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Nr. 116 Zweites Blatt

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)

Montag, 19. Mai 1930

Die Lage im deutschen We nbau.

Daß unsere Weinbauern schwer zu kämvfen haben, ist bekannt. Zwar wird in Deutschland verhältnismäßig recht viel Wein angebaut, doch sitrd die klimatischen Verhältnisse verartig,' daß nur hin und wieder ein sehr gutes Weinjahr zustande kommt, welches das Defizit der anderen Jahre wieder herausreihen muh. Zum Vergleich nur ein Beispiel. Deutschland weist im Durchschnitt jährlich 182 Regentage, 47 Sonnentage und 135 trübe Tage ohne Re­gen auf, bei einer mittleren Temperatur von 8,8 Grad Celsius. 3n Spanien haben die Weinbauern nur 30 Regentage bei 260 Sonnen­tagen und 75 trüben Tagen ohne Regen. Die durchschnittliche Jahrestemperatur beträgt dabei 17 Grad Celsius! Wenn unsere Weinbauern in den meisten Jahren bei Weinen, die sich im Verkaufspreis der Restaurants bis zu 5 Mark pro Flasche stellen, mit LInterbilanz arbeiten, so ist das aber auch auf die hohen Abgaben und darauf zurückzusühren, daß die Ausländer trotz der Zölle ihr? Weine sehr billig einführen können.

Wir haben zur Zeit in Deutschland 190 000 Weinbaubetriebe, wovon 37 000 in Preußen und hiervon wieder 30 000 im Rheinland liegen Bayern verfügt über 37 000, Württem­berg über 37 000, Baden über 54000 und Hessen über 23000 Betriebe. Das Sa ar­ge b ie t ist dabei nicht eingerechnet. Das Miß­verhältnis der Zahlen kommt daher, daß im Rheinland sehr viele große Güter sind, während in den anderen Ländern sich sehr viele Klein­betriebe vorfindcn. Die Zahl der Weingüter ist gegen früher sehr stark zurückgegan­gen (vor dein Kriege hatten wir noch 246 000 Betriebe), weil sich der Weinbau heute nur noch in großem Stil oder bei teuren Sorten lohnt. Die Anbaufläche beträgt heute rund 70 000 Hektar gegen 88 185 Hektar im Jahre 1910.

Dah Deutschland seit mehr als 50 Jahren mehr a l s fünfmal soviel Wein ein- als ausführt, ist eine bekannte Tatsache. Im vergangenen Jahre haben wir für 11,3 Millionen Mark ansgeführt und für 59,7 Mil­lionen Mark eingeführt. Unter letzteren befan­den sich 821 881 Doppelzentner Faßweine im Werte von 43,4 Millionen Mark. 444 000 Dop­pelzentner kamen allein aus Spanien, je 127 000 Doppelzentner aus Frankreich und Griechenland und selbst 1904 Doppelzent­ner haben wir aus den Vereinigten Staa­ten bezogen! Ferner holten wir uns 172 000 Doppelzentner Wein zur Herstellung vonCEBein- brand aus Frankreich, Griechenland, Ungarn und Italien. 31 000 Doppelzentner Wein zur Her­stellung von Weinessig, 87 000 Doppelzentner zur Herstellung von Schaumwein (meist aus Frankreich), 1623 Hektoliter Flaschenwein, 136 Hektoliter Obstwein, und noch für 1,8 Millionen Mark Weine mit Heilmittelzusähen Die Aus­fuhr bestand in 20 300 Hektoliter Faßwein (3,15 Millionen Mark), der meist nach England und der Schweiz ging, in 19 783 Hektoliter Flaschen­wein (7,9 Mill. Mk.) für England, Holland, Schweden und einigen kleineren Mengen an medizinischen Obstweinen.

Dke Preise pro Fuder (1000 Liter) sind in den letzten Jahrzehnten dauernd herunter­gegangen. 1860 bekamen unsere Weinbauern noch 667 Mark fürs Fuder, 1912 wurde mit 691 Mark ein Höchststand erreicht, aber heute steht das Durchschnittsfuder auf 550 Mark. Den Erlös Des Winzers kann man am besten an einer Flasche Wein berechnen, die im Restaurant 5 Mk. kostet. Don diesen 5 Mark bekommt der Wi rt 1,60 Mk., 75Pf. verschlingt die Weinsteuer. 25 Pf. die Gemeindegetränke st euer und

Hindemith und Brecht.

Der Jäger auö Kurplatz" undLehrstück" im 'Via nzer Ltadttheatcr.

Jeder Mann ist der beste in seiner Haut."

Brecht.Trommeln in der Rächt".

Der Schauspielkritiker fühlt sich etwas beklom­men, wenn er etwa in der Hauptsache Brechts wegen nach Mainz kam zu sehen, wie weit ers nach demAusstieg und Fall der Stadt Mahagonny" noch treiben werde, und dann fest stellen muß, daß das Ganze vielmehr als ein Hindemith- Abend gedacht war, dergestalt, daß der musikalische Teil der Aufführung entschie­den dominierte...

Run, es ergab sich, dah immerhin auch Brecht ein Wörtchen mitzureden hatte. Und er hat sich keineswegs geniert, zu sagen, wie ihm ums Terz ist.

Was den musikalischen Teil der Aufführung betrifft, so mußte man sich alsbald zum zweiten Male umstellen, wenn man die programmatischen Sätze gelesen hatte, die Paul Hindemith ins Vorwort zu denSpielmusiken für Liebhaber und Musikfreunde" hineingeschrieben hat, aus denen das Stück Rr. 3 u. a. hier aufgeführt wurde.

Da heißt es:Diese Musik ist weder für den Konzertsaal noch für Künstler geschrieben. Sie will Leuten, die zu ihrem eigenen Vergnügen fingen und musizieren oder die einem kleinen Kreise Gleichgesinnter vormusizieren wollen, inter­essanter und neuzeitlicher Uebungsstoff sein ... Den Eingangs- und Schluhchor mögen die ge­samten Anwesenden, denen man vor Beginn der Aufführung mit Hilfe der auf eine Wandtafel geschriebenen Roten die betreffenden Stellen ein­studiert hat, mitsingen."

Cs handelt sich hier also, nicht allein um moderne Musik als solche, vielmehr auch um einen systematisch und soziologisch zu wertenden Versuch, eine Erneuerung des stagnierenden Musikbetricbes herbeizuführcn ... durch eine ak­tive Beteiligung und Einbeziehung des Publi­kums. Das Stichwort für diese Bestrebungen ist wohl auch schon mit dem gerade heutigentags sehr geläufigen BegriffKollektivkunst" ge­geben.

Was Piscator versuchte, wenn er etwa vor kurzem in einer sehr stürmischen Aufführung der Berliner Volksbühne das Publikum im Parkett für und wider den Paragraphen 218 abstimmen ließ, das beabsichtigt Hindemith hier auf Grund von Anregungen, die von der Jugendbe­wegung ausgingen. Professor Jöde war fein Mitarbeiter bei der Einführung der neuen Gat-

30 Pf. die Umsatzsteuer. 35 Pf. erhält der Wein Händler, 10 Pf muß man für die Fracht, 15 Pf. für Abfüllen, Etikett und Korken abziehen. Mithin verbleiben für den Weinbauern 1 Mark pro Flasche. Da er aber allein 1,20 Mk. an Produktions­kosten auf wenden muß, seht er in nicht erst­klassigen Weinjahren bei jeder Flasche unter 5 Mark Restaurationspreis bis zu 20 Pf. zu. Die Kosten sind enorm. Man rechnet daß pro Hektar jährlich 1350 Mk. für Stall- und Kunst­dünger, Pfähle, Draht, Bindemittel, Schädlings­bekämpfung usw. aufgewendet werden. Das wären bei 70 000 Hektar 94,5 Millionen Mark im Jahre. Hinzu kommen noch die L ö h n e , für die jegliche Angaben fehlen und Schätzungen unmöglich sind.

0er Pressechef.

Von unserer Berliner Redaktion.

Es gehört zum guten Ton, daß heute jeder Verband, jedes größere wirtschaftliche Unter­nehmen und selbstverständlich auch jedes Mini­sterium seinen eigenen Pressechef hat, dessen Zweck sein soll, der Titel selbst ist scheußlich und irreführend innerhalb seines Dienstbereichs die Presseangelegenheiten zu er­ledigen, also seine Behörde über die Meinungs­bildung der Presse auf dem Laufenden zu halten und Anfragen aus der Presse heraus zu beant­worten. Die wichtigste Stellung dieser Art ist die des Reichspressechefs, der eigentlich dazu da fein sollte, die Politik der jeweiligen Regierung der Presse gegenüber zu vertreten und um Unterstützung für diese Politik zu wer- ben; im Jnlande wie im Auslande. Ein einfluß­reicher also, aber auch ein undankbarer Posten, weil der unglückliche Reichspressechef sehr oft als Kugelfang dienen muh für Angriffe, die aus der Presse heraus gegen die Regierung kommen, aber auch für Vorwürfe, die aus der Regierung heraus im internen Dienstverkehr wegen der Einstellung der Presse geäußert werden. Aus der ganzen Art der Tätigkeit ergibt sich, daß der Reichspressechef einer der wenigen Beamten ist, die unbedingt politisch sind. Er kann seine Aufgabe innerlich nur voll erfüllen, wenn er die Politik des Kabinetts billigt, sonst erliegt er sehr leicht der Gefahr, nicht die Regierungs­politik zu vertreten, sondern selbst Regierungs­politik zu machen, vielleicht sogar gegen ausge­sprochene oder unausgesprochene Wünsche des Kanzlers.

Der jetzige Pressechef, Ministerialdirektor Zech- l i n, ist von Haus aus Beamter, er ist aber gleichzeitig auch Sozialdemokrat. Er hat sich durch eine Reche von Regierungen gehalten, aber es überrascht doch, daß er auch jetzt an­scheinend im Amte bleiben soll, wo ein Kabinett amtiert, das gegen die Sozialdemokratie ge­bildet werden muhte und das sich sehr wahr­scheinlich gegen die Sozialdemokratie durchsetzen muß. Ein Wechsel in der Leitung der Reichs- presseabteilung wäre also eine Selbstverständlich­keit gewesen, schon um den Pressechef vor Ge­wissenskonflikten zu bewahren, die unvermeidlich sind, wenn er gezwungen ist, Regierungsmaß­regeln zu begründen und zu rechtfertigen, die sich unmittelbar gegen seine Partei richten. Da er diplomatischer Beamter ist, könnte es bei dem dauernden Revirement nicht schwer fein, ihn anderswo unterzubringen. Er erfreut sich innerhalb der Presse allgemeiner Wertschätzung, weil er Verständnis für ihr Wesen hat, und es würde allgemein verstanden werden, wenn er als Vertreter Deutschlands beim Völkerbund oder auf einem wichtigen Gesandtenposten erschiene. Rur, so will uns scheinen, als'Reichspresse- tung, die manGemeinschaftsmusik" nennt. Bei der Aufführung wirkten auch die Singkreise Mainz und Wiesbaden im Chor mit.

Run kommt das erste Beispiel und sozusagen die Probe aufs Exempel:Der Jäger aus K u r p f a l z", Stück Rr. 3 derSpielmusiken für Liebhaber und" Musikfreunde". Das Volks­lied, jawohl: jeder kennt es: .... der reitet durch den grünen Wald und schießt das Wild da­her ... Hindemith gibt eine technisch nicht ganz einfache Paraphrasierung der bekannten Verto­nung auf feine eigene, neutonenbe Weife. Die alten Grundmotive klingen allenthalben durch, werden atonal aufgelöst und instrumental vor allem von den Streichern und Holzbläsern- variiert.

Das Stück selbst ist kurz. Das Publikum fang nicht mit. Die Problematik der Kernidee wurde deutlich. Der Eindruck war für den Referen­ten: hier kann nur der ganz private Eindruck mitgeteilt werden - nicht überzeugend. (Schon aus Gründen gewisser technischen Schwierig­keiten, die stets einer weitgehenden Popularisie­rung entgegenstehen werden.) Vielleicht muß man auch für Hindemith wie überhaupt für die mo­derne Musik ein besonderes Gefühl oder Gehör haben. Den Referenten lieh dieses Organ zum mindesten im vorliegenden Fall im Stich: er kann sich vorstellen (zumal wenn das Radio wäh­rend der Rieberschrift gerade ein Violinkonzert von Mozart überträgt), dah es Leute gibt, die denJäger aus Kurpfalz" auf die alte, bekannte und unkomplizierte Weise schöner gefunden hätten: eine Erwägung, die gerade hier in Be­tracht zu ziehen ist. wo das Publikum mehr als bisher an der Mufik beteiligt werden soll.

Im Anschluh daran hielt Franz Wilms einen kleinen Vortrag über Hindemith und Brecht, über die Stücke dieses Abends und über den grundsätzlichen und experimentellen Sinn der Veranstaltung, wobei er daraus hinwies, dah die modernen Autoren hier gelegentlich - toa3 man zunächst kaum vermuten würde - an recht alte Vorbilder anknüpfen, etwa an die gregoriani­schen Responsorien und die Schuldramatik des Barock. e

Rach der Pause: dasLehrstück", Text von Bert Brecht, Musik von Paul Hindemith. Hier liegt dasProgramm", der Sinn des Wer­kes bereits durchaus im Titel beschlossen. Eine These soll vorgetragen werden: orchestral, cho- risch tänzerisch, rezitattvisch und mit Benutzung filmischer Hilfsmittel, wie sie Piscator mit un- beftteitbarem Geschick in sein politisches Kollek­tivtheater eingeführt hat. Die Kapitelüberschrif­ten, wenn man so sagen darf, und die Kernstellen

chef ist erunmöglich. Es wirkt einigermaßen überraschend, dah der Reichskanzler selbst wie auch die Minister im Kabinett dafür das Ver­ständnis noch nicht gezeigt haben, daß sogar in der Umgebung des Kanzlers sich Kräfte geltend machen, die ihn auf seinem Posten halten möchten: offenbar um mit seiner Hilfe sich eine Art Rück­versicherung Bei Der Sozialdemo­kratie zu schaffen. Aber wir halten doch Herrn Dr. Brüning für klug genug, als dah er die Fußangel nicht merken follte, die ihm hier gelegt wird. Er muß sich selbst sagen, dah eine Politik, die zur Auflösung des Reichstags gegen die Sozialdemokratie führen kann, in seltsamer Ver­zerrung erscheinen muß. wenn sie durch die Augen eines sozialdemokrattschen Reichspressechefs ge­sehen wird.

Jeitungsschau.

Unter der Ueberschrift 'Heraus aus dem Stellungskrieg" schreibt ..Der Deutschen- Spiegel", das Organ des Reichsbürgerrats, unter anderem:

Die Brüningsche Regierung muh sich erst ihre Freiheit in der deutschen Innenpolitik erkämpfen. Das, was sie bisher getan hat, war das Rach- geben vor zwangsläufigen Rotwendigkeiten: Es hat keinen Zweck, einem hungernden Arbeitslosen Vorträge darüber zu halten, dah die bisherige falsche Wirtschaftspolitik fein Unglück verschuldet hat, und dah ein neues System in wenigen Jahren alles ändern werde. Man muß ihn zuerst sattmachen, ehe man seine Arbeitskraft wieder benutzen und sei­nen Willen zur Wiedereinordnung aufrichten kann. Ebenso ist es mit der Landwirtschaft, mit der Wirt­schaft überhaupt, und mit dem gesamten not­leidenden staatlichen Apparat. Gewisse Rotmah- nahmen sind unumgänglich geworden, weil die früheren Regierungen derfesten Mehrheiten" grundsätzlich darauf verzichtet haben, eine voraus- schauende Politik zu treiben, sondern sich stets zur Erhaltung dieserfesten" Mehrheiten daraus beschränkt haben, nur die unaufschiebbarsten Ent­schlüsse unter dem Druck des äuhersten Zwanges zu fassen. Wer eine solche Erbschaft übernimmt, muh zunächst eine große Menge Aufräumungs­arbeiten vornehmen, denn auf Trümmern kann man kein haltbares Gebäude errichten. Zur Er­ledigung solcher Rotstandsmahnahmen, die das Kabinett Brüning durchzuführen hat, gehört jetzt noch das Ostprogramm, die Verabschiedung des Haushalts und die Arbeitslosenversicherung. Erst dann kann es die Jnittative zu einer freien politi­schen Bewegung ergreifen.-- Die Voraus­

setzung für eine erfolgreiche Weiterführung des begonnenen Kampfes liegt, wie gesagt, in der völligen Willenseinheit der Regie­rung. Wir haben es begrüßt, dah Manner wie Wirth und Schiele, die in der Vergangen­heit innenpolitisch vieles getrennt hat, und deren Zusammenwirken auf einer Ministerbank noch vor wenigen Jahren völlig unmöglich gewesen wäre, sich entschlossen haben, gemeinsam an der Ueberwindung der gegenwärtigen Rotstände zu arbeiten. Wer die parteipolitische Entwicklung der letzten Jahre verfolgt hat, weih genau, dah keine Partei, mag sie auch noch so stark sein, den Anspruch auf das Alleinrecht ihrer Auffassungen in der deutschen Politik erheben kann. Deshalb war es von jeher das Bestreben des Reichs­bürgerrats, über d i e Parteischranken hinaus das Gemeinsameeiner staats­bürgerlichen Auffassung zu betonen und d i e Männer der verschiedenen Parteirichtungen zu gemeinsamer Arbeit zu führen. Zweifellos hat die Par­teienkatastrophe unserer Tage diese Erkenntnis weit verbreitet. Der innere Reinigungsprozeh im deutschen Volke ist so weit fortgeschritten, dah

des Textes werden in großen Buchstaben auf den Rundhorizont projiziert. Hinter dem Publikum, im ersten Rang, ist ein zweites Orchester aus­gestellt: es hat eine ähnliche Rolle wie die Antiphone in der alten Kirchenmusik.

Zugrunde liegt textlich eine ganz einfache, fast primitive Fabel, ein alltägliches Motiv.... vom Tode: ein Flieger ist abgestürzt. Er will nicht sterben, er bittet die im Chor symbolisierte Mitwelt um Hilfe: aber der Gegenchor im Rang intoniert mit der kalt ablehnenden und mehrfach wiederholten Frage:Warum sollen wir ihm helfen?"

Jetzt ist Brecht beim Kernpunkt seines Lehr­stückes angelangt. Er veranstaltet eineUnter­suchung: ob der Mensch dem andern hilft?" Die Antwort lautet: nein! Und diese Antwort ist zugleich die trostlose Quintessenz seines Werkes. Der Flieger bittet um ein Kissen, seinen Kopf darauf zu betten, um Wasser gegen seinen Durst. Aber der Chor hetzt:Zerreißt das Kissen! Schüttet das Wasser aus!" Der Chor spricht zum Abgestürzten, und der Abgestürztebe­trachtet den Tod". Der Tod wird wie in den urältesten Zeiten durch den Tanz symbolisiert. Und da der Flieger im Tanz den Toder­lebt", schreit er wie der Artilleriehauptmann Toboggan in Gerhard Menzels Kriegsdrama:ich kann nicht sterben'. Der Chor:Wir können dir nicht helfen!" Rur eine Anweisung kann man ihm geben: stirb! aber gerne! Die Diktion nähert sich stellenweise dem unerfreulichen Ton in Brechts GedichtsammlungHauspostille". Hier ist der andere Kontrapunkt des Textes ange­beutet; der Sinn des Stückes ist in der Lehre beschlossen: man muh mit seinem Schicksal ein­verstanden sein!

Dies wird im Folgenden noch ausführlicher öargclegt Cs gibt eineBelehrung: welcher von uns stirbt, was gibt der auf?" Es wird, da man gleichzeitig auf die Musik achten muß und über­haupt vielseitig in Anspruch genommen ist bei dieser Aufführung, nicht ganz Har, was Brecht eigentlich gemeint hat. (Dies verbindet übrigens Brecht mit manchen anderen Autoren seiner Generatton: viele Expressionisten suchten ja geradezu mangels sonstiger Qualitäten ihr Heil darin, unverständlich zu sein. Sie nannten das dannmystisch" obersymbolisch", und es gab immer ein andächtiges Publikum, das respekt­voll darauf hineinfiel.)

Der Flieger lernt also, wenn wir nicht irren, daß man nach Liebe streben soll, nicht nach Höhe und nach Geschwindigkeit. Eine schöne und be­herzigenswerte Lehre, obwohl man sie von Brecht

die Gegensätze heute keine Bedeutung mehr haben, wegen derer noch vor wenigen Jahren erbitterte Fehden ausgetragen wurden. Deshalb halten wir es für falsch, wenn man heute den aktiven Politikern immer wieder Aeußerungen ihrer Ver­gangenheit vorhält, um ihnen damit gewisser­maßen den Beweis mangelnder eigener Folge­richtigkeit zu liefern. Diese Zettelkastenmanier, die noch heute zu den Gewohnheiten der Partei­sekretäre in den Versammlungen und der Partei­presse gehört, muß endlich einmal ver­schwinden. weil fie unser gesamtes innenpolitisches Leben Immer wie­der vergiftet. Es mag für den einzelnen Parteivertreter dritter und vierter Ordnung eine innere Genugtuung fein, wenn er vor seinen Getreuen denRachweis" liefert, daß daS Danner der Partei nicht geschwankt habe, und baß alle anderen ..Konjunkturpolitiker" undgesinnnungS- lose Burschen" seien. Wer die Entwicklung dieser Zeit miterlebt hat. der weiß genau, daß sich a 11 e Menschen, die für die Bedürfnisse unseres staat­lichen Lebens ein Empfinden haben, innerlich gewandelt haben, und daß die großen Aus­gaben der deutschen Innenpolitik die Männer aller Parteien zu einer neuen, sagen Wir ruhig gewandelten, in der Entwicklung begründeten Stellungnahme zwingen. Es gehört die ganze Verbohrtheit eines spießbürgerlichen politischen Denkens dazu, um daraus moralische Vorwürfe herzuleiten. Dieser Prozeß des Heranreifens zu neuer staatlicher Betätigung, von dem allerdings die reaktionäre Sozialdemokratie bisher so gut wie verschont geblieben ist. ist im übrigen sowohl auf der Rechten wie auf der Linken wirksam geworden, und der Reichsinnenminister Wirth, der sich ohne Zögern zu einer Zusammenarbeit mit Schiele bereit erklärt, ist aus Gründen der eben geschilderten inneren Entwicklung eines gan­zen Zeitalters nicht mehr derselbe Mann, der seinerzeit als Reichskanzler seine Kampfansage gegen die Rechte schleuderte.

Vad-Nauheimer Hematspiel.

<£ Bad-Nauheim, 15.9)iaL (Earl Pior« kow, der schon öfters mit kleineren heimatlichen Dichtungen hervorgetreten ist, hat seiner Vaterstadt nun ein größeres Bühnenwerk als B a b 91 a u - Heimer Heimatfpiel geschenkt. Es war nicht leicht, in unserer erst im letzten Jahrhundert aufge­blähten Badestadt einen geeigneten Stofs für ein historisches Festspiel zu finden. Carl Piorkow hat mit viel Glück nach der Quellengeschichte gegriffen und die Entstehung der Quelle 7, des ersten hie­sigen Sprudels, zum Ausgangspunkt seiner Dar­stellung genommen. Das ans Wunderbare gren­zende geheimnisvolle Geschehen, daß der große Sprudel ohne menschliches Zutun durch Naturge­walt in der denkwürdigen Nacht vom 21. zum 22. Dezember 1846 aus einem verlassenen Bohrloch auf Gottes Geheiß aus der liefe geboren" wurde, lockte zu dichterischer Gestaltung.

D e r S ch a ch t m e i st e r", so heißt der Titel des Heimatspiels, zeigt in engster Verbundenheit Men- schenschicksal und Naturgeschehen. Der Crlösungsge- danke geht als Grundmotiv durch die ganze Hand­lung. Vvlksszenen von der Arbeitsstätte am Bohr­turm, der Weiheakt mit dem festlichen Auszug der Bürger, Salzsieder und Bergknappen geben der an sich einfachen Handlung den Nahmen; und ein ent­zückendes Traumerlebnis, in dem als Grundgedanke das Emporsteigen der Quelle zum Licht durch Mär­chengestalten symbolisiert wird, bringt Bilder von bezaubernder Bühnenwirkung. Die ganze Dichtung ist erfüllt von tiefem Heimatsinn; sie darf sich mit vollem Recht ein Heimatspiel nennen.

Heute, am 75. Geburtstag der Quelle 12 (Fried- rich-Wilhelm-Sprudel), fand im Großen Bühnen- am mindesten zu hören erwartete. DerDen­kende" wird eingeführt und seine franziskanische Predigt von der Armut und der Richtigkeit menschlichen Wesens und frbmEinverständnis" mit dem Leben und dem Tode verlesen.

Anschließend ein von witzig instrumentierter Blasmusik begleitetes Satyrspiel mit einem ziem­lich blöden Text. Drei Clowns treten auf und variieren das Generalthema auf ihre Weise. Einer der drei ist ein MaskenpopanzHerr Schmidt". Das ist ein Zeitgenosse und Ramens- vetter jenes Helden, den Erich Kästner neulich mit einem HörspielLeben in dieser Zeit" vor­gestellt hat. Das Ganze also eine abermalige, drastisch-sattrische älntersuchung der Frage, ob der Mensch dem andern hilft. Ratürlich hilft er ihm nicht, sagt Brecht, und Hindemith be- krästtgt mit wuchtigen Rhythmen, was gesungen und an die Wand geschrieben wird.

Zum Schluß einExamen". Der Chorprüft" ben Flieger, und es endet damit, daß der Flieger kläglich versagt und seine irdische Richtigkeit und menschliche Schwäche bekennen muß. Er wird immer weniger: ich bin der, der ben C^ian überflog ich bin einer von euch - - ich bin niemand. Er ist niemand, und niemand wartet auf ihn, und der Chor triumphiert:Jetzt hat er seine kleinste Größe erreicht!" So schließt das Stück etwa mit einer Erkenntnis, die Romain Rolland zuvor mit den Worten aussprach, der Mensch sei für den Mitmenschen ein Wolf ... ein reißendes Tier, ohne Mitleid und ohne Liebe.

Eine böse Lehre und eine traurige Bilanz aus der Zeit. Im ganzen bedeutete der Abend für unser Gefühl weder menschlich noch künstlerisch eine nennenswerte Bereicherung; er war zu werten im Sinne der Veranstalter als Versuch und als ein Teilausdruck der vielfältigen Be­strebungen in unterer Gegenwart, dem Ver­hältnis zwischen Schaffenden und Empfangenden in der Kunst eine neue Grundlage zu geben.

Um die musikalische Interpretation Hindemiths machten sich Paul Breisach und Heinz Berthold verdient, die mit viel Temperament das (städttsche, Orchester und die Cingchöre diri­gierten. Die hier nur sparsam beanspruchte Regie führte Intendant Edgar Klitsch. Von ben Mit- wirkenben vor allem: Hans Hoefs 1 in und Franz Larkens (1. und 2. Männerstimme); fer­ner Hans Joachim Schifferdecker (Sprecher). (Bertie Senget (Tänzerin), Gütlich, Ham­mans, Keddy (die drei Clowns).

Das Theater war gut besucht, das Publikum interessiert und sehr beifallsfreudig. hth.