tenigcn, die zwölf Jahre mit mir in diesem Hause sitzen, würden mir nie so etwas zutrauen. (Lebhafter Beifall in der Mitte.) Abg. Dr. Qua ah (Dntl.): „Sprechen Sie für Ihr Ressort oder für die ganze Reichsregierung?") Dietrich: Solange ich in der Reichsregierung sitze, kann ich für sie reden, und solange werde ich auch nicht zulassen, daß ein anderes Regierungsmitglied so etwas verspricht. (Beifall.) Einige Rationalsozialisten machen dem Minister fortwährend so laute Zurufe, daß die letzten Sätze seiner Rede kaum verstanden werden können. Am Schluß klatschen die Abgeordneten der Mitte Beifall.
Präsident Lobe erklärt, nur der plmstand, daß ihm die neuen Abgeordneten noch nicht sämtlich bekannt sind, habe ihn verhindert, gegen diejenigen, die durch dauernden Lärm die Redner überschreien, die geschäftsordnungsmäßigen mittet anzuwenden. Gr behalte sich aber vor, nach der Feststellung der Ramen die Ausweisung der Ruhestörer nachträglich schriftlich zu verfügen. (Lebhafter Beifall in der Mitte.)
Abg. Keil (Soz.)
führt aus: Die sozialdemokratische Fraktion wolle mit allen Kräften daran arbeiten, daß die Reichs- finanzen in Ordnung gebracht werden. Das liege gerade im Interesse der deutschen Arbeiterschaft. Der Redner verliest dann das Protokoll der Vernehmung eines Münchener Polizeibeamten, der ausgesagt hat, der Abg. Feder habe im Rovember 1923 von seinem Bankhaus ein beträchtliches Aktienpaket abheben wollen mit der Begründung, er brauche es als Pfand für die Aufnahme einer größeren Geld- summe. Wenige Lage später sei der Hitler- Putsch ausgebrochen, und Feder habe eine Verfügung erlassen, in der alte Bankabhebungen und Verschiebungen mit Strafe bedroht werden. (Von den Sozialdemokraten werden die Ausführungen Keilch mit lautem Hört! Hört!, von den Rationalsozialisten mit großem Lärm auf genommen.)
2lbg. Feder (R.-S.) erwidert dem Abg. Keil, er habe lediglich ein entwertetes Bankdepot abheben wollen.
Abg. Keil (Soz.) antwortet, das angeblich wertlose Depot habe doch als Pfand für eine größere Summe dienen sollen.
Rach der zweiten Lesung wird das Schulden- tilgungsgeseh dem Haushaltsausschuh überwiesen.
Nie Parteien
zur Regierungserklärung.
Runmehr beginnt die Aussprache über die gestrige Erklärung der Reichsregierung. Als
erster Redner aus dem Hause tritt der sozialdemokratische Abg. Müller- Franken an das Rednerpult. Die Rationalsozialisten verlassen darauf demonstrativ den Saal. Sie machen dabei o höhnische Zurufe, die Abg. Müller mit der Bemerkung beantwortet: „(Sie scheinen in einer Shnagogenschule erzogen zu fein!“
Abg. Müller-Franken (Soz.)
erklärt: Die Stellung der Sozialdemokratie zu dieser Regierung werde dadurch beeinflußt, daß gegenwärtig Deutschland eine der schwersten Wirtschaftskrisen durchmacht. Wäre es anders, so würden die Sozialdemokraten sehr deutlich ihr Mißtrauen gegen Minister wie Schiele und Treviranus bekunden. Wir werden uns aber von keiner Partei den Zeitpunkt vorschreiben taffen, an dem toir zum Angriff gegen dieses Kabinett vorgehen. Der nationalsozialistische Wirtschaftssachverständige hat zur Aufhebung der Zinsknechtschaft eine Wirtschaftstheorie ausgearbeitet, die er vollinhaltlich abgeschrieben hat, und zwar abgeschrie- fcen hat aus dem Dritten Buch Moses Kapitel 25. Gs ist bezeichnend, daß die Rationalsozialisten , ihre Anleihen machen ausgerechnet bei Moses und den Propheten. (Stürmische Heiterkeit.) Der - nationalsozialistische Antrag auf Enteignung der
^ank- und Börsenfürsten ist nicht eingebrwcht worden, nachdem Herr Hittler beim DanUnrektor von Stauh gefrühstückt hat. (Hört! hört!) Wir werden die Vorlage des angekündigten Reformprogramms abwarten und behalten uns unsere Stellungnahme dazu vor. Wir müssen aber verlangen, daß diese Vorlage parlamentarisch verabschiedet wird. Von der Rotverordnung betrachten wir einige Teile als unvertretbar. Die vollständige Aufhebung dieser Rotverordnung wäre aber nicht zu verantworten. In der Außenpolitik stimmen wir der Erklärung des Reichskanzlers zu. Hitler hat in der Auslandpresse ja auch erklärt, daß ein von ihm geführtes Deutschland alle Verpflichtungen peinlich genau erfüllen werde. Im Abdruck seines Interviews im „Völkischen Beobachter" hat er freilich diese Sähe weggelassen. (Hört! hört! links.) Wir erwarten von der Regierung ein energisches VorgehengegendieKapitalverschie- b un g. Wir beantragen zu diesem Zweck die verschärfte Anwendung der schon im Einkommensteuergesetz gegen die Kapitalflucht enthaltenen Bestimmungen. Wir erwarten mit der Regierung, daß die Reparationslasten der deutschen Wirtschastsnot entsprechend herabgesetzt werden.
Vizepräsident S t ö h r (R.-S.) übernimmt dann jum ersten Male die Derhandlungsleitung. Er erteilt als nächstem Redner das Wort dem Abg. Strasser (R.-S.).
Abg. Straffer (71©.):
®er deutsche Rationalsozialismus Ist eine aus dem deutschen Wesen entstandene und mit dem deutschen Wesen verbundene Bewegung. Er will an oie Stelle des seit zwölf Iahren bestehenden Systems der Schamlosigkeit, der Korruption und des Verbrechens die sittliche S t a a t s i d e e des Blsmarck-Reiches wieder setzen. Wir wollen feinen Bürgerkrieg, sondern eine neue Orb- nung. ®ie Verfassung kann nicht das Ziel. fein. Das Ziel ist d i e Erhaltung der Ration. Mit uns ist die Vernunft und die Seele des deutschen Volkes. Wir wollen keine Reaktion sondern Gesundung. Wir wollen die Erhaltung der guten Kräfte in unserem Volke. Wir wollen keine Iudenverfolgung, aber wir verlangen die Ausschaltung der Iuden aus dem deutschen Leben Wir wollen eine deutsche Führung ohne jüdischen Geist, ohne jüdische Hintermänner und ohne jüdischen Presseeinfluh. Wir wollen feinen neuen Krieg, denn wir wissen, daß Europa und die Welt nur gesunden können, wenn die führenden Kulturvölker wieder in sich gesunden. Wir scheuen aber den Krieg nicht, wenn er das letzte Mittel sein sollte, um die deutsche Selbständigkeit und soziale Freiheit wieder herzustellen. Wir müssen verlangen, daß auch die übrigen Staaten die
feierlich beschworene Verpflichtung zur Abrüstung durchführen. Dor allem fordern wir die Wiederherstellung der deutschen Ehre. Darum verlangen wir eine RevisionderVerträge von Boung bis Versailles. Die Sanierung der deutschen Finanzen kann nicht als Voraussetzung der Revision betrachtet werden. Wenn unsere Finanzen erst saniert sind, dann können wir lange auf die Revision der Verträge warten. Das deutsche Volk will Arbeit, Ordnung und Brot. (Abg. Dr. Leber (Soz.): „älnb Schaufenster!" Heiterkeit.) Sie brauchen vielleicht Schaufenster, um Ihre Visage darin zu sehen. (Große Heiterkeit bei den Aationalsozialisten. — Abg. Dr. Leber (Soz.) macht einen neuen Zuruf.)
Vizepräsident S t ö h r : Herr Abg. Dr. Leber, ich ersuche Sie, nicht fortwährend provokatorische Zurufe zu machen. Abg. D i 11 m a n n (Soz.): Das Wort „Visage" haben Sie nicht gerügt. Vizepräsident Stöhr: Das Wort „Visage" ist nicht un- parlamentarisch. Ich bitte, meine Geschäftsführung nicht zu kritisieren.
Abg. Strasser (Nat.-Soz.) fährt fort: Als Grundrecht der deutschen Verfassung verlangen wir die Proklamation der allgemeinen Wehr- und Arbeitspflicht. Wir wollen die Fortführung und Verbesserung der deutschen Sozialpolitik, die Sozialversicherung soll nicht eine Versorgungsanstalt für 10 000 sozialdemokratische Faulenzer sein. (Lebhafter Beifall rechts. — Zuruf links: „Faulenzen dürfen nur die Nationalsozialisten!" — Heiterkeit.) Kapitalflucht ist bei der heutigen Not soviel wie Landesverrat. Wir haben das tiefste Mißtrauen gegen dieses Kabinett und werden darum für jeden Mißtrauensantrag stimmen. Diesem Kabinett gehört Dr. Wirth an, der kein anderes Ziel hat, als in der Art eines Don Quichotte den Kampf gegen die Windmühlen des Nationalsozialismus zu fuhren. Dann ist da der Außenminister Dr. Curtius und schließlich der Wehrminister Groener, dessen Amtsführung nicht die leiseste Idee deutschen Be- freiungswillens erkennen läßt. Groener wird feine Tätigkeit fortfetzen im Sinne des Verrats. (Große Unruhe in der Mitte. — Rufe: „Gibt es keinen Ordnungsru f?" — Reichskanzler Dr. Brüning erhebt sich und verläßt nach einigen Sekunden den Saal.) Die Sozial- bcmotraten unterstützen diese Regierung aus Angst vor dem Verlust der Futterkrippe in Preußen: denn Herr Otto Braun ist durch Brüning eingeschüchtert worden wie ein hypnotisiertes Kaninchen. Der Sozialdemokrat Müller-Franken hat geradezu antisemitische Wendungen gebraucht. Ich erkenne dagegen an, daß Moses einer der tüchtigsten Gesetzgeber war. Wenn er so strenge Maßnahmen gegen den Wucher ankundigen mußte, so ergibt sich daraus, daß die Juden schon damals nicht anders waren als heute. (Heiterkeit.) Wir Nationalsozialisten, denen sich jetzt die Mehrheit des Volkes zugewandt hat, werden alle Macht in Anspruch nehmen, die uns die demokra- tische Verfassung überläßt. Sie mögen den Reichstag auflösen, so oft Sie wollen, wir werden das begrüßen, denn das Volk ist mit uns. Das deutsche Volk ist erwacht, und den Preis bezahlen Sie!
Vizepräsident Stöhr: Mir wird mitgeteilt, Herr Abg. Strasser, daß Sie dem Minister Groener den Vorwurf des Eidbruches gemacht haben. (Abg. Strasser: „Des Verrats!") Ich muß Sie dafür zur Ordnung rufen.
Abg. Joos (3.)
Unter der gegenwärtigen Krise leiden alle Länder der Welt, auch das reiche Amerika. Daraus ergibt sich schon, wie lächerlich es ist, die deutsche Krise auf Fehler der Regierung ober auf die Reparationslast zuruckzuführen. Diese Weltkrise kann nur durch ein Zusammenwirken ber verschiedenen Länder behoben werden. Das Gerede von agrarischer Habsucht ist lächerlich angesichts der Tatsache, daß bei Kartoffeln der Erzeugerpreis für den Zentner nur 60 Pf., der Kleinverkaufspreis aber 2,50 bis 3 Mark beträgt. Wir begrüßen es, daß die Regierung unter Beachtung der Gesetze der Wirtschaft energisch auf die Senkung ber Preise hinarbeiten will. Dabei darf auch nicht zurückge- schreckt werden vor Zwangsmaßnahmen, wenn sie notwendig werden sollten. Es muß gelingen, bie Höhe des Reallohnes zu erhalten, wenn Regierung und Parlament auf die- fes Ziel hin zusammenarbeiten. Das Volk wird dieses Zusammenarbeiten höher einschätzen als Agitationsanträge, die nicht ernst gemeint sind. Die Reichsregierung hat schon allein dadurch, daß sie im Amte blieb, bas Vertrauen des Auslandes zu Deutschland gestärkt. Der deutschnationale Abg. Dr. Quaatz hat heute Ausführungen gemacht, die nur geeignet sind, das Vertrauen des Auslandes zu Deutschland zu zerstören. Mit dem bloßen Schreien gegen den Versailler Vertrag ist nichts getan; es kommt darauf an, ihn zu verändern. Die Politik beginnt da, wo Herr Strasser aufhört. Wenn vor zwölf Jahren nicht auch Marxisten in den Graben ge- prungen wären, bann würden Sie heute solche Reden nicht führen können. Es ist natürlich leichter, heute von Opfern zu reden, als sie zwölf Jahre hindurch zum Wohle des Volkes zu bringen. Das deutsche Zentrum wird alles tun, um die Bestrebungen zur Revision der Verträge zu fordern. Der etzige Reichskanzler hat zweifellos einen neuen Ton in die Außenpolitik gebracht. Mit einer Straffen rede kann man mehr Porzellan zerschlagen, als hundert kluge Politiker wieder gutmachen können. Zu verwerfen ist jene Primitivität, die tatsächliche Verwilderung ist. Wenn auch die parlamentarische Lage chwer ist, so muß dennoch eine parlamentariscye Lösung versucht werden.
Abg. Dr. Oberfohren (önl) betont, die Regierung Brüning habe in Verfäl- chung und Mißachtung der Wahlen auch jetzt wieder Anschluß bei den Sozialdemokraten ge- ucht. Weil die Regierung nicht den Mut habe, die Revision des Voung-Planes zu fordern, suche ie der schweren Finanzkrise durch weitere Ver° chuldung und neue Belastungen zu begegnen. Seine Partei verwerfe deshalb den Sanierungsplan, weil er die Katastrophenpolitik weiterführe, deren Ende das Chaos sein werde. Die Voung- Plan-Revision müsse sofort in Angriff genommen werden. Erst nach der Tributentlastung sei eine innere Gesundung denkbar.
Abg. Oingeldey (OVp.) führt aus, die erste Forderung dieser ernsten Zeit sei es daß dem deutschen Volk mit rücksichtsloser Offenheit der ganze E r n ft b e r Q a g e von der Regierung geschildert wird. Die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Wirtschaft ist so erschwert, daß es letzt vor allem darauf ankommt, die Wirtschaft von jenen drückenden La st en zu befreien, die ihr den Wettkampf mit dem Ausland erschweren. Wir begrüßen es, daß bie Regierung narfj der Erklärung des Kanzlers bestrebt ist, an der Senkung der Selbstkosten unserer
! Wirtschaft zu arbeiten. Nur auf diesem Wege kann die' notwendige Senkung der Preise erreicht werben. Nur durch Arbeitszeitverkürzung kann die Wurzel der Arbeitslosigkeit niemals beseitigt werden. Wenn die Sozialdemokraten die Notverordnung in den wesentlichsten Punkten ändern wollen, dann erwarten wir von der Regierung, baß sie sich solchen Aenderungen energisch widersetzt. Die Deutschnationalen, die heute so eifrig die Revision des Poungplans verlangen, haben vor einem Jahre den Poungplan vor allem mit dem Argument bekämpft, daß er unabänderlich fei. Wie verträgt sich das miteinander? (Sehr gut! bei der Volkspartei.) Wir haben schon vorher die wirtschaftlichen Gründe angeführt, die uns die Erfüllung des Youngplanes erschweren. (Rufe rechts: „Warum haben Sie ihn dann angenommen?") Weil Sie uns keinen anderen Weg zeigen konnten! (Abg. Dr. Frick, Nat.-Soz.: „Dann treten Sie doch ab, dann zeigen wir Ihnen den Weg!") Auch wenn Sie in ber Regierung säßen, würben Sie nur den Weg gehen können, die Vertragsgegner durch wirtschaftliche Argumente zu überzeugen. Es wäre aber gar nicht möglich, heute von Revisionsmöglichkeiten zu sprechen, wenn die Franzosen noch am Rhein ständen. (Lebhafte Zustimmung bei der Volkspartei.) Es ist eine verwerfliche und abscheuliche Methode, andere zu beschimpfen und herabzuwürdigen, obwohl sie mindestens so vaterländisch fühlen wie Sie (zu den Nationalsozialisten). Wir wollen den Geist der Wehrhaftigkeit in unserem Volke fördern, aber wir weisen die Angriffe zurück, die von Ihnen gegen den Reichswehrminister gerichtet werden. Der Wehrgeist kann in der Reichswehr nur aufrecht erhalten werden, wenn dort der Gei st der Disziplin und der Unterordnung herrscht. Es bars nicht vergessen werden, mit welcher Zähigkeit Reichswehrminister Groener die Verstärkung der Flotte gegen widerstrebend« Strömungen des Parlaments durchgesetzt hat. Es kommt alles darauf an, die aufbauende Zusammenarbeit der führenden Männer aus dem Lager der Arbeitgeber und Arbeitnehmer zur Uederwindung der furchtbaren Wirtschaftskrise zu ermöglichen. Was der Reichskanzler in dieser Beziehung gesagt hat, findet unsere volle Unterstützung. Wir erwarten, daß die Regierung sich von ihrem Wege nicht ab- dräng« n lassen wird. Würden die Nationalsozialisten gezwungen fein, i n derReichsregie- rung mitzuarbeiten, so würde heut« ihr Redner wohl leiser und vernünftiger gesprochen haben. (Lärm bei den Nationalsozialisten.) Wir erwarten von der Regierung, daß sie in diesem Winter unbeirrt durch Fraktionseinflüsse den Weg ruhiger Reformarbeit gehen wird.
Abg. Dr. Weber-Potsdam (GtaatSp.) schließt sich der Meinung anderer Redner an, daß die gegenwärtige Krise eine Weltwirtschaftskrise sei, für die man die Regierung nicht verantwortlich machen könne. Die Maßnahmen, mit denen man der Landwirtschaft helfen wollte, hätten sich als verfehlt erwiesen. Viel notwendiger fei eine bessere Ab sahorganisation. Mit Zöllen sei nichts zu machen, sonst müßte der Weizenpreis weit höher fein. Die -ungesunde Spanne zwischen Erzeuger- und Verbraucherpreisen müsse verschwinden. Wir freuen uns, daß der Reichskanzler auf einen Preisabbau hinwirken will. Die Kartelle müssen unter Staatsaufsicht genommen werden. (Abg. Dr. Goebbels (Rat.-Soz.): „Das ist eine zehnjährige Forderung der Aationalsozialisten!") Ich habe diese Forderung schon vertreten, als Sie noch in den Windeln lagen. (Heiterkeit.) Wir verurteilen die K a p i t a l s l u ch t aufs schärfste, aber mit den hser beantragten Maßnahmen wird sie nicht verhindert, sondern eher verstärkt werden, denn d i e Ursache der Kapitalflucht ist mangelndes Vertrauen zur deutschen Regierung und zur deutschen Wirtschaft. Die Wirtschaft kann sich nur günstig entwickeln, wenn Arbeitg ber und Arbeitnehmer einträchtig zusammenwir>.en. Wenn es zum Lohn» und Gehaltsabbau kommt, dann muß verlangt werden, daß die leitenden Persönlichkeiten in den Unternehmungen mit bestem Beispiel vorangehen. (Beifall. — Abg. Dr. Goebbels (Rat.-Soz.) wird zur Ordnung gerufen, weil er den Redner „Clown!“ genannt hat.) Von den Beamten werden schwere Opfer verlangt, aber wir sind überzeugt, daß sie sie bringen werden. (2lbg. Dr. Frick (Rat.-Soz.): „Wie lange hat der Splitter rroch Redezeit?") Die Reichsreform muß schleunigst durchgeführt werden. In der Außen- poUtik wird sich für Deutschland auch in Zukunft noch etwas erreichen lassen aus dem Wege vernünftiger Verhandlung. Rur auf dem Boden des parlamentarischen Systems und der Republik wird Deutschland vorankommen können.
Präsident L ö b e ruft wegen Störungen bei der Rede des Aeichsfinanzministers die nationalsozialistischen Abgg. Heines, Brückner und Reinhard zur Ordnung. Er erklärt, er würde den Abg. Reinhard wegen besonders grober Störungen aus dem Saale gewiesen haben; er habe davon nur deshalb abgesehen, weil die Geschäftsordnung des Reichstags noch nicht an alle Abgeordneten verteilt war. — Die Fortsetzung der Aussprache wird auf Samstag 11 Ähr vertagt.
Günstige Aussichten für den Kanzler.
Eine knappe, aber sichere Mehrheit für Ablehnung der Mißtrauensanträge.
Berlin, 17. Oft. (TÄ.) In parlamentarischen Kreisen erwartet man im Laufe des Samstags einen Antrag aus den Reihen der Regierungsparteien, wonach sämtliche vorliegenden Mißtrauensantrage abgelehnt werden und über siezurTagesordnungüberge- gangen wird. Dieser Antrag würde dann der weitgehendste sein und mit seiner Annahme wäre die Abstimmung über sämtliche Mißtrauensanträge gegen die Regierung auch über die einzelnen Mißtrauensvoten erledigt. Für die Annahme dieses Antrages rechnet man in den Reihen der Regierungsparteien eine knappe, aber sichere Meh rheit von etwa 20 b i s 3 0 Stimmen. Mit der gleichen Mehrheit hofft die Regierung, auch das Schuldentilgungs- g e s e h in der dritten Lesung zur Verabschiedung zu bringen und dieÄeberweisungderRvt- verordnungen vom 26. Iuli an die Ausschüsse zu erreichen.
Anders liegen die Dinge gegenüber dem sozialdemokratischen Antrag, den Schiedsspr uchim Berliner Metallarbe'iterkonflikt nicht für verbindlich zu erklären. Hier muß mit der Möglichkeit gerechnet werden, daß dieser Antrag angenommen wird, da für ihn außer den Sozialdemokraten und den Kommunisten auch die Rationalsozialisten stimmen dürften. Man hofft, sämtliche Abstimmungen imLaufedesSams- tagnachmittag durchführen zu können, so daß dann der Reichstag mit Ausnahme des Auswärtigen Ausschusses bis Anfang Dezember vertagt werden würde. Bis dahin fallen dem
Reichsrat verschiedene Gesetzentwürfe, die zum 6a* nierungsprogramm der Reichsregierung gehören, zugeleitet und vom Reichsrat verabschied werden. Nie Wirischastspariei fordert ein Moratorium.
Ncvisionsantrag im Reichstag.
Berlin, 18. Oft. (BDZ.) Die Reichstagsfraktion der Wirtschaftspartei hat einen Antrag eingebracht, der die Reichsregierung ersucht, sämtliche im Boungplan vorgesehenen Maßnahmen zur unverzüglichen Herbeiführung ein ^Zahlungsaufschubs einzuleiten mit dem Ziele, im Rahmen des neuen Planes keine Zahlungen zu leisten, durch die die Wiederherstellung einer gesunden Lebenshaltung des deutschen Volkes gefährdet ist, ferner unverzüglich eine Denkschrift über alle bisher vom Deutschen Reich an die früheren Feindbundstaaten durchgeführten Leistungen sertigzustellen und zu veröffentlichen, welche als Grundlage zur endgültigen Vereinigung der Reparationsfrage den Rachweis erbringt, daß das Deutsche Reich schon jetzt weit höhere Opfer für die Liquidation der Kriegsschäden gebracht hat, als ihm nach der geschichtlich feststehenden Widerlegung der dem Versailler Vertrag zugrunde gelegten Behauptung seiner Allein- schuld am Kriege billigerweise zugemutet werdenkönne.
Das nationalsozialistische WirWafisprosramm.
Nie Kehrseite.
Man hatte unmittelbar vor und nach der Er-, Öffnung des Reichstags den Eindruck, daß die Rationalsozialisten größten Wert darauf legten, aus den Eierschalen der Agitation herauszukommen und den Rachweis ihrer Regierungsfähigkeit zu erbringen. Sie hoben gerade bei der Eröffnung eine erstaunliche Disziplin gezeigt und sich auch in den ersten beiden Tagen — mit wenigen Ausnahmen — angenehm von der Radaupolitik der Kommunisten unterschieden. Bei der starken Disziplin, die auf chrer Seite herrscht und die sogar soweit geht, daß die Fraktion ihren Vorsitzenden nicht ernennt, sondern von dem Parteiführer zugewiesen erhält, durfte man annehmen, daß aus diesem Verhalten der Führerwille sprach, der aus den Wahlen die Folgerungen ziehen und den Versuch machen wollte, sein Programm parlamentarisch durch- zufehen. Schade, daß dieser Eindruck nicht lange vorgehalten hat. Die nationalsozialistische Fraktion hat ein ganzes Büirdel von Anträgen eingebracht, die zum Teil der Ausfluß eines übersteigerten Marxismus sind, der nur auf Propagandawirkung ausgeht, und absichtlich auf jedes politische Verantwortungsgefühl verzichtet.
lieber mancherlei in diesen Anträgen läßt sich reden, einige und gerade die entscheidenden Punkte aber sind so gestaltet, daß sie sachlich überhaupt nicht durchführbar sind. Der Gedanke, „das gesamte Vermögen der Bank- und Börsenfürsten, der seit dem 1. August 1914 Zugezogenen Ostjuden und sonstigen Fremd- stämmigen" zu enteignen, ist rein agitatorisch, Zumal da ec in feiner angedeuteten Entwicklung Zur Konfiskation aller seit 1923 verdienten Gelber führen muh. Bank- und Börsenfürsten, das ist nie ein juristisch greifbarer Ausdruck, sondern eine Formulierung, die nur auf die Massew- stimmung berechnet ist. Ebenso weltfremd ist di« Forderung, den Zinssatz auf höchsten« fünf Prozent zu begrenzen, wovon ein Prozent Amor
tisation fein muß, alles, was darüber hinausgeht, soll wegen Wucher bestraft werden.
Von den führenden Köpfen bei den Rationalsozialisten kann sich niemand darüber im Unklaren sein, daß die Durchsetzung dieser Forderungen Wahnsinn wäre, dessen Wirkungen sich unmittelbar gerade gegen die ärmeren Schichten richten müßten. Deutschland ist viel zu kapital- arm, um aus sich selbst heraus seine Wirtschaft wieder aufbauen zu können, wir müssen also aus dem Auslande Geld leihen, und daß uns in der ganzen Welt gegenwärtig niemand Vertrauen genug entgegenbringt, um sich mit einem Zinssatz von 5 Prozent zu begnügen, das kann auch Herrn Hitler nicht entgangen sein. Die Annahme dieses Antrages würde also den Verzicht aus jede ausländische Kapitalhilfe und die Aushungerung der deutschen Wirtschaft bedeuten. Das sind Dinge, über die man ernsthaft überhaupt nicht reden kann. Man muß daher leider daraus den Schluß ziehen, daß die Rationalsozialisten auf eine praktische Durchführung ihrer Ziele verzichten und sich auf die Regation einstellen wollen. Sicherlich nicht im Sinne ihrer Wählermassen, die sie bisher wenigstens in erster Linie als nationale Bewegung gewertet haben.
Ner Berliner Meiallarbeiierstreik.
Kommunistische Offensive.
Berlin, 17 Oft. Die Berliner Kommunisten be- v^uhen sich gegenwärtig, den Metallarbeiterstreik mit allen Mitteln zu verschärfen. So haben sie am urcita9Dormittag den Versuch gemacht, das Kraftwerk Klingenberg im Berliner Osten, das für die Versorgung Berlins lebenswichtig ist, lahrnzu- legen. Dies i[t ihnen zwar bisher nicht gelungen, Aber die zuständigen Berliner Stellen werden ihre ganze Aufmerksamkeit darauf richten müssen, Unheil zu verhindern. Ebenso haben die Kommunisten oer-


