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Itr. U5 Drittes Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen) Samstag, 17. ilTai 1930
Wandern und weisen • Bäder und Sommerfrischen.
Kurgast im Frühling.
Don Will Scheller.
Du bist nun, Teuerster, mit dir allein; wozu also Umstand« machen und leugnen, daß es gar nicht die vielgepriesenen und von den Letzten dir gleichsam händeringend empfohlenen Heilmittel waren, die dich lockten, diese dir bis dahin fremde Stätte auf- zistuchen, und nicht die wohlassortierten Bilder von Park und Kurhaus, Badeanlagen und Aus^ichts- türmen in sarbenprangendem Prospekt: „Fahr' hin, o Welt" — war nicht eben dies ein Gedanke, als der Zug in seinen Achsen zu knirschen begann, und war er cs, dieser heimliche, säst schadenfrohe Gedanke nicht auch im Hinblick auf das, was dir am Ziel der Reise beoorstand?
Ach, du hast es dir ja schon lange eingestanden, daß etwas anderes dir im Sinne lag, als du dich bequemtest, in eine Kur einzuwilligen, die das ramponierte Herz — o verkniffene Mundwinkel! — in einen normalen Gang zurückbringen soll und das System der Nerven — reden wir nicht davon. Aber das war es, was dich Aog, was dich ermunterte, den Sprung zu tun ins Ungewisse: die Möglichkeit, wieder einmal mit dir allein zu sein, abgeschlossen von einer Welt, die mit Menschen bevölkert ist, die du leider kennst, und im Bollgenust einer Gesell- schaft, die dir jene Welt einen Winter lang gründlich verleidet hat, der Gesellschaft deines eigenen, so geliebten Ich, mit dem allein du schwatzen und schwadronieren kannst, wie dir ums Herz ist, das erweiterte, und frisch von der Leber herunter, der geschwollenen. Das war's — und weiter nichts. Und darum bist du Kurgast geworden, Kurgast im Früh, ling. *
Mit jenem Aufatmen wahrer Befriedigung, das hinter der Miene kühler Unbewegtheit verborgen zu werden pflegt, schlossest du die Tür. Dies ist also nun die friedliche Klause, die dick) umhegen wird, einige Wochen lang, gesichert vor aller Störung, denn das ist in der Pension mit einbegriffen. Die Koffer werden ausgepackt, mit einer Gemächlichkeit, die dich daheim nicht ankommen würde, verteilst du deine Habe und ertappst dick) plötzlich dabei, wie du ein Liedchen vor dich hin pfeifst, so eine kleine musi- kalische Tonfilmsrechheit, die du sonst so von Herzen verachtest...
Da — was ist das? Laute bringen dir ans Ohr, und dein verzärteltes Trommelfell empfindet diese Ueberraschung wie Dröhnen und Donnern des Weltuntergangs. Hst es möglich? Du stürzest an die Silin- liel. Ein Säugling im Hause...? Das ist denn doch — und der Blutandrang, wegen dessen du hier- her geschickt worden bist, steigt in Wellen empor, der Zorn saust in deinen Schläfen, und du hörst schon deine Stimme, wie sie mit schneidendem Hohn dem Wirt des Hauses einen — einen Schmiedehammer empfehlen wird, um voll zahlende Gäste wider solchen Insult von selten eines Halb» oder Biertelpensionärs zu schützen, ein für allemal! Abgekürztes Verfahren! Uebrigens ist es noch früh im Jahr, es gibt genug freie Zimmer hierorts und zweisellos solche ohne Nachbarschaft dieser ... dieser Art.
Du schnaubst. Kommt niemand. Geht die Klingel nicht? Alles ist still im Haus. Auch das Baby ist verstummt...
Was tun, wenn jetzt dienstbeflissen nach deinem Begehr gefragt wird? Was würdest du sagen — guter Gott, es klopft.
.Herein."
„Der Herr haben geklingelt?"
»3a — ich möchte — sagen Si«, Fräulein, könnte ich — einen Teelöffel haben? Zum Einnehmen von Pulver, wissen Sie."
„Gern, der Herr, einen Augenblick."
Einen Teelöffel, keinen Schmiedehammer. Denn bist du auch nach innen ein Wüterich, — nach außen wirst du den Lyriker nie verleugnen.
*
Schließlich bist du ja auch nicht hier, um den ganzen Tag im Zimmer zu hocken, also hinaus mit del- nen müden Knochen! Zuerst natürlich in den Park, den hochgelobten. Und wenn du es auch, Nachtreter des alten Horaz, nicht mehr zum Staunen dringst — diese geschniegelte und gebügelte Darbietung der Natur hat auch für dick) etwas wie einen Reiz, den du, Schritt für Schritt dich bewegend, zu kosten nicht umhin kannst Und diese Düfte, aus den Bosketts und Rabatten, nicht wahr, und dieses Ausruhen alle drei Minuten auf einer weiß- gestrichenen Bank — nett, nein wirklich, es läßt sich schon ertragen, und die Kurtaxe beginnt, zu einem ziemlich gleichgültigen Zahlengebilde zu verkümmern.
Indessen bleibt cs dir nicht erspart, auch hier festzustellen, daß es schwer ist, allein zu sein auf diesem Erdenrund. Und du hebst dich von bannen unb machst aus ber Phrase bes sich seitwärts in bic Büsche Schlagens einen realen Vorgang. Im Begriff, dir aus diese Tat schon etwas einzubilden, wirst du durch ein Begebnis am Erdboden abge- lenkt: ein kleiner bunter Vogel, rötlich-braune Brust, ammetgraue Flügel mit weißer und dunkler 'Bor- >üre, zwischen grauem Kopf unb Schnabel ein chwarzer Strich — bu bist ja kein Ornithologe unb brauchst, wie schön, nicht zu wissen, wie er heißt — pickt ungeniert von beiner Anwesenheit auf bem Weg herum. Du bist nur einen Schrit von ihm entfernt, er sieht bich aus schwarzen Nabelknopsaugen an unb pickt weiter unb vor ihm wälzt sich etwas Blasses, Feuchtes im Sanb — sieh ba, ein Regen- wurm. Du bleibst ganz ruhig, um ben Vogel nicht zu stören, unb beschreibst schließlich weitergchenb einen Bogen: ba flattert der bunte Kerl bavon, unb verärgert siehst du ihm nach — was soll bas beim? Der Wurm aber zieht sich alsbalb in die Sicherheit des Erdreichs zurück, und nun weißt bu in Wahr- Helt nicht, hast ou bem Vogel Böses ober bem Wurm Gutes getan? Ja — wer kann bas ermessen? Elend ist ber Mensch, hilflos und blöd. Kopfschüttelnd machst bu bich bavon, irgenbetwas schämt sich in bir, bu weißt nur nicht, vor was und für wen.
Du fliehst zu den Gradierwerken — ber Arzt hat bir ben Aufenthalt bafelbft ohnehin verorbnet. Na-
Zwei Tage an Nahe und Rhein.
Mit dem Frühzuge fahren wir über Frankfurt unb Mainz nach Bad Kreuznach, durch das wir einen Rundgang machen. Außer bem Kurhaus und dem schönen Kurgarten finden wir hier noch Beste römischer Kastelle und alte Stadt- mauerft. Interessant ist die mit Häusern bestandene Nahcbrücke. Nun wandern wir weiter (bzw. Strahenbahnbenutzung) durch das benachbarte Bad Münstcr a in Stein, das älteste Saline- und Solbad Deutschlands, überschreiten die Nahe- brücke und steigen durch das Dörfchen gleichen Namens hinaus zur Burg Ebernburg. Bor dem Hutten-Sickingen-Denkmal bietet sich uns ein herrlicher Ausblick. Aach der Einnahme eines guten Tropfen Naheweins Abstieg zur Nahe unb Llebersetzung mit der Fähre, hierauf Aufstieg durch das« liebliche Huttental zum 215 c i u - grafenstein, einem fast senkrecht aus dem Fluß aussteigendem mächtigen Felsen mit den Besten eines ehemaligen Schlosses und einer prächtigen weiten Aussicht. Der weitere Weg führt über die „Gans", den reizvollen Emil- Zakobs-Weg und die Rhei-grafenstraße abwärts nach Bad Kreuznach, von wo wir die Bahn zum Endziel des ersten Tages, Bingerbrück, benutzen.
Am nächsten Morgen wandern wir dem Rhein» höhenweg „R" nach auf vielgewundenem Weg
zur Elisenhöhe, wo wir einen entzückenden Blick auf Dingen, seine reizvolle Umgebung und den gegenüberliegenden Niederwald mit bem Nationaldenkmal haben. Auf schönen Waldpsaden, unterwegs immer hübsche Aussichtspunkte treffend, kommen wir am Forsthaus Heiligenkreuz vorüber, zu einem der schönsten Punkte des ganzen Rheintals, dem Schweizerhaus (gute Einkehr), von dessen Terrasse sich wiederum prachtvolle Blicke auf den Rhein und den Niederwald sowie auf Aßmannshausen darbieten. Wir verlassen jetzt unser seitheriges Zeichen und folgen roten Ringen nach durch das wildromantische Morgenbach- t a l. einem der reizvollsten Seitentälern des Rheins, hinab zum Schloß Reichenstein, auch Falkenburg genannt, wo der Morgenbach in den Rhein mündet; in der Nähe auf einem vorgeschobenen Bergkegel die Klemens» kapelle. Wir gehen jetzt ein kurzes Stück stromaufwärts und gelangen zur malerischsten Rheinburg Rheinstein, die wir bei genügender Zeit gegen Gebühr besichtigen können. Bon hier benutzen wir den Dampfer, der uns durch den landschaftlich schönsten Teil des Rheintales nach Nieder-Lahnstein bringt, von wo wir mit der Bahn zurückfahren. — Wanderzeit am ersten Tage 3 Stunden, am zweiten Tage 3'/r Stunden.
türlich hast bu keine Ahnung, zu welchem Behuf dies« Masse entblätterten, offenbar hornigen Gesträuchs aufgebäuft ist, schnurstracks, eine schier endlose, dunkle Mauer, unb hoch wie ein Haus, burch bie bas Master sintert, außen wi« ein lebenbigcr Vorhang silberner Perlen.
Aber kühl ist es hier, ohne baß bu frierst, benn die Sonne scheint auf das Schutzdach, unter dem du sitzest mit deinem Duck), und ein bißchen auch auf die Bank, und der leichte Wind bewegt einen salzigen Hauch zu dir hin, ben bu ohne Beschwer einatmen kannst. Ab unb zu nimmst bu ganz von selber ordentlich die Lungen voll von dem, wie bich büntt, fäubernben Obern ...
Tapp, tapp, tapp unb tapp. Leute gehen auf bem Bohlengang über bem absließenben Wasser, Damen mit Brillen unb Hanbarbeiten, Herren, ben Hut in ber Hand ober an der Weste festgeklemmt. Stören sie dich? Es scheint nickst so: Kurgäste nehmen Rücksicht aufeinander. Sie haben ein sozusagen standesgemäßes Gefühl für Empfindsamkeiten und setzen sich nicht auf die Bank neben dir, von deiner „eigenen" ganz zu schweigen. Eie respektieren dein Buch und deinen Notizblock — vielleicht auch deinen starr auf den bewegten Vorgang stürzender Silberperlen gehefteten Blick.
Hörst du überhaupt etwas von den Menschen, die vorübergehen? Lebst du nicht vielmehr unter diesen Tropfen da, die, unzählbar, aus der Höhe nie- dersickern, durch den unersorschlichen, undurchdringlichen Wald bräunlich-schwarzen, grünlich-roten Gestrüpps? Dennoch kommen sie nach einer Reise von unaussprechlicher Dauer, einmal am Ziel an, hier unten, zahllos plätschernd — wieder vereinigt in dem quellenden Strom, aus dem sie sich trennten, verändert nun, gewandelt unb gleichwohl aufs neue verbunben zu einem einzigen, gemeinsamen Fließen, wohin, bu weißt es nicht.
Du weißt das so wenig wie auch nur das Geringste von Geheimnis eines einzigen dieser silbernen Tropfen, deren so viele sind, daß cs unmöglich ist, den Weg auch nur eines von ihnen zu verfolgen, unb obwohl jeder dieser Wege ein anderer ist. und keiner sich wiederholt. Du scheust bich nicht, bei biesem Anblick beincs eigenen Weges zu gebenfen, eines Menschenweges, ber nur einer ist von ungezählten unb doch wie keiner vor ihm verläuft und wie keiner nach ihm — aus dem großen, gemeinsamen Reservoir des dunklen unbekannten Jenseits von Zeit und Raum mit dem großen gemeinsamen Fluß in das andere unbekannte Jenseits von Zeit und Raum. Woher, wohin? Du siehst die Tropfen an, bie silbernen, bie, in ber Sonne glitzernb, ba herunterperlen — was bist bu mehr als einer von ihnen? Du siehst biefen bewegten Vorhayg silberner Perlen an, unb es wirb ruhig in bir, so ruhig, — daß bu vor lauter Stille bie Unterhaltung ber Leute nicht vernimmst, bie vorübergehen, noch bas vielstimmige Singen aus ber nahen Kinderschule, bas Rauschen eines Sägewerks, bas eilige Rollen und Schlittern ber Estenbahn. Die plätschernde Erlösung ber Silberperlen ist wie eine unendliche Melodie. Du möchtest sie bir einprägen. Nichts kann dein Lauschen stören in dieser Stunde ...
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