Nr. 165 Zweiter Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)
Donnerstag, (Z. Juli 1930
Landtagspause in Hessen
3n den Dorbereitungen zur Feier der Rhein- fanbräumung und der bevorstehenden Reise deS Reichspräsidenten an den befreiten Rhein ist der Abschluß der Budgetberatungen des Hessischen Landtags beinahe unbeachtet geblieben. Ein Rückblick ist aber notwendig angesichts der monatelangen Kämpfe um den Etat und das in ihm enthaltene Sofort- Sparprogramm der Regierung.
GinS darf festgestellt werden: Der Landtag hat verhältnismäßig rasche Arbeit geleistet, was umsomehr in die Augen springt, wenn man einen Vergleich mit den Verhandlungen über den Reichsetat zieht. Auch in Hessen. haben die notwendigen Sparmaßnahmen nicht den ungeteilten Beifall der Parteien gefunden, aber die Regierung hat sich die Führung nicht aus der Hand nehmen lassen und die oft auseinan- derstrabenden Kräfte zufammengehalten, selbst auf die Gefahr hin, daß Verstimmungen zurückblieben. Sie zwang dadurch auch die Koalition-Parteien zu mancherlei taktischen Wanö- vern und Abstimmungen, die von der gewohnten Linie abwichen. — Ein Rückblick ergibt, daß die von der Regierung vorgesehenen Einnahmeerhöhungen durchgeführt wurden, und zwar Mehrablieferungen von Bad-Rauheim 300 000 Mk., Erhöhungen der Pflegegeldsätze in den Heil- und Pflegeanstalten 570 000 Mk., Gemeindebeiträge zu den Dolksschulstellen 734 000 Mk., und Gerichtsgebührensteigcrung 100 000 Mk. — Auch in der Ausgabensenkung folgte die Mehrheit des Landtages den Vorschlägen des Sparprogramms: Kürzung der Geoäude-älnterhaltungskosten 745 000 Mark, personelle Einsparungen im Forstwesen 280 000', personelle Einsparungen in Bad-Rau- heim 16 000 Mark, Herabsetzung der Woh- nungsbauzuschüsse und der Sondergebäudesteuer 2 000 000 Mark (hier sind allerdings wieder 600 000 Mk. nachträglich eingestellt worden). Wegfall des Staatszuschusses bei der Versicherungsanstalt für Gemeindebeamte 170 000 Mk., Einsparungen bei der Polizei 550 000 Mk.', Kürzung der Straßenbauzuschüsse 200 000 Mk., Einsparungen bei den Volksschulen 740 000 Mk.', Einsparungen bei den Höheren Schulen 280 000 Mark', Einsparungen bei den Hochschulen 230 000 Mark, Einsparungen bei dem Landestheater 200 000 Mk., Einsparungen bei den Feldberei» nigungs- und Dermessungsämtern 100 000 Mk., durch Stelleneinsparungen weitere 96 000 Mk.'. Einsparungen beim Landesgestüt sofort 20 000 Mark und durch Inhaberversehunzen 102 000 Mark', Einsparungen beim Gcwcrbemuseurn 24 000 Mk.', personelle Einsparungen im Gerichtswesen 184 000 Mk.', Einsparungen im Strafvollzug 35 000 Mk., Stellenverminderungen im Landesvermessungswcsen 67 072 Mk., desgleichen im Bauwesen 157 404 Mk.
Die mit ' versehenen Summen wirken sich natürlich erst im Dauerzustand, also erst nach vollständiger Durchführung der beschlossenen Stellenverminderungen oder Inhaberbewilligungen aus.
Die «Linsparungen bei den Zentralbehörden. die besonders umstritten waren, stellen sich nach den Beschlüssen des Plenums wie folgt: Im Staatsministerium' nich Regierungsvorschlag 11 000 Mk., durch Land- taasbeschluß jetzt weitere 16 000 Mk.', Fondsabstriche 7000 Mk., zusammen 23 000 Mk. Im Innenministerium 7000 Mk., im Finanzministerium 46 000 Mk.', im Kultusministerium 10 000 Mark'. — Das Plenum hat weiter folgende Abstriche vorgcnommen: Abstriche cn den Kinderzuschlägen 350 000 Mk., <n)aberversehun- gen bzw. Siellenabsehungen bei Staats- und Ministerialräten 36 000 Mk.', Kürz.ng versachlichen Ausgaben generell 500 000 Ml., Kürzung des Beamtennotfcnds 30 000 Mk. Personelle Einsparungen im Landesvermessungswesen 80 000 Mark', kleinere Abstriche an Vergütungen, Aufwandsentschädigungen, Wegfall des örtlichen Sonderzuschlags und der Desahungszulage
Oie Sünde
der Renate Mercandin.
Roman von Fred TleliuS.
22. Fortsetzung Nachdruck verboten.
»Was denn?" fragte Griebenow.
Hämerling begann zu lachen. »Ach, mein Lieber, das ist selbstverständlich Unsinn. Man verblödet langsam. Ich möchte Sie zu einem Cocktail bitten. Paßt die Adlonbar?"
»Danke, Hämerling. Cs ist einerlei."
«Jriebenow und Hämerling waren vor dem Hotel Adlon angekommen und schritten durch das Vestibül. Dor den Türen standen die Portiers, Pagen hin und her. Der (Lmpfangschef in der Halle grüßte. In den tiefen Sesseln saßen Herren, die die Mittagzeitung lasen, und Frauen, Zigaretten zwischen den geschminkten Lippen.
Dann die Dar. Die beiden Herren setzten sich in eine «Ecke. Die Zigaretten brannten. Hämerling bestellte Cocktails. »Also, Griebenow, horrido ... ein heißes Pröftchen? Ihnen geht es gut, nicht wahr?"
»Ra..." Griebenow hob spöttisch feine Schultern.
Hämcrling umfing mit einem Blick den Anzug Griebenows. »Sie sehen jedenfalls so aus, als wenn Sie mächtig oben wären."
»Kleider machen Leute. Oder: Die Kultur des Menschen folgt der Linienführung seiner Kleidung. Aber, bitte, nicht von mir, mein lieber Hämerling. Reden wir von Ihnen. Wie geht's denn immer? Unb wie geht es Kleusch & Reu- gereuth?---Aber vorerst werden wir zwei
Cherrh-Cobbler trinken, mein Lieber."
»Ja. Trinken wir zwei Sherry-Cobbler."
»Also Reugereuth... Es geht ihm gut Selbstverständlich. Sagen Sie mal, Griebenow: warum haben Sie denn Reugereuth so skandalös behandelt?"
»Ich — skandalös?"
»Aber ja."
»Sie meinen, weil ich nichts mehr von mir hören ließ?"
»Ja."
»Das hatte feinen Grund, Hämerling. Hat er sich beklagt?"
»Auch das."
388 000 Wk. — Reubewiiligungen wurden nur folgende vorgenommen: Förderung der Reubautätigkeit 250 000 Mk., Ersparnisse bei den Kinderzuschlägen 350 000 Mk, Sorben m von Kultur, Wirtschaft unb Verkehr 50 000 Mk., für Aushi'.fekräfte bei der Landesstatistik vorübergehend 8000 Mk., für Jugendfürsorge lieber» schreitungen bis zu 10 000 Mk., Zuschüsse für die Felbbereininung 80 000 Mk. Die Mehrbewilli- gungen stellen also meist Beträge dar, die sich zugunsten der Wirtschaft auswirst n
Zur Zeit ist man in den einzelnen Ressorts damit beschäftigt, die Vorbereitung für die innere Derwaltungsreform, die Kreisneueinteilung und die Beratungen des S p a r g u t ach t e n s , die für den Herbst vorgesehen sind, zu treffen
Kamps dem Lärm!
Die Zunahme des Verkehrs, die auch eine erhebliche Vermehrung des Straßenlärms oder Verkehrslärms mit sich gebracht hat, hat eine Anzahl führender Derkchrsunternehmen zu der Anregung veranlaßt, eine Spihenorganifation ins Leben zu rufen, beten Aufgabe es fein soll, bas Lärmproblem zu bearbeiten. Cs ist babei an eine »Forfchungs stelle für Lärmbekämpfung" gebucht, bie in eigener juristischer Person einem bestehenden wissenschaftlichen Institut angcgliebert werden soll, das sich bereits mit den Fragen bet Lärmbekämpfung beschäftigt.
In Aussicht genommen ist bas Heinrich- Herh-Institut für Schwingungsforschung in Berlin-Charlottenburg. Der Kreis ber Interessenten an einer solchen Einrichtung ist, wie aus ben Informationen ber Interessenten hervorgeht, auherorbentlich groß. Staats- unb Kommunalbehörben, Polizeiverwal- tungen, Reichsbahn- unb Verkehrsverwaltungen, Derbänbe der Auto- und Waggonindustrie, Hausbesitzerverbänbe unb sonstige private Bereinigungen finb stark an bem Plane interessiert. Rach ben jetzt vvrliegenben Anregungen sollen in ber kommenben Spitzenorganisation auch Aerzte unb Juristen Sitz unb Stimme neben ben Technikern haben. Zusammen mit ben Organen ber Praxis soll die Spihenvrganisativn in Gemischten Kommissionen alle Fragen deS Stra- ßenlärms. Betriebs- und Wrchnlärms bearbeiten. In diesem Zusammenhang ist es interessant, daß die Hausbesitzervereinigungen soeben mit der Forderung an bie Oeffentlichkeit treten, bie auf ein Einheitsgesetz gegen bie Verkehrsmittelschä- ben unb eine klare Rechtslage in biefer Beziehung hinzielt. Die Hausbesitzer begründen ihren Wunsch damit, daß sich die DerkehrSverhält- nisse seit 1916 stark verändert haben und Schädigungen durch Erschütterungen an der Tagesordnung sind. «Ls wird verlangt, daß den Geschädigten die volle Deweislast für die Verursachung ber Schäben abgenommen wirb unb baß auherbem ein gesetzmäßiges Beweis- sicherungsverfahren geschaffen wird.
Zusammenbruch der Selbstverwaltung?
Die Verabschiedung des Berliner Gemeindehaushalts ist in der Stadtverordnetenversammlung gescheitert, unb zwar mit bem ebenso beschämenben wie eigentümlichen Ergebnis der Einstimmigkeit aller abgegebenen Stimmen, bie sich sämtlich gegen bie Bewilligung ber erforderlichen Einnahmenerhöhung wandten, nachdem vorher die entsprechenden Aus- gabenansätze genehmigt worden waren. Der Ober- Präsident von Berlin hat nun also die Pflicht, ber Reichshauptstadt einen Zwangsetat zu schaffen, unb er wirb sich diesmal der Pflicht nicht entziehen können, wie er das noch vor einem halben Jahr getan hat. Die repräsentativste deutsche Gemeinde ist damit ihrer Selbstverwaltung beraubt worben, die Stadtverordnetenversammlung besitzt keine Funktionen mehr, und der Magistrat ist lediglich noch das Vollzugsorgan staatlicher Aufsichtsstellen.
Der Fall wäre auch dann aufsehenerregend, wenn es sich um einen Einzelvorgang handelte. Tatsächlich aber wissen alle Kenner kommunaler Fragen, daß einer ganzen Anzahl großer und bedeutender Stadtgemeinden das gleiche Schicksal droht. Die rapide Verschärfung der Wirt» schaftskrise, die verheerende Folgen auf sozialem Gebiete nach sich gezogen hat, stellt die Kommune im Rahmen der geltenden gesetzlichen Bestimmungen vor Aufgaben, denen sie finanziell einfach nicht mehr gewachsen sind. Die Dinge beschränken sich dabei nicht auf das starke Anwachsen der Wohlfahrtsausgaben, obwohl sie in ihrer Höhe den letzten Ausschlag für die Finanzkrise zahlreicher Städte gegeben haben. Es gibt eine ganze Reihe von Beispielen dafür, daß Gemeinden in unverschuldete Rot einfach dadurch geraten sind, daß ihnen die Mittel für die Fortführung bestimmter Aufgaben mit produktiven Verwendungszwecken ausgingen und daß die betroffenen Firmen mit Erfolg Schadensersatzansprüche geltend machten, deren ®e- samthöhe angesichts der allgemeinen Kassen- und Finanznot stark zu Buche schlägt. Dabei darf freilich nicht verschwiegen werden, daß man sich bedauerlicherweise in der kommunalen Wirtschaft großenteils noch nicht daran gewöhnen kann, daß die Zeiten des Geldüberflusses, die bis 1926 andauerten, unwiderruflich vorbei find. Und die falsche Beurteilung der Gesamtsituation hat
ihrerseits wieder zur Folge gehabt, daß die kommunalen Spihenorganisationen den angeschlos- senen Gemeinden geradezu eine Art ZwangS- konsolidierung ihrer schwebenden Schuldverpflichtungen aufoktroyieren mußten, um möglichst noch den letzten Rest an Vertrauen, den sich das Prinzip der «Selbstverwaltung erhalten hat, zu wahren.
In ihrer aktuellen Bedeutung sind beschämende Vorgänge wie die, die sich jetzt in Berlin ereignet haben, kaum zu überschätzen. Rotwendigerweise müssen sie zurückwirken auf die Einstellung bet gesamten öffentlichen Meinung zu ber Frage, ob bas umfaffenbe Finanzsanierungswerk des Reiches, bas Reichskanzler Dr. Brüning angekündigt hat, auf bie Gerncindefinanzen auszubeh- nen ist ober nicht. Geplant ist bekanntlich, ben Kommunen burch Gewährung einer Schankverzehrsteuer ober einer 'Bürgerabgabe einen gewissen finanziellen Spielraum über bas jetzige Maß hinaus ^u gewähren. Sinb aber bie Selbst- verwaltungskorper in sich politisch unb wirtschaftlich gefestigt genug, um ihnen bas bebenÜiche Instrument neuer Steuern ober Steuerzuschläge anoertrauen zu können? Der Fall Berlin spricht jebensalls nicht gerade für die Gemeinden. Und es kann nicht wundernehmen, daß sich neuerdings die Stimmen wieder mehren, die eine Reform des ganzen Gemeinderechts in bet Richtung einer verstärkten staatlichen Aufsicht ober auch einer unmittelbaren staatlichen Mitwirkung für erforderlich halten. Auch von grundsätzlichen Anhängern bes «Selbstverwaltungsprinzips hörten Wit biefer Tage bie Meinung, baß- ber Gedanke der Selbstverwaltung überholt sei, daß er seine Aufgaben erfüllt habe und daß ber parlamentarisch- demokratische Staat bet Gegenwart bamit aus räumen müsse.
Solche Grunbeinstellung schüttet unseres Erachtens das Kind mit dem Bade aus. lieber den gewiß sehr zahlreichen Einfällen kommunaler Mißwirtschaft und bedauerlichen Versagens kommunaler Körperschaften soll man doch nicht vergessen, daß es auchheutenoch ausgezeichnet arbeitende Gemeinden gibt, die es verstanden haben, ihren Aufwand mit der vorhandenen Steuerkraft in Einklang zu halten oder in Einklang zu bringen. Das gilt vor allem von einer großen Zahl der Mittelstädte, in denen sich
»So, so."
«Jriebenow verfiel in Grübeln. Eine leichte Rührung kam ihn an. Reugereuth... mein Gott, ber gute alte Reugereuth. Man hätte damals mehr Vertrauen au ihm haben müssen. Man hätte — — — Aber alles das war wesenlos geworden. Auch ob Mercandin gesprochen hatte! Man lief dem vorbestimmten Ziel entgegen. Ob auf diesem, ob auf jenem Wege, es wog gleich.
»Sie wollten doch einen Cobbler trinfen, Griebenow!"
»Richtig, ja. Zum Wohle, Hämerling. Unb empfehlen Sic mich, bitte, dem Geheimrat. Sagen Sic ihm. daß ich ihn sehr bald besuchen werde."
»«Schön! Und was treiben Sie denn sonst so. Doktor Griebenow?"
»Richts. Ich habe Langeweile."
»Soll ich Ihnen ein Geheimnis sagen? «Ls gibt nur einen wahren Reichtum: nichts zu tun und immer Zeit zu haben."
»«Ls gibt auch Leute, die an diesem Uebersluh zugrunde gehen. Ich stemple, seit ich aus der Untersuchungshaft entlassen wurde."
»Kommen Sie zu Rcugercuth!"
»Rein. Ich will nach Kairo. Ich warte täglich auf die Einberufung zum Aegyptischen Hospital."
»Mensch... Mensch... Und die Klinik Mer- candins?"
Griebenow sah nach der Uhr. Er erhob sich.
»Ich muß fort. Also, Hämcrling---“
Man ging. Auf der Straße im Gewühl der Menschen kurzer Abschied. Beide drückten sich die Hände.
»Auf Wiedersehen also! Und--unb--
was sagt bie schönste Frau Berlins bazu, bah Sie nach Kairo gehen, Griebenow?"
Griebenow zog kurz ben Hut. »Sie sagt, bie bösen Mäuler möchten sie zufrieden lassen und vor der eigenen Tür kehren. Guten Morgen, Hämcrling---“
Er kaufte Rosen. Langgcstielte weihe Rosen, die den Dust von schwülen Sommernächten in ben Blütenkelchen trugen. Weiter ging er. Er überquerte ben Pariser Platz, bog vom Brandenburger Tor aus in bie Friedrich-Ebert-, später in bie Lennestrahe. Dort lag ber Kemperplatz. Run war er da.
Griebenow blieb vor dem Hause stehen, bas Renate Mercandin bewohnte. Er starrte mit entrückten Blicken auf bie Fenster. Es schien ihm wieder wie vor vielen Wochen, baß die Fenster
Augen wären, hinter denen eine Seele stünde. Die Seele einer vielgeliebten Frau. Die Fenster blickten kalt und traurig, wie erloschenes Leben. Das Haus war erfüllt von einer drohenden unb unheilvollen Tiefe. Er war, als ob ein Grabes- hauch daraus herüberwehe.
Er warf mit einem Ruck ben Kopf zurück unb öffnete bas Gartentor. Er ging sehr schnell. Auf bem breiten, buchsbaumeingef atzten Wege kam er an bie Villa Mercandin. Die Haustür war geöffnet. Man sah ben breiten, marmorausgelegten Treppenslur. Aus ben beiden großen Schalen auf den Treppensäulen rankten Blumen.
Ob sie da ist...? dachte Griebenow. Da ist ein Zimmer, dessen bunte Rischen märcheichafte Lichteffekte geben. Lichter alter Farben spielen auf dem Gold der Frauenhaare und dem schwarzen Chiffon eines Trauerkleides. Ob der Reiher- brunnen riefelt? Ob... ob...? Eine «Schar von Geistern, die geheimnisvolle Stimmen hatten, war mit einem Schlage wach geworden. Manche fragten: Weißt du noch? Andere: Warum bist du nochmals hergekommen? Eine Stimme aber war da, die die andere übertönte. Diese sagte: Alles ist vorbei. Du kommst zu spät.
Zwei Minuten später hatte (Sriebenoto geklingelt. Riem and kam. Cr wartete. Endlich ging er m das Unter geschah, in dem der Hauswart wohnte. ®r fragte. Da erfuhr er: Frau Professor Mercandin war gestern abgereist. Wohin? Der Hauswart konnte keine Auskunft geben.
Griebenow verlieh die Villa unb durchschritt den (Sorten. Er ging schnell unb wie gehetzt. Auf der Strohe blieb er stehen. Er versuchte es, sich klarzumachen, was die Reise von Renate Mercandin für ihn bedeuten muhte. (Ls war das Ende aller Dlütenträume. Die Gotter versagten ihm die Gnade.---
•
Renate Mercandin an Doktor Griebenow: »Lieber Freund!
Run bin ich fort. Hunderte von Meilen trennen uns, und ich bitte Sie, mir nicht zu zürnen, weil ich fortging, ohne daß wir uns vorher gesprochen haben.
Cs ist besser so.
Was sollten wir uns sagen? Es gibt Dinge, die man nicht in Worte fassen braucht. Entweder fühlt der andere fie, barm spricht der Schlag ber Herzen, bie zusammenklingen aus Gesetzen, die wir nur empfinden, nicht erklären können.
Clara Diebig 70 Lahre att.
Clara Viebig, die feinsinnige Erzählerin, feiert am 17. Juli ihren 7 0. Geburtstag. In ihren volkstümlichen Romanen „Das Kreuz im Venn", „Einer Mutter Sohn", „Die Passion" offenbart sich die tiefe Liebe zu ihrer rheinischen Heimat. Außerordentliche Verbreitung hat ihr letzter Roman „Charlotte von Weiß" gesunden. — 5m „Gießener Anzeiger" sind mehrere Romane von ihr erschienen.
ein gesunder bürgerlicher Instinkt unb ein inneres Verbundenheltsgesühl mit Leben unb Entwicklung ber Gerneinbe erhalten hat. Ihnen würbe man unrecht tun, wenn man wegen bet Mißwirtschaft anberer Stäbte ihren Bewegung-- raum weiter einen gen wollte. Die notwenbigen unb unverrneiblichen Reformen müssen an einer anberen Stelle einsetzen. Unter vier Augen gestehen vernünftige «Sozialbemokraten ja auch längst au, baß bie Auswei tung unb Anwendung parlamentarisch-bemokrati- scherMaximenauf da- Gebiet ber stäbtischen Selbstverwaltung ein Mißgriff gewesen ist. Mit ber Politisierung Der Gemeindekörperschaften begann tatsächlich ein rapider Rückgang der Leistungen in der Selbstverwaltung, die an allen Ecken und (Snben gehemmt wird durch Rücksichtnahme auf Partei- politik unb labile Mehrheitsverhältnisse. Die un- vermeibliche unb dringende Reform des Gerne indeselbstverwaltungs recht es muh als Ziel eine wesentliche Verstärkung ber Unabhängigkeit bes eigentlichen Verwal- tungskörpers von parteipolitischen Einflüssen im Auge haben. Richt minber bringlich aber ist bie «Stärkung bes Verantwortungsgefühls ber S t a b t Parlamente in finanzieller Hinsicht. Es muh aufgeräumt werben mit bem Zu stank), daß von einer Mehrheit Ausgaben beschlossen werben, zu beren Lasten sie nichts beiträgt. Die vorgesehene Bürgerabgabe ist in biefer Hinsicht gewiß nur eine unvollkommene Lösung. Findet man aber keine besseren Wege, bann wirb man sie zu wählen haben, ba an berg, namentlich in inbuftrialifierten Großgemeinden bie Ausgaben kaum mit ber vorhanbenen Leistungskrast in Einklang zu bringen finb. Reformen in biefen beiden Richtungen sinb unserer Meinung nach unerläßlich als Voraussetzung bafür, daß die von den Städten und ihren Spihenorganisationen immer wieder geforderte größere Beweglichkeit in steuerlicher und finan^oli bischer Hinsicht geschaffen wirb.
Briefkasten der Redaktion.
(Rechtsgutachten sind ohne Verbindlichkeit der Schriftleitung.)
Nk.lv. in £. Wir empfehlen Ihnen, wenn über die strittigen Fragen nicht auf Grund einer Regelung im Mietverträge entschieden werden kann, sich an das zuständige Mieteinigungsamt zu wenden.
Ober auch: ber anbere fühlt sie nicht, dann sind alle Worte zwecklos.
Ich weiß und fühle alles, was Sie sagen wollen: Sie mochten eine Antwort haben. Gut — hören Sie! Und nehmen Sie Ihr Herz recht fest in beide Hände, Doktor Griebenow.
«Ls ist ein Rein. Ich kann nicht ander-... noch nicht anders. — Ich verstehe es, wenn sich zwei Menschen über alle Schranken der Moral hinweg zusammenfinden. Eine Seelenliebe gibt es, die ist stolz und wundervoll erhaben Eine nur auf Sinne eingestellte Liebe — die mag niedrig scheinen. Uno ein Drittes gibt es noch: den Zusammenklang der seelischen unb körperlichen Liebe. Die ist von Gott. Sie entsühnt die Sünde, unb sie macht bie Schanbe heilig.
Unsere Sünbe aber bleibt. Die Rächt von Schmiebeberg steht zwischen uns. Sie erbrachte nicht die Stunbe, ba das Denken, Fühlen, Freude, Schmerz und Hoffnung, jeder Pulsschlag zweier Menschen in dem gleichen Herzstrom münbet: Einssein... Weib und Mann
Diese Stunde war Betrug... an mir und meinem Mann Sie wollten stehlen, und allein der Zufall hemmte Ihre Hände. Sie wollten meinen Ruf und meine Ehre nehmen, ohne daß Sie danach fragten, ob ein Aeguivalent in meinen Händen blieb: bie grenzenlose unb zu jedem Opfer fähige Liebe zu dem Mann, der meinen Leib besessen hätte.
Lernen «Sie ein Frauenherz verstehen, Doktor Griebenow. Ich hätte auf bie Stunbe unseres körperlichen Cinsseins stolz sein müssen, unb ich mußte anstatt besten vor ben Menschen, bie sie mir zum Vorwurf machten, meine Augen Niederschlagen. Darin liegt das Urteil. Urteil und — Verdammnis.
Genug. So unendlich müde bin ich. Alle Schwingen meiner Seele sind wie durchgebrochen.
Glück auf Ihren Lebensweg unb Lebewohl. Herr Doktor Griebenow! Ich banke Ihnen dafür, baß Sie damals in ber sürchtcrlicyen Stunde vor ber 2eid)e meines Mannes treu an meiner Seite ft an ben. Unb vor allem: für bas andere.., große... für das ritterliche Opfer Ihrer Ehrs unb ber Freiheit.
Gute Rächt, mein Freunb! Aus später, wenn der Morgen anbricht, Tage einer lichten, frohen Zukunft!
Frau Renate Mercandin."
(Fortsetzung folgt.)


