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Aus der Provinzialhüuptfiadi

Gießen, den 22. Januar 1930.

Mehr Rücksicht!

Ich nahm dieser Tage an einer Beerdigung teil. tLs war in einem größeren Dorfe der Umgebung Gießens. Die Trauergäste hatten sich wie üb­lich auf der Hauptstraße versammelt, da der kleme Hof des Sterbehauses viel zu eng war. um die Leute alle zu fassen. 3m Augenblick, in tarn bet Sara auf den Wagen gehoben wurde, kam ein Per­sonenauto, das durch lebhaftes Tuten kundgab, daß cs durchfahren wollte. Landfam, aber widerwi^g machten die Leute Platz und ließen es vorbei. Da es geregnet hatte und das Auto an Geschwindigkeit nichts zu wünschen übrig ließ, spritzte der Dreck nur so. Die zunächst Stehenden wurden beschmutzt. Ich konnte das Murren und Schelten verstehen, das die Persammlung dem Auto nachsandtc.

Es ist in der Tat auch ein starkes Stück, wenn inanche Autofahrer nicht wissen, was sie in diesem Falle zu tun haben. Selbst, wenn sie einige Minu­ten warten müßten, wäre das doch kein Unglück. Sie hätten ja ebensogut eine Panne haben tannen. 3d) stand ganz seitwärts und sagte zu meinem Nach­bar:Die Leute hätten stehen bleiben müssen, dann hätte 'das Auto vielleicht doch nicht gewagt, eine Feierlichkeit zu stören." Denn es war eine Störung, noch mehr: ein Unfug.

Autofahrer, aber auch die Besitzer anderer Fuhrwerke, sollten doch soviel Taktgefühl besitzen und wissen, was man seinen Mitmenschen, be­sonders aber dem Tode gegenüber, schuldig ist. Ich habe auch schon gesehen, daß Autos, die dem Leich^nzug entgegenfuhren, keineswegs hielten, sondern seitwärts in gutem Tempo vorüber­sausten. Dabei lernen schon die Kinder in der Schule, daß sie bei einer Beerdigung stehen bleiben und die Kopfbedeckung abnehmen sollen. Kann das Auto also die paar Augenblicke nicht warten, bis der Leichenzug vorüber ist?

Um der Gerechtigkeit willen soU aber hier an­gefügt werden, daß ich auch schon sehr oft erlebt habe, daß Autos hielten, wenn em Trauerzug vorbeikam. Ich kann mir auch denken, daß z. D. ein Arzt, der zu einem Schwerkranken gerufen wurde, es sehr eilig hat und nicht warten kann. Hat sich der Leichenzug noch nicht in Be­wegung gesetzt, dann braucht der Arzt nur aas- zusteigen und den Aächftstehenden zu sagen, um was es sich handelt. Dann wird selbstredend jeder dafür sorgen, daß das Auto weiterfahren kann. Tempo! Tempo! heißt aber bei gar vielen heute die Losung. Aber sollte man nicht soviel Zeit haben, um einem Toten die nötige Ehre zu erweisen?--

Auch bei anderen Anlässen kann man hier und da merkwürdige Beobachtungen machen. Man kann z. B. sehr oft in der Bahn Herren sehen, die ihre lan­gen Beine, unbekümmert um die Mitfahrenden, ausstrecken, daß alle Ein- und Aussteigenden, den Schaffner einbegriffen,. besondere Sprungübungen machen müssen, um drüber zu kommen. Aus ver­kehrsreichen Straßen begegnet man immer wieder Damen (hier und da auch Herren!), die unbedingt untergehakt (per Arm!) gehen müssen. Es läßt sie ganz kalt, daß die Hälfte der Borübergehenden vom Fußsteig herunter und einen großen Umweg ma­chen muß. Oder man steht vor einem Schaufenster und will sich die Auslagen ansehen. Zwei Freundin­

nen stehen auch da, sehen gor nicht nach den Waren, sondern unterhalten sich. 21 Der Platz machen sie nicht! In Wartehallen, auch in öffentlichen Gebäuden fin­den wir die praktischen, selbstschließenden Pendel­türen. Ist dir noch nicht eine solche Tür von dei­nemVorgänger" wider den Leib geschleudert wor­den? Oder warum machen so viele Leute die Tür nicht zu, wenn sie ins Zimmer treten?Nur einen Augenblick", sagen sie, und dann werden viele Mi­nuten daraus. Die Tür ober steht offen. Hat man nicht auch schon gesehen, wie sich manche Leute bei Aufläufen oder sonst, wenn es etwas zu sehen gibt, vordrängen? Unbekümmert um die wütenden Blicke der Umstehenden schieben sie sich mit Hilfe ihrer Ellbogen vor. Gar oft kann man vonunbeküm­mert" nickst mehr sprechen.

Es schadet nichts, wenn allen diesen Leuten ein­mal von Zeit zu Zeit gehörig die Meinung gesagt wird. Wir müssen ihnen klar machen, daß sie nicht allein auf der Welt sind. Damit nützen wir uns, aber auch denen, die keine Rücksicht auf ihre Mit­menschen nehmen. Das ist öffentliche Erziehung, und sie ist manchmal sehr nötig! D.

Daten für Donnerstag. 23. Januar.

1806: der englische Staatsmann William Pitt d. I. in Putneii gestorben (geboren 1759); 1832: der frünzösische Maler Edouard Manet in Paris ge­boren (gestorben 1883); 1922: der Musiker Ar­thur Nikisch in Leipzig gestorben (geboren 1855).

Bornotizen.

Tageskalender für Mittwoch. Stadtthcater.Die andere Seite", 19.30 bis 22 Uhr Nationalsozialistische deutsche Ar­beiterpartei: Oeffentliche Bersammlung, 20.15 Uhr, imPostkeller". Lichtspielhaus, Bahn­hofstraße:Heiralsfieber"; auf der Buhne: Ope- retten-Revue:Lachendes Leben". - Astoria» Lichtsviele:Der Klub der Junggesellen".

Aus dem Stadttheaterbureau wird uns geschrieben: Die heutige Erstaufführung' des englischen Kriegsdramas:Die andere Seite" beginnt um 19,30 Uhr. Wegen plötzlicher Er­krankung des Herrn Haefer spielt Herr Zingel die Rolle des Feldwebels. Am Freitag, 24. d. M. folgt wieder ein Gastspiel des Frank­furter Operettenensembles mit der bekannten und altbewährten Oskar Straußschen Operette:Ein Walzertraum". Am Sonntag, 26. d. M. findet als Fremdenvorstellung eine Aufführung der ur- komischen alten Berliner Gefangsposse:Khrih- Pyrih" statt. - Der Vorverkauf zum Bühnen­ball des Stadttheaters am 1. Februar hat be­gonnen.

Der Ortsausschuß Gießen der Vertrauensmänner der Angestell­tenversicherung veranstaltet am morgigen Donnerstagabend im Cafe Leib einen öffentlichen Lichtbildervortrag über das ThemaDie Berech­nung und Zahlung der Renten nach dem Ange- stelltenversicherungsgeseh und das Rechtsmittel- verfahren", für den etwa 50 Lichtbilder zur Ver­fügung stehen. Vortragender ist der Revisor der Reichsverficherungsanstalt für Angestellte, Ver­waltungsoberinspektor Busse, Gießen. Inter­essenten feien auf die gestrige Anzeige hinge­wiesen. *

* Der Provinzialtag der Provinz Oberhessen tritt am nächsten Samstag, 10.30 Uhr, im Sitzungssaals des Regierungs- gebäubes zu Gießen zu seiner ersten öffentlichen

Sitzung zusammen. Aach der Konstituierung deS Provinzialtages und der Verpflichtung der Mit­glieder, sowie der Festsetzung der Tagegelder und Reisekosten wird die Wahl des Provinzial- ausschusses vorgenommen. Weiter wird sich der Provinzialtag mit der Übertragung von Pro­vinzialstraßenstrecken und -brücken in das Eigen­tum der Stadt Gießen, sowie mit der Gasfern­versorgung beschäftigen.

* Der Gießener Stadtrat tritt, wie schon kurz gemeldet, am kommenden Freitag, 17 Uhr be­ginnend, zu einer Sitzung im Stadthaus Bergstraße zusammen. Aus der Tagesordnung steht als wich­tigster Punkt die Beratung und Entscheidung über das Vertragswert der Heköga. Ferner wird sich der Stadtrat mit einem Nachtragsvoranschlag für 1929 für das Stadttheater und mit der Verkehrsordnung in der Stadt Gießen beschäftigen.

** Personenveränderung im Pronin- zialtag. Der bei der Provinziallagswahl am 17. November v. I. in den Provinzialtag^dcr Pro­vinz Oberhessen gewählte Landwirt Hch. Steuer- nagel In Eudorf hat sein Mandat niedergelegt. An seine Stelle ist der Landwirt und Müller Eduard Lutz in Klein-Felda in den Provinzialtag berufen worden.

Reichsbahnpersonalien. Ernannt wurden: zum Lokomotivführer Rcserv kfomotiD- führer Leonhard Kraft in Stockheim; zum Rangiermeister Ranqieraufseher Heinrich L o h ll. in Gießen; zum Stellwerksmeister Weichenwärter Ludwig Volk in Gießen; zum Bahnwärter Hilfsbahnwärter Werner Hanitsch in Alsfeld; zum Assistenten Außerplanmäßiger Assistent Adam Sippe! in Alsfeld. Bernhard Schrer- ner in Schlitz. Verseht: Betriebsassistent Joh. Wahl von Gießen nach Lohra.

** Von der Armen und Kranken- Sflege der Evangelischen Gemeinde.

m Anschlüsse an die Notiz unter dieser Ueberschrift in der vorigen Freitagn»ummer wird uns mitgeteilt, daß auch die Spenden aus der Petrusgemeinde rest­los zur Ausstattung der Schwesternwohnung in der Kleinkinderschule am Wetzlarer Weg Verwendung gefunden haben. Ebenso haben auch Frauen des Hrauenvereins der Petrusgemeinde sowohl bei Beschaffung der Ausstattung, wie auch bei der Her­richtung der Wohnung nach Möglichkeit mitgewirkt.

" Die HeimatvereinigungSchif- fenberg veranstaltete am Sonntag auf dem Schiffenberg eine gutbesuchte Familienzusammen- kunft. Der Vorsitzende der Vereinigung, Forstrat Rico laus, begrüßte die Erschienenen, ins­besondere die Damen. Er wies darauf hin, daß die Heimatvereinigung sich die Aufgabe gestellt habe, die Schönheiten der Heimat zu pflegen und nach Möglichkeit zu erhöhen. Man dürfe dabei aber nicht nur an die Wälder, Felder und Wiesen denten. sondern auch an die Men­schen, die in der Heimat wohnen. Sie zur Hei­matliebe anzuregen, sei der Zweck derartiger Veranstaltungen. Das Programm des Rachmit­tags brachte vor allem eine Reihe musikalischer Darbietungen, einen sehr beifällig aufgenom­menen Gesangsvortrag von Frau Jensen; sowie das gemeinschaftlich gesungene, von Karl Weidig gestiftete Schiffenberglied:Es steht ein Kloster". Auch unser Heimatdichter Gg. Heß trug durch den Vortrag seiner neuesten DichtungWie ein oberhessischer Dauer mit dem Auto durch den Odenwald gefahren ist", wesent­lich zur Verschönerung der Veranstaltung bei.

Schöffengericht Gießen.

Gießen, 17. Jan. Ein Servierfräulein. da« in einem auswärtigen Cafe bedienstet war, hatte in ihrem Bonbuch die ihr von den Gästen ge­machten Bestellungen in geringerer Menge ein­getragen und erst nach Abtrennung der jeweils für die Küche bestimmten Bons auf dielen die noch fehlende Menge der Bestellungen nachge­tragen. Da aber lediglich die Eintragungen im Bonbuch die Grundlage für die abendlichen Ab­rechnungen bildeten, erreichte sie auf diese Weise, daß die tatsächlich erzielten Mehreinnahmen ihrem Arbeitgeber verborgen blieben. Jedoch schon nach zwei Tagen wurde dieses Betrugs- manöver aufgedeckt und die Angeklagte fristlos entlassen. Wegen schwerer Urkundenfälschung in Tateinheit mit Betrug wurde sie jetzt zu zwei, Wochen Gefängnis verurteilt.

Ein Provisionsreisender hatte, um in den Be­sitz der Provision zu gelangen, seiner Firma in einer Reihe von Fällen fingierte Aufträge auf Warenbestellungen übergeben und daraufhin die Provision erhalten. Da die Bestellscheine aber nicht unterschrieben waren, nahm das Gericht lediglich Betrug in fortgesetzter Begangenfchaft an und verurteilte den Angeklagten mit Rücksicht auf feine bisherige Unbestraftheit und fein reu­mütiges Geständnis unter Zubilligung mildern­der Umstände zu einer Geldstrafe von 3 0 Mark evtl. 3 Tage Gefängnis.

Ein Zeitschriftenreifender ließ sich angeblich zwecks Kundenwerben von einer hiesigen Buch­handlung unter deren Eigentumsvorbehalt meh­rere Vorlegehefte und Policen auf Versiche- rungszeitschriften geben. Dabei war es ihm aber weniger um die Ausübung einer ehrlichen Ar­beit als darum zu tun, möglichst schnell in den Besitz von Geld zu gelangen. So verkaufte er verabredungswidrig gleich ein Vorlegeheft und behielt den Erlös für sich. In einem anderen Fall fälschte er eine Quittung. Seine Behaup­tung, aus Rot gehandelt zu haben, konnte ihm nicht ausreichend widerlegt werden. Er wurde daher nur wegen Rotunterschlagung und Ur­kundenfälschung zu einer Gesamtstrafe von drei Wochen einem Tag Gefängnis verurteilt.

Aus der Untersuchungshaft vorgeführt wurde ein anscheinend unverbesserlicher Mann, dessen Vorstrafliste schon eine sehr große Zahl Vor­strafen aufweist. Kaum, daß die Gefängnistore sich hinter ihm wieder geschloffen hatten, beging er noch in der gleichen Stunde einen neuen Dieb­stahl, indem er einen unbewachten Augenblick in einer Wirtschaft dazu benutzte, um der Laden- kasse einen Geldbetrag zu entnehmen, obwohl er noch im Besitz des ihm zuvor von der Straf­anstalt ausgezahlten Betrages von 38 Mark war. Da nach feinem Auftreten das Gericht Zweifel an feiner Zurechnungsfähigkeit hatte, beschloß es, den Angeklagten zunächst auf seinen Geistes­zustand untersuchen zu lassen.

Berliner Börse.

Berlin, 22. Jan. (WTB. Funkspruch.) Auf Grund der leichten Geldmarktverhältnisse, die See- handlung hat ihre Zinssätze erneut herabgesetzt, ist man im heutigen Frühverkehr weiter freundlich ge- stimmt. Besonders für Kaliwerte scheint sich das Interesse zu erhalten. Vorläufig hört man nur Wintershall mit 200 Geld.

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Freitag, den 24. Zanuar 1930, abends s Uhr in der Zohanneskirche

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Vortrag von Herrn Pfarrer Müller:

.KMMasseSavke« in Deins auf öie Heutige 3eir

Gesangbücher mitbringen! sstd

Hener Freiw. Feuerwehr M. 1855)

Samstag, den 25. Januar 1930, abends 8 Ubr in der Turnballe am OswaldSgarten sssv

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Bei Kamerad Betz find die Karten für einzuladende Gäste unentgeltlich abzuholen. Wir bitten regen Gebrauch zu machen. Näheres siebe Aushängezettel bei Kamerad Betz, Malkomesius und tm Turmbaus.Der Vergnagonjreaueecholl.

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