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Bundeskanzler Schober über das wirischafiliche Paneuropa.

schneller, entschiedener und rücksichtsloser gewünscht. Um vor unpopulären Maßnahmen zurückzuschrecken und weiter an den Symptomen der Krankheit her­umzudoktern, statt sie energisch an ihren Wurzeln zu bekämpfen, dazu ist jetzt keine Zeit mehr. Aber wir haben das Vertrauen zu dem Kabinett Hinden­burgs, daß es sich durchsetzen wird, wenn ihm das Volk die Möglichkeit des Weiterarbeitens gibt. Der 14.September muß also einen arbeits­fähigen Reichstag bringen. Die Parteien der großen staatsbürgerlichen Mitte von der Landvolk­partei Schieles und den Konservativen Treviranus' über Wirtschaftspartei, Volkspartei und Zentrum bis zur Staatspartei Dietrichs und Mahrauns müs­sen aus den Wahlen so gestärkt hervorgehen, daß sie dem Kabinett eine sichere, von Zufälligkeiten und Ueberraschungen unabhängige Mehrheit zur Ver­fügung stellen können.

Wir hätten es zu Klärung der Situation für wünschenswert gehalten, wenn der Reichskanzler in seinen programmatischen Aeußerungen den Tren­nungsstrich noch links zur Sozialdemokratie hin nicht minder scharf gezogen hätte als nach rechts. Es genügt eine nähere Betrachtung des des von Hindenburg aufgestellten Reformpro­gramms, das sich ja die Reichsregierung zu eigen gemacht hat, um zu wissen, daß dieses mit der Sozialdemokratie nicht zu machen ist. Es genügt ferner sich zu erinnern, daß die Sozialdemokratische Partei schon zu einer Zeit, als die Durchführung der notwendigen Reformen auf finanz- und sozialpolitischem Gebiet noch unter er­heblich geringeren Opfern möglich war, ihre Mit­arbeit versagte und das Kabinett Hermann Müller, an dem sie mit vier Ministern maßgeblich beteiligt war, zum Rücktritt zwang. Es genügt schließlich festzustellen, daß die Sozialdemokratie im Bunde mit der Hugenberggruppe, Nationalsozialisten und Kommunisten die Aufhebung der Notverordnungen des Reichspräsidenten verlangte und damit diesen zur Auflösung des Reichstages zwang. Die von dem Führer der Staatspartei, Höpker-Aschoff, immer wieder aufgestellte Frage nach Anerkennung der staatsbürgerlichen Gesinnung der Sozialdemo­kratie und ihrer Bündnisfähigkeit hat keinerlei aktuelle Bedeutung. Wir sind die letzten, die diese Frage grundsätzlich verneinen, aber wir er­innern die Staatspartei an den Ausspruch des De­mokraten H e l l p a ch , der meinte, Man könne es der Sozialdemokratie gar nicht zumuten, an dem inberpolitischen Reformwerk mitzuarbeiten und man müsse sie deshalb aus der Verantwor­tung entlassen. Die Sozialdemokratische Partei selber hat ja das gleiche Gefühl gehabt und sich rechtzeitig in die Opposition zurückgezogen. Daran ändert auch nichts das Frage- und Antwortspiel zwischen Otto Braun und dem Reichskanzler. Die Wiedereinschaltung der Sozialdemokratie in diesem Augenblick würde scharfes Abbremsen aller Re­formen und schlimmste Reaktion bedeuten. Ohne die Sozialdemokratie heißt keineswegs gegen die Ar­beiterschaft regieren, nicht umsonst liegt die Durch­führung der Sozialreformen und des Arbeitsbeschaf- fungsprogramms ja in den Händen des christlichen Gewerkschaftlers Adam Stegerwald. Aber die so­zialdemokratische Parteibureaukratie hat gezeigt, daß sie ihren Wählern keine unpopulären Maß­nahmen zumuten will. So werden die Reformen ohne sie gemacht werden müssen.

Auch nach dieser Seite hin wird sich der Wähler zu einer klaren Meinung durchringen müssen. Denn nur wenn die zur Mitarbeit an dem Reformwerk bereite staatsbürgerliche Mitte dem Ka­binett eine sichere Rückenstärkung geben kann, wird die Regierung über die Behebung der dringendsten Alltagssorgen hinaus ihr auf lange Sicht gestelltes Reformwerk fortzuführen vermögen. Das ist ganz nüchtern und sachlich ohne alle Verdunkelung durch dogmatische Ueberlegungen und phantastische Ziel­fetzungen der Sinn dieses Wahlkampfes. Ihn wieder sich klar vor Augen zu stellen, ist bitter Not nach diesen Wochen, die statt Klarheit Ver­wirrung, statt Besinnung Kopflosigkeit gebrächt haben. Nicht Verzweiflungsrezepte politischer Despe­rados oder wirklichkeitsferner Romantiker, nicht nach Popularität haschende Parteitaktik, sondern nur mühsam harte Arbeit der Gemeinschaft aller, die guten Willens sind, kann Staat und Volk den steinigen, schmalen Weg aufwärtsführen zu einer besseren Zukunft. Daß die Reichstagswahl vom 14. September auf diesem Wege zum Licht ein Schritt voran sein werde, dazu mögen alle, Männer und Frauen, die sich ihrer Verantwortung für das Schicksal von Volk und Nation bewußt sind, mit ihrer Stimme beitragen.

50 Millionen

für Notstandsarbeiten.

Berlin, 12. Sept. Die kürzlich neu gegrün­dete Gesellschaft für öffentliche Ar­beiten, die sich der produktiven Erwerbslosen­fürsorge annehmen soll, und die im Rahmen der Dau- und Dodenbank aufgezogen wurde, wird in der nächsten Zeit einen Betrag von etwa 50 Millionen den Ländern zusätzlich für R v t - standsarbeiten zuleiten. Diese 50 Mil­lionen stellen eine Art Vorschuß auf die seit langem vorgesehene Auslandanleihe von 100 Millionen dar, die bisher noch nicht zu - standegekommen ist. Seit bald zwei Mo­naten verhandelt man über diese Anleihe mit dem Londoner Bankhaus Schröder, es scheint aber, daß die Reichstagsauflösung und die Reuwahlen den Abschluß verzögert ha­ben. Man hofft aber, nach den Wahlen zu einer Einigung zu kommen. Die Länder sind bereits aufgefordert worden, ihren Bedarf an zusätz­lichen Geldern für die produktive Erwerbslvsen- fürsorge bei der Gesellschaft für öffentliche Ar­beit anzumelden, und es liegen auch bereits die Vorschläge von Oldenburg, Preußen und Sachsen fertig ausgearbeitet vor. Es handelt sich jetzt also um die Prüfung der einzelnen Vor­schläge durch den Kreditausschuh auf Grund der Richtlinien, die man für die zu vergebenden Kredite aufgestellt hat. Erst nach Sichtung dieser Vorschläge kann die uuf insgesamt 50 Millionen begrenzte Summe einzeln zur Verteilung kommen.

Der Bombenleger-prozeß.

Altona, 12. Sept. Im Bombenlegerprozeh wurde Rechtsanwalt Dr. Conrad (Berlin) ver­nommen, der Über seine Tätigkeit bei Frau von Oerhen aussagte, deren Anwalt er ist. Gr berief sich bei allen Dingen, die ihm in dieser Eigenschaft bekanntgeworden sind, auf seine Schweigepflicht. Er habe Volck im Jahre 1928 bei Frau von Oertzen kennengelernt. Auf die Frage, ob Frau von Oertzen über Volcks Tätig­keit informiert gewesen sei. erwidert der Zeuge, daß sei doch zweifellos, denn die beiden seien doch ein Herz und eine Seele gewesen.

Genf, 12. Sept. (WTB.) In der Völkerbunds­versammlung wurde die allgemeine Aussprache über den Bericht des Generalsekretärs fortgesetzt. Der belgische Außenminister Hymans trat dafür ein, daß nicht ein neuer komplizierter Mechanismus ge­schaffen werde, und daß man stattdessen an eine Er­weiterung und Spezialisierung gewisser Völker­bundsorgane denken solle. Der österreichische Bun­deskanzler Dr. Schober behandelte das Thema der europäischen Einigungsbestrebungen vom wirt­schaftlichen Standpunkt aus. Die Vereinbarungen zwischen den östlichen Agrarexportstaa­ten und ihren engeren und weiteren Nachbarn bilden ein Beispiel der wirtschaftlichen Verständi­gung zwischen den Staaten, durch die Paneuropa vorbereitet werden soll. Oesterreich ist unter Um­ständen bereit, an solchen Verhandlungen teilzu- tzehmen in der Erwartung, daß sich daraus für alle beteiligten Staaten eine Besserung ihren wirt­schaftlichen Situation und zugleich für ganz Europa der Ausgangspunkt und die Grundlage für die Ver­wirklichung der Grundidee des Herrn Briand er­geben wird.

Der dänische Außenminister Munch brachte im Ramen der Regierungen der Riederlande, Schwedens, Lettlands, Finnlands, Norwegens, der Schweiz, Estlands und Dänemarks den An­trag ein, daß die Dölkerbundsversammlung an­gesichts der Meinungsverschiedenheiten über die Meistbegünstigungsklausel den Rat auffordern möge, zu prüfen, wie die seit längerer Zeit vom Völkerbund begonnene Arbeit zur Herbeiführung einer internatio­nalen Regelung der Frage der Meistbegün-

Eiu letzter Appell des

"Berlin, 11. Sept..(WTB.) Der Reichsminister der Finanzen Dr. D i e t r i ch führte bei einerKund- gebung der Deutschen Staatspartei u. a. aus:

-Ißenn ich über die Bedeutung der Reuwahlen für die zukünftige Finanzpolitik des Reiches spreche, so ist meine Aufgabe gerade jetzt vor der Wahl, die tatsächliche Sachlage heraus­zuarbeiten, um damit den Zuhörer in den Stand SU setzen, sich selbst ein Urteil z u bil­den. Cs fehlt zur Zeit nicht an den wahnsinnig­sten Gerüchten. U. a. ist behauptet worden, daß die deutsche Regierung zweieinhalb Mil­liarden bei den Franzosen borgen wolle, welche als Kompensation dafür die Zu­stimmung zu dem Driandschen Paneuropa-Plan verlangten. Daß daran kein einziges wah­res Wort ist, habe ich schon festgestellt und herzhaft hinzugefügt, daß ich aber bereit wäre, 2,5 Milliarden Mark zu drei Prozent zu neh- men. Was uns zur Zeit bekanntlich fehlt, ist billiges Kapital auf lange Sicht. Aber leider ist keine Aussicht vorhanden, daß uns irgendein fremder Staat, am allerwenig­sten die Franzosen, solches Kapital in ausreichen­der Menge borgen. Wir werden deshalb ge­nötigt sein, es durch Arbeit und Spar­samkeit selb st zu bilden. Ein anderes Gerücht geht dahin, daß wir demnächst die Beamtengehälter nicht mehr zahlen tonnten. Ich habe bereits erklärt, daß die Kassen­lage des Reiches für vier Monate Ruhe ge­stattet und daß auch der kommende Reichstag so­lange sich darüber besinnen könne, wie er die ihm gestellten Aufgaben erledigen wird. Es ist zwar schon oft genug gesagt worden und muß wieder­holt werden, daß die ganze Rot der Reichs­finanzen nicht von den Ausgaben des Rei­ches selber herkommt. Daß wir zu sehr die Jahre hindurch aus dem Dollen gewirt­schaftet und die Ausgaben immer mehr gestei­gert haben, ändert daran nichts. Die akute Schwierigkeit ist in der Verquickung der Ar­beitslosenversicherung mit dem Reichsetat zu suchen. Es ist klar, daß kein Fmanzminister geordnete Finanzen halten kann, werm die Ausgaben, die ihm von dieser Seite her aufgezwungen werden, jedes Vierteljahr um einige hundert Millionen steigen. Das oberste Ziel muß deswegen sein, die Erwerbslosenfür­sorge nicht nur auf an bene Grundlagen zu stellen, sondern sie auch selbst vom Etat ab­zuhängen.

Der kommende Reichstag wird in diesen Dingen nicht beschließen können, was ihm paßt, son­dern wird beschließen müssen, was prak­tisch und finanziell möglich und tragbar ist, und hierzu ist zu sagen, daß wir an dem punkt stehen, wo die Sozial­lasten nicht mehr gesteigert und die Steuern nicht mehr erhöht wer­den können. Ls ist schwer, abzudrehen, aber es muß sein, und wenn wir es nicht täten, so würde die Folge davon sein, daß die Wirt­schaft weiter nachläßt, die Steuereinnahmen sinken, die Sozialversicherungsträger aber zu­sammenbrechen würden.

Cs ist nicht unsozial, wenn ich so rede, sondern es ist sozial, denn das Gegenteil versprechen ist zwar vor den Wahlen möglich, ist aber prak- tischundurchführbar. Im Grunde ist man ich über all diese Dinge bei wirklich politisch denkenden Köpfen vollkommen im klaren, und die es anders sagen, kennen entweder die Ver­hältnisse nicht, sind irregeführt ober f i n b bös­willige Demagogen.

Wenn nun im Wahlkampf gestritten wirb gegen

Frau von Oerhen werbe in biefem Monat 54 Sabre alt. Volck habe ihm erklärt, bas Bauern­volk würbe zur Verzweiflung getrieben, bie Re­gierung habe kein Verständnis für bie Rotlage. Atzt werbe durch das ganze Bauernvolk vom Rorden ausgehend, in ganz Deutschland eine Demonstrationsbewegung angefacht, bamit die Regierung endlich einsehe, wie ver­zweifelt bie Lage ber Bauern sei. Er habe Volck ür einen großen Ibealisten gehalten. Volcks Be­stehungen zu Frau von Oerhen seien burchaus reunbschaftlicher Ratur gewesen. Beibe hätten ich über Geheimnisse ber Astrologie unterhalten. Frau von Oertzen habe ihm auch gesagt:Volck tut alles, was ich will. Er ist völlig in meinem Dann." Er habe sich über dieses Hörig­keitsverhältnis gewunbert. Rechtsanwalt Dr. Graf

stigungsklausel beschleunigt werden konnte. Die Meistbegünstigungsklausel bedeutet eine allge­meine Konsolidierung ber Zollsätze gegenüber einem bestimmten Lande: da es oft schwierig sei, einen Verzicht dieses Landes auf diese Konso­lidierung herbeizuführen, sähen sich die Staa­ten. die ihre Zolltarife erhöhen möchten, oft veranlaßt, den Geltungsbereich der Meistbegün­stigungsklausel einzuschränken. Das nehme der Klausel jeden Wert. Es müßte unverzüglich eine Konvention ausgearbeitet werden, die in ein­zelnen wesentlichen Fragen den Bereich der Meistbegünstigungsklausel festlege.

Ealonder soll weiter amtieren.

Genf, 12. Sept. (WTB.) In Vötterbundskreisen besteht allgemein der Wunsch, daß der bisherige Präsident der Gemischten Kommission für Ober­schlesien, 6 a Io nb er, ber bekanntlich aus per­sönlichen Gründen sein Abschiedsgesuch beim Völkerbund eingereicht hatte, f e i n A m t weiterführen möge. Das allgemeine Ver­trauen,_ das Calonder sich durch seine objektive Amtsführung im früheren Abstimmungsgebiet erworben hat, kommt darin zum Ausdruck, daß heute Reichsaußenminister Dr. C u r t i u s und der polnische Außenminister Z a l e s k i ein gemeinsames Schreiben an den Völker­bundsrat gerichtet haben, worin dieser ersucht wird, Calonder um Fortsetzung seiner Tätigkeit zu bitten. In Völkerbundskreisen glaubt man, baß Calonder sich einem einstimmigen Wunsch des Rates nicht verschließen wirb.

Reichsfinanzministers.

die Rotverordnung und deren Beseitigung verlangt wird, so stelle ich fest, daß diese Be­seitigung gar nicht möglich ist. Sie würde Anordnung in bie Reichsf inan- Sen bringen, bie Gefahr heraufbeschworen, die zur Zeit nicht besteht, bah tatsächlich bie Ge­hälter unb Lohne nicht gezahlt werben können. Sie würbe zahlreiche Gemeinben, die dank der neuen Maßnahmen wieder atmen können, zahlungsunfähig machen: und sie würde vor allen Dingen die Zahlung ber Arbeitslosenunterstützungen in kürze­ster Frist unmöglich machen. Es geht also darum, bas zunächst zu verhüten.

Es ist bekannt, daß ich bie Abstriche des vorigen Etats im kommenden Etat ver­doppeln will: und ich füge hinzu: Ganz gleich­gültig, wer an meiner Stelle steht, ber Reichs­finanzminister wirb diese Abstriche Verboppeln müssen, aus dem einfachen Grunde, weil infolge Sinkens ber Steuern bie Aufrechterhal­tung bes alten Etats unmöglich ist. Sparen wirb also bie Parole fein, sparen auch zu dem Zweck, bah wir bie Steuern, bie bie Wirtschaft einfach zu erbrüden brohen, allmählich von ihrer Höhe senken können.

Lediglich eine solche Senkung und eine abfo-' lute Ordnung der Finanzen wird der Wirt­schaft den Impuls geben zur Erneuerung und Belebung, ohne welche ein Aufsaugen der Ar­beitslosen gänzlich unmöglich ist. Das Problem ist ganz klar gestellt: Sparsamkeit und Ord­nung der Finanzen, damit Belebung der Wirt­schaft, damit Bekämpfung der Arbeitslosigkeit.

Run gibt es Rezeptmacher, bie uns sagen: Ihr braucht ja bloß bie Reparationen burch- zu st reichen, und es ist alles in Orbnung. Die so reden, wissen genau, bah, sie bas, was sie sagen, wenn sie an bie Macht kämen, nicht ausführen konnten. Ich warne, daran zu glauben, daß diese Dinge irgendwie mit Gewalt­akten zu ordnen wären. Wäre bas möglich, so hätten bie Englänber, bie in ben nächsten zehn Jahren an bie Vereinigten Staaten mehr zu zahlen haben, als sie von uns, ben Franzosen und allen anderen europäischen Kriegsschuldnern bekommen, schon längst einen Strich durch bie ganze 'Sache gemacht. Ich benütze diese Gelegen­heit, festzustellen, bah an bem Gerebe, Deutsch- lanb erstrebe ein Moratorium, kein wahres Wort ist. Aber ich betone, bah alle biefe Gerüchte unb Behauptungen geeignet sinb, Deutschlanb gerabe in einem Augenblick in seinem Krebit zu schädigen, in bem wir uns toieber an bie erste Stelle der handeltreibenden Mächte Europas ge­schoben haben.

-Es. ist spezifisch deutsch, fortgesetzt unsere Ver­hältnisse schlechter zu machen, als sie tatsächlich sind, und es mag sein, bah bie- jenigen, denen an einem Aufbau des Staates und einer Wiederbelebung ber Wirtschaft weniger (gelegen ist als an einer Katastrophe, profitieren können. Aber alle biejenigen, welche sich über die Parteigrenzen hinaus dar­über klar sind, bah alle Schichten bes beutschen Volkes auf Tob unb Leben miteinanber Der» bunben sind unb nur existieren können, wenn bas Haus, in bem sie wohnen bas ist das Deutsche Reich ein intakter unb ge» orbneter Staat bleibt, werben sich verbinben müssen in bem Bestreben, benKrisenmachern bas Hanbwerk zu legen. Die Hauptkrise, in ber wir leben, ist keine finanzielle unb keine Staatskrise, fonbem eine Vertrauenskrise. Sie allein gilt es zu übertoinben. ©obalb das der Fall sein wird, werben wir mit ben anderen Aufgaben bestimmt fertig werden.

von ber Goltz fragt, ob Frau von Oerhen sich ber Verhaftung des Angeklagten Volck gerühmt und erzählt habe, Reichskanzler Müller habe ihr gesagt:Sie sind ja eine geborene Diplomatin." Dr. Conrad entgegnete, Frau von Oertzen habe sich tatsächlich gerühmt, daß sie zum Tee beim Reichskanzler gewesen sei unb dieser ihr gesagt habe:Sie sinb eine hervor­ragende Diplomatin." Graf von ber Goltz fragt nach den Beziehungen ber Frau von Oertzen zu Dr. Breit scheib unb zu Staatssekretär Dr. Weißmann. Convab erklärte, er sei im Som­mer 1929 mit Frau von Oertzen in einem Kurort zusammen gewesen. Dort habe Frau von Oertzen sich stets ihrer ausgezeichneten Beziehungen zur damaligen Reichsregierung gerühmt unb wieder­holt von ihrem Freund Dr. Breitscheib gespro­

DasResormprogramm derMchsregienmg

chen Erster Staatsanwalt Dr. Eichholz fragte, ob Volck zugegeben ober angebeutet habe, bah Frau von Oertzen ihn zu einigen Bomben­attentaten angeftiftet hätte. Dr. Conrab erklärte, bas habe Volck nicht getan. Heber bie Frage, ob Frau von Oertzen barüber gesprochen habe, berief er sich auf seine Schweigepflicht. Rechtsanwalt Dr. von ber Goltz fragt nach ben Beziehungen ber Frau von Oerhen zur poli­tischen Polizei unb ob sie barüber mit bem Zeugen gesprochen habe. Dr. Conrab erklärte, Frau von Oertzen habe ihm gesagt, er könne viel Gelb verdienen, wenn er sich der politischen Polizei wibme.

Erschwerung des Kirchenaustritts in Thüringen.

Berlin, 13. Sept. ($11.) Dem Thüringer Landtag ist vom Staatsministerium ein Gesetz­entwurf borgelegt worden, der eine Aenbe - rung bes Kirchenaustrittsgesetzes von 1922 vorsieht. Im Paragraph 2 bieses Ge­setzes soll jetzt die neue Bestimmung enthalten fein, daß die schriftliche A u s t r i 11 s er­klär u n g einer gerichtlichen ober notariellen Beglaubigung bedarf. Gemeinschaftliche Austrittserklärungen sind nur für Ehegatten oder für Eltern und ihre minderjährigen Kin­der zulässig. Weiterhin soll das Kirchenaus­trittsgesetz die neue Bestimmung enthalten, baß bie Austrittserklärung erst nach Ablauf eines Monats wirksam werbe, sofern sie nicht inzwischen münblich vor dem Standes­beamten oder durch eine einfache schriftliche Er­klärung w i d e r ru f e n wird.

Aus aller Wett.

Eröffnung der Internationalen Postwertzeichen-Ausstellung in Berlin

Im Kaifersaal im Berliner Zoo fand die Er­öffnung ber Internationalen Postwertzeichen- Ausstellung Berlin 1930 statt. Unter ben Ehren­gästen bemerkte man u. a. auch ben Reichs- Post m i n i st e r. Professor Stenger, ber erste Vvrsihenbe 'be8 Arbeitsausschusses, begrüßte die Gäste unb wies barauf hin. baß bas Schönste, Wertvollste, was philatelistischer Fleiß zusammen­tragen konnte, hier versammelt sei. Reichspost­minister Dr. Schätzet Überbrachte die Grüße des Reichspräsidenten und der Reichsregierung und betonte die enge Verbundenheit von Post und Philatelie. Wenn die Post Voraussetzung und Rährboden der Philatelie sei, so wirke andererseits bie Philatelie fordernd und be­fruchtend auf das Postwesen ein. Die Der- bindungsbrücke beider sei die Brief­marke. Der Redner sprach sodann von ber Brief­marke als Postwertzeichen an sich, als Symbol der Postverwaltungen und der Rationen, die sie vertritt, als Symbol des Verkehrs und als be­deutsames Weick der Kleinkunst unb schloß: An­gesichts der vielfachen unb engen Beziehungen Mschen Philatelie unb Post hat bie Deutsche Reichspost für die Internationale Postwert- zeichenausstellung Berlin einen besonderen Dlock der neuen Wohlfahrtsmarken herausgebracht, um sie ber Ausstellung als Zei­ten innerer Verbundenheit zu widmen. Mit dem Wunsche, daß bie Ausstellung ein Markstein in ber Geschichte der internationalen Philatelie fein möge, erklärte der Minister namens ber Reichs­regierung die Ausstellung für eröffnet. ^DerHerr Reichspräsident hat an die Ausstellung das nachstehende Schreiben gerichtet, das vom Reichspostminister bei ber Eröffnung verlesen würbe:Zur Eröffnung der Internatio­nalen Postwertzeichen-Ausstellung Berlin 1930 fenbe ich als beren Protektor meine herz- iKfren Grüße. Möge berJposta", bie sich die Aufgabe gesetzt hat, durch eine erlesene Zusam­menstellung von Postwertzeichen-Sammlungen aller Länder bie weltumspannenbe Bebeutung ber Briefmarke unb ber Philatelie ber Öffent­lichkeit vor Qlugert zu führen, ein schöner Erfolg beschieden sein.

Der Mordprozeß Rogens-Iakubowski vor dem Reichsgericht.

Unter reger Anteilnahme von Publikum unb Presse wurde vor dem Ferienstrafsenat des Reichsgerichts die zweite Revisionsver- Handlung im Mordprozeh Rogens eröffnet, öer seinerzeit großes Aufsehen erregte. Der Reichsanwalt beantragte, die Revision des zum Tode verurteilten August Rogens unb seiner SU sechs Jahren Zuchthaus verurteilten Mutter zu verwerfen. Rach mehrstündiger Beratung verkündete ber Dorsitzenbe das Urteil dahin, daß entsprechend dem Anträge des Reichs­anwaltes die Revision ber Angeklagten August Vogens unb Frau Kähler verworfen wer­ben. Eine nähere Degrünbung bieser Cntscheibung würbe unter besonberem Hinweis auf bie Aus­führungen bes Oberreichsanwalts, benen sich der ©enat vollinhaltlich ansch loh, nicht gegeben.

Drei Sinder verbrannt.

In der Stadt Ahrensburg auf der Insel Oesel wurde ein Haus, das von einer Witwe mit ach t Kindern bewohnt wurde, bei einem Brande vollkommen eingeäschert. Unter den rauchen­den Trümmern fand man die verkohlten ' Leichen dreier Kinder. Die Mutter und die älteren Geschwister befanden sich zur Zeit des Aus­bruches des Brandes außerhalb auf Arbeit.

Brand eines Güterzuges in Oklahoma.

Bei Enid im Staate Oklahoma (USA.) explodierten in einem Güterzuge mehrere Tankwagen. Durch die Stichflamme wurde der ganze Zug i n Brand gesetzt. Der ganze Zug brannte in wenigen Sekunden lichterloh. Mehrere Landstreicher, die auf den Güterwagen als blinde Passa­giere mitfuhren, konnten nicht mehr entrinnen und verbrannten, da ihnen auch von den her­beigeeilten Personen keine Hilfe geleistet werden konnte.

Das eigene Kind

zehn Iahre im Suhstall gefangengehatten.

In einer Ortschaft bei ©illein in "ber Slowakei tauben bieser Tage Gen barme in einem ver­lassenen Kuh stall bie 2 4jäh rig e Tochter einer reichen Bäuerin mit einem Strick um ben Hals an einer Krippe ange- b un ben vor. Der bis auf bie Knochen ab- gemagerte Körper wies ©puren schwerer Mißhandlungen auf. Der herbei gerufene Vrzt ordnete bie Heberführung in ein Kranken­haus an. Die Mutter hat gestanben, ihre Tochter über zehn Jahre angebunden zu haben, ba sich im Jahre 1919 bei bem bamals 14jährigen Kinbe Anzeichen von Irrsinn gezeigt hätten«