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Lern lernen, der rauhen Wirklichkeit ins Gesicht zu schauen. Äebrigens sind uns die demokra­tischen Musterstaaten, England und Frankreich, in Hendon und Vincennes, mit gutem Beispiel vorausgegangen, setzt er mit seinem sarkastischen Mundwinkellächeln hinzu. Wir zeigen nur, daß wir ebensoviel können wie sie, und noch ein biß- chen mehr... *

Dort, wo der Tiber eine große Schleife um den Liktorienflugplatz macht, zwischen dem für Rom so schicksalsschweren Ponte Milvio und der nicht minder historischen Prima Porta, dort ist das Schlachtfeld. Der erste Blick der Zu­schauer, die seit dem Morgen in unaufhörlichem Zuge in die riesige Arena strömen, fällt auf ein orientalisches Märchen, eine arabische Ort­schaft, deren grünspitziges Minarett friedlich über die weißen Häuser leuchtet. In der Rähe ist eine neue Drücke entstanden und in der Ferne ge­wahrt man Zeltlager, ein kriegsmäßiges Fliegerfeld, das auch nicht immer da war.

Acht Tribünen. Rennplatzhafte Logen mit schö­nen Frauen. Feldstechern und lustigen Sommer­kleidern. ^lntadeliger Büfettdienst. Krieg mit allem Komfort der Reuzeit.

Auf der Königstribüne kostet der Platz zwei­hundert Lire. Es gibt keine Cingeladenen, keine Freikarten, denn es handelt sich ja um eine Wohltätigkeitsveranstaltung. Der Ertrag aus dem Tag der Schwingen soll einem Heim für Fliegerwaisen zugute kommen. Cs darf also nie­mand von der Gesellschaft fehlem

älnd tatsächlich, alles, was in Rom einen Ramen hat, alles war da. Zwischen dem D u c e und dem Luftwehrminister B a l b o. dem Schöp­fer der mächtigen italienischen Himmelswaffe, der König. Das Kronprinzenpaar. Die Prin­zessinnen. Der ganze Hof, sämtliche Minister, der Golrvkrneur. Die Herzogin von Aosta ver­fehlte nicht, in dem begeisterten Telegramm, das sie am Abend an Dalbo richtete, zu erwähnen, daß sie Mutter zweier Fliegersöhne sei. Ihren Stolz, ihre Bewunderung wolle sie ausdrücken über das grandiose Schauspiel vollendeter Tech­nik, eiserner Zucht und furchtbarer Macht...

*

Mit Kriegsveteranen fing es an, gebrech­lichen Holzmaschinen von gestern, darunter aber es wird nie etwas vergessen, was das Volk nicht vergessen soll, das Flugzeug, mit dem D'Annunzio nach Wien flog. Darauf ein Flieger saß auf einer mit Petroleum betriebenen Ma­schine.

Das Radelmanöver: wie ein Faden durchs Oehr gezogen wird. -Unö so manch anderes Reiterstückchen du zwischen. Flugzeuge bilden die Worte Rex und Dux, natürlich lassen sich auch die Rauchschreiber solche vokabulurischen Leckerbissen nicht entgehen. Aber das Volk fiebert nach an» derem. Es will Bomben sehen, wie der Spa­nier Blut. Der moderne Stierkampf der Lüfte, das Turnier der propellerbewehrten Ritter hebt an.

Dort steht ein feindlicher Fesselbal­lon t m Blau. Drauf I Drei Iagdflugzeuge schießen heran, von Flak und Maschinengewehren sofort heftig beschossen. Aber sie erreichen trotz­dem ihr Ziel: eine Stichflamme, Rauch und Qunlm. Die Besatzung rettet sich im Fallschirm.

Inzwischen aber haben die Beduinen eine italienische Munitionskolonne überfallen sehr aktuell, denn nach Zeitungsnachrichten ist in der ganzen Chrenaika die Guerriglia wieder aufge­flackert, so daß Italien alle Waffen cinsetzen mußte. Flatternde farbige Burnusse. Herrliches Vollblut aus dem Gestüt Mussolini. Freuden­gebrüll und Fantasia bis Flieger die Sache entdecken. Flucht der Rebellen in ihre märchen­haft schöne Ortschaft unter Preisgabe der Ge­fangenen Verfolgung und nun, nun nun wird eine friedliche M ens chen s ie d e » lung bombardiert, dem Erdboden gleich- gemacht. Richts weiter. Rur überrascht man sich dabei, wie einem das Her; klopft und etwas Weh-Zukünftiges in die Kehle steigt.

*

Ietzt ist der Krieg in vollem Gange. Er greift auf Europa über, wie die Brandfackel des Tri- poliskrieges den Balkan entzündete und schließ­

lich eine Welt zum Einsturz brachte, Lind es ist nicht mehr der kümmerliche Luftkrieg von da­mals, die Luft zittert wie Mauern unter einem Erdbeben, das Gewittergrollen in der Ferne wirkt dagegen wie eine Kinderei.

Mit Radio werden die Geschwader gelenkt, auch von der Königstribüne aus, die Geschütze bullern und unter dem Tacktacktack der Kugelsprihen werfen Sprengkommandos zuerst das nötige Zeug ab, worauf 16 Fallschirmspringer folgen und die Brücke in die Luft sprengen, Lln- gehcure Splitterwirkung. Schon folgt der An­griff auf das feldmäßige Fliegernest, äüf die Hangars. Schrapnells mit ihrem wumm-wumm und ihren Blütenwölkchen. Krach und Getöse. Das fliegt in die Luft wie vorher die Munitions­kolonne. Wüstes Durcheinander für den Laien. Die Verteidigung etwas lässig, konstatiert der Schlachtens achverständi ge.

Zweihundert, dreihundert rasende Maschinen in Tätigkeit. Zweihundert, dreihundert apokalyptische Reiter auf einmal. Was wilde Iagd, was wol­

kendurchsprengende Walküren! Wir haben es weiter gebracht. Der Tod lacht sein Höllenlachen und es ist Pfingsten und anderswo spielen jetzt junge Mädchen auf dem grünen Wiesen­grund. .. ,

Kleber ganz Rom hallt es. Ieder ahnt: wenn es einmal so weit kommt, das ist der Untergang. Der Atem stockt, als jetzt der grauweiße Himmel, durchloht vom letzten Abendschein, langsam, schwerfällig herabsinkt, das Schlachtfeld einhüllt wie Rebel, die zerstörten Hangars, die verstum­menden Batterien Gas! Gas! die Zu­schauer, die Tribünen

Gas. Das ist das Ende. So werden die Wiesen ersticken und die Städte ... es gibt keine Ret­tung. ..

Erschüttert gehen! die Römer heim. Mit der Lieberlegung: es gibt nur eines man muß stärker sein als die anderen. Und das ist der Sinn des Tages der Schwin­gen.

Leichte Besserung der Arbeitsmarkttage in Oberheffen.

Oer Mai-Bericht des Arbeitsamts Gießen.

Der oberhessische Arbeitsmarkt hat im Berichtsmonat M ai eine geringe Desse- rung erfahren. Der Abgang von Arbeitsuchen­den ist hauptsächlich auf Anforderungen von Arbeitskräften für die Außenberufe zurückzufüh­ren. Weiter erfuhr der Arbeitsmarkt eine schein­bare Besserung durch Abgang der ausgesteuerten Hauptunterstühungsempfänger, die sich beim Ar­beitsamt nicht mehr als Arbeitsuchende melden. Durch dke fortschreitenden Rationalisierungsmatz- nahmen der Wirtschaft wurde in der Berichtzeit wiederum ein Teil von Arbeitskräften arbeits­los, die in früheren Iahren eine Dauerbeschäf­tigung innehatten. Aus den handwerklichen De- trieben wurde wieder eine Anzahl von Lehrlin­gen zur Entlassung gebracht, die ihre Lehrzeit be­endet hatten. Im Monat Mai war ein Gesamt­zugang von 2741 Arbeitsuchenden zu verzeichnen. Die Arbeitsuchendenzahl am Ende der Berichtszeit betrug 7119, gegenüber 8509 des Vormonats und 1966 des Vorjahres. Aus den Mitteln der Reichsanstalt wurden 5700 Arbeit­suchende unterstützt gegenüber 6735 des Vor­monats und 1415 des Vorjahres. Mit Rot­standsarbeiten wurden 99 Personen beschäftigt. 893 Arbeitslose konnten vermittelt werden und 352 Unterstützungsempfänger wurden von ihrem früheren Arbeitgeber zurückgerufen.

Aus den einzelnen Derufsgruppen ist wie folgt zu berichten:

Landwirtschaft.

Die Landwirtschaft zeigte sich nur in ge­ringem Maße aufnahmefähig. Zum Teil kamen nach Beendigung der Frühjahrsbe­stellungen Arbeitskräfte wieder zur Entlassung. Cs besteht die berechtigte Hoffnung, daß im Laufe des Monats Iuni eine größere Anzahl von Arbeitskräften in der Landwirtschaft unter- gemacht werden kann. Die Lage der Forst­wirtschaft neigte zu einer Vers chlechte - rung. Einige Forstämter haben Holzschäler und zum Teil" Schwellenhauer, sowie Kulturarbeite­rinnen wegen Beendigung der Arbeiten zur Ent­lassung gebracht. Trotz 172 Vermittlungen in die Landwirtschaft betrug die Arbeitsuchenden­zahl am Ende der Derichtszeit 206, gegenüber 249 des Vormonats und 42 des Vorjahres.

Bergbau.

Die Lage im Bergbau hat keine wesent­liche Besserung erfahren. Zwar konnten einige Bergarbeiter bei einer oberhessischen Grube untergebracht werden, doch kamen anderseits Bergarbeiter aus kurzfristigen D-eschäftigungs- verhältnissen zur Entlassung. Die Zahl der Ar­beitsuchenden betrug 199, gegenüber 224 des Vor­monats und 10 des Vorjahres.

Industrie der Steine und Erden.

Der Beschäftigungsgrad in der Industrie der Steine und Erden hat nur einen geringen Anstieg erfahren. Roch immer wirkt die Un­sicherheit auf dem Daumarkt zögernd und hem­mend auf den Rückgang der Arbeitslosigkeit ein. Der größte Teil des Abgangs von Arbeit­suchenden bestand aus Ziegeleiarbeitern. In der Ziegelindustrie hat sich die Lage etwas gebessert, doch steht die Zahl der Arbeitsuchenden be­deutend höher als im vergangenen Iahre. Wir zählten in dieser Berufsgruppe 902, gegen 999 des Vormonats und 131 des Vorjahres.

Metallindustrie.

Die Arbeitslosenkurve hat sich in der Derichts­zeit nur wenig gesenkt, und es besteht vorerst keine Aussicht auf eine Bes­serung der Marktlage in dieser Derufsgruppe, Einige Industrien unseres Bezirkes arbeiten z. Zt. noch verkürzt, andere, die verkürzt gearbeitet hatten, haben einen Teil der Belegschaft zur Entlassung gebracht und' mit dem verbleibenden Teil der Belegschaft wieder Dollarbeit einge­führt. Die Zahl der Arbeitslosen betrug 1036, gegen 1085 des Vormonats und 221 des Vor­jahres.

Holz, und Schnihstoffgewerbe.

Auf dem Arbeitsmarkt des Holz- und Schnih- stvffgewerbes ist eine merkliche Entspan­nung eingetreten. Die Sägewerksbetriebe sind gut beschäftigt. Ein Teil der noch arbeitslosen Sägcwerksarveiter hofft demnächst noch die Ar­beit wieder aufnehmen zu können. Die ober- hessische Möbelindustrie hat ebenfalls eine Besse­rung der Deschäftigungslage erfahren. Wir zähl­ten am Ende der Berichtszeit 363 Arbeitsuchende, gegen 475 des Vormonats und 95 des Vorjahres.

Bekleidungsgewerbe.

Die Marktlage im Deklei dungsg ewerb e ist recht unbefriedigend. Teilweise wurden Schneider und Schneiderinnen angefordert, doch ist zu befürchten, daß nach Beendigung der Sai­son die angeforderten Kräfte wieder zur Ent­lassung kommen. Die Hutindustrie unseres Be­zirks ist zur Zeit sehr gut beschäftigt, dagegen ist die Lage in der Schuhindustrie unverändert schlecht geblieben. Die Arbeitsuchendenzahl be­trug 179, gegen 195 des Vormonats und 95 des Vorjahres.

Baugewerbe.

Die Bautätigkeit kommt nur sehr lang­sam in Gang. Die Zahl der Arbeitsuchenden vermindert sich nur sehr langsam. Die Deschäf- tigungsverhältnisse sind zum größten Teil kurz­fristiger Art, so daß in dieser Berufsgruppe Wohl die größte Fluktuation zu verzeichnen ist. Wir

konnten 126 Arbeitsuchende vermitteln. Verfüg­bar waren am Schluß der Berichtszeit noch 1285 Arbeitsuchende, gegen 1788 des Vormonats und 260 des Vorjahres.

Gast, und Schankwirtschaftsgewerbe.

Infolge der günstigen Witterung blieb die Arbeitsmarktlage w e i t e r h i n gut. Hauptsäch­lich die Kurorte forderten weitere Fachkräfte an. Auch in den übrigen Betrieben konnten gute Kräfte untergebracht werden.

veckehrsgewerbe.

Im Verkehrsgewerbe ist die Marktlage nahe­zu unverändert geblieben. Die Anforde­rungen der Reichsbahn waren von geringem Umfang. Inwieweit sich die Beschäftigungslage im Monat Iuni bessern wird, ist leider nicht vor­auszusehen. Es waren am Ende der Derichts­zeit 194 Arbeitsuchende, gegenüber 244 des Vor­monats und 57 des Vorjahres vorhanVen.

häusliche Dienste.

Obwohl die Dermittlungstätigkeit in der Haus­wirtschaft sehr rege war, konnte festgestellt wer­den, daß die bevorstehende Reisezeit ein Rach- lassen der Anforderungen von Ar- beitskräften bewirkt. Insgesamt wurden 118 Ver­mittlungen getätigt.

Lohnarbeit wechselnder Art.

Die Marktlage in der Lohnarbeit wechselnder Art ist eng mit der Lage des Baumarktes ver­knüpft, und so ergibt sich auch der schlechte Stand der Befchäftigungsmöglichkeilen dieser Berufsgruppe. Ein großer Teil von den Arbeit­suchenden wurde in der Derichtszeit aufgefor­dert und hat sich nicht mehr als arbeitsuchend gemeldet. Dadurch wird der verhältnismäßig gute Abgang von Arbeitsuchenden begründet. Die Arbeitsuchendenzahl beträgt 1784, gegenüber. 2287 des Vormonats und 612 des Vorjahres.

kaufmännische und technische Angestellte.

Im Berichtsmonat hat eine weitere Ver­schlechterung des Arbeitsmarktes für Ange­stellte stattgefunden. Die Zahl der Stellensuchen­den betrug am Ende des Monats 500, gegenüber 473 Ende April.

Berufsberatung.

Die Abteilung Berufsberatung wurde im Monat Mai von 168 (102 männlichen, 66 weiblichen) Ratsuchenden in Anspruch genommen; davon kamen 33 männliche und 21 weibliche Ratsuchende zum erstenmal zur Beratung. Vier Schüler und fünf Schülerinnen waren aus höhe­ren Lehranstalten, die übrigen aus Volksschulen. Unter den 54 erstmalig Ratsuchenden waren 16 ältere (10 männliche, 6 weibliche), die die Schule schon längst verlassen haben. Cs ist nicht selten, daß gelernte und ungelernte Arbeitslose zur Beratung kommen, um sich für eine etwaige Derufsumschulung Rat und Hilfe zu holen. Immer wieder kommen auch ungelernte, arbeits­lose Arbeiter, die das Lehrlingsalter längst überschritten haben und wünschen noch eine Lehr­stelle. Sie denken dabei gewöhnlich an eine abgekürzte Lehrzeit und eine höhere als die übliche Lehrlingsvergütung.

9 Knaben und 2 Mädchen wurden einer pshcho- technischen Eignungsprüfung unterzogen und vier Knaben auf ihre gesundheitliche Berufseignung noch besonders ärztlich untersucht. Auf aus­drücklichen Wunsch von Arbeitgebern haben wir 3 Derufsanwärter kostenlos begutachtet, außer­dem für eine Berufsgenossenschaft einen Unfall­verletzten hinsichtlich einer Berufsumschulung.

In unseren 5 Auhenbezirkssprechstunden (Friedberg, Alsfeld, Lauterbach, Schotten und Büdingen) wurden 66 (49 für Knaben, 17 für Mädchen) Beratungen, davon 24 (18 für Kna­ben, 6 für Mädchen) erstmalig getätigt.

Reue Lehrstellen kamen 33 (27 männliche, sechs weibliche) zur Anmeldung. 24 Knaben und fünf Mädchen wurden in Lehrstellen vermittelt. Die anhaltende Wirtschaftskrise hat den oft befürch­teten allgemeinen Lehrlingsmangel noch nicht eintreten lassen. Der große Arbeitsmangel scheint die Auswirkungen des Geburtenrückganges wäh­rend der Kriegs- und unmittelbaren Rachkriegs- 5eit auf dem Lehrstellenmarkt vorläufig zu kom­pensieren.

Konstanze.

Vornan von Karl Heinz Voigt.

Urheber-Rechtsschutz Verlag Oskar Meister, Werdau 36 Fortsetzung. Nachdruck verboten

Eine Veränderung ging in dieser Zeit mit Kon­stanze vor sich. Sie verschloß sich gegen jegliche Regung weltlichen Gefühls. Es war, als hätte Peters Verhalten ihrem Glauben an die Men­schen den Todesstoß gegeben. War dieses Leben ohne jeden Glauben nicht wertlos? Sie wur­de irre an sich. Hatten sie nicht höchste und edelste Motive getrieben? War das der Lohn, Äch sie den verlor, dem ihr Leben galt, den sie aus aller Riedrigkeit retten und zum Höch­sten fordern wollte? Vielleicht ging Peter so weit in seiner Ungerechtigkeit und verachtete sie nun gar? Bei diesem Gedanken geschah es, daß sie fühlte, wie brennende Röte ihr Gesicht über­zog. Es überkam sie dann zuweilen ein Gefühl, als sei sie unsauber geworden an Seele und Leib.

Auch äußerlich war mit Konstanze eine Ver­änderung vor sich gegangen. Sie schien gealtert. Das Leid ihres Lebens hatte einen herben Zug um ihren Mund gepflügt. Ihre Gestalt war nicht gebeugt, keinesfalls, aber ein etwas schleppen­der Gang lieh erkennen, daß diese Frau gewohnt war, über steinige Wege zu wandeln.

Einmal ertappte sei sich auf dem Wege zu Peters Atelier. Ganz mechanisch hatte sie diese Richtung eingeschlagen. Sie gelangte bis zu dem Hof, auf dem sich die Roßschlächterei befand. Da erschrak sie. Kalt und fremd blinkten die Fenster. Die Gardinen schienen abgenommen zu sein. Peter wohnte wohl nicht mehr hier?

Cs war eine Zerrissenheit in ihrem Innern. Sie weinte viel.Vielleicht sind einzelne Men­schen dazu ausersehen, das Leid der Welt zu er­fahren", dachte sie und rang mit ihrem (Sott.

Da wurde es ihr erneut zur Offenbarung, daß Gottes Lieblinge durch Kampf schreiten muß­ten. Manche Stunde des Trostes fand Kon­stanze in den Kirchen Münchens. In der Däm­merung der hohen Halle tauchte sie ihre Seele in ein mildtätiges Licht. Sie wählte die Zeiten, da kein Gottesdienst stattsand, um in der gütigen Kühle hier mit sich allein zu fein. Wunderbar ge­stärkt und innerlich gehoben verlieh sie jedes­mal die fromme Stätte.

Ganz langsam fand sie sich wieder. Ganz all­

mählich kam auch die Freude an der Musik wie­der. Mit Inbrunst gab sie sich ihr hin.

War hier noch ein Weg, das Leben lebenswert zu finden?

Der Funken, den Professor Scholl einst in ihre Seele gelegt, glomm langsam auf, wurde größer und endlich lohte eine Flamme.

Sie sprachen einmal von der Verwendbarkeit meiner Stimme im dramatischen Fach, Herr Pro-

Sofvrt wurde der weihgelockte Musikant eifrig.

Ein Wort von Ihnen und ich spreche mit Generalmusikdirektor Groner. Ich finde, Ihre Stimme hat sich noch verschönt, sie besitzt Biegung. Ihr Alt ist samtartig geworden. Es klingt etwas so Tiefes, Warmes in den Tönen."

Schon wenig später bekam Konstanze ein sehr höfliches Schreiben von dem Kapellmeister des Opernhauses. Er erwarte sie dann und dann zum Vorsingen im Theater.

Bei der Probe im Beisein des Professors Scholl empfand Konstanze, daß sie heute schlecht singe. Sie ärgerte sich. Das zweite Lied ging schon besser.

Es genügt, sagte der Musikdirektor, lieh die Hände von den Tasten gleiten und betrachtete Konstanze mit ruhigem, festem Blick.

Sie müßten noch dramatischen Unterricht neh­men, gnädige Frau. Die weitere Ausbildung wird mein verehrter Freund übernehmen."

Konstanze war verwirrt, sie wollte etwas er­widern, aber Generalmusikdirektor Groner kam ihr zuvor.

Der dramatische Unterricht und die weitere musikalische Ausbildung wird aus den Mitteln unseres Kunstinstituts bestritten werden. Es man­gelt uns ja leider an künstlerischem Rachwuchs. Ein Talent wie Sie, gnädige Frau, verdient weitest gehende Unterstützung."

Er verneigte sich leicht vor Konstanze und strich sich mit der weihen Hand über das grau­melierte, nach hinten gekämmte Haar.

Ich werde Sie fürs erste allerdings nur im Chor verwenden können, aber ich verspreche Ihnen, daß Sie schon sehr bald kleine Solo­partien bekommen sollen. Ich habe viel vor mit Ihnen, gnädige Frau, und hoffe, Sie viel­leicht schon vom Beginn der nächsten Spielzeit ab in führenden Rollen beschäftigen zu können."

Konstanze begriff, dah ein großes Glück sie bestrahlte und suchte voller Dankbarkeit die Hand ihres alten Lehrers.

Cs folgte nun harte Arbeit und geduldiges Ueben. Konstanze hatte sich das Erlernen der

Dühnenbewegungen gar nicht so schwer vor­gestellt. Iede Geste muhte abgerundet sein und sogar das Laufen auf der Bühne bedurfte ge­nauer Studien.

Sie studierte mit Professor Scholl kleine Solo­partien durch. Ein paarmal in der Woche ver­brachte sie die Abende als Zuhörerin im Opern­haus zu Studienzwecken.

Der Spätsommer war aus dem Lande gezogen. Der Herbst regierte mit der bunten Pracht feiner tausendfältigen Farben. Die Bäume des Eng­lischen Gartens kleideten sich langsam für den Winter um.

Manchmal schritt hier Konstanze einsam durch die Wege, auf denen sie noch vor kurzem mit Peter gewandelt. Es kam ihr vor, als lägen lange Zeiten zwischen dem Einst und dem Ietzt.

Einmal gelangte sie sogar bis zu der Prinz« Regentenstrahe. Dort schimmerte das rote Dach ihres Elternhauses hervor. Da kehrte sie lang­sam um. Den Weg, der vor ihr lag, muhte sie allein gehen. Kein Mensch schritt mehr an ihrer Seite. Sie fühlte,' daß es gut so war.

Run bist du also wirklich die Theaterprin­zessin", sagte sie sich und dachte voll Bitterkeit an dieses Wort ihres Vaters, das der letzte Anstoß zu ihrem Fortgang aus dem Elternhaus gewesen war.

An den Ton, der unter ihren Kolleginnen herrschte, muhte sich Konstanze erst allmählich gewöhnen. Das Leben hatte sie gebeugt. Sie fand nicht so schnell die leichte, fröhliche Welt­anschauung der übrigen Chordamen.

Vielleicht trug ihre königliche Gestalt dazu bei, daß sie bald als stolz unter den Kollegen galt. Sie schloß sich an niemand an.Eine geschiedene Frau", murmelten ein paar Sänger und zuckten die Achseln.

Eine schöne Frau", sagte der eine.

Wahrscheinlich ist sie schuldig", meinte der andere.

Bestimmt! Bei der Schönheit."

Das Gespräch wurde abgebrochen, die Probe begann

Eines Tages kam Professor Scholl zu Kon» stanze. .

Sie bekommen eine Solopartie!" rief er beim Eintreten.Die Marten-Mahlberg ist erkrankt. Sie müssen einspringen."

Sie meinen die Partie derGaia" in der Daphne"?"

Der Professor nickte:Eine kleine Partie, aber Sie können damit 2chr Glück machen. Die Ur­

aufführung derDaphne" wird viel von sich reden machen. Der Komponist Heinrich Käul tritt zum ersten Male an die Öffentlichkeit. Er dirigiert selbst. Wenn Sie mit der Partie das Publikum gewinnen, ist Ihr Weg gebahnt."

Die Aufführung findet bereits übermorgen statt."

Eben, eben! Das wird eine hübsche Zei­tungsnotiz geben:In letzter Stunde übernahm Frau Konstanze ©mmerftorff die Rolle der ,Gaia"', schwärmte der alte Herr.

Konstanz es Wangen röteten sich von einer heimlichen Freude.

Der Tag der Uraufführung derDaphne" war da. ,

Richts von Lampenfieber bei Konstanze.

21m Vormittag hatte bei dem Proben alles geklappt. Generalmusikdirektor Groner und selbst der Komponist waren zufrieden gewesen mit ihrer Leistung.

Sie war zuversichtlich und harrte mit geheimer Spannung am Abend auf das Klingelzeichen des Inspizienten.

Die rauschenden Klänge der Ouvertüre erfüll­ten das große Haus. Der Vorhang hob sich. Erst am Ende des ersten Auszuges nahte ihr einziger Auftritt in dem ganzen Musikdrama. Sie hatte nut ein kleines melodisches Lied zu fingen. Sie fang es mit einer Stimme, die weich war, wie schwerer dunkler Samt.

Ein wenig unsicher waren ihre Bewegungen wohl, aber die herrliche Stimme glich diesen Ein­druck aus. Das altgriechische Gewand der kleinen Rolle hob ihre Gestalt in ein süßes, mildes Licht.

Als sie das Lied beendet hatte, horte sie plötz­lich ein ganz seltsames Rauschen. Cs war wie das Branden des Meeres. Sekundenlang erschrak sie. Dann wußte sie, dah die Menschen dort, vor denen sie gesungen hatte, klatschten. Ganz gegen die Gewohnheit bezeigte man einer noch unbekannten Sängerin bei offener Szene seinen Beifall.

Das Orchester überrauschte das Händeklatschen. Konstanzes Auftritt war beendet.

Generalmusikdirektor Groner und ihr Lehrer streckten ihr die Hände entgegen. Sie fühlte heiße Tränen in die Augenwinkel steigen. Es war so vieles, was sie empfand.

Still und einfach ging sie noch vor Beendigung der Vorstellung nach Hause.

(Fortsetzung folgt.)