Ausgabe 
21.7.1930
 
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Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gbcrhessen)

Montag, 21 Juli MO

Nr. 168 Zweites Blatt

Turnen, Sport und Spiel.

Süddeutsche Leichtathletik-Meisierschasten.

Lin IDeltreforb bei den Irauen.

Die Kämpfe um die süddeutschen Leichtathletik- Meisterschaften im Nürnberger Stadion hinter- liehen mit den ausgezeichneten Leistungen, die man in den verschiedenen Konkurrenzen zu sehen bekam, bei den zahlreichen Zuschauern einen ausgezeichneten Eindruck. Besonders 'erfolgreich war München 1 86 0 mit feiner 4x100 Meter Damen-Stassel, die mit 48,8 Sekunden einen neuen Weltrekord ausstellte. Eine deutsche Bestleistung erzielte Fräulein Dollinger (1. FE. Nürnberg) über 200 Meter mit 25.7 Sekunden. Auch bei den Herren war eine Lei­stungssteigerung unverkennbar. Hier wurde E l d r a ch e r (Frankfurt a. M.) Doppels.eger über 100 und 200 Meter in 10,9 bzw. 22,2 Sekunden. Gut war auch die Leistung üoer 800 Meter von Paul (Stuttgarter KickerS), der für diese Strecke 1:57 Minuten benötigte.

Ein Handballspiel der Meister.

2kn dem Handballspiel zwischen dem DSD- Meister Polizei Berlin und dem DT-Meister TD Friesenheim, daS gestern in Ludwigshafen auSgetragen wurde, zeigten sich die Derliner ihrem Gegner um eine ganze Klass« überlegen. Die Turner kamen nur selten zu Wort. Dann aber zeigte sich der ausgezeichnete Torhüter Euchra der Gäste allen Angrissen gewachsen. Dei der Pause stand das Tressen bereits 8:1 zugunsten von Dcrlin, das mit dem Endergeb­nis von 13:2 seiner großen Ueberlegenheit ent­sprechend Ausdruck gab.

Neue Erfolge derGießenerNudergesellschast

Auf der gestrigen Nuderregatta in Limburg errang die Gießener Rudergesellschaft 1 8 7 7 im Lahn-Iungmannen-Dierer den ersten Preis in einer Zeit von 7:07,6: zweiter wurde Ruderverein Dad-Ems mit 7:18,6. 3m Dritten Vierer wurde die Gießener Rudergesellschaft (hinter Rhenania Koblenz mit 6:47,6) zweiter mit der Zeit von 6:51,6; den dritten Platz belegte Limburger R. E. mit 6:51,8.

Schwimm-Länderkampf in Dresden.

Der Schwimm-Länderkamps zwischen Deutschland und Ungarn in Dresden endete mit einem Siege der Ungarn von 3:0 Punkten. Nachdem die Magyaren bereits am Samstag durch den Sieg in der 4 X 200-Meter- Freistilstasfel in Führung gegangen waren, ver­größerten sie am zweiten Tag ihren Vorsprung auf 3. 0 Punkte. Sie gewannen die 4X100-M«- ter-Freistilstaffel in 4:07,3 Minuten vor Deutsch­land mit 4:11,3 Minuten. Auch das Wasser­ballspiel sah die Ungarn mit 5:3 (3:1) Treffern als Sieger.

Schwimm Meisterschaften der D. T.

Die Schwimm-Meisterschaften der Deutschen Tur- nerschast werden am 23. und 24. August im Darm­städterGroßen Woog" ausgetragen werden. Nach den guten Leistungen bei den Streismeiftcrfdjaften stehen beim Zusammentreffen der Spitzenkönner spannende Kämpfe bevor.

Der Europarundstug.

Der Start zum Internationalen Europarundflug 1930 erfolgte Sonntagvormittag um 9 Uhr auf dem

Wirble ins Leben!

Roman von Anna Fink.

Urheber-Rechtsschuh durch Verlag Oskar Meister, Werdau, 6.-21.

Nachdruck verboten.

Frau Darbara fuhr mit geradezu lebensgefähr­licher Geschwindigkeit auf der stillen Landstraße dahin, als gelte es Leib und Leben. Es war schon dunkel geworden, dazu war der Abend des Nebels und Regens wegen durchaus nicht günstig für eine Rennfahrt. Aber das schien Frau Darbara nicht zu kümmern. Eie saß auf ihrem Plah wie eine Katz«. di« zum Sprung be­reit ist. Die starken Scheinwerfer warfen ihr grelles Licht auf die Straße voraus.

An und für sich lag nicht der geringste Grund zu dieser Eile vor. Aber Frau Darbara war so erregt in ihrem Inneren, daß sie mit Kraft auf den Gashebel trat. Der Wagen schoß infolge­dessen wie ein Pfeil dahin.

Sie hatte schon ein paarmal den Gedanken er­wogen. ob cs nicht überhaupt besser sei, an einer steilen Stelle den Wagen in voller Fahrt über den Straßenrand schießen zu lassen. Man konnte dann mit einiger Sicherheit annehmen. daß alles zu Ende war. Man würde sie dann tot in oder neben dem zertrümmerten Wagen finden, und in der Zeitung stünde später zu lesen, daß Frau Darbara Much, die Frau des bekannten Groß­industriellen, auf einer Fahrt, vom Besuch ihrer Eltern kommend, auf dem Heimweg verunglückt sei und dabei ein tragisches Ende gesunden habe. Sie sei unverantworilicherweise allein gefahren und wahrscheinlich wieder einmal viel zu rasch. Der bedauernswerte Gatte usw. ...

Frau Barbara lachte kurz und hart auf. Ob er wirklich so bedauernswert war? Nun, sie hatte noch eine lange Fahrt vor sich und konnte diesen Abschluß ihres Lebens wohl noch etwas hinauszögern.

»Vergiß nicht, was du und wir deinem Mann verdanken. Erfülle deine Pflichten, dann hältst du es schon aus. Dein Los ist noch längst nicht das schlimmste!" Mit diesen Worten hatte sich ihr Vater von ihr? verabschiedet.

Weshalb auch hatte sie sich an ihre Eltern um Rat wenden müssen, als ob sie noch der kleine Backfisch sei. der sich den älteren Mann von den Eltern hatte aufzwingen lassen mit Bitten und Klagen! Von Eltern, die das fertig be-

Flughafen Berlin-Tempelhof. Trotz des! regnerischen Wetters hatten sich verhältnismäßig viele Zuschauer eingesunden. Die Flugzeuge starteten in Gruppen zu je fünf Maschinen, Auerft_bie leich­teren, bann die schwereren Da der Start mit I größter Genauigkeit durchgeführt wurde, befanden sich um 10 Uhr alle 60 Teilnehmer auf dem Flug- wcge nach dem Westen. In Braunschweig, der ersten Landungsetappe, landete als erster um 10 20 Uhr der Kapstadt-Flieger Butler (England), der die 201 Kilometer lange Strecke in 1.20 Stunden zu­rückgelegt hatte. Als Dritter kam um 10.26 Uhr der Pilot Neininger von der Akademischen Flieger­gruppe Darmstadt an; er hatte 1.26 Stunden ge­braucht. In Reims, der nächsten Etappe, trafen als erft« Teilnehmer ein der Engländer Broad um 15.33 Uhr, gestartet nach St. Jnglebert (Calais) um 16.03 Uhr; der Engländer Thorn und der Engländer Butler. Sämtliche 50 in Reims gestarteten Flug- zeuge sind in Boulogne-sur-Mer angekom­men.

ADAE.-Eifelrennen.

Dei schönstem Eommerwetter und glänzendem Desuch veranstaltete am Sonntag auf der Süd- schleife des Nürburgringes der ADAC, fein tra­ditionelles Rundstreckenrennen (234 Kilometer) für Wagen und Motorräder. Zu Beginn des Rennens der Motorräder lagen die bekannten Kölner Zündorf und Soenius an der Spitze, doch wurden beide im Verlauf des Ren­nens zur Aufgabe gezwungen. R ü 11 g c n , Erke­lenz, fuhr mit der zweitbesten Leistung des Tages (101 Stundenkilometer) für NEU. einen überlegenen Sieg in der 1000-ccm-Klafse heraus. Der Krefelder Heyer auf AID. blieb in der 350-ccm-Klasse in 2:30,34 erfolgreich, während in der kleinsten Klasse bis zu 250 ccm Eist, M.-Gladbach, seine Ardie in 2:35,25 zum Siege steuerte.

Arbeiter-Turn- und Sporibund.

Tas 8. Krcisfest des 9. Kreises

Darmstadt stand am Samstag und gestern im Zeichen deS 8. Kreissestes des 9. Kreises im Arbeiter-Tum- und Sportbund. Der Kreis, der Herren und Hessen-Nassau umfaßt, feierte gleich­zeitig fein 35jähriges Bestehen. Am Samstag hatten bereits die Ausscheidungskämpfe der etwa 6000 aktiven Turner und Sportler begonnen. In der Festhalle fand am Abend die Begrüßungs­feier statt. Nach Ansprachen von Mitgliedern des Orts- und Bundesvorstandes des ATSB. übermittelte Schulrat H a s s i n g e r von der Zen­tralstelle für Volksbildung und Jugendpflege die Grüße des Staatspräsidenten und Kultusmini­sters Dr. Adelung und wünschte derEport- und Kulturbewegung der organisierten Arbeiter­schaft auch weiterhin Aufstieg und inneren Erfolg. Die Grüße der Stadt Darmstadt, in deren Mauern bereits das 2. Kreisfest der Arbeiter­turner abrollte, überbrachte Oberbürgermeister Mueller. Am Sonntagmittag zog ein impo­santer Festzug der aktiven Turner und Turne­rinnen, Sportler und Sportlerinnen aller Spar­ten unter den Klängen zahlreicher Musik- und Pfeifcrkorps durch die festlich geschmückten Stra­ßen der Stadt. Der Nachmittag brachte die Schlußkämpfe auf den Spielfeldern des Festhallen- gcländes, des Polizeisportvercins, des Rot-Weih V. f. R., im Großen Woog und auf dem Tennis­platz der Darmstädter Turngemeinde. Die Fest- meisterschaft im Fußball blieb unentschieden 1:1 zwischen dem ersten und zweiten Bezirk. Die Handball-Feftmeisterschaft sicherte sich im End­kampf der erste vor dem zweiten Bezirk mit 5: 4 Toren, während bei den Turnieren Rieder­wald 3:2 über Frankfurt-West siegreich blieb. Der repräsentative Fuhballkampf Hessen und Hessen-Nassau kombiniert gegen Baden endete

nach spannendem Verlauf unentschieden 1:1. Der Montag bringt ein Volksfest und als Abschluß ein großes Feuerwerk.

MotorradrennenHunb um Schotten".

Wegen der Rundfunkübertragung des Motorrad­rennensRund um Schotten", des 4. Laufes um die Deutsche Meisterschaft für Motorradfahrer am 27. Juli, sand eine Besprechung statt. Die lieber- tragung, die etwa 20 bis 30 Minuten dauern wird, soll durch die Sender Frankfurt und Kassel, außer­dem durch Stuttgart, Köln und Hamburg erfolgen. Wer also an die Nordsee ober die Ostsee ins Bad fährt, wird Gelegenheit haben, die einzige inter­nationale sportliche Veranstaltung Oberhessens im Rundfunk zu hören. Die Uebcrtragung wird von zwei Stellen aus erfolgen, und zwar von Start und Ziel und vorn Ludwigsbrunnen aus, so daß ein genaues Bild des Rennens gegeben werden kann. Die Besucher des Rennens werden sich natürlich die Uebcrtragung auch anhören können, außerdem wer­den sie durch zwei Lautsprecher am Steinbruch über alle Einzelheiten genau auf dem Laufenden gehalten. Obwohl erst am heutigen Montag Nennungsschluß ist, liegen bereits 54 Anmeldungen vor, die Zahl der Rennfahrer des vergangenen Jahres wird also übertroffen werden. Besonders gut ist die Klas e der Seitenwagenfahrer besetzt, hier startet die dovpelte Anzahl des vergangenen Jahres. Durch die lieber- Höhung verschiedener Kurven wird eine wesentliche Verbesserung der vorjährigen Rekorde möglich sein.

11. Rhön - Segelflug - Wettbewerb.

Zum Rhön-Segelflug-Wettbewerb lagen bis zum Meldeschluß bereits 39 Nennungen vor. Erfahrungs­gemäß erhöht sich die Zahl stets noch um einige Nennungen bis zum Nachmeldeschluß am 26. Juli,

so daß die Zahl der nach der Ausschreibung zu- gelassenen 40 Flugzeuge überschritten sein wird

Unter diesen Meldungen befinden sich vier zeuge mit sehr großer Spannweite von 20 Meter und mehr. Das meiste Interesse wird zweifellos K r o n s e l d s neues Hochteiftungsflugzeug von 30 Meter Spannweite finden, über dessen Bau bisher geheimnisvolles Schweigen lag. Die nächstgrößt« Maschine wird der freitragende HochdeckerMeinin­gen" (22 Meter Spannweite) sein. Konrad (Rosenheim) und der Aachener Lustfahrtoerein brin­gen angestrebte Hochdecker von 22 bzw. 20 Meter Spannweite. Im übrigen wird der TypProfessor" mit sieben Flugzeugen am stärksten vertreten sein; unter den sonstigen 10 Hochleistungsflugzeugen fin- bet man die aus früheren Wettbewerben bekannten Darmstädter, Münchener und fiaffekr Maschinen. Zu erwähnen ist, daß die Akademischen Flieger­gruppen Dresden und Göttingen, sowie der Reichs- bahnsportverein mit einem Doppelsitzer erscheinen, während die Akademische Fliegergnippe München und das Friedberger Polytechnikum ein schwanzloses Flugzeug in den Wettbewerb schicken wollen. An Segelflugzeugen mit geringerer Spannweite liegen 13 Meldungen vor. Don bekannten Piloten sind Kronfeld. Kegel, Groenhosf, Mayer, Neininger, Krebs, Dittmar, Muschik und Bebau zu nennen.

Garacdoto gewinnt denGroßen preis von Irland".

Das Automobilrennen um- denGroßen Preis von Irland" auf einer Rundstrecke bei Dublin, die über 465 Kilometer führte, sah den Deutschen R u dols Caraceiola auf feinem Mereedes-SSk. mit 3:28,28 Stunden (136 Stundenkilometer) sieg­reich.

Sau-Wettschwimmen des Tmngaiies Men S.T.

Zahlreiche Gießener Erfolge. Tv. 1846 Gießen gewinnt die Heffenstaffel und die Wilhelm-Will-Staffel.

Sonderbericht desGießener Anzeigers".

* Bad-Nauheim, 20. Juli. Das diesjährige G a u w e t t s ch w i rn m e n des Turngaues Hessen DT. nahm heute im städtischen Sommer- bad dahier einen guten Verlaus. Eine Kampfrichter­sitzung, in der Lehrer Oßwald im Auftrage der Bad-Nauheimer Turnerschaft die Turnerschwimmer des Hessengaues begrüßte, traf gestern abend die letzten technischen Vorbereitungen.

Unter der bewährten Leitung von Gauschwimm- wart Franz Sauer (Gießen) und des Gau- schwimmausschusses wickelten sich alle Kämpfe, zu denen etwa 150 Turner und Turnerinnen antraten, reibungslos ab. Der heutige Vormittag gehörte in der Hauptsache den Mehr- und Einzelkämpfen, an denen sich nach den Wettkampfbestimmungen nur Turner und Turnerinnen der Mittel- und Unter­stufe und Iugendturner beteiligen konnten. Beson­ders in den Mehrkämpfen wurden Leistungen ge­boten, die zum Teil weit über dem Durchschnitt lagen. Die spannenden Staffelkämpfe, von denen besonders die Hessenstaffel (10X50 Meter; 5 Läufer und 5 Schwimmer) und die 10X50-Meter- Vereinsstasfel (Will-Staffel) lebhaftem Interesse be­gegneten. Von den der Unterhaltung und der Wer­bung dienenden Einlagen fanden das Figurenlegen der Turnerinnen des Tv 1 8 4 6 Gießen und das Reigenschwimmen der Turnerinnen großen An­klang. Bei dem Schauspringen der Besten zeigte sich in zum Teil recht hervorragenden Leistungen, daß das Turnerschwimmen im Gau beachtliche Fort- schritte gemacht hat. Auch das schöne Wasserball- spiel, bei dem sich zwei kombinierte Gaumannschaf- ten gegenüberstanden, war eine ansprechende Dar­bietung.

Von der Gauleitung wohnte der 2. Gauvertreter Schneider (Butzbach) der eindrucksvollen Ver­anstaltung bei. Er dankte im Namen des Gaues in einer Schlußansprache dem Gauschwimmwart und dem Gauschwimn,ausschuß für den tatkräftigen Ausbau des Turnerschwimmens im Gau Hessen.

Oie Ergebnisse

bringen wir nachstehend in einem Auszug aus der Siegerliste, der außer dem 1. Sieger jedes Wett- kampfes noch die Namen der Gießener Preisträger nennt.

Atterslurner.

Jahrgang 1 885 b i s 1 895: 50 Meter Brust: 1. Sieg Karl Schlemm, T. u. Spv. Butz­bach, 49 Sek.; 3. Karl Müller, Tv. 1846 Gießen, 56,8 Sek.

Jahrgang 1 8 8 4 und früher: 50 Meter Brust: 1. Franz Fiedler, T. u. Spv. Butzbach, 1,02 Min.

Turner-Mittelstufe.

Hauptspringen. 1. H. Dechent, Tgm. Friedberg, 58,5 Punkte; 2. G. Zammert, Mtv. Gießen, 53,3 P.

Tauchen: 1. W. Reinhard, Tgm. Friedberg, 36,80 Meter; 2. A. Baumann, Mtv. Gießen, 32,50 Meter; 3. H. Köhler, Tv. 1846 Gießen, 31 Meter.

Mehrkampf: 1. H. Dechent, Tgm. Fried­berg, 102,5 Punkte.

Turnerinnen-Mittelslufe.

Hauptfpringen: 1. Anni Pfund, Tv. 1846 Gießen, 56,65 Punkte; 2. Anni Schön, Mtv. Gießen, 50,85 Punkte.

kommen, kann man in der verfahrenen Che- situation tatsächlich keine Hilfe erwarten. Und wie zur Bestätigung dieser Gedanken machte der Wagen plötzlich einen solchen Sah, daß Frau Barbara mit dem Kopfe an die Decke flog.

Beinahe hätte sie die Gewalt über den Wagen verloren. Nun, diesmal war's noch gut abge­gangen. Sie versuchte, sich besser auf das Fahren zu konzentrieren.

Himmel, was war das? Stand da nicht am Ende des Lichtkegels ein Mensch auf der Straße, der dauernd Lichtsignale gab und dabei mit einem weißen Tuch winkte? Instinktiv stoppte sie ab und fuhr im Schrittempo weiter.

Hallo, was gibt8?" fragte sie zum Fenster heraus.

Der Mann kam nahe heran.Oh, gar nichts Schlimmes gnädige Frau", sagte er in beinahe gemütlichem Tonfall.Würden Sie die Güte haben und einen kleinen Augenblick aussteigen? Ich werde es Ihnen sofort erklären."

Verwundert gehorcht« sie und kletterte heraus.

Sie brauchen nicht weiter zu erschrecken. Geben Eie mir bitte doch, was Sie an Geld und Wertsachen bei sich haben. Wenn Sie ver­nünftig sind, geschieht Ihnen gar nichts. Andern­falls müßte ich dies kleine Ding hier in meiner Hand" ein kurzes Aufleuchten der Taschen­laterne lieh di« Umriss« eines zierlichen Re­volvers erscheinenfür mich sprechen lassen!"

Barbara war zunächst so überrascht, daß sie keinen Ton herausbrachte.Sie scheinen ja soweit ganz ritterlich zu fein. Derehrtester", meinte sie dann ziemlich ruhig. Es war eine ihrer Stärken, in überraschenden Situationen sehr schnell ihre Fassung wiederzugewinnen.

Ich habe durchaus keine Veranlassung zu dem Gegenteil", war die höfliche Antwort.

Barbara kramte ihre Brieftasche heraus.Da, nehmen Eie." Und sie drückte sie dem Manne in die Hand. Dann begann sie ihre Ringe abzu- streifen, ihr schweres goldenes Armband.

Darf ich Ihnen leuchten?" fragte der Räuber und ließ seine Blendlaterne aufbutzen.Sie sind übrigens eine so vernünftige und sachliche Frau, daß ich Ihnen wirklich meine aufrichtige Be­wunderung ausdrücken möchte."

Sie zuckte die Achseln und bemühte sich, den breiten, goldenen Trauring vom Finger zu ziehen.

Aber bitte, den lassen Sie doch", sagte er. Eie sind so unerhört vernünftig gewesen und ich möchte Ihnen wirklich nichts so Teures nehmen."

Man konnte nicht sagen, ob die letzten Worte spöttisch oder ernsthaft gemeint waren.

Cs ist eine gute Gelegenheit, ihn los zu werden", war ihre Antwort.Im übrigen werde ich Sie bann um einen anderen Dienst bitten, fügte sie hinzu, als sie ihm alle Wertgegenstände übergeben hatte.Sie haben einen Revolver bei sich. Ditte, erschießen Sie mich. Ich denke, darin werden Sie Ucbung haben. Mir paßt alles nicht mehr und ich bin zu feige, es selber zu tun. Wenn Sie zu fahren verstehen, können Sie meinen Wagen noch dazu bekommen."

Ja, sind Sie denn ganz des Teu els?" brachte der Räuber endlich heraus.Für wen halten Eie mich denn eigentlich?"

Ich habe nicht die Ehre gehabt, Sie im vollen Licht zu sehen. Aber schließlich werden Sie das, was Sie vorhin hier gemacht haben, wohl schon öfter ausgeführt haben. Sie bewiesen ja eine große Routine. Ihre Höflichkeit ist wirklich an­erkennenswert."

Hören Sie, Gnädigste, ich muh Sie doch ein­mal genauer in Augenschein nehmen. Solch eine Frau ist mir noch nicht vorgekommen."

Wenn es durchaus sein muß bitte. Sie setzte sich in den Wagen und schaltete die Decken­beleuchtung ein. Das Licht beschien ihr Gesicht, das etwas blaß war und einen harten Mund zeigte, um den eine trotzig« Entschlossenheit lag.

Der Mann betrachtete sie schweigend.Dei Ihnen könnte man beinahe annehmen, daß Sie sich erst ausrauben lassen und hinterher noch irgend­eine Geschichte erfinden, um den Räuber nicht anzeigen zu brauchen."

Um Frau Darbaras Mund zuckt« es, und in diesem Augenblick sah sie aus wie ein ganz kleines Mädchen, das vor Kummer am liebsten zu weinen anfangen möchte.

Seltsam", murmelte der Mann.Als ich noch ein Junge war, hatte ich eine kleine Gespielin, Sie hatte ganz hellblonde Härchen, die in zwei dünne Zöpfchen geflochten waren. Sie standen so drollig rechts und links vom Kopfe ab. Sie hieß Därbel, und wir waren gute Kameraden. Eben sahen Sie genau wie die kleine Därbel aus."

Frau Darbara fühlte einen seltsamen Stich in der Herzgegend. Das tat so weh, daß sie sich richtig zusammenkrümmen muhte. Ein leises Schluchzen erschütterte ihren Körper.

Gnädige Frau!" stammelte der Mann.Der- zeihung, was ist Ihnen?"

Därbel wurde ich ja auch immer von meinem Spielgefährten genannt", schluchzte sie.

Sie hieh Darbara Cranacher", sagte er atem­los.

Das bin ich", sagte Frau Barbara, und sie muhte auf einmal lachen.Und du bist doch nicht etwa mein lieber alter Reginald Contius, alias Strahenräuber?"

Ihr Lachen steckte ihn an.Allerdings!" rief er.

Du hast dich recht verändert", gab sie zur Antwort, als er schwieg.Aber laß dich doch einmal etwas näher betrachten und komm herein in den Wagen!" Sie zog ihn lebhaft herein und er leistet« auch keinen Widerstand. Frau Barbara studierte aufmerksam sein Gesicht.Du siehst gar nicht so schlecht aus, etwas schäbig in der Aufmachung, aber das macht sich bei dir gar nicht unübel.

Danke", sagte er etwas spöttisch.

Sie sahen beide nebeneinander. Er griff sich plötzlich an die Stirn.Entschuldige", murmelte er,mit ist etwas schwindlig."

Sie schob ihm ein Kissen in den Rücken und deckte eine Decke über seine Beine. Dann holte sie ein kleines Handköfferchen hervor, entnahm ihm ein Fläschchen und goß etwas in ein Glas.

Da, trinke", und sie hielt ihm das Glas an den Mund.

Er sog begierig den Duft des schweren Süß­weines ein und nahm ein paar Schlucke.Hast du auch etwas Brot da? Mir ist so schwach.

Sie reichte ihm eine Semmel.Nun ih und erhole dich, und dann erzählst du mir alles. Ich fahre derweil« ein Stück weiter."

Sie schaltete den Wagen wieder ein. Leise surrend fuhr er an. Frau Barbara fuhr jetzt seht besonnen und ruhig, in tiefes Sinnen versunken, während der Mann neben ihr schweigend.

Der Regen war vorüber, die Wolken hatten sich verzogen. Der Mond stand wie eine feine Sichel am Himmel.

Barbara machte dreimal eine fast unmerkliche Beugung mit dem Oberkörper und hatte dabei das Gefühl, als ob ein großer Wunsch, über den sie sich selbst kaum klar war, im Begriff stünde, in Erfüllung zu gehen.

Sie warf einen verstohlenen Blick zu Reginald hinüber, um zu sehen, ob er auch nichts gemerkt habe. Aber der sah mit leicht geneigtem Kopfe da und schien in tiefes Nachdenken versunken.

Als Barbara etwa eine Stunde gefahren fein mochte, tauchten in der Feme ein paar winzige Lichter auf. Kurze Zeit darauf hielt der Wagen mit einem leichten Ruck vor einem kleinen Gast­haus. (Fortsetzung folgt)