Fünffache gestiegen, die Geschäfte werden buchstäblich gestürmt, man hungert, man friert, man geht in Lumpen. UnJ ine zwei wich.igsten Punkte: die Unzufriedenheit hat mindestens teilweise auf die Armee übergegrif.en, während der Retter aus jeder russischen Hot in der ganzen tausendjährigen Geschieh.e dieses Reiches, d e r Dauer, nach wie vor nicht mitmacht.
Aus allen Maßnahmen spricht die Furcht vordem Mißerfolg, davor, daß die Geldnot doch keine vorübergehende Erscheinung bleiben konnte, daß die Preise nicht heruntergingen, die Industrie auch weiter versagen und der Dauer in der Zukunft ebensowenig Anleihen zeichnen wie sein Drot für den Papierrubel verkaufen könnte, wie er es heute tut.
Dor acht Wochen setzte über Rächt und für die meisten völlig überraschend ein Kommissarwechsel ein, wie ihn selbst Moskau bisher noch nicht gekannt hat. Alle Dehörden wurden ergriffen, fast alle Kommissariate. Unzählig sind die Ramen derer, die in die Wüste geschickt wurden. „Tschecharda" nennt man das im Russischen, Bockspringen. Stalin war wie ein Windgott dazwischengefahren, für jeden Fehler fand er einen Dock, einen Sündenbock. Aber erst jetzt erfährt man die Einzelheiten. Das Defizit im verflossenen Jahr hat danach die enorme Hohe von einer Viertel Milliarde erreicht, der Dauer hat nur einen verschwindenden Bruchteil seiner Steuern bezahlt — die finanziellen Grundlagen des Fünfjahresplanes wanken. Es fehlen Zahlungsmittel, die jeder hamstert, und schon wird dazu übergegangen, Rot gelb zu drucken — um die Inflation zu verschleiern. Wird sich die Entbehrungsgrenze des russischen Menschen noch weiter nach unten schieben lassen? — Woroschilow, der Kriegskommissar, hat neuerdings die Treue der Armee besonders unterstrichen. Aber — sollte es zutreffen, was Gerüchte behaupten, — daß er — dies auch nicht umsonst getan hat, daß er schon eine Art Kontrolle ausübt?
Das ist der dritte Teil des Prozesses Ramsin, der Prozeß um den Fünfjahresplan, der Prozeß Stalin. Das Urteil mag hier noch fern fein, — wenn nicht alles trugt, ist man aber dabei, die Plädoyers zu halten.
Aus der provmzialvauptstabt
Gießen, den 12. Dezember 1930.
Radio-Balladen.
Achtung! — Mühlacker sendet!
I.
Was knattert so spät durch Nacht und Wind? Mühlacker sendet, mein liebes Kind.
Es funkt mit kosmischer Energie.
Es donnert und dröhnt die Batterie!
..Mein Sohn, was birgst du so bang dein Gesicht?" „Hörst, Bater, du denn Mühlacker nicht?
Das ungeheure Wellen-Phantom?"--
„Mein Sohn, es platzte nur ein Atom!"
„Mein Vater, mein Vater, und hörst du denn nicht, wie Mühlacker wieder dazwischen spricht?
Und spürst du nicht den gewaltigen Stoß?"--
„Dom Jupiter riß sich ein Teilchen los."
Dem Vater grausets. Er föppelt zurück. Er hatte mit dem Empfang kein Glück. Der Lärm erstarb. Die Nacht war tief. Der Sohn schrieb einen Beschwerdebrief.
II.
Urahne, Großmutter, Mutter und Kind in London beim Radio vereinigt sind. Miß White singt, wonderful and sweet, von looe and spring ein pretty Lied.
Da gibt es einen terrible Stoß. Urahne reißt es vom Sessel los. Großmutter rauft sich den Bubikopf. Die Mutter drückt auf den Starterknopf.
Das Kind spricht: „That is Infamie! Mühlacker ist es, in Germany." Die Sache wurde in selbiger Nacht noch vor den Völkerbund gebracht. Puck.
Bezirksausschuhiagung der Landwirischastskammer.
Die Bezirksausschüsse Gießen, Grünberg-Lollar, Lich-Hungen und Laubach-Ulrichstein der Hess. Landwirt chaftskammer h:el!en im Gasthaus Hindenburg zu Gießen eine Versammlung unter dem Vorsitz von Landwirt G ö r l a ch ab. Als Vertreter der Landwirtschastskammer waren Präsident Hensel, ferner Dr. A n d r 6 und Dr. P e b l e r, für das Krcisamt Gießen Regierungsrat Dr. Braun und die Vertreter der Landwirtschaftlichen Schulen erschienen.
Bei der Ersatzwahl der Bezirksausschuß-Vorsitzenden wurden gewählt: zum Vorsitzenden des Dezirlsausschu^ses Gießen Phil. Klein. Klein-Linden, für Grünberg-Lollar Hermann Reumeher, Winnerod, zu dessen Stellvertreter Bürgermeister Albert, Queckborn, zum stellvert elen en Bezirksausschuß^or itzenden des Wahlbezirkes Lich Hungen Gustav H u b l i tz, Treis a. d. Lda.
Aach den Wahlen hielt Dr. A n d r 6 einen Vortrag über .Steuersragen". Der Redner behandelte die mißliche Lage der Landwirtschaft, bezeichnete ledeneueSteuererhöhung alsfür die Landwirtschaft völlig untragbar und wies^a auf hin, daß die ettch Landü ir.scha t bereits mit einer Last von 20 Milliarden verichaldet fei und dafür allein Ich Milliarden Mark an Zinsen aufbringen müsse. Der Beitrag der Landwirtschaftskammer betrage, so führte der Redner u. a. weiter aus, nur 1/40 aller anderen Steuern. Das sei ein Beweis für die sparsame Haush al- hing der Kammer. Die Zuhörer folg en dem Vortrag mit großer Aufmerksamkeit. An der Aus- spräche beteiligten sich der Landtagsabgeordnete Fenchel, Ober Hörgern, und die Herren Wid- d e r s h e i m , Obbornhofen, und Münch, Harbach
Ein längeres Referat hielt sodann Dr. P e b - ler über „Erzeugung und Absatz im Jahre 1930“. Infolge des ständigen Preisrückganges feien, so führte er u. a. aus, auch die Absatz- Verhältnisse in Hessen schlechter geworden. Der Derkaufswert des in Hessen erzeugten Weizens betrage e.wa 8,8 Millionen Mart. Es sei bedauerlich, daß vom Ausland Gerste eingeführt werde, während die Gerste des deutschen Bauern nicht verlauft werden könne: der deutsche Landwirt müßte durch den weiteren Ausbau der Zollge etze geschützt werden. Weiter sei der Milchpreis ständig gesunken, eine Tatsache, deren Wirkung nicht za urller.chähen sei. denn wenn dem Landwirt für seine Milch pro Liter auch nur
stiW'äilglichkeiten auf den Nebenbahnen.
Unbeleuchtete Lokomotiven als schwerste Gefahrenquelle.
Dom Oberhessischen Automobil Club (A. v. D.s zu Gießen wird uns geschrieben:
Dor wenigen Tagen tourje von einem Zuge der Kreisbahn Rau.oth—Lchcuerseld (bei Betzdorf! ein Postomnibus umgefahren und Personen- sowie Sachschaden angerichtet.
Wer als Auto.ayrer Gelegenheit hatte, der Diebertalbahn oder ante.en Klein- und Rebcnbahnen bei Rächt und Reael auf der Landstraße zu begegnen, wird gewiß schon mit Schrecken seinen Wagen zusammengeris.en haben, um nicht mit der plötzlich aus der Dunkelheit aus- tauchrnden, mangelbait beleuch eten Lo.omo.ive 4U, ammeiuufobren. Eine sehr gefährlich.' Autofalle ist oeisptelsweise auch die ungeschützte Kreuzung der Bahnlinie Lollar- Londorf mit der stark befahrenen Hauptstraße durch Lollar.
In Drandenburg kam dieser Tage einer jener nicht mehr seltenen Fälle zur gerichtlichen Entscheidung, in dem ein Auto von einem Kleinbahnzuge nachts überfahren worben war und ein dänischer Fliegerkapitän dabei den Tod fand. Der Prozeß war von außerordentlichem Interesse: Es wurue festgestellt, daß der Führer des Autos, ein Hauptmann z. D, als besonders vorsich' tiger Fayrer galt, daß er und die anderen Jn- sa.sen über geschulte Gesichts- und Höro.gane verfügten. Trotzdem hatten sie das Herannahen des Kleinbahnzuges nicht bemerkt, der plötzlich aus dem Dunkel der Rächt auf der schwer übersichtlichen Kreuzung der Straße mit der Bahn auftauchte, das Auto überfuhr und völlig zertrümmerte.
Der Lokaltermin ergab, daß die Lampen der Lokomotive schon in z:hn Meter Entfernung nicht mehr zu erkennen waren, der Zug aber 60 Meter braucht, um bei Rotbremsung zum Stehen zu kommen. Weisungsgemäß hat.e iie LerLo.omo.ivführer der Drennsto^ersparnis wegen beso.rdrrs tief ge- sch.aubt. Trotzdem täglich 5oO Autos jene Unfall» stelle passierten, konnte es die Bahnverwaltung wagen, diesen starken Verkehr der Landstraße
durch mangelhaft beleuchtete Züge zu gefährden. Ein sachverständiger der Außichtsbetz^r^e (if gab den Schtusfel zu dieser Anderständlich.eit. Er verlangte. daß der Autosührer vor jedem unbewachten Bahnübergang halten und me.jrere Minuten beobachten soll, bis er die aojolute Gewißheit hat, daß kein Zug kommt, sonst — mach, er sich strafbar. Der sachverständige gab damit der Bayn das Recht, den Verkehr von 1930 dadurch zu gefährden. daß sie ihre Lokomotiven mit Lich.^uellen aus der Technik unserer Großväter ausstattet.
Gegen diesen technischen Anachronismus muß im Interesse der Allgemeinheit schärfster P r o t e st eingelegt werden. Heute, wo jedes Auto — ja sogar jedes Motorrad — sich durch Scheinwerfer an Wegkreuzungen bemerkbar machen kann, müßten auch Lokomotiven mit weit- strahlendem L-ch. äusser, st.t wer. en. D.r Scheinwerfer auf der Lokomotive muß obligatorisch werden. Er bewahrt den stark gesteigerten Verkehr unserer Landstraßen vor Zusammenstößen mit der Bahn und zeigt dem Lokomotivführer auf freier Strecke etwa auftauchende Hindernisse rechtzeitig an.
Die elektrische Lichtquelle auf der Lokomotive könnte auch für die Fahrgäste im Zuge eine große Annehmlichkeit bedeuten, denn von ihr aus könnte der ganze Zug hell erleuchtet werden. — Die Kleinbahnen hagen über steigenden Rückgang des Personenverkehrs. Warum sorgen sie aber immer noch so wenig für ihre Fahrgäste, denen sie zumuten, stundenlang in Wagen zu fitzen, die durch Ocl- oder Gaslämpchen so schlecht erleuchtet find, daß selbst das Lesen eines Buches unmöglich wird?
Licht lbckt Leute! Der hell erleuchtete Zug, dessen Licht auch die so oft im Düstern liegenden Bahnsteige erhellt, wird ein ausgezeichnetes Werbemittel für die Kleinbahnen sein und der gesteigerte Verkehr würde die Aufwendung für die elektrische Beleuchtung der Lokomotiven und Züge schnell ersehen.
ein Pfennig weniger bezahlt werde, so bedeute das für die deutsche Landwirtschaft insgesamt einen Derlustbetrag von 2 Millionen Mark. Der Redner beschäftigte sich sodann mit dem Problem der Fleischversorgung und wies darauf hin, daß die hessische Landwirtschaft sehr gut in der Lage sei, den Fleischbedarf von 1,2 Mill. Einwohnern sicherzustellen.
Die Versammlung beschloß, den nächsten Bezirkstag im Selgenhof bei Alrichstein abzuhalten.
Beschäftigt Berufsmusiker!
Vom Deutschen Musiker-Verband wird uns unter der vorstehenden Aeberschrift geschrieben:
Die gegenwärtige Wirtschaftskrise wirkt sich besonders stark im Musikerberuf aus. Tausende von Orchestermusikern sind infolge Auflösung, oder Verkleinerung der Kulturorchester abgebaut worden. Aus den Kinos sind nach Einführung des Tonfilms nahezu sämtliche in diesen Betrieben beschäftigt gewesenen Musiker — deren Zahl 12 000 bis 15 000 betrug! — zur Entlassung gekommen. Rundfunk und Schallplattenmusik mit Lautverstärker ersetzen die bisher von lebendigen Musikern ausgeführte Musik in Kaffeehäusern, Bier- und Tanzlokalen, soweit in diesen Betrieben nicht ausländische Musiker und Kapellen tätig sind. Bei Vereins- und Privatfestlichkeiten, soweit solche überhaupt noch stattfinden, werden nur ganz kleine Musikensembles, oder wird gar nur ein Pianist beschäftigt (und dann meist noch Dilettanten und andere die Musik nebenberuflich betreibende Personen!), so daß die Zahl der arbeitsuchenden und erwerbslosen De- rufsmusiker ins ungemessene gestiegen ist. Von den in Deutschland vorhandenen Berufsmusikern sind annähernd 70 Prozent ohne feste Beschäftigung!
Das bevorstehende Weihnachtsfest und die kommende Zeit der Wintervergnügungen, aber auch Veranstaltungen der Chorvereine usw. bieten die Möglichkeit, den arbeitslosen Berufsmusikern einen kleinen Verdienst zukommen zu lassen. An die Musikveranstalter, Vereine, Privatpersonen usw. wird der dringende Ruf gerichtet: Beschäftigt keine Dilettanten und andere die Musik im Rebenberuf betreibende Personen, berücksichtigt bei allen musikalischen Veranstaltungen die arbeitslosen Berufsmusiker!
Aufrechterhaltung der Anwartschaft in der Angestelltenversicherung.
Für die Zeit vom 1. Januar 1926 an ist es zur Aufrechterhaltung der Anwartschaft inderAngestelltenversicherung erforderlich, daß ieber Versicherte vom 2. bis 11. Kalende iah. e seiner Versicherung jährlich mindestens acht, vom 12. Kalenderjahre an jährlich mindestens vier Beitragsmonate nachweist, Die Anwartschaft erlischt zunächst, wenn viese Mindestzahl nicht erreicht wird. Sie lebt aber wieder auf. wenn der Deriiaierte so viel freiwillige Beiträge, als zur erforderlichen Mindestzahl von Deitraas- monaten fehlen, innerhalb der zwei Kalenderjahre nachentrichtet, die dem Kalenderjahre der Fälligkeit folgen. Es können also die etwa noch erforderlichen - e träge für ia3 Jahr 1923 nochbiszum 31. Dezember 19 30 n ache ntrichtet werden.
Der dem damaligen Reichstage im Jahre 1929 vorgelegte Entwurf eines Gesetzes zum Ausbau der Angestelltenversicherung sah allerdings vor, daß alle Anwartschaften bis zum 31. Dezember 1929 als aufrechterhalten gelten sollten, auch wenn in einzelnen Jahren zu wenig Beiträge oder keine Beiträge entrichtet wurden. Da es aber noch ungewiß ist, ob und in welcher Form dieser Entwurf dem jetzigen Reichstage wiedervorgelegt und Gesetz wird, empfiehlt es sich, die zur Aufrechterhaltung der Anwartschaft erforderlichen Beiträge bis zum Schlüsse des Jahres 1930 nachzuentrichten, denn nach Eintritt des Versicherungöfalles ist die Rachentrichtung freiwilliger Beiträge regelmäßig unzulässig. Die freiwilligen Beiträge werden nicht zur^ckgezahlt, auch wenn sie wegen einer etwaigen späteren Gesetzesänderung nicht notwendig gewesen wären.
Freiwlllige Beiträge sind in der dem jeweillgen Einkommen entsprechenden Gehaltsklasse, mindestens aber in Klasse B zu entrichten. In Klasse B können Beiträge nur von so.chen Versicherten geleistet werden, die ohne Einkommen find, oder
deren Einkommen im Monat den Betrag von 100 Mk. nicht übersteigt.
Taten für Samstag, 13 Dezember.
1769: der Dichter Christian Fürchtegott Gellert in Leipzig gestorben: — 1797: der Dichter Heinrich Heine in Düsseldorf geboren; — 1836: der Maler Franz von Lenbach zu Schrobenhausen in Oberbayern geboren; — 1863: der Dichter Friedrich Hebbel in Wien gestorben.
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•• Abschreibungen für Einrichtungen in gemieteten Räumen. In den von Steuershndikus Hermann Will zu Gießen herausgegebenen „Aktuellen Steuerfragen" (Rundschreiben Rr. 23) lesen wir: Hat ein Kaufmann für feinen Geschäftsbetrieb Einrichtungen in gemieteten Räumen vorgenommen, fo kann er nach einer Entscheidung des Reichsfinanzhofs vom 24. September 1930 — VIA 729,30 — die Abschreibungen stets danach bemessen, wie lange er am Ende des SteueraLschnitts voraussichtlich noch die Einrichtungen für seinen Betrieb wird benutzen können. Reue Tatsachen, welche die Ruhungsdauer beeinflussen, kann er dabei berücksichtigen. Wenn beispielsweise erhebliche Spannungen zwischen ihm und seinem Vermieter eingetreten sind, so daß er als vorsichtiger Kaufmann befürchten muh der Vermieter werde ihm kündigen oder er werde selbst zur Kündigung ge- züuagen fein, dann kann er diese Befürchtungen bei der Bewertung der in die Mieträume eingebauten Einrichtungen berücksichtigen, indem er eine höhere Abschreibung vornimmt, als er vorgenommen hätte, wenn er noch mit einer langen Mietdauer rechnen könnte.
*• Gesellschaftsreifen zum Wintersport. Wie uns vom Hapaa-Reiseburcau in Gießen, Seltersweg 93, mitgr teilt wird, finden in der Zeit vom 25. Dezember 1930 bis 10. Februar 1931 fünf billige Gesellschaftsreisen nach Engel- berg, Gossensaß, Kandersteg und Zermatt zum Wintersport statt. In diesen Gesellschaftsreisen ist die Eisenbabnfahrt 3. Klasse, Hotelunterkunft, Dedienungsgeld, Sporttaxe und Gepäckb.förde- rung eingeschlossen. Jeder Teilnehmer kann über seine Zeit beliebig verfugen; es besteht kein Zwang, an den von der Reiseleitung vorgesehenen Veranstaltungen teilzunehmen. Ferner ist das Reisebureau der Hamburg-Amcrila-Linie in der Lage, günstige Angebote für Einzelreisende für 10 volle Tage zu stellen. Rähercs im Hapag-Reisebureau. Interessenten seien auf die heutige Anzeige hingewiefen.
•• Deutsche Angestellten-Kranken- lasse. Die Verwaltungsstelle Gießen der Deutschen Angestellten-Krankenkasse hielt im „Hessischen Hof" eine Mitgliederversammlung ab, die gut besucht war. Im Hinblick auf die einberufene außerordentliche Hauptversammlung der Kasse entspann sich — wie man uns berichtet — eine lebhafte Aussprache über die Notverordnung und die Reugestaltung der Satzung. Die Versammlung faßte folgende Entschließung: „Die Angestellten stellen mit Bedauern fest, daß die Rotverordnung zur Krankenversicherung neben starken Leistungseinschränkungen das Selbstverwaltungsrecht schmälert und im wesentlichen nicht der geforderten Reform entspricht. Die Mitgliederversammlung erwartet vom Gesetzgeber die Berücksichtigung der besonderen Bedürfnisse des An gestelltenstandeS."
Oppenheim ohne Stadtrat.
Proteststreik.
WSA. Oppenheim, 11. Dez. An die Fülle der traurigen Bilder aus dem Oppenheimer kommunalen Leben reiht sich jetzt wieder ein neues Dienstag flog die Stadtratssitzung auf, am Mittwoch kam es nicht einmal zur Verhandlung. Der Bürgermeister hatte zu einer nichtöffentlichen Sitzung eingelaten, in der u. a. die Frage der Winterbei hilf« und der Rotstandsarbeiten verhandelt werden sollte. Die fozialdemckratische Mehrheit beschloß die Oe f f e n t l i ch ke i t der Sitzung. Der Bürgermeister lehnte trotzdem eine Verhandlung vor der Oef f e n t l ich kei t ab. Daraus traten die sozialdemokratischen Mitglieder nicht in die Verhandlung ein. Anschließend an die nicht zustande gekommene Sitzung begab sich die sozial- oemokratische Fraktion zum Kreisdirektor auf das KreiSamt und erklärte» daß die fozialdemo»
kratischen StadtratSmitalteder fo lange an keiner Sitzung mehr teilneh- men würden, bis die Aufsichtsbehörde hier einbegriffen bat Es ist also jetzt so weit gekommen, daß die bürgerlichen Vertreter nicht wegen den sozialdemokratischen, diese aber nicht wegen deS Bürgermeisters zu den Sitzungen erscheinen. Man darf gespannt fein, was jetzt die Aufsichtsbehörde unternimmt
Erweitertes
(Schöffengericht Gießen.
* © i e 6 e n, 10. Dez. Vor einiger Z .it war durch das hiesige Schöffengericht ein junger Mann aus der Wetterau wegen fahrlässiger Tötung zu einer erheblichen Geldstrafe verurteilt worden. Gr hatte in der letzten Reu- jahrsnacht in dem unbeleuchteten Hof feiner Eltern scharf geschossen. Rach Abgabe des ersten Schusses entlud sich aus der ungesicherten Pistole in dem Augenblick, als er die Waffe dem hinter ihm stehenden Rachbar F. zurückgeben wollte, plötzlich ein zweiter Schutzs- d« diesem durch den linken Unterarm ging und einen andern jungen Mann in den Leib traf, wodurch letzterer fo erheblich verletzt wurde, daß er an den Folgen in der darauffolgenden Rächt verstarb. Rachdem sich nun herausgestellt hatte, daß der verletzte F. vorher die Pistole auf Bitten deS Schützen, der selbst von der Handhabung der Waffe nichts verstand, in Ordnung gebracht, geladen und entsichert hatte, wurde auch gegen F. unter dem Vorwurf, daß er die geladene und entsicherte Pistole, obwohl er deren Gefährlichkeit genau kannte, einem Schießunkundigen überlassen hatte, Anklage wegen fahrlässiger Tötung erhoben. In Anbetracht dessen, daß auch der Verstorbene, der in nächster Rähe dem Hantteren mit der Waffe zugesehen hatte, bis zum gewissen Grade unvorsichtig war, sah das Gericht von der Verhängung einer Freiheitsstrafe ab und verurteilte den Qlngetlagten F. an Stelle einer an sich verwirkten Gefängnisstrafe von 2 Monaten zu einer Geldstrafe von 200 Mk.
Aus der Untersuchungshaft vorgeführt wurde ein wegen Diebstahls wiederholt vorbestrafter Arbeiter, der vor kurzem durch ein auswärtiges Gericht wegen räuberischen Diebstahls zu einer mehrjährigen Freiheitsstrafe verurteilt worden ist und sich jetzt wegen einer Reihe von ihm in letzter Zeit begangener Diebstähle zu verantworten hatte. U. a. hatte er sich nicht gescheut, sogar seinen Arbeitskollegen ihr ganzes Hab und Gut mitzunehmen und in Geld umzusehen. Rur mit Rücksicht auf fein Geständnis und fein verhältnismäßig noch junges Alter wurden ihm nochmals mildernde Umftänbe zugebilligt und er zu einer Gesamtstrafe von zwei Jahren sechs Monaten Gefäng- n i s verurteilt.
Wegen schwerer Urkundenfälschung stand ein anderer Arbeiter unter Anklage, der mit dem Ramen feines Schwiegervaters ohne dessen Wissen und Willen einen Wechsel akzeptiert und den so gefälschten Wechsel bei einer Sparkasse hatte diskontieren lassen. Unter Zubilligung mildernder Umstände wurde er zu der gesetzlich zulässigen Mindeststrafe von einer Woche Gefängnis verurteilt.
Kirche und Schule.
Tagung des Evang strauenvereinS in Lang Göns.
== Lang-Gons, 7. Dez. Zum erstenmal trat unser hiesiger Evang. Frauenverein, der über 100 Mitglieder zählt, mit einer größeren Tagung vor die Oefsentlichkeit. Arn Sonntagnachmittag fand in der Turnhalle, die kaum alle Gäste fassen konnte — man zählte über 500 Besucher —, eine Veranstaltung mit sehr reichhaltigem Programm statt. Auch zahlreiche Besucher aus der Umgegend hatten sich eingefunden. Die hiesigen Gesangvereine ^Frohsinn" und „©ermania", sowie der Gemischte Chor und der Posaunenchor halfen mit, daß die Feier abwechslungsvoll und würdig verlief. Rach kurzen Degrüßungsworten des Ortsg.istlichen, Klaviervorträgen usw. wurden die Gäste mit Kaffee und Kuchen bewirtet. Den Höhepunkt des Tages bildete der Vortrag von D. Dr. Wilh. Diehl, Prälat der Hess. Evang. Landeskirche, über die Lang-Gönser Kirchengeschichte. In meisterhafter Weise verstand es der Vortragende, die Zuhörer durch seine Ausführungen zu fesseln. Er ging zunächst auf die Ereignisse der Reformation ein, zeigte hier deutlich, in welchen Richtungen sich die damaligeWelt- anschauung in unserer Heimat bildete, wie durch Priester und sogenannte Winkllprediger (Bauernführer) das Evangelium gepredigt wurde. Weiter führte er die hauptsächlichsten Begebenheiten aus der Kirchengeschichte der Gemeinde Lang-GönS und Umgegend an, ging auf die sogenannten Stipendiate ein und erläuterte an dem Einzelschicksal dieser Geistlichen die allgemeine kulturpolitische Lage vergangener Zeiten. Im Anschluß daran gab er ein Bild der unermeßlichen Rot, die damals nach der Reformatton im deutschen Vaterlande herrschte und zog die Parallele mit- der heutigen Zeit. Aber wie sich damals die Geistlichen und Lehrer nicht unterkriegen ließen im festen Vertrauen auf eine bessere Zukunft, ebenso sollten auch jetzt die evang. Christen hoffen und nicht verzweifeln an der Rot der Zeit. Der Orlspfarrer dankte dem Redner und gab noch einige Ergänzungen. Eine Verlosung von gestifteten Gegenständen schloß sich an. Der Reinertrag des Tages ist für das evang. Gemeindehaus bestimmt. — Am Abend fanden sich nochmals zahlreiche Besucher ein, die durch Theaterstücke der Jugendgruppen u. a. Darbi tungen aufs beste unterhalten wurden. Jedenfalls kann der Frauenverein auf diesen Tag mit Freude und Stolz zurückblicken.
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eil Sellnrod, 8. Dez. Gestern fand hier durch den Superintendenten von Oberwellen, Ober- kirchenrat D. Wagner, eine ordent iche Kirchenvisitation statt. Im Gottesdienst predigte der Verwalter unserer Pfarrei, Pfarrer König (Groh Eichen). Alsdann hielt der Visitator eine Ansprache an die Gemeinde. Der Gottesdienst wurde ausgeschmückt durch zwei sehr schön vorgetragene Chore der Schulkinder unter Leitung von Lehrer Weimer. An den Gottesdienst schloß sich eine Sitzung der Kirchengemeinde Vertretung und des Kirchenvorstandes an. Im Rachmiitagsgoltesdienst fand eine Prüfung der Chrlstenlehrpflichtigen und der Schulkinder aus den Kirchspielgemeinden In der Kirche statt. Das Ergebnis war recht befriedigend.


