Nr. 270 Erstes Blatt
180. Jahrgang
Dienstag, 18. November 1950
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General-Anzeiger für Oberheffen
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Dr. Friedr. Wilh. Lange. Derantwortlich für Politik Dr. Fr. Wilh. Lange; für Feuilleton Dr H.THyriot; für den übrigen Teil Ernst Dlumschein und für den Anzeigenteil Max Filter, sämtlich in Gießen.
Die Terrorwahlen zum polnischen Sejm.
Keine qualifizierte Mehrheit für den Pilsudsii-Block. — Schwere Mandatseinbußen der Minderheiten. — Die deutsche Sejmvertretung von 21 auf 5 Mandate herabgedrückt.
Die absolute Mehrheit ist für den Block des polnischen Diktators Pilsudski gesichert. Denn er hat in den Sonntagswahlen zum Sejm immerhin 248 von. 444 Mandaten erobert. An sein eigentliches Ziel, nämlich die Erringung einer qualifizierten Me h r h e i t ist der Marschall aber nicht gelangt. Dazu fehlen ihm noch 50 Abgeordnetensitze, die er sich nun auf negativem Wege dadurch zu verschaffen suchen muß, daß er mit seinem Mehrheitsblock ge- schäftsordnungsmäßig rigotos gegen jeden Parlamentarier, der nicht zum Regterungsblock gehört, verfährt.
Der Stotz feiner Gruppe richtete sich vor allem gegen die sogenannte Zentrolinke und selbstverständlich gegen die Minderheiten. Während es nun aber den Zentrolinken als polnischer Partei trotz allem noch gelang, sich verhältnismäßig gut zu behaupten — obwohl ihr die Regierungsschikane von vornherein etwa sechzig Mandate durch Listenannullierung genommen hatte, zieht sie doch wiederum mit 78 Abgeordneten in den Sejm ein —. sind die nationalen Minoritäten ungewöhnlich stark dezimiert. Don den ehemaligen deutschen Sejmabgeordneten werden künftig mindestens drei Mertel fehlen, und noch schlimmer sieht es bei den Ukrainern aus. Die „De- friedungsaktion", die Pilsudski durch seine Ulanen in der Ukraine vornehmen ließ, hat ihre Aufgabe in wahrhaft erschütterndem Umfange erfüllt. So wird aus einem rein ukrainischen Bezirke, aus Wolhynien, auf das sechzehn Mandate entfallen, berichtet, daß es dem Regierungsblock gelungen sei. davon fünfzehn zu „erobern". 3n der Tat. es war ein regelrechter militärischer Eroberungszug mit Maschinengewehren, Minen- wersern. mit schärfstem Einsatz von Kavalleriedetachements, über den nichts in die breitere Ocfsentlichkeit gedrungen wäre, wenn nicht einige amerikanische 3ournaliften die Kühnheit besessen hätten, sich an Ort und Stelle von der Wahrheit der Terrorgerüchte zu überzeugen. Daß Ost- Oberschlesien nicht in dem Maße einem militärischen Druck von der Regierung ausgesetzt worden ist, liegt sicherlich nur an der größeren Rähe des zivilisierten Europa, obwohl auch dort der illegale Terror der von den Regierungsbeamten zielbewuht geleiteten Aufständischen-Der- bände stark genug gewesen ist. Cs wird immer ein Ruhmesblatt in der tragischen Geschichte des vst-oberschlesischen Deutschtums bleiben, daß die unerhörten Gewaltmaßnahmen der national- polnischen Stoßtrupps seine Stimmziffer nur um etwa 25 Prozent zu dezimieren vermochten, während allerdings der Mandatsverlust in Ost- Oberschlesien sich für das Deutschtum auf etwa 50 Prozent beläuft Auch diese Stimmverluste sind vielfach nur dadurch entstanden, daß den Wählern roh und brutal die deutschen Stimmzettel aus der Hand gerissen wurden und man sie unter Androhung schwerster Verfolgungs- mahnahmen nötigte, ihren Stimmzettel für den Regierungsblock abzugeben.
Selbstverständlich hat man das nur dort getan, wo keine ausländischen Beobachter, hie natürlich dem Regime Pilsudskis sehr unbequem sind, seiy konnten. Man hat sich damit aus die Land- oezirke und kleinere Jndustrieorte beschränkt, während die ost-oberschlesischen Großstädte am Wahlsonntag verhältnismäßig ruhig blieben. Hier ist auch die Abstimmung für das Deutschtum trotz des vorher geübten Terrors verhältnismäßig gut gewesen. Was aber an dem oberschlesischen Wahlausfall in Erstaunen setzen muß, das ist der ungewöhnliche Erfolg, den'Korf anty hier davongetragen hat. Er hat in Ost-Oberschlesien nicht weniger als vier Mandate gewonnen, und es ist ihm gelungen, die auf seinen Block entfallenden Stimmen um etwa fünfzig Prozent, in einzelnen Fällen um achtzig bis hundert Prozent zu vermehren. Nun war Kor- fanti) zwar nicht in dem gleichen Maße der Verfolgung durch die Regierungsorgane ausgesetzt wie das Deutschtum. Immerhin, da er als einer der intimsten politischen Gegner Pilsudskis längst bekannt ist, haben sich die Aufständischen-Verbände in einzelnen Fällen auch nicht gescheut, gegen seine An- Hänger vorzugehen. Man muß somit das ost-ober- schlesische Wahlergebnis geradezu als eine Niederlage des Diktators ansehen, und als einen Protest gegen die Knebelung der freien Meinung.
So bleibt insgesamt der parlamentarische Erfolg Pilsudskis höchst fragwürdig. Es wird ihm jedenfalls nicht gelingen, die Wahlen des 16. November als einen politischen Sieg aufzufrisieren, die Welt wird wissen, mit welchen Mitteln die Sejm-Mehrheit für Pilsudski zustandegekom- men ist. Insbesondere wird sich der Völkerbund noch einmal sehr eingehend mit den Dingen zu beschäftigen haben, und wir erwarten, daß er sich dabei nicht auf die formale Prüfung der Beschwerden des oberschlesischen Deutschtums beschränkt. sondern daß er dabei auch die Vorgänge in der Ukraine und anderswo unter seine Lupe nimmt. Dem moralischen Ansehen Polens in der Welt hat Pilsudski nicht gedient. Mag sein, daß er in den nächsten Monaten innerpvlitisch eine gewisse Ruhe hat. Es ist aber für große Landesteile eine Kirchhofsruhe, in anderen Provinzen die Ruhe vor einem neuen Sturm. Soweit das deutsch-polnische Verhältnis zur De- batte steht» kann nur gesagt werden, daß die Aus
sichten auf einen leidlich vernünftigen Ausgleich und auf die Herstellung korrekter Beziehungen zwischen Berlin und Warschau nach diesen Wahlen schlechter sind als je zuvor.
pilsudskis Sieg.
Aber keine verfaisungsänderndeZweidrittelmehrheit.
Warschau, 17. Koo. (2BIB.) Die offiziellen Schluhergebnisse der Sejmwahlen liegen nunmehr vor. Demnach haben der Regierungsblock 248 Wandale, die Ralionaldemokraten 65, der Oppositionelle Block der Zentrostnken 78, die Lhristlich-Demokraten mit fior- santy 14, die Ukrainer 20, die Juden 7, die Kommuni st en 5, die Deutschen 5 und wilde 2 Wandale erhalten.
3n zahlreichen Kreisen des Ostens, in geschlossenen ukrainischen und weißrussischen Sprachgebieten, sind sämtliche Wandate dem Regierungsblock zugefallen. Die Rationaldemokraten haben gewonnen und der Oppositionelle Block der Zentrolinken hat sich, wenn man die Ungültigkeitserklärungen von 11 wertvollen Listen und die Gefangennahme der Führer und Agitatoren berücksichtigt. recht gut gehalten.
Den Hauptdruck haben die nationalen winde r h e i t e n ausgehalten, die auch demgemäß d i e stärksten vertu sie erlitten haben. Die Deutschen haben sämtliche Wandate in Kongreh-Polen und in pommerellen, drei in Oberschlesien, zwei in der Provinz Posen und eins in Ostgalizien verloren. Die deutsche Vertretung wird somit im kommenden Sejm von 21 aus 5 Sitze zusammenschmelzen. Aehnlich stellt sich das Verhältnis für die ukrainische und die weißrussische Vertretung.
Der Pilsudski-Block hat zwar die einfache, nicht aber die zur Durchführung der verfassungsreform angestrebte Zweidrittelmehrheit erreicht. Die sich daraus ergebenden innerpolilischen Komplikationen können zur Zeit noch nicht übersehen werden.
Jubel der polnischen presse.
Material gegen die deutschen Grenzrevisionsansprüche.
Warschau, 17. Rov. (2il.) Die polnische Regierungspresse feiert in überschwänglichen Worten den Sieg Pilsudskis. Heber die Riederlage der Deutschen schreibt die Agentur „Preß", die Schmälerung des deutschen Besitzstandes sei vor allem daraus zurückzuführen, daß die polnischen Parteien geschlossener waren als bei den letzten Wahlen und dementsprechend weniger Stimmen verloren gingen. Außerdem hätten die Deutschen zu wenig Einheitlichkeit gezeigt. Früher hätten deutsche Arbeitgeber ihre polnischen Arbeiter gezwungen, für die deutsche Liste zu stimmen. Das sei diesmal nicht möglich gewesen. Die Tatsache der deutschen Wahlniederlage habe außenpolitisch große Bedeutung. Auf internationalem Boden werde das deutsche Bestreben, Pommerellen den Polen zu entreißen, mit den polnischen Stimmen in sehr wirksamer Weise la hm gelegt werden.
Was sagt man in Berlin zum Wahlergebnis?
Berlin, 18.Rov. (TU.) Eine Reihe Berliner Blätter nimmt zu dem Ergebnis der polnischen Wahlen ausführlich Stellung. Hebereinftimmenb werden die Wahlen alsTerror - oderDik- taturwahlen bezeichnet, durch die besonders dasdeutscheBolksturnentrechtet werden sollte. Der „Berliner ßotalanaeiger“ sagt, Pilsudski habe damit sein Land aus Der Reiche der europäischen Kulturstaaten gestrichen. Die „Germania" schreibt, die größte Tragik des Wahlergebnisses liege unstreitig in den Wählerzahlen der Mirrderheitsparteien. Der „Vorwärts" fordert von der Reichsregierung, daß sie die politische Entrechtung der Deutschen in Ostoberschlesien vor dem Forum des Dölkerbunds- rates zur Sprache bringe. Die „Dvssische Zeitung" weist auf die Wahlen zum Schlesischen Sejm im Mai dieses Jahres bin, die den Beweis gebracht hätten, wie stark das Deutschtum in den abgetretenen Teilen Oberschlesiens sei, wenn heute der von allen Seiten auf die deutsche Minderheit ausgeübte Druck eine zahlenmäßig richtige Vertretung des Deutschtums unmöglich mache, so wisse die gesamte Kulturwelt, daß nur äußere Hmftänbe die anderthalb Millionen Deutschen in den westlichen Randgebieten des heutigen Polens daran gehindert hatten, ihrer wahren QKeimmg frei Ausdruck zu geben. Der „Tag" betont, Pilsudski habe vor allem durch den Terror aller Welt die Schwäche der Deutschen vor Augen führen wollen, um die hier und da in Gang gekommenen unbequemen Diskussionen über die Revision der Ostgrenzen Deutschlands zum Abschluß zu bringen. Die »Deutsche Zei
tung" fordert als Antwort auf den Pilsudski- Terror gegen die deutschen Minderheiten in Polen eine völlige Aenderung der deutschen Politik gegenüber Polen.
Ein neuer deutscher Abrüstungsantrag in Genf.
Verbot von Tanks und schwerer Artillerie.
Genf, 17. Nov. (TU.) Die deutsche Abordnung hat am Montag km Abrüstungsausschuß einen außerordentlich bedeutungsvollen Antrag eingebracht, der bei dem Kapitel des Verbotes des chemischen Krieges das Verbot der schweren entscheidenden Angriffswaffen vorsieht. 2)er deutsche Antrag, der auf den Deutschland auferlegten Entwaffnungsbestimmungen des Versailler Vertrages aufgebaut ist, sieht folgende Verbote vor:
1. Außerhalb von Festungen und befestigten Plätzen Geschütze über 7,7 cm Kaliber und Mörser über 10,5 an;
2. innerhalb von Festungen und befestigten Plätzen Geschütze über 15 cm und Mörser über 21 cm;
3. Mörser und Minenwerfer über 15 cm Kaliber;
4. jegliche Arten von Tanks.
Ferner sollen sich die Mächte verpflichten, das gesamte Krieg^naierial sowie die einzelnen Teile
Madrid, 17. Rov. (TU.) 3n Spanien sind politische Unruhen ausgebrochen, die nach heftigen Zusammenstößen zwischen der Polizei und streikenden Arbeitern zum Generalstreik geführt haben. Die Städte Valladolid, Bilbao und Barcelona scheinen sich der Bewegung anschliehen zu wollen, die Lebensmittel beginnen bereits knapp zu werden. Schulen unb Geschäfte in Madrid wurden geschlossen. Die Regierung droht mit dem Belagerungszustand. 3n Barcelona ist der Generalstreik der Arbeiterschaft auf unbestimmte Zeit erklärt worden, d. h. bis die Regierung sich entschließen wird, die anarchistisch-kommunistischen Arbeiter- s y n d i k a t e Spaniens offiziell anzuerkennen. Auch in Valencia, Granada und Bilbao, wo die Syndikalisten die Herrschaft über die Arbeitermassen besitzen, ist der Generalstreik im Gange. 3n Valladolid erklärten sich die Arbeiter solidarisch mit den genannten Städten und traten ebenfalls in den Streik. Die Arbeiter der Eisenbahnreparatur-Werkstätte sind ebenfalls in den Ausstand getreten. Es steht zu befürchten, daß das Fahrpersonal der spanischen Eisenbah-ngesell- schaften, die größtenteils Privatunrernehmungen sind, auch streiken und damit den Verkehr in Spanien lahmlegen werden.
der genannten Waffen zu vernichten und dem Generalsekretär des Völkerbundes in einer bestimmten Frist nach dem Inkrafttreten des Abkommens die Zahl der vernichteten Geschütze und übrigen angegebenen Waffen mitzuteilen. Ferner soll noch dem deutschen Antrag die ch e r st e l l u n g und die Einfuhr des für diese Kriegswaffen tn Frage kommenden Kriegsmaterials verboten werden.
Im Vorbereitenden Abrüstungsausschuß wurde heute eine Entschließung der französischen Delegation angenommen, wonach die Frage der B e g r e n • zu n c der Militärbudgets der erneuten Prüfung durch ein Sachoerständigenkomitee unterzogen werden soll. Graf Bernstorfs erklärte, daß diese Prüfung nicht zu einer Verschleppung der Abrüstungskonferenz führen dürfe. Deshalb müsse bereits jetzt feftgelegt werden, daß dieses Komitee seinen Bericht nicht an den Vorbereitenden Abrüstungsausschuß, dessen jetzige Tagung die unwiderruflich letzte sein müsse, sondern direkt an die Abrüstungskonferenz zu richten habe. Im selben Sinne sprachen sich die Vertreter Italiens unb der Türkei aus. Der Ausschuß erklärte sich einverstanden. Sodann begann der Ausschuß mit den Fragen der S e e r ü st u n g und nahm zunächst eine Erklärung der Vertreter Griechenlands unb der Türkei zur Kenntnis, daß zwischen ihren Ländern ein Marineabkommen beschlossen worden sei. Die artikelweise Beratung wurde einem besonderen Komitee übertragen.
3n Barcelona verbrannten die Streikenden zwei Trambahnwagen unb mehrere Lastkraftwagen. Bei Zusammenstößen mußte die Polizei mehrfach von der Schußwaffe Gebrauch machen. 3n den Abendstunden hat sich die Lage verschärft. Die Arbeiter reißen die Strahenpflaste- rung auf, um sich mit Wurfgeschossen zu versehen unb ben Verkehr der Polizei au tos zu unterbinden. Ein großer Teil der Studentenschaft nimmt ebenso wie in Madrid, wo die jungem Leute die rote Fahne auf der Uniöerfität gehißt hatten, Partei für die Streikenden. Die Leitung der Sozialdemokratischen Partei, die den Madrider Generalstreik lediglich als Protestkundgebung gegen die durch das Eingreifen der Polizei erfolgten Opfer inszeniert hat, steht der Ausdehnung des Streiks ablehnend gegenüber. Da aber ihr Einfluß beschränkt unb besonders in Katalonien gleich null ist, so gelang es den Syndikalisten, die Oberhand zu gewinnen unb die Streiks weiterzuführen. Die Leiter der revolutionären Bewegung bedauern dieses Vorgehen der Synbikalisten, da dadurch eine gemeinsame Aktion zu gegebener Zeit, die die Leitung noch nicht für gekommen hält, erschwert wird.
Oben lmks: Mmisterprastdent Genera Deren guer, dessen Stellung gefährdet ist; rechts: das ftönlgs- schloß von Madrid. — Unten: Professor Miguel de Unamuno (X), der Dichter und Revolutionär un Kreise der Professoren der Madrider Unioerfitäl. Daneben König Alf o n s XIII. von Spanien.
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Syndikalistische Muhen in Spanien.
Ausdehnung des Generalstreiks.
Verschärfung der Lage in Madrid und Barcelona.


