Nr. 216 Zweites Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Dberhessen)
Dienstag, 16. äepcenwer 19oU
Ein denkwürdiger Tag des Gießener Realgymnasiums.
Oenkmalweihe und Wiedersehensfeier.
Das Realgymnasium zu Gießen in festlich neuem Gewand prangte in reichem Flaggenschmuck, der in den Rachmittogsstunden des 13. Sept, eine ernste Festgerneinde grüble. Zahlreiche ehemalige Lehrer und Schüler der Anstalt waren herbeigeeilt, um zusammen mit der Schule ein Ehrenmal für die zu weihen, die von Katheder und Schulbank hinweg oder als ehemalige Schüler aus ihrem Beruf hinauszogen in den Krieg, um nicht mehr wiederzukehren. Das Denkmal, um das fie sich mit den Angehörigen der Gefallenen, mit Vertretern der Stadtverwaltung, der übrigen höheren Schalen der Stadt, der Presse und den Ellern der jetzigen Schüler scharten, hat im Dorgarten der Anstalt Aufstellung gefunden, ein Granitfindling aus Steinau im O!wnwald von über 3 Meter Höhe und über 80 Zentner Gewicht, geliefert, mit Inschrift versehen und aufgestellt von der Firma Dykerhoff und Reumann in Wetzlar, sich wirksam abhebend gegen Bäume und Sträucher des Schulgartens. Daneben aber findet im Schulgebäude eine Eichentafel Platz, die nach den Entwürfen des Herrn Kunstbildhauers K ö d - ding von den Herren Echreinermeister Hainer, Holzbildhauer B e r I c und Malermeister Fritz Belitz jun. ausgesührt wurde und die Ramen der 23 Angehörigen der Schule trägt, die von ihr unmittelbar ins Feld zogen, um auf dem Felde der Ehre zu bleiben.
Nie Weihe des Ehrenmals.
Die Feier wurde cmgeleitet durch das „Ave verum“ von Mozart, das von dem Schüler- orchester unter Leitung von Herrn Oberreallehrer Blast zu Gehör gebracht wurde. Ein Dorspruch „Dem Andenken der Toten", verfastt vom Herrn Oberstudienrat i. R. Trapp, wirksam vorgetragen von Obersekundaner Eberle, liest die Gedanken hingleiten zu denen, deren Gedächtnis der Festakt gewidmet war. Roch dem Dortrog von Grauns „Auferstehung" durch den Echülerchor ergriff Herr Professor Dr. Schmoll, ehemaliger Schüler und jetziger Lehrer des Realgymnasiums, dos Wort zur Weiherede. Er führte etwa aus. dast heute nicht nur ein Tag der Klage sein dürfe. Denn ein grosser Gedanke liege in dem Sterben unserer Brüder. Sie glitten vom jugendlichen Spiel hinweg in den furchtbaren Ernst des Krieges, ihr junges Leben bekam einen heiligen Sinn. Sie gaben ihr Selbst auf, um Glieder einer Gemeinschaft zu werden. Heber die Klage hinaus geht heute die Liebe, die dankt, der Glaube, der die Trauer überwindet, die Hoffnung, die in die Ewigkeit hinüberschaut. 3n heiligster Pflichterfüllung starben sie für ihr Daterland. Treueste Weiterführung ihres Werkes must ihr schönstes Denkmal sein. „Die Toten fordern als ihr Recht die alte Treue vom neuen Geschlecht." Dafür, dast der Wille dazu do ist, soll dos Denkmal ein äusseres Zeichen sein. „Den Toten zur Ehrung" ragt der schlichte Stein mit dem einfachen .Kreuz aus Eisen empor, trägt die Tafel aus deutscher Eiche ihre Romen, aber auch „den Lebenden zur Mahnung", auf dast ihre Ramen nie erlöschen sollen in unserer Schulgemeinde. Sie sollen der Jugend stets ein Ansporn sein zu treuer Pflichterfüllung, sei es auch durch Entsagung und Opfer. Denn nur durch Opfer geht der Weg zur Hohe. Wenn aus solchem Opfersinn und aus solcher Hingabe ans Doter- land ein neues Deutschland leuchtend aufersteht, dann sind sie nicht umsonst gestorben.
Indes waren unter den leisen Klängen der Weise vom „Guten Kameraden" die Hüllen von Tafel und Denkmal gefallen.
Obertertianer Wecker beschloß den eigentlichen Weiheakt mit dem Dortrag des packenden Gedichtes eines Charlottenburger Obertertianers „Für uns".
Den ersten Kranz, geschmückt mit den Farben schwarz-weist-rot, unter denen die Toten gelitten und gestritten haben, legte Herr Sanitätsrat Dr. Becker (Sprendlingen) der Dorsitzende der ^Bereinigung ehemaliger Angehöriger des Realgymnasiums, nieder. Ihr Tod. so führte er etwa aus, hot nur dann Sinn, wenn wir Lebenden ihn als ein Vermächtnis an uns berachten, das uns gleiche Liebe und Hingabe zu Dolk und Daterland zur Pflicht macht. Wenn in Zukunft die Schüler alltäglich an dem Denkmal vorübergehen, so möge es ihnen ein stummer Mahner sein, wettzueifern mit der Vaterlandsliebe der Toten und untereinander, ein Mahner auch zu echter Kameradschaft, die als Grundlage für eine Volksgemeinschaft dienen kann, wie wir sic dringend brauchen. Mit dem Wunsche, dast das Denkmal feine ihm zugedachte Aufgabe erfüllen möge, übergab der Redner es der Obhut des Direktors, kündete aber zugleich an, dast die Vereinigung der Schule ferner einen ansehnlichen Geldbetrag übermitteln werde, mit dessen Hilfe eine Schülerbücherei begründet werden soll, die auch einen Teil der Gefallenenehrung darstellen wird.
Mit Worten tiefempfundenen Dankes übernahm der Direktor des Realgymnasiums, Oberstudiendirektor Angelberger, dos Denkmal, und gelobte, dast seine Hut stets eine der vornehmsten Ausgaben der Anstalt sein werde. Sein Dank galt vor allem der Vereinigung ehemaliger Realgymnasiasten, vorweg Herrn Soni- tätsrat Dr. Becker, und seinen unermüdlichen Mitarbeitern, den Herren Studienrat Dr. S t oh r, Kaufmann Bach, Revisor V anbei, Kaufmann Fuhr, den Herren Referendaren Jüngst. Hest, Möller und Zöller, ©tubicapt Frank und Studienrat Professor Dr. S dpn oll, zuletzt aber ganz besonders herzlich der rastlosen Tätigkeit des Herrn Oberstudienrates Seiler, der es in hohem Maste zu verdanken ist, wenn das Werk heute fertig ist und in solch würdiger Weise seiner Bestimmung übergeben werden kann. Er dankte ferner der Stadtverwaltung, die durch die Herren Bürgermeister Dr. Seid und Dr. Hamm, sowie durch Herrn Bourat G r a v e r t vertreten war. Die Rcuherrichtung des Schulgebäudes und stete Bereitschaft zu Rat und Tat des Herrn 'Baurat ® rarert werden von allen Beteiligten dankbar empfunden. Herzlicher Dank gilt auch Herrn Kunftbildhauer K ö d d i n g und seinen Mitarbeitern sowie der Firma Dykerhoff und Reumann. Die restlose Anerkennung des Geleisteten wird der beste Dank sein, der Künstler und Handwerker zuteil werden konnte. Dank aber auch allen herunter bis zum kleinsten Sextaner, die werbend und sammelnd mithalfen, bis das Werk vollendet war. Mit Stolz dürfen alle auf es blicken. Pflichttreue und Opferwille heischt es von der Schülerjugend. Stets soll ihr das Bild der 97 vor Augen stehen, die von der Schulbank hinweg freiwillig zu den Fahnen eilten. „Die Toten ehren heistt zugleich den Lebenden dienen in doppelter Liebe." Von ganzem Herzen dankt die Schule der Vereinigung dafür, dast sie neben dem Denkmal aus Stein und Holz durch Stiftung der Bücherei gewissermasten noch ein lebendes Ehrenmal zum Dienste an den Lebenden gestiftet hat. Aus ihm soll der klare Dom geistiger Rahrung fliesten, zu dem die Jugend neben Sport und Spiel hindrängt. Aufgabe
„Westfront 1918".
Lichtspielhaus Bahnhofstraße.
'J<un hat sich auch der Tonfilm der Nachgestaltung des Weltkrieges bemächtigt, der als Motiv immer aufs neue — nachdem die große Welle der Kriegsromane und Kriegsstücke schon zu verebben schien — in der Literatur auftaucht, die Berliner Theater haben zu Beginn der neuen Spielzeit unmittelbar hintereinander drei neue Kriegsdramen hcrausgebrocht. Der Film „W e ft f r o n t fg 1 8" jf: nad) dem Roman „Vier von der Infanterie" von rnft Johannsen gedreht worden, der vor einiger Zeit in unfern Spalten besprochen wurde. Wir halten dieses Buch — ebenso wie die „Fronterinnerungen eines Pferdes" vom gleichen Verfasser — nicht für das Reifste, was die Kriegslitcratur bislang hcrvorgebracht hat: beide Bücher werden durch einen grüblerischen Subjektivismus, durch eine gc- misse gedankliche Ueberlastung der handelnden Per- sonen oder des Verfassers beeinträchtigt.
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Gerade dies hat aber der Film sehr glücklich oer- mieden, der fast in allen Szenen viel mehr an Johannsens ausgezeichnetes Hörspiel „Brigadevermitt. lung" (vor längerer Zeit im Südwcstdeulschcn Rund- funk gegeben) und einige andere, stärkere und be- kannter gewordene Kriegsbücher erinnert.
Der Film ist ganz auf Handlung und Szene, auf Bild und Ton gestellt: er wirkt an sich, durch die knapp, trocken und fachlich repartierten Vorgänge selbst, die, aneinandergereiht, schon nichts Roman- Haftes mehr haben, sondern wie die sichtbar und hörbar gewordenen Ausschnitte aus einem Fronttagebuch anmuten, wie eine Chronik aus dem letzten Jahre des Krieges, die uns heute schon fast wie ein historisches Dokument erscheint, obwohl wir sie selber miterlebt haben, vorn oder hinten, und obwohl diese jähe Rückverwandlung in die Zeit vor zwölf Jahren erregend und erschütternd ist.
Auch dieser Film gehört zu den nicht sehr zahlreichen Werken, die geeignet sind, allen denen, die oen Krieg an der Front — nicht aus eigenem Erlebnis kennen, eine schwache Vorstellung von seiner furchtbaren Wirklichkeit zu vermitteln.
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Die sehr starke, ganz realistische Regie von G. W Pabst schasst eine Reihe von Szenen, bei denen man völlig vergißt, daß es sich hier doch um einen gestellten, inszenierten und sehr nachträglich ausge- nommenan Spielfilm handelt. Wir denken etwa an Lilder pom verschütteten Unterftgnb, oom Melde
gänger im Artilleriefeuer, vom Soldatenkabarett hinter der Front, von den hungernden Frauen in der > Heimat, vom Zweikamps im Granattrichter, vorn letzten großen Angriff mit Tanks, vorn Lazarett in der zerschossenen Kirche, wo der völlig zu- sammengebrochene, irrsinnig schreiende Kompanieführer hineingeschleppt wird ...
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Hier gelingt der sachlich-chronikalischen Reportage des Films stellenweise eine Unmittelbarkeit der Wirklichkeitsschilderung, wie sie bisher nur in ganz wenigen, stofflich verwandten Büchern kraft eines überragenden Willens zu menschlich-künstlerischer Gestaltung erzwangen worden ist.
Die Photographie ist vorzüglich, die Tonwiedergabe im ganzen anerkennenswert: die wenigen weiblichen Stimmen im Film erscheinen jedoch nicht überall mit wünschenswerter Deutlichkeit: auch die mannigfachen Gefechtsgeräusche haben nicht allenthalben die zermürbende Lautstärke des „wirklichen" Krieges. Aber es bleibt noch immer genug Klang- realität übrig, ... so viel, daß man manchmal die topischen Reflexbewegungen der photographischen Gestalten mitzumachen versucht.
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Die Besetzung ist gut — bis auf Kämpers, der in feiner bayerisch-gemütlichen Behäbigkeit nur sehr bedingt dem Frontsoldatentyp nahekommt, der hier (und im Roman) gemeint war. Dagegen stehen Gustav D i e ß l (Karl), Hans Joachim M o e b i s (Student) und Claus Clausen (Leutnant) durchaus überzeugend jeder an seinem Platz.
Der Film ist seit gestern im neuen Programm des Lichspielhauses eingesetzt; fein Besuch ist nachdrücklich zu empfehlen. —r—
Uhlenspeigel.
Ein Traum wird Wirklichkeit.
Von Georg Engel.
Ich träume sehr feiten, aber eines Rachts hatte ich einen schweren Traum, der mich nicht los- liest und mir am nächsten Morgen die Feder in die Hand drückte: Ich sah an meinem Schreibtisch, um ein neues Buch zu beginnen. Jedoch war ich mir weder über den Stoff noch über die Handlung recht im klaren, denn es fputten mir viele Ideen im Kopf herum. Da geschah etwas Seltsames: Kaurn hatte ich die Feder in die Tinte getaucht, als sie auch schon wie von selbst über das Papier fuhr und „AIh- lenfp^igel" niederschrieb. Ich blickte erstaunt
der Schüler aber wird eS fein, den Toten nicht nur mit Dorten zu danken, sondern auch mit Taten. Strebe jeder danach, die geistigen Waffen zu schärfen, die als einzige unserem Volke geblieben find. Lebe er mit jeder Faser seine- Herzens feinem Vaterland? Die Toten mahnen zur Treue gegen die Eltern, gegen Schule und Vaterland, zur Achtung vor Zucht und Gesetz, zu Sitte und Anstand. Möge lich die Jugend immer vor Augen halten, daß erst die Pflicht kommt und dann das Recht. Das sei der Jugend Dank! Im zuversichtlichen Glauben an diese Jugend legte der Redner unter Hinweis aus das Hindenburgwort. .Ich habe das Heldenringen meines Vaterlandes gesehen und glaube nie und nimmer, daß es fein Todesringen gewesen ist" im Ramen des Lehrerkollegiums einen Kranz in den Farben schwarz-rot-gold nieder.
Für die Schüler sprach der Unterprimaner Karl- ernst Seiler, der gelobte, daß sie stolz sein wollten aus die Vorbilder der Toten. Das Ehrenmal solle ihnen stets ein Mahnmal sein. Cr widmete den Gefallenen einen Kranz in den Landesfarben mit dem Gelöbnis: „Sie find gestorben fürs Vaterland, wir wollen leben fürs Vaterland".
Mit dem Vortrag des „Trostliedes" von Faißt und des „Andante" von Kick schloß der Festakt, der in seinem ernsten und würdevollen Verlauf bei allen Teilnehmern einen tiefen Eindruck hinterließ.
Oie Wiedersehensfeier.
Am Abend schloß sich die Wiedersehens- feier auf der Liebigshöhe an, zu der die Vereinigung eingeladen hatte, um die alte Kameradschaft zu pflegen und zu festigen im Sinne der Toten. Der Besuch war ausgezeichnet, und viele Hände regten sich, um mit einem abwechslungsreichen, teils ernsten, teils heiteren Programm die Stunden zu füllen. Besonders Dank gebührt hier wieder Herrn Oberreallehrer Blaß und feinem Orchester, besonders auch den beiden Violinsolisten cand. med. vet. Fabian und Unterprimaner Curt Becker. Den Gruß der Bereinigung entbot Herr Oberstudienrat Seiler. Er galt der Stadt, vertreten durch Herrn Bürgermeister Dr. Seid, Herrn Baurat G rave rt, dem immer bereiten Helfer, Herrn Kvd- ding, dem Schöpfer der Tafel, den Lehrern der Anstalt und den Vertretern der übrigen Lehranstalten, den Angehörigen der Toten, den Schülereltern, der Jugend und vor allem den Mitgliedern der Der- erniaung selbst, die treue Pflege der alten Kameradschaft und des Gemeinschaftssinnes auf ihre Fahne geschrieben hat. Die ehemaligen Schüler zieht es zur Jugend, und sie wollen ihr zeigen, daß die Schule eine geistige Pslegstätte ist, zu der die Bande nicht abgerissen sind, sondern mit der sie sich noch verbunden fühlen. Sein besonderer Gruß galt den Abiturienten des Jahres 1925, die im Frohgefühl bestandenen Examens und in der Befürchtung, das Leben möge die Freundschaftsbande lockern, mit ihren Lehrern zusammen die Bereinigung am 18. Februar 1925 gründeten und zugleich den Grundstock stifteten, um ein Ehrenmal schaffen zu können. Dieses Denkmal hat der Vereinigung von Anfang an als erste Aufgabe vorgeschwebt. Nun ist das Werk vollendet dank vielseitiger Mitarbeit, besonders aber dank der Tätigkeit der Herren Dr. Stohr, Bach, Fuhr und Bau bei. Mancherlei Wandlungen hat das Projekt mitgemacht, da der vorhandene Raum und die vorhandenen Geldmittel bestimmte Grenzen zogen. Die Lösung aber, die gesunden wurde, darf jeden zufriedenstellen. Es ist nun geplant, daß zu der Tafel neue hinzukommen, auf der auch die Namen der ehemaligen Schüler, die fielen, verzeichnet sind. Es soll damit begonnen werden, sobald durch deren Angehörige die nötigen Angaben zur Verfügung gestellt worden sind. Ohne neue Mittel wird sich allerdings der Gedanke nicht verwirklichen lassen. Jedenfalls können die Schüler heute stolz sein auf ihr Denkmal, das sich erhebt als ein Mahnmal der Treue, als ein Trutzmal deutscher Kia ft und festen Glaubens an die Zukunft unseres Volkes. Eine Schicksalsgemeinschaft zu werden wie 1914, bereit zur Mitarbeit am Staat und
seinem Ausbau, so fürs Vaterland zu leben, muß das Gelöbnis der Stunde sein, das durch da» Deutschlandlied bekräftigt wurde.
Den einheitlichen Willen eines Volkes auch in schwerster Notzeit brachte das Drama „Die letzten Goten" zum Ausdruck, das dank der arbeitsvollen Vorbereitung durch alle Mitwirkcnden zu einem eindrucksvollen Erfolg wurde. Ganz besonders verdient gemacht hat sich hierum Herr stud. phil. 5t. f). Reichert, dem die 'Bereinigung großen Dank schuldet, ebenso wie den Damen Frl Jahn und Döring vom Stadttheater für Mitwirkung und Hilfe. Gleicher Dank gebührt Frl Irmtraut W e y l und volle Anerkennung den Schülern der Oberklassen Kiefer, Seiler, Fröhlich, Hillen brand, Weyl, Fischer, Sch unk und Weigand für das Geschick und den Elfer, mit denen sie sich ihrer Ausgaben entledigten.
Diel Beifall fanden Frl Ingrid Fröhlich mit zwei Tänzen (Menuett und Walzer) und eine Schülerriege, die Proben ihrer Gewandtheit ablegte. Der „Bürgermeister von Meiches" (Heinz K i r ch h ö f e r) übte auch wieder seine alte Anziehungskraft ans. und schließlich schuf der Schwank „Kleptomanie", in dem die Damen Irmtraut und Inge Weyl und Ingrid Fröhlich, sowie die Herren Kurt Kiefer, Wolfgang Fröhlich, Ernst Weyl ihre sdxluspielerische Befähigung nachwiesen, einen frohen Ausklang.
Damit sand ein Fest eht Ende, das noch lange in der Schule nachwirken wird und das fid)erlid) geeignet war, die Bande zwischen alt und jung noch enger zu knüpfen. H.
Aus der Prvvmzialbaupisiadt.
Gießen, den 16. September 1930.
Zugendwandeiu und Jugendherbergen Don Katharina Hoh, Gießen.
Wer kennt sie nicht, die sonnengebräunten Jungen in den bunten Hemden, und die frischen Mädels in dem Druckkleid, wie sie zu zweien, dreien oder in wohlgeordneter Reihe mit dem Rucksack bepackt auf der Straße dahinmarschieren? Richt Tand und modisches Gewand ziert sie, und doch strahlt uns aus ihrer Erscheinung etwas Anziehendes entgegen, so daß unser Blick auf eine kleine Weile ihnen folgt. Was ist es, was uns für einen Augenblick in den Bann zieht? Ein Stück deutschen Wesen- ist es, aus Alrväterzeit überkommen, aus jener Zeit, da noch Mensch und Ratur eine Einheit darstellten. Lange nachdem der Mensch sich aus dem Zusammenhang der Ratur gelost hatte, bricht oft mit elementarer Gewalt die Sehnsucht aus der Tiefe empor, und der Mensch wandert hinaus und sucht aufs neue den alten Zusammenhang zu finden. Und kehrt er von der Fahrt heim in des Daseins harten Kampf, so erfüllt Harmonie fein Wesen und durchflutet seine Arbeit.
Mehr als irgend jemand bedarf unsere Jugend eines solchen Ausgleiches. Meist sind es auch jugendliche Menschen, die auf Fahrt ziehen. Doch nicht ins Blaue hinein geht ihr Weg. Fest Umrissen steht ihr Plan im Kops. Mit der Landkarte sind sie vertraut, und sie wissen, was ihrs Beine leisten können. Weit aus holt der Schritt. Es geht ja auch hinaus auf unbekannten Pfaden. Durchstreift man tagsüber weltabgeschiedene Gebirgsgegenden, so findet man sich doch des Abends zurück. Richt nach Hause! O nein! Dennoch hat die Jugend ein Heim, das gehört ihr: das find die deutschen Jugendherbergen! Ein dichtes Retz von Jugendherbergen, meist nicht mehr als ein Tagesmarsch voneinander entfernt, umspannt das ganze Vaterland. So öffnet sich der wandernden Jugend allabendlich eine andere Bleibe; bald in einem schlichten Holzhaus, bald in den Mauern einer einstigen Ritterburg. Wo es auch sei, ein Schild mit den Buchstaben DIH. über der Tür winkt von weitem und lädt den. ermüdeten Körper zur Rast ein. Die Iugend-
auf das Wort. Sollte ich etwa einen Eulen- spiegel-Roman schreiben? Unbestimmte Vorstellungen des Traumes schlichen mir wieder ins Hirn. Aber ich fah ^cn Helden des Buches noch nicht. Da alles Rachdenken nichts half und mir den ganzen Tag uoer auch nichts Gescheites einfallen wollte, folgte ich einer Abendeinladung, um mich zu zerstreuen. Der Trubel ermüdete mich, und ich ging zerschlagen, Erholung suchend, zu Fuß nach Haus. Mein Weg führte mich über den Bahnhof Zoo durch die Hardenberg- und Tauentzienstratze. Da — hatte ich Halluzinationen, narrte mich mein Hirn? — neben mir lief Eulenspiegel, jener Till Eulen- spiegel aus meinem gestrigen Traum. Ein Schel- mcngesicht, nicht mit Narrenkappe, sondern hypermodern in dem eleganten Dreß (wenn man eine Uniform überhaupt als elegant bezeichnen kann) eines preußischen oder reichsdeutschen Telegrammboten! Mein Eulenspiegel trabte also neben mir und hielt einen Vogel in seiner rechten Hand, den er durch wiederholtes Drücken und Quetschen quälte und ihm dadurch die jämmerlichsten Piepslaute entlockte. Ich trat näher heran und sah nun, wie der rohe Patron die Hand wieder zusammenkrampfte und sich abermals ein gequetschtes Piepsen vernehmen ließ. Sollte ich mich täuschen? Ich beobachtete ihn genau und sah den grauschwarzen Kopf und Schwanz eines Spatzen aus den Faustwinkeln seiner rechten Hand hervorlugen. Wieder hörte ich das verängstigte Piepsen. Jetzt konnte ich die dauernde Tierquälerei nicht länger mitansehen. Ich forderte ihn auf, das Tier sreizu- laffen. Er lehnte das lächelnd, aber herausfordernd ab, und als ob ihm das gefangene Tier beipflichtete, ließ es einen wehleidigen Piepslaut hören. Ich horchte auf. Kam der Ton überhaupt aus der Hand? Lind als errate er meine Gedanken, gibt cr einen zweiten Piepston Don sich und öffnet die Hand, wie um den Vogel fliegen zu lassen.
Aber in seiner Handfläche lag nur ein Stückchen Federboa, und mein Eulenspiegel legte grüßend die Hand an die Mühe, während er (nun ganz deutlich vernehmbar) erneut einen Piepslaut produzierte. Ich war also der Angeführte, aber ich gab meinem Eulenspiegel- Tauchredner ein fürstliches Trinkgeld. Der wußte nicht, wofür. Ihm aber verdanke ich eigentlich die scharfen Almriffe meiner Romanfigur. Denn erst durch ihn habe ich aus dem Alhlenfpeigel einen bürgerlichen Menschen unserer Zeit gemacht.
So ist ein Traum innerhalb von 24 Stunden 1 au Mahrbeit geworden. Seither versuche ich 1
auch meine Träume festzuhalten und einem jeden seine spezifische Deutung zu geben. Meinen Telegramm-Alhlenspeigel aber habe ich nicht mehr gesehen, obgleich ich ihn auf meinem nahegelegenen Postamt wie eine Stecknadel gesucht habe.
Einbrecher im Lichtkegel.
Schon feit Jahren beschäftigt man sich mit automatischen Alarmvorrichtungen zur Bekämpfung der Einbrecher, doch hatten bisher fast sämtliche Methoden keinen durchschlagenden Erfolg. Geschickte Verbrecher fanben schnell die schwachen Seiten der Apparate heraus und schalteten ihre Wirkung aus. Run scheint aber Prof. Arthur Korn einen Apparat erfunden zu haben, der möglicherweise ein sicheres Schutzmittel gegen Einbrecher bieten kann. Professor Korn, der Erfinder der Bildtelegraphie, führte feine neue Methode in der Technischen Hochschule in Char- lottenburg vor. Es ist eine sehende Maschine, die automatifd) beim Eintreten von Feuer sofort alarmiert. Die Konstruktion ist sehr sinnreich. Auf der einen Seite des Raumes wird eine Lichtquelle untergebracht, während auf der anderen Seite sich eine Photozelle befindet. Taucht nun ein Mensch in dem Lichtkegel, der den ganzen Raum erfüllt, auf, so tritt die Alarmvorrichtung infolge des auf die Photozelle geworfenen Schattens in Tätigkeit, Der gleiche Vorgang spielt sich ab, wenn von einem Feuer Rauchwolken aufsteigen. Da die Apparate ganz verdeckt angebracht werden, ist es fast unmöglich, ihr Vorhandensein festzustellen. Run würde aber ein Einbrecher einen Lichtstrahl leicht bemerken. Damit dies nicht der Fall sein kann, werden sämtliche sichtbaren Strahlen des Lichtspektrums durch einen Filter aufgefangen, und es bleiben nur die infraroten Strahlen zurück, die dem menschlichen Auge nicht sichtbar sind, wohl aber von her Photozelle ausgenommen werden. Ohne daß daher der Einbrecher etwas beobachtet, steht er im Lichtkegel eines unsichtbaren Lichts und bringt damit den Alarmapparat in Tätigkeit. 3n der Apparatur ist auch weiter berücksichtigt, daß nicht etwa eine Maus, die über den Boden huscht, die Alarmsignale in Wirksamkeit treten läßt, vielmehr funktioniert der Apparat nur dann, ü>enn ein größerer Schatten entsteht, weil er mcht auf die Lichteindrücke an sich, sondern nur auf besondere Aenderungen der Lichtstärke reagiert. Allgemein mißt man dem Tipparat des Professors Korn große Bedeutung zu uni> glaubt, hier endlich ein Mittel gefunden zu haben, um den Einbrechern in nachhaltiger Weise das Hand-, wert au legen.


