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Mittag, 21.Avril, ß Cnerieierinfli hon 19 biß 21'/, Ubt:
Nr. 9$ Zweites Blatt
Bilanz vor Ostern.
Außenpolitische Umschau.
Don Dr. Otto Hoehsch, o. ö. Prof, der Geschichte an der Universität Berlin, TR. d. "5t
2ln demselben Tage, an dem in Deutschland da- Kabinett Brüning-Schiele-Treviranus seinen Sieg ersocht, der ihm zunächst einmal freie Dahn zur Arbeit gibt, begann der Kampf um die Existenz für das englische L a b ou r k a b r n e t t. Es wurde von Ansang an vorausgesagt, daß die Opposition diesem Kabinett Gelegenheit geben würde, sein Budget einzubringen, und daß daran die Entscheidung: Neuwahlen oder nicht? fallen würde. Der so eröffnete Kampf ist nicht nur ein Kampf des Kabinetts um seine Position, sondern auch ein schwerer materieller Kampf. Denn Der Voranschlag, den Snowden vorgelegt, fordert nicht weniaer als 42 Millionen Pfund neue Steuern. Die Aehnlichkeiten mit den deutschen Kämpfen ^ehen ziemlich weit. Auch in England hat man den Streit, ob der Vorgänger (Chur- chill) im Schatzamt ordentlich gewirtschaftet habe, oder nicht. Auch in England wehrt man sich gegen die Ueberstcucrung und Überlastung des Kapitals und des Einkommens, und kämpft man zwischen direkten und indirekten Steuern. Snowden legt Wert darauf, „ehrlich" die Einnahme- fchäyungen und danach die Steuerforderungen zu machen. Er rechnet so ein Defizit von 42 Millionen Pfund heraus und fordert dazu Steuererhöhungen im großen Ausmaß: zum ersten Mole wieder seit Jahren die Erhöhung der Einkommensteuer (von 4 auf 4,5 Schilling auf das Pfund), dann die Erhöhung der Diersteuer, die in England höher ist als in Deutschland, Zusatz- steuern für hohes Kapital und Einkommen u. dgl. mehr. Dieses Budget ist sehr hart, sozialistisch kann man es indes nicht nennen. -Mnb der Sozialist und Freihändler Snowden läßt die Schutzzölle ohne Veränderung bestehen, die er jahrelang bekämpft hat. Der Voranschlag und der, der ihn cinbringt, sind höchst unbequem, aber Snowden geht mit trockener und harter Energie und Klarheit der Sache an die Wurzel. Es wird in jeder Richtung ein sehr interessanter Kampf, der nun in England beginnt, und man begreift, daß Macdonald Eile hatte, die Floltenkonferenz zu Ende zu bringen, um für dieses entscheidende Ringen die Hände frei zu bekommen.
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Fast unbemerkt in dem heißen, inneren Kampf ist nom deutschen Reichstag ein Gesetz verabschiedet worden, das mit einer der härtesten und unerträglichsten Bedingungen des Versailler Vertrages zusammenhängt. Gemeint ist der deutsch- schweizerische Vertrag über die Regulierung desRheines zwischen Straßburg und I st e i n , in dem zugleich von Deutschland, wie der Schweiz in Aussicht genommen wurde die Anlage eines Großschisfahrtsweges auf dem Rhein von Basel bis zum Bodensee. 3m Versailler Vertrag ist Deutschland (Artikel 358) auf- erlegt, daß Frankreich dem Rhein Wasser für Schiffahrts- und Bewässerungskanäle entnehmen darf. Demgemäß will Frankreich einen Kraft- und Schiffahrtskanal von Basel bis Straßburg aus seinem, dem elsässischen Gebiete, bauen, dessen Gefahren in jeder Beziehung für den Rhein, die anderen Rheinuferstaaten und die Schiffahrt auf der Hand liegen. Deutschland in Verbindung mit der Schweiz haben nun beschlossen, dieRheinregn I i e r u n g in der bezeichneten Strecke durch- zuführen. Die Zentralkommisfion für die Rhein- fchifsahrt hat sowohl dem französischen Plan eines neuen Kanals, wie dem deutsch-schweizerischen der Reuregulierung ihre Zustimmung erklärt. Die Kosten für die letztere sind jetzt vom Reichstag bewilligt. Damit kann dieses Stück Rhein zwischen Straßburg und Basel in wenigen Iph- ren in eine leistungsfähige Großfchiffahrtsstraße verwandelt werden, während der französische Seitenkanal Jahrzehnte braucht. Die Hoffnung wäre bann, daß — namentlich wenn die Schiffahrtsstraße bis zum Bodensee verlängert wird — die wirtschastliche Vernunft siegen und Frankreich auf seine rein politisch bestimmte 3bee eines
Russische Ostern.
Von Jlfe (Zchmldt-Wissendorff.
Und wenn es wieder Ostern wird — Jahr für Jahr — dann ist es immer dasselbe. Gegenwärtiges versinkt, und es ist alles wieder wie einst. Sonst ist der Gedanke an Heimat und Verlorenes wie ein Knien vor einem der herrlichen alten Ikonen, aber es ist ein Schleier über das Bild gebreitet, den die Zeit wob. Jäh kann sich bann mitunter der Schleier lüften, daun gleißt und glitzert und funkelt es heraus, daß man die Augen schließt. Es ist zuviel des Lichtes, man erträgt es nicht mehr. Aber wenn es Ostern wird — Jahr für Jahr — dann möchte man das Licht festhalten ... und wieder Feiertag haben ...
Von weit her kommt ein tiefer, verlorener Glocken- klang über das Feld ... bann noch einer, wie einzelne Tropfen eines schweren Regens .. nun braust bie Flut, nun orgeln taufenb Stimmen über bie bäm- mernbe Ebene: „Christas woskres ... Christ ist erftanben". Russische Ostern.
Ich weiß nicht, ob es noch ein Land gab, wo Gott so geliebt wurde, wie im alten Rußland. Ferne Heiligkeit war Gott. 3a. Aber er war auch der Vater, zu dessen Füßen man sich schmiegte, vor dem man hingebreitet lag in der Hellen Osternacht. Groß war das Vertrauen in der russischen Kinderseele. Väterchen Zar und Väterchen im Himmel. Damit rundete sich der Kreis des Denkens und Fühlens und war sich selbst genug. Man dachte nicht, man fühlte nur.
Darum war wohl soviel Licht lebendigen Kerzenglanzes in den Kirchen. Es flackerte, zuckte und leuchtete Tag und Rächt um Gold und Edelgestein. Es lebte wirklich. Ströme des Glaubens zogen mit dem Weihrauch unter den Gewölben. ilnö in diesen Glauben hineingebaut, als Höchstes und Hellstes Ostern... Die Auferstehung des Lichtes und des Lebens.
Richt Weihnachten konnte dem russischen Volk zur höchsten Weihe werden, zu schwer lastet Dunkelheit und Versunkenheit des Winters auf seiner Seele. Zu groß ist die Sehnsucht nach Licht, Auferstehung, Wärme und Liebe. Das alles drängt sich in die große Welle der Oster- freude. Zur Freude aber muh man sich bereiten. Heiligen. Das große Wunder soll nicht unbewußt, wie ein Traum über die Menschen kommen.
Sechs Wochen währen die Fasten. Sechs Wochen geht durch das ganze Land unaufhör-
Samstag, 19. April 1930
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhesien)
Seitenkanals verzichten würde. Das in der Denkschrift bezeichnete Ziel dieser deutsch-schweizerischen Abmachungen ist. politisch und wirtschaftlich so bedeutungsvoll, daß die Aufbringung der Mittel fich ohne weiteres rechtfertigt. Aber zu welcher wirtfchaftlichen Unvernunft führt hier einmal ganz markant der politische Machtstandpunkt, der den Versailler Vertrag charakterisiert! Vom wirtschastlichen Gesichtspunkt ist die französische 3öcc, die den Rhein geradezu als Wasserstraße lahmlegt, weil sie ihm das Wasser entzieht, unsinnig. Sie ist es noch mehr, weil durch die Ableitung eines großen Teiles Ges Rheinwassers in einen Seitenkanal die Rheinebene wegen Veränderung des Grundwasserstandes geradezu mit Unfruchtbarkeit bedroht wird.
3n Kattowih ist am 12. April im Ulih - Pro - z e ß ein Freispruch erfolgt unter Uebernahme der Kosten in erster und zweiter 3nstanz auf die Staatskasse. Mit diesem Urteil ist der Führer Des Deutschen Doltsbundes von der Anklage sreigesprochen, einem polnischen Militärflüchtigen zur Flucht verholfen zu haben. Mit diesem Urteil ist zugleich auch die polnische Justiz schwer getroffen, die die erste Verurteilung auf Grund eines unzweifelhaft gefälschten Dokuments ausgesprochen hatte. Der Ausgang ist besriedigend, ein Sieg der Vernunft. Aber wie ist in diesem Prozeß doch gezeigt worden, daß der Deutsche in Polen vogelfrei ist! Geradezu ein Kesseltreiben ist gegen das Deutschtum hier cingefeitet worden, mit plumpen Fälschungen und übelsten Mitteln! Der Prozeß hat bewiesen, daß die deutsche Minderheit in Polen nicht staatsfeindlich ist und staatsfeindlich arbeitet, und er wird hoffentlich in seinem Ausgang auch vorbildlich werden für den Prozeß, der zur <kit der Riederschrift dieser Zeilen in Bromberg gegen den Deutschtumsbund geführt wird. (Leider ist der Ausgang, wie an anderer
Stelle DeS heutigen Blatte- berichtet, anders geworden. — D. Red.) Auch da werden Anklagen erhoben, die sinnlos sind, die dem Begriff des Minderheitenrechts einfach inS Gesicht schlagen, in denen der Wunkch, die bodenständige deutsche Bevölkerung zu verdrängen, ganz zynisch zum Ausdruck kommt. Wie soll trotz Liquidationsabkommen und Handelsvertrag usw. ein Verhältnis zwischen Deutschland und Polen entstehen, unter dem beide miteinander leben und wirtschaften können, wenn der polnische Staat in dieser Weise vorgeht? Denn das kann man nicht auf die Lokalbeyörden abschieben, dafür ist der Staat und seine Regierung selbst verantwortlich.
Der frühere Bundeskanzler Seipel ist am 11. April überraschend vom Amte eines Vorsitzenden der Ehristlich-sozialen Partei zurückge- treten, aus Gesundheitsrücksichten, aber nicht nur aus diesen. Die beruhigende, staatsmännische und erfolgreiche Politik des Kanzlers Schober hat Seipel zurückgedrängt, der eine an sich richtige Idee, nämlich die Sozialdemokratie in ihrem übermäßigen Einfluß zurückzudrangen, nach und nach mit Absichten und Vorstößen zuspitzte und übertrieb, die immer sonderbarer wurden und die dem bedeutenden Manne immer mehr Prestige geraubt haben. Man verstand seine Richtung auf Faschismus und Diktatur, die er in seiner Heimwehrpolitik betrieb, nicht mehr aus seiner Geistesrichtung. An der Verschärfung der inneren Zustände in Oesterreich, die doch jetzt sehr überwunden sind, trug Seipel einen großen Teil der Schuld. Cs heißt, er wolle sich letzt, nachdem über ihn hinweg Schober die Lage im 3nncrn entspannt, Reformen durchgeführt und auch große Erfolge in der Außenpolitik erzielt hat, außerhalb der Parteien der Begründung einer neuen bürgerlichen Partei
widmen, die fich natürlich auf die Heimwehren stützen würde, in einer Zufammenarbeit wohl mit dem Fürsten Starhemberg, der der kommende Mann in der Heimwehr fein foIL 3m Grunde paßt das ja nicht zusammen, eine nationalsozialistisch gefärbte Heimwehrpolitik, wie sie der Fürst Starhemberg betreibt und die christlichsoziale Politik SeipelS. Es kann aber auch fein, daß fich Seipel für die Reuwahl des Bundespräfidenten vorbereitet, dessen Amt ihn lockt. In jedem Falle kann der Freund Oesterreichs nur wünschen, daß die erfreulicherweise eingetretene Beruhigung von Dauer bleibe und nicht Störungen durch unklare Bewegungen und neue Spannungen eintreten. Auch hier gilt ja, daß lediglich mit dem Schlagwort: gegen den Marxismus!, das Seipel aufstellt, die politische Arbeit nicht getan ist.
Am 12. April wurde der deutsch-österreichische Handelsvertrag unterzeichnet, der beim Besuche Schobers in Berlin vorbereitet worden war. Der deutsche Außenminister erinnerte bei der Unterzeichnung mit Recht an das hübsche Wort Schobers, indem er sagte: »Es gibt weder Sieger, noch Besiegte in dieser Verhandlung. Wenn man aber von Siegern sprechen will, so ist das gesamtdeutsche Volk der eigentliche Sieger, für das der Bundeskanzler Schober die glückliche Formel gefunden hat: „®in Volk und zwei Regierungen!"
Der Vertrag macht nunmehr eine WirtschaftS- arbeit möglich, von der wir nur wünschen können, daß sie so eng wie irgendmöglich sei. Dazu reicht freilich ein Handelsvertrag nicht au«. Dazu muh zielbewußte organische Zusammenarbeit, Verbin- dungsarbeit der Wirtschastszweige kommen, und die ist uns durchaus nicht im Friedensvertrag verboten!
Was sie waren, his sie etwas wurden.
Zeitgenoffen schildern ihren Werdegang.
Die nachstehenden Zeilen sollen über den unterhaltenden oder bildenden Zweck hinaus noch- eine dritte Absicht verfolgen. Sie sollen den jungen Menschen vor Augen führen, wieviel Fleiß, Mut und Energie dazu gehört, sich durchzusetzen; sie sollen es ihnen an Beispielen zeigen, an den Beispielen derer, die sich durchgeseht haben.
Groß oder gar berühmt zu werden, — das ist heute noch viel schwerer als zu jener Zeit, in der die Mitarbeiter dieser Seite groß geworden sind. Ihre Worte mögen deshalb um so mehr beherzigt werden. — D. Red.
ör. Georg Graf von Arco
der Pionier der deutschen Funktechnik:
Der „Dümmste" feiner Klasse.
„Run, wenn Sie sonst nichts werden können — einen guten Clown würden Sie ja auf alle Fälle abgeben." Das waren die Worte, die mir nach bestandener Reifeprüfung von unserem Turnlehrer mit auf den Weg gegeben wurden. Es war der treffende Epilog meiner rühmlosen Schulzeit.
Aus einem oberschlesischen Gut, in einer abgeschlossenen ländlichen Welt, die vom technischen Fortschritt unberührt war oder ihm verständnislos gegenüberstand, wuchs ich auf. Eine einseitige und alles andere verdrängende Passion, die ganz auf die Maschine gerichtet war, hielt mich völlig in ihrem Bann. Merkwürdigerweise waren in unserer Weltabgeschiedenheit zwei landwirtschaftliche Maschinen vorhanden, die mir alle anderen Lebensfreuden ersetzten. Die Beschäftigung mit ihnen war fast die einzige, zu der man mich nicht zu quälen brauchte.
Als ich drei Jahre alt war, schenkte mir unser sog. Maschinist, d. h. der Führer der Lokomobile,
zu Weihnachten zwei rohe Holzmodelle unseres „Maschinenparks". Es war das erste in der Reihe der Maschinen, die mich in den folgenden Jahren dauernd beherrschten, ilnb als mein 33ater eine neue Dampfmaschine anschaffen wollte, vergaß ich über den eintreffenden Katalogen alle meine Bilderbücher.
Mit dem zehnten Lebensjahr verdichteten sich die Beziehungen zu unseren Maschinen derart, daß ich bei ihnen die Funktionen eines ordentlichen Heizers versah. Eine natürliche Anlage für Technik zeigte sich darin, daß ich Fehler an den Maschinen schon als kleiner 3unge leichter sand, als die dafür angestellten Leute. Einer dieser Maschinisten, die ziemlich schnell bei uns wechselten, baute eine „Werkstatt für Reparaturen und Reuanfertigungen", in der Ich mich dauernd aufhielt. Aus meinen Wunschzetteln stand immer nur technisches Spielzeug, und obwohl es damals noch keine Spielzeugindustrie gab, die solche Wünsche befriedigen konnte, erhielt ich spiritusgeheizte Lokomobilen, die irgend jemand selbst zusammenbaute. Roch immer sehe ich sie vor mir — gänzlich abweichend von dem, was heute fabriziert wird.
Bei diesen ganz unerwünschten und unplan- mäßigen Reigungen waren meine Leistungen in der Schule entsprechend schlecht. Das Auswendig- lemcn der „Glocke" hat mir mindestens zehn Rachsihstunden eingebracht, und besonders meine Rechtschreibung erregte den wütenden Zorn aller Lehrer. Mathematik und Turnen waren die einzigen Fächer, die ich beherrschte. Raumphantasie und Formgedächtnis halfen mir beim mathematischen Unterricht, bei dem ich einer der besten war. Ich schrieb hervorragende geometrische Arbeiten, aber da ich in den anderen Fächern so mangelhaft war, glaubte man stets, ich hätte von meinen Kameraden abgeschrieben. Das alles trug nicht gerade dazu bei, mein
Selbstgefühl zu steigern. 11 nb al- schließlich unser Klassenlehrer einmal fragte, wer denn der Dümmste unter uns sei, war ich zur allgemeinen Erheiterung als einziger aufgestanden.
Rur einem fanatischen Fleiß hatte ich eS zu danken, daß ich nach freudlosen Schuljahren die Reifeprüfung bestand. - Die Frage der Berufswahl zeigte nun das Unverständnis meiner Familie für Wissenschaft und Technik in besonders starkem Maße. Riemand konnte mir sagen, welche Berufsarten es auf diesem Gebiete gab, wo bie Ziele waren unb bie Wege. So ist meine Ausbildung keineswegs in der üblichen Weise erfolgt. Erst nach kurzem vergeblichen Studium der Physik unb Medizin unb nach dreijährigem Umweg über die aktive Osfizierslausbahn landete ich in den Armen der Dampsmaschinenbau-Technik. Da zu den obligatorischen Lehrfächern des Maschinenbaus auch die Elektrotechnik gehörte, machte ich die Bekanntschaft Professor S1 abys, der sich damals gerade der eben geborenen drahtlosen Telegraphie zuwandte. So drängte nach kurzer Zeit meine technische Betätigung — zunächst widerwillig und rein zufällig in jene Dahnen, auf denen ich noch heute wandle: in die Dahnen der fortschreitenden deutschen Radiotechnik.
Geheimrat Prof. Or.
Ferdinand Blumenthal,
Direktor des Instituts für Krebsforschung:
KrebSforfcher „wider Willen".
,Als junger Assistent interessierte ich mich in erster Linie für physiologische Vorgänge des Stoffwechsels, untersuchte die Stofswechsclprodukte der Dakterien und arbeitete an einem Serum gegen den Starrkrampf. Richt im entferntesten dachte ich daran, mich speziell der Krebsforschung zuzuwenden.
lief) der Ton der Glocken. Der Schnee schmilzt in dieser Zeit sacht hinweg. Grünsilbemer Abend- Himmel spiegelt sich im dunklen Glanz der Schneewässer. Und die Weide leuchtet. Irn Schoß der Erde pocht das neue Leben mit leisem Klopsen, in den Lüften fragt der Klang: bist du würdig?
Abend füt Abend drängen sich die Massen in den Kirchen, versunken in ergriffene stumme Andacht. Rur die Musik spricht. Die wundervolle/ Liturgie ist Zwiesprache zwischen Mensch und Gott. Verständlichste Sprache, auch einer dumpfen Seele die Ahnung überirdischer Herrlichkeit zu geben.
Der dunkle Tag. Karfreitag. Stille war über das ganze Land gebreitet, als ob Millionen zu atmen aufgehört hätten. Als ob alles Geben sich aufgelöst hätte in zitternde Erwartung. In der Kirche, im gläsernen Sarge aufgebahrt der Leichnam Christi. Dunkel, in Trauer versunken umwandclt die Prozession die Kirche. Der gläserne Schrein schwankt in den Händen. Unsterbliche Totengesänge. Und in den Gesichtern der Schmerz Leidtragender um Liebstes auf Erden.
Ostersamstag. Ein Atmen, ein Wehen geht über die Ebenem Und alle, alle Herzen schlagen höher. Das Wunder naht, und jede Seele ist bereit in fein Licht einzugehen. Die Häuser sauber geputzt. Die Körper in stundenlangem Bad gereinigt. Cs ist alles getan.
Jahrtausende alte Sitte ist lebendig. Die Osterspe.se ist bereitet. Kulitsch, das meterhohe schmale Gebäck, Paska, die Speise aus Quark, Rahm, Eiern und Zucker, mit dem eingepreßten heiligen X. B. (Christas woskres). Und die brennend bunten (Sier. Run wird die sorgsam gehütete weiße Serviette hervorgeholt,- behutsam hüllen harte Hände die Speisen darin ein. Soviel scheue Andacht kann über diesen Händen liegen. Und in den schlichten Gesichtern steht ein Schein. Gottes- kindschast.
Eine halbe Stunde vor Mitternacht ertönt der Ruf. Glocken. Ostermesse. Unb mit den Glocken weht der Frühlingssturm. Unb es ist keiner, ber zu Hause bleibt. Keiner, ber nicht mit seinem Päcklein Oster- speise zur Kirche geht, es weihen zu kaffen. Unb mit seinem Wachslicht. Das Licht in ber Hand ist bie I Seele des Menschen. Am Feuer bes Gotteshauses muß es entzünbet, brennenb wieber heimgebracht werben, wo bas heilige Licht ber Lampaba neu
daran erglüht. Angstvoll zitternde, ewigkeitssuchenbe Seelenlichtlein auch in ben bunkelsten Gassen.
Da stehen sie nun, Kopf an Kopf. Unb über ihnen allen ist etwas, was höher ist, als alle Vernunft. Der Song erbröhnt: „Herr, gedenke mein. Sei mir Sünber gnädig."
Unb bann Mitternacht. Die golbenen Pforten des Allerheiligsten springen auf. Rur in dieser Nacht. Nur in dieser Stunde. Unb ein Strom von Licht bricht baraus hervor. Und bringt bis in bie entlegensten Ecken. Die Juwelen ber Heiligenbilber spielen in Regenbogenfarben. Abertausende von Kerzen flammen. Wachsduft mischt sich mit Weihrauch. Licht. Licht.
An» den Altarstufen die Priester unb Diakonen in Golbbrokat unb Violett. Aus der Kuppel rauscht Gesang. Schwingende Knabensoprane. Rätselhaft dunkle Bässe. Nur die Stimme, seelenvollstes Instrument darf zum Gottesdienst verwandt werden. Nun hebt ber Priester das goldene Kreuz. Die Glocken dröhnen, die unsichtbaren Stimmen jubeln, zitternd, ehrfürchtig raunt es die Menge „Christ ist erstanden!" Von jedem Kirchturm lodern Flammen zum Himmel. Tragen die Glut ber Herzen in bie buutle Nacht. Unb mit bem Öfter ruf liegen sich bie Menschen in ben Armen unb tauschen hingegeben, aufgelöst den dreimaligen Osterkuß auf die Wange. Arm unb reich. Freund unb Feinb. Es gibt keinen Unterschieb mehr. Es ist alles Liebe geworben...
Nun trägt ber Priester bas golbene Kreuz burch bie Menge unb segnet die Speise unb segnet bie Menschen-. Unb tauscht Kuß unb Dfterruf mit jebem einzelnen.
Langsam nur leert sich bie Kirche. Unb gibt bie Menge ber Straße wieder. Ueberroältigenb ist ber Anblick der Stabt. Millionen elektrischer Flämmchen spcnben Lichtrausch. Uebcr ben Türen ber Häuser funkeln Kronen unb Embleme. Die Silhouetten brennen sich in leuchtenben Linien in ben Himmel, bie lürnie lobern, bie Fenster strahlen Festglan;, benn nun beginnt bas Ostermahl. Die ganze Nacht stehen die Türen ber Häuser offen unb laben zur Teilnahme.
Acht Tage lang läuten Tag unb Nacht bie Glocken. Ein jeder darf läuten, wenn er will. Acht Tage treten Freunde und gekannte durch die Tür, das bunte Ei in ber Hanb und tauschen Ruf unb Kuß. Acht Tage lang scheint bie Welt nur Liebe zu sein.
Unb über dem Fest und ben Menschen ber wundervoll keusche unb boch so selige nordische Früh
lingshimmel. Das Blau der Leberblümchen wie ein unendlicher Teppich in den Wäldern, Anemonen wiegen im Wind, bie Kätzchen stäuben. Es ist, als könnte kein böser Gebanke, kein Unheil mehr sein auf ber Welt.
Zögernd nur kommt ber Alltag unb verlöscht bie Farben. Unb nimmt den Traum von ewiger Menschenliebe wieder hinweg. Aber einmal im Jahr wird er doch geträumt ... und geglaubt.
Geheimschriften und ihre Entzifferung.
Lothar Philipp, der bekannte kriminalistische Sachverständige, verössentlicht in W e - stermanns Monatsheften, Mai- Rummer, einen sehr lesenswerten (Beitrag, dem wir das Folgende entnehmen: „Sie neuere Zeit hat der einfachen Chiffre fast nur noch eine Verwendung zwischen Verbrechern und zwischen Liebesleuten übriggelassen. Wir wollen die Chiffren, bei denen Amor Pate gestanden hat, übergehen, denn sie gefährden lediglich die Herzen. Gefährlicher für Leben, Ehre unb Vermögen sind schon die Derbrechergeheimschriften. Der gewöhnliche, ungebildete Schwerverorecher ist meistens kein großer Geistesheld. In ben seltensten Fällen ist er in der Lage, eine Chiffre auszuarbeiten, die dem erfahrenen Sachverständigen Schwierigkeiten bereitet“ Philipp gibt in seinem 'Beitrag dann eine ganze Reihe Beispiele von Chiffren der verschiedensten Art und zeigt deren Entwicklung im Verlauf der Jahrhunderte. — Außer diesem fesselnden Artikel bringt die Mai-Ausgabe von Wettermanns Monatsheften eine aufschlußreiche Plauderei von Dr. Schweisheimer über die alte Streitfrage: „Ist der Mann begabter als die Frau?" Die Lösung, welche Dr. Schweisheimer findet, dürfte jeden interessieren. Da in diesem Jahre wieder die Oberammergauer Passionsspiele stattfinden, wird der mit farbigen Bildern geschmückte Beitrag über diese Darbietungen von vielen begrüßt werden. Weitere Artikel, unter deren Verfassern sich Raoul H. France, Professor Stahlberg und der Herausgeber von Wester- manns MoTtatsheften, Dr. Friedrich Düsel finden, Erzählungen von Georg v. d. _ Gabelentz unb Martin Proskauer, (Silber ar titel über HanS Daluschek und Elisabeth Kronseder geben dem Heft, zusammen mit über neunzig ein- und mehrfarbigen Abbildungen, eine erfreuliche Vielseitigkeit. -


