicht selten eine Erschwerung, ja Ein- schnürung der Produktion. Von selten des Fiskus wird immer wieder übersehen, daß die Höhe der Kapitalbildung in unserer Wirt­schaftsverfassung im wesentlichen vom freien Ent­schluß der Individuen und der Unternehmungen abhängt und außer durch Abweichungen im Spar­samkeitsgrad in erster Linie durch den Umfang der nach Abzug der Steuer verbleibenden Einzel­einkommen bestimmt ist. Immer wieder wird zu wenig beachtet, daß die Beengung des Spiel­raums für die Kapitalbildung das große Zu­schußbedürfnis der Kapitalversorgung läßt dies erkennen der Grenze des erträglichen sehr nahe gerückt ist. Ergibt sich doch bei vorsichtiger Schätzung eine Gcsamtbelastung der deutschen Wirtschaft mit Steuern und sonstigen Lasten von über 20 Milliarden Mark bei einem Sozial­produkt von rund 60 Milliarden. Ein Drittel des Volkseinkommens wird also von vornherein weggenommen. Das ist nicht nur ein ungewöhn­liches, sondern ein ungesundes Verhält- n i s, das allerdings größtenteils durch die hohen direkten und indirekten inneren und äußeren Kriegslasten bedingt ist.

Aber nicht nur die Produktionsfreudigkeit ist gelähmt worden, sondern auch der Sparsinn der Bevölkerung. Gewiß, die Spareinlagen weisen seit Iahren wieder eine steigende Tendenz aus. Indessen ist der Dorkriegsbestand der 20 Mil­lionen Cinlagenkonten noch nicht wieder erreicht worden-, ein Beweis dafür, daß nur ein geringer Teil der Bevölkerung überhaupt sparen kann. Dicht viel besser ist die Lage auf dem Hypotheken- und Pfandbriefmarkt sow'e bei den Depositen der Banken. Diese bestehen zum größten Teil aus kurzfristigen Einlagen, sind also nichts anderes als angesammelte Betriebsmittel der Wirtschaft. Kein Wunder, daß bei dieser Sachlage die Wirtschaft mit ihrer Ware infolge der überhöhten Belastung gegenüber den aus­ländischen Warenpreisen ins Hintertreffen ge­raten ist.

Fest steht, daß die Steuerlastbürde nirgends größer ist als in Deutschland, daß das deutsche Steuersystem nach dem Ausspruch eines Eng­länders eine Einkommens- und Vermögensbe­schlagnahme darstellt, gemildert durch Steuer- Defraudation. Während die ausländischen Einzel­wirtschaften sich der produktiven Kapitalsanlage widmen können, seufzt die .deutsche Wirtschaft unter der Steuerschraube, die einschließlich Der Zölle bereits die Höhe von 160 Prozent gegen­

über 1914 erreicht hat. Geschunden wird heute im besonderen Maße d e r M i t t e l st a n d. Er sitzt unter einer hydraulischen Presse. Sicherlich würde die Gesamtlage ein wenig erträglicher ge­worden fein, wenn den zwischen der Reparations- frage und unserer innerwirtschaftlichen Gesetz­gebung bestehenden Beziehungen rechtzeitig die genügende Beachtung geschenkt worden wäre.

Die Steuerpolitik, die getrieben wird, ist rein fiskalisch eingestellt, somit unsozial und wirtschaftsschädlich. Gewiß ist die grundsätzliche Vorstellung vom Vorrang des Ge­meinschaftsinteresses richtig. Falsch ist es aber, lediglich in quantitativen Maßstäben das ganze Heil zu sehen und die innere Mitwirkung der von bestimmten Gemeinschaftsideen getragenen Staatsbürger zu negieren. Bis jetzt wägte man nicht die verschiedenen Gesichtspunkte rein finan­zieller. volkswirtschaftlicher und sozialer Art mit­einander ab, sondern ließ sich allein von dem Willen zu schnellem und großem Steuerertrag leiten. Volkswirtschaftliche Fernwirkungen, der Einfluß der Steuergesehe auf Umfang und Ge­staltung der Produktion, auf die Bctriebsformen sowie auf den internationalen Wettbewerb blie­ben unberücksichtigt. Indem der Staat sich für Aufgaben einsetzte, die ihm nicht zukommen, die er nicht lösen kann, bei deren Durchführung sein Unvermögen und seine Machtlosigkeit zum Vor­schein kommen, hat er nach einem früheren Urteil des bekanntlich vorn Marxismus herkommenden Wirtschaftspolitikers Richard Calwer allen Be­teiligten bewiesen, daß er nicht zu fürchten ist. Im wirtschaftlichen Leben hat der Staat Treu' und Glauben zerstört, aber darüber hinaus hat er seine eigene Autorität untergraben, und seine Versuche, in dieser Beziehung durch neue Strafen oder besondere Gerichte Wandel zu schaffen, bleiben immer wieder erfolglos, weil er nicht genug Beamte zur Überwachung und Kon­trolle aufstellen kann." Dieses Urteil, das Calwer im Hinblick auf die soziale und wirtschaftliche Be­tätigung des Staates in der Zeit von 1918 bis 1924 fällte, hat zum Teil auch heute noch Gültig­keit. Daß der Staat noch heute bemüht ist, bis ins einzelne Verwaltungsfragen zu lösen, über die eigentliche Legislative hinaus bis zur Exe­kutive vorzudringen, ist sachlich nicht nur über­trieben, sondern geradezu abwegig. Solche die Grenzen der Gesetzgebung überschreitenden Be­stimmungen schematisieren, bureaukratisieren die öffentliche Verwaltung und verteuern sie.

Es soll an dieser Stelle nicht mit näheren Beispielen aufgewartet werden. Ein Gesichts­punkt sei jedoch unterstrichen, nämlich: daß diese Beispiele völlig im Einklang mit der noch aus der Inflationszeit stammenden Auffassung stehen, wonach die Einnahmen sich nach den Ausgaben zu richten haben. Daß dieser Grundsatz nun endlich einmal aus der öffentlichen Wirtschaft verschwinden muh, bedarf keiner näheren Begründung.

Ein weiterer Gesichtspunkt, um den der Kampf entbrannt ist, ist das Derhältniszwischen direkten und indirekten Steuern, über das sich wirtschaftliche und politische Urteile in höchstem Maße verwischen. Die Summe der ver­schiedenartigen Zwecke, die für jede Steuergesetz­gebung maßgebend sind, kann nur erreicht werden, wenn eine besondere Kombination von ebenfalls sehr verschiedenen Steuerarten zur Anwendung kommt. Das bedeutet, daß jede gerechte und zielbewuhte Besteuerung sich sowohl der direkten wie der indirekten Steuer bedienen muh. Dabei ist zu beachten, daß man die indirekten Steuern keineswegs als sogenannte bloße Ergänzungs­steuern aufzufassen hat, sondern daß sie im eigent­lichsten Sinne ebenso sachlich berechtigte Haupt- steuern wie die direkten Abgaben sind. Der be­kannte Finanztheoretiker Schacffle zog den feinen Unterschied, daß die direkten Steuern die Steuer- fräfte des einzelnen unmittelbar, also im Ver­mögen und Einkommen, die indirekten Steuern

aber die Steuerkräfte nach Tatsachen und Vor­gängen erfassen sollen, die auf eine für die direkte Besteuerung nicht ebenso leicht erreichbare Steuerfähigkeit schließen lassen. Eine gesunde Steuerpolitik darf also ihr Augenmerk nicht nur auf die verhältnismäßig leicht zu erfassenden Größen des Vermögens und Einkommens richten, sondern sie muß auch alle übrigen für den Volkswohlstand und demnach für die Steuerkraft des Volkes maßgebenden wirtschaftlichen Er­scheinungen in den Kreis ihrer Berechnung ziehen. Es muß also ein aus direkten und indirekten Steuern harmonisch gemischtes System An­wendung finden. Beide Stett^rarten sind im Ver­hältnis der Leistungsfähigkeit zu verlnüpfen. Rur auf diesem Wege können die Mängel der direkten Besteuerung durch die indirekten Steuern, Die Mängel der letzteren durch die direkten korrigiert werden. Freilich wird jeder nur die Steuern für gut halten, die seine Person nicht treffen oder weniger belasten. Das ist, sagt Fuisting, die un­vermeidliche Folge teils Der menschlichen Selbst­sucht, teils der unvollkommenen Erkenntnis staats­bürgerlicher Pflichten. Diese Fehler aber müssen bekämpft und abgelegt werden. Die Steuer­probleme vom Wirtschaftsleben aus umzugestalten und zu durchdenken, muß das Ziel sein.

Aus der provinzialhaupistadt.

Gießen, den 22. Januar 1930.

Geistliche Abendmusik.

Rach der Fülle hochwertiger kirchenmusikalischer Aufführungen, wie sie in der letzten Zeit in Gießen stattfanden, sah man mit etwas Dangen der Geistlichen Abendmusik entgegen, zu der die Markusgcmeindc für den vorigen Sonntag in die Stadtkirche einlud,' man fragte sich, ob Der Besuch wohl den Dorbereitungen und der musikalischen Höhe des Programms ent­sprechen würde. Der überaus starke Besuch zeigte wiederum das große Interesse, das man in un­serer Stadt solchen Veranstaltungen entgegen­bringt, und war allen Mitwirkenden Wohl die beste Genugtuung.

Es handelte sich diesmal um ein reines Stil­programm der Bachschen Zeit (Bach, Telemann, Divaldi, Heinichen). Der bisher weniger geübten Form kirchenmusikalischer Feierstunden In­strumentalmusik, gebuten vom Kammerorchester der Gießener Volkshochschule durfte man mit besonderer Spannung entgegensehen. Daß Kunst- beflissene sich in unserer Zeit zu solch hohen Dil- dungszielen in selbstlosem Dienst bereinigen, ehrt die Künstler und vor allem auch ihren musika­lischen Führer, Musiklehrer Franz Dauer jr. Einer alteingesessenen Gießener Musikerfamilie entstammend, in welcher die Pflege guter Musik Tradition ist, hat er als gutes Erbteil die Fähig­keit, seine Kunstgemeinde zu einer seltener Höhe zu führen. Das einheitliche Wollen und das ernst­hafte Können aller Musiker, ihr verständnisvolles Gingehen auf die Intentionen ihres sicheren Führers waren der Schlüssel zum Gelingen der Sache. Kristallisch klar klang der Streichkörper. Fein nuanciert begleitete ihn die von Herrn Bauer seelenvoll gespielte Solovioline. Wie schwebten die Töne Der Solo-Flöten Durch Den weiten Kirchenraum, sowohl in dem lieblichen Weihnachtspastorale, wie auch in dem großange­legten Brandenburgischen Konzert, mit edlem Reiz gespielt von den Herren Locher, Kehr- m a n n und Eger. Edle Klänge des Cembalo durchzogen die Werke, dynamisch und rhythmisch sicher gespielt von der auch auf dem Gebiete der Kirchenmusik so hochgeschätzten Gießener Künst­lerin Frau Elfriede Fischer. Ein besonderes Erlebnis war die geradezu vollendete Wieder­gabe des Brandenburgischen Konzerts, wohl der Höhepunkt des Abends.

Zwei dem Stile des Programms angepaßte Vokalvorträge boten Dem Zuhörer Abwechselung in den vielseitigen Darbietungen. Frl. Christ- lore Partenheimer hat seit ihrem Auf­treten vor Jahresfrist in ihren gesanglichen Stu­dien ein entschiedenes Plus zu verzeichnen. Die in

großem dramatischen Stil angelegte Solokantate von BuxtehudeSinget dem Herrn ein neues Lied" stellt an Stimmkraft, Ausdauer, Atem­technik und musikalisches Können sehr hohe An- sorderungen. Rach jeder Seite hin zeigte sich Die jugendliche Gesangstudierende durchaus auf der Höhe. Auch das mehr lyrische Moment bei BachsVergiß mein nicht" war in seiner warmen Innigkeit mit seelenvoller Einstimmung gut ge­troffen. Die Begleitung dieser Lieder hatte wie­derum unser Stadtkirchorganist Heinz Simon ' übernommen. Sowohl in dieser Begleitung,, wie auch in dem krastvollen Choralvorspiel am Schluß und besonders in dem weitgespannten, schwie­rigen Pastorale am Eingang, beide von Bach, zeigte sich auss neue, wie meisterhaft unser Organist sein Instrument technisch beherrscht und wie innig er mit ihm verbunden ist, so daß sein Spiel zur frohen, selbstlosen Gabe wird.

Der Ausklang imVaterunser" bot der Ge­meinde Gelegenheit, sich an Der herben, keuschen Schönheit des von Martin Luther gedichteten und in Gesanqsweise gesetzten Chorals zu er­bauen. Die Chorschüler der Stadtkirche, unter Leitung von Herrn Simon, hatten mit ihren frischen, klaren Stimmen gern und froh die Füh­rung des Choralgesanges übernommen. So führte das Gerneindelied zu Dem hinauf, Dem jene großen Meister ihre Schöpfungen als ein Dankopfer Dar* brachten und auf den Luther imLob der Musika" als den Geber aller Gaben, auch der köstlichen Musika, hinweist,Den ehrt und lobt auch mein Gesang und sagt ihm einen etogcn Dank".

Daß die Feier in diesem Sinne von der großen Gemeinde als ein reiches Geschenk erfahren und empfangen wurde, das ist der schönste Dank, den die Mitwirkenden haben können und den sie auch hier gefunden haben. --

Gesellschaft für Erd- und Völkerkunde.

Der letzte Vortrag der Gesellschaft, den Dr. Egon Freiherr von Eickstedt. Direktor des anthropologischen Instituts der Universität Breslau, hielt, und Der den TitelVergessene Rassen" hatte, führte nach Vorderindien. Der Redner gab eine Probe von der ungeheuer reichen Fülle von Ergebnissen, die seine ethnolo­gisch-anthropologische Forschungsreise 1926/29 ge­zeitigt hat. Einleitend wies er auf die außer­gewöhnlichen Verschiedenheiten hin, die Indien, ein Gebiet von erdteilhafter Größe, in rassischer, kultureller und linguistischer Hinsicht auswcist. Diese Verschiedenheiten werden beherrscht von Dem Gegensatz zwischen Den Reu-Indern und Alt-Indern. Die ersteren, die gewöhnlich schlecht­hin Inder genannt werden, sind erst im zweiten Iahrtausend vor Christi als arische Eroberer ein­gedrungen. und die Kunde von ihnen wird von ganzen Wissenszweigen seit Jahrhunderten liebe­voll gepflegt. Der eigentliche und echte Inder Dagegen. Der vorarische Urbewohner, ist bisher geradezu übersehen worden. Dabei sind die Ge­biete dieser Altinder noch heute nach einem drei- tausendjährigen Kampf mit ungleichen Mitteln von einem Ausmaß, gegenüber Dem Deutschland als klein erscheint, und ihre Kopszahl umfaßt viele Dutzende von Millionen, in Denen uns sehr alte, wenn auch nicht Die ältesten Entwicklungs­stufen Der Menschheit erhalten geblieben sind. Das ist das sehr überraschende und glückliche Hauptergebnis der mühevollen und gesahren- reichen Reise Dr. v. Eickstedts, der nicht weniger als 80 dieser im Gebirgsdschungel zurückgezogen lebenden Dolksstämme untersuchte. Diese zer­fallen anthropologisch und linguistisch in zwei. Hauptgruppen, eine mongoloide und eine weddoide. Die Spuren der ersteren reichen nach Rorden bis nach Kaschmir, nach Süden tief ins heute drawi­dische Indien hinein. Zahlreiche ihrer Kultur­güter weisen aus eine enge Verwandtschaft mit den hinterindischen Mongolen (austroasiatische Sprachen, Schulterbeile im Verbreitungsbercich der Mundsprachen, Pfau als Haustier, Pali­saden. Pfahlbauanlagen in den Rebengebäuden, Iünglingsh tten. Gedenksteine). Der Redner schil­derte dann an Hand sehr schöner Lichtbilder das körperliche Erscheinungsbild, die Lebensweise (insbesondere Die Tänze) und das Kulturinventar

Auf Der Elchfährte.

Sibirisches Zagderlebnis.

Von Joseph M. Delter.

Eine ganze Woche lang hatten wir am Baikal von unserer Blockhütte aus Streifen unternom­men. In unserer Hoffnung aber, auf robben zu stoßen, sahen wir uns getauscht. Dafür fingen wir, von unserer Lodka aus mit dem Reh fischend, prachtvolle Omule und eine große Salmonide, Deren Ramen ich nicht kenne, die aber an die Relma, Den weißen Lachs, erinnerte. Mit dem Angelzeug hatten wir Dagegen höchst kläg­liche Erfolge. . ,,

Zu hungern brauchten wir ohnehin nicht. Von Irkutsk hatten wir uns allerlei Konserven und Zwieback mitgenommen, und En len, Gänse, Birk- und Auerwild gab es genug, wie fast überall in Sibirien bis weit in Den hohen Rorden hinauf. Dor allein Birkhühner finden sich vielerorts in solchen Mengen, daß man unwillkürlich an eine Schar schilpender Spatzen erinnert wird. Dayer kommt es, daß man Den kleinen Hahn ebenso­wenig wie Den Auerhahn zur seltenen unD wert­vollen Deute rechnet wie bei uns zu Hause. Ost genug gilt er lediglich als Fleischlieferant, Der fast stets zur Stelle ist, wenn man ihn braucht, mit Ausnahme jener bösartigen Situationen, in denen man von allen guten Geißern verlassen zu sein scheint und einfach alles schief geht. Fleisch aber brauchten wir jetzt mehr als früher. Denn wir hatten von einem Baucmjäger zwei Laiki, sibirische Derbellerhunde, gekauft, mlt Denen wir Den Winter über im Gebirge ein paar Bärenlager auszuheben gedachten. Bären sollte es viele hier geben.

Run waren wir auf einer weiten Wanderung durchs Gebirge nach drei Tagen in das Quell­gebiet Der Lena gekommen, vielleicht achtzig Wjorst von unserem Hauptlager am Baikal ent­fernt. Hier halten wir im Reuschnee Die Fährte eines offensichtlich ganz kapitalen Elches gefun­den. Wir wußten, daß jeden Winter einige Rudel Elche aus höhergelegenen Bergsumpsen zu Tal stiegen. Daß wir hier aber auf einen Einzelgänger stießen, deutete Darauf, daß cs cm alter Schaufler fein muhte, Der erst später zu einem Rudel stoßen würde.

Im Augenblick hatte uns ein wildes Ijagd- fieber gepackt. Den Elch, diesen wehrhaften Riesen

der sibirischen Urwälder, den größten Recken I Der weißen Taiga und des schwarzen Urman, hatten wir bislang noch nicht schußrecht vor | Die Tüchse bekommen können. Aber jetzt sollte er uns nicht entgehen.

Die Verfolgung g'eich au zunehmen, Dazu war es zu spät. Es ging bereits gegen Den späten Rachmittag. Der Himmel hing tief und schnee- grau über Dem felsigen Tal, in Dem die junge Lena schäumte und über Gesteine stürz c, manch­mal ihren Laus hemmte, kurzv tiefe Stellen bildete, und Dann wieder in reihenden Strom- schnellen vorwär'.sichoh.

Wir bauten unser leichtes Wanderzelt auf, und schichteten ringsum den Schnee säst , zu Meterdicke über die Zellwände: das ist das einzige Mittel, um das Zelt warm zu halten und sich vor dem Erfrieren zu schützen.

Bald flammte aus trockenem, harzigem Lär- ch<nholz. dessen Splitter so leicht wie Rapier sich entzünden lassen, unser Feuer auf, der Kochkes el tourbc Darüber gehängt und Semjon Pawlo- witschs Künsten Die Zurichtung unserer Abcnd- suppe überlassen. .

Jmquill und ich gedachten, indes mit Den Hun­den eine kleine Streife zu machen, um Die Um­gebung kennen zu lernen. Das ist oft von Wich­tigkeit, Denn man weih nie, mit welchen Zu­fällen man zu rechnen hat.

Wir zogen Die Kragen Der Schube enger um Den Hals, marschierten eine Weile längs des Flusses, bis an Dessen User Der undurchdringliche Wald sich drängte. Lärchen, Pichtsa, vereinzelte Zirbelkiefern und in Gruppen Birken und Espen.

Unsere Laikis zerrten an Den Riemen unge­duldig nach vorn. Die Fährte des Schauflers zog einige hundert Meter längs des Users hin und bog Dann in die Taiga ein. Sollten wir folgen? _

Morgen war alles überschnell. Aber es konnte uns bei Dem immer dichter fallenden Schnee ge­schehen, daß wir uns in dem gänzlich unbe­kannten Gelände verin.en unJ Dann unsere eigene Spur nicht mehr zurückfinden würden. Imquill schlug vor. am Flusse zu bleiben, Der für den Rückweg Der sicherste Wegwei c; war. Ich stimmte zu, so sehr Die Hoffnung auf eine Begegnung mit Dem Schaufler lockende Bilder malte.

Der Schnee rieselte lautlos nieder. Links von uns plätscherte und schwatzte Die Lena. Im Weidicht und Schilf tummelten sich hunderte von

Enten und gingen manchmal klats"enden Flügel­schlages hoch, um irgendwo weiter unten nach ein paar kreisenden Flügen wieder eirzufallen.

Plötzlich wurden die Hunde unruhig. Wir kop- beiten fie los. Sollte der E'ch einen Bogen geschlagen haben und vor uns wieder an den Fluh z irückgewechselt sein?

Die Hunde jagten los. Wir lauerten auf ihren Hals, wenn sie Den Riesen stellen würden. Der- gebens. Lautlos schritten wir weiter. Jetzt hörten wir Die Hunde kurz Laut geben. Es muhte dort etwas Besonderes sein. Richt der Elch, Denn das klang nicht nach Dem Hals Der jagjeifrigen, auf­geregten Laikis.

Der dicht fallende Schnee gestattete keine weite Sicht. Endlich erkannten wir die Hunde. Auf der Lichtung, in Der Rähe des Waldrandes, lag ein geschlagenes Reh. Wir untersuchten kurz. Offen­sichtlich war es er ft gestern von einem Bären gerissen und angeschnitten worden.

Es war damit z i rechnen, dah der'Där, Der sich in Den nächsten Tagen sicherlich zum Winter­schlafe einschlagen würde und sich vorher wohl noch einmal Den Wanst gründlich füllen wollte, heute nacht zum Luderplah zurückkäme, kaum aber vor einer etunDe. In dieser Zeit konnten wir die Hunde zu Semjon Pawlowitsch zurückführen, denn auf dem Ansitz waren sie nicht zu gebrau­chen. Schließlich war auch noch Zeit, schnell etwas Warmes zu essen. Unser Hunger war zwar in der Aufregung vergessen, aber Die warme Suppe tat uns auf Dem kalten Ansitz recht wohl.

Kaum eine Stunde später waren Imquill und ich zurück. Wir setzten uns getrennt rechts und links vom Luder an. Der Schnee siel immer noch, nun aber in feinen, rieselnden Flöckchen. Ein kaum merklicher Wind wehte von Der Taiga herüber, uns, entgegen.

Es begann zu dämmern. Aus der Ferne, von jenseits des Berges, flang schwach das Heulen eines Wolfes, dem ein anderer klagend ant­wortete. Eine Stunde verging.

Plötzlich gab es im Walde erregtes Dogel- gepiepe und aufgeregtes Flattern. Der Herr des Waldes kam. Schon erschien am Rande der Taiga eine große", dunkle Gestalt. Der Bär! Schars hob er sich gegen das Weiße des Schnees ab. Don einem Fichtenstamm teilweise gedeckt, blieb er stehen und hob den Kops windend. Wir wag­ten kaum zu atmen. Unmöglich, so einen sicheren Schuh anzubringen.

Warum kam die Bestie nicht? Hatte etwas sie stutzig gemacht?

Der Bär rührte sich nicht von der Stelle. Sein Körper schien langsam, wiegend hin und her zu schwanken. Endlich, nach einer Minute, Die nie vorübergehen wollte, tat er ein paar plumpe Sähe nach vorn.

Ich riß Die Büchse hoch, z elte kurz zwischen die blinkenden Seher, und riß durch. Der Bär warf sich z tr Seite, einen Laut aus stoßend, der wieach' oderOch" klang. Dann erhöhte er sich unerwartet unter wütendem Brummen, und tappte auf den Hinterbranten auf mich zu, Die Unterlippe zurückgezogen, mit angelegten Ge­hören und b.utrot leuchtenden Sehern.

Ich hatte eben repetiert und hob das Gewehr. Der Bär war kaum noch fünf Schritte von mir entfernt. Da krachte Jmquilis schwere Büchse. Ich glaubte, Den Einschlag Der Kugel zu hören.

Wie vom Schlage gerührt, stürz e die Bestie nieder, streckte sich, schlug zuckend ein paarmal mit Den Branien und verendete.

Mein Schuß saß zu hoch und hatte Die Gehirn- Decke nur gestreift.

Am selben Abend noch schärften wir Die pracht­volle Decke ab unD schleppten unter Pjetrosfs Mithilfe das Wildpret soweit als brauchbar nach Dem Zelt. Der Pelz hatte etwa 400 Pfund ge­wogen, war also ein ganz braver, mittlerer Bär.

So geht cs oft in Der Wildnis: man jagt einem Ziel nach, da bietet sich ein anderes und wirft das schönste Programm über Den Hausen. Den Schaufler aber gaben wir doch nicht auf.

Hochschulnachrichten.

Die Ernennung des o. Professors Dr. Kurt Noack von der Universität Erlangen zum ordentlichen. Professor der Botanik an der Universität Halle a. S. als Nachfolger von G. Karsten vom 1. April 1930 ist erfolgt.

Cs haben Berufungen angenommen: Professor Dr. Gustav Hübener in Basel auf den Lehrstuhl der englischen Sprache und Literatur der Universität D o n n , als Rachfolger von Pro­fessor W. Schirmer, und Der Privatdozent Dr. Karl Mannheim in Heidelberg auf den Lehrstuhl der Soziologie in Frankfurt a. M., als Rachsolger von Professor F. Oppenheimer.