Einzelbild herunterladen

Nr. 291 Zweites Blatt

siebener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)

Zreitag, 12. Dezember (950

55

Oie Hintergründe des Moskauer Schädlingsprozeffes. Meister der Regie. Oie (Schauspieler. Oer Prozeß gegen Frankreich. Stalin als Angeklagter.

Don unserem ^.-Berichterstatter.

(Hochdruck, auch mit Quellenangabe, verboten!) Moskau. Dezember 1930.

Der großeSchädlingsprozeß". der am 25. No­vember im Kolonnensaal des GewerkschaftshauseS eröffnet wurde, hat mit den fünf Todes­urteilen am 7. Dezember feinen Abschluß er­reicht. Einen Tag später hat daL Präsidium des Zentralvollzugskomitees von seinem Begnadi­gungsrecht Gebrauch gemacht und allen Derur- teilten die Todesstrafe ineine zehnjährige Gefängnis st rase umgewandelt. Sie wurden in das an der Lubjanka, jetzt Dsershinski- Straße, gelegene Gefängnis der GPU. abgeführt. Das sind die nüchternen Tatsachen.

Das Schauspiel ist beendet. Langsam fällt der Dorhang. Zur Dervvllständigung des Dildos dieser Dorstellung muh aber auch noch der feh­lende Satz ergänzt werden: die Zuschauer klatschten rasend Beifall. In der Tat: als Wyschinski mit seinem Gerichtshof am Sonn­tagabend wkeder erschienen war, als er in atem­loser Stille das Urteil verlas und der Dann sich gelöst hatte, setzte minutenlanger, stürmischer Beifall ein. Die Menge im Gerichtssaal tobte und raste vor Begeisterung. Den Forderungen derkochenden Volksseele", die zehn Tage langTötet sie. tötet sie!" ge­schrien hatte, die Blut sehen wollte, war Ge­nüge getan. Es fragt sich nur. ob die Begrün­dung der Degnadigungsinstanz,die Organi­sation der Industriepartei sei ja ohnehin zu- fammengebrochen" unddie Sowjetmacht sei heute so fest begründet, daß sie es sich leisten könne, Dlilde zu zeigen", ob dies ebenso stürmisch be­grüßt und bejubelt wird?

Die Verhandlung war auch äußerlich glänzend. Wieder einmal hat es sich gezeigt, daß die Russen Mei st er der Regie und der Or­ganisation sind. Der große Kolonnensaal des Dom sojusow", das Gebäude des ehemaligen Adelsklubs an der Dmitrowka, Ecke Ochotnyj, war zehn Tage lang der Anziehungs­punkt für ungezählte Menschenmas­sen. Sie drängten sich vor dem Eingang und verlangten stürmisch Einlaßkarten, die streng ra­tioniert und längst zuvor auf die Dertreter der großen Werke und Fabriken verteilt waren, die man aus politischen Gründen dabei haben wollte. Der Saal gehört zu den größten und schönsten Moskaus. Don den großen Kronleuch­tern in ein Meer von Licht getaucht, erstreckt er sich durch zwei Stockwerke, und ist berühmt durch seine zwölf korinthischen Säulen aus wei- hem Marmor. Am Kopfende ist eine Provi­sor ischeBühnefür das Gericht errichtet die Verhandlung erinnert auch durch diese Aeuherlichkeit an ein Schauspiel. Rechts steht der Tisch des Staatsanwalts, links die Bänke der Angeklagten, und zwei Drittel des Saales sind mit Stühlen und Bänken für die Zu­schauer ausge^üllt. Dor dem Vorsitzenden Wy­schinski. dem Anklagevertreter Kry len ko und dem Hauptangeklagten Ramsin stehen Mikrophone, und auf halber Höhe sind die riesigen I u p i t e r l a m p e n der Photographen und Kinomänner an­gebracht. Wyschinski, der Gerichtsvorsihende, ist ehemaliger Professor juris. Er zeigt ein intelli­gentes, gepflegtes Aussehen. Mit seinem geschei­telten Haar, den klug blickenden Augen und im schwarzen Anzug sieht er fast gewollt europäisch aus und sticht z. B. angenehm von dem Staats­

anwalt ab. Dieser erscheint in Wickelgamaschen und grüner Lodenjoppe. Als Sportsmann, Iäger, Wanderer, Raturliebhaber. Seine Augen gehen prüfend über den Raum, bleiben an den An­geklagten haften ... Er verfolgt jedes Üjrer Worte. Findet aber nur selten Gelegenheit, sie zu unterbrechen, selbst eine Frage zu stellen. Es wickelt sich alles wie am Schnürchen ab. Im gleichen Saal fand der Schachty-Prozeh statt, in chm war auch Lenins Leiche vor ihrer endgültigen Beisetzung aufgebahrt. Das Ganze macht dennoch a»H heute noch keinensowjeti- stischen" Eindruck.

Wer sind die Angeklagten? Sie gehören samt und sonders zur russischen Intelligenz. Schon zur Zarenzeit waren sie zum größten Teil anerkannte Wissenschaftler, von denen einige internationalen Ruf besitzen. Rach der bolsche­wistischen Revolution haben sie sich nicht, wie die meisten ihrer Gesinnungsgenossen, ins Aus­land begeben und standen in der Folge vor der Frage, wie sie sich zu dem System stellen sollen. War für sie die mit dem Eintritt in den Sowjet­dienst verbundene Berechtigung auf Bezug von Lebensmittelkarten usw. entscheidend, als sie ihre Dienste den neuen Machthabern zur Verfügung stellten? Mag sein, daß auch dies eine »Rolle ge­spielt hat. Aber ohne Zweifel hat für die meisten von ihnen das ideelle Motiv, Mithilfe am Aufbau des gemeinsamen Vater­landes, den Ausschlag gegeben. Zudem wur­den ihnen für diese Mitarbeit von den Räten auch die verlockendsten Versprechungen gemacht. Sie bewährten sich als sachverständige Kenner der Wirtschaft und rückten bald zu den höchsten Stel­len auf. Da wurde eines Tages ein neuesDerschwörernest ausgehoben'', einer der üblichen Schädlingsprozesse war in Sicht. Erst später ergab es sich, daß geheimnisvolle, aber hochmögende Kräfte aus der Gegend des Kreml aus ihm einen neuen Monstreprozeh zu machen gewillt waren. Unzählige derartige Prozesse fanden schon und finden jetzt noch in der Sowjetunion statt. Unzählige werden infolge ihrer Schädlingsarbeit erschossen, ohne daß Zrtc Öffentlichkeit je etwas davon erführe. Warum hier der Lärm? Es gehört zu den Un­begreiflichkeiten dieses Prozesses, daß die Exi­stenz der Industriepartei, wie die Anllageschrift behauptet, der GPU. schon seit Iahren bekannt sein soll. Warum hat man sie erst im August aufgedeckt? Und warum begann erst einen Monat späterdie diplomatische Vorberei­tung" des Prozesses?

Der unbeteiligte Zuschauer konnte sich in seinem ganzen Verlauf eines Empfindens des Grauens nicht erwehren. Was veranlaßte den Haupt­angeklagten Ramsin, einen Wissenschaftler von Weltruf, der auch der deutschen Oeifentlichkell durch seine Teilnahme an der Berliner Physiker­tagung 1929 bekannt ist, zu seiner hemmungslosen Of enyeit, zu jenen uferlosen ..Geständnisse n, die in Wahrheit mit solchen nichts mehr zu tun hatten, sondern eine Anklage par excellence dar­stellten? Er hat die Hamen Ser 2000 Mitglieder der Partei preisgegeben, allen ihnen totrö jetzt der Prozeß gemacht, aber sie dürsten nicht so gut wegkommen wie er selbst er hat in einer nahezu sadistischen Selbstzerfleischung Verbrechen gestanden", die (im Laufe eines knappen halben Iahrzehnts!) niemals begangen werden konnten, wenn die Sowjets sich nicht selbst

damit das größte Armutszeugnis auS ft eilen wollten. Er hat von sich und seinen Genossen wahre Schauermärchen diabolischer Verderbtheit und raffinierter, geradezu übermenschlich syste­matischer Schädlingsarbeit erzählt... Die Loko­motiven seien bewußt zu schwer gebaut worden, um die Eisenbahnen in Grund und Boden zu fahren: die Bahnen habe man mit unnützen Tausend^Tonnen-Lasten überladen, um die Bahn- Höfe zu verstopfen und den Verkehr zu des­organisieren: unter dem Firmenschild von Motor- 3emenifunDamcnten seien Beton stände für die künftige Artillerie und unter dem der Arbeiterbaracken in Wahrheit Luftschiff- hallen errichtet worden für die Interventions­armee. Lind das alles haben 2000 Menschen im Verlaufe eines halben Iahrzehnts systema­tisch betrieben, ohne daß die glänzende Organi­sation von Partei und Staat in Rußland etwas gemerkt hat? Lind erst der GPU., der politischen Polizei, die wenig wirtschaftliche Kenntnisse be- sitzt, soll es gelungen fein, dieses Teufelswerk aufzudecken? Es blieb ein Rätsel. Dis zum letzten Tage der Verhandlung blieb der eine Teil der Verhandlung, der Prozeß gegen Ramsin und Genossen, ein Rätsel.

2Iber auch der andere Teil, der Prozeß gegen Frankreich, war geheimnisvoll. Hamen tauchten hier auf Deterding. Briand. Poincare, Vickers Hamen, die stets genannt werden, wenn es angezeigt erscheint, eine neue Kriegstreiberei gegen die Union aufzudecken. Es regnete Dementis aus aller Welt, die Anllage­schrift hat zwar nicht mit Beweisen auszu­warten es ist kein einziger Beweis im europäischen Sinne darin enthalten aber Hamfin hielt seine Geständnisse aufrecht. Cs ist von hier aus schwer festzustellen, welcher Wert den französischen Dementis beizulegen ist. Es mag zu verschiedenen Zeitpunkten der Hach- kriegszeit dort Interventionsfreunde gegeben ha­ben, aber die wahren Hintergründe dieses Prozesses gegen Frankreich werden wohl ewig

unaufgeklärt bleiben. Zumal Frankreich schweigt, beharrlich schweigt. Und Rußland zwar die schwersten Anklagen gegen Paris schleudert, aber ebenso wenig irgendwelche diplomati­schen Folgerungen aus dieser angeblich so einwandfreien Lage zu ziehen wünscht, obwohl Botschafter Herbette hier ohnehin schon seit go- raumer Zeit nicht mehr ein gern gesehener Gast ist. Auch hier also ein Rätsel.

Finden beide Rätsel ihre Aufklärung In dem Degnadtgungsakt?Schaut her", sagt Kalinin, der Präsident,es war ja alles gae nicht so ernst gemeint". Aus den ersten Blick: ein neues Rätsell Aber wenn einem geheimnis­voll ins Ohr geflüstert wird, daß die Angeklagten wohl gar nicht erst sitzen werden, wenn man erfährt, daß Ramsin sogar einen Privat­sekretär gehabt haben soll, der die Aus­arbeitung seiner Geständnisse (natür­lich in engem Kontakt mit den berufenen Stellen) zu besorgen hatte, wenn man schließlich bedenkt, daß seine Selbstanklagen durchLautsprecher in die fernste Provinz verbreitet wurden und daß die bleichen, tränenbedeckten und reue­zerfressenen Gesichter der Angeklagten jetzt in allen Kinos zu sehen sind, wenn man das alles weih, dann versteht man allerdings, daß auch dieser Dienst, der dem Diktator er­wiesen wurde, einen Lohnanspruch vor­aussetzt.

Wenn der Iurist die FrageWer hat den Ruhen?" zum Ausgangspunkt seiner Unter­suchung macht, so trifft er zweifellos den Kern. Und c u i bono?, so muh man auch hier fragen. Die innere Lage des gesamten Landes und die bedrohliche Zunahme der Zersetzungs­erscheinungen in der Sowjetwirtschaft in den letzten Monaten lassen die Entlastungs- offensive, die Stalin mit dem Ramsin-Prozeh angetreten hat, begreiflich erscheinen. Denn in dem waldreichen Lande wird neuerdings sogar das Holz rationiert; die Preise sind im Laufe der letzten sechs Wochen etwa um daS

Kommunisten-Krawalle in Hamburg.

>u schweren Zusammenstößen zwischen der Polizei und demonstrierenden Kommunisten kam es in lamburg. Die Beamten mußten von der Schußwaffe Gebrauch machen, wobei eine Person getötet, ____________________________eine zweite Person schwer verletzt wurde.

i r* /. r - M MW M MM

3m Kohienpott.

Don Albert Daudistel.

Ich bin in den Kneipen von Cardiff und Liver- Pool gewesen. Ich war im Laargebiet und oben in Hämmertest. Und inRotterdam.an der großenMaas- btüde, schaute ich oftmals den abgemagerten, blind und lahm gewordenen Gäulen nach, die aus dem Dunkel englischer Stollen herüberkamen und dann nach irgendeinerProbukien-Verwertungsstelle" hin- ken mußten, woselbst ihr Körper aufgeteilt wird, und seine Details in die Gerberei, in die Roßhaarab- teilung, in die Leimkocherei und in die verschiedenen Laboratorien gelangen. Einmal fiel mir dort an der groben Mahbrücke auf, daß die Arbeiter, die jene Gäule so dahinführten, vor einem Leichenwagen, der ihnen entgegenkam, die Mützen abnahmen.

Reulich bin ich ins westdeutsche Industriegebiet gefahren mit der Absicht, auch da mal herurnzu- schnüffeln, um zur Einsicht über das zu kommen, was die Menschen über die mannigfaltigen Verhält- niffe, unter denen sie so leben, eigentlich zu erreichen wünschen... So gedachte ich zuerst in Mühlheim, in Dortmund, in Essen, in Bochum, in Solingen und in den abseitsgelegenen Industrieortschaften mit Werkdireltoren Fühlung zu nehmen, bei ihnen nach dem,was ich eigentlich malwiffenwollle,zubohren". Dann hatte ich vor. mit verschiedenen Gewerkschafts» beamten darüber zu diskutieren AufGrünzeugmarkten plante ich, mit Frauen eine Unterhaltung darüber anzuzetteln.Und inDersammlungenund allenthalben, wo die Menschen sich mit ihren Sorgen zusammen- finden, wollte ich dem, was ich mal so wissen wollte, nachspüren. Aber all diele Pläne ließ ich außer Acht, da ich - ich weih nicht mehr, ob es in Mühlheim oder in Dortmund, in Essen oder in Bochum, in Solingen ober in irgendeiner der abseitsgelegenen Industrie­ortschaften war - über einen offenen, feldähnlichen Platz ging, den Kinder als Wieie benützten und auf dem zwei stramme Dalken ein großes Schild hoch- reckten, aut dem zu lesen war: .Fabrikgelände zu verkaufen. Räheres durch Hermann Dannenberg..." Ich geriet an eine hohe Mauer, die etwa achtzig Meter lang war unb keine Fenster hatte. An ihrem rechten Ende hauchte bas Munbstück eines Rohres einen Schwalm nach bet Wiese hin. ben man nicht sah, ber aber biß. An ihrem rechten Enbe lief, so in der Höhe der ersten Etage, eine Riemenscheibe. Erst verwunberle ich mich darüber, well die Scheibe so leer lie>. Ich schaute jedoch ihrer merkwürdigen De- triebsamkeit zu und lauschte dabei dem Lachen und Rufen ber spielenben Kinber. Dazwischen pfiffen von irgenbwoher Lokomotiven. Unb immer unb immer toieber ratterten Lastautos, belaben mit neuen Pro- tzukrionsmaschinen, an dem Platz vorbei. Zo. dachte

ich, bald wird bet Platz nicht mehr existieren: unb bie Kinber werben in ber neuen Fabrik an ben neuen Maschinen altem.

In bet Rähe von Dochum wurde ich in einen unterirdischen Gang Hinuntergelaffen. Und schwei­gend tappte ich meinen Dordermännem nach. Die leuchteten. Aus einmal sagte ber, ber neben mir ging, wir befänben uns hunbert Meter tief in ber Erbe. Unb wir gingen unb gingen. Mir würbe heiß. Die Grubenlampen verfärbten fich blaurot. Unb ber weiche Hoben schmatzte. Mein Hebenmann erklärte mir. wir seien schon eine Wegstunbe vom Förber- korb entfernt. Ich bückte mich unb folgte ben Berg­leuten. Schließlich tarnen wir an eine Verzimmerung, bie ben Stollen versperrte. Die Vorbermännet schlu­gen mit Äxten unb Pickhaken bas tzinbernis niebet. Unb ber Führet sagte mir, inbem er in ben schwatzen Rachen beutete bet uns entgegengähnte, hier beginne bettote Stollen"... Wit tappten hinein unb gingen weiter, immer weiter. Unb ich hörte, baß vor etwa einem Jahr ein schlagenbes Wetter ben Stollen zer­stört hatte. Unb aus dem Gequirl des Matsches ver­nahm ich bas Geröchel Verschütteter. Ich sagte zu bem Führer: .Aber die Halben oben sind doch praß- voll! Warum denn muh wiebet in biesen Stollen gearbeitet werben??"-Et erwibetie, ber Bebarf fei größer geworben als bie Halben; unb bettote Stollen" liefere am meisten unb am besten ... Rach einer geraumen Weile hielten wir; unb bie Berg­leute bohrten hie unb ba bie schwarze Wanb an. Schwerer Staub wirbelte auf; unb glühenbe Fünk­chen spritzten ab; unb manchmal zischte cs; unb als sie bem schwarzen Ungeheuer die Patronen in ben Leib gesteckt hatten, wichen wir zurück; unb ich schnüffelte, weil ich bachte, es rieche nach Gas. Da blitzte es; bie Luft stieß hart gegen mich; bet Stollen hüpfte mal; ich griff nach Halt; aber bie Detonation wat vorüber; unb bie Wanb dahinter erbrach nun tonnenweise das glänzende Gestein. Zwar blies bet Stollen feinen schwarzen Atem gegen bie Lampen; aber bet Führet sagte ruhig:Los! Weitet..."

Einige Tage würbe ich in einem anbeten Ott in ein Walzwerk geleitet. Aus weihglühenben Eisen­blöcken guetschten riesige Walzen lange, bide unb dünne Profileiscn unb Rippel- unb Glattbleche. Es wat Rächt. Unb in bem Höllenlärm sahen bie Menschen, bie ben Walzen so arbeiten halfen, nicht aus wie Menschen aus Fleisch unb Blut. Ihre Ge­sichter waten von ber Anstrengung verzerrt; unb der Ruß schminkte sie grauenhaft; unb vor meinen Rißen kreisten große Schatten rumorender Zahn- räber; unb als ich glaubte, irgenbeine Wolke ver- finstere plötzlich bie Stelle, wo ich ftanb, ba schaute ich mal hoch unb sah ben Kran so bahlnschleichen Wit gingen weitet unb gerieten zwischen Hochöfen. KberaÜ brobdte unb fauchte weißglühender Eisen-

I brel ; aus manchen Hochöfen flammte Gtoßfeuet zum | Firmament. Mein Begleiter schrie mir burch ben Lärm zu, hunbert Meter unter uns in ber Erbe herrsche jetzt auch wiebet Betrieb ...

Gegen Morgen tarnen wir in eine große Halle, beten Wänbe unb Fußboben weiß getäfelt waren. Da liefen Maschinen, jebe so mit einigen 10C00 PS. Es waren Turbinen, bie Kraft lieferten, elektrische Kraft für bie Betriebe Ich bachte:So sauber wie biese Maschinen Haufen, müßten ihre Kollegen, bie Arbeiter wohnen... Unb wir brangen weiter vor; unb gerieten burch eine gute Stunbe in Werkstätten. Da war alles in Unrast Die Riemenscheiben über den kultivierten Bearbeilungsmaschinen leiteten bie Eile burch Treibriemen überall hin. Blanke Stangen bewegten sich in einem fort auf unb ab; blanke Platten würben hin unb her geschoben, hin unb her; btüben griff ein großer Eisenarm immer so aus . . . h,et sauste ein Werkstück, bas auf einer Planscheibe fest- geschraubt war, immer runbum; unb aus seiner Mitte stieß eine Stande, auf ber vorne ein gekrümm­ter bläulicher Zahn war, immer mal vor unb zurück. Unb manchmal sah ich einen Menschenarm burch bas Gewimmel greifen unb mit ber langen Spitze eines Kännchens auf biete ober jene Stelle ber leben- btgen Maschinen beulen. Ja, bie arbeiteten, sie ver­arbeiteten das Rohmaterial so emsig, bah ihnen bas Schmieröl wie Schweiß am Körper herunterlief. Unb schließlich entbeckteich in Diesem hastenbenDurch- einanber Köpfe, Gesichter; bie schau, n so ernst auf bie Arbeit nieber. bah es aussah. als ob sie rechnen ober gar aufmerksam leien würden; unb ich sah ein, ihre Hänbe übermittelten an Kurbeln unb Hebeln ben Maschinen ganz i eines Gefühl, bamit bas Maß unb ber Zweck ber Arbeit nicht verfeylt werbe. Unb manchmal sah ich so einem Gesicht an, daß es mal seufzte. Aber bas hörte man ba nicht.

An jenem Abenb ging ich nicht ins Theater. Ich besuchte vielmehr bie Lagerräume, die angefüllt waren mit allerlei Werkzeugen, Maschinen unb Maschinen- teilen. Dann ging ich zur Bahn. Unb ba begegneten mir bie.wachsreien"Menschen. Ich hörte sie sprechen; ich sah sie lesen; ich schaute ihnen zu. wie sie so fremd aneinander vorbeigingen.Unb als es dunkel geworben war, blieb ich mit einem Male auf so einer Straße stehen unb lauschte im Glauben, Verliebte sängen. Aber es war nur ein Senber. Ich reiste ab.

In Köln jeboch beschaute ich ben Dorn. Ich hatte ihn zwar schon oft gesehen, aber nur so, wie etwa ein Zuschauer von ber letzten Reihe bes Parketts aus bie schwierigen unb dennoch graziösen Leistungen der Akrobaten sieyt. So ein Zuschauer betrachtet, ba er burch bie Entfernung nicht bas Arbeiten ber Muskeln unb Sinne funktionierenber Akrobaten wahrnehmen unb beobachten kann, bie sicheren unb schönen Ausführungen mehr aU Zauberei und nicht

als bas Resultat genauer gefühls- unb verstanbesmä» higer Berechnungen. Ja, als ich so gebannt vor bem Dome ftanb, verwunberte ich mich mit einem Male über ben Fleiß, über die Kühnheit unb über ben Sinn für bas Schöne, mit bem bie Menschen bie Welt ausbauen. Unb meine Bewunderung wurde gesteigert, als ich sah, daß die Menschen, die da« Werk schufen, vor ihm so klein schienen. Und ich konnte mir es nicht verhalten, an daS geöffnete Dom- portal zu gehen unb hineinzulauschen. Unb ba ver­nahm ich, bah ba bannen in bem Halbbunkel bte Memchen aus Sehnsucht nach einer glücklichen Zu­kunst so ganz ergriffen vor sich hin Ulpelten...

Mit dem Rohrstuhl in den Löwenkäfig.

Der bekannte Zoologe Dr. Knottnerus- Meyer erzählt im Dezernberheft von Bel» Hagen LKlasings Monatsheften aller­lei Erlebnisse mit Raubtieren. Er war lange Zeit Zoodirektor in Rom und ist von dem immer wie­der bestätigten Glauben an die Güte jeglich.'r Kreatur, auch der sogenann en wilden Tiere er­füllt. Wenn sie uns Böses tun, so geschieht es. weil wir sie nicht verstehen ober reiz.'n.Waren wir", fo schreibt Knoitnerus,z.B. der Löwen noch nicht ganz sicher, so nahmen wir einen ge­flochtenen Rohrstuhl mit zu dem ig. Die Deine dieser Stühle sind mit je zwei Qu.rh.lzern ver­bunden. So einen Stuhl konnten wir dann als regelrechte Kopffalle einem etwa ang eisenden Tiere üoer den Kopf stoßen. Das verduzte Tier brauchte Zett, sich von die.er sonderbaren und ganz unerwarteten Ko^be^eckung zu befreien, und der unwillkommene Be'ucher konnte sich inzw.schen unauffällig ent.ernen, wenn es nötig sein sollte. Tatsächlich war das kaum je der Fall. Mein lieb­ster Löwe hieß Fass. Wie konnte er sich freu.m, wenn man zu ihm in seine De.-ausung kam! DaS Schmusen nahm kein Ende, und wenn ich bann hinauswollte, so kostete es jedesmal einen kleinen Kampf, denn Fafs pflegte sich wie ein Hund auf den Rücken zu werfen, g mau vor die Ausganas» tür. Heber ihn hinwegzut.elen wäre gefährlich gewesen, denn er würde io,ort mit seinen Pfoten meine Deine festgehalten haben. So mußte ich, wenn ich Fass verlassen wollte, immer seine Auf­merksamkeit von mir ab lenken,-rend ich selbst schnell verschwand. Fass mochte nie allein sein. Er maute mir klagend nach, und kam ich an ihm vorbei, so mußte ich wenigstens herankommen und ihn streicheln. So gut Fass sonst war, beim Fressen wurde er u gemütl ch Wahrscheinlich wi.d er als junges Tier Dabei viel geneckt worden sein."