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Aus Natur und Technik.

Das Literaphon.

Chne neue Sprechmaschine

Don Mas Fischer

MS Edison die Möglichkeit gesunden hatte. Töne gew sserrnahen einzuwecken, zeichnete er he auf 3Einblättern auf, also auf tagenanntem Stan­niol Tick 3innblättcr wurden am eme ftch drehende und gleichzeitig fchraubenfarmtg m der Längsrichtung wandernde Walze flelegt ^cgen das dmnblatt drückte ein an einem Schallblech befestigter Stift. Sprach man gegen das schall- blech. Io bah eS in Schwingungen geriet, fo drückte der Stift mit verschiedener Stärke auf das Zinn. (o baß fich bie schraubenförmige Rinne, die der Stift in das Zinn eingrub, in seiner T'.efe fortgesetzt veränderte Mit derselben (Sm- richtung konnte man dann die so aufgespeicherten Töne wiedergeben, indem der durch den Boden der Rinne fortgesetzt gehobene und gesenkte Stift da- Schallblech in Schwingungen versetzte. Ich erinnere mich noch deutlich einer Dorführung dieses ersten Phonographen vor bald fünfzig Jahren, in den einer meiner damaligen Mit­schüler mit einer Trompete die Margarete, das Mädchen ohnegleichen, mit Stentorstimme hinein- blie-, und wie denn gleich nachher dieselbe Mar­garete, allerdings etwas schüchtern, aus dem Trichter wieder herauSkam.

Bei der Plattensprechmaschine wurden dann und da» ist auch heute noch so die Töne nicht mehr auf dem Grunde der Rinne eingegraben, sondern an ihrem senkrechten Rande, also durch seitliche Schwankungen de» Schreibstiftes. 3m Gegensatz zum Phonographen war sie nicht zur Ausnahme von Schall eingerichtet. Die Ausnahme fand vielmehr gewissermaszen fabrikmäßig auf einer Wachsplatte statt, von der durch ein ver- wickelte» Verfahren eine Metallform, eine soge­nannte Matrize, hergestellt wurde: mit dieser Matrize wurden dann die im Handel befindlichen schwarzen Sprechmaschinenplatten aus Kunstharz geprägt. Die Plattensprechmaschine wurde so ge- toiflermahen zu einem Dorläufer deS Rund­funks, mit bem man sich immer zu Hause Musik machen konnte. Freilich war der Spielplan dabei auf die mehr ober minder geringe Zahl der Stücke beschränkt, die man aus Platten besah. Wegen dieses beschränkten Spielplane» wurde schließlich aus der Sprechmaschine, die durch den Rundfunk schon überflüssig zu werden schien, daS, was sie heute ist, näthlid) eine Ergänzung des Rundfunks. Man konnte damit Musik und Sprache nach eige­ner Wahl haben, wenn der Sender schwieg oder man ettvaS anderes hören wollte al» daS, was er gerade bot Diese Entwicklung wurde dadurch begünstigt, bah die technischen Mittel, die durch den Rundfunk vervollkommnet wurden, der Sprechmaschine einen neuen Aufschwung gaben, insbesondere die Derstärkertechnik unb der Laut­sprecher, in dem man auch bie Schallplatten hörbar machen konnte

Mehr unb mehr zeigte eS sich aber doch, daß der ursprüngliche Gedanke EbisonS, nach dem der Phonograph zur Ausnahme von Schall- ivellen durch jedermann dienen sollte, auch ihre Berechtigung hatte, unb bah vielfach das Be­dürfnis zur Festlegung von Sprache und Musik an jeder beliebigen ©teile, also nicht nur in der Fabrik, beftanb. So entstanden z. D. die Dik - tiermafebinen, die die Sprache auf WachS- toalxen aufzeichneten, die man dann leicht wieder abhören und danach durch Abdrehen glätten unb so zu neuer Verwendung bereitmachen konnte. Man kehrte also hierzu wieder vom Platten­teller zur Wal,ze zurück.

Run haben aber diese WachSwalzen ihre Nach­teile. insbesondere sind sie unbequem zu ver­schicken, weil man sie nur in Papprollen versenden kann. Die Platten wieder kann man deshalb schwer verschicken, weil sie zerbrechlich sind. Es

ist daher schon immer daS Bestreben gewesen, unzerbrechliche unb möglichst leichte Platten her­zustellen. Kürzlich hat nun die Literaphongefell- schaft der T«chnisch-Literarischen Ge'ellschafl eine Lösung dieser Aufgabe vorgeführt, und zwar in Gestalt e.nes Dreiröhren-RundfunkempfängerS mit eingebauter, von einem Elektromotor ange­triebener Sprechmaschine Sie verwendet dabei ganz dünne Schallplatten aus einem unentflamm­baren Flmstoff. dessen Grundmasie Azetvlzellu- lok ist. ober Zink- ober Alumimumplatten von nur 02 Millimeter Stärke. Durch besonders harte Schreibstifte kann der Schall in diese harten ?Matten eingezeichnet werden Die Besprechung ann dabei unmittelbar ober über ein Mikrophon erfolgen Die Wiedergabe geschieht dann auch unmittelbar ober im Lautsprecher

Die Vorführung geschah in der Weise, dah der Dorsiyende her Technisch-Literarischen Ge­sellschaft seine Eröffnungsansprache vor der Sit­zung auf eine Metalwlatte gesprochen hatte und im Anschluß daran der erste Vortragende den Beginn seines VortrageS Die Sitzung wurde dann vom Literaphon durch die Wiedergabe im Lautsprecher eröffnet und der Vortragende fuhr dann unmittelbar mit seinem Vortrag fort Rach Schluss dieses Vortrages wurden noch ver­schiedene Versuche gemacht, unter anderem wurde Rundfunk ausgenommen und nachher wiedergege­ben. waS sehr gut gelang.

Diese Platten, die je nach Gröhe 20, 30 unb i 40 Pfennig kosten, können ohne weiteres mit ber I

Post als Brief verschickt werden, wo» namentlich für Blinde von großem Wert ist, da sie bann keine Briefe zu schreiben brauchen. Der Apparat kann aber kldstverständlich auch al» Diktier- maschine verwendet werden. Wichtig scheint auch seine Derwendung zur Aufnahme von geschäft­lichen Verhandlungen, die dann jederzeit zur Be­hebung von Zwe.seln wiederholt werden können, und z. V. zur Auizeichnung von Vernehmungen vor dem Untersuchungsrichter, über die ja be­kanntlich in der Hauptverhandlung häufig Mei­nungsverschiedenheiten entstehen. Durch Wieder­gabe ber Schallplatten im Lautsprecher können diefe Mcinungsversch ebenbeiten einwandfrei ge­klärt werden.

Für die Auszeichnung (ehr langer Verhand­lungen usw bereitet die Literaphongesellfchaft einen 3weiplattenapparat unb einen Bandappa- rat vor. Beim Zweiplattenapparat wirb zunächst eine Platte besprochen, dann die zweite, während­dessen wird bie erste gegen eine unbesprochene Platte auSgewechselt usw.. so dah der Betrieb ununterbrochen weitergehen kann. Beim Band­apparat erfolgt die Auszeichnung auf ein Film­band von beliebiger Länge, so dah sie ohne Unterbrechung mehrere Stunden dauern kann.

Man hatte bei der Vorführung den Eindruck, dah im Literaphon tatsächlich ein technischer Fort­schritt auf dem Gebiete der Sprechmaschine vor- liegt, die sich namentlich in einer erheblichem Steigerung in der Vielseitigkeit der Verwendung der Sprechmaschine auSwirken wird.

ilt

as bringt bie 7. Deutsche guntausflellung?

Keine Sensationen Wesentliche Vervollkommnung aller Geräte. Neuerungen im Fernsehen.

In den nächsten Tagen wirb in Berlin die 7. Deutsche Funkausstellung und Phonoschau eröffnet

3um erstenmal wird die FunkauSstellung eine grobe Phonoschau erhalten. Der Zusammenhang zwischen Rundfunkempfängern unb Einrichtungen für den elektrischen Schallplattenbetrieb ist im letzten Jahre so eng geworben, bab man bie beiden Dinge nicht mehr voneinander trennen konnte. Deshalb Haben wir auf der groben Ber­liner FunkauSstellung zahlreiche elektrische Schallplatten-Einrichtungen mit be­sonderem Kraftverstärker und Lautsprecher Wir

sehen alle möglichen Antriebswerke für Schall- platten und finden dabei Einrichtungen mit unb ohne Bremsregler. Aber auch ber neuen Verwen­dung der Schallplatten für den Tonfilm ist Rechnung getragen und es sind PlattenantriebS- werke für Tonsiln.zwecke mit Svnchronmotor- antrieb und auch Projektorantrieb ausgestellt.

Aber die Hauptausstellung gilt natürlich dem Rundfunkgerät. Soweit

der Empfänger

in Frage kommt, ist grundsätzlich Neues nicht zu finden. DaS Radiogerät ist aus der Sphäre um­

Propagandaflottille für die Funkausstellung auf den Berliner Gewässern.

wälzender Reuerungen zunächst in die der Ver­vollkommnung und Verfeinerung der Ausführung getreten. Der Netzanschluß ist obligatorisch geworden für alle emptängerherstel- lenben Firmen. Daneben findet man allerdings auch noch eine gröbere Zahl von Batterie- Empfängern. Bet den Retzempsängern wird der Heizstrom misten- unmittelbar dem Retz

Montage eine» Riefenlautsprecher»

entnommen, so bafj bei Wechselstrom die in­direkt geheizten Röhren noch immer vorherrschen. 3n einzelnen Fällen wird aber nicht nur der Anodengleichstrvm über Gleichrichter dem Wechselstrom entnommen, sondern auch ber Heiz­strom. Um die unangenehmen Einflüsse der Retz- spannung-fchwankungen zu beheben, sind auto­matische Spannungsregler gebaut wor­den. die die Spannung sogar von 180 aus 280 Volt regulieren. AIS Gleichrichter werben Röh­ren mit GaSsüllung. neuerbingS auch Hoch- vacuum-Rohren sogar für gröbere Ströme ver­wendet. Man baut neuerdings auch Selengleich- richter. Wir sehen sie in Platten bi» 24 Volt unb 0,5 Amp.

Bei hochwertigen Empfängern herrscht noch immer bie Reutrodynschaltung vor, doch findet man auch viel Superhet-Empfänger ausgestellt. Der letztere wird besonder» gern bei kurzen Wellen verwendet, da durch die Einführung einer tieferen Frequenz ein besserer VerstärkerungS- grab ber Schirmgitterröhren erzielt wird. Viele Empfänger sind heute deshalb nur beschränkt brauchbar, weil sie keine ober nur eine unge­nügende Selektivität besitzen. Sie geben feine Möglichkeit, sreqaenzbenachbarte Sender auSzu- schalten. Hier hat man neue Versuche gemacht mit der Schaffung von Empfängern mit Bandfiltern. Diese Empfänger haben die Eigenschaft, fremde Sender gut auSzusieben, ohne den Empfang des eigenen SenberS zu ver­schlechtern. Die meisten Empfänger werden beute für den ganzen Rundfunkbereich von 200 bi» 2000 Meter gebraucht. Die besseren Empfänger gestatten die Einstellunq in diesem Bereich ohne bab SpulenauSwechselung erforderlich wäre. Dabei ist überall Einknopfbedienung an* fieftrebt unb wenigstens für die feinere Ginstel- ung durchgeführt. Man findet auch sehr viele reine Kurzwellenempfänger, auch schon vereinzelt Empfänger für ultrakurze Wellen, d. h. für Wellen unter 10 Meier. Man ist weiter bestrebt gewesen, die Feinein­stellung der Wellen zu verbessern. Dazu kommen

Pw4ü rangiert...

Nadio auf dem Derschiededahnhos.

Don Georg Diesenthal.

Mutti", fragt ber kleine Junge am D-3ug* Fenster und daS Fingerchen deutet auf einen Güterwagen, ber scheinbar auf eigene Faust über die Rachbargleise rollt,Mutti, was macht denn der Wagen da?" Mutti sieht auf. ,.Er ran­giert", erklärt sie. Dann vertieft sie sich wieder in ihr Kreuzworträtsel. Der 3ug fährt weiter. Unb kein Mitreisender denkt daran, dah eben ein Thema gestreift worden ist, über das fich Professoren unb 3nbuftrielle, Eisenbahner, In­genieure unb Statistiker jahrein jahraus den Kopf zerbrechen.

Einer der leistungSsähigsten Derschiebebahn- böfe der Well Hamm in Westfalen, dem fich auch die amerikanischen Eisenbahnen in ihren Me­thoden annähern, wird stündlich von 400 Güter­wagen durchlaufen. Beschäftigt man sich mit jenen Dingen, bie heute für den Eifenbahnverkehr am wichtigsten sind, so wirb man bemerken, dah unter ihnen bie Rangiertechnik einen sehr breiten Raum einnimmt. Das ist nun vollkommen be­rechtigt. Denn von den Betriebs-Selbstkosten, der Reichsbahn entfallen beim Personenverkehr 15 Prozent, beim Güterverkehr 25 Prozent auf die Zugbildung, b. h. auf das Zusammenstellen von Wagen zu einem Zug also aus das Rangieren.

Erste Maßnahmen zur Rationalisierung wirkten sich hier schon aus. als bei dem grotzen eng­lischen Bergarbeiterstreik der deutsche Kohlen­verkehr über Rächt gewaltig stieg. ..Rangieren" wurde zur Wissenschaft. Forschungen und Vor- fchläge sollten einheitlich erfaßt werden: man gründete die ..Studienqesellfchast für Sangier- technik": bestehend aus fünfzehn Mitgliedern, von denen je fünf der Reichsbahn, der Industrie, der Wissenschaft angehören. Ihre Bemühungen waren erfolgreich es flieg die Leistungsfähigkeit des Verfchiebebahnhofs Hamm um 8Q Prozent die Ausgaben sanken pro Wagen um 30 Prozent. Die Kosten für einen abgefertigten Wagen be­tragen in Hamm nur noch 35 Pfennig.

Zu jenen Dipgen. an deren Entwicklung in erster Linie gearbeitet wirb, gehört die ilebeo- mittelung von Rachrichten zwischen den einzelnen Rangierdienst-Stellen. Das Oberhaupt des Gan- zen: der Rangiermeister, muh sich verständigen können mit Bremsern, Weichenstellern, Hemm- schuhlegern. mit der Rangierlokomotive und mit dem Stellwerk. Hier hat nun bie Reichsbahn modernstedrahtlose" Hilfsmittel herangezogen.

Man beschränkte sich früher auf Trommel- fignale, optische Zeichengebung man kombi­nierte akustisch mit Weckerglocken, Klingeln, Hupen oder verwendete daS Typhon, einen Membran-Schallsender mit Druckluftbetrieb, der bestimmte längere ober kürzere Töne gab. Aber alle diese Methoden hatten den Rachteil, datz zu ihrem guten Funktionieren auch gute Witte­rung oder gute Sicht mehr ober minder erforder­lich war. Die Rervenkraft des Personals er­schöpfte sich zu einem großen Teil in ber Beob­achtung von Signalen. Da nun aber von einer modernen, deutschen Rangieranlage alle neun Mi­nuten ein Zug mit 50 Wagen ablaufen kann, darf solche Schnelligkeit durch undeutlich primi­tive Signalgebung nicht beeinträchtigt werden.

Eine Rangierlokomotive, bie genau wie untere Straßenbahnen mit einer elektrischen Oberleitung verbunden war unb auf diesem Wege die Klingelsignale direkt erhielt. vermied erstmalig die genannten Fehler Der nächste Schritt führte zwangsläufig zur drahtlosen Sprechverbindung mit dem Lokomotivführer.

Ein idealer Betrieb war damit erreicht. Richt mehr beschränkt auf wenige Zeichen, konnte man ausführliche Befehle übermitteln. Komplizierte Operationen auf der Rangieranlage sind jetzt ohne weitere» auszuführen. 3m Rotfall kann so­gar der Rangiermeister seine Pläne nachträglich ändern, was dis heute mangels einwandsreier Verständigung ein ziemlich waghalsiges Unter­nehmen war

3mci Gesellschaften sind gleichzeitig mit zwei Systemen hervorgetreten. Beide arbeiten mit Heinen, radkotelephonifchen Sendern, bie nur sehr geringe Sendeenergien brauchen. Auf der Ran­gier-Lokomotive ist zwischen Schornstein und Führerstand ein Draht gezogen. bie Empsangs- antenne. Der mit einfachsten Röhrengeräten auf der Lokomotive betriebene Lautsprecher gibt die erteilten Befehle so deutlich wieder, baß sie auch bei größtem Lärm zu Horen sind. Ueberbies hat der Empfänger den Vorteil, baß er mit ein paar Handgriffen abgenommen unb auf eine andere Lokomotive gebracht werden kann.

Als Sendeantennen dienen beliebige Freilei­tungen über den Gleisen. Von den Sprechstellen aus gibt nun bet Rangierleiter bequem unb rafch keine Anweisungen. Aehnlich wie beim Rundfunk wirb während der Sprechpausen dauernd ein Pausenzeichen gesendet, um den Lo­komotivführer vom ordnungsgemäßen Arbeiten der Einlage zu überzeugen. Hört der Lokomotiv­führer dieses Zeichen nicht, so hat er sofort zu stoppen. Auf den Rangierbahnhöfen Berlin- Pankow unb Duisburg-Hochfeld-Süd wird solche drahtlose Telcphonie zur Zeit mit gutem Erfolge

erprobt. Aus dem Bahnhof in Hamm ist ferner seit anderthalb 3ahren eine Telegraphie-Ein­richtung in Betrieb, die an bie Lokomotive Morsezeichen gibt. Morse-Telegravhie hat sich jetzt auch auf dem Derschiebebaynhos Erfurt bestens bewährt.

Aber bie fortschreitenbe Entwicklung ruht sich nicht einen Moment auf ihren Lorbeeren aus. Schon gibt es Konstruktionen, bie den Rachrich­tenverkehr überhaupt gänzlich überflüssig machen: ferngesteuerte Gleisbremsen und ferngesteuerte Rangierlokomotiven (Systeme Bäfeler unb Deri- kattz). Da sie einen großen Teil de» Rangier­vorgangs ausschließlich in bie Hände des Ran­gierleiters legen, braucht der fich nun nicht mehr mit Hilfskräften zu verständigen. Und wenn diele Erfindungen auch noch eingehender Bear­beitung bedürfen, so zeigt fich doch eben auch hier, baß im Eifenbahnbetrieb genau wie in allen anderen Großbetrieben Kräfte am Werke sind, bie ber radikalen Mechanisierung aller menschlichen Arbeitsprozesse unaufhaltsam ent­gegenstreben.

Die Kepheiden.

Don profeffor Dr. ttüstermann.

Wodurch kann nicht einer berühmt werden und seinen Samen unsterblich machen! Der eine durch schone Gedichte, der andere durch Parla­mentsreden, ein Dritter durch Gründung eines Handelshauses und wieder ein anderer vielleicht durch eine Ersindung oder Entdeckung. Aber manchem fällt bie Unsterblichkeit ohne eigenes Zutun in den Schoß, denn selbst bie besten ®e- schichtskenner werden uns z. B. nichts von den Verdiensten des Königs Kepheus erzählen können. Seine einzige Leistung war. daß er eine bild­schöne Tochter hatte, die Andromeda hieß, und bie schnöber Weife von einem Untier ausgefressen worden wäre, wenn der tapfere Perseus sie nicht gerettet hätte. Es ist also ganz in ber Ordnung, daß Perseus und Andromeda und sogar deren Mutter Cassiopeia viel stattlichere Sternbilder erhielten als der Vater Kepheus. Man würde von diesem Sternbild nicht viel Wesens machen, wenn es nicht den Anlaß zu einer außerordent­lich merkwürdigen Entdeckung gegeben hätte.

Der Stern, an den sie sich knüpst. ist dem bloßen Auge noch sichtbar und gehört wie auch tau­sende von anderen zu den veränderlichen Ster­nen, die nicht immer in gleicher Helligkeit leuch­ten. Als man nan diese Sterne nach ber Art ihrer Veränderlichkeit einteilte, wurde er sozu­sagen zum Gruppenführer gewählt, - nach ihm wurden alle Sterne, deren Veränderlichkeit die­

selben Grundzüge aufweist, .Kepheiden" ge­nannt. Diese Sterne sind, wie man sagt, kurz- periodisch, das heißt die Dauer ihres Licht­wechsels beansprucht meist nur einige Tage, und die Lichtzunahme erfolgt schneller als die Ab­nahme. Hierdurch unterscheiden sich die Sterne deutlich einerseits von Sternen, wie etwa die Mira im THalfisch einer ist, deren Lichtwechsel ungefähr elf Monate dauert, unb anderseits von den Algolsternen, bie zwar auch kurzperiodifch sind, deren Lichtwechsel aber darin besteht, daß sie nur während verhältniSmäßia kurzer Zeit eine schnelle Ad- und eine ebenso schnelle Zunahme zeigen.

Run sind sich zwar die Gelehrten über die eigentlichen Gründe des eigentümlichen Licht- wechsel» der Kepheiden noch nicht einig, aber einer amerikanischen Astronomin, Rdß H S. Lea Vitt, gelang eine sehr merkwürdige Ent­deckung. Sie untersuchte die sogenannte kleine Kapwolke, eine Sternanhäusung deS südlich n Sternhimmels, nach Kepheiden. Es stellte sich heraus, daß bie helleren Kepheiden in einer ganz regelmäßigen Weise längere Zeit zu ihrem Licht- wcchsel brauchten, al» bie llchllchwächeren. Da aber alle biefe Sterne in derselben Sternwolke standen, konnte man anneßmen, baß die un» Heller erscheinenden auch wirklich die helleren sind, denn die Entfernung kann für alle al» ungefähr gleich angenommen werden. Man konnle nun eine ganz feste Beziehung zwischen ber Leuchtkraft eines Kepheidensterns, etwa ausge­drückt in Sonnenhelligkeitcn, und ber Dauer seine» Lichtwechsels aufstellen Weitz man nun aber, wie hell ein Stern leuchtet, so kann man durch Vergleich mit anderen Sternen seine Ent* fckmung abschähen.

Es grenzt fast ans Unglaubliche, welche Erfolg» durch die kühne Anwendung dieser Gedanken­gänge erreicht worden sind. Selbst bei Sternen, die viel zu schwach find, als datz man sie selbst durch die lichtstarksten Fernrohre unmittelbar sehen könnte, und die uns also ihre Anwesenheit nur durch ihre Wirkung auf die Lichtbildplatte verraten, gelang e», die Kepheidennatur nach­zuweisen und die Dauer des Lichtwechsels zu be­obachten. Da dieser eine für Kepheiden lange Zeit, nämlich bi» zu 50 Tagen, beanspruchte, konnte man schließen, daß es an unb für sich sehr lichtstarke Sterne sein müßten. Da sie aber ander­seits als ungemein lichtfchwach erschienen, so blieb als einzige Möglichkeit, beide» zu vereinen, die Annahme einer ungeheuer großen Entfer­nung. Man ist so weit über die Milchstratzen- welt hinaus bis in Tiefen des Weltalls gelangt, die uns sonst verschlossen geblieben wären.