Nr. 139 Erstes Blatt
(80. Jahrgang
Dienstag, 17. Juni 1930
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Gietzener Anzeiger
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Ein peinlicher Abschluß.
Der Schlußbericht, den Parker Gilbert seht mit wochenlanger Verspätung über seine Tätigkeit in Deutschland veröffentlicht hat. gibt aus oer- schiedenen Gründen Anlaß zu sehr berechtigter Kritik. Schon im vergangenen Jahre wählte der bisherige Reparationsagent die etwas eigentümlich anmutende Taktik, den Zeitpunkt der Veröffentlichung so zu legen, daß den zuständigen deutschen Stellen keine Gelegenheit mehr zu einer entsprechenden Ge g c n ä u ße r u n g . die rechtzeitig genug gekommen wäre, blieb. Wie wir uns damals des Eindrucks nicht erwehren konnten, daß hier Absicht vorlag, so ist cs auch heute wieder. Und es bleibt der Eindruck, daß Parker Gilbert größten Wert darauf legte, feine Darlegungen zur propagandistischen Aus- Wirkung kommen zu lassen. Das ist bei der Schärfe der Kritik, die der frühere Reparationsagent an Deutschland übt, gelinde gesagt, ein unfreundlicher Akt. Wir wollen dabei keineswegs die Berechtigung seiner sachlichen Kritik leugnen; nur halten wir es für ein Gebot der Loyalität, daß man dann, namentlich als Ausländer, der davon betroffenen Regierung die Möglichkeit zu einer gleich- ?eiligen Stellungnahme läßt. Roch feit- amer aber muß die Tatsache anmuten, daß Parker Gilbert es für richtig hielt, feinen Schlußbericht erst so f p ä t z» veröffentlichen. Seit Wochen sind die faktischen Geschäfte seines Bureaus beendet, seit Wochen sind die Funktionen des Reparationsagenten auf die Bank für Internationale Zahlungen über- gegangen, seit Wochen ist seine Treuhänderfunktion als solche erloschen. Parker Gilbert ist also Deutschland gegenüber heute lediglich Privatmann. Wenn er nun trotzdem noch mit einem langen Bericht herauskommt, der, wie uns bekannt ist, schon fertiggestellt war, als er seine Geschäfte übergeben mußte, so liegt der Verdacht nahe, daß Parker Gilbert damit noch bestimmte politische Zwecke verfolgte. Wollte er etwa'dem Reiche, wo sein Einfluß in den letzten drei Jahren zusehends geringer wurde, in dieser Form demonstrieren, daß er auch als Privatmann noch sein Mütchen an Deutschland kühlen könne? Wir können nicht an- nehmen, daß der bisherige Reparationsagent eine Politik der Verärgerung betreibt Soviel aber steht doch fest, daß fein Mensch in Deutschland den Sinn einer so späten Veröffentlichung anders begreift, als daß damit der Zweck verfolgt wird, dem Reiche zu schaden.
Dabei kann und soll, tote gesagt, nicht geleugnet toerden, daß seine Kritik in zahlreichen Punkten durchaus berechtigt ist. Wir hätten bei- spielstoeise gewünscht, daß dem Reich der Vorwurf erspart geblieben wäre, es habe Jahr für Jahr versäumt, die so oft versprochenen Reformen auf dem Gebiete des Finanzausgleichs, in der Verwaltung und bei der Arbeitslosenversicherung durchzuführen. Hier treffen die Ausführungen des ehemaligen Reparationsagen- ten mit voller Schärfe und voller Verechligung die zahllosen Versäumnisse, die sich der Vorgänger Moldenhauers. Herr Dr. H i l s e r d i n g, in seinem Ressort zu'chulden kommen lieh. Auch der frühere Reichsfinanzminister Koehler wird von Parker Gilbert angegriffen, wenn der Schlußbericht des Reparationsagenten feststellt, daß die allgemeine Beamtengehaltserhöhung vom Herbst 1927, deren finanzielle Auswirkungen nicht voll übersehen worden seien, die letzten Reserven des Reiches ausgeschöpft habe. Tatsächlich hat Moldenhauer von seinen Vorgängern eine Erbschaft übernommen, die ihm jetzt die ganze Unpopularität eines Ausgabenfenkungspro- gramms mit allen daranhängenden Konsequenzen aufbürdet. Er war nicht in der Lage tote Reinhold oder Koehler oder Htlfer- ding, sich die Gunst der Massen durch Steuerabbau zu ertoerben, er hat praktisch vielmehr seine Tätigkeit mit der Durchpeitschung eines umfassenden Steuerprogramms beginnen müssen, dem nun binnen weniger Wochen ein zweites folgen soll.
Einige Einwände des früheren Reparationsagenten kann man freilich auch wegen thter grundsätzlichen Ratur auf das amtierende Rerchs- kabinett beziehen. Denn tatsächlich läßt auch der neue Reichshaushalt bisher ebensowenig wie die Etats der Länder und v.eler Gemeinden den Willen zur Sparsamkeit und das Dekenntnis zu dem Grundsatz, daß alle Ausgaben durch entsprechende Einnahmen gedeckt werden mühten, erkennen. Aehnliches gilt von der Undurch- s i ch t i g k e i t derEtatsgebahrung überhaupt. Das Dunkel, das die Einzelressorts, wie die Regierung überhaupt — teilweise zweifellos mit bewußter Absicht — über den Etat 6reiten, macht es praktisch dem Parlament nahezu unmöglich, die Finanzgebahrung des Kabinetts fortlaufend zu kontrollieren, wie es seine Aufgabe gewesen wäre. Auch die Uebcrprüfung der Ausgaben durch den Reichsrechnungshof geht bekanntlich immer noch mit großer Zeitversäumnis vor sich, so dah die Kritik, die erfreulicherweise von dieser unabhängigen Stelle an der Reichsrewerung und ihren einzelnen Ressorts geübt wird, politisch ziemlich wirkungslos bleibt. Hier muß Reme- our geschaffen werden. Das gleiche gilt von allen den Fragen, in denen Moldenhauer die böse Erbschaft seiner Vorgänger abwickeln muh. Als erster Finanzminister hat er wenigstens den Versuch einer organischen Reform auf der ganzen Linie unternommen. Der Versuch ist nicht in allen seinen Teilen als geglückt zu bezeichnen. Dennoch bleibt nichts anderes übrig, als das Experiment durchzuführen. Rur so können wir uns künftig eine in jeder Hinsicht peinlich anmutenbe Kritik tote die Parker Gilberts ersparen.
Der Rotopserplan der Regierung schon erledigt?
Deutsche Volkspartei und Demokraten lehnen ab. — Pros. Moldenhauer in der entscheidenden Sitzung seiner Fraktion. - Aus der Suche nach einer Kompromißlösung.
Oie Deutsche Volkspartei geht nicht mit.
Neue Vorschläge zur Finanz- und Wrrischaftsrcform.
Berlin, 16. Juni. (DDZ.) Die Reichstags- fraktion der Deutschen Volkspartei faßte in ihrer Sitzung heute abend folgende Entschließung:
Die soziale und wirtschnstliche Rot des deutschen Volkes zwingt zu entscheidenden Entschlüssen. Sic kann durch neue steuerliche Belastungen nicht behoben werden.
, Das Problem der deutschen Wirtschaft und der Finanzen des Reiches kann nicht von der Steuer- feite, sondern nur von der Seite der Belebung der Wirtschaft und der rücksichtslosen Senkung der Ausgaben angesaht werden.
Die gesamte Wirtschaft befindet sich in einem Zustand fortschreitender Einschrumpfung. Arbeitslosen- Heere und Leere der öffentlichen Stoffen find nur der Ausdruck dieses Zustandes. Deshalb muß die Senkung der Produktionskosten durch Herabsetzung der Personglausgaben der privaten Wirtschaft von oben bis unten, durch gleichzeitige Herabsetzung der Preise und durch eine starke Minderung der Ausgaben der öffentlichen Verwaltung in Reich, Ländern und Gemeinden durchgeführt werden. Solange die Voraussetzungen für eine solche gemein- schastlichc Kraftanstrengung des ganzen Volkes, fei es durch Teilvereinbarungen zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern, sei es im Wege der Gesetz, gcbung, nicht gegeben sind, bleibt eine
einseitige Sonderbelastung wie „Jtotopfcr" oder „Reichshilfe der J<ftbc|oUtftenM ungerecht und wirkungslos und muß daher von der Reichstagsfraktion der Deutschen Volkspartei obgelehnt werden.
Wir find überzeugt, daß bei Sicherstellung der genannten Voraussetzungen auch die deutsche Be- amtenschaft nach den Erklärungen ihrer Spitzenorganisationen bereit ist, sich einer solchen gemein- schaf11ichen Kraftanftrengung zur Rettung von Staat und Volk durch entsprechende Herabsetzung der Personalausgaben wie der gesamten öffentlichen Verwaltung nicht zu oer- sagen.
Die gegenwärtige Gestaltung der Arbeitslosenversicherung untergräbt nicht nur die Finanzen des Reiches, sondern auch die Arbeitsmoral des deutschen Volkes und begünstigt die Landflucht, indem sie der Landwirtschaft die notwendigen Arbeitskräfte entzieht und sie in den Städten anhäuft, wo kein Bedarf für sie ist. Hier kann nur eine grundsätzliche Umgestaltung helfen. Ohne Verzug sind zunächst die Vorschläge des Vorstandes Der Reichsanstalt zu verwirklichen. Zu gleicher Zeit ist die Reform der Krankenversicherung durchzuführen.
Die Ueberweisungen des Reiches an die Länder und Gemeinden find alsbald wirksam her- abzufehen. Als Ersah dafür und zur Steigerung der Verantwortung der Länder und Gemeinden für ihre Ausgaben ist eine Bürgerabgabe für jeden wahlberechtigten Gemeindebürger reichs- gefehlich durchzuführen.
Die Haushaltspläne für 1930 von Reich, Ländern und Gemeinden sind nochmals einer verschärften Rachprüfung mit dem Ziele einer erheblichen Herabminderung der öffentlichen Ausgaben zu unterziehen.
Die deutsche 'Wirtschaft im weitesten Sinne, die in sich stark rationalisiert hat, und der deutsche Steuerzahler haben das Recht, zu verlangen, dah auch dte Verwaltung so rationell und sparsam wie nur irgend möglich geführt wird. Es ist die Stunde gekommen, in der Frage der Reichsreform von Erwägungen und Verhandlungen zur T a t zu schreiten.
Das Rein der Demokraten.
Berlin. 16. Juni. (DDZ.) Die deutsche demokratische R e i ch s t a g s f ra k t i o n hat in ihrer heutigen Fraktionssihung einstimmig eine Entschließung gefaßt, in der es heißt:
Die demokratische Reichstagsfraktion erblickt in der vom Reichsfrnanzminister toemge Wochen nach der von ihm damals für ausreichend erklärten Sieuercrhöhung getroffenen Feststellung eines abermaligen Fehlbetrages von etwa 3 , Milliarden einen schweren Mißerfolg der bisherigen Finanzpoll- t i k. Eie leitet hieraus die Forderung her, daß eine
die Reichsfinanzen für die Dauer ordnende Finanzreform auf den weg gebracht wird, ohne daß auf die üblichen Parlamentsferien Rück- sicht genommen werden kann. Um das Grundübel der Arbeitslosigkeit nicht weiter zu verschlimmern und die Bemühungen zur Senkung des Preisniveaus nicht zu vernichten, find neue Steuern überhaupt von der Hand zu weifen.
solange nicht alle Möglichkeiten der Ausgabensenkung erschöpft find. Dabei darf mit der Durchführung der Reichs- und Bcrroaltungs- reform nicht länger gezögert werden.
Sollte sich der Haushalt hierdurch allein nicht ordnen lassen, so find in Verbindung mit her Finanzrcsorm Steuern auf entbehrliche ®cnu ft mittel soweit wie möglich zu legen. Der willkürlichen Auferlegung von S o n d erlast e n zur Deckung des Fehlbetrags auf einzelne Schichten dcS Volkes, wie es durch die sogenannte Reichshilfe der Festbesoldeten und die Ledigensteuer beabsichtigt ist, wird die Fraktion nicht zu stimmen.
Kein Widerspruch Moldenhauers.
Kompromißvcrhandlungc« ?
Berlin, 16. Juni. (ERB.) von den (Erörterungen, die heute im Reichstag über die Deckungspläne des Reichsfinonzministers gepflogen wurden, kommt zweifellos der Abendfihung der Fraktion der Deutschen Volkspartei die größte Bedeutung zu. Die Fraktion hat bereits heute nachmittag zu dem Problem Stellung genommen. und war zu einer einmütigen Ablehnung, namentlich des Rotopfers, gelangt. Die Entschließung, in der diese Haltung festgelegt wird, wurde heute abend in einer zwei- t e n Sitzung vorgelegt, an ' der auch Reichs- finanzminister Dr. woldenhauer teilnahm. Es ist anzunehmen, daß er feiner Fraktion noch einmal ein Bild der finanziellen Lage des Reiches gezeichnet und ihr einen Uebcrblick über feine Absichten und Fiele gegeben hat. Die Sitzung endete dann In später Abendstunde mit der Annahme der Entschließung in der Form, wie sie jetzt oorllegt. Wan darf gewiß vermuten, daß unter dem Einfluß
des Reichsfinanzministers einige Aenderungen an ihrer urfprünglichen Gestalt vorgenommen wurden, wichtig ist befonbers, daß der Reichs» finanjminlfler der Entschließung nicht widersprochen hat. wie im Rcichslag verlautet, wird er im Einvernehmen mit dem Reichskanzler In den nächsten Ingen die Verhandlungen mit den Parteiführern aufnehmen, um ein Kompromiß in der Deckungsfragc zu erzielen. Jedenfalls ficht man in porlamentarifchen Areifen damit das Botopfer in feiner bisherigen Form als erledigt an.
Die Entschließung der Deutschen Volkspartei geht von der Erwägung aus, daß die bisherige lieber- ficht über das Defizit nicht ausreicht, um einen Grund für fo einschneidende Steuer- mahnahmen zu liefern; außerdem fplelt in den Erörterungen das Scheitern der bisherigen Verhandlungen zwischen den Arbeitgebern und den Gewerkschaftsagenten um die P r c i s - u n d L o Hufe n k u n g eine erhebliche Rolle. Darauf geht auch der Paffus in der LntfchUehung zurück, der ein eventuelles (Eingreifen des Reiches in diefe Bewegung behandelt. Der Vorschlag der Entschließung bezieht sich weiter aus die Reichs- reform. In Kreisen der DVP. hält man den gegenwärtigen Moment für die Reform als außerordentlich günstig. Nachdem die Wirtschaft alles getan hat, um sich zu rationalisieren, kann man nun vom Reich ein Gleiches verlangen, ehe dem deutschen Steuerzahler weitere Belastungen zugemutet werden.
Wer zahlen sott.
Berlin. 17. Juni. (Ghgcnc ERB.-Meldung ) In dem Entwurf eines Gesches über dieR e i ch s- hilse der Fe st besoldeten, der dem Reich Seat zugegängen ist, heißt eS: Bei-,
Nie Reichsinnenpolilik vor dem Reichstag
Berlin, 14. Juni. (VDZ.) Die zweite Beratung des Etats für 1930 wird vorn Reichstag mit der Beratung des Haushalts des Reichsmini- sterfums des Innern fortgesetzt
Reichsinnenminister Dr. Wirth
gibt zunächst zu den 33 Stcrbcfällen der nach dem Ealmelteoerfahren behandelten Säuglinge in Lübeck eine Erklärung ab, in der cs u. a. heißt: Sowohl vom Staate Lübeck, wie auch meinerseits geschieht olles zu einer möglichst völligen Aufklärung. Ob Fehler von den mit der Behandlung betrauten Stellen gemacht sind, wird der Staat Lübeck festzustellen haben, die Erhebungen führen hoffentlich zu einem klaren Ergebnis. An der restlosen Aufklärung wird die Reichsmedizinaloerwaltung und das Reichsgcsundheitsamt mit aller Energie mit- arbeiten. Sobald ein Ergebnis der Untersuchungen vorliegt, will ich den Reichsgesundheitsrat eingehend mit der ganzen Angelegenheit befassen; er wird alsdann die verwaltungsmäßigen und praktischen Schlußfolgerungen zu ziehen haben.
Abg. Sollmann |Soz.) lehnt eine Kulturdiktatur der nationalsozialistischen Weltanschauung ebenso ab. tote die von den Kommunisten erstrebte atheistische Diktatur. Für eine Abschaffung des Derhältniswohlrechts werde es die notwendige Mehrheit tm Reichstage nicht geben. Eine Verringerung der Abgeordnetenzahl lehnt die Sozialdemokratie ab. Es sei eine unerhörte Zumutung des Reiches, Frick Reichsgelder zur Bewaffnung von Rationalsozialisten in die Hand zu geben. Das Uniformver- bot und der Erlaß über Schnelljustiz seien zu begrüßen.
Abg. Dr. Spohn (DeuffdjnalL) kritisiert das Vorgehen des Innenministers gegen die thüringische Regierung und gegen den westdeutschen Stahlhelm. Minister Wirth sehe die Schikanenpol'ttk seines Vorgängers fort. Die dringende Lösung der Derfalsungsfrage werde weder vom Minister, noch vom Reichstag in der richtigen Weise angepackt. Vom Bund zur Erneuerung des Reiches werde ebensowenig eine fruchtbare Lösung vorgeschlagen werden, wie von der Länderkonferenz. Das föderalistische Prinzip müsse aufrecht erhalten bleiben. Mit diesem Prinzip sei aber das Vorgehen des Innenministers gegen die thüringische Regierung nicht vereinbar. Gerade wir haben den jetzigen Reichspräsidenten auf den Schild erhoben, weil er eine über den Parteien stehende Persönlichkeit ist. die auch über dem Streit der Parteien stehen soll. Um so größer ist unter schmerzliches Bedauern darüber, daß die jetzige Regierung nicht die Vorsicht dem Reichspräsidenten gegenüber walten läßt, die geboten ist. Die jetzige Regierung rührt an den Grundlagen des reichspräsidialen Amtes durch die Art. wie sie den Reichspräsidenten in den Vordergrund schiebt, um politische Augenblickserfolge zu erzielen. Jetzt schon sind Kräfte genug am Werk, um nach dem Scheitern des Experiments Brüning mit neuen Methoden den schon
vorn Kabinett Müller gemachten Versuch zu wiederholen. die Regierung in die Hand einer Arbeitsgemeinschaft von Kapital und Masse zu legen. Für repräsentative Zwecke wird bet uns noch viel zu viel auSgegeben, während die notwendigsten Mittel zum Dau deutscher Schulen für die deutschen Minderheiten fehlen.
Rcichsinnenmlnislcr Dr. Wirth erwidert, ihm liege nichts ferner, als mit schikanösen Maßnahmen der Opposition entaegen^u- treten. Das gelte auch für das Stahlhelmverbot im Westen. Die Vorlegung eine» neuen ReichS- schulgesehes wäre sehr erwünscht, aber ein praktischer Erfolg wäre damit nicht zu erreichen, solange keine Aussichten für ein Kompromiß der Parteien in der Simultanschulfrage vorhanden seien. Die Anempfehlung der Schulgebete durch das thüringische Ministerium tft von Minister Dr. Frick dahin erläutert worden, daß diese Gebete sich richten gegen art- und rassesremde Elemente. Eine solche Anempfehlung richte sich deutlich gegen Geist und Sinn der Weimarer Verfassung, die die Empfindungen aller Volksgenossen schützen will. (Abg. Dr. Goebbels, Rat.-So^.: »Die Empfindungen der Juden werden geschützt, wir aber sind vogelfrei I" — Ordnungsruf.) Eie sind nicht vogelfrei, sondern Sie haben die Freiheiten dieser Republik mißbraucht. Es muß die Auffassung zurückgewiesen werden, als sei der Staat bet feiner jetzigen StaatSforrn nicht imstande, eine die nationalen Interessen schützende Politik zu betreiben. Sie (nach recht-) werden bei der Erledigung der Osthtlfe und anderer Vorlagen demnächst zeigen können, ob Ihr Staatskonservatismus sich bewährt.
Abg. Schreiber (Zentr.) bedauert, daß die Auseinandersetzungen mit der thüringischen Regierung zu einem Guerillakrieg geführt haben, der dem Ansehen der Republik abträglich sei. Wir sind Gegner einer Ausnahmegesetzgebung, aber wir stimmen dem ReichS- innenminister darin zu, daß es nicht angängig ist, Rationalsozialisten zu leitenden Beamten der Polizei zu machen. Dem Unfug des politischen Straßenkampses muß rücksichtslos ein Ende gemacht werden. Wenn es nicht anders geht, muß auch das Verbot von Uniformen und Abzeichen durch geführt werden. Wir lehnen es ab, daß Schulgebete als Schrittmacher gewisser Parteien mißbraucht werden. Das Kabinett muft ein größeres Maß der Exekutive entwickeln können. Eine Verstärkung der Macht des Reichspräsidenten halten wir für überflüssig. Es ist ein Verdienst des Kabinetts Brüning, daß es die Frage nach dem richtig verstandenen und richtig angewandten Parlamentarismus mehr in den Vordergrund gestellt hat. Wir müssen schließlich fordern, daß das religiöse Kulturgut unsere- Volkes stärker geschützt wird.
Um 7,30 Uhr vertagt das Haus die Weiterberatung auf Dienstag.


