Ausgabe 
20.11.1930
 
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Nr. 272 Zweiter Blatt

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberheffen) Donnerstag, 20. November (930

Vas britische Weltreich am Kreuzweg.

Das Scheiieni der Weltreichskonferenz. - Frei anbei oder Reichsschuhzoll?

Don unserem z-Derichterstatter.

Dachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten. London, Dovember 1930.

Die britische Reichskonferenz ist nach sieben­wöchigen Beratungen, an denen die Premier­minister aller Dominien teilnahmen, f a st e r g e b - niSlos auseinandergegang e n. D. h. es sind nur einige wenige verfassungsrechtliche Be­schlüsse gefaßt worden, die den Dominien ihre ^Unabhängigkeit erneut bestätigen und einen wei­teren Schritt auf dem Wege der verfassungsrecht­lichen Umgestaltung des britischen Weltreichs zu einem Staatenbunär unabhängiger, nur noch durch die Krone verbundener Länder bedeu­ten, während die Lösung fast aller wirtschaft­licher Fragen auf eine Konferenz vertagt worden ist, die 1931 in Ottawa in Kanada statt­finden foll/ Die groß-britannische Regierung hat zwar, troh der wütenden Opposition Snowdens, nicht umhin gekonnt, die Borzugszölle für gewisse Waren aus den Dominien für weitere drei Jahre aufrechtzuerhalten, aber die große Frage der Einführung eines Weizenfchutzzolles für das britische Weltreich, der von dem kanadi­schen Premierminister vorgeschlagen wurde, ist un- aelöst geblieben. 2a, die Besprechungen hierüber haben deutlich gezeigt, daß eine Labour-Regie- rung kaum je imstande sein dürfte, sich positiv für solche Schutzzölle für auf reichseigenem Boden gewachsene Produkte einzusehen, weil dies der Tradition der freihändlerischen Arbeiterpartei nicht entsprechen würde.

Die Enttäuschung über den Ausgang der Reichskonserenz ist denn auch ungewöhnlich groß, und man kann wohl sagen, daß kaum je seit Be­stehen des Weltreiches so offen dieser Enttäuschung Ausdruck gegeben worden ist. Es wirkte wie ein offener Tadel für Macdonald, daß der kanadisch« Premierminister Bennett in seiner Schluß­ansprache der Erwartung Ausdruck gab, seine Vorschläge würden doch noch das nächste Jahr angenommen werden, und die offene Zustimmung deS Premierministers von lAustralien, S c u l - l i n , zu diesen Ausführungen des Kanadiers wirkten um so überraschender, als ja schließlich auch Australien zur Zeit eine Arbeiterre­gierung hat. Die britische Presse sieht daher diesen Ausgang der Konferenz nicht ohne Sorge an. Es wäre zwar lächerlich, wenn man behaup­ten wollte, daß die Konferenz den Beginn vom Ende des britischen Weltreiches bedeutet, aber immerhin ist doch nicht zu leugnen, daß Groß- Britannien an einem wichtigen Wendepunkt sei­ner Geschichte steht, der für das fernere Schicksal des britischen Reiches von entscheidender Be­deutung ist.

Wenn man das britische Weltreich in seinem heutigen Umfang und in seiner heutigen Form genauer betrachtet, so vergißt man meist, daß die­ses größte Weltreich un.e.er Erde eine junge Schöpfung ist. Genau genommen besteht es er st seit etwa fünfzig Zähren, während man in den vorhergehenden Iahrzehnien erster Eroberungen auch in England selbst keine Vor­stellung davon halt:, welche Entwicklung die ko­loniale Betätigung der Briten eines Tages neh­men würde. Cs ist daher nur zu bezeichnend, daß in jener Zeit vor fünfzig Zähren, in der zum ersten Qltale eine Art Krise in der kolonialen Be­tätigung der Engländer zu verspüren war, die­selbe Frage auftauchte, die auch heute wieder zur

Debatte steht: die Frage, ob England sich auf fein eigenes Znteresse beschränken, oder ob es sein Weltreich verteidigen und ausbauen solle. Die Partei derK le i ne ng l ä n d« r", von der man heute kaum mehr sprich , war sei erzci. durch­aus nicht unbedeutend. Es bedurfte erst der augenfälligen wirtschaftlichen Erfolge der briti­schen Kolonisatoren, bis die Meinung in Eng­land um schlug und das große Publikum wieder jenen Geschmack an Reichsangelegenheiten gewann, der die Voraussetzung für eine wirkliche Welt­machtpolitik ist und bleibt.

Die Parallele mit jenen Zähren zeigt aber auch, wie grundlegend der Wandel ist, der in­zwischen in England selbst vor sich gegangen ist. Seinerzeit hatte England noch eine zahlreiche landwirtschaftliche Bevölkerung, seine Z n d u st r ie blühte und war allmächtig auf dem Weltmarkt, seine Flotte beherrschte den Ozean, und auf dem europäischen Kontinent war keine Mach', die England hätte bedrohen können, während der amerikanische Imperialismus noch in den Windeln lag. Die Sorgen, die sich die Kleinengländer machten, waren die des reichen Mannes, der befürch et, daß sein Wohlstand all­zu groß werden könnte.

Vergleicht man damit die heutige Fragestellung, so fallen die älntersch'.ede so kraß ins Auge, daß man kaum viel Worte darüber zu verlieren braucht. Denn heute ist England eben nicht mehr die alleinige See» und Industriemacht der Welt, und innere Reserven, die man großzügig einsetzen könnte, um die Dominien an das Mutter­land zu ketten, wie man das seinerzeit mit der landwirtschas tlichen Bevölkerung und der Indu­strie machte, sind nicht mehr vorhanden. Wenn England sich den Zusammenhalt mit den inzwi­schen selbständig gewordenen Kolonialländern er­halten will, so muß es heute, zum ersten Male in seiner Geschichte, Opfer bringen, die Großbritannien aus Eigenem bezahlen muß, bzw. am eigenen Leibe verspürt, Und diese Opfer können nur wirtschaftlicher Datur sein, weil es politische Bindemittel kaum mehr gibt, da die Do­minien landwirtschaftliche Bevölkerung nicht mehr ausnehmen, und da auch die Expansion der bri­tischen Industrie in den Dominien nicht mehr gern gesehen wird. (

Daß gerade in dem Augenblick, in dem alles daraus ankommt, daß derartige wirtschaftliche Opfer von Großbritannien gebracht werden, die britische Regierung versagt hat, hat also zweifellos symptomatische Bedeutung über den Augenblick hinaus. Di« britische Qlrbeiter- partei oder zum mindesten gewisse Telle dieser Partei unter Führung Snowdens, des besten wirt­schaftlichen Sachverständigen der Partei, haben vor dem Rcichsprob.em versag'. Sie haben in durchaus verständlicher, wenn auch vielleicht kurzsichtiger Weise, die Interessen des Mutterlan­des über die des Reiches gestellt und den geforderten Zollschuh für Dominienprodulte abgelehnt, weil sie befürchteten, daß mit den Zöl­len eine Verteuerung der Lebensmittel und damit eine Schädigung des britischen Industrieexports eintreten würde. Ein Bedenken, das ja immerhin angesichts der Weltwirt chaftskri'e durchaus ernft» ha,t gewürdigt zu werden verdient, da Vorzugs­zölle für die Dominien im Verlause weniger Iahre zwcifellvs zu einer Schädigung des britischen Han-

Hauch von Pans.

Von Albert H. tausch.

V. 2nonfparnaffe.

Wenn ich eingeladen war (dans le monde) oder den Abend über gearbeitet habe, fahre ich vor dem Schlafengehen oder Weiterarbeiten oft noch spät nach Montparnasse hinunter. In den Süden der Stadt. In jenes Viertel zwischen dem Bahnhof Montparnasse, von dem aus die Züge nach der Bretagne fahren, und der Avenue de lObservatoire, welche zum Luxembourg hinführt. Das Rachtieben von Montmartre findet hier sein Gegenspiel: aber es hat eine andere Geste und einen anderen Ton. ES ist weniger für die Frem­den, vor allem für die Amerikaner, hergerichtet, welche nur zu kurzem Aufenthalt nach Paris kom­men und in möglichst wenig Tagen möglichst viel Pariserisches sehen wollen. Es ist für die Pariser selbst bestimmt und jene zahlreiche Iugend, die sich zu oft laugen Studienaufenthalten einfindet. Es ist ohne Bluff, ohne erzwungene und falsche Romantik. Es ist in einzelnen Bars und Dancings nicht anders als in den gleichen Orten aller Hauptstädte: farblos, bürgerlich und teuer. Es ist in einigen anderen von großem, heimlichem Reiz für den Eingeweihten und manchmal voll von angenehmen Ueberraschungen. Sobald aber eine Bar in Mode kommt, ist ihr Ende besiegelt. Denn eben jene Menschen, welche sich in ihr etwas wie ein Asyl geschaffen und diesem einen beson­deren Stempel aufgedrückt haben, haben einen großen Widerwillen gegen den Zustrom ungleich­artiger Elemente einen noch größeren aber gegen ein Begafft- ode» Delauschtwerden. Es ge­nügen manchmal wenige Tage, um ein Todesurteil au vollstrecken. Die Nachtvögel haben sich ein an­deres Rest gesucht, wo sw so lange bleiben, bis sich der gleiche Vorgang wiederholt. Ich könnte eine Reihe von Ramen solcher entzückenden Zu­fluchtstellen nennen: ich werd« mich hüten, es zu tun. Wer kurz nach Paris kommt, hat in ihnen nichts zu suchen. Wer lange bleibt, soll sich seiner Witterung und den schönen Zufällen des Lebens anvertrauen. Rur so findet er. wohin er gehört. Rur so wird er kein Störenfried in der Heimat anderer. Was da an Fremden in den großen, hochsihigen Sammelwagen durch das Rachileben" von Paris herumgefahren wird, ahnt gar nicht, wie wenig mit Paris zu tun hat, was man ihm zeigt--das Schau,piel dieser

zusammengepferchten Menschen, die nach Gott weiß, welchen Reizen lüstern sind (je nach Phan­tasien undKomplexen"), hat etwas unbeschreib­lich Trauriges für den Wissenden: die Verach­tung, die ihnen der Mann aus dem Pariser Volk entgegenbringt, kennt gar keine Grenzen. Wie ost, wie oft habe ich gerade in Montparnasse Worte aus dem Mund einfacher Leute ungefähr des Sinnes gehört:Unb das Zeug glaubt nun, etwas von den Parisern und ihrem Leben zu wissen, well man ihm Sekt und Cocktails aufschwätzt."

Die Pariser auch die von Montparnasse, sowie die von Montmartre sind sehr bürgerliche, brave, fleißige Leute, die schlau genug sind, um zu wissen, wie man mit wenig Aufwand soviel als möglich Geld verdient. Sie sind gute Menschenkenner, welche den urteilslofen Fremden genau in den Bann zwingen, in dem sie ihn haben wollen. Dor allem: die Mühe, die Anstrengung ihres Geschäf­tes wird nicht sichtbar! Lind dies ist, in hundert­facher Abwandlung, ihr größtes Geheimnis. Leichtigkeit" ist der Sinn dieses Rachllebens von Montparnasse und ganz und gar nichtRaffi­nement".Oiissez, mortels, nappuyez pas (Glei­tet, Menschen, haftet nicht").. Aus d'.e er Leichtig­keit webt sich die Atmosphäre Oer Rächt des Pa­riser Südens: in dieser Leichtigkeit liegt ihr Zau­ber, liegt ihre Fähigkeit, auch das schwerste Den­ken zu entlasten. In Montparnasse ist nich.s von Pomp und Aufmachung: da ist alles man» braucht ja nur an die großen Cafes Dome und Rotondc zu denken Einfachheit, ja fast Dürf­tigkeit: und allein die Zwanglosigkeit der Men­schen untereinander schafft jene Lust, in der das Leben zum umhüllenden Traum wird.

ilnb doch liegt eine unendliche Melancholie über all diesen Stät.en, wo Derlangen nach Licht, nach Wärme und Gemeinschaft die Menschen zusam­mendrängt. Denn in diesem Rebeneinander diesem beliebigen und häufig gewechselten Reben­einander ist nur selten ein wirtliches Mitein­ander: und gerade am Cafe du Dome, wo die vielen unbekannten und hoffenden Maler Abend für Abend sitzen: Maler aus allen Ländern der Welt, ost genug bettelarme, die sich das Geld für die Leinwand am Munde absparen müssen.. ge­rade an diesem Cafe ist die Heimatlosigkeit, die Verlorenheit, der unentwegteste East. Wer da in Herzen, wer da in Hirne schauen könnte..

Heber all dies oft Gedachte sann ich nach, wäh­rend ich langsam im Lichlgeriesel auf und ab wan­derte, die mitternächtige Menge des Totentages musternd: als mir plötzlich Georges begeg­nete .. Da stand er vor mir, hielt mir beide Hände |ijin, und sagte nur:Est-ce possible?.. 3a, ich war zurückgekommen für den Winter.. und ich war es wirklich und er war es auch.. Unb es war sehr schön, daß wir es beide waren..

(wird fortgesetzt.)

Hochschulnachnchten.

Prof. D. Dr. Georg Wehrung. Ordinarius der systematischen Theologie in Hall e, hat den an ihn ergangenen Ruf an die Universität Tü­bingen angenommen. Der Berliner Pri­vatdozent Landrichter Dr. Helmut Kühl hat den Ruf an die Handelshochschule Mannheim als Ordinarius für bürgerliches Recht und Arbeits­recht als Rachfolger von Prof. Lautner ange­nommen. In der philosophischen Fakultät der Universität Berlin ist der a. o. Prozessor für Wirtschaftsgeographie Dr. Alfred Rühl zum ordentlichen Professor ernannt worden.

delS mit dem europäischen Festlande und damit zu einer gänzlichen Umgeftaltung der britischen Wirtschaft führen könnten.

Daß die Dinge so liegen, versteht man aber nicht in den Dominien, in denen ja auch allmäh­lich die eigenen wirtschaftlichen Interessen so stark werden, daß sie nicht aus politischen Gründen beiseitegeschoben werden können. Das aber ist ge­rade die Tragik der Situation. Denn so wohler­wogen di« Stellungnahme der Arbeiterregierung war, auf so wenig Verständnis stößt sie bei den Dominien, ja auch in den reichsfreundlichen Krei­sen Englands selbst. Die Arbeiterregierung er­scheint vielen als reichsfeindlich, bzw. als unfähig, Reichsprobleme zu lösen, die wirtschaft­liche Opfer von der GroßstadtbevLl.'erung Groß­britanniens fordern, obwohl, das verdient beson­ders hervorgehoben zu werden, auch keine an­

dere Partei in England vorläufig In der Lage sein würde, eine sehr anders geartete Hal­tung in diesen Fragen einzunehmen. Die Frage: Freihandel oder Äcichsschutzzoll, ist eben eine Schicksalsfrage an das britische Volk, die nicht eindeutig zu beantworten ist.

Wenn bie Reichskonserenz, was vielfach durch­aus für möglich gehalten wird, somit das ihrige dazu beigetragen haben solfte, die Regierungszeit der Arbeiterregierung abzukurzen, so wird man also nicht vergessen dürfen, daß auh di« künftigen Regierungen Großbritanniens sachlich eine von der Haltung der Arbeiterregierung nicht sehr vcrschie- bene Haltung einnehmen können, wenn fie nicht Demagogen und extremen Sozialisten das Feld überladen und damit so oder so eine gänzliche Umftcllung der Außen- und Innenpolitik Groß­britanniens herbeiführen wollen.

Rundsunkhörer gegen Rundsunkstörer.

Oer Kampf im Aether. Starkstrom, Schwachstrom und was dahinter steht. Prozeß oder technische Verbesserung? Oer Rundfunk soll seine Sendeanlagen und Empfangsapparate verbessern. Mehrere deutsche Großsender im Bau. Oer Llltrakurzwellensender mit störungsfreien Wellen.

Von Or. Herbert E. Trieb.

Ein Mann dreht stirnrunzelnd an seinem Radio­apparat herum. Es klingt, als ob jemand aus dem Empfangsgerät heraus schnarche. Mit einem Fluch wird der Apparat abgestellt. Der Grund der ärgerlichen Störung: ein rücksichtsloser Rach­bar läßt seinen Elektromotor laufen! Unter Um­ständen wird diese alltägliche Geschichte vom be­einträchtigten Genuß der Rundfunkdarbietungen im Gerichtssaal enden. Prozesse dieser Art sind häufig und werden von der Reichsrundfunkgesell­schaft auf ihre Kosten geführt, um soweit das juristisch möglich ist den Räubern akustischer Genüsse das Handwerk zu legen.

Ein wimmelndes Leben erfüllt unsichtbar den Raum. Wellen des Lichts, der Wärme, der Elek­trizität fluten aneinander vorbei, Schwachstrom­wellen der Rundfunksender flitzen durch den Aether und treffen fich mit den Wellen, die von Starkstromleitungen, von elektrischen Motoren und von allerlei Apparaten ausgehen. Run sind diese Wellen verschieden stark. Sie stören sich gegen­seitig, ein regelrechter Kampf beginnt, die Schwin- gungenaddieren sich geometrisch", wie der Fach­mann sagt. Das Ergebnis erscheint dann als greulicher Mißton im Lautsprecher eines Radio­apparates. Der Kampf im Aether ist in der Hauptsache ein Streit zwischen Starkstrom und Schwachstrom, und hinter diesen feindlichen elektrischen Energien stehen gewaltige Industrien und öffentliche Körperschaften mit allen ihren Macht- und Rechtsansprüchen. Die Starkstromin­dustrie und die Elektrizitätswirtschaft pochen auf ihre - überragend« wirtschaftliche Bedeutung mit einer Weltleistung von jährlich 250 Milliarden Kilowatt: der Vertreter des Schwachstroms, der Rundfunk, macht seine kulturelle Bedeutung für 20 Millionen Menschen auf der Welt und für 3 250 000 Hörer in Deutschland geltend. Wer hat in diesem Kampf recht? Die Frage ist, so ge­stellt, nicht zu beantworten. Wer irgendeinen elektrischen Motor oder irgendein anderes elek­trisches Gerät benützt, tut das mit derselben Be­rechtigung, mit welcher sich der dadurch gestörte Besitzer eines Radioapparates gegen die Beein- trächtigung seines Hörgenusses beklagt. Zu be­seitigen ist das Liebel nicht auf rechtlichem, son­

dern nur auf technischem Weg. Man kann das Problem auf zweierlei Art lösen: entweder von der Seite der störenden Wellen her, indem durch geeignete Maßnahmen ihr Auftreten besei­tigt wird, ober zweitens von der Seite der ge­störten Wellen her, indem man sie so stark macht, daß ihnen fremde Schwingungen nichts anhaben können. Beide Möglichkeiten werden von den In­dustrien, dem Rundfunk und der Elektrizitätswirt­schaft tatsächlich vertreten, und zwar so entschie­den, daß man sagen kann, dem Kampf im Aether gehe ein Kamps der Technik zur Seite. Der Rundsünk stellt fich auf den Standpunkt: alle Be­sitzer von Anlagen und Apparaten, die störende Starkstromwellen aussenden, sollen sie im Inter­esse einer einwandfreien Sendung zu den Haupt» funkzeiten nicht benützen und müssen in allen Fällen, in denen Störungen unvermeidlich sind, ihre Apparate und Geräte mit einem StörungS- schuh versehen. Llnzählige Fälle der Art werden ja durch Vereinbarung gütlich geregelt, viele an­dere allerdings müssen durch Prozesse ausgetragen werden.

Diese Prozesse sind nicht billig, sie kosten durch­schnittlich 400 Mark, dazu kommen in den meisten Fällen Gutachterhonorare, die nicht selten bis zu 800 Mark betragen. Im Iahre 1929 sind 90 solcher Prozesse geführt worden. Wenn sie auch meistens zugunsten des Rundfunks, d.h. des klagenden Hörers, entschieden wur­den, so hat man doch den Eindruck, daß dies« Methode besonders im Hinblick auf ihre Um* ständlichkeit und Kostspieligkeit nicht befriedigen kann. Die andere Partei, die Vertreter des Starkstroms, sind auch gar nicht damit zufrieden. Sie beflogen fich einmal darüber, daß ihre In­dustrie, jahrzehntelang ausgebaut, fich plötzlich zugunsten einer jüngeren, weniger bedeutenden umstellen soll. Verstoße dies schon ganz gegen jede rechtliche Gewohnheit, so sei es vollends aus wirtschaftlichen Gründen unmöglich. Dr.-Ing. h. c. H. Pafsavant hat dazu in einem Vor­trag auf der Hauptversammlung der Vereinigung deutscher Elektrizitätswerke nähere Angaben ge­macht. Rach ihm betragen die Kosten für die zur Zeit üblichen Entstörungsvorrichtungen zwischen

Fridolin im Weltkrieg.

Anekdote von Karl Federn.

Nachdruck verboten.

Wenige Leute werden auf ein Kriegserlebnis zu- rücksehen können, wie es unserem Freunde Hoch- meier begegnet ist, der es uns eines Abends, da wir in einer Weinstube in Bern beisammensaßen, in aller Unschuld erzählte. Man muß sich Hochmeier vorstellen, schon ein wenig beleibt, kahlköpfig, mit mächtigem grauen Schnurrbart, der die Gutmütig­keit seines Ausdrucks nur erhöht, schlauen und freundlichen Aeuglein, wie er auch wirklich klug und gutmütig ist: dazu Rheinländer und wein­liebend. Er hatte im ersten Kriegsjahr geschäftlich in Genf zu tun, war mit besonderen Empfehlungen hingekommen und hatte sich eines Sonntags nach­mittags, vermutlich nach einem üppigen Mittag­essen und einer Flasche von herrlichem Dole oder Mont d'or, in die Straßenbahn gesetzt, um einen Ausflug nach einem der schöngelegenen kleinen Orte am See zu machen. Es war ein heißer Sommer­nachmittag. Hochmeier lehnte sich auf seiner Bank zurück und sah erst noch die Landschaft, Büsche, das blendende blaue Wasser und die runden weihen Wölkchen traumhast flimmernd an sich vorüber- gleiten, dann entschlief er und fuhr, den Kopf an das erwärmte Holz gelehnt, vermutlich von Fliegen umsummt, harmlos dahin.

Irgendwo hielt der Wagen an; Stimmen ertön­ten, und Hochmeier erwachte, sah um sich und be­merkte am andern Ende des Wagens einen Mann, der einem der Wageninsassen Papiere abnahm, sie eine Weile betrachtete und zurückgab, worauf er sich an den nächsten wendete. Und es fiel Hochmeier auf, daß dieser Mann eine blau-weiß-rote Binde am Arm trug. So verschlafen er war, fiel ihm dies lebhaft ein, und sich wachrüttelnd:Hilf, Herr Gott, ich bin in Frankreich!" sagte er zu sich selber,ich muh falsch gefahren sein. Das ist eine schöne Ge­schichte!" Es war, wie schon bemerkt, im ersten Kriegsjahr und die Grenzen noch nicht so strenge gesperrt und so scharf überwacht, wie dies später allenthalben geschah.

Der Mann mit der blau-weiß-roten Binde war am andern Ende des Wagens beschäftigt und hielt sich bei jedem einzelnen Mitfahrenden ziemlich lange auf. So gelaßen, wie er es vermochte, stand Hoch­meier auf, stieg über die ihm zunächst gelegene Plattform aus und ging langsam dem Wagen ent­lang zurück und weiter, in der entgegengesetzten Richtung als die, in der er gekommen war. Zunächst hatte wirklich niemand auf ihn geachtet, dem harm­losen dicken Herrn, der im weihen Sommeranzug, den Sttohhut auf dem Kopf, dahinging: dann hörte er laut rufen, tat aber, als könnte das nicht ihm gelten, und schritt, ohne sich umzusehen, weiter, langsam, dann rascher, immer dem Geleise nach. Und in der Tat kam niemand hinter ihm her, woraus er schließen durste, daß er sich bereits wie­

der auf Schweizer Boden befand. Tiefatmend ging «t an dem Geleise hin, das jetzt mit einem an­dern zusammenfloh. Damit war ihm auch klar, daß er irrtümlich in den Wagen einer anderen Linie gestiegen sein muhte, der auf dem gleichen Geleise von Genf ab und über die Grenz« nach einem der französischen Orte am Seeufer fuhr. Weitergehend, fand er indessen, dah das Geleise sich abermals, und jetzt in entgegengesetzter Rich­tung gabelte, was ihm keineswegs angenehm war, da er nun nicht wußte, auf welchem er gekommen und welches am schnellsten nach Genf zurück­führte. Die Straße war menschenleer. Er ent- schloß sich, der Strecke zu folgen, die seinem Ge­fühl nach die rechte fein muhte, und ging und ging. Die Schienen liefen einen einsamen Weg zwischen Büschen hin. Er muhte lange geschlafen haben: leider wußte er nicht, wie lange; schließ­lich kam er in ein gröheres Dorf, das er schlum­mernd durchfahren haben muhte. Auf dem Haupt- Platz stand die Kirche offen; Lichter glänzten am Altar; er konnte die Stimme des Priesters hören, und er trat ein, um Gott für seine Ret­tung zu danken. In Andacht versunken, folgte ct dem Gottesdienst, bis ihm, der selten ein« Mess« versäumt hatte, und in kirchlichen Dingen wohlbewandert war. irgend etwas am Ritus als ungewohnt und fremd auffiel. Lind jetzt hörte er, wie der Geistliche laut um Sieg für die fran­zösischen Waffen betete...O Gott! Ich bin schon wieder in Frankreich", sagte er sich.

Er mußte auch wach und zu Fuß den Weg ver­fehlt haben! Trotz der Kirchenkühle brach ihm der Schweiß aus allen Gliedern. Er blieb bis zuletzt und hat, wie er uns sagte, inbrünstig ge­betet; er verließ das Gotteshaus erst in der Menge der andern Gläubigen. Draußen auf dem Platze, der bereits dämmerte, standen die Leute in erregtem Gespräch; er hört« sie sagen, dah berittene Gendarmen do rüber gekommen waren, die einenBoche" suchten, der sich irgend­wo an der Grenze verdächtig gemacht hatte. Hochmeier horchte nicht lange; wieder schritt er so gelassen wie möglich den Weg zurück, den er gekommen war. Sobald er sich allein im Wald« sah, nahm er seinen Landsturmpah aus der Rock­tasche, zerriß üjn für alle Fälle in kleine Stücke und warf ihn in ein Gebüsch. Aber er vergaß ganz, dah er auch irgendeine Empfehlung eines deutschen Offiziers in der Tasche trug, die, ob an sich völlig harmlos, ihm vielleicht verderb­licher werden konnte ...

Es kam nicht dazu. Er ging etwa eine Stunde unangefochten, dann sah er das weihe Kreuz im roten Feld an einem Zvllhause mit inniger Freude.

In der Kirche hatten ihn die französischen Gen­darmen nicht gesucht!

Ein frommer Knecht war Fridolin", Jagten zwei Herren an unserem Tisch zugleich.