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Nr. 190 Drittes Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhessen)Samstag, (6. August (950

Wandern und weisen Bäder und Sommerfrischen.

Unbekannte Reiseländer.

Don Dr. Anton Mayer.

Au» London kommt die Rachricht, daß ein Zwölf, taufen d-Tonnen-Dampfer auiflcrüflet wird, um die erste Vergnügungsreise nach der Antarktis anzutreten: ein neue» Reiseland wirb damit erlchloffen, daS trotz der groben Entfernung, die bis zu feinen Grenzen zuruckzulcgen ifi, feine Zukunft haben und den Glück- lichen. welche die Mittel besitzen, eS zu erreichen, eine ungewöhnliche Menge des landschaftlich Grotz- orligen und Interessanten bietxn wird. Dav Hoch- fommerwettcr im Januar nimmt auch den eisigen Gefilden und rauhen Meeren, die den Südpol um­geben, viel von ihrem Schrecken: ebcnfo wie Spitz- bergen und dir Barriere beS ewigen Eises feil einigen Jahrzehnten jährlich von einer ganzen Anzahl der TouristenschiffeverschiedenerRationen besucht werden und die Mitlernochlsfonne des hohen RordenS ihr Licht über Scharen von Reifenden leuchten läht, wird in Zukunft daS Roß-Meer, der Vulkan GrebuS und die Gletfcheruker, auf denen Scott und Shackleton, Byrd und Amundfen kampiert haben, auS ollen möglichen Weltgegenden begrüßen.

Allerdings eine weite und teure Reife wird eine folche Expedition immer bleiben, es ist aber keineswegs nötig, in fo entlegene Fernen zu fchweifen und fo lief ins Portemonnaie zu greisem um ver­hältnismäßig unbekannte und feyr, fehr schöne Reise­länder, nicht etwa nur in Europa, sondern sogar in Deutschland zu entdecken. CS ist eine merkwürdige Talfache, deren Begründung durch den Hinweis auf die Grenzlage der Gegend nur unvollkommen ge­geben wird, daß z. D. die Rh ei np falz den meisten Deutschen eine terra incognita ist sieht man von den letzten Jahren ab, in denen daS alte Land des Hvhenstausenreiches unter Besetzung und den Be­strebungen der Separatisten scbwer zu leiden halte. Erst kürzlich ist cs durch die Reunhundertjahrfeier des Speyerer Doms mit allgemeinerer Ausmerkiam- keil bedacht worben: es wäre zu wünschen, daß nun­mehr dies Interesse auch in stärkerem Besuch jeneS von der Ralur bevorzugten StuckeS prachtvollster Erde seinen Ausdruck sände.

Die Pfalz ist aus mehreren Gründen alS Reise» gebtet fehr zu emp ehlen. Schönheit der Ratur ver- einigt sich mit Gute der von ihr hervorgebrachten Gaben, eine Menge guter Straßen und bequemer Eisenbahnlinien durchziehen das Land, welches mit Hügeln. Gebirge und Ebene jedem Geschmack und jeder Stimmung Rechnung trägt, und dazu noch ausfallend billige Preise sein eigen nennt. Sein Cha­rakter ist in den ebenen Teilen und im Hügelgebiet dcrWeingegcnd der einer überquellenden, brausenden Llppigkeit und Fruchtbarkeit, die manchmal an viel südlicheren Boden denken lasten: e» ist eine gewisse Leidenschaftlichkeit, welche etwa im Pfälzer Wein ihren Ausdruck sindcl, die über dem sommerlichen oder herbstlichen Bilde des Landes liegt, während das Frühjahr die bezaubernde Anmut eines frucht­tragenden Gartens ostenbart. Richt nur die großen berühmten Marken, nicht nur das Forster Ktrchen- stück oder der Jesuitcngarten desselben Ortes, nicht nur der Deidesheimer Grain oder Reiterpsad sind in der Pfalz von unnennbarem Zauber erfüllt: ge­rade die offenen Weine, die in jeder kleinen Wirt- schäft sür 3J 40 Pfennige pro Schoppen verschenkt werden, bringen den Reiz dieser gesegneten Geqcnd hervor. Gewiß gibt es gute Faßweine auch im Rhein­gau und an der Mosel, am Alain und am Reckar: aber keines von diesen Gewächsen kann es an Blume, innerer Heiterkeit, Fülle und zugleich Leichtigkeit mit den offenen Pfälzern oufneßmen. Ich übertreibe

nicht: ich kenne die Pfalz feit mehr al» dreißig Jahren, und bin jedeSmal, wenn mich ein guter Stern wieder hinführt, von neuem aufs Tiefste durch die unvergleichliche Dualität der offenen Weine be­wegt. Die Reunundzwanziger ist übrigens ganz be­sonders gut geraten noch ist es Sommer, die Zeit ist gut. ihn zu probieren und lieben zu lernen!

Mit einem solchen Reisebegleiter wandert eS sich gut: hoben wir die Rheinebene und da» Hügelge­lände durchschritten, den Dom von Speyer, daS Alt» pörtel und die bemerkenswerten Architekturen des 18. Jahrhunderts der alten Bischofsftadt begrüßt, Deidesheim, Dürckheim, Forst, Reusiadt mit ihren alten schönen Häusern und jungen hübschen Mädchen bewundert, auch noch einen Blick auf die mächtige Schlohruine von Leiningen geworfen, wenden wir unS südwärts, und gelangen über Landau in daS eigentliche Burggebiet der Hohenstausenzeit: der Trifels ragt immer noch wuchtig empor, die Burg BarbarostaS, in der die Reichskleinodien verwahrt wurden und Richard Löwenherz gefangen faß. Weit reicht der Blick von hier über das schimmernde LandMar Slevogt. der nicht weit von hier ein Anwesen besitzt, hat ihn mehrfach gemalt gegen­über tagen die beiden anderen Zeugen vergangener Herrlichkeit auf, eine, wie Scheffel sagt, Burgdrei-

Salzburg.

Die Stadt Mozarts mit ihrer Wunderfamen, harmonischen Verschmelzung von deutschem, öfter-1 reichischem und italienischem Barock, von Ro­kokofeinheit, träumerischer Heiterkeit und Dcr- fpieltheit mit deutscher GemütStiese und Innigkeit, schlägt immer wieder in ihren Dann. Cs ist eine Stadt heiterer Ruhe. Die Griechen hatten hier­für das Wort .Sophrosyne"... Es ist ein Som­mer großer Festspiele. Ungezählte pilgern hin­aus zum Lustschloß Hellbrunn mit den Wasser- fpielen, der Festung Hohensalzburg mit den Fürstenzimmern und dem Gaisberg mit der be­rühmten Fernsicht. Aus der Domlirche. wo man die Dom-Drgel-Konzerte mit dem von Joses Meßner dirigierten, wunderschön singenden Salzburger Domchor hören kann, und aus den Prunkräumen der ..Residenz" redet eine ehrwür­dige Vergangenheit zu uns. Aus der Zeit der sürsterzbischöflichen. toskanischen und kaiserlichen Herrschaft. Das Mozart-Haus und Mozart-Mu­seum in der Getreidegasse. daS Zauberflöten- Häuschen auf dem Kapuzinerberg sie be­schwören die Erinnerungen an den Licht- und Liebesgenius der Musik herauf...

Bregenz.

Die Dreiländerstadt, wo deutsche, österreichische und schweizerische Elemente sich berühren. Hier gibt es ein Landesmuseum, das verhältnismäßig wenig bekannt ist. Seine ,römische Abteilung", seine kulturhistorischen Sammlungen und alten Gemälde sind Sehenswürdigkeiten ersten Ranges.

E i s e n st a d t.

Eisenstadt im Burgenland. Hier, im Esterhazy- Schloß mit dem uralten, schönen Park, werden Erinnerungen wach an einen anderen Klassiker der Musik: an den »Papa Hayd n". dem

saltigkeit bildend: die.Scharsenburg. die stolz« seine, vor ihr der Festklotz AmboS' «S ist fürwahr ein Bild, daS in vollendeter Weife historische Weih« und landschaftliche Schönheit verbindet. Weiter inS Hardtgebirge führt unS der Weg nach Kaltenbach. daS niemand verlaffen sollte, ohne dort Forellen gegeffen zu haben: wundervolle Wege durchziehen den Wald eines Landes, das im besten Sinne von deutschem Charakter ist und vielen Reifenden, die heute ihre Zeit in langweiligen Badeorten verbringen. viel Freude, Erhebung und Genuß darzubieten im Stande ist.

Roch andere deutschen Länder werden vernach­lässigt, obgleich sie einen Besuch wohl verdienten: der Bayrische Wald mit seinen an Urzeiten ge­mahnenden weit ausgedehnten Dickichten wobei immer wieder darauf hingewiefen werden foll, daß Paffau, einer der Ausgangspunkte für diefes Ge­biet. eine Stadt von gan< eigenem, italienisch-ka- t holifch-deutschem-gefpenstifchem Reiz ist. den der Maler Albert Birkle gut erfaßt hat: Ostpreußen mit Den großen Seen, die besonders an grauen Tagen den sonderbaren Reiz wehmütiger Einsamkeit be­sitzen. mit der grandiosen Steilküste und den wan­dernden Dünen, die eine Landschaft darzustellen vermögen, wie man sie sonst nur in Der Sahara

freilich nur Mißverstehen feiner künstlerischen Ab­sichten DieS gnädig herablassende Epitheton leihen konnte... An Haydn, der im Fürsten Ester­hazy einen gütigen und großzügigen Mäzen gesunden hatte, erinnert auch das Haydn-Hau-, das Haydn-Grab und die kleine Bergkirche.

Innsbruck.

Imposant ist immer wieder DaS: Die Schlacht am Berge Jsel. wo 1809 die tapferen Tiroler Bauern unter Andreas Hofer Dreimal ihre von Den Franzosen besetzte HauptstaDt erstürmten, darstellende Rundgemälde neben der Hungers- berg-Talstation. Gleichsam symbolisch Rückschau und Ausblick in Die Zukunst haltenD...

Donauromantik.

Man findet sie noch ganz unverfälscht in Dem kleinen, unbeschreiblich malerischen Sankt Rikola im Strudengau. Hier, im Donauknie, liegt auch das uralte Städtchen ©rein,fo recht geschaffen, um einen Dornröschenschlaf zu halten für spä­tere Tage...

Klagenfurt und Villach.

Klagenfurt ebenfalls eine uralte, malerische und historisch interessante Stadt. Im Landes- museum gibt es eine prähistorische und Antiken- faminlung zu sehen: in Villach (einem internatio­nalen Eisenbahnverkehrspunkt, an dem Die Er­preßzüge PragTriestRom und Ankona vor- beidonnem) eine Sammlung von Bildern der Maler Ludwig und Josef W i 1 l r o i d e r. Land­schaft und Ratur, Kunst und Geschichte in Ver­bindung mit einer alten, ehrwürdigen Vergan­genheit verschmelzen hier und an allen übrigen Stätten, die die Taucmbahn berührt, zu einem harmonischen Ganzen.

Oesterreichische Eindrücke.

Don Felix von Lepel.

trifft, mit Den mächtigen Forsten voller Düsternis und ernster Stimmung, mit Dem berühmten .Mai­trank'. bei Dem mit Dem heißen Wasser häufig recht sparsam umgegangen wird wa» aber zu Zeiten Der armen Seele in nördlichen Gegenden nicht Da» geringste schaDet.

Will der Reisende, der sich nach wenig begangenen Pfaden fehnt. Deutschland verlaßen, so findet er ein unbekanntes und fehr lohnendes Reifeland gar nicht weit entfernt und bequem zu erreichen: Irland. Don Bremen oder Hamburg bringen Amerika- Dampfer deS Lloyd oder deS United-StateS Line» ihn in zwei bis drei Tagen für neunzig Mark (mit Verpflegung! in der Kajülenklaffe nach OueenStown im Süden ober Dalway im Westen: eS empfiehlt sich, Den Süden zuerst aufzufuchen. Beste Monate: August und September. Die Rähc deS GolfftromeS und Die gefchützte Lage bringen eine fast fubtropifche Vegetation hervor, Die Ehauffeen finD mit Fuchsien­bäumen eingefaßt, und Palmen stehen im Freien, ©lengarrif an Der SüDküste, von Cook auS mit Au­tocars zu erreichen, unD Killarney im Gebirge an großem See gelegen, eine halbe Auto-TageSsahrt von ©lengarrif entfernt, finD Die fchönsten Punkte DeS Südens,romantisch,mit vonSpheu umsponnenen Ruinen alter Abteien und Burgen, malerischen Brücken, wilden Püffen, großartigen Ausblicken und Den grünsten Matten Der Welt beschenkt. Für Angel- sportler im übrigen ein ParabieS: Lach» unD Fo­rellen. Ganz anders im Charakter ist Der Westen, Connemara unD Sligo.mehr anRorwcgen crtnnemD und zum Teil, wie» Achill Island noch ganz ur- weltlich: teilweise schöner Badestrand läßt in letzter Zeit Badeorte auf blühen. Dublin - Stadt der ©egen- fätze, Wicklow: Gegend der schönsten Pferde, ©iant'S Caufeway: ein Wunderspiel der Ratur - alles Reich­tümer der ©Smerald JSle-

Unbekannte Länder, Die Der vergnügten Ent­decker harren:Daß wir unS in ihr zerstreuen, dar­um ist Die Welt so groß!"

Wanderfahrten.

Lieber Hohensolms Lemptal Ehringshausen.

Diese Wanderung führt durch wenig Wald, ist daher mehr für die kühlere Jahreszeit zu emp­fehlen. Wir wandern von Bieber durch daS schöne Biebertal die Landstraße auswärts über Königsberg, unterwegs hübsche Rückblicke auf den DünSbera und seine reizvolle Umgebung, nach dem hochgelegenen HohensolmS (Wirtschaft Führer). Don hier folgen wir schwarzen Drei­ecken, die uns am Adlerhorst vorüber durch daS Aartal, später durch das anmutige Lemptal, verschiedene Dörfer: Gr.-Altenstädten, Bermoll, Ober- und Rieder-Lemp, sowie Kölschhausen pas­sierend, nach dem Endziel, dem stattlichen freund­lichen Dors Ehringshausen führen. Dauer Der Wanderung SV» Stunden.

Schotten HvherodSkopf Herbstein.

Wir fahren nach Dem freundlichen Kreisstädt­chen Schotten, durchschreiten Den Ort und folgen grünen Ringen, Die unS in stetem Anstieg über Michelbach und Treungeshain zum Hohcrodö- kopf bringen. 3m Elubhaus des V H. C. ist gute Verpflegung. Verschiedene Markierungen füh­ren zum 20 Minuten entfernten Taufstein, wo wir uns vom Dismarckturm Die großartige Rund­schau weit in das oberhessische Land hinein be­trachten. Von hier gehen wir zunächst Die Ul­richsteiner Straße bis zum Wegweiser, wo to t blaue Striche treffen. Diese führen an der blu»

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