Konstanze.
Roman von Karl Heinz Voigt.
Urheber-Rechtsschutz Verlag Oskar Meister. Werdau.
13 Fortsetzung. Nachdruck verboten.
Ein massiger Herr musterte sie interessiert. Sie nahm Platz. — Zeugnisse? — Wo sollte Konstanze Zeugnisse herhaben, sagt an? — Nun man konnte es ja auch so versuchen. — Englische und französische Korrespondenz, vielleicht auch etwas Italienisch?! — Schön! —
„Sie werden meine Privatsekretärin werden!" sagte der dicke, gutgekleidete Ehef.
Konstanze zitterte vor Freude. Endlich! Endlich!
„Ihre Gehaltsforderung?" fragte er und kniff listig ein Äuge zusammen. Das andere Auge schien nun größer zu werden, so daß der Mick stach.
Diese Frage kam, so seltsam es war, Konstanze sehr überraschend. Darüber hatte Sie gar nicht nachgedocht. Es war auch nicht das Wesentliche.
Der Chef neigte fragend etwas den Kopf. Äls Konstanze immer noch nicht antwortete, kam er ihr zu Hil'O:
„Sind Ihnen vierhundert Mark recht und ...“ er blinzelte mit den Augen und machte ein vielsagendes Gesicht, „und allerhand weitere Vorteile." Er räusperte sich. „Ich bin unverheiratet. Mein Privatauto steht jederzeit zu Ihrer Verfügung." Er zeigte ein aufdringliches Lachen und beobachtete die schöne Frau vor ihm.
Konstanze erhob sich. Sollte sie diesen Unverschämten züchtigen? Man strafte so etwas mit Ueberlegenheit.
„Ich wollte nicht als Privatsekretärin, sondern als einfache Korrespondentin engagiert sein", sagte sie schlicht und wandte sich zum Gehen.
Der Chef strömte plötzlich weithin bemerkbare Korrektheit aus. Das freche Lächeln erstarb.
„Wie Sie wollen ... Wir haben es nicht nötig."
Konstanze war entlassen.
Aehnlich ging es ihr noch ein paarmal. Sie muhte versuchen, irgendwo anders unterzukriechen.
Sie besah noch eine Anzahl Schmuckstücke, aber sie nahm sich fest vor, sich von diesen nur im allerärgsten Notfälle zu trennen.
Vor einigen Wochen hatte sie sich nun auf ein Inserat gemeldet, das für die Nachmittagsstunden zur Beaufsichtigung der Kinder eine jüngere Dame suchte. Sie hatte sich vorgestellt. Man hatte sie engagiert. Ein zehnjähriges Mädchen und ein elfjähriger Knabe waren ihr anvertraut. Sie beaufsichtigte die Schularbeiten, spielte oder ging mit ihnen spazieren.
Die Kinder waren artig und wohlerzogen und gewannen sie bald lieb.
Konstanze gewöhnte sich so an ihre Tätigkeit, dah sie zufrieden war.
Die Herrschaften, der Generaldirektor einer großen Zelluloidfabrik, in den besten Jahren stehend, und seine Frau, eine kleine, etwas kugelige, heitere Rheinländerin, waren sehr nett zu ihr. Sie fühlte sich wohl in dieser Familie.
Da kam sie eines Abends nach Hause und traf beim Essen mit Neuhaus zusammen.
„Sie sind traurig“, sagte er und betrachtete sie voller Teilnahme. „Sagen Sie nichts, Frau Konstanze, ich sehe es Ihnen an, Sie haben etwas Trauriges erlebt."
Da nickte sie und antwortete leise: „Ich habe meine Tätigkeit bei den Kindern heute aufgegeben."
Er forschte ganz erschrocken in ihren Augen: „Sie waren doch zufrieden?"
„Ich habe gemerkt, dah ich ihm nicht gleichgültig bin. Ich schätze seine Frau viel zu hoch, als dah ich da noch bleiben könnte."
„Arme Freundin", sagte er weich und strich über ihre weihe Hand.
„Es gibt noch gute Menschen", dachte Konstanze und ging in ihr Zimmer. —
Die Vormittage benutzte Konstanze meistens, sich vorzustellen. Sie ging immer ohne jede Hoffnung. Stets kam sie erfolglos zurück.
Einmal begegnete sie auf der Straßenbahn ihrer Schwägerin. Agathe stand nicht weit von ihr entfernt. Sie sah durch sie hindurch. O, Agathe hatte ein Recht dazu, durch sie hindurchzusehen! — Die Ehre der von Heistrih stand auf dem Spiel.
Agathe trug ein auffallend kostbares und sehr elegantes Kostüm. Sie war in Begleitung eines jüngeren Herrn. Cs war nicht Werner.
Diese Frau dort, die ihre Schwägerin war, tat so furchtbar ehrbar, dah es schon fast wie Schulb- bewuhtsein anmutete.
Die meisten Stunden, in denen Konstanze zu Hause war, wurden für sie das Bewußtsein der Einsamkeit. Dann fiel die Traurigkeit über sie her. Das merkte der alte Neuhaus und klopfte oft an ihre Tür.
Sie hörte ihm stundenlang zu. Er erzählte von den Zeiten, da er als Gutsherr über ein kleines Neich regiert hatte. Er erzählte von seiner verstorbenen Frau. Dabei nahm seine Stimme einen Ton scheuer Ehrfurcht vor dem Geist der Toten an.
Konstanze sah das verfallene Greisengesicht, sah den abgetragenen Anzug und die fadenscheinige Krawatte, und eine große Traurigkeit kam über sie.
„Warum müssen die besten Menschen das härteste Los haben?" fragte sie sich.
Aber er war immer zuversichtlich. Eine seltsam wohltuende Ruhe ging von diesem Greis aus. Hier fand sie Trost.
Kurt Helbing suchte immer öfter Gelegenheit, mit Konstanze zusammenzukommen.
Sie hatte eine gewisse Sympathie für den jungen Künstler, aber sie fühlte mit sicherem weiblichen Instinkt, daß ihre Gegenwart auf diesen Mann nicht ohne tiefere Wirkung blieb. Und das war eine Warnung für sie. Deshalb schlug sie auch zuerst alle Einladungen Helbings rundweg ab. Sie mußte Ausreden finden. Sie haßte nichts so sehr, als die Lüge. Aber hier ging es um mehr. — Und dennoch konnte sie, ohne unhöflich zu erscheinen, auf die Dauer Kurt Helbing keinen Korb mehr geben.
Er war überglücklich, Konstanze in die Galerien und Museen führen zu dürfen.
Sie hatte einen wirklichen Genuß von diesen kunstgeweihten Stunden.
Die Liebenswürdigkeit Helbings bezauberte Konstanze bald. Er brachte ihr Blumen. Die auserlesensten Rosen oder Orchideen, die es in ganz München gab. Sie schalt ihn darob. Aber er lachte nur.
So kam es, dah Konstanze dieses Zusammensein mit Kurt Helbing bald als etwas ganz Selbstverständliches empfand. — Sie sah seine immer glühender werdenden Blicke. Das Blau seiner Augen schien sich zu verdunkeln, sobald er sie erblickte, und eine geheime Angst nagte in ihr.
„Machen Sie mir die Freude und kommen Sie am nächsten Samstag ins „Eden". Ich gebe dort einem Kreise Bekannter ein kleines Essen", bettelte Kurt Helbing -und trank bei diesen Worten Konstanzes süße Gestalt in sich hinein. „Es wird sehr gemütlich", fuhr er schnell fort, da sie nicht gleich antwortete. „Wir werden etwas tanzen."
Sie wollte soeben ablehnen. Da sah sie den Blick und das Antlitz dieses Todgeweihten und sagte zu.
Er küßte ihr dankbar die Hand.
Sie erschrak, als er am kommenden Samstag im Frack vor ihrer Tür stand und ihr erklärte, das Auto warte unten.
„Ich habe ja gar nicht gewußt, dah so große Toilette nötig ist", rief sie erschrocken mit einem entschuldigenden Blick auf ihr einfaches Kleid. Mutlos hätte sie am liebsten jetzt noch abgesagt.
„Sie sind in jedem Kleide die schönste Frau", sagte er mit einem verzehrenden Blick auf ihre ebenmäßige Gestalt. — Dieser Mund war der kleinste Frauenmund und dieses Haar das schwärzeste in dieser Stadt.
„Aber was werden Ihre Freundinnen sagen?" fragte Konstanze, als sie in den eleganten Wagen stiegen.
Er strich diese Worte mit einer Handbewegung aus.
„Sie werden verblassen vor Ihrer Schönheit", flüsterte er und wagte nicht, Konstanze anzusehen. Er fühlte den Stoff ihres Kleides an feiner Seite.
„Was tue ich denn?" fragte sich Konstanze, aT9 der lautlos dahinrollende Wagen sich dem Zentrum der Stadt näherte. „Ich sitze mit einem fremden Mann im Auto. Ich spüre dessen heißen Atem und fliehe nicht? Ist er nicht vielleicht ein Abenteurer?"
Schon erstrahlte helles Licht. Gleich darauf hielt das Automobil.
Konstanze fühlte sich unsicher in diesem Kreise eleganter Menschen. Sah man ihr nicht an, daß sie hier eine Fremde war? — Aber alle waren von einer bezaubernden Liebenswürdigkeit zu ihr. Die Freunde und Freundinnen Kurt Helbings waren moderne Menschen unserer Zeit. Man respektierte die neue Freundin des Gastgebers.
Die Damen musterten Konstanze mit neidvollen Micken. Die Herren beglückwünschten Helbing zu seiner neuen Bekanntschaft.
Die letzte Freundin Kurts, eine prächtige Blondine, nahm ihn beiseite. _
„Wer ist diese Frau?"
„Sie heißt Konstanze Emmerstorff". antwortete Kurt mit abweisendem Blick.
„Diese Frau ist deine Geliebte?"
„Nein!"
„Du lügst!"
„Nein!"
„Sie ist verheiratet?"
„Bin ich dir Rechenschaft schuldig?" fragte Kurt Helbing mit zuckendem Munde. Seine Stimme klang drohend.
„Du wirst sie besitzen?"
„Nein!"
Die Blondine lachte spöttisch auf.
„Du wirst sie nicht besitzen?"
„Ich liebe diese Frau."
Ein haßerfüllter Blick traf ihn.
„Leb wohl!"
„Wo willst du hin?"
„Ich will telephonieren. Dr. Boddanskh soll den Wagen schicken. Ich bin hier überflüssig."
Kurt zuckte die Achseln und suchte Konstanze, die dort, umgeben von einem Kreise seiner Freunde, gleich am Eingänge stand.
Die blonde Freundin Helbings ging jetzt an Konstanze vorbei. Eine Wolke von Wohlgerüchen schwamm hinter ihr her. Sie verließ den Raum. Keiner beachtete es.
Zwei Säle in dem großzügigen Hotel waren festlich mit Palmen und Grün geschmückt. Eine verschwenderische Beleuchtung erhellte die Räume. Man tafelte lange und reichlich. Auserlesene Kostbarkeiten bot das Gedeck. Einige leichte Voi> speisen reizten den Gaumen. Derbe Genüsse folg,*, ten. Man trank schwere Weine, Palus-Bordeaux, Sekt und zum Schluß diverse Liköre.
(Fortsetzung folgt.)
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