Hr. 214 Zweites Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Vberheffen)
Samstag, 15. September MO
Staat, Frau und Verantw ortung!
Die Frauen haben Jahrtaufenbe hindurch a l 8 Mittelpunkt ihrer Familien. a!8 Mütter und Pflegerinnen de8 Rachwuchses, in Erfüllung wichtigster kultureller und wirtschaftlicher Aufgaben dem Staate unschätzbare Dienste geleistet, ohne sich dellen bewußt zu werden. Dis vor verhältnismäßig kurzer Zeit Hatter die Familien innerhalb des Staates ein in sich ab- geschlossenes Eigenleben, das alle Dedürs- nifle des einzelnen im wesentlichen befriedigte und in dem der Frau durch die Stärke ihres Einflusses die Hauptvcrantwortung für das Gedeihen dcS einzelnen sowohl, wie auch das der häuslichen Gemeinschaft als solcher zufiel. Aber immer mehr griff der Staat in den Bereich der Familie über, die Schulpflicht entzog ihr wich- tigslr erzieherische, die allgemeine industrielle Entwicklung unserer Wirtscyaft wertvolle schöpferische Aufgaben. Hygienische Maßnahmen des Staate- griffen sogar in die rein körperliche Fürsorge für die Familienmitglieder ein, und so ging in immer fortschreitendem Umfange ein Stückchen von den früher ausschließlichen Rechten der Familie (toic auch ihren Pflichten) auf die Allgemeinheit über. Der Frau sind durch die immer stärkere Einschränkung des Selbstbestimmungsrechtes der Familie wichtige und füt ihre Eigenart besonders wertvolle Ein- slußmöglichkeiten und wirtschaftliche Entwicklungen verloren gegangen, bzw. fehr stark beschnitten worden.
Schwerwiegende Verantwortungen des Familienlebens hat der moderne Staat der Frau dadurch abgenommen, daß er Ausgaben, die früher ausschließlich Pflichten der Familie waren, der Allgemeinheit zuwies: dafür legte er neue Verantwortung auf ihre Schultern, indem er fie — dem Manne gleich — zur aktiven Mitarbeit am Volksleben heranzuziehen verfuchte. Qlur in sehr beschränktem Maße ist ihm das bisher gelungen! Aber die Wahrnehmung. daß viele Frauen mit ihren neuen Rechten und Pflichten noch nichts anzufangen wiffen, daß sie die verpslichtenden Zusammenhänge noch nicht durchschauen, sich noch nicht der ungeheuren Mitverantwortung be- -wußt geworden sind, unter der sie heute im staatlichen Leben des Volkes stehen, ändert nichts daran, daß die Geschichte einmal auch von ihnen R e ch e n s ch a s t fordern und fragen wird: Was habt i h r aus dem Leben und den Möglichkeiten eures Volkes gemacht?
Weil der Staat sich gewandelt hat und weil die Allgemeinheit Pflichten der Familie übernommen hat, darum braucht der heutige Staat
Der Mann, der die Reichstagswahl leitet: Geheimrat Professor Dr. Wagemann, der Präsident des Statistischen Reichsamts, der Reichswahlleiter.
die Frau weit über den Rahmen ihre- Dienste- in der Familie hinaus. Und weil der Frauen- einfluß durch die Einschränkung des Selbstbestimmungsrechts der Familie auf der einen Seite vermindert worden ist, darum muß er auf dem Wege über die CQjitarbcil im Etaatslcben a n anderer Stelle neu und Härter eingeschaltet werden, wenn nicht eine immer
krasser werdende Disharmonie des Volkslebens, in dem der — tiefsten ethischen Gesetzen entsprechende — Anteil frauenhaften Einflusses zu stark vermindert wurde, dieZolge fein soll. Darum Frauen — entzieht euch eueren Verpflichtungen nicht! Wie in der Familie, so auch nicht im Staate! Richt im Gemeindeleben, nicht in der Politik, nicht im Schulleben eurer Kinder, auch
nicht bei der Mitbestimmung wirtschaftlicher und anderer Fragen. Dor allen Dingen aber jetzt nicht bei den bevorstehenden Wah- l c n! Sorgt mit dafür, daß durch Schaffung klarer Mehrheitsverhältnisse, zu denen vor allem die Ausschaltung der großen Partei der Richtwähler gehört, unsere Volksvertretung wirklich regierungsfähig werde!
Aus den Denkwürdigkeiten des Fürsten Bülow.
Besuch am Hof von E>t. James. — Empfang bei Königin Viktoria. — Der Prinz von Wales.
Die „Dofsifche Zeitung" veröffentlicht aus den Denkwürdigkeiten des F ü r st e n Bulow, des vierten Kanzlers des Deutschen Reiches, einzelne interessante Stücke, u. a. folgende Charakterschilderungen der allen Königin Viktoria und des späteren Königs Eduard VII., die Bülow bei seinem Besuch in London 1899 zum ersten Mal kennengelernt hatte.
Copyright 1930 by Ullstein AG., Berlin. Nachdruck verboten.
Die Queen.
Am Tage nach meiner Ankunft in Windsor wurde ich von der Königin Viktoria in „the Queen’s private doset, d. h. im kleinen Salon der Königin, empfangen. Der Maler Angeli halte, als er das Bild der Königin zu malen hatte, dem Oberhof- meister der Kaiserin Friedrich, dem Grafen Götz von Seckendorsf, mit Wiener Drolligkeit und mit der Unbefangenheit eines Künstlers gesagt, Ihre Majestät von Großbritannien und Irland schaue aus „wie ein Schwammerl". Für Niederöfter' reicher füge ich hinzu, daß „Schwammerl" soviel bedeutet wie Champignon. Aber trotz ihrer kleinen Figur hatte Königin Viktoria in Erscheinung und Wesen etwas wahrhaft Königliches. Ich habe selten soviel Natürlichkeit, Einfachheit und Würde in einer Persönlichkeit vereinigt gesehen, wie in ihr. Sie saß damals schon zweiundsechzig Jahre auf dem Thron, den sie mit achtzehn Jahren bestiegen hatte.
Das parlamentarische Regime.
Als Königin Viktoria mich empfing, blickte sie nicht nur auf eine ungewöhnlich lange, sondern auch auf eine ungewöhnlich glänzende und erfolgreiche Regierung zurück, eine der erfolgreichsten Regierungen der Weltgeschichte. Wer ihre Korrespondenz und die von ihr angeregte Lebensbeschreibung ihres Gemahls, des Prinzen Albert, lieft, muß mit Bewun- derung auf so viel Pflichttreue und auf so aus- gesprochenen Takt blicken. Sie hatte einen starken Willen und bei aller äußeren Bescheidenheit ein berechtigtes, aber ungemein hohes Selbstgefühl, ohne daß sie je versucht hätte, sich über die Schranken der englischen Verfassung und der englischen Tradition hinwegzusetzen. Sie hatte eine große Vorliebe für Disraeli und eine starke Abneigung gegen Gladstone. Aber wenn die parlamentarische Lage es erforderte, entließ sie Disraeli und ernannte Gladstone zum leitenden Minister. In ihrem Hause war sie umgeben von der zärtlichsten Liebe, von der Ehrerbietung und dem blinden Gehorsam ihrer ganzen Familie. Wenn sie in Osborne weilte, pflegten sich ihre Töchter und Schwiegersöhne während des Vormittags nicht ohne Aufregung zu fragen, ob und für wie viele Stunden fie die Erlaubnis erhalten würden, mit der Royal Jacht „Victoria and Albert" fpazicrcnzufahren. Als König Karl von Rumänien nach fast dreißigjähriger Regierung der Königin Viktoria in Windsor einen Besuch abftattete, erfreute ihn Ihre Majestät, der seine kluge und dabei abgeklärte Weise mit Recht gefiel, durch zwei große Beweise ihrer Huld: Sie verlieh ihm den Hosenbandorden, den von Nichtengländern außer direkten Nachkommen des englischen Souveräns nur gekrönte Häupter erhalten
können und sie übergab ihm einen Schlüssel f ü r das Mausoleum ihres verstorbenen Gemahls, des Prinzen Albert, mit der Erlaubnis, dort eine Stunde zu verweilen. Die letzte Auszeichnung erschien der Königin als die größere.
Die Königin würde nie für einen politischen Vortrag einen Minister haben warten lassen. Sie war gütig und ohne Pose, aber sie forderte immer und unter allen Umständen b i e korrekte st en For - in e n. In der Nähe von Windsor befindet sich ein stattliches, vergoldetes Denkmal eines englischen Königs aus dem Hause Hannover, das von jedermann „the coppered horse" genannt wird. Als einmal ein deutscher Diplomat, der bei der Königin zu Tisch geladen war, erzählte, er habe einen Spaziergang ui dem „coppered horse" unternommen, meinte die Königin streng: „Sie wollen sagen, daß Sie einen Spaziergang zu dem Denkmal des verewigten Königs Georg III. unternommen haben." Die Königin fprad) ebenso gut deutsch wie englisch. Ihr Sohn, der nachmalige König Eduard VII., sprach deutsch mit einem bis zu einem gewissen Grade gewollten englischen Akzent. Ihr Enkel, König Georg V., sprach kaum noch deutsch. Die Königin hatte noch neben ihrem englischen Chaplain einen deutschen Hofprediger, interessierte sich auch für deut- sche Schulen und Wohltätigkeitsanstalten, wie für alle deutschen (Erinnerungen. Alles das verschwand mit ihrem Tode.
Eduard VII.
Der spätere Eduard VII. ist oft falsch beurteilt worden. Den einen, namentlich deutschen moralisierenden Beobachtern, erschien er als ein frivoler Lebemann, der keines ernsten Gedankens fähig wäre und von dem sich ehrbare Familienväter möglichst fernhalten müßten. Bei dem ersten Besuch, den Wilhelm II. nach seiner Thronbesteigung in England abftattete, halte, sobald der Kaiser mit seinem Oheim ein Gespräch anknüpfte, der sittenstrenge Oberhofmeister der Kaiserin, Freiherr von Mirbach, ingrimmig gemurmelt: „Nun bekommt der 5d) meine!) unb roieber Ob erwasser." Andre Deutsche sahen in dem ältesten Sohn ber Königin Viktoria einen liefen Politiker aus der Schule des Macchiaoelli, ber Tag unb Nacht herüber nachbenke, wie er bie Welt in Flammen setzen unb Deutschland zerstören könne.
Die eine Auffassung ist so töricht wie bie anbere. Gbuarb VII. war ein Mann mit viel natürlichem Verstaub, mit sehr viel Takt, mit sehr guten Formen. Er war immer Herr seiner selb st. Er brüskierte niemanben, lieh sich aber auch von nie» manb ausbeuten. Er hatte wenig aus Büchern, aber sehr viel burch bas Leben gelernt, bas er von allen Seiten, in allen Schattierungen, in Höhen unb liefen kannte. Da er gesehen hatte, bah fein tugenbhafter Vater, ber Prinz Albert, trotz seiner Tugenben oder vielleicht gerabe deshalb in England für einen steifen Deutschen gegolten hatte und nie wirklich populär geworden war, so vermied er, was ihm auf irgendeinem Gebiet als Pedanterie ausgelegt werden konnte, beobachtete aber um so strenger alle jene englischen Konventionen, vor denen sich der Engländer fast ebenso tief beugt wie vor religiösen Gebräuchen. So konnte schon über den Prinzen von Wales von einem englischen Staatsmann bas tiefe I Wort geprägt werben: „Prinz Albert war unbeliebt,
weil er alle Tugenben besaß, bie dem Engländer bis- weilen fehlen. Der Prinz von Wales ist beliebt, weil er alle Fehler hat, die dem Engländer nachgesagt werden."
Der beflangezogene Gentleman.
Der Prinz von Wales hat nad) seiner Thron- befteigung mehr realen politischen Einflub ausgeübt als die meisten seiner Vorgänger. Aber als einmal ein biederer Squire in einer ibn sehr bewegenden politischen Frage sich nach der Meinung des Königs erkundigte, um die {einige danach einzurichtcn, ließ der König durch seinen Privatsekretär anworlen: der König habe über alle politischen Fragen und in allen politischen Angelegenheiten immer nur bie Ansicht, bie seine Minister im Parlament verträten. Der fünftige Gbuarb VII. war auch darin ganz Engländer, baß er hohen Werl auf einen labellosen Anzug legte. Man konnte mit Recht von ihm sagen, daß er in dem Lande, in dem sich ohne Frage die Herren am besten anziehen, ber bestangezogene Gentleman war. Uniform ftanb ihm nicht besonbers, ber steife unb enge Kragen feiner preußischen Regimenter genierte ihn. Aber Zivilkleidung haben seit Georg IV. und dessen Freund Brummei wenige Männer besser getragen. Auch hierin war der Prinz von Wales sehr versd;ieden von seinem Neffen, dem Kaiser.
Deutschland.
Der Prinz interessierte sich lebhaft für das, was in Deutschland an den ihm verwandten Höfen, also namentlid) in Darmstadt, Koburg unb Berlin- Potsbam oorging. Gr schätzte die deutsche Arbeitskraft, das deutsche Pflichtgefühl, die deutsche Biederkeit, die deutsche Akkuratesse, wenn auch ohne den Trieb, diese Tugenden selbst auszuüben. Aber er sah wie viele seiner Landsleute voll Gisersucht auf Deutschland. Die mächtige Entsaltung unserer Industrie, unseres Handels unb unserer Schiffahrt erweckte grabe in ihm die Gefühle, die ber (Eigentümer eines großen unb alten Bankhauses empfin- bet, wenn sich ihm gegenüber ein junger, weniger vornehmer, ihm antipathischer, sehr rühriger Kon- kurrent auftut. Als wir an den Bau einer Flotte gingen, fand auch Eduard VII. dies überflüssig und störend. Seine Frau Halle von allen Kindern der Königin Luise von Dänemark die dänisch- hessischen Rankünen und Antipathien der Mutter gegen Preußen-Deutschland am intensivsten geerbt. Schon lange bevor die politischen Beziehungen zwi- schen uns unb Großbritannien sich verschlechterten, nannte bie Prinzeß von Wales in ber Intimität bie Deutschen „those bestial Germans". Sie war politisch nicht ohne Einfluß auf ihren Gatten, schon weil ber künftige König Gbuarb VII als (Ehemann nicht immer ein reines Gewissen unb infolgedessen durch Folgsamkeit auf andern Gebieten manches gutzu machen hatte.
Der Kaiser.
Alle antideutschen Gmpfinbungen wurden bei Gbuarb VII. gesteigert durch bie tief gewurzelte Abneigung, bie er g e g e n s e i n e n N e f s e n K a i s e r Wilhelm 11. empfanb. Gr hatte schon ben vorwitzigen Knaben nicht gemocht, ben zu Ueberhebung unb Ruhmrebigkeit neigenben Jüngling noch roeni-
Marie von Ebner-Eschenbach.
3u ihrem 100. Geburtstage.
23on Gabriele Reuter GDS.
Hunbert Jahre —, da wir jung waren, erschien uns ein Jahrhundert als ein Zeitraum, den cs eigentlich nur in der Geschichte gab — unausdenkbar gleich den ungeheuerlichen Zahlen, die uns bie Sternenkunde nahebringen sollen und sie unserer Auffassungskraft in ihrer Unermeßbarkeit nur um so ferner rücken. Werden wir älter unb älter, so
Marie Gräfin von Ebner-Efchenbach.
schrumpft auch der Raum meßbar zusammen. Rannten wir nicht Menschen, viele Menschen aus bem vorigen Jahrhundert? Schauen wir nicht hell die Erinnerungsbilder von Zuständen, Einrichtungen, Anschauungen, Lebensläufen, die nichts mehr mit der Gegenwart zu tun haben, bie für ewig vergangen sind? Was ist ein Jahrhundert? Ein verwehtes Stäubchen im Luftraum der Welten. Noch ein Windhauch — und auch uns ist bie Erinnerung verblaßt an die Namen, die Heller ober zarter in unserer Jugend leuchteten!
Lebt Marie Ebner heut noch? Freuen sich Men- schen der Gegenwart noch an ihren Werken? — Man muß die Frage verneinen. Ihr Name ist mit Ehrfurcht bestattet in den Sarkophagen ber Literatur. Einzelne ihrer kleinen Novellen werden als Meisterstücke schriftstellerischer Kunst in Mädchen- lyzeen zergliedert, ohne der Jugend bedeutenden
Eindruck zu hinterlassen. Und doch verdienen ihre meisterlichen volkstümlichen Erzählungen unsere Anteilnahme auch heute.
Als Marie von (Ebner ihren siebzigsten Geburtstag feierte, überreichte ihr die Hochschule der Stadt Wien als einziger Frau die Würde eines Doktors der Philosophie honoris causa. Sie wurde als die erste lebende Sd)riftftellerin in Oesterreich unb Deutschland gepriesen. Das Dokument dieser Ehrung sprach die Anschauung der wissenschastlichen und gebildeten Welt von dem Schassen der Ebner aus. Die Aufzählung der diesem Schaffen gewidmeten Schriften würde Seiten fülley. Dabei bot das Dasein und die geistige Physiognomie dieser zugleich einfachen und außerordentlichen Frau keinerlei interessante Geheimnisse, die zu „Enthüllungen" Anlaß geboten hätten.
Unb sie selbst? Wie beurteilt sie sich selbst? Dor mir liegt ein Brief in ihrer festen zierlichen Damen- Handschrift, in dem fie ausspricht: „Hätte ich die Tiefe der Psychologie von X — die Farbigkeit in der Darstellung von P, bie Größe der Konzeption von Z — ja, bann dürfte man mich eine große Schriftstellerin nennen".
Sie hatte recht: jede der erwähnten Kolleginnen stand in der Kraft der angeführten einzelnen Eigen- schäften über ihr. Aber sie besaß etwas, was diesen allen fehlte: Ihre Begabung unb ihr Charakter hat bie ganze Skala bichterischer Eigenschaften, beren jebc nicht in hervorragender Höhe ihr gegeben waren, zu dem Kunstwerk vollendeter Harmonie gestaltet. Ihr Lebenswerk kündet vom ersten bis zum letzten Buchstaben, den Marie Ebner niederschrieb, das Lob menschlicher Güte; kündet es nicht als Produkt der Sehnsucht oder als eine schöne Theorie, sondern als ein Ausfluß der eigensten Wesenheit dieser Frau.
Harmonie und Güte ... sind es nicht die beiden Säulen von reinstem Ebelgestein, die zu einem Tempel führen, der heute von alt und jung scheu umgangen, spöttisch belächelt ober mit Abscheu geflohen wirb? Wie sollte man sich mit der Priesterin so langweiliger Eigenschaften noch befassen? Es gibt andere Aufgaben im Leben der Neuzeit zu erfüllen
Geben wir es zu — die Gegenwart läßt keine Muße, die eigne Seele in Treue zu Harmonie und Güte auszubilden. Kraft und Rücksichtslosigkeit lautet die Losung, um die Pflicht des Tages zu erfüllen. Aber auch das Leben der Baronin Marie von Ebner-Efchenbach war ja nicht fchlaff und nachgiebig. Sie hatte harte innere Kämpfe zu bestehen, um gegen den Willen ihrer ganzen Familie ihren Dichterberus zu erfüllen. Gab ihr nicht die Schwe- fter für ihr Dichten den Rat: „Red' nicht davon,
dann vergeht's vielleicht!" Aeußerte fie nicht selbst mitten im jungen Glück der Brautschaft: „Ich kann das Dichten nicht aufgeben und wenn ich seine Liebe verlöre!" Sie spricht von dem Dämon in ihrer Brust und dem Schicksal, ihm folgen zu müssen: „Grtrua es einer, der cs wenden könnte?" Die kleine Komtesse Dubsky muß dieses ihr Schicksal als eine Offenbarung in einem richtunggebenden Augenblick empfangen haben und ist ihm treu und ohne Wan- fen gefolgt. Sie folgte nicht einer Sehnsucht, im Ringen um Kräfte, die sie nicht besaß, sondern rang nur um die Kraft, in künstlerischer Form auszu- drücken, was in ihr selbst vollste, reichste Natur war.
Ihr Lebenslauf kam dem entgegen. Fröhlich erwuchs das Kind in ihres Vaters Schlosse Zdislavic in Möhren: die üppigen Früchte der Obst- und Gemüsegärten, die frische schäumende Milch der glänzenden Kühe gaben der jungen Marie kräftiges Blut und reine Säfte. Die klare Luft der weiten Felder umwehte sie, grüne Parks wurden ihre und der Geschwister Spielplätze, Pferde, Hunde, Vögel ihre Kameraden. Ihre Welt war voll ruhiger gesunder Kinderfreuden, keine Schulqualen verbitterten ihre Seele, eine liebe Erzieherin, ein wenig Lernen, bis sie aus eigner Lust sich an die Welt der Bücher verlor. Sie bewunderte und liebte ihre Stiefmutter und heiratete den Vetter, mit dem sie in langer friedevoller Ehe lebte. Wohl ging sie durch schwere Krankheitszeiten. Aber fern blieb ihr die nervenzer- rüttenbe Leidenschaft der Sinne, fern auch die zehrende Sorge um das tägliche Brot. (Eine herzliche Freundschaft verband sie mit der Geistesschwester Luise von Francois und manchem klugen geistvollen Manne der Kunst und der Wissenschaft in ihrem österreichischen Kreise. Zwei Schätze nur fehlten diesem geschützten Frauenleben: sie kannte nicht die Liebe einer Mutter, nicht die empfangende, nicht die gebende — ihre eigene Mutter starb kurz nach ihrer Geburt, sie selbst, das warme mütterliche Herz, durfte nie ein Kindchen hegen. Ihr Trost spricht sich in den Worten der Greisin aus: „Die Kinderlose hat die meisten Kinder '. Und aus der zarten Sehnsucht, die durch der kleinen Marie Dubsky Seele ging, entsproß eine der schönsten Erzählungen der reifen Dichterin: „Der Fink". Soll man weiter vom Werk der Ebner-Efchenbach reden, so muß man immer wieder auf die kurzen Geschichten Hinweisen, in denen sie ihr Bestes gab, in denen zuweilen in einem Satz ein Schleier von tiefem Gefühl, von gerechtem Zorn, gehoben wird, oder eine feine humoristische Pointe schelmisch über Leben und Menschen lächelt.
Zweimal hat die gütige Frau an das „Furchtbare" gerührt, in der Novelle „Das Schädliche",
in der ein Vater feine Tochter erschießt, weil er in ihr die satanische Kälte entdeckt, die ihm das Bose an sich, der Verderb des Menschengeschlechts zu sein scheint. Vollendeter noch die kurze Novelle: „E r läßt bie Hand küsse n", eine Szene aus ber Zeit ber Leibeigenschaft, bie in ihrer gedrungenen Kraft von Tolstoi hätte geschrieben sein können. — Ihre Romane werden als beste Darstellung aus der österreichischen Aristokratie vor dem Weltkrieg ihre Geltung behalten. In einer nach klassischen Vorbildern geschulten edel-ruhigen Sprache schildert sie ihre Standesgenossen mit all ihren Schwächen unb Lächerlichkeiten, mit der freundlichen Ritterlichkeit unb auch mit bem hohen sittlichen Mut, zu benen sich hie unb ba eines ihrer Mitglieder erhebt.
Marie von (Ebners Gedichte unb ihre Aphorismen zeugen von ber Weisheit unb bem reinen Streben biefes großen Menschen. Mochte ber heutige Gebenk- tag manchem zur Anregung werben, aus ben Wirren unb (Erregungen bes Alltags zum Werk der (Ebner als zu einer schonen Friedensinsel zu pilgern, um sich aus ihren Quellen mit einem Trunk der Harmonie unb ber Güte zu erquicken.
* Sochschulnachrichten.
In Vab-Rauheim verschieb ber Ordinarius für Zivilprozeßrecht, Konkursrecht, Strafrecht, Strafprozeßrecht unb mathematische 3u- risprubenz Dr. phil. et jur. Paul Langheine k e n im Alter von 65 Jahren. Gebürtig aus Chemnitz habilitierte sich Langheineken 1904 in München für Zivilprozeßrecht unb beutsches bürgerliches Recht, erhielt dort bie Ernennung zum a. o. Professor unb folgte 1907 einem Ruse als Orbinarius nach Halle. Seine Sonbergebiete waren Zivilprozehrecht unb Anwenbung ber Mathematik auf Rechtswissenschaften. — Der Orbinarius ber physikalischen Chemie unb Leiter ber physilalifch-chemischen Abteilung bes Chemischen Instituts der ilniocrfität CB re 8* lau, Dr. Walter Herz, ist im Alter von 55 Jahren gestorben. Breslauer von Geburt erhielt Herz 1900 bie venia legendi für Chemie in ber Breslauer Philosophischen Fakultät unb las hauptsächlich über physikalische unb analytische Chemie. 1907 erhielt er bas Präbikat Professor, später bie Ernennung zum orbentlichen Honorarprofessor mit bem Lehrauftrag für physikalische Chemie, unb 1928 zum orbentlichen Professor. Der Gelehrte toan Herausgeber ber Sammlung Chemischer unb Chemisch-technischer Vorträge. Seine Arbeiten betreffen bie verschiebensten Zweige der physikalischen Chemie.


