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Nr. 156 Zweites Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)Freitag, 15. Zuni (950
Nationalisierung des Parlamentarismus.
Don unserer Berliner Redaktion.
Der Drang zur Sparsamkeit sührt jetzt erfreulicherweise auch dazu, daß die Volksvertretung sich ihren eigenen Apparat einmal daraufhin ansieht, ob da nicht noch der Rotstift tätig sein kann. Die Wirtschastspartei hat die erste Anregung gegeben, daS Kabinett folgt ihr, und wir können uns zunächst einmal grundsätzlich darüber unterhalten, ob es denn unbedingt notwendig ist, daß wir einen Reichstag von ungefähr einem halben Tausend Abgeordneten beschäftigen. Das alte Deutsche Reich hat sich mit weniger als vierhundert begnügt — ganz zuletzt waren es einige mehr —. inzwischen tft Deutschland kleiner geworden; der AusgabcnkrciS freilich" etwas größer, und in der parlamentarischen Demokratie sollte auch die Stellung deS Reichstags eine andere geworden sein. Aber rein zahlenmäßig braucht sich das nicht ousAuwirken. Rach unserer bescheidenen Ansicht würde eine Zahl von dreihundertfünfzig Abgeordneten vollkommen genügen, um die Arbeiten zu bewältigen und würdig zu repräsentieren. Dem löst! sich auch nicht cntgegenhalten, daß Frankreich und England sehr viel stärkere Parlamente haben. Der Vergleich hinkt, weil bei uns ja noch die ebenfalls stark übersetzten Landtage einen Teil der Funktionen haben, die in anderen Staaten zentralisiert sind. Wenn man Reich und Länder zusammenrechnet, kommen wir auf ungefähr zweitausend Abgeordnete, und daS ist wirklich des Guten zuviel. Erhebliche Ersparnisse lassen sich dabei, gemessen an den Milliardenetats, nicht machen, aber der moralische Eindruck soll doch auch nicht unterschätzt werden, zumal wenn Hand in Hand damit eine Kürzung der Diäten verbunden wird.
Gerade beim Reichstag aber würde ein Ausfall von hundert Abgeordneten die Notwendigkeit eines Reubaues, der einige Millionen verschlingen soll, überflüssig machen. ES wäre dann im altenHause auf einige Jahre — auch für die Bibliothek — noch Platz genug, das Spätere wäre dann der Zukunst zu überlassen. Unö vielleicht ergäbe sich aus der Rationalisierung der Zahl dann auch eine Rationalisierung der Arbeit. Die Bemühungen des Reichstagspräsidenten um eine Belebung der Debatten sind bisher nur von sehr bescheidenen Erfolgen gekrönt gewesen. Unser Parlamentarismus ist in seinen ganzen Formen erstarrt. Er tobt sich in vorbereiteten Reden aus, anstatt von seinen wirklichen Einsluhmöglichkeiten Gebrauch zu machen. Die Zahl der Abgeordneten, die tatsächlich in den Kommissionen arbeiten, ist recht gering, daran würde sich nichts ändern, wenn ein Bruchteil der Drohnen beseitigt würde, die heute nur an dem Honig des Parlamentarismus saugen, ohne auch ein Stück der Verantwortung mit übernehmen zu wollen. Denn der Titel des .,M. d. R." ist nicht nur für die Visitenkarte da. wenn er ernst genommen wird — und daS mühte doch eigentlich die selbstverständliche Voraussetzung sein —. bedeutet er Arbeit. Daran aber können drcihundertfünfzig Abgeordnete. die wirklich arbeiten, sehr viel mehr schaffen, als fünfhundert, die in ihrer Würde nur eine angenehme Zugabe sehen.
Taten für Lamstag, 14 Juni.
Sonnenaufgang 3.44 Uhr, Sonnenuntergang 20.17 Uhr. — Mondaufgang 23.20 Uhr, Mond» untergang 6 Uhr.
1828: Grohherzog Karl August von Sachsen- Weimar in Gradeh gestorben; — 1880: der Dichter Walter von Molo in Sternberg i. M. geboren.
Sprechstunden der Redaktion.
11.30 bi» 12.30 Uhr. 16 bi» 17 Uhr Samstag nachmittag geschlossen
400 Jahre Augsburgische Konfession.
Am 22. Juni beginnen in Augsburg die Festlichkeiten zur Feier des 400. Jubiläums der Augsburgischen Konfession, die im Jahre 1530 auf dem Reichstag zu Augsburg von Philipp Melanchthon dem Kaiser überreicht wurde nnb seitdem die Grundlage des evangelischen Glaubensbekenntnisses bildet. — Links: Martin Luther mit dem Schwan, ein Iubiläumsblatt von 1730, zur (Erinnerung an die Augsbur- gische Konfession. — Rechts: Philipp Melanchthon, der geistige Vater der Augsburgischen Konfession.
Wandlung -er Jugend.
Don Dr. Heinz Oähnhardt, 1. Vorsitzender des Reichsausschusses der deutschen Iugendverdände.
Selten wohl — so will es ihm jedenfalls scheinen — sah der Heranwachsende Mensch sich einer so früh- und vorzeitigen, dazu kritischen und widerspruchsvollen Beurteilung ausgesetzt wie heute. Alles soll mit ihm kommen, die bessere Zukunft der Ration und eine neue sinnvollere Ordnung des Lebens, seine eigenen Aeherungen aber begegnen dem Vorwurfe., dah er sich von der vorbildlichen Lebensart früherer Geschlechter abwende unfähig Erbe zu wahren und neues Erbe zu bilden.
Von der Oessentlichkeit so gut wie unbemerkt, hat sich in der Jugend ein Wandel vollzogen. Zwar ist das Phänomen der Jugendbewegung heute allgemein erkannt und anerkannt, nachgeahmt und analysiert, man vergibt aber, daß die Träger dieser Bewegung heute nicht mehr im biologischen Sinne, äugend sind, sondern bereits als eine neue Gesellschaftsschicht in die Gesamtheit von Volk und Staat hineinwachsen. Es dient der Klarheit, wenn man für die Gegenwart nicht bei einer Betrachtung der Jugendbewegung, die in der ursprünglichen Art nicht mehr ist, sondern bei der aus ihr enMandenen »Jungen Generation" ansetzt. Denn es ist diese »Junge Generation", es sind die aus der Jugendbewegung. dem Frontsoldatentum und den neuen geistigen, künstlerischen und politischen Bewegungen der Zeit entstammenden Menschen zwischen 25 und 40, die, in gleichem Erlebnis und Erbe verbunden, heute mit ihrem Anspruch auf Geltung und Wirksamkeit ein Moment der Unruhe bilden. Diese »Junge Generation" ist in sich keine geschlossene geistige Einheit, sie lebt aber im Bewußtsein der Einheit der Ausgabe. Zu ihr gehören Erwin Pifcator und Martin Luserke . Paul Hindemith und Fritz Iöde, Kultusminister Grimme und Reichsminister Trevi-
ranus. jchrge Protestanten und Katholiken, Rationalsozialisten und Sozialisten. Tiefe »Jungen" sind weniger kompromißsreudig und strenger in der grundsätzlichen Auffassung als die »Alten'. Aber eher bereit als diese, auch die Funktion des anderen anzuerkennen und in ehrlicher Selbst einschränkung und Arbeitsteilung einen jeden vor seiner eigenen Türe kehren zu lassen. Aus der Erkenntnis, daß auf einen gemeinsamen Inhalt verzichtet werden muß. ergibt sich eine gemeinsame Haltung ari- ftänbiger Verläßlichkeit und menschlicher Verbundenheit. Jahre gemeinsamen Kampfes und gemeinsamer Rot um das Volk, die im Anfang des Werdens dieser Generation waren, haben sie scharf abgegrenzt gegen die, die vor ihr waren und die nach ihr kommen.
Denn inzwischen wächst eine neue Jugend heran. Krieg, Revolution und Inflation sind für sie nicht mehr erlebte Wirklichkeiten, sondern geschichtliche Erinnerungen. Dafür ist selbstverständliche Wirklichkeit, was für die Vorangegangenen noch Kamps und Zweifel bedeutete: Großstadt, Technik und Zivilisation. Diese, biologisch gesehen, echte Jugend unserer Gegenwart zieht nicht mehr kämpferisch die Totalität des Seins in Frage, ringt nicht mehr radikal «m geistige Erneuerung. Sie lebt wieder in jener sorglosen und unbeschwerten Daseinsfreude, der Gegenwart zugewandt, die der Jugend der Jahrhundertwende und des großen Krieges verloren ging. Sie ist nicht nur Bewegung, sondern wieder Ruhe und Zustand, wieder Vorstufe, Vorbereitung und Erwartung, nicht mehr ein aus eigener Kraft gestaltetes abgegrenztes Jugendreich. Damit ist d i e Aufgabe der Jugenderziehung neu gestellt. Die jüngsten wachsen nicht mehr aus selbsteigenem schöpferischem Vermögen in die
Formen der Jugendbewcgueng und in die Wertwelt der ..Jungen Generation- hinein, diese verjüngend und erneuernd. Vielmehr macht sich e i n stärkeres Verlangen nach neuerFüh- rung und Autorität geltend, ebenso wie allgemein gültige jugendliche Lebensformen sich wieder herau-dilden Der Jugendliche, der einem Vereine ober Bunde angehört, steht der Gegenwart nicht mehr so kritisch gegenüber wie einst, er ist ein ungleich naivcreS Kind seiner Zeit, gegen deren Dämonien er gleichzeitig gefeiter ist alS seine Vorgänger. Dieser Jugend gegenüber kann eine Führung nicht mehr nur Sprachrohr und Ausdruck eines GefolgschaftSwillenS fein, deren bisherige Dynamik nicht mehr vorhanden, sie hat die neue Pflicht der büdungs- mähigen Formung und deS zuchtvollen Vorleben-.
Kirche und Schule.
T Leihgestern, 12. Juni. Ein schöner Brauch fand in den letzten Jahren in unserer Gemeinde Eingang, nämlich die Feier des goldenen KonfirmationSjubiläumS. Auch dieses Jahr wieder am zweiten Psingstfeiertag versammelten sich die noch lebenden Männer und Frauen, die. im Jahre 1880 in unserer Kirche konfirmiert worden waren, um gemeinsam den Tag der 50. Wiederkehr ihres KonsirmationS- tages festlich zu begehen. Der OrtSgeistliche, Pfarrer Jäger, predigte über den einstigen KonfirmationStext: 2. Thirn. 2. V. 22. Am Rachmittag fand eine gemeinsame schlichte Feier bei Kaffee und Kuchen statt.
• Stumpertenrod, 12. Juni. Die diesjährigen Pfingsten sind für die Stumpertenröder Mädchen und Burschen und wohl auch für die Gemeinde durch den Besuch von Offenbarer Jugend, unter der unser Psarrer Geißler vor seinem hiesigen Wirken arbeitete, zu Freudentagen geworden. Im Gottesdienst am ersten Feiertage wirkten die Gäste durch Gesang bei der Ausgestaltung desselben mit Am Abend trafen sich die hiesige Jugend und ihre Gäste auf einer Wiese, wo uns durch Volkstänze und entsprechende ßieber unter Anleitung des Pfarrers der tiefe Sinn des »rechten Tanzen-" erschlossen wurde. Es waren rechte Stunden der Erhebung. Am zweiten Psingstfeiertage sand wieder. wie alljährlich, der WaldgotteSdienst in der Helperstruth statt, die zwischen Stumpertenrod und Köddingen liegt. Hierzu kamen die Bewohner beider Dörfer in großer Zahl zusammen. Alnfer Pfarrer legte seinen Worten Apostelgeschichte 2, 3 und 4 zu Grunde. Er zeigte in lebendiger Veranschaulichung unseres Volkstums, wie neuer Geist in „neuen Zungen" bei den Menschen einzieht und ihr Leben so umgestaltet, daß ein „neues Singen" und ein „neues Feiern" von Festen in unserem gefährdeten! Volksleben entstehen kann und man sich auch in „neuer Sprache und Tat" mit dem Rächst er zu rechter christlicher Gemeinschaft finden faniu Der Schüler- und Männerchor von Köddingen unter Leitung von Lehrer Schmandt und der Musikverein von Stumpertenrod halsen durch Musikvortrag und Lied in feiner Weise mit, diese Feststunde zu verschönern.
4 Wingershausen, 12. Juni. Die schöne, sich crfrculid'ertoeife auf durch Het'en ausbrei- tcnde itte der „Goldene nKonfirmaiion" ist letzt auch in unser Kirchspiel einaezogen. Die zu Pfingsten 1880 Konfirmierten haben durch eine für Wingershausen und Eichelsachsen gemeinsame Feier, die am Pfingstmontag-Äachmittag in Eichelfachfen stattfand, den Anfang gemacht. Von den 18 Konfirmanden des Jahrgangs konnten elf, auch die nach auswärts verzogenen, anwesend fein. Unter den Fehlenden sind nicht weniger als sechs, die infolge schwieriger wirtschaftlicher Verhältnisse, z. T schon bald nach der Konfirmation, nach Amerika ausgewandert waren Der Festgottesdienst in der überfüllten Kirche, der durch die Chöre der beiden Gemeinden bereichert wurde und der in dem Bekenntnis und der gemeinsamen Abendmahlsfeier der 64 jährig n Konfirmanden feinen Höhcvunkt batte, war außerordentlich eindrucksvoll.
Sonntag in Schottland.
Don Liesbet Dill.
Gin Sonntag in Glasgow. Und es regnet . . . Alles ist geschlossen, Restaurationen und Cafes. Kinos und Theater. Museen und Galerien, selbst die Kirchentüren sind mit eisernen Hängeschlössern versehen. Alles ist „shut“. Selbst die Motorcoatches stehen im Stall. Keine Rundfahrten, keine Vergnügungen.
Die Kohle Schottlands hat alle Häufet fo schwarz gerußt, daß sie wie gewichste eiferne Ofen glänzen. Schwarz zieht der Fluß unter Glasgows Drücken einher. Sein Wasser gleißt trübe wie schlechte Tinte. Keine Anlagen, kein Baurn, kein Garten hebt diese grau- schwarze, oleigraue Rüchternheit auf. Zusammenge- drängt auf einen Raum liegt die große Stadt, um- rauchl von Fabriken, einem Wald von Schornsteinen und Mietskasernen.
Was fängt der Fremde an, der am Sonntag nach Glasgow gerät? Im Hotel liegen alle Sofas und Sessel voll Sonntagsruhe haltenden Engländern und Amerikanern. Sie haben die Deine über die Lehnen hängen und rauchen und lesen „Novels“. Die grauen Häuser mit den herabgelassenen Läden, ohne Dal- kon-, ohne Dlumen, ohne Vorhänge, sind zum Sterben langweilig. Kausen kann man nichts. Zwei Schaufenster sah ich, deren Läden nicht herabgelassen waren, ein — Grab-Dukettgeschäft und ein ganzes Schaufenster voll von Rachtgeschirren . . . Glasglocken, an denen noch die Visitenkarten der Geber hängen. „A token of respect and esteem from the neigbours“ ... oder „From the Sunday school children“. Im Kino rollt ein Film mit deutschen Schützengrabenaufnahmen aus dem Krieg, „The worlds war, as seen through german spectacels“, her Weltkrieg in deutscher Darstellung. Hinterher gibt es „The Hon and the mouse“. Aber Sonntags ist auch dieses düstere Vorstadtkino geschlossen.
Dillenstraßen mit freundlichen Häusern, die fein und sauber aussehen, in 'Blumengärten. Der Park ist ein grüner Wald. Der Regen hat die ‘Säume frischgewaschen. Diese Dillen und „Bungalows" werden straßenweise gebaut. Es scheint kein Mangel daran zu sein. Das Schild »Zu verkaufen" oder »zu vermieten ", das man bei uns überhaupt nicht mehr sieht, findet man fehr häufig in großen und kleinen Städten Englands und Schottlands, lind entzückend eingerichtet kleine Häuschen an der See in Bade- orten werden für 20 000 Schilling angeboten, soviel man davon haben will...
Zum Schluß noch der „Zug der Römisch-Katholischen Stimme". Männer mit Schottenröcken und Schvttenbüten und Durscben in der „Wandervogeltracht" der Hochländer. Die übrigen Mitmarschie- renden hatten weihe Schärpen um, und im Hotel stand eine halbe Stunde lang die Welt still, weil alle Kellner und Zimmermädchen die Köpfe aus den Fenstern hingen, um den endlosen Zug zu sehen in dessen Mitte zwei Geistliche mit Regenschirmen marschierten.
Im Lesezimmer meines Hotels wurde gerade der Tee serviert und die schweigenden Amerikaner und Schotten nahmen endlich die Deine von den Sesseln und Solas, um eine Tasse Tee am Kaminfeuer zu trinken, und den grauen Sonntag schreibend, lesend und rauchend zu Ende zu bringen, mit der .Sunday Post", die voll Aufnahmen des Herzogs von Vork und feiner schönen Gattin ist, die ich in Edinburgh sah, Truppen besichtigend, Paraden abhaltend und einen Lord bestattend..
Die Kathedrale liegt zu Füßen eines gigantischen Kirchhoss. dessen Orabmäler der Schönheit der Stadt entsprechen. Riesenhafte Obelisken, Tempel und Statuen. terrassenförmig aufgebaut, umwallt vom fchwar- zen Rauch, dem Atem dieser ruhigen Stadt. Ein Küster empfängt mich in der leeren Kathedrale. Ich wünsche diese schöne ernste Kirche zu sehen, die aus dem 12. Jahrhundert stammt und in der schottischen Geschichte eine große Rolle gespielt hat, gestürmt und zerstört wurde 1559, als alle Dilder verbrannt und die alten Glasfenster eingeworfen wurden von dem Pöbel. Die arme Kathedrale. Run hat man ihr neue Glasfenster eingesetzt, die zwar auch bunt sind, nur nicht schön. . .
Aber die Kathedrale wird am Sonntag nicht gezeigt. Die Krypta ist „shut“, die toten Dischöfe wollen auch ihre Sonntagsruhe haben. Der Küßet legt den Finger auf den Mund: „Service?“ flüstert er . . . „Yes“. Er öffnet einen Vorhang und läßt mich in einen andern Teil der Kirche eintreten, mitten in den Gottesdienst. Eine Orgel spielt, ich setze mich zu den andern, man stellt die „Holy Bible" vor mich hin — und sie fingen. Psalme mit vielen Lersen „Seven“, flüstert mein Rachbar. ein rothaariger Schotte, schiebt mir das Gesangbuch hin . . Der Herr Pfarrer hat ein Glas Wasser auf feiner Kanzel neben sich stehen undpredigt den Glasgowern mächtig ins Gewissen- Das müllen schlimme Leute hier fein. Ich verstehe nur die Schlagworte und höre, dah es sich um ernste Dinge handeln muh... Am halb eins
ist der „Service“ beendet. Die Presbyter sammeln mit den Klingelbeuteln Geld ein und tragen es in feierlichem Zug nach dem Altar, wo es der Pfarrer auf einem großen silbernen Tablett entgegennimmt.
Dann betrachtet man die zerfetzten Kriegsfahnen von 1689 bis 1919 draußen in der Halle, und die Kränze an den Solbatengrabtafeln aus blauen 'Blättern und blutrotem Mohn. Auf einmal ist der Pfarrer wieder da Um mich her stehen lauter Menschen, die junge Frau neben mir hält ein Kind auf dem Rrm. das getauft wird. Ich bin in eine Taufe geraten.
Was nun? Der Regen hat aufgehört, ich möchte einen Ausflug machen - wenn man hier Sonntags Ausflüge machen könnte! Die Zeitungen find alle gelefen uno zu kaufen gibt es ja nichts. So bleibt mir, mich kurzentfchloffen auf einen roten Omnibus zu schwingen. der einen durch und um die ganze Stadt fährt für 2 Pence- . . Er war ganz leer, denn von eins bis zwei ißt man hier zu Mittag. Und der Schaffner, der fönst nichts zu tun hatte, hat sich iu mir gefotzt auf meinen Omnibusbalkon und mir alle Sehenswürdigkeiten gezeigt. Die innere Stadt und Geschäftsstraßen, das Arbeiterviertel und das Hofpital, alle schwär; verräucherten, mit Hängeschlössern geschloffenen Kirchen, den Zoo und den Park, der weit draußen vor Glasgow beginnt
Hier lichtet sich Glasgow. . .
Neues von Friedrich Schnack.
Der noch immer zu wenig bekannte und gelesene Unterfrante Friedrich Schnack ist vor kurzem als erster mit dem neu gestifteten Preis der Dichterakademie Ausgezeichnet worden und hat damit gewissermaßen auch offiziell eine Bestätigung und Anerkennung gesunden, auf die er. wie kaum ein anderer, sich längst auf Grund feiner Leistung ein Recht erworben hat. Zwei Rcuerscheinungen geben willkommenen Anlaß, abermals und mit allem Rachdruck auf diesen Dichter aufmerksam zu machen. Da ist zunächst ein Roman „Der Sternenbaum“ (213 Seiten 8°. Geb. 6.— Mk. bei Jakob Hegner in Hellerau). — 10), ein schönes, stilles und ganz ans dichterischem Herzen geschriebenes Buch, die Geschichte eines Beinen armen Holzfällerbuben im bayerischen Wald; es begleitet seinen unscheinbaren. mit vielen Leiden und manchen geringen Freuden bestellten Lebensweg von der Geburt am Weihnachtstag durch fiinfzehu 3ahre
bis wieder zu einem heiligen Abend: unterm Sternenbaum beginnt und endet die so einfache und fast märchenhafte Schilderung, in der eine kindliche Traumwelt und eine harte Wirklichkeit auf wunderbare Art miteinander verschmolzen sind; das Ganze ist in einer beseelten, schlichten und im besten Sinne poetischen Sprache erzählt, fließend und rund und manchmal wie eine alte, fromme Legende zu lesen. DaS Buch ist in der Werkstatt des Verlages mustergültig ausgestattet worden und so schon äußerlich ein Schmuckstück jeder gepflegten Bibliothek. —
Ferner Haden wir von Friedrich Schnack ein neues Raturbuch anzuzeigen, das unter dem Titel »3 m Wunderreich der Falter"' vor kurzem erschienen ist (Erlebnisse und Abenteuer. 190 Seiten 8'' mit 111 Bildern im Text von Dr. Paul Denso. Ganzleinen 9 — Mk. Dietrich Reimer Verlag, Berlin 1930. — 178.) — Hier haben wir eine Fortsetzung und Ergänzung des früher bereits besprochenen „Leben- der Schmetterlinge", eine Sammlung lebendiger, farbiger, abenteuerlicher und geheimnisvoller Erlebnisse mit den zartesten und zauberhaften Geschöpfen, au- tiefer Kenntnis und leidenschaftlicher Versenkung in die rätselhafte und wandelbare Welt ihrer flüchtigen Wesenheit ausgezeichnet. Erstaunlich. loaS hier ein Mensch, Künstler und Forscher zugleich, von dem aus vielen Wundem zusammengesetzten Dasein der farbigen Tag- und Racht- falter eindringend und anschaulich zu berichten weiß. Eine stattliche Auswahl großartiger Photographien von Paul Denso erhöht und bereichert die AiLchaulichung der Schilderung und macht das Buch zu einer einzigartigen Sammlung seltenster Raturdokumente. -y-
Lochschulnachnchien.
Der ordentliche Professor der Botanik und Direktor des pslanzenphysiologischen Instituts an bet ilni&erfität Berlin, Dr. $anä Kniep, scheidet auf seinen Antrag zum 1. Oktober d. I. aus dem preußischen Staatsdienst aus. Er folgt einem Rufe an die Universität Freiburg i.2. als Rachfolger von Friedrich Oltmcmns.
Die Ernennung des o. Professors Dr. Hermann Wehl von der Technischen Hochschule in Z ü r i ch zum ordentlichen Professor der Mathematik an der Uniberfität Göttingen als Rachfolger David Hilberts ist erfolgt


