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Nr. 64 Zweites Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen) Montag, 17. März 1930
Oer Volkstrauertag in Gießen.
-Am gestrigen Sonntag wurde in unserer Stadt wiederum, wie schon in den bisherigen Jahren, in würdiger Weise der im Weltkriege gefallenen Brüder gedacht. Bereits am Samstag hatten Vorstandsmitglieder der unter dem Vorsitz von Landgerichtsrat Trümpert arbeitenden Bezirksgruppe Gieh en des Volkskunde« Deutsche Kriegsgräberfürsorge auf dem Heldenfriedhof, sowie aus der Ruhestätte der in Gefangenschaft gestorbenen Soldaten auf dem Reuen Friedhof, ferner am l Iber- Denkmal auf dem Landgraf Philipp-Platz und am Gefallenen-Denkmcrl in der Chrenhalle des älniversitätsgebäudes Kränze niedergelegt. QIn öffentlichen Gebäuden der Stadt waren gestern die Fahnen in den Reichs- und in den Landesfarben auf Halbmast gehißt, und in den stark besuchten Gottesdiensten wurde gleichfalls der in dem Ringen auf den Schlachtfeldern und daheim in den Lazaretten verstorbenen Brüder gedacht. Don 13 bis 13,15 Llhr ertönte von den Kirchen zu Ehren der Gefallenen feierliches Trauer- geläute.
Oie Gedenkfeier in der Aula.
Wie bisher alljährlich veranstaltete auch gestern die B e z i r k s g r u p p e Gießen des Volksbundes Deutsche Krieg sgrä- berfürsorge in der Reuen Aula der Universität eine Gedenkfeier z u Ehren unserer gefallenen Krieger, die einen außerordentlich eindrucksvollen Verlauf nahm. Der große Saal war bis zum letzten Platz gefüllt, die Reichs-, Landes» und Kommunalbehörden waren durch ihre Leiter vertreten. Damen und Herren aus allen Bürgerschichten vereinten sich zu dieser Ehren- und Dankeskundgebung für unsere Gefallenen, feierlich-ernste Stimmung erfüllte die Teilnehmer.
Pünktlich um 12 Ähr eröffnete der Bauer- s ch e Ges angverein unter der Leitung feines Ehormeisters Gorlach die erhabene Feierstunde mit dem packenden und künstlerisch hochstehenden Gesang des Glockenliedes von Lendvai. Anschließend brachten Frau Dr. Fischer (Klavier), Musiklehrer Franz Bauer jr. (Violine). Helmut Bayers dorf (Violine) und Heinz Eger (Cello) in feiner Weise ein Largo aus einer Sonate von E. F. d'Allabaco zu Gehör. Hierauf folgte die
Gedenkansprache des Llniverfitäis-Profeffors Dr. Eger, deren Schlichtheit, tiefe Innerlichkeit und aus starkem Selbsterleben kommendes Bekenntnis zur dankbaren Kameradentreue und -liebe ein gewaltiger Appell an die Herzen der Zuhörer war, dem wir hier zur weiteren Wirksamkeit auch über den Kreis der Feierstunde hinaus Raum geben. Der Redner sagte
Zu einer ernsten Feierstunde haben wir uns hier zusammen gefunden.
Unserer Toten wollen wir gemeinsam ge- denken der Gefallenen, die im großen Krieg ihr Leben für uns dahinaegeben haben.
Schlicht und einfach soll dies Gedenken sein — wie auch die, derer wir gedenken, empfunden haben angesichts der Majestät des Todes
Aber ganz sollen ihnen unsere Gedanken jetzt gehören. Wir wollen uns obschließen gegen die Außenwelt: nicht nur diese Mauer von Stein, die uns umgibt, soll uns scheiden von dem Lärmen und Hasten da draußen.
In dieser stillen Stunde der Erinnerung und Besinnung wollen wir in uns hineinschauen, wollen
Die gefiederte Schianse.
Roman von Edgar Wallace.
1 Fortsetzung. Nachdruck verboten
Das ®dfc dc Reims, eine Tanzdiele, war die letzte Attraktion Londons. Das Lokal war bekannt wegen seiner vorzüglichen Küche, und Ella speiste dort mit ihrem Begleiter zu Abend. Der langweilige, junge Mann, der sie eingeladen hatte, war der Inhaber einer großen Wollfirma. Er hätte sie auch gerne um zwei üfjr morgens nach Hause begleitet, aber Ella hatte eine plötzliche Anwandlung von Schicklichkeitsgefühlen und lehnte seine Begleitung ab. Ein schönes, kleines Haus in St. Iohns Wood, 904 Arcacia Road, war ihr Wohnsitz. Das Grundstück war von der Straße durch eine hohe Mauer getrennt, in der sich ein kleines Zugangsportal befand. Ein mit Fliesen belegter und mit Glas gedeckter Gang führte von dort zu der eigentlichen Haustür.
Rachdem sie ihren Chauffeur verabschiedet hatte, trat sie durch die äußere Tür und schloß von innen zu Ein Blick zu ihrem erleuchteten Zimmer sagte ihr, daß ihr Mädchen auf sie wartete. Sie ging zwei Schritte vorwärts...
„Wenn Sie schreien, drehe ich Ihnen das Ge- nik um!"
Zischend trafen diese Worte ihr Ohr und sie blieb starr vor Schrecken stehen. Aus den dunklen. Sträuchern, die den Zugangspfad umsäumten, tauchte eine große, breitschulterige, drohende Gestalt auf. Das Gesicht konnte sic nicht sehen, da es von einem schwarzen Taschentuch halb bedeckt war. Plötzlich bemerkte sie weiter hinten noch eine Zweite Gestalt. Ihre Knie wankten.
Sie öffnete die Lippen, um zu schreien, aber eine große, schwere Hand legte sich auf ihren Mund.
„Wollen Sie wohl gehorchen?! Ich erwürge Sie. wenn Sie Lärm machend
Dann wurde es Ella Creed schwarz vor den Augen, und sie. die so oft eine Ohnmacht vorgetäuscht hatte, wurde zmn erstenmal in ihrem Leben wirklich ohnmächtig.
Als sie wieder zu sich kam. sand sie sich in sitzender Stellung gegen die Haustüre gelehnt. Die Leute waren verschwunden und ebenso ihre Perlen und ihre Smaragdspange. Es wäre ein gewöhnlicher llebersall gewesen, wenn nicht ein besonderer Umstand dazugekommen wäre. Als sie sich rührte, sah sic. daß eine Karte an einer Schnur um ihren Hals hing, ilnö darauf sah sie das Bild der gefiederten Schlange.
2.
„Glücklicherweise trug Ella Creed nicht ihre Juwelen, sondern täuschende Imitationen, so daß den Schurken bei dem lleberfakl keine kostbaren
wir wieder lebendig werden lassen das für uns Menschen so gewaltige Geschehen des großen Krieges, das uns im Innersten aufgewühlt, das jeden einzelnen von uns vor die tiefsten, letzten, allmcnsch- lichen Fragen gestellt hat.
Eine lange — an unserem kurzen Menschenleben gemessen lange Spanne Zeit liegt ja schon zwischen dem Heute und dem großen Erleben und großen Sterben. Fast sechzehn Jahre sind seit seinem Bc ginn, über elf Jahre seit seinem Ende dahingegangen.
Für wie viele, die jene Zeit bewußt miterlebten, scheint die Erinnerung daran beinahe ausgelöscht zu sein. Ja, wie vielen selbst, die mitten drin in Kampf und Todesnot gestanden haben, erscheint jenes Erleben manchmal nur noch wie ein Traum, so daß die Erinnerung daran nur dann in ihnen ganz wach wird, wenn sie im Gespräch mit den Kameraden, die schweren, gemeinsam ertragenen Stunden wieder erwecken. Das Leben, das des einzelnen und das der Allgemeinheit fordert sein Recht: hierfür heißt es sich mühen und sorgen — und diese Sorge des Alltags drängt auch für den ernsten Menschen den Gedanken an das Vergangene zurück.
Aber ist es nicht doch, als ob gerade jetzt.— nachdem man einigen Abstand gewonnen hat — eine Welle der Erinnerung an den Krieg und sein Er leben über die Well ginge?
Und dürfen wir denn überhaupt vergessen? Was war es denn, was uns, als wir einst ins Feld hinausgezogen find, einen inneren Hall gab bei dem Gedanken? daß wir vielleicht nicht zurückkehren sollten? War es nicht mit anderem auch die feste Zuversicht,! daß wir nicht vergeßen sein, daß wir weiterleben würden — als einzelne in den Herzen unserer Angehörigen — aber auch als Glieder des Ganzen, zusammen mit all den anderen, denen auch der Tag der Heimkehr versagt sein würde, in dem Gedächtnis unseres Volkes? Ergibt sich daraus nicht die Pflicht — besonders für uns Heimgekehrte, aber auch für alle anderen Glieder des deutschen Volkes —, nicht zu vergessen, sondern das Gedächtnis an die (befallenen zu bewahren, es immer wieder von neuem zu wecken und auch als sichtbares Zeichen dieses Gedenkens ihre Gräber, in denen sie, fern von der Heimat, ruhen, in Ehren zu halten?
So wollen wir auch heute gemeinsam unserer Toten gedenken, uns daran erinnern, was wir ihnen schuldig sind — ihnen, die für uns das größte Opfer gebracht haben, die hingetreten sind vor das große, dunkle Tor des Todes, an dem unser menschliches Wissen endet, über dessen Schwelle nur der Glaube den Gläubigen begleitet.
Sie haben das größte Opfer gebracht, dessen ein Mensch fähig ist. Das soll man nicht verkleinern, indem man Worte nachspricht wie dieses, daß es mitunter schwerer fei für das Vaterland zu leben, als dafür zu sterbest!
„Sagt meiner Frau, das Sterben ist mir nicht leicht geworden" — das waren die letzten Worte des Lairdwehrrnanns, der bei dem Vorgehen in der Schlacht bei Vitry le Franyols als erster in unseren Reihen fiel — wer sie vernommen hat, wem sie sich unauslöschlich in das Gedächtnis ehigegrabcn haben, der weiß, wie unrichtig solche Sentenzen find.
Und nicht nur eine einmalige Hingabe ist es ge- wesen, wofür wir Tausenden und aber Tausenden der Gefallenen zu danken haben. Von allen grausigen Schrecken des furchtbaren Kampfes umgeben, den fast sicheren Too vor Augen, die Nerven bis zum Zerreißen gespannt, haben sie immer und immer wieder von neuem ihr Leben eingesetzt — wahrlich, schier Unmenschliches haben sie vollbracht.
Es steht mir ein Bild vor der Seele — aus der Winterschlacht in der Champagne. Eine Kompanie
Schmuckstücke in die Hände fielen. Die Polizei ist im Besitz der Karte mit der rohen Zeichnung einer gefiederten Schlange. Stündlich erwartet man eine weitere interessante Entwicklung dieses Falles."
„Das ist also die Geschichte", sagte der Rachrichtenredakteur des „Postkurier" mit der Selbstzufriedenheit. die charakteristisch für Leute seines Schlages ist. wenn sie ihre Untergebenen ausschicken. um unmögliche Aufgaben zu lösen. „Die gefiederte Schlange macht diesen Fall besonders interessant, so daß er fast einem sensationellen Roman gleicht."
„Warum engagieren Sie sich denn nicht gleich einen sensationellen Romanschriftsteller für die Berichterstattung?" fragte Peter Dewin naserümpfend.
Er war ein großer, nachlässig gekleideter, junger Mann und hatte einen etwas vornüber geneigten Gang. Wenn er sich gut frisierte und im Frack erschien, was bei gewissen Gelegenheiten selbst gegen seinen Willen nicht zu umgehen war, sah er äußerst schmuck und schneidig aus, aber niemand wagte ihm das zu sagen. Er hätte ihm sofort den Schädel eingeschlagen. Auf der Redaktion des „Postkurier" hieß es von ihm, daß er das Verbrechen um des Verbrechens willen liebte, und daß er sich den Himmel so vorstellte, daß man dort in der Woche sieben Tage lang als Detektiv herumlief und alle Ewigkeit hindurch die wunderschönsten und schauerlichsten Mordgeschichten aufspürte.
„Das ist ein Stoff für einen Schauerroman, der nicht in die Seiten einer anständigen Zeitung gehört", sagte er entrüstet. „Eine gefieberte Schlange! Hm Gottes willen! Ich wette, daß diese Creed sich irgendeinen Thea ter tri ck aus- gedacht hat, um wieder einmal in der Oeffent- lichkeit genannt zu werden. Die würde selbst aus einem Ballon springen, um Reklame für sich zu machen!"
„Ist sie denn jemals aus einem Ballon gesprungen?" fragte der phantasielose Rachrichtenredakteur plötzlich äußerst interessiert.
„Rein," sagte Peter laut, „sie hat vielleicht gesagt, daß sie es tun wollte, aber sie hat bisher keine so heroische Tat aus geführt. Im Ernst. Parsons, würden Sie diese Geschichte nicht lieber dem Theaterkorrefpondenten übergeben — der könnte sich da einmal richtig loslassen!"
Mr. Parsons zeigte böse auf die Tür. Peter hatte schon feine Erfahrungen als Iournalist gemacht und wußte genau, wie weit man einen Rachrichtenredakteur ärgern darf, ohne Gefahr zu laufen. Er schlenderte deshalb zu dem Reporterzimmer zurück und klagte seinen mitfühlenden Kameraden sein Leid.
Eins stand bei ihm fest — keine Schlange, mochte ftc nun gefiebert sein oder nicht, sollte
des Nachbarregiments hielt einen Graben, der von allen Seiten von dem Feind umklammert u d der namentlich durch die feindlichen Minen zur Hölle geworden war Verwundete mit furchtbaren Verletzungen wurden aus diesem Abschnitt durch unteren Graden weggebracht: endlich war jene Kompanie nach schwersten Verlusten abgelöst worden. Aber kurze Zeit daraus zogen dieselben Männer wieder durch unseren Graben in ihre alte Stellung. Langsam und schwer war ihr Gang — todernst, ober entschlossen der Ausdruck des Gesichts. So schritten sie schweigend dahin wieder in Not und Tod, verbunden durch das Bewußtsein der Zusammengehörigkeit, der Kameradschaft — geleitet von dem Gefühl der Pflicht.
Und viele haben ja nicht nur unter dem eisernen Zwange des „du mußt" ihre Pflicht getan. Sie haben sich in schwersten innersten Kämpfen durchgerungen, sich selbst überwunden. „Was gilt das Leben des einzelnen in solchen Tagen" — so heißt cs in dem Brief eines gefallenen Studenten — ,,und können wir es besser verwerten, als indem wir es aufgehen lassen in der allgemeinen Opferbereit- schaft? Das sind vielleicht banale Reden und Binsenwahrheiten: aber ihren innerlichen Wert und ihre Wahrhaftigkeit erkennt man oft, wenn man die Probe bestehen muß. Der Tod ist wohl bitter, aber man kann ihn schon vorher innerlich überwinden. .Solchen innerlich starken Menschen hat nicht nur die Angst ein Gebet um Hilfe und Bewahrung in furchtbarer Not entpreßt — sie vermochten — soweit sie gläubig waren — zu sprechen: „Herr, dein Wille geschehe: nicht wie ich will, sondern wie du willst." — So war auch für sie alle das „du mußt" zu einem „du soll st", zu einem sittlichen Gebot geworden. Sie haben sich zur inneren Freiheit durchgerunaen, haben in freiem Entschluß dasOpfer ihrer selbst, wenn es fein sollte, auf sich genommen — einfach und schlicht und gerade deshalb als wahre Helden — die erfüllt wurden auch von dem ahnenden Schauer vor der Ewigkeit, der sie überkam, wenn sie des Nachts aufücftcn zu dem gestirnten Himmel, der sich über ihnen wölbte, über ihrem Graben, über Freund und Feind, über der ganzen, kleinen Erde, die wir Menschen manchmal überheblich die Welt nennen. —
Und warum haben sie dieses Opfer auf sich genommen? „Es ist für mich ein Kampf um eine Idee, die Fata Morgana eines reinen, treuen ehrlichen Deutschlands, ohne Schlechtigkeit und Trug"... Wer ist nicht im Innersten bewegt, gepackt, erschüttert, wenn er diese Worte in dem Brief eines Gefallenen lieft — jetzt lieft, da ihn so viel Unehrlichkeit, so viel kleinliche Selbstsucht, so viel rote Begierde nach oberflächlichstem Lebensgenuß umgibt? Wie klein, ja wie erbärmlich und verächtlich erscheint so vieles, was wir heute um uns sehen, gegenüber diesem hohen, durch den Opfertod in seiner Wahrheit und Echtheit besiegelten Streben!
So sind denn diese Opfer umsonst gebracht worden? Ist es wirklich nur eine Fata Morgana, ein in nickts zerrinnendes Trugbild gewesen, um das dieser und mit ihm tausende gestritten, gelitten, geblutet und sich verblutet haben? Nein, sagen wir aus voller Ueberzeuming: diese Opfer sind nicht vergebens gewesen. Diese Männer und Jünglinge haben nicht nur die eine große Tat vollbracht daß sie mit- geholfen habe, den übermächtigen Feind jahrelang von den Grenzen des Vaterlandes abzuwehren — eine gewaltige Leistung unseres Heeres, der man sich mit ihren Folgen im allgemeinen viel zu wenig bewußt ist und für die man ihm deshalb auch viel zu wenig Dank weiß — wie wäre es denn geworden, wenn es unseren Gegnern gelungen wäre, von Osten und von Westen den verwüstenden Krieg in unstr Land hilseinzutragen? —
Diese Gefallenen haben aber auch einen Samen ausgestreut, der aufgehen und gute Frucht bringen wird. Sie haben in ihren Worten, die echte Opfer-
die llrsache werden, seine Stellung aufzugeben. Er hatte die mehr oder weniger zuversichtliche Hoffnung, daß auch fein Ches von bemfclben unbeugsamen Willen beseelt war. Aber wenn er Besorgnisse in dieser Beziehung hatte, so waren sie vollständig unbegründet.
Wenn Tradition und Instinkt bei einem ein- unddreißigjährigen, begabten jungen Mann in Widerstreit geraten, so wird die Tradition unterliegen.
Bekanntschaften mit fremden Leuten in Teestuben sind immer mit einer gewissen Gefahr verbunden. Wenn man zu einem andern sagt: „Darf ich Ihnen vielleicht den Zucker reidjen?“ so ist das kein vollwertiger Ersatz für eine formelle Vorstellung.
Daphne Olrohd dachte hierüber nach, als sie an einem grauen Rovembernachmittag langsam einem behagliches Plätzchen im Astoria-Hotel zusteuerte. Formelle Vorstellungen garantieren auch keineswegs gutes Betragen. Wer es stand bei ihr fest, daß Peter Dewin ein anständiger Mensch war. Don ihm war sie viel mehr überzeugt als von Leicester Crewe oder seinem Freund mit den schiefen Blicken und den unangenehm roten Backeü.
Sie machte sich nichts daraus, ob sie sich etwas dabei vergab oder nicht, als sie die Aufmerksamkeiten Peter Dewins annahm. Denn sie beurteilte die Menschen nach ihren eigenen Wert- begriffen. Ein feines Gefühl sagte ihr, daß der hochgewachsene Mann mit der nachlässigen Fri° für deshalb nicht schlechter über sie dachte, weil fie ohne Zögern seine Einladung zum Tee in einem öffentlichen Lokal angenommen hatte.
Peter Dewin stand mitten in dem Palmenhof des Hotels und schaute ängstlich wartend auf die Drehtür, als sie eintrat.
„Ich habe einen Tisch ausgesucht, der möglichst weit von dieser niederträchtigen Kapelle entfernt ist. Ich kann diese ewige Musik nicht leiden. Oder ziehen Sie vielleicht die Rähe des Orchesters vor?"
Er führte fie zu einem Eck tisch und rief ihr über die Schulter allerhand Bemerkungen über Leute und Dinge zu. die sie belustigten.
„Alle Leute kommen ausgerechnet am Samstagnachmittag hierher ... natürlich freier Eintritt ... der schreckliche Kerl dort drüben mit seiner ausfallend bunten Weste ist ein Falschspieler. gerade jetzt eben von Reuyork zurück- gekommen ...“
Es war eine seiner Eigenheiten, kleine Nebensächlichkeiten mit bedeutenden Gesten zu betonen. Es schien ihr fast, als ob fie hinter einem lebenden Signalmast herginge.
»Hier sind wir — nehmen Sie doch, bitte, den niedrigen, bequemen Sessel." Er schob ihn für sie zurecht. „So."
bereitschaft bekunden, in ihrem Handeln und ihrem Sterben ein Vermächtnis hinterlassen, das dieselbe Kraft entfalten wird, wie die Zeugnisse von Märtyrern. In ernsten Stunden der Einkehr und der Sammlung werden sie in uns und in kommenden Geschlechtern weiterleben als die Verkörperung höchster Pflichterfüllung, des Opfermutes und der Liede zu Heimat und Volk. Sie sollen und werden stets daran mahnen, daß höher steht und erhebt als aller zeitlicher, materieller Gewinn das Bewußtsein, sich einzusetzen für eine große, erhabene «ache, ohne nach eignem Vorteil zu fragen — mit seiner ganzen Persönlichkeit. Und diese Mahnung wird im deutschen Volk, dem diese Mahner je selbst entstammen, nicht ungcljört verhallen.
In heiligem Ernst wollen wir in dieser Stunde erneut die Erinnerung an ihren Opfertod in uns aufnehmen, ihn mit all seiner lastenden Schwere auf uns einwirken lassen, damit er sich tief in unser Gedächtnis eingrabe und in uns, in unserem Denken und Handeln weiter wirke.
Lassen wir noch einen Gefallenen zu uns sprechen, dem es gegeben ward, für seinen letzten Wunsch tiefe, ergreifende und doch schlichte Worte zu finden in einem Brief, den er am Abend vor seiner tödlichen Verwundung niederschrieb:
„Und so lösche ich denn mein Dasein aus in Gedanken am Vorabend der furchtbaren Schlacht und denke mich selbst hinweg aus dem teuren Kreise, dem es als geliebtes Glied angehören durfte. Auck die Lücke, die ich hinterlassen würde, muß sich schließen — der unendliche Reigen der Geschöpfe läßt sich nimmer beirren — ich segne ihn, ein winziges Glied, das ihm angehörte, in alle Zukunft! — Und bis in Eure letzten Tage gedenket mein, ich bitte Euch, in milder Liebe, ehrt mein Gedächtnis, ohne es zu übergolden, und bewahrt mich in treuen, zärtlichen Herzen."
Ehre ihrem Gedächtnis! In Dankbarkeit und Treue wollen wir es bewahren und uns geloben, so zu handeln, wie es dieses Opfers würdig ist!
Mit dem feierlichen Gesang des „Sanctus" Don Franz Schubert vom Bauersch en Ges angverein unter Chormeister Görlach fand die ergreifende Feier ihren würdigen Abschluß.
Musikalische Gedächtnisfeier.
Am Abend sand in der vollbesetzten Johannes- kirche eine Kirchen musikalische Gedächtnisfeier zu Ehren der Gefallenen statt. Die Weihestunde stand auf einem hohen musikalischen Niveau. Die Auswahl der Darbietungen wurde dem Charakter der Veranstaltung in ausgezeichneter Weise gerecht. Vor allem verdienen die Darbietungen der Kapelle des 1. Bail. 15. Inf.-Rgts. unter Leitung von Obermusikmeister W. Löber uneingeschränkte Anerkennung. Neben dem Orchester, das Werke von Ketelby, Peters und R. Wagner eindrucksvoll zu Gehör brachte, boten Feldwebel Wanitzek, Gefreiter Beau, Unterfeldwebel Vogl und Unterfeldwebel Grießmann bc- achtenswerte solistische Leistungen. Frau Dr. W e y l, deren hohe stimmliche Qualitäten bereits bei anderen Gelegenheiten die verdiente Würdigung erfahren haben, gab in den beiden Liedern „0 Tod, rote bitter bist du" (Brahms) und „Litaney" (Schubert) wiederum ihr Bestes. Die Begleitung der Gesänge, die von dem Orchester in feinsinniger Weise durchgeführt wurde, erhöhte die Wirkung der Gesänge weientlich. Organist Habicht, dem bei der Veranstaltung bedeutsame Ausgaben zufielen, zeigte sein Können vor allem in dem Orgelvorspiel von Franz Arndt. Auch bei der Begleitung der Solls, sowie bei der „Totenfeier" (Max Peters) zeigte er sich als Meister feines Instrumentes. Da der (Ertrag der Veranstaltung der Kriegsgräberfürsorge zufließt, sind der außerordentlich gute Besuch (rund 1000 Personen) und das finanzielle Ergebnis des Abends besonders zu begrüßen.
Peter Dewin war eine bekannte Persönlichkeit. Mele sahen sich auffällig nach ihm um und wollten feststellen, ob er es auch wirklich sei, ba er ungewöhnlicherweise in Begleitung einer Dame war. Der Kellner, der Geschäftsführer und der Portier kannten ihm Andere Leute kamen überhaupt nicht in Betracht.
Daphne erfuhr heute zum erstenmal, welchen Beruf er ausübte, und interessierte sich sehr dafür. Zeitungsleute hatten immer etwas Geheimnisvolles für sie gehabt.
„Worüber schreiben Sie besonders?" fragte sie.
„Hauptsächlich über Verbrechen, Morde und Raubüberfälle", sagte er obenhin. Er setzte eine große, schwarze Hornbrille auf seine Rase und schaute sich nach allen Seiten um. „Wenn es wenig Verbrechen gibt, berichte ich auch über königliche Hochzeiten und bedeutende Begräbnis- feierlichkeiten. Ia, ich bin sogar schon soweit berabgeftiegen, daß ich über eine Debatte im Parlament berichtet habe. Aber diese verwünschte Brille — ich kann gar nichts sehen!"
„Warum setzten Sie sie denn überhaupt auf?" fragte sie erstaunt.
„Sie gehört gar nicht mir“, sagte er ruhig und nahm sie wieder ab. „Sie ist das Eigentum eines Kollegen im Bureau. Ich habe sie eben beim Optiker für ihn abgeholt." Er schaute sich nach seiner De glciterin um und betrachtete sie eingehend. Sie fühlte sich jedoch von seinem prüfenden Blick nicht unangenehm berührt, denn sie hatte Sinn für Humor.
„Run? Wie finden Sie mich?" Sie wartete augenscheinlich darauf, daß er ein Urteil über sie abgeben sollte.
„(Sie sind sehr hübsch - ich möchte sagen lieb- nch - das ist ein Wort, das besser zu Ihnen paßt. Das bemerkte ich gleich, als ich Sie das erstemal traf. Ich hätte mir aber nicht träumen taffen, daß Sie heute wiederkommen würden. Mar ich nicht etwas zu anmaßend in der Teestube? Die Leute glauben immer, daß ich anmaßend bin, und dabei ist doch nur mein Interesse erwacht."
.. „Rein, Sie waren nicht anmaßend", sagte sie lächelnd. „Ich dachte mir nur, Sie wären etwas außergewöhnlich."
„■5)08 bin ich auch", unterbrach er sie. „Ich babe mich noch niemals in junge Damen Der» hebt — dabei vergeudet man nur Verstand und Witz. Verstehen Sie, was ich damit sagen will? Man verliert feine Menschenwürde und seinen Charakter — man wirft für den Kem den ganzen Rpfel weg. Das klingt komisch - aber es ist voch so. Ich bin niemals ganz so verrückt."
Der Kellner kam und stellte Kannen und Tassen auf den Tisch vor sie hin.
.Sind Sie nicht die Sekretärin von Mr. Crewe?"
(Fortsetzung folgt.)


