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Nr. 190 Erstes Matt ,L)

180. Jahrgang

Samstag, |6. August 1930

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Sktzener Anzeiger

General-Anzeiger für Oberhessen

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Ehesrebakteur

Dr. Friedr. Wilh. Lange. Verantwortlich für Politik Dr. Fr. Wilh. Lange; für Feuilleton Dr H.Tdnriot; für ben übrigen Teil Ernst Vlumschein unb für btn Lnzeigenteil Max FiUe^ sämtlich in (Biegen.

ouich wir umso bereitwilliger aii wir innerpolitisch häufig

finden. ES ist da- nicht hoch genug zu veran­schlagende Verdienst dc- ReichSinnenministerS Dr. Wirth, das anerkannt haben, . _

genug in scharfem Kampf mit ihm standen, schon in der Desreiungsstunde de- 1.3u(i vor den in Mainz zusammcngeströmten rheinischen Volks» genossen, aber auch vor den versammelten Der- trctcrn der Weltpresse mlt besonderer Beto­nung darauf hingewicfen zu haben, daß wir nun auch, abgesehen von dem noch unerlösten Saargcbiet, abgesehen von Lupen und Malmedy, über die da- letzte Wort auch noch nicht ge­sprochen ist auch jetzt noch keineswegs frei sind, daß auch weiter die uns einseitig ausge­zwungene entmilitarisierte Zone da- Rheinland zu einemLand minderen Re ch t -" macht. Rachdem auch der Reichspräsident sel­ber an dem Tlnalückstag von Koblenz am Deut­schen Eck Deutschlands Forderung auf nationale Gleichberechtigung im Kreise der Böller scharf herausgestellt hat, wofür der alle Hasser Poin- care dein greisen Rcichsoberhaupt glaubte einen Rüssel erteilen zu dürfen, hat Minister Wirth in feiner, auch in ihren innenpolitischen Gedan­kengängen ausgezeichneten Rede" auf der Ber­liner Bersassungsseier der Reichsregieruna noch einmal Deutschlands Recht und Deutschland-

'Anspruch auf Revision der Verträge angemeldet. Das war besonders wirkungsvoll, da di« For­derung von einem Manne erhoben wurde, der als derErfüllungSkanzler" von 1921 im Ruse stand, durch kleine Zugeständnisse unserer Der- tragsgegner leicht befriedigt zu sein. Gr hat mit diesem falschen Urteil gründlich aufgeräumt. Das Echo, das seine und Hindenburgs Reden in der Pariser Presse gefunden haben, zeigt, daß die in diesem Punkt sehr hellhörigen Franzosen ihn verstanden haben.

Roch in der gleichen Woche hat ein anderes Mitglied des Reichstabinetts Deutschlands nächste außenpolitischen Ziele auch nach Osten hin aufgezeigt. Zn einer gewiß temperamentvollen, aber in der Sache wohlabgewogenen und maß- haltenden Rede vor den Heimattreuen Derbän- den Ost- und Westpreuhens hat der Reichs- minis.er für die ehemals besetzten Gebiete und jetzige Reichskommifsar -für die Osthilfe Tre­vi r a n u S Deutschlands Recht an der Ostmark, an der Beseitigung der unmöglichen Grenzzie­hung zur internationalen Diskussion gestellt. 68 war gut. öafc er die polnischen Rachbarn einmal daran erinnerte, wie sehr sie im Grunde deut­scher Politik und deutschenDlutopferndie Befreiung von der verhaßten russischen Knute und die Existenz cineS eigenen polnischen Staa­te- verdanken, wenn auch die Behandlung der Polen weder vor noch im Weltkrieg ein Ruh­mesblatt deutscher Ltaatskunst war und die deutsche Kriegspolitik sich kaum je in einem ver­hängnisvolleren Irrtum befunden hat, als sie freilich unter dem Einfluß deS Wiener Ver­bündeten glaubte, mit der Errichtung eines polnischen Staates die Polen versöhnen und zu Bundesgenossen gewinnen zu können. Dah die Dankbarkeit im Leben der Völler keinen Raum hat, da- haben die Polen schlagend bewiesen. Sie haben mit Hilse des in europäischen Dingen ahnungslosen Wilson und des seit den Tagen des ersten Rapoleon traditionell befreundeten Frankreich sich von dem im Weltkrieg unter­legenen Deutschland genommen, was sie bekom­men konnten. Die Zerreißung des oberschlesischen Industriegebietes, der Verlust der für unsere Ernährungswirtlchaft fast unentbehrlichen Pro­vinzen Posen und Westvreuhen bis auf kleine Reststreifen, die durch die Grenzziehung volks­politisch und wirtschaftlich schwer bedroht sind, die Losreißung Danzigs vom Reich und schließ­lich die Isolierung Ostpreußens durch den Korri­dor. der Polen den Zugang zum Meer schaffen sollte, das sind die Geschenke, die die Sieger des Weltkrieges an der Wiege des jungen pol­nischen Staate- niederlegten und mit denen sich Frankreich die unbedingte Waffengefolgschaft Po­lens erkaufte.

Oie offene Wunde.

SS ist gut, daß die Vorbereitungen de- Wahl­kampfe- da- Interesse deS deutschen Volke- nicht ganz von wichtigen außenpolitischen Vor­gängen abziehen. Und es ist besonders erfreulich, daß Mitglieder des Reich-kabinett- eS find, die unsere Aufmerksamkeit wachhalten für die gro­ßen. trotz deS Rehe- von außenpolitischen Ver­trägen noch immer ungelösten nationalen Fra­gen, die, weitab von den innerpolitischen Grä­ben und Trennungsstrichen deS Wahlkampfe-, da- ganze Volk angehen und es in einer Front sehen. Daran ändert auch nichts, wenn in der letzten Woche sozialistische Blätter di« berühmte Korridorrede deS Ministers Trevira» nuS absällig kritisierten, weil ihnen eben di« konservative Rase des Herrn Treviranus nicht gefällt. In der Sache selbst fordert die Sozial» demokratie die Revision des Versailler Vertra­ge- mit Bezug auf die Grenzziehung im Osten genau so wie die Deutschnationalen. Und Herr Dreitscheid. der außenpolitische Matador sei­ner Partei, hat diese Forderung oft genug ge­nau so erhoben wie Hugenberg oder andere Führer der Rechten.

Die Defreiungsseiern im Rheinland in der Rächt zum I.Iuli sowohl, wie bei der Rhein« landsahrt de- Reich-Präsidenten konnten leicht den Eindruck erwecken, dah man bei dem bc- greiflichen Iubel über den endlichen Abzug der Desatzungstruppen, bei der verständlichen Ge­nugtuung über daS Ende der Schreckenszeit am Rhein die wahre Lage vergessen hätte, in der wir unS auf Grund der Verträge auch nach der Räumung des besetzten Gebiets noch be-

poincares Feldzug gegen die Revision der Verträge.

Ein neuer Gonntagsariikel. Die Angst vor DeutschlandsRevanche". Oie deutschen Revisionsforderungen und Frankreichs Sicherheit.

Pari», 15. Aug. (XU.) PoincarL veröffentlicht am Freitag einen neuen Artikel, in dem er sich mit der von Deutschland geforderten Revision der Verträge auseinanderfcht. Einleitend kommt der ehemalige Ministerpräsident nochmal» auf die in seinem letzten Artikel enthaltenen An­griffe gegen den Reichspräsidenten zu sprechen, poincars verwahrt sich dagegen, dah er e» an der nötigen Achtung habe fehlen lassen. Er habe im Gegenteil mit anderster Ehrerbietung gesprochen. Stellenweise habe er sogar seine Schätzung und Bewunderung durchblicken lassen. Man könne dem Reichspräsidenten die Anerkennung nicht versagen, zumindest offen genug gewesen zu sein und ehrlich da» zum Ausdruck gebracht zu Huben, was Stresemann verschwiegen habe. Man wisse In Frankreich leider nur zu gut, was Deutsch­land unter der Revision der Verträge verstehe. Das sei zunächst die Rückgabe de» Saargebie­te» ohne Abstimmung, dann die Auf­hebung der entmilitarisierten Zone, der AnschluhOe st erreich», die Rückgabe de» Danziger Korridor», die Einmischung Deutschlands in die Angelegenheit anderer Länder unter dem Vorwande de» Schuhes feiner nationalen Minderheiten und fchliehlich die Forderung nach Kolonien. Kurz, eine triumphierende Revanche und eine unbeschränkte Vergrößerung de» besiegten Deutschland. Wenn Deutschland als Sieger aus dem Weltkriege hervor­gegangen wäre, so würde es Frankreich gegenüber sicherlich nicht dieselbe Mähigung gezeigt haben, wie dies jetzt umgekehrt der Fall sei.

PoincarL wird dann ironisch und betont, dah Deutschland trotz der dauernden Wiederholung des Gott mit uns" den Krieg verloren habe. Ls habe einen Vertrag unterzeichnet und wenn es wirklich den Wunsch hege, dah die Feindseligkeiten zwischen Frankreich und Deutsch­land aufhörten, so fei es feine Pflicht, diese Unter­schrift zu achten. Durch die Unterzeichnung des Locarnooertragcs und des Kelloggpaktes habe Deutschland seine erste Unterschrift be- fl ä l i g t. Um so unerklärlicher sei die kolossale Aus­dehnung der Entwicklung, die die R e i ch s w e h r in den letzten Jahren gehabt habe. Auch die Er­ziehung de» deutschen Nachwuchses sei nicht nur unvereinbar mit der europä­ischen Sicherheit, sondern auch mit der Mög­lichkeit der Aufrechterhaltung eines dauernden Friedens.

PoincarL kommt dann auf die eigentlichen Revi- fioneforberungen zu sprechen. Lr betonte dabei, wenn das Reich wirklich den Wunsch hege, in einem bestimmten Punkte eine Vertragsänderung zu for­dern, so solle e» endlich aufhören, an allen seinen Grenzen zu schüren. Vielmehr einen der ihm offen- stehenden Wege einschlagen, indem es entweder i n direkte Verhandlungen mit dem inter­essierten Land eintrcte ober bie Angelegenheit vor ben völkerbunb bringe. 3ebc Grenzver- änberung beschwöre neue llnzulräglichkeilen herauf, wenn sie nicht bas Ergebnis freier Verhandlungen zwischen zwei Staaten sei. Eine Rückgabe des Danziger Korridors würde sicherlich in Deutschland und besonders In Ostpreußen grohe Freude austösen, die im Korridor ansäs­sigen Polen aber aus» änherste er­bittern unb bamit zu neuen unb vielleicht viel größeren Schwierigkeiten als bisher Aniah geben. Aehnllch verhalte es sich mit bem Anschluh, mit bem sicher nicht ave Oesterreicher einoerftanben seien. Eine Revision ber Verträge würbe also in

Mitteleuropa nur neue Brandherde schassen, was sich unter Umständen auf dem ganzen Konti­nent auswirken könne, wenn das da» Ziel Deutsch­land« fei, so müsse es dies offen sagen. Frankreich werde dann nicht mitgehen.

Es lohnt sich eigentlich nicht, mit dem früheren französischen Ministerpräsidenten zu streiten. Alles was man ihm sagt, lehnt er ab, oder will einfach nicht glauben, dah man es ehrlich meint. Trotz alledem verdienen feine Aeuherungcn in dem heutigen Halbmonatsartikel nochmal- die schärfste Zurückweisung. Man mühte doch eigentlich annehmen, dah Poincare Staatsmann genug ist. um zu erkennen, dah sich die Entwick­lung nicht in eine Zwangsjacke e in- spannen läßt. Ieder Vertrag ist ein Fetzen Papier, wenn er dem Worte nach ausrechterhal­ten werden soll. Auch Verträge müssen ent­wicklungsfähig sein, sonst geht die Zeit einfach über sie hinweg. Anderseits sind doch schon viele Staatsmänner in den übrigen Län­dern davon überzeugt, dah der gegenwär- tige Zufl and fein endgültiger sein kann. Der Korridor, Danzig. Eupen-Malmedy. das Saargebiet, alles das sind doch Probleme, die immer noch der Lösung harren. älnd dieser Lösung steht ja letzten Endes auch der Ver­sailler Vertrag nicht entgegen. Auherdem hat sich Herr Poincare selbst niemals an den Wort­laut deS Vertrage- gehalten, denn sonst hätte er während seiner Ministerpräsidentschaft dafür Sorge tragen müssen, dah die Olbrüftung auch in seinem Lande durchgesührt wird.

Aber das nur nebenbei Wenn Herr Poin-

carä sich die-mal veranlaht suhlt, darauf hinzu- weisen, dah Aenderungen nur dann möglich sind, wenn sie im gegenseitigen Einverneh­men durchgesührt werden, so kann man diesen Satz durchaus unterschreiben. Auch die deutsch« Reichsregierung will die Aenderungen der un­haltbaren Zustände nut im Wege gegenseitiger Vereinbarungen erreichen. Auch die deutsch« Reichsregierung lehnt eine Revanchepolitik ab, wie sie gewisse Kreise in Pari- und Warschau ihr zuschreiben zu mühen glauben. Auch die Reichs- regicrung setzt sich in vollkommenem Umfange für die Kontinuität der deutschen Außenpolitik ein. Aber Deutschland kann es nicht zulassen, dah Fehler bestehen bleiben, die nicht nur für Deutschland, sondern darüber hinaus auch für die ganz« Welt eine Gefahr be­deuten müssen.

Wenn wir in Europa zur Ordnung kommen wollen, dann müssen wir doch die Unord­nung beseitigen, also jene zwangSläusigo Ordnung, die unorganisch ist, und der tatsäch­lichen Entwicklung zuwiderläuft. Man darf doch annehmen, dah Poincare selbst für die Zukunft arbeiten will, wer daS toUl, muh aber auch dsn Mut haben, zu erkennen, wo die Fehler sind, die ausgemerzt werden müssen. Wer aber an der alten Politik des HegemoniSmuS sesthält, wer im Mihtrauen stecken bleibt, der wird nie zu einer klaren Erkenntnis kommen können. Es erübrigt sich eigentlich, diese Gedanken immer wieder vor­zubringen. Aber da Herr PoincarL beharrlich ist, muh man doppelt beharrlich sein. Einmal wird der Tag kommen, wo die Gedankengänge Poin- carLs Näglich zusammenbrechen werden.

Verhandlungen mit Finnland.

Ein Sonderdelegierter geht nach HelsingforS. Um eine Aufhebung der Zollbindungen für Molkereierzeugniffe ohne Kündigung des Handelsvertrags.

Berlin, 15. Aug. (ERB.) Das Reichskabl- nett hat heute die Beratung über die vom Reichs- ernährungsminister Schiele geforderte Kündi­gung des de u t f ch - f i n n i f ch e n Handels­vertrages fortgesetzt, wie wir erfahren, kam es am Abend zu dem Befchluh, in direkten Ver­handlungen mit Finnland zu verfuchen, zu einer Regelung der umstrittenen Handelsvertragsfragen zu gelangen, die ben deutschen Wünschen und Interessen entspricht. Zu diesem Zweck wird ein Sonderdelegierter, und zwar der Leiter der Wirtschaftsabteilung des Aus­wärtigen Amts, Ministerialdirektor Dr. Ritter, nach helfingfors entsandt werden. 3n unterrichteten Kreisen rechnet man damit, dah es gelingen wird, aus diese weise im Lause der nächsten Woche zu einer Verständigung mit der finnischen Re­gierung zu kommen. Man kann wohl annehmen, dah der deutsche Delegierte die Ausgabe hat. die finnische Regierung davon zu überzeugen, dah eine (Einigung im Sinne der deutschen wünsche auch im Interesse Finnlands erstrebenswert ist, weit dadurch die Kündigung des handclsoer- träges vermieden wird, die für Finnland zweifellos noch größere Rachteile bringen würde.

Es wird sich darum handeln, die Zoltautono- mle für bie umstrittenen Molkerei- erzeugnisse nicht durch Kündigung des Gesamt- oertrages zu erreichen, d. h. es mühte lediglich die Bindung der Zölle in diesem Fall ausgemerzt werden. Damit wäre erreicht, dah man die Zoll­hohe der jeweiligen Welfmarktlage für Molkerei-

erzeugnisse a n p affen könnte, ein hauptwunsch der Landwirtschaft, die ja gerade die starre Bindung auf sieben Jahre ablefjnf, weil sie befürchtet, dah weitere Preisstürze aus dem auherdeutschen Mark! die im Zusatzabkommen sestgelegte Zollhöhe über­springen könnten und damit die deutsche probuftioa ruinieren würden. Allerdings wäre dann die Re­gierung genötigt, bei Zollerhöhung von Fall zu Fall erneut mit den Finnen zu verhandeln, die aber schließlich am Absatz ihrer Produkte auch interessier! sind und bei einer Kündigung des Handelsvertrages zweifellos ihrerseits ebenfalls grohe Risiken über­nehmen müssen. Dann mühten mit den anderen nordischen Ländern, bei denen sich übrigen» parallel zu den versuchen der Donau-Länder Be­strebungen zur Bildung eine» nordischen Agrarblock» bemerkbar machen, diplomatische Verhandlungen ausgenommen werden, um in der Zollfrage für Molkereierzeugnisse auch mit diesen Staaten Fühlung zu halten. In Berliner politischen Kreisen nimmt man daher heute allgemein an, dah die Möglichkeit eine» solchen Auswege» gegeben ist, der die Zollbindung für Molkereierzeugnisse mW Finnland aufhebt und etwaige Zollerhöhungen besonderen Verhandlungen von Fall zu Fall überläht. Auch für die innerpolit sche Entwicklung in Deutschland würde ein solches Kompromih eine bedeutsame Entspannung bringen und der gan­zen Frage ihre gefährliche Zuspitzung nehmen. Rach­dem die Regierung und die Wirtschaftler gesprochen haben, haben also nun die Diplomaten das Wort, um die praktische Durchführung zu sichern.

Weitergehende polnische Ansprüche auf Erm- land. Masuren und vier westpreuhischc Kreise östlich der Weichsel scheiterten an den groß­artigen deutschen Abstimmungssiegen vom 11. Iuli 1920. während die für Deutschland kaum minder günstige Abstimmung in Oberschlcsien vom 20. März 1921 leider nicht hindern konnte, dah, obwohl sogar 42 Prozent der polnischsprechendcn Bevölkerung für Deutschland stimmten, dort fast eine Million Deutsche gegen ihren Willen der polnischen Republik einverleibt wurden. Eo sah Wllsons Eelbstbestimmungsrecht der Völker in der Praxi- aus. älnb wenn Polen in Dersallles seinen angeblichen Rechtsanspruch auf Posen. Westpreuhen. das ostpreuhische Ennland und Masuren mit der Behauptung erhob, dah ben Polen hier altslawischer Boden durch die Ger- manisierungsbestrebungen früherer Iahrhunderte widerrechtlich entrissen worden sei, so verdankt es seinen Erfolg nur der völligen älnkenntniS ostdeutscher und osteuropäischer Geschichte des amerikanischen Gcschichtsprofessors Wilson und der zynischen Leichtfertigkeit, mit der europäische Staatsmänner in Versailles das historische Recht zugunsten ihrer politischen Interessen beugten. Denn die deutsche Bevölkerung der von Polen beanspruchten Provinzen ist zum weitaus größten Tell schon seit Iahrhunderten bodenständig, sie wurde von slawischen Fürsten ins Land gerufen

und hat sich kraft ihrer überlegenen Kultur, chrcs Fleißes und ihrer Intelligenz als wirt­schaftliches unb kulturelles Rückgrat des Landes bi- heute erhalten. Rur Westpreuhen hat in den dreihundert Iahren polnischer Oberhoheit (1466 bis 1772) eine unerhörte Leidenszeit schlimmster Vernachlässigung erdulden müssen, in der es ganz in polnische Wihwirtschaft und älnkultur hineingezogen wurde. Dem großen Preuhenkönig blieb es Vorbehalten, die gänzlich heruntergekommene Provinz deutscher Kultur zu­rückzugewinnen. HiemalS hat sich die äleberlcgen- heik deutschen Wesens glänzender gezeigt, als in dieser großartigen Durchdringung slawischer Art mit deutschem Geist.

Wenn es also mit Polens historischem Recht auf das ihm in Versailles zugesprochene Gebiet windig genug aussieht, so ist es mit seinem angeb- lief) natürlichen Recht auf den Zugang zum Meer, mit dem in erster Linie die Schaffung des polnischen Korridors, der Ostpreußen vom Reiche trennt, begründet wurde, nicht besser. Muß man auf die Schweiz verweisen, oder gar auf den mächtigen Industriestaat der Tschechoslowakei oder aus der Reihe der besiegten Böller auf Ungarn, dem man seinen einzigen Hafen Fiume Genommen hat, um ihn erst dem neuen Groß­serbien, dann Italien zu geben? Polens Wünschen auf eine Verbindung mit dem Meer, die für ein

Doll mit aufstrebender Industrie begreiflich erschei­nen mögen, hätte sehr wohl auch ohne die ein­schneidenden territorialen Veränderungen, die man in Versailles für gut befunden hat, Rechnung ge­tragen werden können. Man denke nur an eins polnische Freihandelszone im Danzi­ger Hafen analog zu der tschechischen in Ham- bürg ober der ungarischen in Fiume. Sogar mit einer Internationalisierung des Weich­sel st r o m s, um der polnischen Wirtschaft einen Schiffahrtsweg zu sichern, hätte Deutschland sich ab» finden können. Niemals aber wird es sich mit einer Grenzziehung zufrieden geben, die die deutsche Ost- mark in ihrer ganzen Ausdehnung aufreißt, die die alte deutsche Hansestadt Danzig vom Reiche los­gelöst hat und dem wirtschaftlichen Ruin preisgibt, die schließlich die ostpreußische Insel durch ihre Trennung vom Reich in schwere wirtschaftliche unb kulturelle Not gebracht hat unb sie der Gefahr aus- sep.t, über kur; ober lang in wirtschaftlicher unb oolklicher Durchdringung von Polen friedlich erobert ober gar einfach überrannt zu werden, wenn der Augenblick b?n Warschauer Machthabern günstig erscheint. Aus diese offene Wunde an der Ostslanke des deutschen Staatskörpers hat Minister Trevi- r a n u s in seiner Gedenkrede am Abstimmungstage hingewiesen und Deutschlands Revisionsanspruch angemeldet. Mit vollem Recht hat er betont, baß bie von Deutschland als ungerecht unb unerträglich