saal des Kurhauses vor vollbesetztem Hause die Uraufführung des „Schachtmeister" statt. In mo- chenlanger mühevoller Borbereitung hatten unter der Spielleitung von Oskar F e i g e l, früherem Mitglied des Gießener Stadttheaters, etroa 60 Mitwirkende aus der hiesigen Bürgerschaft ihre Kräfte in den Dienst der Heimatsache gestellt und überraschten heute durch ein sehr gutes Spiel. Die Hauptrolle des Schachtmeisters hatte der Spielleiter O s - kar Feigel übernommen, die Fraucnrolle des Stückes spielte Frl. Ko e tt schau frisch und natürlich. Zu vollem Erfolg des Abends trug stark die wohlgelungene Rahncengebung für die Handlung bei. Die bühnentechnische Gestaltung durch Fritz Korthaus und die wirkungsvolle Beleuchtung durch Ludwig Keim waren von äußerst natürlicher Wirkung. Besonders überraschte im vierten Akt die heroorsprudelnde Quelle. Die Elfen- und Gnomen- reigen des zweiten Aktes hatte Turnlehrer S i n n - well mit seinen Turnschülerinnen einstudiert: die Wiedergabe begegnete der besondern Sympathie des Publikums. Die Musik, die von Mitgliedern des Kurorchesters ausgeführt wurde, war von Musikdirektor Reib old zusammengestellt.
Am Schlüsse erfüllte brausender Beifall das Haus, der Dichter und die Hauptdarsteller mußten mehrmals auf der Bühne erscheinen. Die Aufführung war nach allseitigem Urteil ein voller Erfolg. Eine Wiederholung ist schon für nächste Zeit vorgesehen.
MetberechtigungskarteninSad-Aauheim.
<£ Bad-Nauheim, 17. Mai. Unter den Beratungsgegenständen der gestrigen Stadtratssitzung begegnete besonderem Interesse ein Antrag der Reichspnrtei des deutschen Mittelstandes (Wirtschaftspartei) auf Einführung von M i e t b e - rechtigungskarten an Stelle des seitherigen Zuweisungsverfahrens. Es ist vorläufig an eine versuchsweise Einführung für Wohnungen von vier und mehr Zimmern gedacht. Stadtratsmitglied V o n - derschmitt begründete eingehend die Forderung seiner Partei unter Hinweis auf verschiedene Länder und Gemeinden, in denen sich die Neueinrichtung, die dem Wohnungsamt und auch den Mietern erstrebenswerte Erleichterungen bringe, durchaus bewährt habe. Gegen die Einführung sprach das kommunistische Stadtratsmitglied I. Schäfer, der durch sie eine Steigerung der Mieten befürchtet. Bei- georneter Kling, der sich für die Neueinrichtung einsetzte, erklärte ausdrücklich, daß die Mietpreisbildung dadurch keinesfalls berührt werde. Bei der Abstimmung wurde der Antrag der Wirtschaftspartei, den die Wohnungskommission und die Wohnungsdeputation mit Stimmengleichheit abgelehnt hatten, mit Mehrheit angenommen, allerdings mit dem Zusatzantrag des deutschnationalen Stadtratsmitglieds Lein kauf, daß die Mietberechtigungskarten nur an hiesige Wohnungssuchende ausgegeben werden.
Tumen, Sport und Spiel.
Oeutfthlandrundiahrt.
7. Etappe. — Massensturz am Ziel. Kein Etappensieger. — Gesamtresultat unverändert.
Am gestrigen Sonntag wurde die leichteste Etappe Stuttgart —Frankfurt ausgefahren. Trotz 36-Kilometer-Tempo kam eine große Spitzengruppe am Ziele an. Kurz vor dem Ziel kam es zu einem Massensturz. Bruno Wolke sollte den Sturz verursacht haben und wurde disqualifiziert. 61 Fahrer hatten sich am Start in Stuttgart eingefunden, die bei Bretten auf eine 40 Mann starke Spitzengruppe zusammengeschmolzen waren. Hier wurden R. Wolke, Klaß (Schweinfurt), N i t s ch k e (Berlin) und Schorn (Köln) disqualifiziert, weil sie sich den Anordnungen der Leitung nicht fügten. Auch in Heidelberg war die Spitze noch 41 Mann stark, da die ausgeschlossenen Fahrer die Fahrt zunächst fortgesetzt hatten. Bei Darmstadt bestand die Spitzengruppe nur noch aus 33 Mann. Ausreißversuche von Manthey, Brandes und Bulla wurden vereitelt. Allmählich verringerte sich die Spitzengruppe auf 26 Mann. Kilometerweit vor dem Ziel setzte der Endkampf ein. Ungefähr 50 Meter vor dem Ziele verließ Bruno Wolke die Fahrtrichtung, ein Massensturz war die Folge. Bruno Wolke ging als Erster durch Ziel, Siegel, Tomasini, Schön und Altenburger folgten dichtauf. Nach dem Spruch der Oberleitung wurde kein offizieller Etappensieger erklärt, Oskar Tietz erhielt die Etappen-Medaille, während 26 Fahrern je 5 Punkte gutgeschrieben wurden. Das Resultat: Siegel, Tomasini, Schön, Altenburger, Koch, Olbötter, Geyer, Ussat, K. Kohl, Pflug, Unger, Bulla, Thierbach, Buse, M. Kohl, Essing, Kroll, Dorn, Cap, Metzle, Mandelkow, Remold, Brandes, Pusch, Stöpel und Tietz 5:49,45 Stunden je 5 Punkte.
Morgen früh durch Gießen.
Auf ihrer großen Reise „Rund um Deutschland" kommen die Fahrer am morgigen Dienstag durch Gießen. Der Start erfolgt um 6 Uhr früh in Frankfurt. Die ersten Deutschland-Rundfahrer dürften gegen 8 Uhr in Gießen zu erwarten sein. Die Strecke durch Gießen ist wie folgt feftgelegt: von Leihgestern kommend durch Leih-
gesterner Weg, Ludwigstraße, Ludwigsplatz, Roon- straße, Moltkestraße, Ostanlage, Marburger Straße.
Vorrunde um d«e Deutsche Kuhball-Meisterschast.
Die gestrige Vorrunde um die Deutsche Fußball- Meisterschaft war eine ganz klare Sache, viel weniger kompliziert, als man auf Grund alter Erfahrungen angenommen hatte. Die Favoriten setzten sich in jedem Fall durch. Frankfurt sab zwischen Eintracht und dem westdeutschen Tabellenzweiten Benrath ein mehr als hartes Spiel, dotz die Frankfurter verdient mit 1:0 gewannen. — In Berlin bewies der deutsche Meister, Sp. Vg. Fürth, gegen Tennis-Borussia mit einem 4:1 (3:0)-Sieg, daß sie ohne weiteres nicht demissionieren will. — Sportfreunde Breslau hatten, wenn auch auf eigenem Platz, gegen den 1. F. C. Nürnberg nichts zu bestellen. Das 7:0 für Nürnberg spricht eine deutliche Sprache. — Auch daß Hertha-BSC. aus der Begegnung mit B e u t h en 0 9 in Berlin als Sieger hervorgehen würde, entsprach den allgemeinen Ansichten. — Sehr überzeugend kamen auch die Siege von S ch a l k e 04 mit 6:2 gegen ArminiaHannoverin Bochum und von Dresdener S. C. mit 8:1 gegen V. f. B. Königsberg in Halle. Die zwei letzten Spiele der Vorrunde brachten einen 4:3-Erfolg von Holstein Kiel gegen V. f. B. Leipzig in Hamburg und von 4:2 für Köln-Sülz 07 gegen Titania Stettin in Stettin.
Sandball-ZwischenrundederD.T.
Die Zwischenrunde um die Handballmeister- schaft der D. T. konnte am gestrigen Sonntag nicht zur Entscheidung gebracht werden. Die beiden Treffen in Frankfurt und in Ulm müssen neu ausgetragen werden, da das Frankfurter Treffen wegen Regens abgebrochen wurde und das Ulmer Spiel ohnedies nach Verlängerung unentschieden endete.
3n Frankfurt standen sich Polizei Frankfurt und der deutsche Meister Turnverein Friesenheim gegenüber. Frankfurts Führung glich Friesenheim aus, und bei der Pause stand es 3:1 für die Pfälzer, Frankfurt holte nach der Pause
Konstanze.
Vornan von Karl Heinz Voigt.
Urheber-Rechtsschutz Verlag Oskar Meister. Werdau.
15 Fortsetzung Nachdruck verboten
„Warum ist Peter Uhlstädt unglücklich?" fragte sie sich wieder und wieder. — Die flüchtigen Worte des Vildhauers hallten in ihr nach. Dann versuchte sie. sich pl >sii ch die Gesielt Petrs nie tor die Augen zu zaubern. Cs waren dieselben Züge noch wie vor Iahren, da sie in glücklicher Mäd- chenschwärmerei in diesem Manne chr Ideal erblickt hatte. — Wohl etwas vertieft hatten sich seine Züge, und soviel sie aus der Entfernung hatte erkennen können, lag ein unstetes Flackern in seinen großen, lichten, grauen Äugen. — Wie hatte sie diese Äugen geliebt, die so sorglos in die Welt sehen konntenI Sie schienen immer zu lachen, und es schren vor dibsem Blick keine verborgene Lüge oder Falschheit zu geben.
Wer war schuld, daß sie nicht jetzt seine Frau war? — Ihre Eltern?
Wie alt war er wohl jetzt? — Nun, warte einmal, man konnte ja nachrechnen. — Peter muhte etwa vierunddreihig Jahre alt sein. — Ob er wohl seiner Neigung gefolgt und Maler geblieben war? — Sie war ärgerlich, daß sie den Bildhauer nicht danach gefragt hatte. Man würde es nachholen. Aber dann verwarf sie den Plan. Das hätte sie nicht gekonnt, ohne Ärgwohn zu erregen. Leicht hätte das Gerücht ausgestreut werden können, sie sei um seinetwillen aus dem Hause ihres Mannes gegangen. — Sie zuckte zusammen. — Lothar! - Es war bitter, an Lothar zu denken. Es tat ihr Weh, daß Lothar eine schlechte Meinung von ihr haben könnte. — Aber wozu immer wieder diese Dinge, die längst vermodert sein sollten, unter die Lupe nehmen? — Weshalb war Peter unglücklich? — Diese Frage lieh sie nicht aus ihren Klauen. Sie nahm sich fest und ernsthaft vor, kein einziges Wort mehr mit Kurt Helbing über Peter Uhlstädt zu reden.
Aber es war ein drängendes Verlangen in Konstanz^ Peter wenigstens zu sehen. Nur von weitem. Er durfte es nie erfahren. So wurden ihre jetzigen Ausgänge ein unwillkürliches Suchen nach Peter. Sie gab es bald auf. - Welche Lächerlichkeit, in dieser grohen Stadt einen Menschen suchen zu wollen! —--
Eines Tages bat Kurt Helbing mit flehendem Blick:
»Sie haben mir versprochen, mit mir einmal nach dem kleinen Lokal zu fahren, wissen Sie, von dem ich sprach."
Konstanze kam diese Ditte recht. Sie wollte hinaus.
Nach wenigen Minuten stand der Wagen vor der Tür.
„Ueber Hirschau nach der .Hubertusruhe*, rief er dem Chauffeur zu.
„Ist es hier nicht wunderschön?" fragte Kurt, als ihm nach Stunden Konstanze an der Isar aus der Terasse der „Hubertusruhe" gegenübersah. Glück glänzte in feinen Augen.
„3a", nickre sie und trank die laue und reine Luft mit durstigen Zügen.
Uebermütig schäumend sprang die junge 3sar in ihrem Bett zu Fühen der „Hubertusruhe" über zackige Felsblöcke. Vom anderen Ufer her klangen die sehnsüchtigen Töne einer Ziehharmonika.
Konstanze war wunschlos und ohne jede Regung. — Sie tranken den vielgerühmten Tiroler Landwein.
»Ist die Welt nicht schön?" fragte Helbing und blickte tief in ihre Augen. Er empfand, daß der ödeste Fleck in der Gesellschaft dieser Frau zum Garten Eden werden könnte.
Sie nickte und lächelte ihm etwas trübe zu.
„Sie sind so unsagbar melancholisch", sagte er mit warmer Stimme. „Nehmen Sie das Leben leichter. Es ist uns nur einmal gegeben."
„3ch glaube nicht."
„Wie?"
„3ch glaube, wir leben tausend Leben und mehr. 3eder Tag ist ein neues Dasein. Vielleicht jede Stunde."
Sie schwiegen. Ueber das Wasser klang noch immer die Ziehharmonika. Cs war eine heitere Volksweise, ein bayerischer Ländler vielleicht.
Erst als die Sonne schon in die 3sar getaucht war und ihre Schatten nur noch als rosarote Dämmerung über dem Land segelten, brachen sie auf. —
Trotzdem Konstanze immer wieder versucht hatte, irgendwo unterzukommen, war sie auch heute noch ohne Stellung. Sie besaß noch einige hundert Mark. Aber auch dieses Geld würde bald aufge- zehrt sein. — Von Lothar Geld fordern? — Eher würde sie sterben! — Nicht die kleinste Gabe nähme sie an. Auch nicht von ihren Eltern.
O, sie war stolz. Konstanze war eine geborene von Heistritz. Die waren alle stolz. —
Der 4. August war Konstanzes Geburtstag. Der erste Geburtstag in der Fremde.
Als sie an diesem Tage das Speisezimmer ihrer Pension betrat, blieb sie wie gebannt stehen. Ein riesiger Blumenkorb stand auf ihrem Platz. Enzian war es, Marschall-Niel-Rosen und rote Nelken. Das ganze Zimmer hing voll vom Duft dieser prahlerischen Blumen. Schon trat Frau Frida Bürger ins Zimmer. Mit herzlichen Worten ging sie aus Konstanze zu.
„Diese Blumen sind eine Gabe des Herrn Helbing."
Konstanze fühlte sich verwirrt und beschämt. Auch Frau Bürger überreichte ihr eine Heine Aufmerksamkeit. Es war ein Kästchen bestes Kon-
einen Treffer aus und erzielte später, obwohl ein Mann des Feldes verwiesen worden war, den Ausgleich. 3n der ersten Verlängerung fielen auf jeder Seite ein Tor und die zweite Verlängerung wurde beim Stande von 4:4 wegen starlcn Gewitterregens abgebrochen. Die Neuaustragung erfolgt am kommenden Sonntag in Mannheim.
3n Ulm trafen sich die Damen des Ulmer Turnerbund und des Tv. Mainz 1817. Nach torlosem Halbzeitstand erzielten die Ulmer den Führungstreffer, den Mainz kurz vor Spielende ausglich. 3n der Verlängerung wurde am Endergebnis von 1:1 nichts mehr geändert, so daß auch dieses Treffen neuanzusetzen ist.
Der teutsche Sandballmeister in Sayern.
Der deutsche Handballmeister der D. S. B., Polizei Berlin, der die deutsche Meister- schast bereits sechsmal in seinen Besitz gebracht hat, gastierte am Wochenende in Süddeutsch- land. In München standen die Berliner einer
verstärkten Mannschaft des SV. 1860 gegenüber: und mutzten sich mit einem Unentschieden von 9:9 (Halbzeit 5:2 für München) zufrieden geben. Am Sonntag wurden die Berliner in Nürnberg von dem bayrischen Pokalmeister, 1. FC. Nürnberg, mit 9:8 (3:4) geschlagen. Berlin hatte einige Ersatzleute in seinen Reihen. Trotzdem bleiben beide Ergebnisse Achtungserfolge für den süddeutschen Handball.
1352760 Mitglieder in der O.T.
Die Deutsche Turnerschaft veröffentlicht jetzt ihre Bestandserhebung per 1. Ianuar 1930 und weist darnach einen Bestand von 1 352 760 Mitgliedern auf. Von diesen Mitgliedern sind 1068 097 beitragspflichtig. Die Zahl der der D. T. angeschlossenen Vereine hat jetzt die hohe Ziffer 11 567 erreicht. Ueber mehr als 100 000 Mitglieder verfügen vier der achtzehn Turn- kreise. Unter ihnen stehen die Kreise Mittelrhein (192 008) und Bayern (149 899) an der Spitze.
Verein für Bewegungsspiele.
Rückblick über die Verbandsspielsaison 1929/30.
Nachdem die mit der Austragung der Punktspiele im Rückstand gewesene vierte Mannschaft kürzlich ihr letztes Treffen absolviert hat und somit die Verbandsspielsaison für den V. f. B. beendet ist, veranstaltete die Vereinsleitung eine im schlichten Rahmen gehaltene Siegesfeier, bei der den Meistermannschaften die vom Gauvorstand übergebenen Ehrendiplome überreicht wurden Angesichts des glänzenden Abschneidens aller Mannschaften und der Tatsache, dah von den vier aktiven Mannschaften drei die Meisterschaft errangen, während der vierten hierzu nur ein einziger Punkt fehlte, sie sich aber immerhin art zweiter Stelle placieren und damit den Aufstieg zur obersten Spielklasse, der Dezirksliga sichern konnte, erscheint es nicht mehr wie recht, die erzielten Erfolge kurz zu würdigen. Im Mittelpunkt des allgemeinen Interesses steht naturgemäß
die Ligamannschafl,
da sie immerhin dem Verein bis zu einem gewissen Grad das Relief gibt. Im Vorjahre errang sie in 16 Derbandsspielen, von denen sie 15 gewann und 1 unentschieden beendete, bei einem Punltverhältnis von 31:1 und einem Torverhältnis von 77:22 mit großem Vorsprung die Meisterschaft des Gaues Gießen-Wetzlar. Die vor Beginn der Saison 1929/30 vorgenommene Neueinteilung stellte ihr ungleich stärkere Gegner gegenüber, so daß man ihr für diesmal bedeutend weniger Chancen gab. Und doch schnitt sie verhältnismäßig sehr gut ab, wenngleich sie auch einige Spiele verlor und die übrigen Re-' fultate infolge des geringen Unterschieds in der Spielstärke nicht allzuhoch ausfielen. Immerhin mußten sich in der Vorrunde Wallau mit 1:4, Herborn mit 0:3, die Spielvereinigung Gießen mit 1:3, Ockershausen mit 0:2 und Breidenbach mit 3:5 geschlagen bekennen. Gegen Sportverein Wetzlar konnte nur ein 2:2 erzwungen werden. 2:3 lautete die knappe Niederlage, die einzige der Vorrunde, gegen die in vorzüglichster Form befindliche „Germania" Marburg, in der man anfänglich allgemein den kommenden Meister sah. Am Schluh der Vorrunde stand VfB. an erster Stelle der Tabelle. Die Reihenfolge der Vereine war folgende: VfB., Marburg, Ockershausen, Spielvereinigung, Herborn, Wetzlar, Breideübach, Wallau. Dies Bild verschob sich jedoch sehr bald. Die Nachrunde brachte sehr ungleiche Leistungen der VfDer. Nicht genug damit, dah sie im ersten Spiel gegen den Tabellenletzten, Fußballverein Wallau, auf dessen Platz mit 2:4, nachdem sie bereits 2:0 geführt hatten, Sieg und Punkte (die viel umstrittenen) verloren,
liehen sie sich einen Sonntag später von dem nunmehrigen Tabellenletzten Fußballverein Breidenbach, sogar auf eigenem Platz mit 1:2 schlagen. Diese Niederlage, die leicht hätte vermieden werden können, warf sie aus der Führung und kostete sie den Meistertitel. Bezeichnend ist, daß sie 14 Tage vorher gegen „Kurhessen" Kassel 0:0 spielen konnten. Daß sie viel mehr können, als sie in diesen beiden verlorenen Spielen zeigten, bewiesen sie im darauffolgenden Treffen gegen den Tabellenersten, Ockershausen, den sie trotz des Nachteils des ungewohnten Platzes knapp aber verdient nvt 1:0 schlugen. Dagegen ließen sie sich schon am nächsten Sonntag vorn Lokalgegner, der inzwischen stark aufgekommenen und nach vorne drängenden Spiel- Vereinigung 1900, vor 2500 Zuschauern mit 3:6 abfertigen. Allerdings muh der BfB.-Mannschaft zugutgehalten werden, daß sie infolge Herausstellens eines Verteidigers von den 90 Minuten des Spiels ganze 75 mit nur zehn Mann Zu spielen gezwungen war. Inzwischen hatte der Bezirks-Fußball-Sachbearbeiter das Spiel gegen Wallau wegen Mitwirkung eines gesperrten Spielers des Platzvereins als für DsD. gewonnen erklärt. Gegen den Wetzlarer Sportverein konnte wiederum nur ein Unentschieden, und zwar ein 3:3, erzwungen werden, nachdem DsB. schon mit 3:0 im Vorteil gewesen war. 3m letzten Spiel wurde nach scharfem Kampf, bei dem Gießen eine glänzende Partie lieferte, der alte Rivale, „Germania" Marburg mit dem umgekehrten Resultat des Vorspiels, mit 3:2 niedergerungen. Damit war die reguläre Saison beendet und die beiden Aufstiegskandidaten im Fv. Ockershausen und VfB. 08 Gießen fest- gestellt. Die Tabelle hatte folgendes Aussehen:
Verein
Spiele gern, i
mentsch. verl.
Pkte.
Ockershaufen
14
9
2
3
20:8
V. f. B.
14
9
2
3
20:8
Spog. 1900
14
9
1
4
19:9
Marburg
14
8
1
5
17:11
Wetzlar
14
4
5
5
13:15
Breidenbach
14
4
0
10
8:20
Herborn
14
4
0
10
8:20
Wallau
14
2
0
9
7:21
Da die beiden Ersten punktgleich standen, waren zwischen ihnen noch zwei Entscheidungsspiele nötig, um den Meister zu ermitteln. Die überspielte und außer Form gekommene V. f. B.-Mannschaft verlor beide mit 0:1 bzw. 1:3, so daß die Marburger Vorstädter verdient den Meistertitel errangen.
Die Ligareservemannschafl
landete im Vorjahre hinter der gleichen des Wetzlarer Sportvereins an zweiter Stelle. In der dies-
Die Blumen dufteten in ihrem Zimmer so stark, dah sie die Fenster öffnen muhte. Der Duft betäubte sie. Der Enzian schien blaue Augen zu haben. And Konstanze empfand, es waren die gestorbenen Augen Kurt Helbings ... oder vielleicht ihre eigenen Augen? — Die Rosen aber waren Totenblumen und die dazwischen steckenden Nelken rote Flammen einer brennenden Liebe.
Nun wehte ein leichter Wind durch das geöffnete Fenster. Da wurden die Nelken zu zuk- kenden Flammen im Sturm. — „So schwelt mein Leben", dachte Konstanze.
Erst jetzt gewahrte sie, zwischen den Blüten fast verdeckt, ein kleines Kuvert. Sie rih es auf.
„Ein kläglicher Beweis meiner großen Liebe zu 3hnen, Frau Konstanze.
3mmec 3hr Kurt Helbing."
Die Buchstaben tanzten vor ihren Augen. „Armer Kurt Helbing! 3ch kann dir doch nicht sagen, daß ich Mitleid mit dir habe. Das würdest du nie verwinden. Liebe kann ich dir nicht schenken. Wohl nie mehr im Leben kann ich Liebe verschenken!"
Ein Klopfen an der Tür lieh Konstanze aus ihren Sinnen auffahren. Es war Iulius Neuhaus.
3n stummem Glückwunsch drückte er ihr die Hand. Es wurde warm um Konstanzes Herz. Das Zimmer schien voll Sonne zu sein.
„Cs ist nicht viel, was ich 3hnen bringen kann", sagte er leise und überreichte Konstanze ein winziges Sträußchen Margueriten. „O", rief er aus mit einem Blick auf das Dlumenwunder. „Da muß ich mich schämen. Sie haben großzügigere Freunde."
Konstanze drückte ihn auf einen Stuhl.
„Die Gabe bekommt ihren Wert durch den Geber und wäre sie noch so klein", sagte sie gerührt. Dann führte sie rasch und scheu die Mar- gueriten an die Lippen und schloß dabei sekundenlang die Augen. Als sie den Blick zu ihm hob, gewahrte sie ganz deutlich, daß Tränen in feinen Greisenaugen blitzten. Da wandte sie sich ab. — Dann ging er.
Später kam Kurt Helbing. Sie machte ihm Vorwürfe wegen seiner Äusgaben. Er wollte davon gar nichts hören und überreichte ihr eine kleine Kapsel. Zögernd griff sie danach.
„3ch habe mir erlaubt", sagte er und seine Augen waren wieder so sehnsüchtig, daß es Konstanze wehe tat. — Ein mit Brillanten besetzter Armreif blitzte chr entgegen.
„Nein! Herr Helbing, es ist ganz unmöglich, dah ich dies annehme", rief sie fassungslos. Sie fühlte das Anmaßende dieses Geschenks.
Stolz blitzte ihm aus den Augen und heimliche Freude.
„Was veranlaßt Sie dazu, mir solche Geschenke zu machen?" fragte sie beinahe unwirsch.
„Meine grenzenlose Verehrung für Sie, Konstante."
Sie überhörte ganz, daß er sie lediglich beim
Vornamen nannte. Sie schüttelte stumm den Kopf und betrachtete das gleißende Schmuckstück. Ein warmer Wind strich um ihre Schläfen. Ein paar schwarze Härchen waren ihr in die Stirn gefallen. Nachdenklich betrachtete sie noch immer den Schmuck.
Helbing konnte in Muße die rührende Schönheit ihres Gesichts studieren. Nie erschien sie schöner, als wenn sie nachdenklich war.
Es war still um die beiden Menschen. Nur von ferne hörte man das Verbranden der großstädtischen Geräusche. Irgendwo in einem Neben- haus fang eine Mädchenstimme in falschen Tönen ein- Lied. Ein paar abgerissene Wortfetzen flatterten zum Fenster herein. Draußen auf dem Flur ging eine Tür.
„Nein", sagte Konstanze wieder. „Dieses Geschenk würde mehr bedeuten, als nur eine Aufmerksamkeit. Schon die Blumen sind maßlos."
„Sie sind viel zu pedantisch, Frau Konstanze". entgegnete Helbing beinahe gekränkt.
Cs tat ihr leid, sie wollte ihn nicht verletzen. Schließlich entschied sie:
„Ich werde dieses Armband tragen. Sobald sich aber unsere Wege trennen, gebe ich es Ihnen zurück."
Da sah er sie sest an.
»Ich hoff.e, Konstanze, unsere Wege werden sich nicht mehr trennen.“
Sie verstand nicht gleich und sah ihn groß an. — Was würde er jetzt noch sagen?
Ganz dicht stand er vor ihr. Blick grub sich in Blick. Sie fühlte die Wärme seiner Nähe.
„Bleiben Sie bei mir ... es wird nicht für lange sein ... Sie wissen wohl, der Tod hat ein frühes Anrecht auf mich ... Werden Sie meine Frau, Konstanze ..."
Bittend und flehend klangen seine Worte. Die Furcht, durch ihre Antwort könne ihm diese Frau entrissen werden, zitterte in seiner Stimme.
»Sie wissen, ich bin verheiratet", sagte Konstanze und staunte selbst über den ruhigen Klang ihrer Worte.
„Ich bitte Sie, lassen Sie sich scheiden von ihrem Gatten. Ich liebe Sie. Ohne Sie bin ich freudlos.
„Ich kann mich nicht scheiden lassen, denn er ist ohne Schuld."
Cs war, als sinke der Mann vor ihr in sich zusammen. Seine Blicke irrten umher, als suchten sie irgendeinen Halt. Er war ein Ertrinkender.
Aber Konstanzes Worte waren gesprochen und liehen keine Hoffnung mehr zu. Ohne jede Gnade waren diese Worte.
Helbing schlich zur Tür.
Konstanze stand hochaufgereckt im Zimmer. Sie war allein.
Nun war Klarheit zwischen ihnen.
(Fortsetzung folgt.)
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