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Dienstag, 15. April (950
Siebener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhessen)
Nr. 89 Zweites Blatt
Das Kräfteverhältnis in der indischen Nationalbewegung. Don ($. Mutben.
ü- ist ein offene- Geheimnis, daß hierzulande tzi"e Partei der Gewaltanwendung an Boden gewinnt, so wenig organisiert und unbedeutend sie im Augenblick auch erscheinen mag. Ihre Ziele sind aber die gleichen tote die meinen. Allein ich bin von der Ucberzeugung durchdrungen, daß sie den stummen Millionen die ersehnte Hilfe nicht bringen kann, und mehr olÄ jemals bin ich dessen sicher, dah nur die Politik reiner Gewaltlosigkeit die organisierte Gewaltanwendung der britischen Regierung besiegen kann. Weine Erfahrung, so begrenzt sie zweifellos auch ist, hat bewiesen.
Pandit Rehru,
der Präsident des Indischen Nationalkongresses, neben Gandhi der radikalere Führer der indischen Neoolutionäre, wurde in Allahabad verhaftet und zu lcd)9 Monaten Gefängnis verurteilt. Dieser Schritt der englischen Regierung scheint eine entschiedenere Bekämpfung der revolutionären Indier anzudeuten.
dah Gewaltlosigkeit eine starke aktive Kraft sein kann. GS ist meine Absicht, diese Kraft sowohl gegen die Gewalt der britischen Regierung als gegen die unorganisierten Kräfte Set wachsenden Partei der Gewaltan- wenkmng einzusehen. Die Hände in den Dchoß legen, würde bedeuten, diesen beiden Gewalten da- Feld zu überlassen..
3n diesen Sähen, die Mahatma Gandhi kurz vor seinem demonstrativen, nunmehr beendeten Marsch ans Meer in einem Briefe an den indischen Vizekonig Lord Irvin richtete, spiegelt sich daS Kräfteverhältnis der indischen Ra- tionalbeweaung, deren treibende Faktoren auf der einen Seite Gandhi samt seiner Anhängerschaft, auf der anderen Seite der revolutro- när-kommunistische Flügel der radikalen Elemente ist, und denen auf dritter Seite die britische Herrschaft gegenübersteht. 3n diesen Sätzen spiegelt sich aber auch die Erkenntnis, dah die Methode der Gewaltlosigkeit dem weitaus größten Teil dec Masse in Indien bereits als eine überlebte, ja im Grunde apolitische Methode erscheint, und stelll sich im Lichte dieser Erkenntnis der Demonstrationszug Gandhis wie sein Schreiben an den Vizekönig, das er ja selbst als eine Art politischen Testaments empfindet, als der letzte Versuch dar, diese Methode zu rehabilitieren und sie erneut in Wirksamkeit zu sehen.
In der Tat ist das Gefühl aller Gandhi-Gegner Wohl verständlich: denn feine „non violance“- Lehce in ihrem Wesen wie in all ihren theoretischen und praktischen Konsequenzen ist die Denkfrucht eines der Vergangenheit angehorenden und nicht einmal indischem Boden entstammenden Denkers, nämlich Tolstois. Gandhi war bereits zu der Zeit, als er sich noch in Süd
afrika als RechtSanwalt betätigte, in Beziehungen zu Tolstoi getreten (aus dem Buche von Birjukow „Tolstoi und der Orient“ haben wir ja überhaupt Tolstois ausgedehnte Beziehungen jum Orient erfahren), und diese Fühlungnahme, un Briefwechsel aufrechtzuerhalten. hat auf Gandhi den nachhaltigsten, bis in die Gegenwart hinein spürbaren Einfluh ausgeübt. Diese nachhaltige Wirkung erklärt sich freilich dadurch, dah Tolstois Lehren eine eigenartige Synthese mit dem Hinduismus eingingen, der das Wesen Gandhis durchdringt und in dem auch die bezaubernde Wirkung wurzelt, die er auf seine indischen und europäischen Jünger ausübt. Dieser zur Beschaulichkeit neigende Hinduismus fand in Tolstois „Aicht-Widerstand gegen dos Böse" da- einzige, ihm adäquate Mittel des politischen Kampfes. Angewandt aus speziell indische Verhältnisse, ergab sich daraus d i e Methode der „non Cooperation“, der Richtzusammenarbeit mit Den englischen Behörden, die ja noch passiven Eharakter trägt, sowie die Verweigerung des bürgerlichen Gehorsams, die aber — soweit sie sich z. D. in der Steuerverweigerung äuhert — bereit- dicht an die Grenze eines aktiven Kampfes herangeht, ohne freilich in diesen ganz überzu- gehen. Auch in den sehr konkreten Wirtschaftsfragen kann man denselben Einfluh verfolgen: so in Gandhis Propaganda der Rückkehr zum einheimischen Handwerk (besonder- zur Spinnerei) und in dem damit zusammenhängenden Boykott englischer Textilwaren, die z. D. im Juni v. 3. auf einem riesigen Scheiterhaufen in Kalkutta von Anhängern Gandhis öffentlich verbrannt wurden — auch hier übrigens eine nahe Berührung des passiven Kampfes mit dem aktiven. So fanden sich also auch Tolstois und Gandhis Abneigung gegen städtisches Wesen und Industrialisierung wahl- verwandtschaftlich zusammen! nur wurde das, was für den russischen Denker vor allem ein seelisches Reaktionsbedürfnis war, Jur seinen indischen Jünger auch zu einer politisch-ökonomischen Abwehrbewegung gegen die britische Herrschaft. _
Bezeichnend für den nachhaltigen Einfluh dieser Lehre ist es, dah Gandhi immer wieder auch in seinem Schreiben an Lord Irvin die Vorzüge der „reinen Gewaltlosigkeit“ verteidigt: bezeichnend ist es, dah er in seiner Polemik gegen alle Gewaltanwender seine (Segnet nicht nur in den britischen Machthabern, sondern auch in den indischen R e v o l u t i o n s k ä m p- fern gegen dieselbe britische Herrschast erblickt.
Allein diesen Revolutionskämpfern erscheinen Gandhis Kampfmethoden selbst dann als veraltet und unzweckmäßig, wenn sie eine äußerst radikale Gestalt annehmen. So hat man auf dem vorjährigen Allindischen Rationalkongreh, der, unter dem Einfluh Gandhis, England das Ultimatum stellte, bis Ende 1929 (d. h. 10 Sabre nach den sog. Ghelmssord-Reformen) den Domini on-Status für Indien zu proklamieren, es erlebt, dah die Swarajisten von den Radikalen als „Verräter" gebrandmarkt wurden: so verliehen revolutionäre indische Studenten, als — wiederum unter dem Einfluh Gandhis — auf dem diesjährigen Rationalkongreh eine Resolution gefaßt wurde, die das Attentat auf den Dizekönig verurteilte, den Verhandlung s- saal, obwohl der gleiche Kongreß ja auch den Beschluß auf Beginn der Gehorsamsverweigerung gegen England faßte: so kam es Ende Januar d. 3. in Bombay bei nationalistischen Demonstrationen zu Zusammenstößen mit den indischen Kommunisten, die die indische Fahne durch die rote Fahne ersehen wollten, Unb so werden diese indischen „Gewaltanwender“, gegen die sich Gandhi in seinem Briefe wendet, auch den ganzen DemonstrationS- a des Mahatma ans Meer als eine lächer-
Geste empfinden, zumal die britische Obrigkeit dieser Geste nicht einmal die Ehre erwiesen hat, sie durch Verhaftung Gandhis zu einem irgendwie wirksamen Kampf alt zu erheben.
ES ist ein eigentümliches Spiel der Geschichte, daß diese revolutionären Kämpfer Indiens vielfach kommunistisch durchsetzt sind, so dah wie in Gandhi der Einfluh Tolstois, in ihnen der Lenins zu spüren ist. Dafür gibt es aber auch Gründe in der geschichtlichen Entwicklung Indiens selbst. Jene Industrialisierung, die Gandhi durch die Propaganda des SpinnrvckS zu bannen sucht, den er selbst am Leibe trägt (wie Tolstoi die Dauernbluse trug), sie läht sich durch diese Propaganda nicht aufhalten und macht Fortschritte, wenn sie auch nach europäischen Begriffen erst in den Anfängen steckt. Aber bereits sind Streiks an der Tagesordnung, deren größte — in der Textil- und in den Petroleumwerken in Bombay mit ihren blutigen Folgen — wohl in aller Erinnerung sein dürften. Auch die Organisation der Arbeiterschaft schreitet fort. Dah diese Entwicklung für kommunistische Aktionen nicht ungünstigen Boden darbietet, ist klar. 3m Januar 1929 hat daher Lord Irvin in die Gesetzgebende Versammlung zu Delhi eine anti- kommunistische Vorlage eingebracht (sie ist inzwischen auf dem Dcrordnungswege zum Gesetz aeworoen) unter gleichzeitiger Versprechung der Einsetzung eines Komitees zum Studium der Lebensbedingungen der indischen Industriearbeiter (die aber bisher unseres Wissens nicht eingefallen wurde». Bereits auf der Londoner Reichskolonialkonferenz im Jahre 1926 klagte Lord Lytton, der Gouverner Bengalens, über zunehmenden kommunistischen Einfluß. Unb mag dieser Einfluß auch sowohl von Engländern wie von Sowjetrufsen übertrieben sein, er läßt sich nicht bestreiten und er nimmt zuweilen auch äußerlich unverkennbare Formen an, so bei dem Attentat im Gesetzgebenden Rat zu Delhi im April vorigen Jahres in Gegenwart Lord Simons, des Führers der Simon-Kommission, als der Verhand- lungssaal von roten Flugblättern übersät wurde, die am Kopfe den Aufdruck .Hindustanische sozialistisch- republikanische Armee" trugen.
Kein Zweifel: Für die britische .Herrschaft ist diese, wie Gandhi selbst sagt, wachsende „Partei der Gewaltanwendung" bei weitem unangc- nehmer und taktisch g e s ä h r l i ch c r als die emara- jistewPartei. Allein im Kampfe gegen diese beiden Parteien vermag sich England auf vier Elemente zu stützen, die, bei allem inneren Unterschied ihrer In» teressen und Richtungen, doch darin gemeinsam sind, daß sie kein Interesse an der Loslösung von England haben, die sowohl die Swarajisten als die Revolutionäre — wiederum trotz ihrer sonstigen Unterschiede — beide anstreben. Diese vier Elemente sind: die Häupter der F ü r st e n h ä u s e r, die vom Wegfall der britischen Herrschaft den Verlust ihrer eigenen Herrschaft befürchten: die l i b e r a l e n Hindus, die zwar die Unabhängigkeit Indiens anstreben, aber doch in der relativen Form der Stellung Indiens als Dominion innerhalb des British Empire: die Mohammedaner, die von einer Herrschaft der Hindus die Schädigung ihrer eigenen Interessen befürchten: und schließlich die i n d i s ch e n Parias, die lediglich an der Verbesserung ihrer sozialen Lage interessiert sind, denen aber gleich- gültig ist, wer an der oberen Spitze der sozialen Stufenleiter steht — eine indische oder eine britische Kaste. .
Einen entscheidenden Krieg gegen tue britische Herrschaft haben die Anhänger Gandhis den von ihnen eingeleiteten Kampf genannt. Die Ereignisie erwiesen diese Kennzeichnung Immer noch als übertrieben. Sie bestätigen vielmehr die Worte Hel- muths von Glasenapp in seinem kürzlich erschienenen Büchlein über Britisch Indien: Englands Herrschaft fleht nach innen vorläufig unerschüttert da. Durch rücksichtsloses Vorgehen gegen alle ihre Widersacher, , durch vollständige Entwaffnung des gesamten Volkes, durch geschickte Ausnutzung aller der zahlreichen religio,en, völkischen und parteilichen Differenzen innerhalb des Indertums. haben es die Briten Dcrftanben, eine Wiederholung der Ereignisse von 1857 — als Inder und Mohammedaner einen letzten Freiheits- kampf versuchten — unmöglich zu machen."
Cambridge siegt mit 2 Längen.
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MF
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Oben: Der Endspurt — Cambridge führt mit zwei Längen. Unten: Cambridge nach dem Sieg.
In unserer gestrigen Meldung über den Ausgang des englischen Achterrennens Oxford gegen Cambridge ist durch ein bedauerliches Versehen das Resultat auf den Kopf gestellt worden. Nicht Oxford, sondern Cambridge gewann mit zwei Längen das traditionelle Rennen.
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Gießener Gtadttheater.
Gastspiel Max Mb albert: „Tas Parfüm meiner Frau"
Max Adalbert, obwohl kein Berliner von Geburt, ist nächst Paul Graeg der berlinischste aller berliner Schauspieler. Während Graetz jedoch mehr den östlichen und nördlichen Einschlag des 'Berliner- rums präsentiert, mehr für den Wedding und das berühmte Scheunenviertel zuständig ist, vertritt Adalbert den Westen; er ist am Kurfürstendamm zuhause; noch genauer: rund um die Gedächtnis- kirche rum. Das ist sein Element.
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Adalbert ist, wie Graetz, der Liebling der Berliner. Er ist sogar, wenn es möglich ist, noch volks- rümlicher als jener, obwohl der sein Publikum im vertrautesten Dialekt anzuquasseln vermag. Adal- bert spricht keinen Dialekt, er redet Hochdeutsch, so hochdeutsch wie der Zeitgenosse um die Gedächt- niskirche rum anno 1930 hochdeutsch redet. Hochdeutsch mit Jargon sozusagen. Man kennt diesen Tonfall, wenn man eine Nummer der „Lustigen Blätter" gelesen hat oder den „Ulk". Es ist eine Weltsprache für sich.
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Das echte Berliner Publikum reagiert genau so unmittelbar darauf wie auf die ausgeprägteren Akzente aus den Randzonen seines Riesenreiches, aus dem Norden, dem Osten, aus dem Zentrum, wo es am dicksten ist und den grenzenlosen Bezirken der Laubenkolonien und Schrebergärten „j. w. d.", janz weit draußen.
Es liebt also beide, diesen wie jenen, weil es sich von beiden — auf „hochdeutsch" ober im Dialekt — angesprochen und verstanden fühlt. Beide reden, jeder auf seine Weise, ihm aus dem Herzen; beide berühren verwandte Seiten in ihm. Sie verstehen sich gegenseitig wie Mann und Frau oder Mutter und Kind. Beide haben, ausgeprägt, gesteigert, verdoppelt, verdreifacht, in der Potenz — das, wovon noch der letzte Parkettbesucher (von der sachverständigen Galerie ganz zu schweigen) ein wenig, einen kleinen Prozentsatz, eine Ahnung in sich selber spürt. Und jeder ist b^lüdi und entzückt, sein Bißchen,
gesteigert, karikiert und auf die Spitze getrieben, aus ihrem Munde wieder zu hören. Der Berliner liebt an beiden immer ein Stückchen seines eigenen Wesens; so selbstgefällig und so selbstironisch ist er; und wenn er über jene lacht, lächelt er, unbewußt und im Stillen, über sich selber mit.
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Dieses merkwürdige Etwas ist so kompliziert zusammengesetzt, daß es nicht ganz leicht zu betreiben ist; jedenfalls braucht man mehrere Worte da- für. Etwa: Schlagfertigkeit, Mutterwitz, Quassel- strippe, Frechheit, SchnoddrigkeitFialauerei, Klappe, Wurstigkeit, „Dolksmund", Sprichwörter und Re- bensarten wie zum Beispiel „das is noch garnix", ,Lhr Wort in Gottes Ohr", .Kommt jarnich m Frage", „das sowieso" ... und was dergleichen Wendungen meyr sind.
Dies alles finbet man bei beiden konzentriert, als Einheit, als kompakte Masse gewissermaßen. Bei Graetz im saftigsten Stil des Alexanderplatzes — bei Adalbert auf hochdeutsch. (Wir haben klarzu- machen versucht, was es mit dieser Sprache auf sich hat.) Adalbert hat sich, seit wir ihn zuletzt sahen, am Kurfürstendamm, wenig verändert. Etwas in die Breite gegangen vielleicht — das ist alles. Sonst ist er der Alte geblieben. Er ist die Trockenheit in Person, lieber seine Sippen aber bringt ein Rebe- schwoll, der den Zuschauer wie ben Partner entwaffnet. Der Partner hat es nicht leicht. Er muß bie Lücke finden, wo er einsetzen kann, wenn er Glück hat. Was heißt da Stichwort, wenn jemand so drauflos improvisiert wie Adalbert. Das macht außer chm zur Zeit wohl nur Pallenberg. Herr Leo Lenz würde sich vermutlich wundern, was so im Lauf der Zeit aus feinem Text geworden ist. (Dem Tert hat es, nebenbei bemerkt, sicherlich nichts geschadet. Solche Texte können durchaus nur profitieren, wenn sie jemandem in die Hände fallen wie Adalbert.
Dem Partner wirb sozusagen ein Loch in ben Bauch gerebet. Unb Adalbert nimmt keine Rück- sicht darauf, wen er vor sich hat. Ein gefährlicher Mensch. Sicher ist es nicht leicht, mit ihm zu spielen. Denn sicher hat er es nicht bei feiner Rolle bewenden laßen, sicher hat er sich auch über die
Rollen feiner Partner hergemacht unb ihnen bie Stichworte eingesetzt, bie er für feine Pointen braucht. Wenn er seinem Freunde erzählt, daß ihn seine Frau betrogen habe in dieser Nacht, so antwortet dieser Freund nicht etwa: „Mit wem?", sondern: „Mit wemmenem?" — und dies nur, da- mit Adalbert, betrogener Ehemann, schäumend vor gerechter Empörung dies ein dutzendmal wiederholen kann voller Abscheu darüber, wie wenig jener sein vermeintliches Unglück ernst nimmt. Es ist furchtbar dumm, aber man muß lachen. Ueberhaupt ist die Hälfte von dem, was an diesem Abend gerebet wird, ein haarsträubender Blödsinn.
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Aber es ist Adalberts Stärke, unb dies hat ihn
berühmt gemacht, aus haarsträubendem Blödsinn, mit todernstem Gesicht vorgebracht, seine besten Pointen zu holen unb seine unfehlbarste Wirkung zu erzielen. Er ist empört, er ist gutgelaunt, er ist verliebt in seine Frau, er hat keine Lust auszugehen, er ist „krank", er unterhält sich patriarchalisch mit dem Personal (ohne sozialen Hochmut, „von Mensch zu Mensch"), er telephoniert, er ist ein rächender Gott, schrecklich in seinem Zorn, er schimpft in den höchsten Tönen auf die Rechtsanwaltschaft, er singt das Lied vom schönen Gigolo und bricht mittendrin ab, weil man „so etwas" nicht singen kann; er ist unbeschreiblich. Er hat sich kaum verändert. Er ist der Alte geblieben. Vielleicht ein bißchen in die Breite gegangen. Unb er singt auch nicht mehr so viel wie früher. Vor einigen Jahren hätte man sicher den ganzen „Gigolo" mit eigenen Variationen zu hören bekommen.
Gespielt wurde „Das Parfüm meiner Frau", Lustspiel in drei Akten von Leo Lenz. Ein unbeträchtliches Stück. Ohne Adalbert wahrscheinlich sogar eine ziemlich schwache Angelegenheit. Es ist schon deswegen schwer, etwas darüber zu sagen, weil man heute wohl kaum noch entscheiden kann, was daran von Lenz ist und was von Adalbert.'Don Wolbert ist bestimmt nicht das Schlechteste. Ueberhaupt wertet man das Ganze am besten nur als Vorwand, als Folie, als Anlaß für Adalbert. Und es ist gut, daß es solche Stücke gibt, an denen nicht viel zu verderben ist, die nur gewinnen tonnen, wenn sie einem Prominenten in bie Hände
fallen und von ihm für eine Riesengastfpielreise burch bie Provinz zurecht gemacht werden.
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Also: ein nachträglicher Faschingsscherz. Vom Rosenmontow abends Ms Faschingsdienstag mittags. Der Herr Professor und die gnädige Frau gehen, jeder für sich, auf denselben Ball. Jeder denkt, der andere bleibt daheim. Zur Vorsicht unb der Kontrolle wegen legt jeder jemanden ins verwaist« Bett; er den Diener, sie die Zofe... Weitere Einzelheiten seien uns in Gnaden geschenkt. Ueberslüssig zu erzählen, daß das Parfüm der gnädigen Frau am andern Morgen als Indiz eine beinah verhängnisvolle Rolle spielt, ... und daß die Rede des befreundeten, von beiden Teilen hinzugezogenen An- walts in sich zusammenbricht, als sich rausstellt, daß weder in noch außer dem Haufe während der Faschingsnacht mehr oorgefallen ist, als einem Lustspiel mit heftigem happy end gugemutet werden kann.
Ohne 21balbert wäre das alles ein schwacher und verspäteter Faschingsschwank, desien plumpe Pointen man meilenweit kommen sieht Adalberts Pointen kann man nicht kommen sehen. Sie sind da. Und wie sie da sind. Er ist populär. Er garantiert den Erfolg. Und der Erfolg ist so durchschlagend, so ausgiebig und offenbar jederzeit in gleicher Stärke wiederholbar, — daß sich das Publikum kaum die Köpfe darüber zerbrechen wird, ob soviel Volkstümlichkeit nicht vielleicht doch auch eine Kehrseite haben konnte, ... unb daß sie, in diesem Falle, einem ganz starken Talent vielleicht für immer ben Weg zu großen, ernsthaften und wertvollen 2luf- gaben verbaut hat. (Der Abstecher zum „Collegen Crampton", den Adalbert vor kurzem unternahm, konnte nachdenklich stimmen. Aber bas gehört ja eigentlich nicht hierher.) *
Regie: Fritz Friedmann-Frederich. Neben Adalbert bas Ensemble des Kleinen Theaters unter den Linden. Eine sauber eingespielte, aber nirgends über anständigen Durchschnitt hinausreichende Besetzung. Anneliese Würz; Heinz Sarnow; Colette Cor der; Bertold Reißig; Olga Limburg. —
Das gut besetzte Haus verbrachte einen angeregten Abend. hih.


