Donnerstag, 15. März 1950
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhefsen)
Nr. 61 Zweites Blatt
Protest gegen die Getränkesteuer-Lchöhung
Deutscher Kulturkampf jenseits der Grenzen.
(Ls ist ein trübeS Kapitel, Die Darstellung des Lebens der deutschen Minderheiten jenseits der deutschen Grenzen. 15 Millionen deutscher Stammesbrüder kämpfen um ihre kulturelle Eristenz. Und es läßt sich einfach nicht begreifen, daß im 20. Jahrhunderts solche Kulturkämpfe überhaupt noch möglich sind. Die deutschen Theater in Polnisch-Oberschlesien, die sich zu loyaler Mitarbeit bereit erklärt haben, werden unterdrückt. 3n der Tscheche: will man die derzeitige tschechische Universität als die alleinige Äachfolgerin der alten Karl-Ferdinand-Universität hinstellen. Dieses alte deutsche Bollwerk erscheint den tschechischen Chauvinisten gerade gut genug, um ihre chau- vinistischen Plane durchzusehen. Diese beiden Tatsachen geben erneut Veranlassung, dem Kulturkampf jenseits der deutschen Grenzen Beachtung zu schenken.
Und was verlangt das Deutschtum tm fremden Lande? GS dürfte schwer fallen, ihm Sabotage gegenüber dem fremden Nationalstaat vorzuwer- sen. Vielleicht sind es gerade die Deutschen, die den größtes Anteil an der Fortentwicklung dieser jungen Staaten haben. Anstatt ihre Mitarbeit gutzuheißen, und sie noch stärker zur Mitarbeit herarrzuziehen, vertreibt man in nationaler Ueberheblichkell, der an Primitivität nichts mangelt, Mc Deutschen aus dem Lande, in der Erwartung, dann erst zu einer fruchtbaren Entwicklung zu kommen. Die Kurzsichtigkeit der Staatsmänner dieser Länder erscheint deshalb geradezu unbegreiflich. Sie können doch nicht leugnen, dah die deutsche Geistesarbeit Kulturgut der gesamten Welt geworden ist und auch sortan Kulturgut der gesamten Welt wird. Sie können doch nicht leugnen, daß diese jungen Staaten ihre E?i- fteru in der Hauptsache dem Deutschtum verbuken, das das kulturelle Riveau dieser Länder hob und ihnen erst das Gepräge eines Kulturstaates verlieh. Ihre Kurzsichtigkeit dürste ihnen bald zum Schaden gereichen, denn bis zum heutigen Tage haben es diese Staaten mit ihrer Bevölkerung noch nicht dahin gebracht, daß sie ohne das Deutschtum auskommen können. Das ist keine Heberheblichkeit deutschen Geistes, die zu dieser Feststellung führt. Das sind gegebene Tatsachen, die in der ganzen Welt anerkannt werden. Und gerade deshalb ist es um so mehr zu bedauern, daß diese Staaten der Vernunft zuwider einfach über die gegebenen Veichältnisse hinwegsehen.
Bedauerlich dabei ist aber vor allem, daß die Mittel, mit denen sie gegen das Deutschtum vorgehen zu müssen glaichen, alles andere als der gegenwärtigen Kultur würdig sind. Es sind mittelalterliche Methoden, mit denen sie das Deutschtuni niederzuknebeln versuche,:, Methoden, deren sich Kulturstoaten schämen sollten. Die Prager Regierung wird trotz des Gesetzes über die Prager Universität die Tatsache nicht aus der Geschichte entfernen können, daß die alte Karl- Ferdinand-Universität ein deutsches Kulturgut ist. Und in Polnisch-Oberschlesien wird man durch die Verdrängung der deutschen Theater ebensowenig am deutschen Charakter dieses Lairdes abzuändern vermögen, wie es vollkommen ausgeschlossen ist, die polnische angebliche Kultur in diese,: Gebieten durchzusetzen. Man muß diese traurigen Kapitel des deutschen Kulturkampfes jenseits der Grenzen immer wieder lesen. Man kann sie nicht oft genug vor der Oeffenllichkeit wiederholen. 'Denn nur dadurch wird es vielleicht möglich sein, die Welt von dieser Kulturschande, die hier begangen wird, einmal zu überzeugen.
Daten für Freitag. 14. März.
Sonnenaufgang: 6,19 Uhr, Sonnenuntergang: 18,01 Uhr. - Mondaufgang: 17,43 Uhr, Monduntergang: 6,34 Uhr (Vollmond).
1804: der Komponist Johann Strauß in Wien geboren: 1835: der Astronom Giovanni Vir
ginia Schisparelli in Savigliano geboren.
Eine stark besuchte Versammlung von Gastwirten und Angehörigen der Getränkeindustrie in Stadt und Kreis Gießen fand aus Einladung der Freien Innung der Ga st wirte von Gießen und Umgegend gestern nachmittag in: Saale deS Cafe Leib statt. Der Besuch der Kundgebung, die sich gegen die Erhöhung der Bier st euer und anderer Getränke steuern richtete, war so stark, daß der Saal vollbesetzt war.
Gastwirt Schmitz-Gießen,
der Vorsitzende der Gastwirte-Znnung, begrüßte zunächst die große Versammlung, die in ihrer zahlenmäßigen Stärke bekunde, daß sic mit den Maßnahmen der Reichsregierung für die Getränkesteuern nicht einverstanden sei, sondern die Forderung erhebe, dah auch dem Gastwirts- gewerbc das Recht auf ein gesichertes Dasein gewährleistet werde.
©er Referent Brandt Frankfurt a. M.
sprach hieraus über die geplante neue Bier- st e u e r und die Wiedereinführung der Gemeindegetränke st euer, sowie über die vom volkswirtschaftlichen Ausschuß des Reichstags gefaßten Beschlüsse zum Schank- stättengeseh. Er betonte, dah das Gast- wirtsgewerbe und die mit diesem in Zusammenhang stehende Getränkeindustrie durch die geplanten Steuermahnahmen wiederum vor einer schweren wirtschaftlichen Erschütterung stünden. Reich, Länder und Gemeinden blickten bei chren Steuermahnahmen immer zuerst nach dem Gaststättengewerbe und der Getränkeindustrie, weil sie die wirkliche Lage dieser Berufszweige nicht kennen. Der Gastwirt habe von den Einnahmen in seinem Betriebe heute noch nicht einmal 5 Prozent als Verdienst. Der Arbeitsverdienst der Gastwirte und ihrer Familienangehörigen sei so gering, dah viele von ihnen eigentlich von der Einkommensteuer befreit werden mühten. Der Redner wies weiter auf die lange und anstrengende Arbeitszeit des Gastwirtes und seiner Angehörigen hin, schilderte die hohen Ansprüche des Publikums an die Ausstattung der Lokale und stellte dem gegenüber, dah der Verzehr des Publikums immer geringer geworden sei, weil es immer weniger Geldmittel zur Verfügung habe. Der Redner wandte sich weiter mit Rachdruck dagegen, dah manche Städte Gasthäuser und Hotels auf städtische Kosten, d. h. mit den Mitteln der Steuerzahler betreiben und dadurch dem steuerzahlendcn Gewerbe Konkurrenz machen. Auch der Karneval habe in diesem Jahre infolge des nachlassenden Verzehrs weit geringeren Ertrag gebracht als früher. In Anbetracht aller dieser Umstände müsse das Gastwirtsgewerbe die Erhöhung der Getränkesteuern als ein Chaos für dieses Gewerbe bezeichnen.
Die Viersteuererhöhung mit der unvermeidlichen Steigerung einiger Nebenkosten werde die Steuer auf das Hektoliter Vier insgesamt um rund 8 Mark steigern. Die Brauereien seien nicht in der Lage, die Steuer zu tragen. Aber auch das Gastwirlsgewerbe sehe sich außerstande, diese Steuer zu übernehmen, weil es sich in einer außerordentlich schlechten wirtschaftlichen Lage befinde.
Die Ausschankpreise seien schon seit Jahren viel zu niedrig, um einen zahlungsfähigen gesunden Wirtestand zu erhalten. Die Gastwirte und die Getränkeindustrie hätten ein starkes Interesse daran, daß die Einkommen der Angestellten und Arbeiter keine Minderung erführen, weil dadurch naturgemäß auch die Lage des eigenen Gewerbes beeinflußt werde. Wenn aber diese Steuererhöhung komme, müsse sic auf den Konsum abgewälzt werden. Das Gastwirtsgewerbe und die Getränkc-Jndustrie wüßten natürlich, daß sie Steuern zahlen mühten. Dazu
seien sie auch bereit, aber sic wollten nicht, dah sic mit Sondcrsteuern aller möglicher Art belastet werden: sie verlangten, nicht schlechtergestellt zu sein als andere Staatsbürger. Der Redner forderte allcrgröhtc Sparsamkeit in: Reich, bei dcn Ländern und in den Gemeinden, und gerechte Lastenvcrtci- 1 u n g: dann werde es auch möglich sein, dah dos Reich, die Länder und die Gemeinden ohne Bierstcuererhöhung auskommen könnten. An dcn Reichstag sei der Llppcll zu richten, er möge die Zustimmung zu der Getränkesteuercrhöhung verweigern, damit das Gastwirtsgewerbe nicht ruiniert werde. Es müsse heihen: Hände weg von der Bier st euer!
Der Redner hob weiter hervor, dah ja nicht allein die B i e r st e u e r erhöht, sondern auch die M i n e • ralwassersteuer kommen solle, die Zölle auf Kaffee und Tee schon heraufgesetzt worden seien, eine Umsatz st euererhöhung geplant sei und auch Bestrebungen zur Schaffung von Landesbiersteuern bestünden. Jedenfalls sei für das Gostwirtsgewerbe eine ganz auherordent- licb schwere steuerliche Belastung geplant. Weiter beiprach er aus dem Entwurf des neuen Schank- stättengesetzes eine Reihe von Bestimmungen, die zu schwersten Bedenken des Gastwirtsgewerbes Anlaß böten, über die ober das letzte Wort noch nicht gesprochen sei, da sich die Beratungen noch im Gange befänden. Aber auch in dieser Beziehung mühten die Gastwirte sel)arf auf dem Posten fein, damit sie rechtzeitig ihre berechtigten Interessen wahren könnten. Am Schluh seiner Ausführungen forderte der Redner unter Hinweis auf die schwierige Lage des Gastwirtsgewerbes zu e n g st e m Zusammen schluh aller Gastwirte in der Organisation auf, denn nur durch eine lückenlose, geschlossene Front der Gastwirte werde es möglich sein, unberechtigte Lasten von diesem Gewerbe fernzuhalten und für feine gerechte Behandlung in Reich, Ländern und Gemeinden zu sorgen. (Lebhafter Beifall.)
Nachdem der Vorsitzende den Appell des Redners noch einmal kurz und nachdrücklich unterstützt hatte, erklärte sich die Versammlung einstimmig einverstanden mit der nachstehenden
Entschließung:
Die am 12. März 1930 versammelten Gastwirte und Berufstätige der Getrönke-Jndustrie im Kreise Gießen erheben aus tiefster Rot
mit allem Nachdruck Protest gegen die drohende steuerliche Belastung lebenswichtiger Verbrauchsgegenstände.
Die bisherigen außerordentlich hohen Steuern und öffentlichen Abgaben aller Art haben die wirtschaftliche Lage des gesamten Gast- und Schankwirtschaftsgewerbes dermaßen verschlechtert, daß eine weitere Erhöhung der Biersteuer in Verbindung mit der seit 1. Januar d. I. m Kraft getretenen starken Erhöhung der Tabaksteuer, der ab 5. März d. I. durch- geführten beträchtlichen Erhöhung der Zölle auf Kaffee und Tee, her geplanten Erhöhung des Denzinzolls, der beabsichtigten Einführung einer Mineralwasser - steuer und ganz besonders in Verbindung mit der von gewissen Kreisen verlangten
Wiedereinführung der Gemeindegekränkesteuern
zur wirtschaftlichen und sozialen Verelendung des Gast- und Schankwirtsgewerbes führen mutz.
Die mit der Lockerung der Mietgesehgcbung für gewerbliche Räume, mit den Erhöhungen der Löhne und sonstigen Ursachen eingetretene Vcr- mehrung der Gestehungskosten hat dos Gostwirtsgewerbe in seinen Verkaufspreisen bisher nicht abwalzen können. Bei einer so weitgehenden steuerlichen Mehrbelastung jedoch, wie sic seitens des Reichsfinonzministeriums beabsichtigt ist, wäre das Gewerbe nicht mehr in der Loge, auch nur einen Bruchteil dieser ein
seitigen neuen Belastung zu tragen und gezwungen, diese
restlos dem Verbraucher aufzubürden.
Dadurch würde aber der ohnehin schon aup 50 Prozent der Vorkriegszeit gesunkene Verzehr in den Gaststätten einen Tiefstand erreichen, bei dem eine Aufrechterhalt u n g der Betriebe nicht mehr möglich sein wird, ganz abgesehen davon, daß der mit Sicherheit einsehendc Konsumrückgang das erwartete Steuer- und Zollaufkommen sehr stark beeinträchtigen würde.
Dos Gastwirtsgewcrbe beruft sich auf die programmatische Erklärung der derzeitigen Reichsregierung vom Juli 1928. in der diese bei Ucbcr- nahme ihrer Amtsgeschäfte feierlich die Rot-. Wendigkeit einer
umfassenden Steuersenkung
betont hat. und es erwartet vom Reichstag, daß! er einen Bruch dieses Versprechens nicht zulasten und jede Steuererhöhung ablehnen wird.
Gleichzeitig erhebt das deutsche Gastwirtsgewerbe Einspruch gegen die vom Volkswirtschaftlichen Ausschuh des Deutschen Reichstags zum
Schankställengeseh
gefaßten Beschlüße, in ebenen zum Teil eine verfassungswidrige Verletzung des Eigentums und ein unzulässiger Eingriff in die durch die Verfassung gewährleistete gewerbliche Freiheit erblickt wird.
Schöffengericht Gießen.
• Gietzen, 12. März. Ein Kraftfahrer eine« Rachbardorfes fuhr am 15. Januar d. I. durch Lollar. Als er gerade eine Kurve durchaus vorschriftsmäßig genommen hatte und vor ihm in seiner Fahrtrichtung gehende Leute überholen wollte, kam ihm ein älterer Mann entgegen, der den Kopf gesenkt mit rückwärts verschränkten Händen dahinschritt. Durch das heranlommende Auto offenbar erschreckt, sprang er erst nach rechts, dann nach links und dann wieder nach rechts, so dah der Kraftfahrer, der links an ihm vorbeifahren wollte, ihn mit dem Auto erfaßte. Der Mann starb alsbald an seinen schweren Verletzungen. Das Gericht verurteilte den Kraftfahrer zu 2 5 0 M k. G e l d st r a f e an Stelle einer an sich verwirkten Gefängnisstrafe von einem Monat. Es war der Auffassung, daß der Kraftfahrer bei dieser Sachlage unter keinen Umständen nach links hätte fahren dürfen: wenn er rechts nicht weitersahren konnte, mußte er halten, bis der Mann vorbei war. Erheblich strafmildernd wurde das unvorsichtige Verhalten des Getöteten berücksichtigt.
Zu der gleichen Strafe wurde ein anderer Kraftfahrer aus Frankfurt o. M. verurteilt. Er kam am 23. Rovember 1929 durch Vilbel. Als er auf etwa 6 Meter Entfernung einen Monn sah, der von rechts her die Straße überschreiten wollte und der beim Anblick des Autos ebenfalls unruhig wurde, fuhr auch er nach links. Da der Mann ebenfalls in dieser Richtung weitergegangen war. kam er unter das Auto und wurde getötet. Auch hier hätte der Kraftfahrer nicht nach links fahren dürfen. Wäre er geradeaus gefahren, wäre der Zuscun- menstotz vermieden worden, evtl, hätte er halten müssen. Auch hier wurde bei der Strafzumessung das unvorsichtige Verhalten des Getöteten entsprechend berücksichtigt.
©er Fremdenverkehr in Hessen.
Der Sommer 1929 hat in Hessen gegenüber dcm Vorjahr eine Steigerung des Fremdenverkehrs gebracht. Die durchschnittliche Aufenthaltsdauer der Fremden ist im Landesdurchschnitt nahezu unverändert geblieben. An der Berg- st r a ß e ist sie erheblich gesunken, in allen übrigen Gebieten dagegen gestiegen. Von den von der Erhebung erfaßten Uebernachtungen entfallen allein 62 v. H. auf BadNauheim, insgesamt knapp
Elche in Neutschland.
Von Edmund Scharein.
Rur noch in einem räumlich kleinen Teil unseres Vaterlandes, in einigen wenigen Gegenden Ostpreußens, behauptet sich das Elchwild, das seit dem Zurückweichen von Wildpferd, Ur- stier und Wisent als die stärkste und urigste deutsche Wildart angesehen werden muß. Im nördlichen Ostpreußen, in dem Stromgebiet am Kurischen Haff, sind die Hauptstandorte des Elches zu suchen. In den weiten Erlenbruch- walduiigen und den unwegsamen Mooren dieses urwüchsigen Landes findet er noch Daseinsbedingungen. Seine Rahrung besteht in der Hauptsache aus Weichhölzern, namentlich Weiden, von denen er die Blätter, Knospen und Rinde äst. Aber auch in anderen Gegenden Ostpreußens, vorzüglich auf der Kurischen Rehrung, kommt er noch vor. Sein Derbreitimgsgebiet wird in drei Zonen geteilt. Während er in der ersten und zweiten Zone Standwild ist. zeigt er sich in der dritten hauptsächlich als Wechselwlld.
Zoologisch gehört das Elchwild zu den Hirscharten. unterscheidet sich aber von den anderen Hirschen durch feine Stärke und Körpermerkmale wesentlich. An Gröhe übertrifft es den Rothirsch erheblich, lind fein Körper weist eine Reihe von Merkmalen auf, wie sie sich bei keiner andern, dem Elch verwandten, Wildart finden. Da treten namentlich der große Kopf mit der breiten Muffel und der herabhängenden Oberlippe, der gedrungene Hals, das seitlich gerichtete Geweih und der hohe Widerrist hervor. Weniger auffällig erscheinen dem Auge des Laien die stark ausgebildete Schulterpartie und die sehnigen Läufe. Gerade in den Vorderläufen vermag der Elch eine ungeheure Kraft zu entfalten.' Das zeigt er im Ucberwinden schwierigen Geländes, wie es feinem Heiinatboden im Rorden von Ostpreußen eigen ist, aber auch im Laufen. Seine wesentlichste Gangart ist ein langgestreckter Trab (Troll), der den Trab eines schnellen Pferdes bei weitem übertrifft. Die sehnigen Vorderläufe mit den harten Schalen stellen aber auch eine äußerst gefährliche Waffe dieses WUdes dar. So war es selbst in den Zeiten, als starkes Raub- wild unsere heimatlichen Wälder noch bevölkerte, diesem gegenüber durchaus nicht wehrlos. Bär und Luchs ließen sich nicht gern mit ihm ein. lind manch Isegrim mußte seine Gier mit dem Tode büßen. Ein einziger Schlag streckte den An
greifer nieder, machte ihn unschädlich. Ein Wolf allein kann dem Elch nichts anhaben. Rur ein Rudel von Wölfen kann ihm gefährlich werden, namentlich wenn Glatteis ihn in feiner Bewegungsfreiheit behindert.
Glatteis — Blankeis — das ist ein gefährlicher Feind unseres Wildes. Alljährlich fordert es in dem großen Stromgebiet am Kurischen Haff Opfer. Auch Ueberschwcmmungen können dem Elch verhängnisvoll werden.
In der Tierwelt hat er heute nur noch unter den Kleinen einen heimtückischen Feind, gegen den es keine Abwehrmaßnahmen gibt. Da schwärmt zur Hochsommerzeit ein winziges Insekt von der Grötze einer Hummel an hochgelegenen Stellen, meist unbeachtet von Mensch und Tier, die Elchrachenbremse. Sie legt ihre Eier in die Rasenlöcher des WUdes. Von hier aus gelangen sie in die Rachenhöhle und in den Kehlkopf. Manchmal glückt es dem Elch, die reifen Larven durch Husten auszustotzen. Bei starkem Befall aber geht das von diesen Schmarohem heimgesuchte Wild unter den Qualen eines grätz- lichen Erstickungstodes ein. — Auch der Milzbrand kann in trockenen Sommern den Elchstand empfindlich lichten.
Und schließlich darf auch der Mensch bei Aufreihung der Feinde des Elchwildes nicht vergessen werden. Sein frevelhaftes Treiben fügte ihm zu gewissen Zeiten die bösesten Verluste zu, Verluste, von denen es sich manchmal nur schwer erholen konnte. Besonders übel wurde ihm nach dem Ausgang des Krjegcs in der Zeit der allgemeinen Zügellosigkeit von Wilderern mitgespielt. Damals schmolz sein Bestand so zusammen, daß der Raturfreund ernste Besorgnisse um die Erhaltung dieses gefeinten Wildes hegen mußte. Fast schien es, als sei es bestimmt, das Schicksal des Wisents zu tellen, da gelang es auf Grund des Gesetzes über den Schutz von Ratur- denkmälem eine Verordnung des Oberpräsidenten der Provinz Ostpreußen herauszubringen, die eine völlige Schonzeit des Elchwildes von dreijähriger Dauer ermöglichte, nach deren Ablauf eine Verlängerung dieser Schonung ausgesprochen wurde. Die Erfolge blieben nicht aus. Das Elchwild mehrte sich nach Zahl und Stärke zusehends, und heute hat cs sich sogar über Gebiete ausgedehnt, aus denen es längst vertrieben war. Jetzt ist es dizrch die „Verordnung zum Schuhe von Tier- und Pflanzenarten in Preußen" vom 16 Dezember 1929 weiterhin unter Schutz gestellt.
Die ziclbewutzte unermüdliche Hege, die ihm von feiten wildkundiger Clchheger zuteil wird, hat auch feine Geweihbildung günstig beeinflußt. Als Kopfschmuck des Hirsches ist das Schaufelgeweih anzusehen. Schlecht veranlagte Stucke werden ausgemerzt. Dazu gehören vornehmlich Stangenelche, als solche Tiere, die, trotzdem sie bereits aus dem Stangenhirschalter heraus sind, kein Schaufelgeweih zeigen. Und wer die stattlichen Elchtrophäen der letzten Jahre gesehen hat, der Weitz, daß die Hege in guten Händen ist.
Jeder Raturfreund wird sich der Erhaltung dieses kraftvollen Wildes freuen, das in seiner urwüchsigen ostpreuhischen Moor- und Wasserwildnis anmutet wie ein Gruh aus grauer Vorzeit.
Kuriosa vom Heiratsmarkt.
Trotz aller schwierigen Verhältnisse und der „Ehemüdigkeit", die man unserem Geschlechte nachsagt, wird heute mehr geheiratet denn je, aber es ist auch schwieriger als früher, den rechten Lebensgefährten kennenzulernen, denn man macht größere Ansprüche an die einzelne Persönlichkeit. Daher bedient man sich vielfach der Zeitungs- aiizeige und der geschäftlichen Vermittlung. Allerlei Kurioses auf diesem Gebiet bringt ein Aufsatz von Dr. Thoma in „Scherls Magazin" bei. Als die erste Heiratsanzeige in einer Berliner Zeitung am 5. Oktober 1838 erschien, machte sie großes Aufsehen: heute gehören solche Anzeigen zu den alltäglichen Erscheinungen: nur ihr Inhalt bringt manches Außergewöhnliche. So suchte z. D. kürzlich ein Verheirateter eine neue Lebensgefährtin, die erst seine bisherige Gattin von der Rotwendigkeit einer SchÄdung überzeugen sollte. Ein Studienrat, der eine „Jdealehe" wünscht, erbittet „auch genaueste Angabe von Geburtsstunde, -Tag und -Ort, um ein Horoskop zu errechnen: denn nicht Versprechen unb Vorsätze, sondern angeborene Eigenschaften garantieren dauerndes Glück." Ein „Steuerspezialist" möchte „liebes, wirtschaftlich veranlagtes Mädchen kennen lernen. Modedamen scheiden von vornherein aus". Ein stark hinkender Holländer will nur eine Frau heiraten, die ebenfalls hinkt oder ein anderes „gleich starkes Gebrechen hat". In den Anzeigenseiten finden sich heute sämtliche 'Ältcrsllassen, und Kameradschaftsehen, die von Sechzigern gesucht werden, sind durchaus keine Seltenheit. Weniger ernsthaft ist schon die An
zeige: „Charleys Tante sucht für die Maskenbälle in der Faschingszeit seriösen Anschluß." Die Heiratsvermittlung wird heute von manchen „Eheanbahnungsinstituten" in großem Maßstabe betrieben. Es sind meistens Frauen, die auf diese Weise viel verdienen. Die Kunden bestehen in der Mehrzahl aus Frauen, und diese legen in der Regel weniger Wert auf das Aeutzere als der Mann. „Fast alle heiratslustigen Damen," so erklärte eine Vermittlerin, „pflegen mir, ohne daß ich sie frage, sofort zu sagen: „Der Mann muß nicht hübsch sein." Die Herren der Schöpfung hingegen verlangen alle unbedingt zunächst ein Bild der „ guten Partie" und ich muß zur Ehre der Männer bemerken, daß sich sehr viele trotz vorhandenen Vermögens zurückziehen, wenn das Mädel ihren Wünschen nicht entspricht. Herren, die eine Frau nur des Geldes wegen heiraten, habe ich übrigens gar nicht unter meiner Klientel." Sine andere Eheberaterin teilt mit, daß der Mann meist eine bestimmte Haarfarbe, namentlich Blond, verlangt, während die Frau nichts auf die Haarfarbe gibt. Anderseits sind aber die Frauen in ihren Ansprüchen viel nüchterner. „Heute wollen fast alle Frauen nur einen Kaufmann heiraten," erfahren wir, „denn er hat die größte Chance, Geld zu verdienen, und die Frau ist viel materieller eingestellt als der Wann. Wenn ein Mann einmal verliebt ist, gerät er ganz aus dem Häuschen, und ich kenne viele Fälle, wo Männer auf Geld und Gut verzichten, nur um einer Frau willen. Die Frau aber entbehrt viel weniger leicht, wenn sie verliebt ist. Cie rechnet mehr als der verliebte Mann." Rach den Erfahrungen spielt Liebe auf den ersten Blick eine große Rolle. „Der erste Eindruck ist der entscheidende," sagt die eine und die andere: „Unter allen Ehen, die unter meiner Mitwirkung zustande gekommen sind, sind die häufigsten und besten die, bei denen mir schon nach der ersten Bekanntschaft zugeflüstert wird: „Entzückend! Ganz mein Typ!" Als das beste Alter wird bei der Frau die Zeit zwischen dem 23. und 26.. beim Mann zwischen dem 33. und 36. Jahr bezeichnet : „Die Herren müssen vor 40 fein, sonst haben sie nicht mehr den richtigen Mut, und vor allem sind sie dann schon zu bequem zur Ehe. Wenn ein Mann von über 40 sich an mich wendet,. so kommt er oft vier- bis fünfmal, bis er sich wirklich und ernstlich entschließt, zu heiraten." Doch gibt es 70jährige Damen und Herren, die sich noch an ein Vermittlungsbureau wenden.


