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Nr. 59 Zweites Blatt Gietzener Anzeiger (General-Anzeiger für (Vberheffen) Samstag, 15. Februar 1950
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Der Wut zur rettenden Tat.
Don Abraham Frowein, Elberfeld, Mitglied des Reichswirtschastsrates und Mitglied des Präsidiums des Reichsverbandes der Deutschen Industrie.
Wir baten einen der bekanntesten deutschen Wirtschaftssührer, seine Gedanken Darüber auszusvrechen, was die Stunde von der Tatkraft des Deutschen und der deutschen Regierung erwartet.
Durch Wochen und Monate hat die Diskussion über den Boung-Plan. der nunmehr „Steuer Plan" heißt, die Oeffentlichkcit in stärkstem Mähe erregt. Es schien, als sei das ganze Volk in zwei Lager geteilt — für oder wider den Boung-Plan lautete die Parole —, und dieser Zwiespalt der Meinungen schien sich zeitweise zu einem Bruderzwist stärksten Ausmaßes zu verschärfen. Run hat die deutsche Regierung trotz schwerster Bedenken gegen die Tragbarkeit der uns auferlegten Lasten den neuen Plan im Haag unterzeichnet, der Reichsrat hat ihn angenommen, und das Bertragswerk, das die politischen Leidenschaften in höchstem Maße erregte, steht jetzt zur entscheidenden Debatte vor dem Reichstag.
Dort hören wir Rede — und Meinungskämpfe von letzter Schärfe. Der Kampf in der Oefsent- lichkeit schwillt zu einem Fortissimo an, das ruhiges Rachdenken und klare ^Überlegung schwer beeinträchtigt. Die große Mehrzahl derjenigen, die überhaupt noch politisch interessiert sind, werden annehmen, daß nunmehr wirklich das Schicksal des Reiches entschieden wird, in diesem oder jenem Sinne, je nach der Einstellung des einzelnen zu dieser bedeutungsvollen Frage, deren Schwergewicht für die politische und wirtschaftliche Zukunft niemand verkennt. Und doch — dem Weiterblickenden wird sich die Erkenntnis eröffnen, daß Annahme oder Ablehnung das deutsche Schicksal nicht entscheidet. Es ist nicht so, daß wir hier durch ein 2a oder Rein gerettet oder für immer gefesselt werden. Internationale Abkommen, so schwer sie nach verlorenem Kriege uns treffen und belasten, können nicht entscheiden über Aufstieg ober Rie- bergang des deutschen Menschen. In uns lelbst liegen unseres Schicksals Sterne, in un- lerer Einsicht, in unserer Fähigkeit, aus der Vergangenheit zu lernen, in unserem eigenen Willen.
Wie war es nach Annahme des Dawesplans? Gaß er nicht durchführbar sei, daß er früher »der später revidiert würde, sah die große Mehrzahl der am staatlichen Leben unseres Volkes Teilnehmenden. Hier soll nicht untersucht werden, ob und in welchem Maße die Revisions- inöglichkeiten des neuen Planes geringer sind als 2ie des alten; daß er sechs Jahrzehnte unverändert erhalten bleibt, glaubt im Inland und Ausland niemand, der das Fliehende im Ge- fdjitf der Menschen und Böller erkannt hat.
Damals nach Annahme des Dawesplans, hat tnan in Deutschland den schweren Fehler bedangen, in Erwartung der voraussehbaren Revision den Dingen ihren Lauf zu lassen, hat man sicy sozusagen darauf beschränkt, Den politischen „Aktenbock' abzuarbeiten, ohne ernsthaft daran za gehen, Deutschlands Lei- {inngsfähigkeit zum Höchstmaß zu steigern. Man agte sich eben, die Revision wird kommen und die unerträglichen Lasten mildem. So begnügte man sich, die augenfälligsten Schäden zu mildern, die im Augenblick sichtoarsten Lecks des Staatsschif- fcs zu verstopfen, und unterließ es, die iebensentscheidenden Dinge anzupacken. Die gesamte politische Aroeit bewegte sich auf der Linie des geringsten Widerstandes und wagte sich nicht an die Probleme, die im setzten Sinne entscheidend sind. Die Gefahr ist riesengroß, daß nach der wahrscheinlichen Annahme des neuen Planes wiederum Hand und Wille fehlen, das Ruder zu drehen.
Was hat man vor? Der neue Reichssinanzmini- fter scheint entschlossen,.das seit Jahren schleichende Liebel der deutschen Finanzlage zu beseitigen, diese schon chronische Krankheit zu heilen durch wirkliche Balancierung des Reichs-
Herbst in Apulien.
Don Albert H. tausch.
VII.
Traum und Fahrt an der Küste.
Wieder ein dunkelblauer Frühlingsmorgen in 2rani, Ende Oktober. Die Palmenwedel vor S. Francesco schlagen im goldnen Wind gegen das Gitter. Tie Wände und Firste strahlen .. Wie wir dahin- gchen .. Sind wir wieder achtzehn Jahre alt gelworden? Hinaus, ans Meer. Hingcstreckt liegen auf heißem Mauerstein .. Unter mir bauen sie den Hafen cius. Große Schiffe sollen hier von Anker gehn .. 2ld), große Schiffe .. Mögen sie kommen, mögen sie Nicht kommen .. Was liegt mir daran? Hier ist die Sonne, hier ist die Bläue, hier ist heiliges Land, an das die frühen griechischen Siedler von drüben kamen. Hellenischer Frühling um das Jahr tausend .. Lch liege, blicke in Himmel und Meer — und träume jener Frühe nach, in der sich die griechischen Staaten noch den Erschütterungen der dorischen Wanderung formten .. Träume der jonischen Süße nach, die mich in diesen Morgenfeuern anglüht.. Was wollen diese Schulmeister nur mit ihrer „spartanischen Große"? Dorisches Blut wuchs, blühte, mürbe schöpferisch, sobald es der engen Heimat entrannen war .. sobald der Wind der Weite es durchfuhr .. Aber der Staat dieses Lykurgos? Welche Mißgeburt! Besser niemals gelebt zu haben als in diesem Zuchthaus. Da immer das Blut stärker ist als das auferlegte Gesetz, da sich kein fühlender Mensch die Vernichtung seines Jchs um der Staats- oergottung willen gefallen läßt: wie müssen jene spartanischen Auswanderer aufgeatmet haben, als sie im achten Jahrhundert den Peloponnes verließen und an milderen Küsten ihre Siedluna Taras schufen, das römische Tarent! Wie kommt sein Bild zu mir herüber, indeß ich nur den Namen denke. Wie wird die Vorfreude des nahenden Wiedersehens ir mir wach. Taras, Tarent: große Geliebte der apulischen Erde .. Dorische Stadt am jonischen Meer .. Jonisches Meer! Aufgang. Anbruch des Lichten. Apoll, gestützt auf die Leier, lächelnd über die kräuselnde Flut hin .. Wo soll dies Versinken enben? Ich weiß es nicht .. Weiter, weiter hinunter iv den Morgendust der Gezeiten, sinnende Seele ..
etats, dem vielleicht diejenige der Länder- und Kommunaletats folgen würde. Schon diesem Versuch gegenüber werden sich Hemmungen schwerster Art geltend machen, die aus Ideologie und Agitationszwang der politischen Parteien folgen. Nicht aber hat es den Anschein, daß man Kraft und Willen in sich spürt, an Größer es zu gehen, an Entscheidendes sich zu wagen. Das Kampfspiel um Einzelheiten, wie Erhöhung der Um- satzsteuer, Tabak- und Alkoholsteuer, wird die politische Arena ausfüllen. Man sieht nicht oder will nicht sehen, daß die Zeit vorüber ist, in der man durch eine Politik/iur für den Tag dem deutschen Volke den Schein einer gesicherten Zukunft vorsp.egeln konnte. Man vernebelt die aufdämmernde Erkenntnis, daß wir unmittelbar vor der großen Zäsur stehen, der ein neuer Takt des Handelns folgen muß. Die Wirtschaft liegt darnieder, die Arbeitslosigkeit steigt zu unwahrscheinlichen Ziffern an, Zusammenbrüche auch alter Häuser häufen sich, Landwirtschaft und bald auch große Teile der Industrie drohen der Last der Zinssätze zu erliegen.
Was kann heilen und helfen? Es sind nicht immer nur die rein materiellen Dinge, nicht immer nur die „notwendigen wirtschaftlichen Maßnahmen", die aus schwerer Gefahr retten und durch die Krise zur Gesundung führen. Wir haben es einmal erlebt, daß es gerade auch die psycho
logischen Unwägbarkeiten sind, die in Verbindung mit zielklarem Handeln den Erfolg in sich tragen. Als in den entscheidenden Togen des Jahres 1923 Inland und Ausland sahen, das ernster Wille und starke Tat sich vereinten, da entstand über Nacht das Vertrauen, das das „Wunder der Rentenmark", wie es zuerst im Ausland genannt wurde, erst ermöglichte.
Und heute? Heute krankt Deutschland an der Ohnmacht der Reichsgewalt, an der Zersplitterung. Der Dualismus, ja Antagonismus zwischen Reich und Preußen in feinen tiefsten Gründen völlig unabhängig von etwaiger parteipolitischer Differenziertheit der jeweiligen beiden Regierungen, lähmt das Reich in Entschluß, und Handelskrast.
Die besten Männer der Wissenschaft, Wirtschaft und Politik sind seit Jahren bemüht, dieses entscheidende Problem zu lösen. Führende Männer, anfangs von völlig verschiedenen Gesichtspunkten und Ueberzeugungen ausgehend, haben sich bei ernster Durcharbeitung in ihren Anschauungen in fast wunderbarer Weise genähert.
Was fehlt? Wille und Tat. Die Prüfung wäre lohnend, was andere Völker in gleicher Lage täten. So wäre es wertvoll, aus der historischen Vergangenheit abzuleiten, wie das französische Dolk handeln würde, wie es — sicher erfolgreich! — politisches Ziel und politische Methode in Einklang zu bringen wüßte.
Und mir? Man stelle sich einmal vor: nach Annahme oder Ablehnung des neuen Planes durch die Reichsregierung würden die maßgebenden Faktoren in Reich und Ländern sich fest zufammenschließen in dem harten Willen, das deutsche Haus neu au zimmern; sie würden im Laufe weniger Wochen ein im Innern und Aeußem wahrhaft Einiges DeutfchesRei ch schaffen! Was wäre die Folge? Dem Wunder der Rentenmark würde das größere „Wunder der Reichseinheit" würdig an die Seite treten. Unter Erhaltung der Eigenart deutscher Kulturbildungen, wie sie im Gange der deutschen Geschichte sich entwickelt haben, wäre ein wahrhaft geschlossenes, starkes Gebilde geschassen, das die & r a f t zur Selbstbehauptung in sich trüge. Das deutsche Volk und die Außenwelt wür- den auf diese Tat in ehrlicher Bewunderung schauen, die sich innen und außen zu einem Höch stmaß von Vertrauen in unsere Zukunft steigern würde, ein Vertrauen, das wiederum unsere Kraft vervielfältigen müßte.
9ie Stu n be ift ba, in ber Deutschlanb, wenn es nicht unwiberruflich abfteigen soll, bieses höchste Zeichen ber Lebenskraft geben muß. Wirb so gehandelt, finben sich Männer, bie mit Kraft unb Klugheit, mit Stärke bes Geistes unb bes Willens an biefe Aufgabe Herangehen, bann ist Deutschlanb nicht verloren, bann beginnt ber neue Aufstieg.
Sind wir wirklich oberflächlicher geworben?
Die Dielstrebigkeit unserer Gegenwart, die Schnelligkeit, mit der und in der wir leben, läßt uns schwer zu jener Vertiefung unb Sammlung kommen, welche für die Generation vor uns als Voraussetzung für Vertiefung der Kultur galt. Der Vorwurf, daß wir oberflächlicher geworden sind, will nicht verstummen. Wir haben uns daher mit der Frage »Sind wir wirklich oberflächlicher geworden?" an verschiedene Persönlichkeiten gewandt, die besonders befähigt erscheinen, sich dazu zu äußern.
Ein Sprecher für 4^/r Millionen Jugendliche. Geschäftsführer Maaß, vom Michsausschuß der
Deutschen Zugendverbände:
Menn wir die Frage: Sind wir wirklich oberflächlicher geworden? von der Jugend aus betrachten, so müssen wir zunächst nach meinen Erfahrungen drei Generations stufen unterscheiden. Erstens die Schicht der heute etwa Dreißigjährigen. Sie wuchs noch auf in der festgefügten Ordnung der Vorkriegszeit. Ihr Fonds ist dadurch noch sicher, die Einsicht in die Rotwendigkeit von Zucht und Gesittung größer. Sie ist im allgemeinen auch noch idealistisch eingestellt, wenn auch ihr Idealismus lebensnäher erscheint, als etwa der mehr romantische Idealismus unserer Eltern.
Die zweite Gruppe ist jene der heute etwa Fünsundzwanzigjährigen. Sie hat die schwersten Umwälzungen sozialer w'e ind.viduel- ler Werte leidend miterlebt. Die Väter waren im Feld, wie die Mütter durch Krieg und Inflation zermürbt — die gleichmäßige Beeinflussung durch Haus und Eltern fehlte. Alles, was historisch, wirtschaftlich, ethisch Geltung hatte, schien iirs Gegenteil verkehrt. Hier setzte der seelische Bruch ein, der nicht völlig überwunden werden konnte. Diese Generation um 25 Jahre herum ist im allgemeinen schwierig, sie sah die Autorität ber Erwachsenen zerschlagen, sie wurde unruhig und unstet. Symtom dafür ist ein starker Wechsel in beruflicher und auch erotischer Beziehung.
Die dritte Gruppe ist diejenige, welche kurz vor dem Krieg geboren wurde. Sie hat Krieg wie Inflation nur kindhaft und ohne wirklichen Einblick in die tragischen Zusammenhänge miterlebt. Diese Jugend ist weniger idealistisch und individualistisch. Sie ist kollek-, tivistisch, praktisch, für Naturwissenschaft und
Eine zeitgemäße Ltmsrage.
Technik interessiert, lebenssicherer unb unmittelbarer. Sie lehnt un.ruchtlareProblematik ab unb wendet sich den Erfordernissen des Tages mit Entschiedenheit zu. Aus dieser Ablehnung der Problematik und der theoretischen Erörterung, aus der weiteren Ablehnung jenes Bildungsstoffes, der der heutigen Jugend fernsteht (wie z. B. ein Teil der Klassiker) hat man geglaubt, auf eine Oberflächlichkeit schließen zu dürfen. Ich halte das für einen Trugschluß. Innerhalb ihrer mehr praktischen und realen Lebensauffassung hat diese Jugend genau s 0 ihre Ideale, genau so ihr Verlangen nach Vertiefung der Persönlichkeit, nach Beantwortung ber großen Lebensfragen. Sie faßt' zum Beispiel ben Beruf nicht nur als Gelberwerb auf, sie fragt nach bem Sinn des Berufes, nach dem Sinn der Arbeit.
In unseren Iugenbverbänden haben wir 4Vt Millionen junger Menschen aller Parteien, mit Ausnahme der extremen Flügelparteien. Aber die Fragen: „Was ist Arbeit?" „Was ist Sinn der Arbeit?" „Was ist Gemeinschaft?" werden von den jungkonservativen Iu- genbbünben genau so leidenschaftlich gestellt, wie von den sozialistischen. Wenn auch die Rei- gung zu Sport, Spiel und Tanz (aber mehr im Sinne ber Volkstänze) vielleicht größer ist als früher, so erscheint bas nur als ein Ausgleich zu der erhöhten Arbeitsbelastung unserer Jugend. Dafür ist die Teilnahme an den BilbungsgüternderRationnicht geringer geworden. Auch die berufspolitischen Verbände zum Beispiel muhten dazu übergehen, Fragen der Allgemeinbildung zur Diskussion zu stellen. Rur ist dieser Bildungstrieb anders gelagert, wie die alte Schulphilologie es sich vorzustellen vermag. Die Jugend in unfern Bünden beschäftigt sich nur mit denjenigen Fragen, bie ihr menschlich nahe sinb — abstrakte oder historisch unverstänbliche Dinge lehnt sie ab. Um so mehr interessieren sie Kultur-, Gesellfchafts- unb politische Fragen. Ueberhaupt ist ihre Verbindung zur Allgemeinheit, zur Menschengemeinschaft wie zum Staate viel bewußter als bü ber früheren, indivibualistisch eingestellten Generation.
Desgleichen läßt die Stellung zum Beispiel zum Sexualproblem keine Oberflächlichkeit erkennen. Die Jugend um bie 25 herum ist bie unruhige, unstete, auch in biefer Hinsicht. Die Jugend aber zwischen 14 bis 18 hat wenig Reigung zum Flirt (bester Beweis, bah bie Trennung ber Geschlechter wieder ziemlich stark burchgeführt wirb, bah Burschen und Mäd
chen getrennt wandern, unb sich nur bet großen Tagungen zusammensinden). Die Einficht in die notwendige Trennung der Geschlechter während der beiderseitigen Entwicklungszeit ist sehr betont. Auch hat unsere Jugend zwischen 14 und 18 warten gelernt und erotische Probleme werden auf spätere Jahre vertagt. Das Schlagwort von der „K a m e r a d s ch a f t s e h e" kam für sie drei Jahre zu spät — es hat für uns keine Geltung und keine Wichtigkeit. Das Gefühl der Verantwortlichkeit in beruflicher und menschlicher Hinsicht ist bei dieser Jugend sehr groß.
Man kann daher zusammenfassend sagen: Das Dildungsideal im allgemeinmenschlichen, nicht im philologisch begrenzten Sinne ist bei unserer Jugend zwar ein anderes, aber nicht weniger tiefes geworden. Ich möchte daher die Frage: „Sind wir oberflächlicher geworben? ' aus meinen Erfahrungen mit 4,5 Millionen junger Menschen verneinen."
Dertieftere persönlichkeitsformung der Jetztzeit.
Professor Keftenberg, Referent im preußischen Kultusministerium:
„Zunächst möchte ich bemerken, baß ich ein ausgesprochener Gegner jeder Verallgemeinerung bin, wie sie auch in Ihrem Thema enthalten^ ist. Ich möchte behaupten, baß bas Spiel der Kräfte, auch der geistig seelischen, immer unb zu allen Zeiten das gleiche war und daß vielleicht nur bie Verteilung hin unb wleber eine anbere ist. Ebenso ist das Maß der menschlichen Begabung immer das gleiche. Aus meinen praktischen Erfahrungen heraus, die sich insbesondere auf das Gebiet ber Musik erstrecken, muß ich doch sagen: DerArbeitswilleist vielleicht noch stärker bei unserer Jugend, als er früher war. Der Existenzkampf ist ein fo schwerer geworden, baß bie Iugenb ihre Kräfte aufs stärkste baran setzen muß, um sich durchzusehen. Aus biesem Grunde wird dem rein handwerklichen Können besondere Beachtung gegeben, jeder Musikstudent weih, bah bas tobellose technische Rüstzeug unter allen llmftänben ba sein muh, ehe man wagen kann auf einen Erfolg in künstlerischer Hinsicht zu hoffen.
Das Streben nach allgemeiner Bildung ist heute bei den jungen Künstlern viel intensiver als früher. Der Typ des dummen Tenors zum Beispiel, wie er früher in allen Witzblättern zu finden war, ber Typ des ein*
Wer weiß, wann dir gleiche Traumstunde wieder blühen wird .. Auf nichts warten .. 0, auf gar nichts warten .. Wer dieses lernte .. findet das Wunder.
Am Nachmittag Fahrt an der Küste hin. Sie funkelt, brennt, glüht in ihren vielen Bögen. Wie aus Eimern ausgeschüttet, dieses Gold des sinkenden Jahres. Gewiegt vom friedvoll wallenden Steer, herangefchaukelt an das Gestade, sterbend im roeifr beraufgefpüüen Schaum. Leises, leises Hinziehen dieses Schaumes .. Als lösche eine ewig neu erblühende Flamme in jedem Anlauf aus ..
Schönes Hinfahren auf dieser weißen Straße am Meer. Gedankenloses, stillendes Hinfahren. Langsam. Fahren der Traumtrinker. Wenig Fuhrwerk. Dis Traubenernte ist lange hier vorbei. Ist sie im Gang, so folgen sich in endlosen Reihen die vollgeladenen Karren .. Die ganze Straße duftet dann nach Wein und heißen Pferdeleibern, nach Staub und ausgedorrter Erde .. Nun duftet sie nach Frühlingsäckern, nach aufgeworfener Scholle und quellendem Kraut .. Daß man nicht hineinfahren darf, in diese lockenden Graswege unter den breiten Oliven. Wie weit führen sie wohl? Bis in die Sturge hinauf? Ich sollte es eines Tages ausproben, im März, oder im April, auf langen Wanderungen zu Fuß. Wie schön müßte dies sein! Dann ist der Boden übersät mit gelben Margeriten und rotem Stöhn, dessen Blumen auf hohen Stielen um die Delbaumftämme schaukeln .. Dann stehen handgroße Kornblumen manchmal im Gold- und Purpurdämmer der vermengten Lichter, unzählige rosa Winden ranken im Gras, und unabsehbar weit, verschwimmend in sich selbst, spielt Tanz der Sonnenkringel durch die Schatten. Werdet ihr noch einmal wiederkehren, Dftertage von damals? Als mir apulischer Traum zur Wirklichkeit wurde? Als ich Besitz ergriff von diesem Land? .. Bisceglie, abermals. Nein, nicht in die Stadt. Weiter nach M 0 l f e 11 a. Wer kennt den Namen nur? Kaum einer. Stadt am Steer, Stadt ins Meer hinein. Gelbe Flamme nun, da sie in unsrem Auae steht. Aufgewühll in ihren Farben von diesem Licht .. Wir fahren langsam an den Hafenbogen. Getakel von kleinen Schiffen in der sprühenden Luft. Spielende Kinder, die zum Wagen laufen .. Wir gehn zur Kathedrale, lieben ihre beiden Glockentürme, die sich im Golde baden unb bas Golb an ihren Wänden nieberfidern lassen..
Durch Gassen, Bögen, vorbei an Winkeln, ein wenig in die Stadt hinein .. Stadt am Steer. Stadt ins Steer hinaus, in diese Ferne, deren Leben kaum hier anflutet. Fischer, Schiffer stehen herum. Schauen uns an. Hier kommen keine Fremden hin. Die Toren! Welche Entrückungen sind hier zu leben. Welcher Frieden! Ein einziger Nachmittag — und Wochen nordischer Hetze sind getilgt .. Noch schöner, leuchtender, ist Giovinazzo, wenige Minuten südlich, an sanfter Bucht. Auch hier ein. edler romanischer Dom aus dem 12. Jahrhundert .. Ein Turm noch steht: Erinnerung wahrend .. Das Steer ist eine Streu von Mandelblüten .. Ganz offen sind die Ho- rizonte: bis Bari, südöstlich, über Trani hinaus — dessen Kathedrale sich am Himmel zeichnet — nordwestlich nach den violetten (Barganobergen. Heimweh der Adria .. Auf und nieder rauschen die Gezeiten. Ihr Weinen wiegt das Steer.
Noch einmal lockt uns Abendgold in Oelbaum- gärten. Wir fahren, landeinwärts, nach B i t 0 n 10 hinauf. Sehn auch dort die Kathedrale und ihr berühmtes Portal. Kehren bald um, auf dem gleichen Weg, den wir kamen. Schwimmen im Goldgrün, im Feuergrün des niederriefelnden Abends .. Im Westen, über den Sturgebergen, sind ein paar hellbraune Wolken aufgerissen, bluten, bluten über unsre Schultern hin .. Sinke, sinke, willkommene Nacht. Gib uns blaue Taubheit der Lüfte und Sterne.
Bei der einsamen Kirche Santa Slaria, am Cap Colonna, kurz vor Trani, wurde uns Erfüllung. Mantel der Nacht, benäht mit Sternenflitter, schleifend auf dunkel brandendem Steer. Tagende. Träumende. Versunkener Tagtraum.
Lord Rothschilds realistischer Roman.
Der Neuyorker Bankier William Kerr besuchte zu Weihnachten den Londoner Vertreter der weitverzweigten Rothschild-Familie. Im Palais des Lords wurde ein ganzes Appartement für den überseeischen Gast eingerichtet, und der Hausherr erkundigte sich bei Kerr, ob er mit dem Arrangement zufrieden sei. „Alles ist in schönster Ordnung, Vereintester", lautete die Antwort des Pankees, „bis auf eine Kleinigkeit, die Sie vergessen haben. Ich bin gewohnt, vor dem Einschlafen noch ein Stündchen zu lesen, unb fanb in meinen Zimmern kein
einziges Buch vor. Sollten Sie mir einen spannenden Schmöker besorgen können, wäre ich restlos glücklich". „Wenn's weiter nichts ist", vertröstete der Hausherr feinen Besucher, „so kann Ihnen leicht geholfen werden. Sie sollen auf dem Nachttisch den interessantesten Roman der Welt vorfinden. Eine spannendere Lektüre kann ich mir gar nicht oor- stellen. Das Werk behandelt ein Thema, das feit Bestehen der Weltgeschichte alle Menschen auf Erden beschäftigt. Dieses „Thema" regiert den Erdboden; sowohl die Einzelmenschen als auch alle Nationen!" — „Auf diesen Sensationsroman bin ich wirklich außerordenllich gespannt", gab Mr. Kerr zur Antwort, und als er sich gegen Mitternacht in seine Gemächer zurückzog, stürzte er erwartungsvoll auf das schöngebundene Buch. Die Titelseite trug, wie auch nicht zu erwarten, die Ueberschrift: „D a 5 G e 1 d". Der Bankier Kerr verzog das Gesicht: Was nur diesem verrückten Rothschild einfällt! Zola ist doch beileibe keine Lektüre für einen Vollblutame- rikaner... Doch nein: Das Werk schien gar nicht von Emile Zola zu sein. Es handelte sich wohl um die Arbeit einer unbekannten Dichtergröße; der Der- faffername war nicht einmal genannt. Auf ber ersten Seite stand lediglich ber Vermerk: „Im Selbstverlag von Lord Rothschild". Nun blätterte Kerr weiter. Auf der zweiten Seite fand er statt Text eine Hundertdollarnote vor. Auf ber britten ebenfalls. Der ganze „Roman" beftanb'nur aus Geldscheinen, bie Rothschilb in Buchform binben ließ... „Wie gefiel Ihnen ber Schmöker?", fragte der Lorb am nächsten Morgen feinen Gast." — „Ganz ausge- zeichnet", ermiberte dieser, „schabe jeboch, daß ich nicht erfahren konnte, wie bie überaus fpannenbe Geschichte enbet. Ich habe leibet nur — den e r ft e n Banb bekommen ..." „Entschulbigen Sie meine Vergeßlichkeit", lächelte Rothschild verbindlich, „ich will sie heute abend gern gutmachen!" — Und Herr Kerr fand in der Tat die Fortsetzung des „Buches" auf dem Nachttisch. Allerdings konnte er auf ber Titelseite den Aufdruck lesen: „Zweiter und letzter Band". Und auf der letzten Seite, hinter der letzten Banknote prangte in Golddruck. „E n de". Der Empfänger des „spannendsten Romans ber Welt" war uneigennützig genug, ihn ber „Bibliothek" eines Londoner Krankenhauses einzuverlel- ben.


