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Nr.yff Dritter Blatt

Samstag, 19. April 1950

Glehener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhesfen)

Kulturerneuerung.

Von Dr. Doris Hertwig'Dünger, M. d. 3V schwere Sorge lastet auf dem deutschen Q3olfc.

Industrie, Gewerbe und Landwirtschaft ringen um ihre Existenz, ein großes Heer von Arbeitern und Angestellten wartet auf Arbeit, in Dielen Fa­milien herrscht bittere Rot. Aus den gesetz­gebenden Körperschaften in Reich, Ländern und Gemeinden liegt eine große Verantwortung. Sie stehen vor der zwingenden Dotwendigkeit, die Ausgaben auf das äußerste zu beschränken, neue Geldquellen in der Form von indirekten Steuern flüssig zu machen, um die Schulden zu decken und andererseits die Steuerlast, die die Wirtschaft drückt, zu erleichtern, damit neue Kapitalbildung ermöglicht und Arbeit befchafft werden kattn.

Wie können da noch Forderungen auf kultu­rellem Gebiete gestellt werden? Auch auf die Kulturetats des Reichs und der Länder werden sich die Sparmaßnahmen erstrecken müssen, viele Wünsche der Kulturpolitiker, der Organisationen, deren Ausgabe die Pflege kultureller Bedürf­nisse und Einrichtungen ist, werden nicht erfüllt werden können.

Muß mit diesen Sparmaßnahmen aber un­bedingt ein Abbau unserer Kultur verbunden sein? Ich meine nicht. Die jetzige Rotzeit kann sogar zum Segen für unsere Kultur werden, wenn das deutsche Volk im ganzen eine andere Einstellung dazu gewinnt, wenn Aufgabe und Ziel eine K u l t u r e r n e u e r u n g wird.

Deutschland besitzt reiche Schätze auf dem Ge­biete der Literatur, der Musik, der bildenden und darstellenden Künste. Kein anderes Volk hat eine so große Zahl hervorragender Schrift­steller. Dichter, Gelehrter. Musiker, Maler und Bildhauer. In keinem anderen Lande gibt es vielleicht so vielseitige Bildungsmöglichkeiten, so viele Bibliotheken, Museen, so viele Stätten, wo echte Kunst geboten wird. Aber dieser Schah von Wissenschaft und Kunst wird heutzutage nur von einem verhältnismäßig kleinen Teile unseres Vol­kes gewürdigt. Ein großer Teil zieht oberfläch­liche, minderwertige Vergnügungen vor. Ent­spricht diese Entwicklung dem wahren Wesen des deutschen Volkes? In dieser Beziehung könnte ein Abbau nichts schaden, wenn er nur zur Rückkehr zu unserer echten deutschen Kultur führte. Auch der deutsche moderne Mensch ist der allgemeinen Hast und Unruhe verfallen, auch in Deutschland findet das Tempo der ameri­kanischen Großstädte immer mehr Eingang, aber es paßt nicht zum deutschen Wesen. Zum deut­schen Wesen gehört Besinnlichkeit, Verinner­lichung. Vertiefung in Ewigkeitswerte als Gegen­gewicht zu dem rasenden Rhythmus unseres Maschinenzeitalters. Wir sollen und müssen uns die Errungenschaften der Technik zunutze machen, auch aus diesem Gebiete soll der Deutsche weiter sübrend sein, aber wir wollen sie beseelen, das beißt, wir wollen auch in der Technik und durch die Technik das Unersorschliche, Göttliche fühlen, erleben und andere daran teilhaben lassen. And al» Ausgleich für seelenlose mechanische Arbeit haben wir Werke der Wissenschaft und Kunst, die allen zugänglich sind. Dur muß wieder der Sinn dafür geweckt werden, die Fähigkeit, Freude daran zu empfinden, und das Streben, sich Zeit zu nehmen, kn einem Buche zu lesen, etwas Schönes anzuschauen, zu Horen und sich auf sich selbst zu besinnen.

Kultur müßte aber auch mehr als jetzt unsere Umgebung erfüllen. Es wird oft von Woh­nungskultur gesprochen. Inwieweit ist sie wirklich vorhanden? Auf diesem Gebiete haben viele Frauen noch ein großes Arbeitsfeld. Dazu sind keine großen Mittel nötig, nur Verständnis und Geschmack. Diel Unkultur, manch unnützer Kram würde bann aus den Wohnungen beseitigt und dafür ein Heim geschaffen werden, das zweckmäßig ist und trotzdem schön sein kann, wenn die Schöpferin Schönheitssinn hat. Solche Heime dienen dazu, ein harmonisches Familienleben zu fördern, und sind eine Kraftquelle für die er­müdende Arbeit des Alltags.

Und haben wir nicht auch von Mensch zu Mensch Kulturverpflichtungen? Viele von uns werden von Sorgen bedrückt, wir wissen von

unseren Mitmenschen, daß wohl die meisten ein Leid zu tragen haben. Wie leicht könnten wir uns gegenseitig ein wenig helfen, sei es auch nur mit einem freundlichen Blick, einem freundlichen Wort. Oder wenn wir mehr Rücksicht aufeinander nehmen würden, im engsten Familienkreise, im Beruf und in der Oeffentlichleit, wenn jeder­mann bestrebt wäre, das zu üben, was man Herzenskultur nennt.

Auch im öffentlichen Leben herrscht viel Un­kultur. Das Riveau in politischen Versammlungen ist tief gesunken. Kein Wunder, daß viele von der Politik nichts mehr wissen wollen, weil sie darin nur häßliches Parteigezänk, starres Fest­

halten an Parteidogmcn sehen, worüber daS große Ganze leicht vergessen wird. Und ist es in den Parlamenten anders? Der Verkehr der Parlamentarier untereinander. Ton und Inhalt mancher Reden, das Benehmen der Zuhörer, sind oft nicht dazu angetan, die Würde des Parlaments zu wahren. Dabei sollte doch gerade die Stätte, in der die höchste Arbeit des Staats­bürgers, der Dienst am Staate, geleistet wird, eine Pflegestätte politischer Kultur sein.

Wenn diele theoretischen Erwägungen überall praktische Anwendung finden würden, dann wäre der Anfang zur Erneuerung unserer Kultur ge­macht. trotz notwendiger Einschränkung der Aus­

gaben aus allen Gebieten, und eine solche Kultur­pflege würde auch den wirtschaftlichen und politi­schen Aufstieg unseres Volkes fördern helfen.

In der Ratur kehrt in jedem Jahre nach starrer Frostgebundenheit und heftigen Stürmen der Frühling wieder. Aus das Dunkel und den Druck der Passionszeit folgt Ostern mit der Auferstehungszuversicht. Glauben und hoffen wir, daß auch für dao deutsche Volk ein Frühling, eine Auferstehung kommt, wenn alle hilfsbereiten, staatsbejahenden Kräfte sich zu- sammenschließen zur deutschen Kultur­erneuerung.

Wird die Osterbotschaft von unserer heutigen Zugend kommen?

Die Ansichten von führenden Frauen.

Die Frau, die Bewahrerin des Lebens, ist den geheimen Kräften der Erde Wohl unmittelbarer angeschlossen, als der Mann. Deshalb befragten wir eine Reihe hervorragender Vertreterinnen ihres Ge­schlechtes, welche Erwartung sie an das Heranreifen der gegenwärtigen deutschen Iugend, der oft so geschmähten, knüpsen. Rachstehend die Antworten. D. Red.

Isolde Kurz:

Sie fragen, ob ich glaube, daß die Ofterbot- schaft von der heutigen Iugend kommen werde. Die Osterbotschaft, wenn das Wort in dem ge­meinten Sinne gelten soll, ist immer da, aber unerfüllt, das ist ihr Wesen. Kein Zeitgeschlecht, kein Parteiprogramm, keine Geistesrichtung kann sie verwirklichen nur sie glauben, sie einer neuen stärkeren Sehnsucht und Hoffnung entgegen­tragen und damit einer Verwirklichung, die weit draußen im Unerreichbaren liegt und die zu suchen schon Ziel ist. Wer sollte Träger dieser neuen Gläubigkeit fein, wenn nicht die Iugend? Unsere heutige Jugend: die ratlose, kämpfende, suchende, im Suchen strauchelnde, wiederaus- stehende und weiter suchende, ist dazu viel besser angetan, als die bequem gebettete Dorkriegs- jugend, die das Uebcrpersörtliche aus dem Auge verloren hatte, oder die erste Reihe der Rach­kriegsjugend, die sich im Chaos wälzte und das Chaos zu verewigen trachtete. Es werden auch jetzt nicht die Lauten, immer Dorne stehenden sein, auf denen die kommenden Tage ruhen wer wirkt, hat keine Zeit zum Lärmen, die Stillen, die selber Dorbild sind, werden das unsichtbare Heiligtum tragen. Aus alle den fragenden Ge­sichtern der neuen Iugend blickt wieder das lange vergessene Ueberpersönliche Denn eben daß die Jugend wieder trägt, daß sie nicht von selber alles weiß, daß sie wieder die Fragen stellt, auf die es keine Antwort gibt, das ist ihre neue Würde und Schönheit. So sehe ich die neue Jugend Deutschlands, und ich grüße sie voll Hoffnung und Vertrauen!

ör. Elsa Matz,

M. d. "5V, jDberfiubienbirettorin, Vorsitzende des Michssrauen -Ausschusses der Deutschen Vollspartei:

Die Wandlung der Ratur im Frühling, die Osterbotschaft von der ewigen Erneuerung bringt den Wandel der Geschlechter besonders zum Be­wußtsein. In der unendlichen Kette der mensch­lichen Geschlechter obliegt der heutigen deutschen Jugend eine besonders schwere und große Aus­gabe. Die jungen Deutschen unserer Tage, die ausgewachsen sind in der Zeit schwersten toirt- schastlichen Riederganges und stärksten morali­schen Drucks, sie sollen durch ihre schassende Ar­beit Deutschland wieder auswärts führen zu neuer Gröhe, die vergleichbar ist der Gröhe Deutscher Vergangenheit. Für diese Ausgabe bedarf es der Kraft und Stärke, der Arbeit und Entsagung, des geschlossenen zielhasten Willens. Ihr Tun

und Handeln bedeutet Erlösung, Ausatmung,Be­freiung.

Helene von Nostitz-Wallwitz, geb. von Hindenburg:

Ich glaube, dah die Jugend in, weit höherem Maße als srühcr die äußerste Wahrhaftigkeit erstrebt. Auch die Jugend, die den Krieg nicht mitgemacht hat, empfindet die Verpflichtung, konsequent und treu in ihrer Handlungsweise zu bleiben. Einige neigen zur Aszese, andere zur zügellosen Losgelassenheit, und beide ost zur Verachtung der Formen. Sie haben aber dieselbe Sehnsucht. Aus den Kern der Dinge zu kommen ohne unnützes Getue. Die Verschiedenheit der Auffassung zwischen den Generationen ist so groß, wie vielleicht in keinem Jahrhundert. Die iln- geschminktheit der kritischen Einstellung bei der Jugend wird manchen älteren Menschen verletzen, der die romantische Umschreibung liebt. Aber wenn er mit gutem Willen dieser neuen Art begegnet, wird sie ihm vieles lehren können.

Dr. Marie-Slisabeth Lüders, M. d. H.:

Wir Aelteren setzen unsere Hoffnung auf die junge Generation. Aber dieses Unterfangen be­deutete schwerlich mehr als eine Flucht in die Illusion, wenn wir uns nicht zugleich (und end­lich) um die Errichtung einer Basis bemühen, auf der die jungen Kräfte rociterbaucn können. Statt im Bereich der Zukunft Ausgangspunkte für unsere Wunsche zu suchen, sollten wir allo lieber in der Gegenwart den Antrieb, ja sogar die Verpflichtung zu Taten finden. Vor allen Dingen müssen wir die Wirrnis, die unfern Kopf und unser Herz umlagert, mit den schärfsten Mitteln des Willens bekämpfen, denn sie ent­hält darüber dürfen wir uns nicht täuschen gefährliche Ansteckungskeime.

Katharina vonKardorff-Oheimb:

Glücklicherweise höre ich nichts von .Viel­geschmähter Jugend", sondern von sehr natür­lichem und fruchtbarem Kampf der Jugend dem Alter gegenüber. Dieser Kampf hat nur das eine

Oie Kathedrale von ypern wieder erbaut.

Die berühmte Kathedrale von ypern, vor ihrer Zerstörung im Weltkriege eines bei schönsten gotischen Baudenkmäler Westflanderns, ist jetzt wieder aufgebaut und mit einem Festgottesdienst eingeweiht worden Am Turm des Gebäudes wird noch gearbeitet

Oster-Probleme.

Von Polly Tieck.

..-Das wünschst du dir zu Ostern?" Sagte Eugen liebevoll zu Hilde Gr ist vollkommen im Bilde, Daß Ostern eine Aufforderung ist, Etwas zu schenken, Aber was?

Eugen beginnt sorgenvoll nachzudenken... Schließlich ist Hilde für ihn kein bloßer Rame, Hilde ist eine Angelegenheit.

Hilde ist eine Dame, Man könnte um Hilden Legenden bilden,

Rur gehört das im Augenblick nicht hierher. Aber Sie merken schon:

Eugen hat es effektiv schwerl--

Was soll Hilde auf solche Fragen Eigentlich sagen?

Sie lächelt reserviert

Und bemüht sich, freundlich auszuschau'n.

Und sagt, sie wünscht sich zwei Luftballons, Einen roten und einen blaun,

Und ein Osterei, wie cs die automattschen Hennen 3nOnkel Toms Hütte" legen.

Und ein kleines Sträußchen Veilchen noch. Eugen lächelt, gerührt und erweicht, [meinettoegen. Und Hildes Ziel ist vollkommen erreicht, Daß nämlich Eugen, Dor Liebe und Rachgiebigkeit toll. Absolut nicht mehr weiß, was er schenken sollt Plötzlich jedoch leuchtet es in seinen Zügen Von überirdischein Vergnügen, Die Offenbarung ist mit einem Male nah: Wozu sind die Läden mit Geschenkartikeln dal... Uni) Eugen fühlt es in diesem seligen Momente: Es gibt nichts auf der Welt, Dos man nicht schenken könnte!

3um Beispiel einen Osterhasen, Der von innen elektrisch glüht, ^nd bei dem man wirklich absolut nicht sieht. Daß er ein Rauchverzehrer ist?

Oder dies Büchlein,

Durch bas man nichts mehr vergißt, Mit goldenem Bleistift und eingelegten Vignetten? Und auf der anderen Seite

^st es ein Etui für Zigaretten?...

gibt auch Sofakissen

In Form eines Ostereis, Falls Sie es noch nicht wissen! Eugen jedenfalls fand eines, in dottergelben Seiden, Und er sieht schon. Wie alle Freundinnen Hilden darum beneiden!.. Ferner ist es Eugen vollkommen klar, Daß eine Handtasche fällig war. Vielleicht ist der Einfall Richt sonderlich originell. Aber dafür ist die Tasche so bizarr und bell, Dah sie, Hilde sieht es im ersten Augenblick, Ruhig und gefaßt, Ratürlich nicht zu einem einzigen Von Hildes Kleidern paßt...

Und diese herrliche Kaffeemaschine?

Und dieser neue Schäler für die Apfelsine? Und dieses Messerchen und diese Vorlegegabel? Und diese Schere, in Form eines Storches Mit einem riesigen Schnabel?

Und dieser Buddha, Der so lieblich lächelt und milde? Ra, wie ist das für Hilde?... Eugen bekommts mit dem Kaufen, Er fängt an au laufen, Und zum Schluß nimmt er einen Wagen, Denn er kann's nicht mehr tragen!... Ofterfonntag erscheint er dann Mit einem Bukett von gedrahteten Relken, Hilde sieht auf den ersten Blick: Sie werden in drei Stunden welken. Er kommt, animiert und atemlos, die Treppen rauf, Und baut auf!...

Hilde hat Haltung, Die hat sie im Laufe der Zeit gelernt, Man merkt nicht entfernt, Was in ihr vorgeht, in diesem Augenblick, Was man zu sehn bekommt, trägt die Marke: Eitel Glück!" O, Liebling," sagt sie, Du sollst mich nicht verwöhnenI" (Leise gesprochen, mit einem leichten Schleier Auf den oberen Tönen.) Rach einigen Stunden entfernt sich Eugen, Dor Wonne trunken. Wie ist sie ihm in die Arme gesunken. Und wie innig und süß ihr Auge war! Man muß nur zu schenken verstehn! Wieder mal klar!...

Am Dienstag nach Ostern Ist Hilde dann nach vielen MLhn

So weit gediehn,

Dah sie heraus hat. was sich umtauschen läht Das andere verschlieht sie, ruhig und fest... Einen Augenblick denkt sie vielleicht An das viele sinnlos vertane Geld, Das sie da in Händen hält, Sie denkt an 10 Paar seidene Strümpfe Oder 20 Meter Crepe de Chine, An kleine Helle Schuhe aus Wien, An einen Sommerpelz, beige mit kurzen Haaren, An einen dazu gefärbten Wagen zum Seiberfahren, An ein paar Kleidchen von Jenny oder Poiret, Und an ein Segelboot

Auf einem großen, bewegten See... Dann erinnert sich Hilde, Woran sie sonst oft und gerne denkt, Dah sie doch eine Dame ist, Der man so etwas nicht schenkt, Und sie fühlt, es wird in ihrem Leben Roch viele Osterhasen als Rauchverzehrer geben, Und noch viel goldene Dleisttfte

Und Likörgläler und andere herrliche Sachen ... Und sie lächelt:Fröhliche Ostern!---

Da farm man nichts machen!" ...

Theo knipst Li.

Von Walther Harich

Theo hat eine Leidenschast: er photographiert.

Theo hat eine zweite Leidenschaft. Li.

Daraus folgt: Theo wird Li photographieren.

Hemmungen und Widerstände werden mit Kunst eingeschaltet. Takt und Raffinesse erfordern es, wenn zwei Leidenschaften aufeinander platzen. Schließlich ist es soweit. Auf einem Ausflug wird es geschehen. Sonntag, Frühling, Sonne gebieten es.

Theo schleppt den Apparat (9 X 12), das Stativ, ein Dutzend Platten, ein Filmpack. Er schwitzt, aber er traut keinem anderen. Ein Apparat ist kein Fuß­ball. An den blühenden Aepfelbäumen muß es ge­schehen. »Ach Li," sagt Theo,hier möchte ich dich photographieren'" Li wird Statue zwischen Kos- laden von Blüten mit Crepe de Chine und Strah­lenblicken, weiß, daß ein metaphysischer Drang (Theos) dem Augenblick Ewigkeit abtrotzen will. Theo rückt am Stativ, stellt die Entfernung ein, dreht an der Blende, wird nie fertig, ist endlich fer­

tig. Er will losdrücken ...Ach Li," seufzt er plötz­lich,vorhin standest du so entzückend, und jetzt, tun ich knipsen will, bist du ganz anders!"Ja", fragt Li in dienender Bereitschaft,wie stand ich denn '" und stellt sich anders und wieder anders, und schließ­lich knipst Theo.3a, aber so schön, wie du vor­her warst, wird das Bild lange nicht," jammert er, ich werde dich überhaupt nie richtig photographie­ren können!"

Sie gehen weiter und kommen in den Wold. Li wirft sich am Wegrand ins Grüne. ,^)ah!" sagt Theo und baut den Apparat auf Und als sie gar mit einem Grashalm spielt!Ach dieses Lä­cheln..." jammert Theo und turnt am Apparat, dieses Lächeln eines Augenblicks! Wenn ich das doch auffangen könnte. Ach Li, du weißt ja nicht, wie schön du bist! Natürlich habe ich zu spät ge­knipst!" Li tröstet ihn, sagt:Meine Beine werden immer porträtähnlich!"

Sie gehen weiter und kommen ans Seeuser Dort ist endlich Gelegenheit, Li mit Mantel und ohne Mantel, mit Hut und ohne Hut, von vorn, von der Seite, sitzend und stehend, am Wasser, im Boot, zu knipsen, bis alle Platten und Films verbraucht find. Ach Li," jammert Theo,du bist cs nicht, nicht ein Hundertstel!" Er jammert es bei zehn Platten und zwölf Films.

Den ganzen nächsten Tag sitzt Theo in der Dunkel­kammer, mit Säuren, scharfen, milden, langsamen, raschen, und fühlt Papiere, harte, weiche, rauhe, glatte, und kann uns die mißratenen Bilder gar nicht zeigen Schließlich zeigt er sie aber, und sie sind berauschend. Li unter Apfelblüten, Li am Waldrand, Li am Seeufer, Li mit Mantel und ohne Mantel, mit Hut und ohne Hut, stehend, im Boot sitzend. Li ist der Frühling, Li blüht, Li ist der Traum, die Sehnsucht, die Erfüllung. Immer tragen wir Lis Bilder bei uns und werden um Li beneidet. Li wird Titelblatt von illustrierten Zeitungen, Li bekommt Briefe und Anträge aus Berlin und von Ueberfee. Kaum geht es zu verhindern, daß Li eine Postkartenserie wird

Nur Theo ist unzufrieden, ärgerlich über feine Ungeschicklichkeit, wütend auf seinen Apparat, auf die Platten, Films, Säuren und PapiereAch Li", sagt ernichts von dir ist getroffen! Du bist ganz anders! Du bist tausendmal schöner!"

Theo ist fein Einzelfall Wer seine (Beliebte pho- lograp^ieren kann, der ist nicht wahrhaft verlieb^