Ausgabe 
16.6.1930
 
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Nr. (38 Zweites Blatt

Giehener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)

Montag, 16. Zuni 1950

Staatspräsident Adelung über hessische Schutsragen

Die Landta sdebatte über den Schuletai.

Darmstadt. 13. Juni. (WHP.) Vizepräsi- dent v. Helmolt eröffnet die Sitzung um 10,15 Uhr zur Fortsetzung der Schuldebatte.

Abg. 6 t o r d (Soz.)

umreißt zunächst die Schulforderungen seiner Par« tei. Weder in der Reichs- noch in der Landes- gefetzgebung seien diese erfüllt worden. Die Volksschule bleibe für die Sozialdemokraten da» wichtigste Glied deS Schulwesens. Wir ver­teidigen den Schulabbau nicht: wir be­dauern, daß die Notzeit diese vorübergehende Maßnahme erfordert und werden bei Besserung der Verhältnisse für die Wiederschaffung der Gestrichenen Stellen eintreten. Die Berufs- ch»u l e wollen wir weiter ausbauen unter der

Obhut des Staates. Gerade auch die weibliche Fortbildungsschule findet im Lande im­mer mehr Freunde. Die Regierung must den radikalen Versuchen, in die Schrde emzudrrngen, mit aller Energie entgegentreten.

Abg. Frau Heraeus (5>n.)

polemisiert gegen den demokratischen Abgeord­neten Reiber wegen seiner Haltung zur Frage der Erteilung deS Religionsunterrichtes ES gehe darum, dast Lehrer, die sich zur Erteilung des Religionsunterrichtes verpflichtet haben, diesen Unterricht in christlich-positivem Sinne erteilen müssen.

Abg. Axt (DRP.)

bescheinigt dem Kultusminister, dost er stets daS lebhafteste und wärmste Interesse für alle Zweige deS Schulwesens bewiesen hat. Die gestrigen Aus- führunaen deS Abg. Reiber bezüglich parteipoli­tisch tätiger Lehrer widersprechen der Reichs- verfassung, wie überhaupt seine Demokratie eine starke Dosis Autokratie enthält.

Abg. Glaser (Lbb.)

bedauert, dast die Landbundanträge von der Koalition abgelehnt worden sind. Wenn der Be- amtenbund sich für eine geringe Gehaltskürzung ausgesprochen hätte, wäre keine Beamtenstelle ab­zubauen notwendig gewesen.

Abg. Dr. Werner (Rat.-Soz.)

dankt den KoalitionSredncrn, dast sie der Oppo­sition die Aufgabe der Kritik cchgenvmmen ha­ben. Wenn alle politischen Iugendverbände in der Schule verboten werden, dann sind wir damit einverstanden. Reben der Einhaltung des christ­lichen Eharakters der Simultanschule hat die Pflege des deutschen Volkstums, des Ratur- schnhcS und des Sportes zu erfolgen. Wir wollen die Brücken von der Volks- zur höheren Schule nicht beseitigt sehen. Rur um des Prin­zips der Freiheit der Wissenschaft willen haben wir un« des Falle« Horneffer, Dietzen, ange­nommen.

Staatspräsident Adelung

erklärt u. a.: Bei den Erörterungen über die von der Regierung vorgeschlagenen Gpar- matznahmen haben die Einsparungen auf dem Gebiete deS BilvungSwe- fen« die Gemüter am meisten erregt. Die Bcvölkerrmg bringt damit erfreulicherweise zum Ausdruck, dast sie in einer guten Schule und in der Vermittlung einer guten Bildung wichtigste Aktiv-Posten im Staatshaushalt wie für jeden einzelnen erblickt, älnd ich verrate sicherlich kein Geheimnis, wenn ich bekenne, dast diese Frage für die Regierung der Gegenstand besonderer Sorge war. Die Regierung wird deshalb die Einspa­rungen auf dem Gebiete des Schulwesens nicht etwa als einen Fortschritt befürworten oder gar verteidigen. Sie ist mit den Kritikern darüber einig, dast

die Stelleneinsparung bei der Schule eine pädagogisch recht unersreuliche Maßnahme ist.

die vorzunehmen sic sich nur deshalb entschlossen hat, weil die finanzielle Rot deS Staates sie zwingend erforderte.

Ich weise nur daraus hin, dast seinem A u s - gabenkrei« und dem Personal st and cnt- sprechend daS Ministerium für Kultus und Bil- dungSwesen mit 44,4 Millionen Mark daS sind 31 v. H. einen sehr wesentlichen Anteil an den Gesamtausgaben deS Staate« in Anspruch nimmt. Roch deutlicher zeigt sich die Stellung deS Ministerium- für KultnS und Bildungs­wesen für die Gestaltung des Staatshaushalt« in seinem austerordentlich starken Zu- schustbedars. Bei dem Zuschustbedarf der ge­samten Staatsverwaltung in Höhe von 67,2 Mil­lionen Mark entfallen nicht weniger wie 35,6 Millionen d s 53 v. H. auf da« Ministe­rium für KultuS und BildungSwefen, davon allein 23,3 Millionen Zuschuß - d s. 34 v. H. auf die Volks- und Fortbildungsschulen.

Also über die Halste aller Ausgaben be­tätigt der hessische Staat für Schul- und DilbungSzwecke.

Man konnte bei der Sparaktion leider nicht am Bildungswesen vorüberyehen, muhte aber sorg­fältig daraus bedacht sein, Mastnahmen zu tref­fen. die keine oder wenigsten- keine unkorrigier­baren Schäden im Gefolge hatten. Singespart wurden an Volksschulen 1 474 000 Mk., Fortbil­dungsschulen 100 000 Mk.. höheren und gewerb­lichen Schulen 290 000 Mk., Universität und Hoch­schule 230 000 Mk., Theater 200 000 Mk.. zusam­men 2 284 000 Mk; dazu noch durch Schul- gelderhöhung an den höheren Schulen 300 000 Mk.

Die Herairziehung der Volksschulen xur Entlastung de« Staatshaushalts ist in zweifacher ^Deise erfolgt: einmal sind 205 Schulstellen ein­gezogen worden, was eine Ersparnis von 640 000 Mark für daS Rj. 1930 ergibt, sodann sollen die Gemeinden mit einem Stellend ei trag von 200 Mark für jede VolkSschullehrerstelle zu den persönlichen Kosten heranaezogen werden, was eine Entlastung deS Staates um 734 000 Mark bedeutet. Daneben konnten noch bei den Kosten für den nebenamtlichen Handarbeits­unterricht und bei den StellvertretungSkosten je 50 000 Mark eingespart werden. Es ist hierbei zu beachten, dast nur die Einsparung der 205 Schulstellen und an den Kosten für nebenamtlichen Handarbeitsunterricht und bei den Stellvertre­tungskosten eine wirkliche Ersparnis bedeutet. Die Erhebung eines Stellenbeitrags von den Gemeinden bringt lediglich eine Lasten- verschiebuna. Aba. R i e p v t h weist in sei­nem ZeitungSarttkal Z.D. auf die HllfS-, Mrtzer- unb erweiterten Massen, tnsbefvndere m den Städten, hin, die er als überflüssige Luxu^- einrichtungcn betrachtet, die das stäche Land nicht kenne und für die der Staat feine Mittel aufzubringen habe. Es ist jedoch darauf hinzu- weisen, daß auch bisher schon die Gemeinden in Hessen ein sehrwesentlicheSMitwir« kungsrecht für die Gestaltung ihre« Schul- toefenß haben: gerade die Sinrichtuirg der Son­derklassen ift in erster Linie von den Ge­meinden abhängig. Gs darf noch einmal darauf hingewiesen werden, daß von den insgesamt 454 Stellen, die gegen 1914 nunmehr weniger vorhanden sind, die Städte Darmstadt, Mainz und Offenbach allein 220 Stellen gegen 1914 weniger haben, während verschiedene Landkreise auch nach dem diesjäbrigen Abbau ihre Stellen­zahl von 1914 fast restlos gehalten haben. Wenn aber die Einrichtung der Hilfs-. Färber- und erweitertcn Klasten alS sozusagen überflüssiae LuxuSeinrichtimg angesehen wird und deren Ab­bau beantragt worden ist. so muß ich hier ganz entschieden widersprechen.

Konstanze.

Vornan von Karl Heinz Voigt.

Urheber-Rechtoschutz Verlag Oskar Meister. Werdau 37. Fortsetzung. Nachdruck verboten

Am nächsten Tage erst, als sie die Zeitung zur Hand nahm, wußte sie, daß der gestrige Abend der 'Beginn ihres künstlerischen Aufstieg- gewesen war.

Da stand in der Besprechung der Uraufführung der ..Daphne": .

..Ganz besonders angenehm fiel das Organ einer neuen Sängerin auf. die die Rolle der ..Gaia" noch in letzter Stunde übernommen hatte. Ein starkes Talent scheint in Frau Konstanze Emmerstorstf zu stecken. Die Bühnensichcrheit sehll zwar noch,, ober man kann hoffen, daß sich nach einiger Zeit die Äünftlerin zu einer Solodar- ftellerin ersten Ranges entwickeln wird. Man darf der musikalischen Leitung unseres Kunst- institutes Glück zu der neuen Entdeckung wün­schen. In der Stimme liegt unendlich nid Süße unb Biegsamkeit. - Wir würden der neuen Kraft gern in größeren Rollen wieder begegnen."

Konstanze überflog diese Zeilen immer wieder, unb ium erstenmal seit langem erfüllte sie ein Gefühl freudigen Glückes.

Als sie ihre Blicke noch weiter über das Zei- tungSblatt l,chweisen lieh, war es ihr Plötzlich, als wäre irgend etwas an sic herangetreten, da« sie einigermaßen erschrecken ließ. Im näch­sten Moment las sie den Ramen ..Peter Uhl­städt'. Ihre! Blicke überflogen die wenigen Zei­len, die untci1' der Rubrik: ..Anslandsnachrichten" folgende Ro/tiz brachten:

M o' n a c o, den...

Qßlc aus aus Monte Larlo mitgeteilt toirbr erschoß sich vorgestern in den Räu­men i des Kasinos der Münchener Waler <pCfCx: Uhlstädt. Der Grund zur Tat ist itX erheblichen Spielschulden zu suchen." Konstanz^ fafc regungslos und las die wenigen Zeilen inrfner wieder. Endlich begriff sie. Sie erhob sich^ faltete ohne jede Träne in den Augen bat? Zeitungsblatt zusammen. ,.Aus­gelöscht" bfachte sie, unb eine seltsame Starrheit umklammerte ihre ©lieber. ,.Es ist ja alles so unsagbar niWfl auf der Welt." Hinter diesen wenigen Zeilen spielte sich die Tragödie eines Lebens ab $ie vielleicht fein Mensch so verstand.

wie sie. Das gleiche Blatt nannte ihren Ramen. Sine Gefeierte war sie. Leben und Tod.

AlS wenig später Professor Scholl bei Kon­stante eintrat, war sie ganz gefaßt. Der alte Musiker hielt leuchtenden Auges einen ganzen Stotz Zeitungen unter dem Arm.

KritikenI" rief er mit lachendem Gesicht und warf das Bündel auf den Stuhl.Alle erft- llassig!" Sr küßte ihr oic Hand. ,Ich gratuliere. Ihr Sprung ist gegluckt. Mnb wie geglückt! Ich bringe schon eine neue Rolle. Der General­musi kbirektor laßt Sie bitten, heute ober morgen noch in sein Bureau zu fommen." Er zwinkerte schalkhaft mit den kleinen Augen.®« ist wegen des Kontrakte-."

Sie beschämen mich. Das danke ich alle- Ihnen. Herr Professor."

Er wehrte bescheiden ab.

Am nächsten Tag ließ sie sich bei General­musikdirektor Groner melden.

Ich habe einen Vertrag ausgearbeitet, gnä­dige Frau", sagte er sehr höflich und überreichte Konstanze das Schriftstück. ..Ich hoffe. Sie werden zufrieden fein."

Konstanze laS. WaS dort stand, bedeutete das Glück für sie und eine glänzende Zukunft. Ver­pflichtung auf drei Jahre, Beschäftigung in füh­renden Rollen. Die Gage aber übertraf alle ihre Erwartungen.

üebcrlcgcn Sie sich alleS in Ruhe, gnädige Frau", sagte Groner mit warmem Tone.

..Diese Woche sind Sie nicht beschäftigt Wir wiederholen dieDaphne" erst am 27. BiS dahin möchte ich Ihren Sntschluh wifsen. Ich hoffe, Sie werden bei uns bleiben.

AlS Konstanze das Theatergcbäude verließ, lag eine goldene Spätherbstsonne auf den entlaubten Bäumen der Anlagen

Im Theater war es dunkel gewesen. Sie schloß einen Moment die Augen vor so viel Licht.

Sie war geblendet.

12.

Lochar Emmerstorfs hatte damals, gleich nach dem Brande, alle Mittel aufgeboten, daß die Ursache des Feuers festgeftellt werden könne.

Die Behörden hatten sich ganz aewiß der Angelegenheit angenommen. Man forschte nach. Erfolglos. Es konnte zwar kein Zweifel bestehen, daß Brandstiftung vorlag. Man hatte nämlich in einer der Garagen das Stück einer Zünd­schnur gefunden.

Emmerstorfs hatte seinen Verdacht. Aber hatte er auch Beweise? Rein, die besaß er

Die erweiterten Klaffen fallen die höheren Schulen nicht ersetzen und sollen auch kein Abklatsch dieser Schulen sein.

Lehrziel. Oefcrftoff und Unterricht-weise sollen ausschließlich bestimmt sein von den allgemeinen Bedürfnissen. Kenntnissen unb Fertigkeiten, wie sie da- heutige Leben für zahlreiche Kreise der breiten Schichten des Volkes erfordert. Im Hand­werk, im Handel und in Bureaubetrieben sind die Schüler der erweiterten Klaffen al- Lehr­linge gerne angenommen worden. Wenn in den Landgemeinden in der Gliederung des Schul­wesens weniger al- in den Städten geschehen ist, so kommt die- ausschließlich daher, daß die Durchführung der Gliederung auf dem Lande ungemein fchwieriger ist. 11m da- Bild über die Einsparungen auf dem Gebiete des VollSschul- wefen- abzurunden, ist es notwendig, auf den

außerordentlich starken Schülerrückgang hinzuweisen. Die Volksschule ist 1929 von 151 426 Schülern besucht worden, die von 3876 Vvlks- schulkräften unterrichtet werden. Gs ist nun zwar richtig, daß die Schülerzahl in den nächsten drei Jähren wieder zunimmt, voraussichtlich auf ins­gesamt etwa 180 000 bi» 185 000 Schüler Aber vom Jahre 1934 ab wird die Zahl der Schiller wieder Jahr für Jahr ganz beträchtlich ab­nehmen. Wenn die Geburtenziffern der letzten Jähre zugrunde gelegt werden, fo kann künftig im äußersten Falle mit einer Schülerzahl von nur 150 000 bis 160 000 Kindern gerechnet wer­den. Trotz der seinerzeit zu beobachtenden sprung- hasten Erhöhung der Schülerzahlen wird

die hessische Volksschule in naher Zukunft mir noch rund 70 Prozent an Schülern auf­weisen gegenüber dem Schülerflande von 1914.

Im Jahre 1930 entfallen nur etwa 43 bis 44 Schüler auf die Schulstelle. Entscheidend für die Beurteilung des Abbaues ist aber, daß da» hessische Schulwesen auch nach dein 2lb- bau nicht unter das Schulwesen der Rachbarländer herabgefunken ist und einen Vergleich nicht zu scheuen braucht. Bei der Durchführung deS Abbaues, der naturgemäß mit recht erheblichen Schwierigkeiten ocrbitnben war, ist mit größtmöglicher Rücksichtnahme auf die örtlichen Schulverhältnisse und die persönlichen Verhältnisse der berührten Lehrkräfte verfahren worden. Gs muß jedoch auf da« entschiedenste zurückgewiesen werde», wenn verschiedentlich be­hauptet worden ift, daß an und für sich ver­meidbare Härten zugelassen oder sogar geschasse» worden seien oder daß sonstwie bei dem Abbau von Schul stellen ungerecht verfahren worden sei. Die Parität ist im ganzen gewahrt worden.

Aach durchgeführtem Abbau werden 141 evan­gelische, 63 katholische und eine freireligiöse Stelle abgebaut fein. Die Härte deS Schul» abbaues konnte in verschiedenen Fällen bo- durch gemildert werden, daß die betreffenden stellen nicht voll, sondern mir zum teil wegsielen.

Insgesamt bestehen zur Zeit 106 Teilstellen. 29 halbe unb Ti Zweiorittel stellen: volle Stellest, auf denen zwei Lehrkräfte je zur Halste beläs­tigt sind, sind hierbei nicht mttgevechnet. Dirvch die erwähnte Maßnahme sind tatsächlich nur 110 Anwärter gewesen, bte abberufen bleiben mußten. Hiervon konnten inzwischen weitere 40 durch besondere Maßnahmen bet der Gestellung von Gehilfen für erkrankte Lehrkräfte wieder tn den - Schuldienst eingestellt werden. Einige weitere Anwärter haben Beschäftigung im beut- schen AuSland-schuldienst oder im Schuldienst anderer Lander oder auch im Privatschuldienst gesunden, so daß tatsächlich von den wegen des Abbaues aus dem hessischen Schuldienst ab­berufenen Schulamtsanwärtern zur Zeit nur noch 60 ohne Verwendung sind.

Die Zahl der Ausnahmen in die päda­gogischen Institute wurde stark ein* geschränkt nur 92 hessische Anwärter war­en zugelassen so daß für die Verwendung der Anwärter bereits vom Jahre 1933,34 ab

nicht, und so durfte er auch keine näheren Ver­dächtigungen aussprechen. Jedenfalls vermied er es. von diesem Tage ab mit Ludwig Warburg wieder zusammenzutressen. Vielleicht war es eine gewisse Furcht, er könne seinen Verdacht diesem Menschen entgegenschleudern. Vielleicht war es auch die Tatsache, daß Ludwig Warburg jetzt öfter denn je Julia« Gesellschaft suchte.

Lothar hatte sie ein paarmal zur Rede gestellt. Sie hatte gelacht

Er hatte ihr nach jener Drandnacht eine ein­fache kleine Wohnung gemietet. Gr muhte sparen und rechnen an allen Ecken und Enden.

Rur zwei Räume der Villa in Potsdam waren Bei der Feuersbrunst verschont geblieben. Alle anderen Zimmer mit dem kostbaren Inventar, den letzten Schätzen Lothar EmmerstorsfS, waren eine Beute de« Elements geworden. Die Villa war nicht einmal versichert gewesen. Kurz vor jenem Tage, da Julia daS HauS bezog, war eine Versicherunasgesellfchast an ihn herangetreten. Er hatte die Angelegenheit beiseite gelegt. DaS hatte ja Zeit! Wer hätte denn auch nur ent­fernt an einen Brand gedacht?

Julia hat dich einst vor Ludwig Warburg gewarnt", dachte er jetzt Autoeilen.Du hast diele Warnung verlacht/ Warburg hatte da« Spiel gewonnen. Er hat einen Lothar Smmerstorsf vernichtet. Seine Rache war fürch­terlich.Vielleicht nimmt er mir nun auch noch diese Frau, so wie ich sie ihm einst genom­men!" Gegen diesen Gedanken aber stand etwa« auf im Innern Lothars. daS sich empörte und zur Wehr setzte Gr ballte, ohne eS zu wissen. Die Fäuste. Mochte man ihm sein Geld nehmen, da- Letzte aber. Julia, die er nun zu seiner Frau machen wollte, wurde er sich nicht rauben lassen!

Dann tauchten andere Bedenken auf. War nicht Julia scheinbar auf der Seite deS Verhaß­ten? Warum empfing sie diesen Menschen so oft? Sie machte auch gar keinen Hehl daraus, daß Warburg sie fast täglich besuchte.

Warum hatte Lothar denn solange gezögert und Julia nicht ehr um ihr Jawort gefragt? Stets schien ihn etwas von diesem Schritt zu­rückgehalten zu haben. Damals, am Abend des Festes, schien es sogar das Schicksal gewesen zu sein, das ihm das Wort vom Mund genommen hatte. Er hatte reden wollen, eS war soweit gewesen, da war daS Feuer auSgebrochen und anberc Ereignisse hatten sich vor diesen Entschluß gedrängt. Er würde eS tun, morgen über­morgen sehr bald schon! Hatte er aber erst ihr Wort, bann durfte dieser Warburg

wieder mit vollkommen normalen Verhältnisse« gerechnet werden kann.

So Ist feiten- der Regierung alle- ge­schehen. um die Auswirkungen des Schul- addaues für die betroffenen Gemeinden und Lehrkräfte in erträglichen Grenzen zu halten.

Es ist zu hoffen, daß in absehbarer Zeit für das Schulwesen auch wieder mehr Mittel a'.s heule zur Verfügung gestellt werden tonnen, damit e- in ruhiger Weiterentwickelung feine bisher.ge bevorzugte Stellung lin Schulwesen der deut­schen Land« behaupten kann.

Der Aba. Reiber bat u a die mangelTiaUc gesetzgeberische Initiative des Reiches beklagt und sich nach dem Gesetz über die höhe­ren Schulen erfunbigt Diese- Gesetz l>erührt sehr stark die Frage deS Finanzausgleichs zwischen Staat und Gemeinden und muß im oti- fammenhana hiermit erledigt werden. E-s ist dann kritisch ermähnt worden, daß in der Frage deS Berechtig ung-wesen- auch die stau t- lichen Betriebe keineswegs mit gutem Beispiel borangingen. Ich habe diesen Eindruck auch, mache aber daraus aufmerksam, daß sich die Vorbildung der hessische n Be a m len der aiiderer Länder und doS Reiches anpaßt und daß man sorgsam darauf bedacht sein muß. daß nicht durch Aenderungeu in der Vorbildung der hessischen Beamten eine Benachteiligung gegenüber den anderen Beamten eintritt.

Wenn nicht endlich vom Reich Schritte er­folgen. werben wir trotzdem versuchen müssen, im Sande eine Aenderung eintreten zu lasten.

Die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Partei an sich sollte nicht ofruc weiteres die Tätigkeit im Staatsdienst au-schlieficn, wenn der Betreuende den Verpflichtungen, die einem Staatsbed'ni­steten auferlegt sind, restlos nachkommi. Der de­mokratische Staat darf nicht in die Fehler des früheren Obrigkeitsstaate» verfalleii oder die Me- thoben de- Faschismus oder deS Sowjetsvstems nachahnien, jeden Andersdenkenben von vornher­ein zu verfemen unb auszuschließen. D>e Demo­kratie. die Republik fordert treueste Pflichtersill- hmg; sie ist stark genug, auch andere Meinun­gen zu ertragen, selbst wenn sie in noch so tönenden RebenSarlen zutage treten. Wer aber mit seinen Pflichten gegenüber bem Staat in Konflikt gerät, wirb rücksichtslos tzur Derant- wvrtuna gezogen werden. Von verschledeiieu Red­nern ist dann gesagt toorbeu. bic Grundlage der Gemeinschaftsschule, der G i m u 11 a n s ch u l e, sei erschüttert. da da« religiös-sittliche ®r- ziehungSPruizip gefährdet werde Das Wesen der Gemeinschaftsschule ist die Erziehung zur religösen Toleranz. Jeder religiösen lieber Beu­gung wird Rechnung getragen.

Ich werde im Interesse der Erhaltung un­serer Gemeinschaftsschule gegen Verstoße wider Me religiöse Duldsamkeit mit allem

Nachdruck eintreten.

Abg. Reiber (Dvm.) lahnt alte Versuche ab, die Simultanschule in KönfestivnssckMlen umzii- krempeln.

In personiicher Polemik sprechet bann die Qtbgcorbneten Frau Heraeus, Abg. Reiber und Dr. Werner lOlatsos.). Abg. A f t (VRP ) plädiert für den VbA.-Gedanken attch in dec Volksschule und wünscht Sinhaltuna des Grund- artikelS deS VolkSschulaesetzes. Abg. H a m - mann (K.) vertritt die gefbriebenen Anträge feiner Partei.

Abg. Dr. Keller lDVP.) stellt fest, daß seine Partei an der Simultanschule festhalte, die zum Fortschritt der Schule und des Volke- wesentlich bei getragen habe.

Rach weiterer unwesentlicher Debatte wird die Sitzung auf Montagvormittag vertagt.

Sprechstunden der Redaktion.

11.30 bl» 12.30 Uhr, 16 bl» 17 Uhr. Samelag nachmittag geschlossen

An, eigen austräge sind lediglich an die Geschäftsstelle zu richten.

niemals, niemals wieder ihren unb seinen Weg kreuzen.

In den letzten Tagen war Lothar schon öfters mit dem Gedanken nmgegangen. an Siegfried Marschner hcranzutreten. mit der Bitte um Be­schäftigung in seinem Werk. Er schämte sich bei dem Gedanken, als Bittsteller zu seinem frühe­ren Kompagnon zu gehen, ihn um eine Stellung in dem vertrauten Betriebe zu ersuchen. Da­mals war er gegangen al- ein Gewaltiger, als einer, der sich nicht beugen ließ. Heute kam er als Bettler.

Vielleicht hatte Siegfried Marschner ein Ein­sehen! Emmerstorfs war in dem Werk heran- gercift, er wußte, daß es nicht gut mit der Fabrik stand. Er war der rechte Man>'. der da« Unternehmen wieder auf die frühere Höhe brin­gen könnte.

Hatte er Julia» Wort, aalt es noch die Schei­dung mit Konstanze durchzuführen Bei diesem Gedanken suhr er zusammen. Wieder ertappte er sich bei der Erinnerung an Konstanze Er mußte sich eingestehen, daß er die ganze letzte Zeit überaus häusig an seine Frau gedacht hatte.

Von jenem Tage an, da er in der Zeitung gelesen, daß Konstanze an der Münchener Oper eine kleine Partie au-hils-weise mit großem Crsola gelungen, hatte ihn die Erinnerung an sie nur selten verlassen. Er versuchte, sich ihren Weg auszumalen. - Mit jäher Heftigkeit wünschte er sich plötzlich. Konstanze» Stimme zu hören, hier in diesen Räumen, in denen e» jetzt so kalt war, und in benen ferne Spur von dein Zauber einer Frau mehr hing.

Er ließ vergangene Bilder vor seinem geistigen Auge erscheinen. Da sprang er auf.Hinweg, ihr Erinnerungen!" Er schritt durch die Ge­mächer. Kein Diener stand mehr bereit. Er hatte sein Personal entlassen. Rur eine alte Wirt­schafterin sorgte für das Rötigste. Er empfand, daß die Wohnung für feine 'Berbältniffc viel zu groß war. Er wurde sich ein ganz kleines be­scheidenes Obdach suchen, irgendwo da draußen, in einem billigen Viertel. Dort würde er mit Julia hausen.

Trotz der Größe der Zimmer war ihm eng it| der Wohnung.

Er zog sich den Mantel an unb trat in die klare Winterluft. Gin schwarzer Himmel spannte sich über der abendlichen Welt au». Da« glitzernde Schneetuch auf den Straßen ließ da» Firmament noch dunkler erscheinen.

(Fortsetzung folgt.)