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Nr. 270 Zweites Blatt

Siebener Anzeiger (General-Anzeiger für lvberhesien)

Dienstag, 18. November (030

Wünsche und Wirklichkeiten.

Unter dieser Ueberschrift schreibt der D e u t s ch e n - S p i e g e t". eine Zeitschrift, die den Kreisen des Reichsbürgerrats um Staatsminister v. Loebett nahesteht und sich seinerzeit für die Wahl Hindenburgs zum Reichspräsidenten besonders energisch ein­gesetzt hat:

I.

Die Wechselbeziehungen zwischen Regierung und Opposition, die in anderen demokratischen ©.aa­len der Form den Inhalt geben, haben in Deutschland keine fruchtbare politische Zusammen­arbeit ermöglicht. Wir haben noch nicht einmal eine echte parlamentarische Opposition entwickeln können, d. h. eine Partei oder eine Gruppe von Parteien, die gewillt und in der Lage ist, dir Regierung zu übernehmen, um im Rahmen eines bestehenden und feststehenden Systems ihr Ar­beitsprogramm zu erfüllen. Das System selbst ist bei uns noch umkämpft. Untere gesamten politischen Auseinandersetzungen gehen in Wirk- lichlett immer noch und einzig und allein darum, ob man das zur Zeit herrschende System ent­wickeln kaün oder ob man es stürzen muh. An dem bisherigen Zustand parteipolitischer Impo­tenz fosthalten will eigentlich nur noch die eine Partei, die im heutigen Deutschland die Reaktion sans phrase vertritt, die Sozialdemokratie. Alle übtfgcn Parteien streiten sich nur über das 2>empo, das Ausmah und die Richtung der Ent« >oidlung. Dah Deutschland zu einer stärkeren Konzentration seiner politischen Kräfte, zur Uebcrtoinbung der Parteiwirtschaft, zur Stabili- ficrung der Macht des Reichspräsidenten und der Reichsregierung gelangen muh, das kann man heute von Hitler und von Brüning, von Hugen- ber.g und von Treviranus, von Graf Westarp uub von Dietrich hören. Aber wie immer in Deutschland: Ie näher man sich bei den sach­lichen Auseinandersetzungen kommt, um so hef­tiger tobt der Streit darum, wer die Entwick­lung durchführen soll. Am grimmigsten kämpfen dieHundertprozentigen", und das find immer wieder die, die nicht an der Macht beteiligt sind, gegen dieFünfundsiebzigprozentigen", das sind die, die an der Macht sitzen und aus reaL- politischen Gründen sich mit einem schrittweisen Borgehen begnügen müssen.

Die Regierung Brüning muh heute auhen- politisch neue Wege beschreiten. Richt nur, weil dies die Opposition mit vollem Recht immer aebieterischer fordert, sondern weil jetzt auch dringende sachliche Gründe dafür sprechen, das ausgefahrene Geleise der reinen Völkerbunds- Politik zu verlassen. Die nationale Opposition drängt jet)t stürmisch daraus hin, neue Tatsachen zu schassen und selbst einen Bruch nicht zu scheuen, während die Reichsregierung in vollem Bewußt­sein der auf ihr lastenden Verantwortung und unter nüchterner Abschätzung aller inneren und äußeren Kräfte danach strebt, durch die Fügung eines Steinchens an das andere allmählich wieder das Gebäude eines neuen freien und geachteten Deutschen Reiches zu errichten. Mit Recht kann die Opposition auf die ständig wachsende Anzahl von Stimmen im Auslande Hinweisen, die das Recht Deutschlands auf Wiederaufrüstung bei einem Scheitern der Genfer Abrüstungsverhand­lungen betonen. Mit noch größerem Recht hält sich aber die Reichsregierung für verpflichtet, gewissenhaft zu prüfen, welche Kräfte und Motive diese Auslandstimmen veranlaßt haben, ob für sie nicht etwa nur egoistische taktische Gesichts­punkte maßgebend sind, ob die Presse in Italien, England und Amerika damit nicht nur einen Druck aus Frankreich ausüben will, um von ihm die Zugeständnisse auf dem rüstungspolitischen Gebiet zu erlangen, die sie selbst benötigen, die aber unsere rüstungspolitischen Bedürfnisse nie und nimmer befriedigen können. Wir haben in mehr als zehnjähriger bitterer Leidensgeschichte erfahren, daß das Volk betrogen ist, das auf diewachsende Weltvernunft" und dastoieber- erwachende Weltgewissen" vertraut. Bis jetzt

haben wir solche Irrlehre immer nur von den Linkskreisen predigen Horen. Ietzt bekennen sich auf einmal auch die Rechtskreise zu dieser Lehre und wollen dem Volke weisrnachen, daß wir jetzt nur gewissermaßen ein leeres Schlachtfeld in Dösitz zu nehmen brauchten. Wenn wir aber wirklich einmal Anstalten dazu machen, unser Recht auf Aufrüstung durchzufetzen, bann sehen wir. wie schnell sich auch heute noch die nut? langsam zerfallende Front der anderen wieder zusammenschlieht.

Wenn wir dies einmal ganz irüchtern aus- sprechen, so wissen wir, daß uns bas der Gesahr ausseht, mißverstanden zu werden. Wir sind keine Schwarzseher" und laurnacher" und lehnen es auch ab, eine Poli ik der Nachgiebigkeit in Rüstungsfragen zu be ürtoorten. Aber wir halten es auch für keine nationale Politik, die Augen vor den Schwierigkeiten zu verschließen und eine Regierung deshalb anzutlagen, weil diese nicht sofort mit Hurra schreit, sondern erst nüchtern fest­stellt, ob dazu überhaupt eine Veranlassung ge­geben ist.

Es ist merkwürdig, daß man das gerade den­jenigen gegenüber sagen muß, die selbst immer wieder und mit vollem Recht betonen, daß die Macht in den Beziehur en der Staaten unterein­ander den Ausschlag gibt. Die Macht ist vor­läufig immer noch auf der anderen Seite. Aller­dings mag es richtig sein, daß sich in den Völkern ein Stimmungsumschwung vollzieht. Aber dieser muß von uns sehr pfleglich behandelt werden, wenn er zu einem auswertbaren politischen Fak­tor reifen soll. Denn zuletzt geben doch immer nur die Staaten den Ausschlag, Unb in den Staaten unserer früheren Kriegsgegner herrscht uns gegenüber nach wie vor eine eiskalte Zu­rückhaltung und Feindschaft. Die sogenannte

öffentliche Meinung so wichtig sie namentlich in den angelsächsischen Ländern sein mag hat gegenüber dein starken Willen eines Staates nur eine sehr beschränkte Bedeutung. Bei Kriegs­ausbruch haben sich alle übrigen Völker, genau wie das deutsche, begeistert in den Dienst der Kriegsidee gestellt, obwohl es überall genügend Pazifisten gab. die alle Welt glauben zu machen versuchten, alle Staaten, und ganz besonders Frankreich, seien bereits pazifistisch so durchsetzt, dah sie überhaupt keinen Krieg mehr führen konnten. Ieder, der in einer bestimmten Idee lebt und für sie begeistert kämpft, verfällt der Gefahr, allzu egozentrisch zu werden und alles unter einem einzigen Gesichtspunkt zu sehen. In der Außenpolitik muh aber alles von allen Gesichtspunkten aus betrachtet werden. Sie ver­langt eine zähe Energie, die mit Anpassungs­fähigkeit und Verschlagenheit gepaart ist. Dies verlangt ganz besonders die Außenpolitik eines Staates, der auf Grund seiner sich erst all­mählich wieder sammelnden Volkskräfte den Ver­such unternimmt, sich den ihm zukommenden Platz unter den Völkern wieder zurückzuerobern, von dem es eine Weltliga von Feinden in lang­jährigen blutigen Kämpfen mit Mühe und Rot vertrieben hat. Dazu gehört ein Mann, der unverrückbar das Ziel der Macht und der Frei­heit im Auge hat. Ob Dr. Curtius dieser Mann ist, das ist eine ganz andere Frage. Auch die schärfsten Angriffe auf den Außenminister können aber nicht darüber Hinwegtäuschen, daß die natio­nale Opposition in den jüngsten Verhandlungen des Auswärtigen Ausschusses noch keinen Beweis dafür geliefert hat, daß sie selbst das nötige Augenmaß für das besitzt, was jetzt notwendig und erreichbar ist.

sSchluß folgt.)

Preissenkungsaktion in Bad-Nauheim.

Bad-R anheim, 17. Rov. Schon bevor die Preis'enkungsaktion der ReichZregieruna ein­gesetzt bät e, hat der Vorstand des hiesigen Ein­zelhandels in der Frage derPreisherab- sehung die Initiative ergriffen, indem er mit den Innungen und Fachgruppen in Verhandlun­gen über diese Frage eingetreten war. Seine An­regung. über die Senkung des Gestehungspreises hinaus der gesunkenen Kaufkraft eines Großteils der Bevölkerung du.ch einen weiteren Preisnach­laß auf Kosten der eigenen Verdienstspanne Rech­nung zu tragen, begegnete allseits Verständnis. In einer von Kaufmann W. Simon, dem Vor­sitzenden des Einzelhandels, geleiteten Versamm­lung wurde nun vom Vorstand eingehend begrün­det, daß der Einzelhandel als letzte Stelle, die eine Verteilung der Waren vornimmt, in erster Linie berechtigt sei, eine Regulierung der Preise auch während einer Pre'.s enkungsbewegung vorzuneh­men Einmütig wurde zum Ausdruck gebracht, daß die Preissenkung, soweit sie auf Kosten der Ver­dienstspanne gehe, nur getragen werden könne, wenn chr alsdald eine Minderung aller öffentlichen Lasten folge.

Ein Öffentlicher Aufruf enthält neben allgemei­nen Richtlinien auch eine Zusammenstellung der bis zum 15. Rovember erfolgten ©cfamt- Preissenkung, die sich aus der bisherigen Preissenkung infolge Herabsetzung der Ge- stehungspreise und dem jetzt wirksamen, von den Organisationen und Derkau 8"teilen freiwillig übernommenen Preisnachlaß zusarn- menseht. An den nachstehend au'geführten Pro­zentsätzen sind alle Verkcusergruppen auch mit einem Rachlaß zu Lasten dec ^erbienstspanne über die allgemeine Preissenkung hinaus mehr oder weniger beteiligt. Bei einigen Branchen, in denen eine Preissenkung vonoben" her nicht angeordnet ist, sind die angegebenen Prozente aus chliehlich ein selbstauferleg.es Opfer.

Die Preissenkung hat bis zum 15. Rov. folgende Durchschnitts ätze erreich!: Brot: 4-Pfd.- Drot von 80 auf 78 Pfennig (bei Barverkauf); Fleischwaren: Schweines lei"ch 20 Prozent, Wurstwaren 15 Proz, Rindfleisch 8 Proz.; Le­

bensmittel im Einzelhandel: Fleisch­waren 10 Proz., Gemüsekonserven 10 Proz, Hül­sens rüchte 15 Prvz.; Wild und Geflügel 20 Proz.: Milch 10 Proz; Butter 12 Proz.; Speisefette und Oel 15 Proz.; Seifen­waren 30 Proz.; Textilien 18 Prozent; Schuhwaren 15 bis 20 Proz.; Schuh­macherarbeit 10 Proz; Haushaltungs- toaren 5; Schneiderwaren 10; Uhrmache r- toaren 12 Proz.; Iuwelen und Silber- Waren 20 bis 25 Proz.; Friseurhandwerk 20 Proz.; Buchhandel: sämtliche Reuausgaben 30 Proz; Bureaubedarf und Schreib­waren 20 bis 25 Proz; Lederwaren 10 Prozent; Kohlen: Anthrazit 5 Pf., Koks ll 5 Pf.» Briketts 10 Pf, Bäckerbriketts 15 Pf. pro Zentner.

Oer Hessische Landkreistag zum Negierungsprogramm.

D a r m st a d t, 16. Rov. (WSN.) Der Hes­sische Landkreistag nahm zum Regie- rungsprogramm in einer Entschließung wie folgt Stellung: Ebenso wie in den Städten, bedroht auch in den Landkreisen das Anwachsen der W o h l s a h r t s e r w c r b s l o s e n l a st e n die Fi- nanzgestaltung. Eine Reihe von Kreisen sind sehr schwer betroffen. Im Vergleich zur selben Zeit des Vorjahres sind Steigerungen der Wohl­fahrtslasten von 9 0 0 bis 1 000 v.H. nicht selten. Diesen Landkreisen und ihren Gliedgemein­den kann mit der Bürgerabgabe und der G e t r ä n k^e st e n c r nicht geholfen werden. Hier muß vielmehr Hilfe auf dem Wege der Dotatio­nen Platz greifen. Die Bestimmungen über die Krisenfürsorge sind nicht ausreichend. Sie bedeuten für das Land vielerorts keine Erleichterung, son­dern eine Vermehrung der Fürsorgelasten. Dasselbe gilt von der Einschränkung der Unterstützungsdauer auf 32 bzw. 45 Wochen. 2)ic Reichsregierung wird sich der Erkenntnis nicht verschließen können, daß dem flachen Lande ebenso geholfen werden muß, wie den Städten Die Organe des Deutschen Landkreistages stehen auf

Hauch von Paris.

Don Albert H. Rausch.

III. Erster Spaziergang.

Tagelang vor meiner Ankunft in Paris freue ich mich auf den ersten Gang durch die Stadt. Durch die Stadt? Rein. Aber durch jenen klei­nen Teil der Stadt, in dem mir Paris immer am pariserischsten erschienen ist. So oft ich hier ankam, habe ich diesen selben Weg gemacht. Ich würde niemals das Gefühl haben, wieder in Paris zu Hause zu sein, solange ich ihn nicht gegangen wäre. Es ist nötig, an solchen Ge­wohnheiten festzuhalten. In ihnen wohnt ein be­sonderer Sinn und eine große Kraft. Ie flüchti­ger die Flucht der Erscheinungen um uns her wird, um so tiefere Bedeutung gewinnt das Er­probte, dessen ausstrahlender Zauber standhaft bleibt.

Arn Pont-Royal, auf dem linken Seine-Ufer, be­ginne ich diesen Weg. Immer um die Stunde, in der schon eine Ahnung von nahender Dämmd°> rung webt. Denn es gibt keine nordcuropäische Stadt, in die sich der Abend mit so viel Duft und Silber niederläßt wie in Paris. Dieses Licht in und über Paris. Wieviel ist Darüber gesagt worden aber wie unsagbar ist es noch immer geblieben. Cs ist immer wie mit dem Abglanz fer­ner Schneefelder unterlegt, und die finkende Sonne gibt ihm oft eine Beimischung korallenen Schim­mers. Ganz besonders im Frühling und im Frühfommer. Aber nun ist ja das Iahr schon in seine tiefste Reige getreten, die Sonnenunter­gänge geschehen hinter undurchdringlichen Schleiern von bleigrauem Wolkendunst und die vielen Brücken, die über die Seine gehen, spannen ihre Dogen von stumpfem Ufergeftcin zu stump­fem ilfcrgcftein.

Am Quai Voltaire schlendere ich dahin. Bald an der Seite der Häuserfronten, bald an den Ufermauern entlang, auf denen die fliegenden Buchhandlungen aufgebaut find: schwere hölzerne Kästen zum Aufklappen, welche bei sinkendem Abend mit eisernen Darren verschlossen werden. Was es da alles zu kaufen gibt: Dogelbilder, Modebilder, farbige Stiche mit Szenen aus dem Leben des Volkes, zwischen höchst bürgerlichen Darstellungen mehr als unbürgerliche, die sich nur schwer beschreiben lassen. Da ist »Der Traum

einer unbefriedigten Dame", da istDie ent­schlummernde Köchin und der erwachende Mars", da istDie verräterische Schaukel". Ich weiß nicht mehr auswendig, was da alles ist. Ich freue mich immer wieder am Wiedersehn mit lang bekannten (Blättern und an der Entdeckung neuer. RichtS von dem Dargestellten hat einen Dezug zu unserer Zeit. Alles ist aus vergangenen Icchr- yunderten, alles zeugt vom freien Spiel der ero­tischen Phantasie, der dieses starke und unver­dorbene Volk deshalb so freien Lauf lassen konnte, weil es sich in seinem Grundstoff unver­letzbar fühlte. Drüben, auf der Häuserseite, woh­nen berühmte Antiquare in Palästen mit unge­heuren Torbögen und gewaltigen Fenstern. Ich kenne die eine oder andere dieser Wohnungen. Da sind Fluchten von Zimmern, die mit Kost­barkeiten angefüllt sind. In einem dieser Räume gibt es eine Sammlung von türkisblauen per­sischen Schalen und Vasen, in denen der arabische Wüstenhimmel kurz vor Sonnenaufgang ge­brannte Erde geworden zu sein scheint. Manch­mal, im Sommer, sind ganze Fensterreihen er­leuchtet. Dann strahlt ein Glanz verrauschter Welten in die schwere Abendluft nieder und viele einsame Spaziergänger bleiben an den Ufermauer lehnen und starren in das Wunder empor. Wissen sie, daß es auch denen nicht mehr weitcrhllft, die es ihr Eigentum nennen?

Dis zum Pont-Neuf schlendere ich so dahin, un­ter den gelichteten Ulmenwipseln, von denen gil­bendeBlätter langsam niedertaumeln, auf das Pflaster, in die Buchkästen, in das trübe Seine­wasser, das sie weiterträgt an Brückenpfeiler, wo sie sich stauen, bis ein Strudel sie fortreibt. Diese? Ulmen I Im Sommer sitz ich manchmal an heißen Rachmittagen eine Stunde lang am Caf6 de la Fr^gate (an der Ecke der nie du Bac und des Quai Voltaire) und sehe dem Spiel ihrer Blätter in den blau durchdunsteten Lüften zu. dem grünen Geflieste und Geflüster e über dem Tumult. Man mühte weinen, wenn diese Blätter fallen und ster­ben ... So viel, so viel Paris entschlummert mit ihnen... Da ist derPont des Arts, Kinder­wehmut weckend. Welches deutsche Kind hätte nicht gelitten mit der schönenBettlerin, die ihm der göttliche Hauff in fein dreizehntes ober vier­zehntes Iahr zauberte?

Wie ich am Pont-Neuf ankomme und die Blicke hebe, sehe ich, dah drüben, am anderen Ufer, die grellen Dachlichter auf flammen: blutrot und

weih: La Samaritaine und La belle Jardini&re. Und aus allen Fenstern der riesigen Warenhäu­ser blinken die Lampen nun auf und aus den Fenstern der anderen Häuser ebenfalls. Es ist plötzlich in der basaltblauen Abendluft ein Ge­wühl von Goldsternen, das die Seinewasser spie­geln und zerdehnen. Die Wagen rasen leise zischend auf dem nebelfeuchten Asphalt... die Menschen fluten in die Helle hinüber, alle Bewe­gung ist verzehnfacht in diesen beiden letzten Stun­den des Arbeitstages.

Auch ich gehe über die Brücke, die Isle de la Cit£ schneidend, in Deren Dämmer Nötre Dame ver­schleiert ruht, fern, wie entrückt und nicht mehr zu Paris gehörig. Ich gehe zu den Vogelhänd- lern am Quai du Louvre, da, wo er an den Quai de la Mcssigerie stützt. Und bleibe lange bei dem bunten Gefieder, das aus allen Teilen der Welt in diese vogelliebende Stadt gebracht wird, in die freundliche Sklaverei des fleinen Bürger­hauses. Auch Schlangen gibt es da zu kaufen, Hasen, Katzen, Wiesel, Goldfische Moos und See- pflanzen für Aquarien und große, irisierende Glaskugeln für Wassergetier, '^uan biege ich nach der rue de Rivoli hinüber. Die Decken der Ar­kaden am Warenhaus Louvre sprühen von gol­denen Birnen, welche Rechtecke und Figuren for­men. Die Auslagen sind überströmt von Platin- Licht. Ein paar Schritte durch die unnatürliche Helle hin und bann hinein in ben weiten, stillen Binnenhof bes Louvre-Palastes. Wiewun- bervoll ist dieses milbe Dunkel, biete milde, feuchte Luft, in der es nach späten Dahlien duftet. Ueber- all blühen hier noch Die Dahlien und der Ra-- fen ist grün wie im Frühling. Ueber die Place du Caroussci, am kleinen Triumphbogen vorbei weiter nach dem Pavillon de Flore ... und zu­rück über ben Pont-Royal nach dem Quai Voltaire.

Ich habe mich vor Paris verneigt bet erste Gang ist getan: Es hat mich, wie immer, mehr als reich entlohnt.

(wirb fortgesetzt.)

Verwickelte Verwandtschaft.

Eine Witwe Müller, deren Tochter bereits 25 Icchre alt ist, hat sich entschlossen, einen jungen Mann namens Beginsky zu ehelichen, dessen Vater viel eher zu ihr gepatzt hätte. 2tber der interessierte sich für Fräulein Müller und führte sie nach einiger Zeit tatsächlich zum Altar. Seit­dem wissen die vier Familienmitglieder nicht

dem Standpunkt, daß das künftige Sanierungs­und Finanzprogramm der Reichsregierung für da» Problem der Krisenfürsorge und der Wohlsahrts- erwerbslosigkeit eine Lösung finden muß, die den Gemeinden und Gemcindeverbänden gestattet, diese Krisenzeit ohne Schaden zu überwinden.

Aus der Provinzialvauptstodt.

Gießen, den 18. Rovember 1930.

Oie Gießener Viehhoffrage.

In einer stark besuchten Versammlung, zu der die Ortsgruppe Gietzen der Deutschen VolkSpar- tei aus gestern abend in daS GasthausHinden­burg" eingeladen hatte, sprach Oberveterinärrat Dr. M o n^n a r b, Gießen, über den heutigen. Stanb der Gießener Viehhoffrage. In seinem Vortrag machte der Redner u. a. die Mit­teilung, daß nunmehr die außerordentlich wichtige Plahfrage in dieser Angelegenheit entschieden sei. Danach wird der Viehhof etwa 2 0 0 Meter südlich vom Schlachthof jen­seits der k>ahn errichtet werden. Es soll kein Prunkbau erstehen, jedoch soll die ganze Einrichtung so gestaltet werden, dah sie den zeit­gemäßen Erfordernissen des Viehhandels ent­spricht. Die Kosten des Projekts sind auf 2 bis 2,4 Millionen Mark veranschlagt. Zur Finan­zierung dieses für unsere Stabt außerordent­lich wichtigen Unternehmens sind aus dem hessi­schen Arbeitsbeschaffungsvrogramm 350 000 Mark bereitgestellt, fallH mit ber Arbeit alsbald be­gonnen wird, Darüber hinaus hat die hessische Regierung ein Darlehen von ebenfalls 350 000 Mack zu billigem Zinssatz zugesagt, ferner Dürfte auch eine Mithilfe der Reichsbahn anzunehmen fein. Die Rentabilitätsfrage steht auf Grund vorsichtiger Berechnungen günstig, Da mit einer Iahreseinnahme von rund 182 000 Mark und einer Iahresausgabe von rund 190 000 Mark gerechnet wird, wobei aber beachtet werden muß. daß für diese Berechnung Der gegenwärtige Stand des Viehmarltes, b. h. ein Markt alle 14 Tage, zugrunde gelegt ist, während nach der Errichtung des Viehhofes ein erheblicher Ausbau in der Richtung v e r me h r t e r M ä r k t e vor sich gehen kann und dadurch auch die Einnahmen entspre­chend steigen werden. Es ist damit zu rechnen, daß die Verwirklichung dieses Projektes nun­mehr mit aller Energie voranschreiten wird. In einer längeren Aussprache wurde dieses Vor­haben der Stadtverwaltung allseitig lebhaft be­grüßt. Heber die Einzelheiten des Vortrags und der Aussprache werden wir morgen näher be­richten.

Reisende Autoräuber.

Am Freitagabend wurde in Gießen, wie wir am Samstag berichteten, vor dem Stadttheater eine Daimler -Benz-Limousine mit dem Zei­chen VO 9201 g e st o h l e n. Wie die polizeilichen Ermittelungen mittlerweile ergeben haben, kommen als Diebe Drei reisende Autoräuber in Betracht. Die Spitzbuben kamen, nach bisherigen polizeilichen Fest- steUnngen, mit einem in Karlsruhe vor dem dortigen Stadttheater gestohlenen Auto hier an. Diesen Wagen stellten sie ab, gingen dann vor das Theater und stahlen den oben bezeichneten Kraft­wagen, mit dem sie bis in die Gegend von Ger­mersheim fuhren. Kurz vor Germersheim über­holten sie ein anderes Auto und gerieten dabei in den Straßengraben. Die Insassen des gestohlenen Gießener Fahrzeugs zwei Manner und eine Frau, die gemeinschaftlich die Spitzbübereien verüben blieben unverletzt. Dagegen wurde Der Kraftwagen erheblich beschädigt. Als das überholte Auto heran­kam, hielten feine Insassen an, um ben Verunglück­ten zu helfen. Diese versetzten aber den hilfsbereiten Leuten in einem günstigen Augenblick gehörige Fuß­tritte, so Daß Die Helfer ganz überrascht in Den Straßengraben kollerten. Diesen Moment benutzte Das Räubertrio, um in ben anberen Kraftwagen hineinzuspringen und mit biefem auf unb davon zu fahren. Die Reise mit dem neu gestohlenen Wa­gen ging nun nach Karlsruhe zurück, wo die Gauner das Fahrzeug wieder abftelltcn, am gleichen

mehr recht, wie sie sich anreden sollen, denn die ehemalige Witwe Müller ist jetzt bie Schwie­germutter ihres Schwiegervaters, gleichzeitig ist sie aber auch bie Schwiegertochter ihrer eigenen Tochter unb bie Großmutter ihres Mannes. Ihr Mann, der jüngere Deginsky, ist gleichzeitig Schwiegervater seiner Tochter unb seines Vaters, wöhrenb das ehemalige Fräulein Müller sich als Enkelin ihres eigenen Mannes zu fühlen hat. Rachbem bie beiben Paare noch je ein Kind bekommen haben, einen Knaben unb ein Mäd­chen, finb Die Verhältnisse derart verwi feit, bah man überhaupt nicht mehr aus noch ein weiß. Da ist zum Beispiel das mänirliche Baby der Bruder seiner Großmutter und der Vetter seines Urgroßvaters geworden, während bas weibliche Baby unter anderem sogar zur Schwester seiner Urgroßmutter avancierte!

Sochschulnachrichten.

Professor Dr.-Ing. h. c. Georg Rüth, Ver­treter bes Cisenbetonbaues Straßen-, Brücken- unb Wasserbaues an ber Technischen Hochschule in Darmstadt, beratendes Mitg.ied des Deut­schen Beton-Vereins, beging am 15. Rovember seinen 50. Geburtstag. Rüth war Schüler unb Assistent von Geheimrat Prof. Landsberg in Darmstadt. Die Technische Hochschule in Darm­stadt verlieh ihm bie Würbe eines Doktor- Ingenieurs ehrenhalber in Anerken­nung seiner hervorragenden Verbienste um bie Einführung neuzeitlicher Sicherungsarbeiten an gefährdeten alten Bauwerken. Der ordent­liche Professor der Pharmakologie an der Medi­zinischen Akademie in Düsseldorf Dr. Adolf I a r i f ch hat einen Ruf an die Universität Innsbruck erhalten. Der a. o. Professor in der Theologischen Fakultät ber Universität Berlin D. Dr. Iohannes Witte hat ben Ruf auf ben durch bie Emeritierung von Prof. 3uliu8 Richter in der genannten Fakultät erledigten Lehrstuhl für Mlssionswissenschaft angenommen unb bereits seine Ernennung zum ordentlichen Professor daselbst erhalten. Amtlich wirb bie Versetzung des o. Professors unb Direktors des gerichtsärztlichen Instituts in Halle Dr. Fried­rich P i e t r u s k h in gleicher Eigenschaft in die Medizinische Fakultät der Universität Bonn als Rachfolger von Prof. Müller-Hetz beftätlgt