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Nr. 115 Zweites Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberheffenj Samstag, 17. Mai 1950

Spaziergang auf Malta

Eine recht aktuelle Angelegenheit

Don unserem römischen ^-Korrespondenten

Auf Malta, dem britischen Flottenstütz­punkt im Mittelmeer, ist in der Sprachen- srage ein Konflikt ausaebrochen zwischen der maltesischen Geistlichkeit, die für die italienische Sprache eintritt, und dem Premierminister Lord S t r i ck l a n d , Sohn eines Irländers und einer italienischen Mutter, der als Führer der Autonomisten- partei das Italienische durch das Britische verdrängen möchte Der Konflikt Hot be­reits dazu geführt, daß England für seinen als Botschafter nach Chile gehenden Ge­sandten am Datikan vorerst keinen Rach- folger ernannt hat > Malta, im Mai 1930

Ser Apotheker in Syrakus hat mir ein Mittel gegen die Seekrankheit verraten, ja, in seiner Herzensgute sogar mit einer Gebrauchsanweisung und der Versicherung verlaust, das sei überhaupt das einzige, garantiert echte und wirksame Prä­parat Man muh eine Tablette kurz vor und eine zweite kurz nach der Abfahrt nehmen, die wei­teren in je vier Stunden Abstand Dann kann einem nichts passieren

Ich weih nicht, wieso es kam, aber kurz nach der Abfahrt, ich hatte mich kaum schlafen gelegt, verwandelte sich die Tablette in eine Spirale, in eine endlose Schraube, wie der Techniker sagt, die sich ebenso um sich selber, wie auf- und ab­wärts bewegte, soweit ihr mein Innenministerium Bewegungsfreiheit lieh, wobei sie dessen ver­schiedene Abteilungen, vom Magen angefangen, der nach den Chinesen der Sih der Weisheit wäre, bis zu den Rebenräumen und Wandel- gängen. die merkwürdigerweise unter meiner Zunge endeten, neckisch mit herumdrehte, auf und ab. bis ich von einem schrecklichen Sah- ungetüm. das aus meiner Westentaschenschreib- maschine hervorgekrochen kam, melodisch abge­würgt, die ganze Mittelmeerpolitik kann sich zum Teufel scheren, diesem Gouverneur von einem Apotheker ..

Da blieb die Spirale plötzlich mit einer wunder­baren Erleichterung stehen, ich schaute er­wachend durch das fälschlich, aber konstant so genannte Bullauge und hatte einen geogra­phischen Eindruck. Sie können sich ganz leicht vorstellen, wenn Sie im Schulbuch den Atoll betrachten Das ist ein kreisrundes Korallenrifs und es liegt auf der Hand, daß ein von den wilden Wogen dort hineingeschleuderter Schiff­brüchiger in einer Badewanne zu sein glaubt

Und das war Malta

Wer das einmal erlebt hat. dem dämmert ein sechzigprozentiges Verständnis für die Mittel­mcerpolitik auf. wäre er auch ein blutiger Laie, und jede Stunde setzt er zehn Prozent zu, so daß ich ihm nach seiner Rückkehr aufs Schiff als voll­wertigen Malteser Epezialberichterstatter die ri­valisierende Hand drücken kann

Eine Reihe von Wasserbecken, jedes so ruhig wie eine Badewanne und so grob, dah ein Groß- kampsgeschwader darin manövrieren kann, um­schlossen von einem Riesenatoll gelber Fels­wände. an denen selbst die neuesten, vier Mann hohen Fliegerbomben zerplatzen würden wie die Wogen des Meeres so steht dieser natürliche Hasen als die Festung Grobbritanniens beherr­schend in der .Dölkertränke" Malta ist der Knopf, der die ganze englische Uniform zu­sammenhält Ein Gleichnis, das einmal der deutsche Kaiser für Helgoland gebrauchte, als die Engländer und ihre Apostel in Deutsch­land spotteten, er habe Sansibar für einen Hosenknopf hergegeben.

Ich bin im Kriege auf Helgoland gewesen und habe unterscheiden können, wer den weiteren

Blict hatte Ringsum war englisches Sperrgebiet, aber Dritannia beherrschte nicht einmal die Wel­len. die an das Bogcleiland schlugen. Die Offi­ziere liehen zuerst ihre Frauen und diese ihre Kinder kommen, um, den englischen Flugzeugen preisgegeben, am Badestrand zu baden, wie sonst in Friedenszeiten. Es kam kein feind­liches Flugzeug Wir Huben mit den Kindern herumgetollt, Sandburgen gebaut und Muscheln gesucht So sicher fühlten wir uns im englischen Schußbereich Ich fieberte nach dem Sesamwort, das mir dieses Geheimnis offenbaren könne. Und der Sieger vom Skagerrak. Admiral Scheer, lieh mir den Felsen öffnen und mich in seinem Inneren herumführen Da erkannte ich. da- sah und fühlte ich. dah sie dem Stein e i n Herz eingesetzt hatten Das Herz von Helgo­land ging laut wie eines Riesen Herz, es gab der kleinen Insel eine unberechenbare Stärke. Selber unverwundbar, scheuchte nicht sein Schlag, nein, schon das Wissen um die Dernich- tungsmöglichkeit seines Schlages Schiffe und Flieger Diese eingebauten Batterien schützten vier Jahre lang, ohne einen Schuh abfeuern zu müssen, die Weser-. Elbe- und Eidermündung, die gesamte deutsche Flotte, die sämtlichen Zu­fluchtsorte der Unterseeboote.

Richt anders M a l t a Rur alles nochrie- s e n h a s t e r Unüberwindlich.

Ich kletterte mit Ziegen die erste Felsenwand hinauf und geriet so in dieHauptstadt", La­va l e t t a Aus allen Strahen und Plätzen fielen mir merkwürdige erhöhte Scheiben auf, Deckel sozusagen, die an manchen Stellen förmlich in Reih und Glied standen. Drei Kutscher ver­suchten mich mit einem brandenden Sprachen- Potpourri in bte Landschaft zu entführen, ein Policeman geriet in ein ungewohntes Lächeln, das nach einer anderen Richtung wies, aber ich war nun einmal neugierig und wartete. Und siehe, es dauerte nicht lange, da kam Wagen um Wagen und es öffnete sich Deckel um Deckel und Ladung aus Ladung rauschte hinunter, ins Innere von Malta, in seinen unergründlichen Magen. In die Magazine, die Speicher, die Dorratskam­mern aller Art.

Malta ist hohl, wie Helgoland hohl war.

Es wird, nehme ich an, außer dem Magen auch ein s ch l a g e n d e s He r z haben.

Man dars aber aus die Bastei gehen und sogar durch die Kanone hindurchschauen. Ich weih nicht, ob das Ablenkung, Heuchelei oder Sicher- heitsproherei ist. Don der letzteren Tugend fin­det man jedensalls heute viele Ableger auf der Insel. Da und dort wird ein italienischer Stra­ßenname anglisiert und Zettelankleber hauen die Bonmots des Gouverneurs an die Wände- Mal­teser! Wollt ihr eine maltesische Dolksregierung oder eine Regierung italienischer Handlanger?

Aber die Geistlichkeit ist für Rom und Lord S t r i ck I a n d . der maltesische Premierminister, macht kaum ernsthafte, ich meine: nach Indien riechende Anstrengungen, um den Papst zu ent­thronen, dessen Interessen diesmal mit denen des Duce parallel laufen. Eine solcheLang­mut" ist nicht britisch, aber auf Malta begreift man sie rasch Jetzt kann mich eine Droschke ruhig herumfahren

Wir kommen auf die 'höchste Höhe, dort, wo die englische Fahne weht und die netten eng­lischen Offiziershäuschen stehen. Alles blitzblank, die Messingstangen vor den Haustüren, die Ge­schütze. die kleinen Läden. Reizend hierShop­ping gehen". Ganz anders als drunten im Ein­geborenen Hafenviertel, ilnb man spricht wie in London, während die Malteser ihre eigene Sprache haben. Die Italiener finden sie italie­nisch. Und folglich gehöre Malta zum ita­lienischen Kulturkreis. Daher Kamps, Kamps dem Unterdrücker. Worauf Lord Strick­land immer etwas von S ü d t i r o 1 murmelt. Dort seien genau so viele Menschen wie auf

Malta und sprächen so wenig italienisch wie die Engländer hier. Wenn Rom trotzdem sage, da- sei italienisches Land, warum solle dann Malta nicht english country sein? Die Römer ver­werfen diese Loaik, aber Großbritannien hat eine stärkere: seine Kanonen.

Als gehörten sie nicht dazu und wollten auf jeden Fall für sich sein, tragen die toeiblichen Inselbewohner, soweit sie nicht Engländerinnen

sind, eine Art gotische, schwarze Rische mit sich herum, die Faldetta. Da können sie sich hinein- kuscheln wie die Schnecke in ihr Haus. Sehe praktisch. Aber ich muß die Augen ossenbehal- ten. Und nach vier Stunden Fahrt habe ich ge­sehen: Schiffe, Speicher und Kanonen. Kanonen, Speicher. Schiffe. Richt gesehen. Malteserritter, Maltakartofieln und Maltcferbündchen. Es scheint sich da um unwesentliche Dinge zu handeln.

Schweres Hochwasser in Süddeuischland

Sic Isar in München, die durch die starken Regenfälle der letzten Tage starkes Hochwasser führt und an den Ufern überall schwere Verwüstungen anrichtet. Ebenso werden Hochwasser­schäden aus Oberbayern, Baden und der Schweiz gemeldet. Unser Bild zeigt das Rahen der Hochwasserwelle der Isar beim Deutschen Museum In München.

MdemLmienschiffHeffen"inSüdspanim

Briefe von der Auslandausbildungsreise der deutschen Flotte.

Don H. Wittig, Leutnant zur See an Dort) LinienschiffHessen"*.

öigene Sonderberichterstattung für denGießener Anzeiger".

Alicante.

In See hat der deutsche Flottenchef die Linienschiffe detachiert.Schlesien" undHessen" besuchen unter dem Oberbefehl des Be­fehlshabers der Linienschiffe die spanische Stadt Alicante, die an der Südostküste Spaniens liegt. Die Linienschiffe müssen we­gen ihrer Gröhe auf der Reede zu Anker gehen Rachdem die offiziellen 'Besuche mit den Behörden und den Vertretern des Deutschen Reiches gewechselt sind, wird der Verkehr mit dem Lande erlaubt. Mit dem ersten Boot be­gibt sich unsere Postordonnanz an Land, um die von allen sehnlichft erwarteten Postsäcke aus der Heimat zu holen. Bald umlagern viele kleine Boote von spanischen Händlern die Fallreeps der deutschen schiffe, und der deutsche Seemann ersteht für wenige Centimos sich die süßen Früchte des Landes.

Die Reede von Alicante eröffnet einen weiten

Dgl. auch Rr. 99 des Gießener Anzeigers vom 29. April.

Blick auf ein vor uns liegendes Dergland. Rur unten an bet Küste sind einige Ansiedlungen, unter denen die Stadt Alicante mit 70 000 Ein­wohnern die größte ist. Mitten aus dem Häu­sermeer, unter denen einige prächtige Bauten an der Strandpromenade hervorragen, erhebt sich, ähnlich der Akropolis in Athen, ein Felsblock, der oben zu einer Feste, der Santa Barbara,» ausgebaut ist. Diese beherrschte mit ihren Ka­nonen früher die ganze llmgegenb. Heute kün­den nur noch Ueberrcfte ihrer alten Mauern und Zugbrücken von einstiger Stärke und Un- einnehmbarkeit. Die Stadt Alicante selbst besitzt schone, tveite, mit Palmen bepflanzte Straßen und macht einen wohlgepflegten und sauberen Eindruck. Umgeben ist sie eigentlich durchweg von ff einigen -Bergen; nur hin und wieder geben einige grüne Palmenanpflanzungen Kunde von der südlichen Lage des Ortes. Hinten am Hori­zont erhebt sich, romantisch zerklüftet, eine hohe Bergkette, die Ausläufer der Sierra Revada.

Don allen Seiten der Bevölkerung werden die Deutschen an Land freundlich begrüßt. Die Pier, an denen die deutschen Urlauberboote anlegen,

Der Mann vom Montmartre.

Don Karl Zedrrn.

Cs war in einem üppigen, glückerfüllten Som­mer aus Capri, lange vor dem Krieg. Die große Zahl der Fremden hatte die Insel verlassen, wir wohnten in dem einsam gewordenen Hotel Pagano mit seinen großen, von Blumen über­wachsenen Terrassen und der schlanken Palme in der schmalen Gasse vor dem Eingang. Die schwere Hitze lähmte bei Tag, des Morgens ging man zum tiefblauen Meer zum Bade hinab oder sonnte sich im heißen Sand, an den Klippen des Monte Solaro, dann ruhte man in den kühlen Räumen, bis der Abend zu Spaziergängen in den schattig gewordenen, durchdufteten Wegen ober aus bie kleine weihe Piazza unter bem flammenben Sternenhimmel ober zu Barkenfahrten aus bem schimmernden Meer um Felsen und Grotten lud. Oder man traf sich beim Kater Hiddigeigei obenan an bem langen Tische saßen bie noch an- wefenben Bürger und tranken Sekt, wenn ihnen so zumute war. Je weiter unten am Tische, desto mehr Boheme ward die Gesellschast. Künstler und Schriftsteller, bie bie Insel nicht verlassen konnten, 'tocil sie längst mit ihrer Barschaft zu Ende uiib\AU viel schulbig waren und die auf irgendein Wunder warteten; dann schöne junge nordische Künstlerinnen, die im Gegensatz zu den Männern sehr vorsichtig mit ihrem Gelde um­gingen und nur öagcblmben waren, um zu malen ober ben anbem zuliebe. Beide Tischenden betrachteten einander mit einem gewissen Miß­trauen, die einen, tocil sie angepumpt zu werden fürchteten, die anderen, weil sie voraussahen, dah dies vergeblich sein würde, und weil sie die Bürger überhaupt verachteten. Diese wieder fühl­ten nicht ohne Empörung den Hohn des gelb- und respektlosen Volkes. Aber biefe Spannung war wenig merklich, weil die einen ben Spott zügelten und bie andern sich zu gut unterhielten, und weil wir vermittelten, meine Gattin und ich bie in der Mitte sahen und beiden Gruppen angehörten, zur einen, weil wir unsere Hotel- rechnung regelmäßig bezahlten, zur andern durch den Beruf, bie freien Anschauungen unb bie Fröhlichkeit.

Welche übermütigen Tage unb Rächte haben wir da verbracht. Kleine Feste in improvisierten Kostümen wurden in den kühlen Sälen gefeiert Einmal fuhren ihrer drei nach bet Blauen Grotte ein junges Paar unb ein Freunb. der ein treff­licher Schwimmer war. In der Grotte faßte ihn bie Lust nach bem ungewöhnlichen Erlebnis rasch entfleibet sprang er ins Wasser und schwamm unter bem Boote durch. Die beiden andern benützten dies, um sich zu küssen.Rein,

wie du herrlich tauchst", sagten sie, als er wieder hervorkam,unb wie silbern bu glänzest, du phosphoreszierst geradezu, es ist zu schön, du mußt es noch einmal machen!" und sechs- bis achtmal ließen sie mit falschem Lobe den Ge­schmeichelten fein Kunststück wiederholen und unter ihr Boot tauchen; sowie fein Kops im Wasser verschwand, schlossen sie Augen unb Lippen, bis ein Sprubeln sie warnte, bah er wieder auf- tauchte.

Seltsame Existenzen lebten auf der Insel; wirk­lich begabte Leute, so ein österreichischer Maler, der später entdeckt unb berühmt wurde; ursprüng­lich ein einfacher Arbeiter, der den Winter in einet Höhle verbracht hatte, mit einer Decke, einem Schnellsieder und einer Lampe als Haus­gerät. Andere, die nicht begabt waren, lagen wie Spinnen auf der Lauer nach vorübergehen­den Engländerinnen oder Amerikanerinnen, sie zu malen, zu modellieren, vielleicht zu heiraten. Der eine, ein Italiener, verlieh sich auf seine Schönheit, andere auf ihre Frechheit. Ein lang­haariger Holländer hatte fein Atelier an der Bergstraße und verkaufte Butterbrote und Wer­mut an durstige Spaziergänger, in der stillen Hoffnung, vielleicht einmal auch ein Bild anzu­bringen.

Diese Leute blieben unserer Gesellschaft von selber fern. Aber eines Abends kam Balder, einer der jungen Schriftsteller, derselbe, der so gut zu tauchen verstand, unb meldete, er habe eine Entdeckung gemacht, einen Mann, der wür­dig sei, in unfern Kreis aufgenommen zu wer­den nach seinem ganzen Erscheinen unb Auftre­ten sei er zweifellos em Montmartrier, was, wie man weih, den höchsten Abe! ber Boheme be- bcutete Er zeigte uns ben Fremden, der an einem kleinen Tische sah und eine Grenadine trank Er sah in der Tat gut aus, hatte blaue Augen und einen feinen blonden Bart, einen nicht leicht zu deutenden ruhigen Ausdruck Er trug einen tadellosen Anzug, aber keinen Kragen und ging mit bloßen Füßen, unter die er San­dalen gebunden hatte Der Mann mußte etwas sein. Balder hatte ihn gegen die' Steinwürfe sittenstrenger Inselbewohner verteidigt, als er ohne Schwimmanzug zu baden versucht hatte. Wir gaben die Erlaubnis, ber anbere ließ sich nicht bitten, setzte sich ganz natürlich an die untere Seite des Tisches unb schlürfte seine Gre- nabine zu Ende Wir erfuhren, baß er Russe war. aber tatsächlich aus Paris kam, in Rom, in Florenz unb überall gewesen war unb jetzt an der großen Warina in einem weitläufigen Stern­gebäude inmitten eines großen Parks wohnte Seinen Beruf verriet er nicht. Er liebe es, sagte er, den Sommer in heißen Ländern zu

verbringen, den Winter in Eis und Schnee. Er wolle alles aus dem vollen genießen.

Gegen Mitternacht trafen wir Balder in einem kleinen Cafe wieder Die Rocht war so schwül, daß wir durstig geworden waren unb eine Flasche Asti unb Kaviarbrote bestellten. Wir luden bie andern ein, aber der Mann von Montmartre verzog das Gesicht.Das Kaviar? Da bedauere er, nicht mithalten zu können, er als Russe wisse, was Kaviar sei, in seiner Heimat esse er ihn pfundweise, und was für Kaviar und was für andere Gerichte, unter denen die Tische sich bogen. Und dieser Wein hier Er sprach von Weinen, die er in Paris, in Ruza zu trinken pflegte. Wir sahen, wie Balder lauschte: er schien transsigurlert. Es war ein Uhr. als der Fremde, wohl ein wenig degustiert, von unferer Anspruchslosigkeit, das Kaffeehaus verlieh.

Da erst legte Balder los Mit strahlenden Augen erzählte er: der Mann sei nicht, was er scheine, er lebe zwar in Paris, aber nicht auf dem Montmartre, auch nicht, wo die soli­deren jungen Künstler wohnen, auf dem Mont- pamaffc. er steige nur im Carlton ab. Um von Paris auszuruhen, sei er hierhergekommen, aber schon in wenigen Tagen verlasse er die Insel, um eine Weltreise anzutreten, zunächst nach Aegyp­ten. dann nach dem Kaukasus, nach Turkestan und tiefer nach Asien hinein Er habe Kara­wanen in seinen Dienst genommen, und nun komme das Schönste er habe zwar Kamele genug, aber noch keinen Sekretär, und so habe er ihn aufgefordert, als Sekretär mit ihm nach Afrika und Asien zu gehen, mit freier Reise und einem nicht großen, aber doch sehr anständigen Ge­halt Endlich, endlich könne er von der ver­fluchten Insel fort und den Orient sehen, was er sich immer gewünscht hatte.

Es tat uns leib, den übermütigen unb unter­mal tenben Gesellen zu verlieren, aber wir gönn­ten es ihm Wann es losgehe? Vermutlich schon in den nächsten Tagen, der Russe habe in Reapel zu tun und werde ihm von dort tele­graphieren Und er ging, um sich Reiseträumen yinzugeben und Reisevorbereitungen zu treffen.

Drei bis vier Tage sahen wir ihn nicht. Dann rollte ein keines Gerücht durch die Insel Und dann kam er niedergeschlagen: keine Racch- richt war eingetroffen. Da war er nach dem Hause des Russen gegangen, um nach ihm zu fragen Schimpfend hatte der Besitzer die Gitter­tür zugeschlagen seit Wochen lebe der Fremde da unb fresse seine Feigen unb anderen Garten- früchte weg und sei ihm die Miete schuldig. Dicht einmal Strümpfe oder ein Hemd besitze er. Sein schwerer Reisekoffer, ben niemand zu heben vermocht hatte, war leer imb von innen mit

einem Hagel am Boben befestigt. Derwichene Rächt sei der Lump heimlich über die Garten­mauer und davon Wie er über das Wasser ge­kommen sei, wisse er nicht ...

Der Traum vom Orient war vorbei, der vom Montmartre war nicht viel wert. Wir lachten, und Balder mitEr hat eben doch nur Kamele gesucht!" sagte er mit Delbstironie und schlenderte an den Strand hinab, wo er im Wasser Purzel­bäume schlug, um dem Schicksal trotzig seine Kehrseite zu zeigen

Gastspiel im Siaditheaier.

In der gestrigen Ausführung desC l a o i g o spielte Herr Walter Bäuerle vom Deutschen Theater in Riga die Rolle des Carlos auf Engage« m<nt. 3m hiesigen Ensemble gab Herr Hais den Carlos; der Gast hatte demnach gegebenenfalls des­sen Rollenrepertoire zu übernehmen Da dieses wie- herum kaum eindeutig zu umschreiben ist, läßt sich nach einem einmaligen Auftreten natürlich nicht oiel sagen. Allerdings auch nichts, was gegen eine Ver­wendung am Stadttheater spräche Herr Bäuerle verfügt über eine vorteilhafte Bühnenerscheinung, ein wohlklingendes, tragfähiges, gepflegtes Organ und einen sauberen, kultivierten Darstellungsstil. Er gibt die Rolle im ganzen zurückhaltender, geistiger, nachdenklicher als der einheimische Vertreter, dessen ausbrechendes Temperament uns allerdings gerade in derClaoiao"-Aufführung den flatteren Eindruck gemacht hat lieber den vollen Umfang seines kön­nens kann man sich natürlich mit einer einmaligen andeutenden Probe nicht ausweisen; sollte ein Ab­schluß zustandekommen, wogegen nichts einzuwen- den wäre, so müßte man abwarten, wie weit die Fähigkeiten des Herrn Bäuerle dem vermutlich recht vielseitigen Aufgabenkreis entsprechen, der ihm hier zugedacht sein dürfte.y

Lochschulnachrichten.

Der ordentliche Professor ber Archäologie an ber Universität Jena Dr. Camlllo Prasch- n i k e r hat einen Auf an bie Universität Wien erhalten unb zum kommenben Wintersemester an­genommen.

Der Ordinarius für Botanik unb Direktor des Pflanzenphysiologischen Instituts an der Universität Berlin Dr. Hans Kniep hat ben an ihn vor einiger Zeit ergangenen Ruf an die Universität Freiburg i. Br. als Nachfolger von Friedrich Oltmanns angenommen. Amtlich wird die Ver­setzung des Historikers ord. Professor Dr Robert Holtzmann von der Universität Halle a. d. S. in gleicher Eigenschaft an die Philosophische Fakul­tät der Universität Berlin bestätigt.