Ausgabe 
14.4.1930
 
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M. 88 Zweites Blatt

Montag. 14. April 1930

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhessen)

Provinzialtag der Provinz Oberheffen.

Oer Voranschlag für 1930 genehmigt. - Zustimmung zu den revidierten Verträgen über die Gasfernversorgung.

(5s wurde dadurch ermöglicht, das Straheninstand- Issiungsprogramm für 1929 im allgemeinen durch-

zuführcn.

Bon einer weiteren Belastung der Provinz Oberheffen mit neuen Strahenfchuldcn mutz für die nächste Zeit abgesehen werden, um die Pro­vinz nicht stärker zu belasten und die Möglich- kett zu schassen, die kurzfristigen Schulden in langfristige Schulden umzuwandeln.

3;e kurzfristigen Schulden für Verbesserung der D-Stratzen betragen 4,1 Millionen Mark.

anstatt der genehmigten 2 Millionen rwr 1,13 Mil­lionen n^fzunehmen und anstelle der ausgefallenen Ik.rpitalaufnahme die in den Jahren 1927, 1928 und 1929 angesammelten bzw. bereiigestellten Mittel für Tilgung der Straßenschuld in Anspruch zu nehmen.

Ob es in absehbarer Zeit gelingt, diese kurz­fristigen Schulden zu konsolidieren, läßt sich zur Zeit noch nicht Voraussagen. Es verbietet aber auch der derzeitige Geldmarkt und eine vor­sichtige Verwaltung ein weiteres Anwachsen der kurzfristigen Schulden. Aus der Kraftfahrzeug­steuer werden für Verzinsung und Tilgung der Stratzenschuld rund 800 000 Mk. benötigt, der Rest wird zur Verbesserung der v-Strahen ver­wendet. Es ist zwar richtig, daß die Kraftfahr­zeugsteuer ständig höhere Beträge liefert. Es wäre ober verfehlt, darin eine Verbesserung der finanziellen Lage der Provinz Oberheffen auf dem Gebiete der Stratzenunterhaltung erblicken zu wollen. Das Gegenteil ist richtig.

Das ständige Anwachsen der Zahl der Kraft­fahrzeug« bewirkt eine viel stärkere Abnutzung der Strotzen, mit welcher der Zuwachs an Kraft- fahrzeugsteuer nicht Schritt hält.

Die Ergebnisse der letzten Verkehrszählung liegen noch nicht vollständig vor, trotzdem kann man heute schon sagen, datz der Verkehr sich seit der letzten Zählung vor 4 Jahren im Durch­schnitt etwa verdoppelt hat. Der Per­sonen- und Lastkraftwagenverkehr hat stellen­weise das Dreifache des Verkehrs vor 4 3ah- ren erreicht. Der Verkehr aus den Hauptstratzen- züoen hat bedeutend stärker zugenommen, als auf den übrigen Straßen. Es ist schwer, auf Grund der beiden ersten deutschen Verkehrszäh­lungen einen Schlutz auf die Weiterentwicklung des Strahcnverkehrs zu ziehen. Don den insge­samt 470 Kilometer O-Stratzen sind bis jetzt mit schweren und halbschwercn Decken versehen 152 Kilometer. Durch Oberflächenbehandlung wurden befestigt 88 Kilometer, zusammen 240 Kilometer oder rund 50 Prozent.

Die Länge der alten Staatsstraßen beträgt nach Abzug der O-Strahen rund 200 Kilometer. §iervon sind 32 Kilometer mit Kleinpflaster oder berflächenbehandlung versehen = 16 Prozent. Wollte man die noch rückständigen l)-Stratzen und die alten Staatsstrahen mit halbschweren Decken versehen, so würden bei Zugrundelegung von nur 35 000 Mk. pro Kilometer 14 Millionen Mark benötigt werden. Die Länge der Orts­durchfahrten in der Provinz Oberheffen darf durchschnittlich zu 600 Meter angenommen wer­den. Für 432 oberhessische Gemeinden beträgt somit die Gesamtlänge der Ortsdurchfahrten rund 250 Kilometer. 3m Zug der ll-Strahen sind noch rund 70 Kilometer und bei den alten Staats- stratzen noch rund 30 Kilometer auszudauen. Rech­net man den Kilometer nur mit etwa 40 000 011?., so kommt man bei Halbierung der Kosten zwi­schen Provinz und Gemeinden zu einem Anteil der Provinz auf 2 Millionen Mark. Bei dem obigen Aufwand von 14 Millionen Mark ist noch nicht berücksichtigt, datz einige Stratzen- strecken. z. B. FrankfurtGießen, im Lause der Zeit unbedingt verbreitert werden müssen, da sie nur in einer Breite von 5 Meter mit einer festen Decke versehen sind und für den ständig wachsenden Verkehr zu schmal werden. Ferner find nicht berücksichtigt etwa notwendige Drückenbau- tcn, Herstellungen von größeren llmgehungsstra- tzen und Verbesserung in der Linienführung der Straßen.

Der Kredit für die Strahmunterhaltung kann nicht beliebig erhöht werden, da dies zu untrag­baren Steuerausschlägen führen würde. Wollte man der Provinz neue Lasten durch Aenderung des Gesetzes ausladen, so würde dies zu einer weiteren Verschlechterung der Stratzen führen, da Wittel nicht vorhanden find. Cs wäre unbe-

'Gießen. 12. April 1930.

3m Sitzungssaals des Aegierung-gebäudes trat Beute mittag derProvinzialtagderPro- gina Oberhessen zu seiner diesjährigen ^deutlichen Tagung unter dem Vorsitz des ^kt>- »nz aldirektors Graes zusammen. Zu der Ta- IMg waren sämtliche 35 Provinzialtagsabgeord- «ten erschienen.

Aach Feststellung der Präsenzliste erfolgte zu- -üchst durch Provinzialdirektor G r a e f

die Verpflichtung her neuen Provinzialtagsmitglieder, de an die Stelle der in den Provinzialausschuh ^wählten Abgeordneten bzw. für den durch Nandatsverzicht ausgeschiedenen Rechtsanwalt Zch rüder, Friedberg, neu in den Provinzial- !og berufen wurden. Die neuen Mitglie­der sind: Parteisekretär Heinrich Häuser. Hießen, (Soz.): Lagerhalter Fritz Kreß. Alten» itadt, (Soz.)! Postbeamter Wilh. Funck, Leih­gestern, (Soz.): Landwirt Ernst Alfred Rompf, 2ang-Göns, (Landbd.): Landwirt Ernst Sch los- irr' Lauter. (Landbd.I; Landwirt 3ohannes <V«rphas Reuß, Ober-Mörlen, (Landbd.) Landwirt und Bürgermeister Georg Ludw. Hof- na in, Ulfa. (Landbd.): Bürgermeister und L'aiiLtoirt An ton Eduard Schmidt, Ober-

Mörlen, (Zentr.).

Der Verwaltungsbericht für 1928

mit Auszügen aus den Jahresberichten der Pro- ifnz.alpsicgeanstalt, des Provinzial-Kinderheims 1:1b des Chemischen Untersuchungsamtes, sowie einem Bericht über den Stand der Provinzial- ; .xrbandsangelegenheiten wurde ohne Aussprache ,<nehmigt.

Hieraus leitete Provinzialdirektor Graes mit einer informatorischen Ansprache

die Beratung desDoranschlagSfürl930 ein. Der Redner führte u. a. aus: Der Voranschlag ir 1929 schloß für den Betrieb und für das Ver­mögen in Einnahme und Ausgabe ab mit 6 460 174 Mark. Demgegenüber schließt der Voranschlag für 1931) ab mit 4 646 415 Mark, mithin weniger i 813 759 Mark. (Wir haben über den Voranschlag umgehend imGieß. Anz." Nr. 79 vom 3. April be­richtet. D.R.) Dieser Rückgang ist darauf zurückzu- suhren, daß für das Jahr 1930 für Zwecke der Straßenverbesserung keine Kapital- a u f n a h m e vorgesehen ist. Die Provinzial- Verwaltung war ermächtigt, für Zwecke der Straßen­verbesserung in den Jahren 1927, 1928 und 1929 I Kapitalien im Gesamtbeträge von 6,1 Millionen I Mark aufzunehmen. Davon wurden jedoch nur 5,23 I Millionen Mark, mithin weniger 870 000 Mark auf« genommen. Der Provinzialausschuß beschloß mit I 'N 'cksicht auf die Gcldverhältnisse im Jahre 1929

dingt notwendig und gerechtfertigt, den Staats- zufchutz zu erhöhen.

Unter keinen Umständen aber kann es gutgeheißen werden, was beabsichtigt ist, den Artikel 5 Abs. 3 des Gesetzes dahingehend zu ändern, daß der Staats- Zuschuß, der vom Jahre 1930 ab 1,2 Millionen Mark betragen soll, auf 1 Million Mark herunter- gesetzt wird. Es würde dies für die Provinz Ober- Hessen einen Ausfall von etwa 75 000 Mark bedeu­ten. Abgesehen von den Straßenschulden hat die Provinz keinerlei kurzfristige Ka­pitalien ausgenommen.

Man kann die finanzielle Lage der Provinz als durchaus gesund bezeichnen, sowohl in der allgemeinen Verwaltung, als auch in den wirt­schaftlichen Unternehmungen.

Allerdings wird bei der rückläufigen Konjunktur mit dem Rückgang der Steuererträge gerechnet werden müssen, was zur Folge hat, daß bei den zwangs­läufig steigenden Ausgaben es immer schwieriger wird, den Voranschlag ohne Steuererhöhung aus­zugleichen, zumal auch der Ausgleichsstock im Jahre 1931 restlos aufgebraucht sein wird. Es ist deshalb unbedingt notwendig, überall die größte Spar­samkeit walten zu lassen und mit neuen An­regungen Zurückhaltung zu üben.

Die Aussprache.

Beim KapitelAllgemeine Verwal­tung", TitelDienstgebäude", wurde folgende Erklärung verlesen:Die Provinzialtags- Mitglieder der Deutschen Volkspartei, des Zen­trums und der Demokratischen Partei nehmen Kenntnis von den Erläuterungen der Provinzial­direktion betr. Beschaffung von Bureauräumen, Sie bedauern, datz die Dinge nicht mehr rück- gängig gemacht werden können und erklären, daß sie dem Erwerb des Hauses Fried­richstraße Ar. 28, als Dienstwohnung für den Herrn Provinzialdirektor, nicht zugestimmt hätten."

Beim KapitelBauwesen" entspann sich eine längere Aussprache, an der sich die Abge­ordneten Lutz, Klein-Felda: Keßler, Gießen: Wolf, Düdelsheim; Dr. Riepoth, Schlitz; Lux, Dieder-Florstadt: 3 o ft, Bermutshain; Provinzialausschutzmitglied Stein, Stumperten­rod, Provinzialdirektor Graes, Oberbaurat Eellarius und Baurat Grünewald be­teiligten. Es drehte sich dabei in der Haupt­sache um Wünsche über Landstraßenbau und -Unterhaltung in verschiedenen Gegenden des Vogelsberges, um das Treiben von Viehherden auf den Landstraßen, das Befahren der Land­straßen mit Pflugschleifen (wobei Provinzial- direltor Graes betonte, datz Pflugschleifen, durch die die Landstrahen nicht beschädigt würden, auch nicht verboten seien, daß aber Pflugschleifen, die geeignet sind, Beschäligungen der Landstraßen hcrbeizuführen, dem Verbot unterliegen), das Befahren des Banketts, die Anpflanzungen von Schutzhecken und um die Löhne der Straßenwärter. 3n der Aussprache wurde auch der Provinzial­verwaltung. der Provinzialbauverwaltung, deren Beamten und Arbeitern Dank und Anerkennung gesagt für ihre hervorragende Arbeit zur Ver- befscrung der Landstraßen, deren Beschaffenheit seit der älebernahme durch die Provinz bedeutend besser geworden sei. Schließlich wurde beschlossen, einen Antrag betr. das Viehtreiben auf den Provinzial st raßen dem Provinzial­ausschutz zur Weiterbehandlung zu überweisen, den Provinzialausschutz zu ermächtigen, beim Ministerium des 3nnern dafür einzutreten, datz I bie Gebührenerhebung der Kreis-

ämterfürdie Aufstellung von Dresch- Maschinen au f den Ortsdurchfahrten in Fortfall kommt, einen Antrag betr. Herstellung der Straße Hartmannshai nG reden- h a i n21 ösberts dem Provinzialausschuß zur Berücksichtigung zu überweisen: mit 17 gegen 16 Stimmen abgelehnt wurde ein Antrag, die Strahenarbeiterlöhne mit den höheren Sähen im Rhein-Main-Gebiet in Einklang zu bringen und zu diesem Zwecke aus dem jetzigen Arbeitgeberverband auszutreten.

Zum Kapitel »Allgemeine Förderung der Wirtschaft" tag ein Antrag der Deut­schen Volkspartei, des Landbundes, der Wirt­schaftspartei, des Zentrums und der Demokra­ten, nach Begründung durch den Abg. Dr. Rie - p o t h , Schlitz (Dt. Dolksp.), wie folgt vor: »Wir beantragen, als Zuschüsse zur Durch­führung von Feldbereinigungen einen Betrag von 5000 Mk. einzustellen. Der Betrag ist ausschließlich zur Zinsverbil­ligung zu verwenden." Der Antrag wurde angenommen mit 20 Stimmen der oben­genannten Parteien. Gegen den Antrag stimmten die Sozialdemokraten, der national­sozialistische Abg. Klostermann. Vockenrode, und der kommunistische 2lbg. Dietz, Kleinkar- ben.

Beim Kapitel »Provinzial-Pflegean- st a l t wünschte Frau Abg. Voll. Gießen (Soz.), die Schaffung von Einzelschlafräumen für ältere Anstaltsinsassen gesonderter Art.

Zum Kapitel »Finanz- und Steuer­wesen" lag beim Titel »Provinzialumlagen" folgender Antrag der Deutschen Volkspartei, de- Landbundes, der Wirtschaftspartei, des Zen­trums und der Demokraten vor: »Wir beantra­gen, den Grund st euersatz auf 3,75 resp. 8,25 und den Gewerbe st euersatz vom Ka­pital auf 7,25 festzusetzen. 3n den Erläuterun­gen Tit. 12a und b beantragen wir zum vor­letzten Sah folgenden Zusah: ,Sofern damit keine Erhöhung der vorläufigen Steuersätze ver­bunden ist'."

2kach kurzer Aussprache und nach Ablehnung der vom Provinzialausschuß vorgesehenen Sähe (der Unterschied zwischen den Sähen des Pro­vinzialausschusses und Denen der Antragsteller ist ganz unwesentlich, er ist eigentlich nur rechnerisch vorhanden) wurde der vorstehende Antrag ein­stimmig angenommen.

3n der Gesamlabstimmung wurde der Voran­schlag in der vorgelegten Fassung unter Berück­sichtigung der neu eingestellten 5000 Mark für Feldbereinigungszuschüsse und eines evtl, nur kleinen Minderaufkommens an provinzialum- lagen infolge der Annahme des vorstehenden Antrages mit allen Stimmen gegen die Stimme des Kommunisten angenommen.

Wasserwerk Inheiden.

Der Rechenschaftsbericht für daS Rechnungsjahr 1 928 Irnrbe einstimmig ge­nehmigt. Die Rechnung schließt »für den Betrieb" in Einnahme und Ausgabe mit je 904 306,93 Mk.. für das Vermögen" in Einnahme und Ausgabe mit je 1 538 705,16 Mk. ab.

Dem Detriebsvoranschlag für das Rj. 19 30, der in der AbteilungBetrieb" in Einnahme und Ausgabe mit je 949 300 Mk. ab» schließt, wurde gleichfalls glatt zugestimmt.

Lleberlandwerk Oberhessen.

Ohne Aussprache wurde der Rechnungs­abschluß für das Rj. 1928 genehmigt, der ein Detriebsergebnis in Einnahme und Ausgabe

Llnbekann e Geliebte.

Von Heinz Graumann.

Diese Geschichte handelt von dreierlei Stimmen, sie sängt sehr konfus an und endet so romantisch, daß kein moderner Mensch sie mir glauben wird.

Zuerst war es bloß ein Abenteuer. So, wie es Inns zivilisierten Herren zu unserm seelischen Aus­gleich bei Gelegenheit zu geschehen pflegt. Meine Wirtin vermietet Zimmer. In dem einen wohnte eine Studentin, nebenan wohnte ich. Heber die Stu­dentin ist nichts weiter zu sagen. Sie hatte aber eine Freundin, ein schlankes, lebhaftes Fräulein, das sie fast täglich besuchte und ihr dann von seinen Äymnastitkursen erzählte. Zwischen diesen Berichten und meinem Schreibtisch stand nur eine dünne, sehr dünne Rabitzwand, die jedes Lachen, jede neue Re- kordziffer und jedes geflüsterte Geheimnis genau unb prompt übermittelte. Ich hörte ihr gerne zu. Es war eine flinke, frisch touragierte Stimme, die in mir ein vergnügtes Echo fand, die mir in die Träume stieg und sie ganz anfüllte und mit schlan­ker, im Winde flatternder Mädchengymnastik.

Die Gelegenheit kam natürlich an einem Abend. Ich war gerade heimgekchrt, schläfrig stand ich im .Hausflur und hatte eben abgeschlossen, als ich jemand die Treppe herunterkommen hörte. Das war I mein Fräulein, ich merkte es sofort, die Gymnastin, die von ihrer Studentin kam. Und sofort war ich wieder munter und fühlte mich sehr verpflichtet, ihr die Tür zu öffnen unb mich höflich und gesprächig zu zeigen. Oh, sie war nicht häßlich. War auch über Erwarten liebenswürdig, gab fröhlich Antwort unb lochte ihr silbriges Lachen, wie es mir bie Rabitz- tranb oft genug überbracht hatte. Unb bann erklärte id), müsse ich noch einen Bries in den Kasten werfen. Unb der lag gerade auf ihrem Wege.

Leider lernte ich bald noch eine andere Eigenschaft an ihr kennen, sie besaß eine äußerst kühle, sichere (Energie. Das störte (wenn man seine Absichten hat). Ziemlich ratlos stand ich mit ihr vor dem Brief­kasten unb starrte zur Haltestelle hinüber, wo eine Dame hin- unb herging unb auf ben Autobus war- tetc. Ich spürte, wie sie nach einem möglichst nach­drücklichen Stichwort für meinen Abschieb suchte. Nein, bann lieber freiwilligen Abgang, sagte ich mir, streckte ihr die Hand hin und entschuldigte mich mit der wartenden Dame, bie ich als gute alte Be­kannte noch rasch begrüßen müsse.

Die Dame war sichtlich peinlich von meinem Gruß , berührt. Aber bas half nun nichts; für bas Fräu­lein redete ich mit meiner Bekannten. Schließlich konnte man ja auch was fragen, nach dem Autobus, nach der Abfahrtszeit, nach einer Straße, bas konnte

auch eine Dame nicht Übelnehmen. Roch bazu hatte sie einen luftigen Triller in ber Kehle, unb auf ihrem Pelzkragen ringelten schwarze wiberspenstige Locken. Freilich, bas ließ sich nicht vermeiden, daß ich nun ebenfalls in den Autobus stieg. Rach der Florianstraße. Vor dieser Straße, üoer die sie mir Auskunft gegeben hatte, durste ich nicht hinaus.

Florianstraße. Der Zufall meinte es gut mit mir. Es klärte sich sehr schnell auf, weshalb die Dame so gut informiert war. Unmittelbar hinter mir war sie aus dem Wagen geklettert unb wohnte offenbar in biefer Gegenb.

Eine vornehme Villengegenb, bunte! unb verlassen. So schien mir am wichtigsten jetzt, bie Onäbigfte über meine Person unb friedliche Absicht grünblich zu beruhigen. Wenn man jemanb vor ber bunklen Einsamkeit beschützen will, kann man unmöglich trübe Pläne hegen. Die Dame fühlte sich sehr er­leichtert mit mir unb zwitscherte laut unb redselig. Wie ein kleines ängstliches Mäbchen kam sie mir vor, bas laut singenb burch den finsteren Wald läuft.

Sie hatte Amt Ludwig 2715. Am übernächsten läge, morgens um zehn sollte ich sie anrufen. Besetzt.

Zehn Minuten später versuchte ich es von neuem. Falsche Verbindung.

Um zehn Uhr fünfzehn meldete sich wieder diese falsche Verbindung, dasselbeHallo! Wer ist da?" am Apparat, eine weibliche Stimme immerhin, aber ohne Zwitschern unb den luftigen Triller in der Kehle. Hätte ich wieder abhängen sollen? Auch mit dieser Stimme konnte man sich unterhalten.

Es war eine klare dunkle Stimme, die geduldig meine Entschuldigung akzeptierte unb gern zu plau- bern schien. Man muß Respekt haben vor bem Zu­fall: unb biete Stimme hörte sich jung an, war an= ziehenb, unb babei leuchtete und wärmte sie wunder­bar wie Güte und Herzlichkeit. Ich war eigentlich sehr zufrieden mit bem Tausch. Es ging eine solche Macht von ihr aus, daß ich bas Zwitschern schon fast vergessen hatte.Haben Sie Lust, baß wir uns wieder mal sprechen?" fragte sie nach einer halben Stunde. Ja, das wollte ich sehr. Und jetzt war die Reih- an mir, meine Rufnummer anzugeben.

Die Stimme hielt Wort. Wir sprachen uns öfter. Mitten während der Arbeit klingette es, und sie rief an, treu und regelmäßig, jede Woche fast. Wir er­zählten uns was vom Wetter, vom Leben, wie jeder es auffaßte, ich mußte ihr genau schildern, wie ich aussehe, und zwei- oder dreimal verabredeten wir uns auch. Doch der Zufall sperrte sich plötzlich. Es kam immer etwas Hinderliches dazwischen. Entweder rief sie kurz vorher an und sagte aus irgendeinem unvorhergesehenen Grunde noch ab, oder ich mußte plötzlich verreisen, und bann würbe ich sogar krank unb mußte ihr mittcilen, daß ich mich zu einer Ope­

ration ins'Krankenhaus schaffen lasse. Meine unsicht­bare Freunbin erschrak, bemiUcibete mich rührenb unb versprach, am kritischen Tage beibe Daumen für mich zu drücken.

Was für Daumen wohl? Spitze, knochige, mollig runde Daumen? Oder gar manikürte? Ich wußte es nicht. Ich wußte nichts von ihr. Weder ihr Gesicht noch ihren richtigen Namen, noch ihre Wohnung, noch ihren Beruf. Nicht einmal ihre Rufnummer hatte ich erfahren, da sie nicht wollte, daß ich selbst bei ihr anläutete. Das war gewiß verdächtig, doch um so besser wußte ich in ihrem Innern Bescheid, wußte ich, wie anmutig ehrlich sie fühlte und wie klar und entschlossen sie denken konnte.

Aufrichtig gesagt, hatte ich doch einen leichten Verdacht: Ein Mädel mit solcher Stimme und sol­chem Inhalt versteckt sich hinter einem Telephon? Da mußte die Natur einen traurigen Fehler begangen haben. Unb barum wollte ich nicht weiter neugierig sein, hielt mich lieber an ihre bunfle, warme Stimme unb verkehrte mit einem kostbaren Herzen.

Nun kam bie Operation, unb ich lag im Kranken­haus. Das gehört nicht hierher. Aber ich will es doch erwähnen, damit Sie wissen, wie aus einem ruhelosen Zufallsjäger ein verdammt seßhafter Mann wurde mit ben zarten Regungen ber Rekon­valeszenz, bantbar unb voller Staunen vor dem schmerzlich wertvollen Leben, das man mir erhalten hatte. So lag ich dämmrig matt in meinem Kranken­bett neben anderen, ächzenden, träumenden, gut des­infizierten Betten.

Unb bann fing bas Märchen an.

Eines Nachmittags öffnet sich bie Zimmertür. Eine junge Dame tritt ein, hat einen Blumenstrauß in der Hand und sieht sich neugierig ängstlich um. Ich liege da unb sehe sie mir an. So ein hübsches Kerlchen, bente ich bei mir, bringt Blumen, wem bringt sie Blumen ... Jetzt steht sie vor meinem Bett, nickt mir zu unb hält mir lächelnb ben Strauß hin. Holla, ba irrt sich wer, bente ich langsam weiter, schabe, bie Kleine kenne ich nicht. Doch sie bleibt ruhig bei mir stehen, obwohl ich noch gar keinen Besuch haben bars, hat strahlenb Helle Augen in ihrem stillen, säubern Gesicht, sieht überhaupt ganz reizend aus mit dem Strauß in der Hand, und jetzt sagt sie meinen Namen, fragt, wie geht es, ob ich noch schlimme Schmerzen hätte ... Diese Stimme?

Oh, natürlich erkannte ich sie gleich. Aus einer Zeit, bie burch vierzehn Tage Schmerzen vergangen war wie ein früheres Leben. So schon also sah meine Stimme" aus, so lieb, sotabellos". Seltsam. Auch blonb war sie wie im Märchen.

Nur war ich noch zu schlapp, um ihr bie Blumen abnehmen zu können. Sie legte sie ziemlich ver­stört auf meine Bettdecke, sprach aber tapfer weiter.

Währenb ich sie anstarrte, ihren schlanken Wuchs, ihre feinen, noch kinblichen Hände, ihre schüchtern zärtliche Haltung.

Da erschien bie Schwester ach, sicher waren wir so noch keine Minute zusammen und vertrieb sie streng und besorgt, noch bevor ich richtig zurück­lächeln konnte.

Unb nun soll alles vorbei sein wie ein köstlicher Spuk? Gleich nach ber Krankenhauszeit habe ich ein neues Zimmer bezogen, habe auch einen anberen Telephonanschluß bekommen. Wie soll sie mich jetzt erreichen können? Wenn sie noch an mich benkt. Was sie wohl tut in biefem Augenblick? Wo soll ich sie suchen? Ob man sie richtig lieben kann, wo ich nicht einmal ihren Namen weiß?

Aufregende Ereignisse.

Von Sigismund von Radccki.

Das war so: zuerst spielten alle Dlechrinnen Regentropfenetuden; bann brach ein Trupp. Hausknechte mit Eisenstangen bie schokoladen- biaune Eisschicht über bem Steinpflaster ent­zwei, wobei man am allgemeinen Befreiungs­werk begeistert mithalf; bann setzte sich plötz­lich bie meterbide Cisrinbe bes Stromes in Be­wegung bie Volksmenge auf ber Brücke stieß einen einzigen großen Schrei aus unb starrte auf bie pflügenden Granitpfeiler, bie bas Eis in Schollen zerschnitten, welche zu Tobe per» tounbet hochgingen unb bann krachend läng- längs auf ben Rücken fielen (bas Wasser aber schien noch brei Tage danach wie geplättet und wagte nicht, Wellen zu schlagen): bann wurden Palmkaherln verkauft, unb man durfte bie Eltern morgens früh aufwecken unb bannt durchhauen: bann standen Hyazinthen im staubgoldenen Son­nenstrahl, die Schwestern zogen Kresse auf Watte, und alles duftete; dann wurde man ins Klassen­buch eingeschrieben, weil man den Lehrer mit dem Taschenspiegel geblendet hatte: dann stand man eingekeilt in der Volksmenge auf dem Faschinasmarkt und kitzelte mit einer langen Pfauenfeder den angebeteten Racken ober die Stumpsnase, und lächelte darauf das herum- geworsene Augenpaar breit an; dann wurden in der Wohnung die Doppelfenster aufge­brochen, man riß froh die 2Satte heraus und splitterte den steinharten Kitt entzwei man hörte draußen von den Telephondrähten den ersten, süßen, langgezogenen Starenpfiff: bann wurde die Aavigation eröffnet; dann malte man Ostereier: dann roch es nach Dirkenknospen und dann war der Frühling da. So war daS.