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Nr. 220 Zweiter Blatt Siebener Anzeiger (General-Anzeiger für Vberhessen) Samstag, 20. September 1950

Die Außenpolitik nach den Wahlen

Außenpolitische Umschau.

Don Or. Otto Hoehsch, o. ö. Prof, der Geschichte an der Universität Berlin.

Da- Ergebnis der deutschen Reichs- tagSwayl ist natürlich auch ein Vorgang von großer außenpolitischer Bedeutung. Dem Aus­lande, insonderheit den sog. Siegerstaaten, de­monstriert das ungeheuere Anwachsen deS Radikalismus links und recht« eindringlich, daH eine solche Reaktion eigent­lich zu erwarten war. Eine Reaktion nämlich gegen eine Friedenspolitik seit KriegSschluh, die tatsächlich keine Friedenspolitik ge­wesen ist, die dem deutschen Volke fortwährend neue Lasten ausbürdcte und neue Demü­tigungen zusügte. Eine Friedenspolitik ist gerade zur Zeit der Wahlen in der Genfer Eurvpa-Erörterung wieder einmal so stark den bekannten französischen Standpunkt hervortricb.

Kürzlich hat der frühere sranzösische Minister­präsident Eduard H e r r i o t beklagt, daß ..seit September 1929 der pazifistische Ge­danke an Boden verloren habe". Er weist auf den Tod Stresemanns hin und auf die geschwächte Stellung Driands. Er beklagt, daß die alte Politik des sog. Gleichgewichts wieder das große Wort führe, Bündnisse und Gegenbündnisse, die eines Tages zu einem neuen Krieg sichren müßten. Und er stellt fest, daß heute die Mehrheit in Frankreich nur wider­willig an einer Politik scsthielte, die, wie Herriot sagt, Frankreich 1924 in London be­gonnen habe. Natürlich hat er vor allem d i e Spannung Frankreichs mit Italien im Auge, aber er spricht auch von der Bewe­gung in Deutschland, die die Revision der geltenden Verträge fordere. Positiv aber hat Herriot wiederum nichts anderes als den vagen Wunsch, dahfür Europa eine ganz neue Regelung der Beziehungen gesunden werden müsse". Welche Wege dos sein sollen, sagt er selbst nicht: er spricht nur ganz allgemein von dem Schiedsverfahren. Das aber ist es ja eben: solche Klagen, wenn sie auch noch so ernst ge­meint sind, haben keinen Wert, weil auch ein solcher Mann um die Grundprobleme der inter­nationalen Friedensvrganisation in Europa h e r» umgeht. Wenn der Völkerbund die A b r ü - stungsfrage nicht vorwärts bringt, wenn er nicht die Frage des Artikels 19 und der Revisionsmöglichkeit für bestehende Ver­träge in Angriff nimmt, wird er sich selber überflüssig machen und der Auflösung ver­fallen. Dann ist aber gar nicht zu sehen, wie die Politik der Bündnisse und Gegenbündnisse mit ihren gefährlichen Spannungen und Folgen ver­mieden werden soll. Schon der Verlauf der diesmaligen Völkerbundstagung wird zeigen, ob in diesem Sinne und in der Rotwendigkeit dieser Erkenntnis der Ausfall der deutschen Wahlen für die anderen eine Warnung und eine Mah­nung wird, die selbstverständlich von feiten der deutschen amtlichen Außenpolitik sehr nachdrück­lich in der gleichen Richtung verstärkt werden muß.

Die Besorgnis des Auslandes, dah die unge­heuere Zunahme der Radikalen in Deutschland diese- auf die Bahn ouhenpolitischer Abenteuer drängen werde, ist nicht gerechtfertigt. Da­zu ist gar keine Wahrscheinlichkeit! Aber Deutsch­land wird durch diesen Wahlausfall eine erfolg­reiche Außenpolitik erst recht erschwert, deren Voraussetzung ja wäre: ein innerlich ge­festigtes Deutschland, das die Kraft auf­brächte, seine inneren Zustände zunächst einmal in Ordnung zu bringen, insonderheit seine Fi­nanzverhältnisse. Die Unsicherheit der deutschen

Ruth laßt Drachen steigen.

Don Helmut Rosenthal.

Der Vater kommt verschmitzt lächelnd herein.

Er hat eine graue Rolle unter dem 21 rm, auf die er mit heiterer Geheimniskrämerei klopft, um damit anzudeuten, daß er eine rechte Ueberraschung zu­stande bringen werde: und es belustigt ihn sichtlich, dah Ruths Vermutungen planlos kreuz und quer herumirren.Rein, so ein drolliges Kind", äußert er nicht ohne Wohlwollen,an das Einfachste und Nächstliegende denkt es nicht! Wenn ich zurückdenke mir hätte damals mein Vater so eine Rolle zeigen sollen! Ich hätte im Augenblick gewußt, daß er mir einen neuen Drachen bauen wollte."

Ja, Jo", sagt Ruth freundlich,einen Drachen."

Nicht wahr, da lachst du?" fährt der Vater mit unvermindertem Wohlwollen fort,das würde ich mir an deiner Stelle auch gefallen lassen, wenn ich so einen Drachen bekäme. Und was für einen Drachen! Schau mal, wie der aufsteigen wird. Denn was glaubst du wohl, wieviel Schnur ich da mit- gebracht Habe? Du, das sind dreihundert Meter. Als ich noch ein Kind war, Habe ich nie mehr als zwei­hundert Meter gehabt; und die mußte ich mir müh­sam zusammenknoten. Da hast du es wirklich schon besser, nicht wahr? Der Vater bringt es einfach mit!"

Er blickt nicht ohne Rühr"ng auf das Knäuel.

Ruth stellt eine zaghaft zwitschernde Frage.

Ach so", erwidert der Vater,wir werden ihn natürlich blau und gelb Herrichten, mit einem dicken grünen Rand, versteht sich. Siehst du, als ich damals so ein kleiner Junge war, (die väterliche Hand rutscht messend in eine sehr unwahrscheinliche Tiefe) da hätte ich um nichts auf der Welt einen Drachen gewollt, der anders als blau und gelb gewesen wäre, und ohne den dicken grünen Rand hätte ich es auch nie getan. Ich weiß doch noch, was man sich so zu wünschen pflegt. Und der Schwanz muß ganz bunt vor lauter Farben werden."

Ruth hatte leise Bedenken gegen Blau und Gelb.

Sie führte die Erfahrung ins Treffen, daß Peter einen Drachen besitzt, der schwarz und rot gestreift ist Und das wird schon das Richtige sein. Denn Peter ist nicht umsonst sieben Jahre alt. Also zwei Jahre älter als Ruth. Peter ist überhaupt ein Fachmann in Drachen ... aber was Hilst das, wenn der Vater auch ein Fachmann ist und unter abwehrendem Ge- lächter die Meinung vertritt, daß er sich besser aus­kenne, und daß ein Drachen ohne Gelb und Blau sozusagen bloß ein Halber Drachen wäre, an dem ein Kind kaum seine Freude haben könnte.

Blau und Gelb buchen einen gründlichen Sieg.

*

Der Vater legt behutsam zwei Stäbe zusammen. , da staunst du. Ich weiß noch ganz genau,

Zustände, die (darüber kann man sich gar nicht täuschen) heute zweifellos vorhanden und durch den Wahlaussall ganz deutlich gemacht worden ist. ist ein ernstes Zeichen für die Gesamt» läge in Europa, in dessen Mitte Deutschland liegt.

Anscheinend ist die revolutionäre Be­wegung in Südamerika ein ganz für sich stehender Vorgang. Aber daS scheint nur so. Denn diese Erschütterungen in Bolivien, in Peru, in Argentinien, auch mancherlei Zei­chen gleicher Art in anderen Staaten gehen letzten Endes auch auf die W e l 1 Wirtschafts­krise zurück, unter der Europa und Nord- amerika leidet und die auch Südamerika heim­gesucht hat. Und zwar gehen diese südamerikani- schcn Staaten von der Richtung der Rohstoff- Preise und ihres Sturzes aus, von Kupfer, Baumwolle, Getreide, Fleisch. Zucker. Diese Staaten haben während des Weltkrieges ihre Produktion ungeheuer angespannt und aus- dchnen können, weil di« im Weltkrieg betei­ligten Staaten das brauchten und auch bezahlten. Sie sind nach Ende des Weltkrieges nun auch in die Wirtschaftskrise hereingekommen, die durch den amerikanischen Wirtschaftsimperialismus für sie noch erschwert wird. Die Staaten ruhen mit ihrer Wirtschaft zumeist auf unsicherer Basis, toat z. B. bei Brasilien mit dem Kaffee am deutlichsten wird. Diese Wirtschaftserschütterung setzt sich zu einer politischen weiter fort, weil die politische Konsolidation nur in Ausnahme­fällen in Mittel- und Südamerika schon er­reicht war. Die sind ja fast alle mehr oder minder Staaten von Diktatoren, von Gewaltmenschen, die die Macht in die Hand nehmen, diese jahrelang zu behaupten verstehen und dann wieder gestürzt werden. Cs gilt nicht für alle ausnahmslos. Gerade Argentinien, das jetzt eine schwere Präsidentschaftskrise erlebt hat, war immer mehr eine demokratische Republik geworden. 3m ganzen also hat das Zittern, das durch die Erde geht und in dem die Erschüt­terungen des Weltkrieges nachwirken, auch mehr oder minder Südamerika ergriffen. Durch die Weltwirtschaftskrise, also durch gemeinsame Krankheit sind sie doch auch an die Gesamt­heit der Geschicke der Welt angeschlossen, und soweit sie von Moskau entfernt sind, die prole­tarischen Bewegungen in den Großstädten dieser Staaten, in denen sich unruhige Elemente aus ganz Europa sammeln, sind ein guter Nährboden für die radikale Agitation im Sinne auch von Moskau.

3mmer nachdrücklicher predigen so derartige Erscheinungen hin über die ganze Welt ihrer­seits dem Weltkapitalismus und den in der Welt­politik maßgebenden Staaten, sich zu einer internationalen Zusammenarbeit zusammenzufinden, ohne die die jetzige Wirt­schaftskrise bestimmt nicht schnell überwunden wird und ohne die es leicht für den einen oder anderen Staat zu schwer und zu spät werden kann, die Ordnung aufrechtzuerhalten. Da unser Deutschland, wie seine Wirtschaftskrise und der daraus hervorgegangene Wahlausfall zeigt, in erster Linie z u diesen gefährdeten Staaten gehört, so gehört es eben auch in den Gesamtbereich einer deutschen Politik, einer deutschen Auhenpolitik, die wirklich die Zu­sammenhänge erkannt hat, in der Richtung einer solchen internationalen Zusammenarbeit das ihrige zu tun.

Bisher sind auch nur Andeutungen in dieser Richtung vollständig zu vermissen gewesen. Daß dergleichen in der Wahlkampagne nur eine geringe Rolle spielen konnte, war ja sehr selbst­verständlich. Aber nun wird es wirklich Zeit! Den Bemühungen, trotz des radikalen

Sieges in Ordnung und Vernunft durch diesen Winter hindurch zu kommen, muh eine Außen­politik parallel gehen, die auch diese Zusam­menhänge erkennt und energisch vertritt. Di« in der Lage ist, dem Auslande zu sagen, gerade angesichts eines Wahlergebnisses wie des jetzigen, daß zur politischen Stabilisierung auch die wirtschaftliche gehört, dah diese nur unter wirtschaftlicher Verständigung und Zusammen­arbeit möglich ist, und das umgekehrt wirtschaft­liche Verständigung ohne wirkliche Friedenspolitik

auch nicht möglich ist. DaS ist alleS nichts Neues. Cs wird uns und der Welt nur durch den Aus­fall der Reichstagswahl besonders nachdrücklich vor Augen geführt, nachdem schon vorher alleS daS mit der deutschen Wirtschaftskrise zutage getreten war. Don hier aus muß allerdings unter dem Druck der Not die deutsche Außen­politik nun entschiedener und entschlos­sener vorgehen, alS e« in den letzten Zeiten der Fall war!

Oer brennende Hafen von Achen.

Oer piräuet/ ein griechisches Marseille. Griechenlands neue Millionenstadt. Industrie und Technik unter griechischer Sonne.

3m Piräus, dem Athener Hafen, lief unbemerkt die gesamte Benzinladung eines englischen Frachtdampfers infolge Pump- schadens in das Hasenwolser. Ein Feuer­funke genügte, um das ganze Wasser in Brand zu setzen. 20 Segelschiffe und viele Dampfer standen sofort in Flammen und explodierten zum Teil. 10 Tote und zahl­reiche Schwerverletzte wurden gemeldet. Der Sachschaden wird auf zehn Millionen geschäht.

Wer Griechenland vor dem Krieg bereist hat, wird den Piräus heute nicht mehr toicberer- kennen. Dieser uralte Hafen hat sich vollständig verändert und ist, wie die Griechen behaupten, zum drittgrößten Hafen am Mittelmeer gewor­den. Der erste Eindruck scheint der stolzen Be­hauptung der Griechen recht zu geben. Man ist von Marseille und von Genua her gewöhnt, Menschenmassen in den Hafenstrahen umherwan­dern und umherstehen zu sehen, während die Häfen von Neapel oder Palermo und sogar der Hafen von Konstantinopel daneben einen ruhigen Eindruck machen, denn die Bevölkerung

bewegt sich mehr im inneren Teil dieser Städte. Und im Piräus herrscht ein Volksleben, da« tatsächlich mit der Lebendigkeit der beiden größten Mittelmeerhäfen verglichen werden kann! Da sieht man alteingesessene Griechen in ihrer seltsamen Nationaltracht neben vielen tau­send Flüchtlingen aus Kleinasien, Männern und Frauen griechischer Nationalität, die im Ver­laufe des griechisch-türkischen Krieges vor sie­ben oder acht Jahren ihre kleinastatische Hei­mat verlassen mußten. DaS Elend unter die­sen Flüchtlingen war grenzenlos, und dennoch haben sie dazu beigetragen, dem griechischen Leben einen Aufschwung zu geben, der ohne diesen Menschenzustrom nicht möglich gewesen wäre.

Die Stadt Piräus hat in den letzten Jahren eine beispiellose, eine amerikanische Entwicklung durchgemacht. Vor sechzig 3ahren wohnten in diesem griechischen Hafen wieder 11000 Men­schen, nachdem in früheren 3ahrhunderten der Platz gänzlich verödet war und erst vor einem Säkulum notdürftig besiedelt wurde. Um die Wende des Jahrhunderts.mögen etwa 50 000

Blick auf den Hafen von Athen.

wie man das Holz zurechtlegen muß, damit es sich nachher richtig in der Luft hält. Da kann man leicht etwas ganz Verkehrtes machen, wenn man sich das nicht gehörig überlegt. Manchmal habe ich geradezu vor Wut geheult ... da hatte ich mir alles fo hübsch ausgedacht; und dann wurde es nichts. Aber ... wer hat mir schon damals so etwas gesagt! Zu meiner Zeit mußte man damit eben allein zurande kommen. Wahrhaftig, das war nicht ganz einfach. Wenn ich fo hätte zusehen können wie du!" ...

Ruth zerzupft nachdenklich ein Stück Papier.

Aber! Was machst du nur da?" sagt der Vater fast beleidigt,wer zupft denn das Glanzpapier entzwei! Eben hatte ich es so gut zurechtgeschnitten; und nun kann ich beinahe wieder von vorn anfangen. Ich mache bas hoch wirklich nur zu deinem Ver­gnügen ... da könntest du dich schon ein bißchen zusammennehmen, wo du doch siehst, wie ich mir alles überlege, damit du hinterher deinen Spaß mit dem Drachen haft. Ein artiges Kind würde jetzt lieber die Papierschnitzel zusammenlesen, nicht wahr? Da sieht hier alles gleich viel sauberer aus"

Der Drachen stöhnt unter der formenden Hand.

*

Uc|er das Parkviertel mäht der Herbstwind.

Der Vater trägt, schöpferischen Stolz auf dem zu­friedenen Gesicht den Drachen durch die Vorstadt- straße. Hin und wieder hält er prüfend feinen Finger hoch, um dann kopfschüttelnd zu bemerken, daß man eben doch ein freies ungeschütztes Feld brauchte. Zärtlich ruht sein Blick auf dem blaugelben Etwas, das Ruth merkwürdigerweise ein bißchen schief ge­raten scheint. Aber was versteht Ruth schon von einem Drachen, wie er sein soll und da man schließlich erziehen muß, erfährt sie, daß ein Kind nicht immer herummäkeln sollte.

Ruth wandert still hinter der Ermahnung her.

Sie lächelt, als sie Peter sieht, der plötzlich hinter der nächsten Straßenecke auftaucht. Peter hat nämlich einen Reifen und in der Tat, der Reifen ist schwarz und rot gestreift wie der Drachen, den Peter besitzt. Wenn man Peter jetzt fragen konnte, ob er vielleicht feinen Reifen auf eine Viertelstunde abträte und dafür mit dem Vater und dem blaugelben Etwas spielte. Ruth blickt aufmerksam und abschätzend Zwi- schen Peter und dem Vater hin und her. Zum Ende entschließt sie sich zu einer dünnzirpenden Erkundi­gung bei dem Vater.

Dem Vater entgeht es, daß Ruth etwas zirpt ...

Denn der Vater spult emsig an seiner Schnur.

Wirklich, du bist schon ein kleiner Faulpelz!" äußert er nicht ohne Behagen, während er geschäftig die paffende Meterlänge berechnet, die man zum An­werfen eines Drachens braucht,das möchte gewiß mancher bloß zuschauen und den Vater einen guten Mann sein kaffen, der alle Arbeit macht, nicht wahr? Aber das tut nichts; und das nehme ich dir ja auch gar nicht übel. Denn schließlich soll es doch

für dich ein Vergnügen fein und nicht für mich. Paß jetzt bloß auf, wie dein Drachen hochgehen wird. Hundert Meter zum mindesten!"

Ruth sieht Peter um die nächste Ecke laufen.

... Und nun geht es los", härt sie den Vater rufen,weißt du, am allerbesten wäre es, wenn du hier stehen bleibst und den Drachen hältst während ich mit der Schnur laufe, nicht wahr? Da kannst du ganz prächtig sehen, wie ich anrucke ... und selber anrucken, das kannst du doch wohl nicht mit deinen fünf Jahren. Anruckcn ... hörst du ... das will ver- standen sein! Wenn ich es dann sage, hast du nichts weiter zu tun, als den Drachen loszulassen. Weiter gar nichts, hast du verstanden? Wir wollen doch sehen, ob wir zwei das nicht fertig bringen."

Ruth steht einsam und klein mit dem Drachen. Der Vater rennt irgendwo in der Ferne herum. Ruth sieht ihn heftig winken, daß es an der Zeit fei, den Drachen hochzuwerfen. Sie entläßt ihn mit einem zarten Stoß ... sieht, wie er in ängstlichen, schraubenden Windungen durch die Luft torkelt, um sich trotz zwei emsig anziehenden Männerfäusten im laschen Steigen zu überschlagen und dann doch wun­derbarerweise ein bißchen hoher zu taumeln. Klein und einsam spürt Ruth, wie die blaugelbe Miß­gestalt sie nun auch noch verläßt, um im Winde zu treiben.

Aus der Ferne dröhnt das Hallo des Vaters ...

... Und als dieses Hallo samt dem Vater nach einer geraumen Weile zurückkommt, steht Ruth noch immer (fast noch ein bißchen kleiner und einsamer) auf ihrem Fleck.Das war schon ein Spaß, nicht wahr?" bemerkt der Vater in guter Laune,das läßt sich denken, daß dir das gefallen hat! Aber weißt du ... jetzt konntest du auch einmal etwas tun. Sieh mal, soll ich mich nun auch noch damit abrarfern, daß ich die Schnur wieder aufroirfle? Ein artiges Mädchen ..."

Ruth beginnt artig die Schnur aufzuwickeln ...

Liebermann-Anekdote.

Ein außergewöhnlich reicher Handschriftensamm­ler schrieb an den Maler Max Liebermann und bat ihn, ein paar Zeilen für seine Sammlung auf­zuschreiben und ihn damit glücklich zu machen.

Der Sammler erhielt folgenden Brief:

Sehr geehrter Herr! Herr Liebermann hot auf j^des seiner Bilder und auf jede seiner Zeichnungen seinen Namen geschrieben. Bitte bedienen Sie sich. Im übrigen pflegt Herr Liebermann nie Auto­gramme zu geben. Hochachtungsvoll Ewald Meyer. Sekretär."

etroas später traf Liebermann denselben Samm­ler und fragte:

Na, ham sich wohl sehr jeärgert über meinen Brief?"

Gewiß", sagte der andere errötend,ich habe ihn sofort in den Papierkorb geworfen. Wenn man

sich auf ein paar Zeilen aus der Hand Liebermanns freut und dann irgendein Gekritzel von irgendeinem Herrn Meyer erhält, ist das doch schließlich kein Wunder!"

Schade", sagte Liebermann,den Brief hatte ick nämlich selber mit der Hand jeschrieben. Ick habe nämlich jar feen Sekretär ..."

Lochschulnachrichten.

Der Münchener Zoologe, Geheimrat Pro­fessor Dr. med. et phil. Richard von Hert - w i g vollendet am 23. d. M. das 8 0. Lebens­jahr. Geboren zu Friedberg als Sohn des Fabrikanten Karl Hertwig, am Gymnasium in Mühlhausen i. Th. vorgebildet, bezog er die Universität 3cna und trat hier in ein Freund­schaftsverhältnis zu Ernst Haeckel, welcher ihn bestimmte, Medizin zu studieren mit der Absicht, sich später der Zoologie zu widmen. 1874 habi­litierte sich v. Hertwig für Zoologie in 3ena, wo er später zum a. o. Professor ernannt wurde. 1881 folgte er einem Rufe als Ordinarius der Zoologie nach Königsberg, kam von dort nach Bonn und 1885 nach München als Nachfolger des verstorbenen Geheimrats Dr. Karl Theodor v. Siebold. Hertwigs Arbeiten behandeln vor allem das Gcbiet der Zellteilung und Befruch­tung mit besonderer Berücksichtigung der bei Protozoen herrschenden Verhältnisse. Sein Lehr­buch der Zoologie ist in mehreren Auflagen verbreitet. Der Gelehrte gehört den Akademien der Wissenschaften in München, Berlin. Wien, Rom. Göttingen, Philadelphia als Mitglied an. Seit sechs Jahren ist Geheimrat v. Hertwig von der Verpflichtung zur Abhaltung von Vorlesun­gen befreit. Der Senior der deutschen Orien­talisten, Geheimrat Professor Eduard Sachau, ist im Alter von 85 3ahren in Berlin ge­storben. Geheimrat Sachau war der erste Direktor des Orientalischen Seminars an der Universität Berlin und Mitglied der Preußi­schen Akademie der Wissenschaften. Er war einer der bedeutendsten Forscher orientalischer Literatur und hat sich besondere Verdienste um die Ausbildung der deutschen Kolonialbeamten erworben. Er hat über 50 Fahre Vorlesungen an der Berliner Universität gehalten. Die Deutsche wissenschaftliche Gesellschaft für Luft­fahrt hat dem Inhaber des Darmstädter Lehrstuhls für Flugmeteorologie, Professor Dr. W. G e o r g i i, der einer der ältesten Pioniere der Segelflugbewegung ist, in Anerkennung sei­ner hervorragenden Verdienste um den motor­losen Flug die Otto-Lilienthal-Me- d a i 11 e verliehen. Die Medaille, die erst zum zweitenmal verliehen wird, ist eine verdiente An­erkennung dieses unermüdlichen Vorkämpfers für das Segelflugwesen.