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Samstag, 15. Mär; 1950
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)
Nr. 65 viertes Blatt
Lugend und Hochschule
Die Stimme des Gewissens.
Von Or. HanS Kalischer.
Keine äußere Gewalt, kein Richter und kein Henker, können so unerbittlich in ihrer Strenge sein, daß ihnen nicht des Menschen innerer Richter, sein Gewissen darin glcichkäme. Rur pflegt man die Macht dieses unsichtbaren Warners zu unterschätzen. Denn wir beobachten für gewöhnlich eine Wirksamkeit des Gewissens nur in den engen Grenzen, die das Bewußtsein abzutasten vermag. Diel tiefer aber, als auch der angeblich skrupclfreie Mensch es ahnt, in unangreifbaren, weil dem Wissen entzogenen Erleb- nisschichten arbeitet der stets alarmbereite Wächter der Seele.
Anz, Anfang der Kindheit steht der Mensch in seinem Handeln noch jenseits von Gut und Dc/e, ist er rein triebhaft, also „gewissenlos". Aber sobald die Gefühlsgemeinschaft mit seinen ersten Pflegern, den Eltern, eine engere geworden ist. wird auch der Zustand paradiesischer Unschuld in seinem Inneren Schritt für Schritt aufgehoben. Rur kann von einer zuverlässigen und nach festen Grundsätzen arbeitenden Ge- toissensinstanz noch gar nicht die Rede sein. Die Behauptung, dem Menschen sei das sichere Gefühl für Recht und Unrecht schon mit in die Wiege gegeben, ist durch die Beobachtungen der Scelenkunde widerlegt. Dazu sind auch die moralischen Anschauungen der Böller und Zeiten zu großen Wandlungen unterworfen.
Die Gewissensbildung ist nur durch einen weiteren Blick auf den Entwicklungsweg des Kindes zu verstehen. Das Kind befriedigt seine Sehnsucht nach dem Großwerden, indem es den Bater und die Mutter in allen Zügen nachzuahmen und darzustellen sucht. Mit Haut und Haaren könnte man sagen, will es sich diese geliebten Autoritäten einverleiben und so an deren Stelle treten. Dieses Ausgleichungs- und Verwand- lungsstreben gilt ihren äußeren wie inneren Wesenszügen. Auf diese Weise lernt das Kind an sich selbst schätzen und tadeln, was jene Crziehungsvorbilder, die frühesten Dertreter der Gesellschaftsmoral an ihm loben oder verwerfen. Voraussetzung für dieses Tun des Kindes, die unerläßliche Prämie ist, daß es dafür Liebe nehmen und geben kann. Den Eltern oder Großeltern folgt dann die große Reihe der Lehrer, Erzieher und anderen Zeitgenossen, mit denen das Kind in Berührung kommt. Sie olle schmelzen im Laufe der Zeit in der jungen Seele zu einer Erlebniseinheit zusammen, zu einem immer abstrakter werdenden Vorbild und kritischen Maß ihres Handelns, das man auch „Ich-Ideal" genannt hat. Dieses Ich-Ideal aber ist der Träger des Gewissens. Die Reife des Menschen fällt mit der Selbständigkeit seines Gewissens zusammen. So wird, was einmal der Außenwelt angehörte, in die Seele gleichsam hincingenommen und zum Zweck der Gcwissensbildung verinnerlicht. Wie seine Herkunft, so bleibt auch die Wirkungsweise des Gewissens zum größeren Teil dem Bewußtsein verborgen.
„Stimme des Gewissens" sagt die Sprache. Stimmen des Gewissens würde man mit Rücklicht auf den Werdegang genauer sagen müssen. Was der Mensch von seinen Eltern und aus dem Munde ihrer Rachfolgcr hörte, das hallt in allen Augenblicken der Entscheidung auch über deren Tod hinaus wie ein ewiges Echo in ihm wider. Bei Auflösungen der Persönlichkeit, im Dahn, schreitet die tränte Seele den Weg zurück, den sie gekommen ist. Sie hört mit halluzinatorischer Deutlichkeit außerhalb ihrer selbst wieder „Stimmen", die sie auffordern, mahnen oder strafen.
Zum Problem der Faulheit.
Von Nelly Wolffheim.
Die Faulheit der Kinder ist erst in der modernen Zeit zum Problem geworden. Früher galt kindliche Faulheit einfach als Böswilligkeit, und Strafen und Prügel waren die Gegenmittel. Seit wir aber gelernt haben, hinter die Dinge zu sehen, ist es für uns Erzieher nicht so leicht, Stellung zu nehmen.
Gehen wir zuerst der Frage nach, ob denn das Strafen etwas nützt, wenn cs gilt, ein widerspenstiges Kind der Arbeit zuzuführen. Sicher- lich kann man sehr viele Kinder durch Angst zu allem bringen, und es ist durchaus keine Ausnahme, daß sich ein Faulpelz zur Arbeit aufrafft, wenn Strenge hinter ihm steht. Wie aber ist es mit dein Wert des so erreichten Fleißes? Vielleicht ist der Erfolg deutlich, indem das Kind mit Hilfe der von uns angewandten Machtmittel in der Schule weitcrkommt. Augenblickserfolg darf uns jedoch nicht übersehen lassen, daß dort, wo unlustbetonte Vorstellungen und Erinnerungen sich mit einer Arbeit verknüpfen, die Abneigung gegen sie wächst. Zwang belastet ein Kind mehr noch als uns Erwachsene, und solange Schularbeit unangenehm empfundener Zwang statt freudvolle, anregende Tätigkeit ist, werden Wohl nur „Muster linder" fleißig sein. Wird Faulheit zum Ausgangspunkt unliebsamer Szenen, Auseinandersetzungen und Strafen, wird der Lehrer, werden die Eltern zu Feinden, und Gegnerschaft seht ein. Trotz wird sich entwickeln, und der Weg zu Arbeit wird mehr und mehr verschüttet.
Warum wohl, so fragt sich der unbeteiligte Beobachter, stehen so viele Kinder der Schularbeit unlustig gegenüber, wo doch alle Kleinkinder vor Tätigkeitsdrang und Arbeitseifer übersprudeln. Helfen nicht alle kleinen Kinder der Mutter gern, wo man ihre Hilfe nur gestattet? Malen, kleben, basteln sie nicht alle gern im Kindergarten? Fragen unsere Stadtkinder nicht mehr als uns lieb ist, was die Zahlen und die Aufschriften auf den Bahnen, über den Läden bedeuten? Unb beginnen sie nicht im Grunde viel zu früh — einfach aus Wissensdrang und Beschäftigungsfreude — zu lesen und zu schreiben? Wo bleibt all dieser Arbeitseiser. wenn die neuen Eindrücke des Schullebens ihren Aeiz verlieren und Schularbeit zur Alltäglichkeit geworden ist? Ist es das ausgesprochene Muß, das da hindernd ist? Run. so streichen wir doch das Muß und setzen wir an
Das Gewissensproblem ist — von den ganz schweren Mängeln in der Anlage abgesehen — in erster Linie also ein Erziehungsproblem. Wo den frühesten Vorbildern durch Eharaktermängel die Erzichungseignung abging, wo elterliche Ehezwietracht sich auf die Seele des Kindes übertrug oder wo gar die bindende Kraft der Liebe fehlte, da ist der Bildung eines ausgeglichenen Gewissens von vornherein jeder Stützpunkt entzogen. Menschen mit einer derartigen Vorgeschichte werden immer unter der Wirkung eines in Gegensätzen schwankenden Gewissens, also eines Idealichs ohne Einheit stehen. Der Mangel an festen Urteilen gibt sie wie eine Wetterfahne haltlos dem Ansturm ihrer Triebe preis. Fehl» cntwicklungen und Verwahrlosungen dieser Art können nur durch eine mühevolle, geduldige Rach- erziehung in der Weise angegangen werden, daß der verspätete Crzieherfreund unter Erweckung der brachliegenden oder verschütteten Liebesfähigkeit sich selbst als Ideal- und Gc- wissensvertreter an die leergebliebene Stelle der jungen Seele zu sehen sucht.
Der Ruf des Gewissens, der sich der Seele in quälenden Schuldgefühlen anzeigt, ist meist so verborgen, daß man das Ohr gleichsam erst an die Wand einer Tat legen muß, um ihn zu hören. Sehen wir die Kinderstube. Da hat ein Kind gelogen oder etwas ohne Erlaubnis genommen. Gleich ändert es sein Benehmen in auffallender Weise: Es wird dreist gegen die Eltern, schlägt die Geschwister usw. Sein Ge- wissen ruht nicht eher, bis es eine Strafe erzwungen hat. die ihm unbewußt als Sühne etwa für den „Diebstahl" gilt. Solche Strafen, die nur vorgeschobene Verfehlungen treffen, sind in jeder Hinsicht verkehrt. Statt das Kind zu befreien, treiben sie es durch neue Gewissensängste so lange zur Wiederholung und Steigerung der schuldbelastenden Tat an, bis diese selbst aufgedeckt ist.
Keine Strafe wird vom Menschen m"hr gefürchtet als die seines Gewissens, die Geißel des Schuldgefühls. „Herr, vergib uns unsere Schuld .. ." endet das tägliche Gebet der geängstigten Seele. Selbst die schwer verständlichen Zwangshandlungen mancher Rervösen dienen oft dem unerkannten Zweck, das verletzte Gewissen durch Selbstbestrafung zu versöhnen. Die Stimme des Gewissens zwingt mit der Wucht eines Raturgesehes die menschliche Seele dazu, Vergehen gegen die innere Ordnung durch Geständnis und Strafe zu sühnen, wobei häufig sogar vor dem Selbstmord nicht Halt gemacht wird.
Auch der Verbrecher bildet hier keine Ausnahme. Ieder erfahrene Kriminalist weiß, daß schließlich der gewiegteste und anscheinend skrupelloseste Feind der Gesche oft durch vlumpe iln- vorsichtigkeiten auf die Spuren seiner Taten lenkt, statt Vie zu verwischen. „Gewissensbisse", also eine bis zum Schmerz gesteigerte Schuldspannung zwingen ihn zum Selbstverrat. Das bekannte Verhalten der Ibikus-Mörder in der Ballade Schillers ist ein einprägsames Beispiel für die unbeabsichtigte offene Selbstanklage. Manchmal haben solche Handlungen hinlenkenden Charakter, indem sie sinnbildlich den Entlastungswunsch der sich sündig fühlenden Seele darstellen: Shakespeares Lady Macbeth z. B. muß dauernd die Hände waschen, um symbolisch ihr Gewissen von der drückenden Blutschuld zu reinigen. Gibt es doch sogar Verbrecher aus Schuldgefühl. die im Affekt eine Tat nur deshalb begehen. um eine äußere Begründung für die Qual der verborgenen Gewissensfolter zu finden und eine Bestrafung zu1 erzwingen. Bekannt sind die Menschen, die sich nach einem von anderen begangene Verbrechen der Polizei stellen und sich fälschlich als den Täter ausgeben, weil ihnen etwa ihre Phantasie die Möglichkeit eines ähnlichen Vergehens nahelegte.
Kinderleben in London.
Von Erich Brandt.
In der Riesenstadt London, in der mehr als sieben Millionen Menschen zusammenwohnen, gibt es auch viele, sehr viele Kinder. Großstadt- fintier im wahrsten Sinne des Wortes. Bedeckt doch das Londoner Häusermeer fast die vierfache Fläche des bebauten Berlin. Wohnt man im Innern der Stadt, so braucht man oft Stunden, um ins Freie zu gelangen.
Hier leben und spielen also die kleinen Londoner. In noch engeren Straßen als die unserer Großstädte eingepfercht, in übermäßig kleinen und dumpfen Höfen begraben, verbringen dort Hunderttausende das Iahrzehnt ihrer Kindheit. Meilenweit entfernt von einem richtigen Wald, von einer grünen Wiese. Dabei ist das Fahrgeld in London so teuer, daß sich die nicht gut- gestellten Familien einen regelmäßigen Sonn- tagsausslug mit Kind und Kegel, wie bei uns, kaum leisten können. Man bezahlt nämlich gerade im Vorortverkehr oft das Vierfache des Fahrgeldes in Deutschland für die gleichen Entfernungen. Deshalb ist auch die Zahl der kleinen Londoner, die noch kein reifes Aehrenfeld, keine blühende Heide sahen, ganz besonders groß. Auch von den Vögeln kennen sie meist nur die Spatzen und solche, die in Käfigen gehalten werden.
Roch deutlicher offenbart sich aber die Gefahr, die die übermäßige Gröhe dieser Stadt, für ihr Kinderleben bedeutet, in der erschreckenden Zahl von Verkehrsunfällen, deren Opfer Kinder sind.
Rach den letzten Statistiken wurden Im Iahre 1927 in London allein 238 Kinder beim Spiel auf der Straße getötet und 9528 schwer oder leicht verletzt. Das sind jedoch weit mehr als das Doppelte soviel wie in Berlin. Von unterrichteter Seite wird dazu mitgeteilt, daß die Zahl der Kinderunfälle noch immer in beängstigender Weise anwächst. So erleidet schon heute im Durchschnitt alle 20 Minuten ein Kind in den Londoner Straßen einen Verkehrsunfall. Ihren Grund finden diese hohen Zisfern natürlich in dem überaus starken Autoverkehr, dem die größtenteils engen Straßen Londons schon lange nicht mehr gewachsen sind.
Wegen der großen Gefahren, die das Spielen auf der Straße für das Londoner Kind in sich birgt, ist es für diese Stadt ein ganz besonderes Problem, die Kinder durch Anlage entsprechender Spielplätze wenigstens im Innern der Stadt von der Straße zu entfernen. Zwar gibt es in London sehr schöne und große Parks, die für die Kinder geradezu ideale Spielplätze bar» stellen, weil es dort nicht wie bei uns verboten ist, den Rasen $u betreten. Aber für das riesige London sind sie doch nicht zahlreich genug. Von den meisten Punkten der Stadt braucht man mehr als eine Stunde, um in den nächsten Park zu gelangen.
Daher hat man sich in den gänzlich parklosen Vierteln, d. h. im Rorden und Osten, zum Teil auf andere Weise geholfen. Man findet dort mit
feine Stelle die Wunscherfüllung und das Arbeiten im Einklang mit dem individuellen Streben des einzelnen Kindes. Warum ist in den modernen Dersuchsschulen — Montessori oder Iensen z. D. — eigentlich nie von Faulheit die Rede? Weil man da die Kinder nicht drängelt, weil man abwartet und sie kommen läßt, wenn Interesse oder der Einfluß der Gemeinschaft sie zum Lernenwollen führt.
Wenn nur die Angst der großen Leute nicht wäre, die da immer glauben, daß der Zwang zur Arbeit Erziehungsmittel sei, daß ohne ihn sich Charakterschwäche und Faulheit folgerichtig entwicteln müssen. Hier kann keine glatte Antwort gegeben werden. Warten wir ab, wie sich frei erzogene Kinder entwickeln werden. Sie müssen als Pioniere gelten, die neuer Schulauffassung den Weg bereiten. Ieder von uns wird seiner Einstellung gemäß die Prognose stellen. Aber folgern wir, da wir nicht vorausschauend Positives sagen können, doch einmal aus dem, was wir bisher erfahren haben. Wer von uns kennt keine Schulversager, die es doch zu einer Lebensleistung gebracht haben. Warum also diese große Angst vor der Faulheit des Kindes?
Man werfe uns nicht Laschheit vor, weil wir in der Faulheit keine Todsünde sehen. Zum Ernst- nehmen seiner Arbeiten wollen wir ja das Kind hinleiten, aber dieses Emstnehmen erwachse aus der Aufgabe, nicht aus lästigem Zwang.
Wie aber sich heute aus den Cxamensforde» rungen und den alltäglichen Schulanforderungen herausfinden? Run, man finde sich ab, so gut es geht, aber überlasse es der Schule in erster Linie, mit ben Kindern fertig zu werden. Richt noch die Häuslichkeit mit Schulstimmung durchsetzen! Frohe Iugend ist bessere Lebensvorbereitung als zermürbender Alltagskampf.
Eins fei auch bedacht: Manche Kinder können nicht, auch wenn ihr bewußter Wille nichts von Faulheit weih. Ihr Versagen kommt oft aus körperlicher Schwäche, ist vielfach Symptom beginnender Krankheit. Schwerer ist Diagnose und Hilfe zu finden, wo seelische Ursachen vorliegen. Unbewußtes wirkt sich oft aus, wo Lernhem» mungen und Arbeitsunlust in Erscheinung treten. In diesem knappen Rahmen kann nicht bargelegt werden, was ihm Veranlassung gibt, sich faul ober bumm zu stellen. Psychische Schwierigkeiten verschiedener Art können am Werke sein.
Die Frage taucht auf, warum überhaupt das Problem kindlicher Faulheit so stark im Mittelpunkt pädagogischer Auseinandersetzungen steht Ehrgeiz und Eitelkeit der Eltern sprechen mit, auch die Sorge um das Fortkommen der Kinder.
Aber daneben sehen wir Tieferliegendes wirksam. Wir haben Arbeit als etwas Lebensnotwendiges erkannt, lebenswichtig für Gemeinschaft und Einzclmenschen unserer Kulturepoche. Tätigkeit ist Umwertung unserer Triebe. Geben ohne Tätigkeit ist eine Gefahr. Wenn wir Arbeit in diesem Sinne bewerten, wird das Problem der Faulheit bedeutungsvoll. Hüten wir uns aber dabei die Zukunft zu stark in den Vordergrund zu stellen. Unterschätzen wir nicht den (Segen» wartswert einer jeden Stufe der Entwicklung. Bei der Behandlung der Schulfrage wird oft zu sehr des Augenblicks vergessen. Vorsorgen können wir doch nicht, aber verderben, verpfuschen können wir vieles mit unserem Bemühen, immer wieder den Lenker der Geschicke zu spielen.
0er Werdegang des Arztes.
Beendigung des Studienganges und Ablegung der Schlußprüfung belastet in keinem anderen Fach mit der Möglichkeit so ungeheurer Verantwortung wie in der Medizin. Es ist daher begreiflich, daß immer wieder versucht wird, die Ausbildung des werdenden Arztes zu verbessern, damit er gleich nach bestandener Staatsprüfung und zurückgelegtem praktischen Iahr für die schwere Aufgabe völlig gerüstet ist, beratend und durch die Tat das wichtigste Gut seiner Mitmenschen, ihre Gesundheit, zu betreuen.
Grund der erneuten Bestrebungen zur Reform des Medizinstubiums. bas 1901 eine tiefgreifenbe Aenberung, bann 1927 kleinere Umgestaltungen erfuhr, ist unter anberem ber augenblicklich außerorbentlich große Anbrang zu ben mebi- zinischen Hörsälen, ber selbstverstänblich bie Aus» bilbung des einzelnen, und namentlich dessen Kontrolle durch die berufenen Lehrer erschwert.
Um ein möglichst klares Bild über die verbesserungsbedürftigen Punkte der derzeitigen Ausbildung des medizinischen Rachwuchses und beste Wegezu ihrer Beseitigung zu erfahren, hat sich das Ministerium des Innern mit entsprechenden Fragen an die Fakultäten und eine ganze Reihe von Aerztevertretungen gewendet.
Der Leitgedanke, der sich durch die in langer Diskussion geklärte Meinungsäußerung der Berliner Aerztekammer zieht, ist der, daß ber normale mebizinische Studiengang seine Teilnehmer weniger zu Spezialisten oder medizinischen Forschern als zu praktischen Aerzten ausbilden soll.
Innere Medizin, Chirurgie und Geburtshilfe sollen den Grundstock der klinischen Ausbildung
hohen Bretterwänden umzäunte Plätze, an deren Eingang die eigenartige Anschrift prangt: „Erwachsenen ist das Betreten nur in Begleitung von Kindern gestattet!" Aus diesen asphaltierten Spielplätzen befinden sich Geräte, Kletterstangen, Wippen und vor allen Dingen eine Rutschbahn, die von den Kleinen mit heller Begeisterung bestürmt wird. Das ist zwar nur ein mangelhafter Ersah für die fehlenden Parks, aber trotzdem erfreuen sich diese Spielplätze bei der ärmeren Londoner Iugend einer großen Beliebtheit.
Im übrigen ist es für London sehr charakteristisch, daß man an normalen Wochentagen erst am späten Rachmittag schulpflichtige Kinder in den Parks und auf den Straßen trifft Sie werden nämlich fast ben ganzen Tag, b. h. von 9 Uhr früh bis 5 Uhr nachmittags, von der Schule in Anspruch genommen. Dafür ist jedoch ein Tag ober wenigstens ein Rachmittag völlig schulfrei. Man muß aber auch nicht glauben, baß sie während der ganzen Schulzeit Unterricht hätten. Dieter dauert vielmehr nur bis 1 Uhr: bann folgen bas Mittagessen unb bie Mittagspause. Hieran schließen sich ein paar Stunben Spiel unb Sport, benen toicberum 1 bis 2 Schulstunben folgen.
Beim Spiel sind natürlich die englischen Rationalsports bevorzugt. Die Jungen sieht man baher fast ausschließlich beim Cricket ober Fußball, boch auch Rugby ist sehr beliebt. Die Mädchen spielen meist Hockey ober Tennis. Rach ber langen Schulzeit finb bie Kinder natürlich völlig frei. Häusliche Schularbeiten kennt ber kleine Lonboner nicht. Dies alles gilt jeboch nur für bie Kinber ber mittleren unb ärmeren? Kreise. Die Bessergestellten schicken ihre Kinber auf Internatsschulen, bie weit von Lonbon entfernt finb.
Obgleich bie eigentliche Schulpflicht in England wie bei uns bis zum 14. Lebensjahr geht und sogar schon mit dem 5. beginnt, ist es in den Londoner Arbeiterkreisen fast die Regel, daß wenigstens die Iungen schon mit 12 Iahren eine Rebenbeschäftigung annehmen. Sie betätigen sich meist als Laufburschen und Zeitungsverkäufer. Ein gesetzliches Verbot der Kinderarbeit besteht nämlich in England nicht. Außerdem werben bie arbeitenben Kinber in ber Schule für bie Rachmittage bebenkenlos beurlaubt. Cs kommt also zu ben körperlichen Schäbigungen einer so frühzeitigen Beschäftigung noch der Mangel eines regelmäßigen Schulbesuchs hinzu. Daher ist auch eine Gegenströmung vorhanben, bie ein Verbot ber Äinberarbeit verlangt und bie Schulpflicht in Lonbon bis zum 15. Lebensjahr burchführen will. Getragen wirb biete Bewegung von klerikalen Kreisen, boch konnte sie bis heute noch keine nennenswerten Erfolge auf» weisen.
Ausfällig ist auch, bah in einer so großen Stabt wie Lonbon jebe Spur von staatlicher ober stäbtischer Iugenbsürsorge fehlt, bie wir in unseren beutschen Großstäbten schon seit langer Zeit kennen. Dabei sieht es in ben Londoner „Slums“, das sind die Arbeiterviertel, in bezug auf Wohnungsverhältnisse, mangelnde Hygiene und andere Großstadtübel fast noch schlimmer aus als bei uns. Was an den Kindern getan wird, ist das Werk privater Fürsorgetätigteit, die natürlich für eine solche Riesenstadt keineswegs ausreicht und noch dazu ziemlich unsystematisch arbeitet. Bon größerer Bedeutung ist hier lediglich eine Bereinigung, die sich das Ziel gesetzt hat, alljährlich möglichst viele Londoner Kinber für ein paar Wochen an bie See zu schicken. Die Mittel bazu werben burch eine umfangreiche Sammeltätigkeit aufgebracht.
liefern. Gegenüber biefen wichtigsten allgemein- ärztlichen Fächern, in bereu Rahmen bie für den guten Arzt unerläßliche Scelenkunde unb auch bie Aufgaben der sozialen Medizin (für bie aufjerbem befonberc sozialhygienische Pflichtkurse vorgesehen finb) mitbehanbelt werben, dürfen die Spezialfächer, wie z. B. Augenheilkunde usw.» nicht vernachlässigt werden. Ausbildung unb Bewertung dieser Fächer kann aber auf ben Aufgabenkreis des Allgemein-Arztes beschränkt bleiben: Aerzte, die Reigung unb Berufung fühlen, sich diesen zu widmen, müssen die hierfür erforderlichen Spezialkenntnisse und Erfahrungen in einer speziellen Ausbildungs- und Assistententätigkeit erwerben.
Dem eigentlichen klinischen Studium soll eine fünfsemestrige Vorbildung vorangehen, deren erster Teil sich mit ben allgemein naturwissenschaftlichen unb biologischen Fächern, ber zweite hauptsächlich mit Anatomie unb Physiologie befaßt.
Außerorbentlich begrüßenswert scheint der Gebaute, baß schon in ben frühesten Semestern eine Ausbilbung in ber Krankenpflege, bie eine intime Berührung nicht nur mit ber Krankheit, sonbern noch viel mehr mit dem Kranken erzeugt, ftattfinben soll. Hiervon ist zu erhoffen, baß diejenigen, bie nach ihrer ganzen Wesensart für ben ärztlichen Beruf ungeeignet sind, aus diesem ausscheiden werden, ehe sie das in einem längeren Studiengang bereits investierte Kapital an Arbeitskraft, Lebensjahren und Geld dazu verleitet, in einem Beruf zu verharren, dessen Ausübung ihnen selbst unb ihren Patienten keine volle Befriedigung bringen wirb.
Von weiteren Einzelheiten aus ben Vorschlä- ?ien sei erwähnt, bah in den klinischen Semestern ängere, während ber Ferien auszuübenbe, also nicht von Vorlesungen unterbrochene Famulustätigkeit verlangt wirb. Das praktische Jahr, das bisher nach dem Schluhexamen absolviert wurde, soll vor dasselbe verlegt werden, damit die in diesem erworbenen praktischen Kenntnisse in den Prüfungsplan mit einbezogen werden können.
Diese sehr beherzigenswerten Vorschläge, die sicher noch von den anderen befragten Seiten wichtige und fruchtbringende Ergänzungen finden werden, gewährleisten eine Ausbildung, die den jungen Arzt instand seht, seiner schweren und verantwortungsreichen Aufgabe gerecht zu werden. Es ist zu hoffen, dah aud) Wittel und Wege gefunden werden, jedem einzelnen Gelegenheit zu geben, sein erworbenes Wissen und Können nad?> erlangter Berechtigung in nutzbringender Weise zu verwerten. Dr. M.


