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Aus der pwvinziafhaupistadt.

Sieben, den 12. D.zrmber 1930.

Steuern, Steuern, Steuern!

Der Klang dieses Wortes berührt uns nicht an­genehm. Doch wir kennen diesen Begriff leider mit Scheinbar aber immer noch nicht gut genug, denn wir sollen erfahren, dah sich vor dieses Wort .Steuern" eine immer gröbere Anzahl von Attri­buten setzen läßt, dah eS immer neue Möglich­keiten gibt, die unS vorher gar unglaublich er­schienen. Dieser Begriff der Steuern läht sich wohl nach allen Dimensionen ausdehnen, für alles, was den Prozeß des Geldle i.^eS oder Geld­umsatzes darstellt anwenden. 3n welche Verlegen­heit käme wohl heute $>nr Montesquieu, wenn er aus Grund seiner Asiekuranztheorie die Be- vechtigung deS Staates zur Hndcgung von .Schankverzehrsteuern" aus die Bürger zu ver­teidigen hätte! Die Anhänger der sogenannten .Genuhtheorie" muhten wohl die Ledigensteuer im Stillen bejahen! Hätte Herr Karl Rau ein Jahrhundert später gelebt, wo nut würde er heute die Grenzen zwischen den .Schatzungs- und Ausschlagsteucrn" ziehen?! Doch: ,Steuerpf licht ist allgemeine Bürgerpflicht I" und als Repräsen­tant deS Gesamtwillens der Ration hat der Staat schon lange das Recht, den Einzelnen zu den er­forderlichen Lasten zu zwingen. Ob die ursprüng­lichen Grundsätze für die Ausgestaltung der Be­steuerung an deren oberster Spitze die Ge­rechtigkeit zu stehen hat bei der heutigen Steuerpolitik noch befolgt werden... ach, daran, liebe Leser, wagen wir gar nicht zu zweifeln! Kam eine Erhöhung der Kopfsteuer, der Ein­kommensteuer, oder der Vermögenssteuer, so er­fuhren die Ertrags-, Luxus- und BerbrauchS- steuern ebenfalls eine automatische manchmal fast unbegrenzte Erweiterung. Der passive Burger war Zuschauer bei dem edlen Wettkampf zwischen den direkten und indirekten Steuern, und er sollte stets von neuem gewahr werden, dah jeder Rekord, jede geglaubte Höchstleistung noch übertroffen werden rann! Um die Parteien zu stärken, wurden neue Kräfte (=... steuern) eingesetzt, doch der Retz der Reuheit, wo war er zu finden? Wan hatte keine Zeit, ihn zu suchen, allzu bald sah man sich Inmitlen einer Atmosphäre der unbegrenzten Möglichkeiten. Es kam da eine Neuerung zustande, die Menschen über Jahr­zehnte hinaus zur Zahlung unheimlicher Summen verpflichtete. Ein gewisser Paragraph ermöglichte e-, jegliche Struerzah ung zu erzwi gen. Den Weg aus dem Labyrinth zu finden, wird immer schwie­riger, doch eines muh man stets im Auge halten: .Steuerpfsicht ist Bürgerpflicht" und Bürger­pflichten sind Ehrenpflichten, und Ehrenpflichten.. weitere Schlüsse riskiere ich doch nicht zu ziehen.

Kohlenpreisabbau in Gießen.

Dom Kreisamt Gießen wird uns mitgeteilt: Qm Auftrag des Herrn Ministers für Arbeit und Wirtschaft haben am 11. b. TI. mit den Vertretern des Kohlenhandels Besprechungen wegen Herab­setzung derKohlenpreise stattgefunden. Die Koylenhöndlervereinigung hat sich bereit erklärt, die seither bestehenden Preise ab 1. Dezember 1930 min­destens in Höhe der Syndikatspreise fast bei allen Kohlensorteu zu ermäßigen. Die Preise ermäßigen sich weiter durch Mengen- und Bar-Rabattc und bei Sonderabmachungen mit Derbraucherorganisatlo. nen. Bei Fettnuß I und II stellen sich die Preise i n

Säcken frei Keller auf 2,26 RM., gegen seither 2,35 RM., bei Anthrazit Eiformbrikett» auf 2,35 RM gegen seither 2,45 RM. Bei Braunkohlenbriketts betragen die Preise 1,80 RM., gegenüber 1,85 RM. seither.

Stahlhelm-Kundgebung in Gießen.

Am morgigen Samstag. 20.30 Uhr. wird, wie auS dem heutigen Anzeigenteil ersichtlich ist, in der Turnhalle am OSwaldSgarten eine öffent­liche Kundgebung des Stahlhelms stattfinden. 3n dieser Versammlung wird der 2. Bundesführer deS Stahlhelm-, Bund der Front­soldaten, Oberstleutnants a. D. Sue ft erborg, sprechen. Zum Empfang des Bundessührers wird eine Ehrenkompanie bed Stahlhelm- mit Spiel­mannszug und Musik antreten, die vom Wetz­larer 'Weg au- im Fackelzug (bie Abmarfchzesi ist aus der heutigen Anzeige ersichtlich) nachOs- waldsgarten marschieren wird. Der Marsch der Stahlhelmkompanie wird vorn Wetzlarer Weg aus durch die Frankfurter Straße,- Wilhelmstraße, Ludwigstrahe, Gartenstraße, Reuen Däue, Reuen - weg, EelterSweg, Westanlage, Bahnhofstraße, Rcustadt nach Oswaldsgarten führen, wo die Fackeln zusammengeworsen werden, Oberstleutnant D u e st e r b e r g die Front der Kompanie ab- schreiten und anschließend ein Borbeimarsch der Kompanie vor dem Bundesführer stattsinden wird. Die Kundgebung des Stahlhelms wird durch die Rede deS 2. Bundesführers, also einer der maß­geblichsten Personen des Stahlhelms, sicherlich weit über Gießen hinaus lebhaftem 3ntereffe be­gegnen. (Siehe heutige Anzeige.)

Bornotizen.

Xagestalenber für Freitag. Stabt- theater:Rose Bernd" 19.30 bis 22.30 Uhr. Oeffentlichcr Dortrag, Thema:Apostel bes Welt- endes", 20.15 Uhr, im Realgymnasium. Laub- wirtschaftliches Institut ber Landesunioersität: Er­öffnung bes 4. Kursus über lanbwirtschaftliches Ge­nossenschaftswesen, 20 30 Uhr, in ber Reuen Aula. Lichtspielhaus, Bahnhofstraße:Delikatesten" und .Junstschützen". Astoria-Lichtspiele:Schneeschuh- Banditen".

Au s dem Stadttheaterbureau wird uns geschrieben: Heute Gerhart Hauptmanns Schau­spielRose Bernb" mit Hilde Schwend als Rose Bernd. Beginn ber Dorstellung 19.30 Uhr. Mor­gen Erstaufführung bes diesjährigen Weihnachts­märchensGolbmarie unb Pechmarie" von Aloys Prasch unter ber Spielleitung von Karl Dolck. Musik von Steffens. Es geht ein den meisten Äinbern von ben Märchenbüchern her wohlbekanntes Märchen in Szene, bas für bas empfängliche Kinbergemüt ge­eignet ist. Beginn ber Darstellung 15.30 Uhr. Er­mäßigte Preise.

Dom Englischen Seminar der Uni- d e r f i t ä t wirb uns geschrieben: Am Montag, bem 15. Dezember^ 20 Uhr pünktlich, wirb die englische Rezitatorin Miß Sybil Warb aus Lonbon auf Gin­labung ber Höheren Schulen Gießens unb bes Eng- lischen Seminars der Universität in ber Turnhalle des Realgymnasiums ein ausgewähltes Programm zum Vortrag bringen. Die Vortragsfolge umfaßt bie Gerichtsszene aus bemKaufmann von Denebig", Bob Eraichits Weihnachtsschmaus ausChristinas Carol, ein Stück aus I- K. Jeromes humoristischer ErzählungDrei Leute in einem Boot" sowie lyrische Gedichte unb Balladen von Browning, Shelley unb Tennyson. Miß Ward, die schon im vorigen Jahre erfolgreiche Vortragsabende in Deutschland veran­

staltet hat, geht der Rus einer wandlungsfähigen, intelligenten Rezitationstunst voraus. Näheres ist aus der morgigen Anzeige ersichtlich.

Micky-Maus im Lichtspielhaus. Im Lichtspielhaus, Bahnhofstraße, finden am Samstag- nachmittag unb Sonntagvormittag Jugenbvorstel- langen statt, in denen einige Filme zur Aufführung gelangen, bie die Micky-Maus in den verschiedensten Rollen zeigen. Außerdem werden noch Märchenfilme vorgeführt, die den Kindern sicherlich wieder viel Freude bereiten werben.

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Iustizpersonalien. Ernannt wurde der Oberamtsrichter bei dem Amtsgericht in Pfeddersheim, Dr. Wilhelm Weiffenbach, zum dienstaussichtfühvenden Richter bei dem Amts­gericht in Dad-Rauheim mit der Amtsbezeich­nung Amtsgerlchtsdirek.or. 3n den Ruhestand verletzt wurde der 3ustizlekretär bei der Staats­anwaltschaft in Gießen, Friedrich Ferdinand Stotz, mit Wirkung vvm 1. April 1931 an.

* Fremdenoor st ellung im Gießener Stabttheater. Man schreibt uns: Am Sonntag, 14 Dezember, bringt bie Jentenbanz eine ber zug­kräftigsten, musikalischen Neuheiten als Fremdenoor­stellung, die mit großem Beifall aufgenommene Jazz- OperetteMeine Schwester unb ich" mit eigenen Kräften. Dieses musikalische Lustspiel hatte in letzter Zeit an allen Theatern vielleicht ben größten Kassen- unb Serienerfolg zu verzeichnen. Zu bie,cm Lust- spiel von Derr unb Derneuil hat Ralph Benatzky Gesangstexte unb eine Musik geschrieben. Die Spiel­leitung hat Intendant Dr. Prasch. Kapellmeister Fritz E u j s hat bie musikalische Leitung, während Ewalb D ä u l k e bie Einstubierung ber TÄnze übernommen hat. Beginn ber Vorstellung 18 Uhr, Enbe gegen 21 Uhr.

.* Einrichtung einer Poststelle tn LaunSbach. Am 15. Dezember wird in LaunS- bach (Kreis Wetzlar) eine Poststelle eingerichtet. Mit der Poststelle ist eine öffentliche Fernsprech- stelle verbunden. Die Postftesie hat die Eigen­schaft einer Pvstanstalt und einer Telegraphen­anstalt mit der Befugnis zur Antzahme und Aus­gabe von Postfendungen aller Art und von Tele­grammen, sowie zur Vermittlung von Gesprächen. Sie nimmt ferner Bestellungen auf die durch die Post zu beziehenden Zeitungen an und zahlt für ihren Zustellbereich die Renten aus. 3m Brief­verkehr gilt die Ortsgebühr nur innerhalb von LaunSbach. 3n allen übrigen Fällen gilt die Ferngcbühr. Die Poststelle wird dem Postamt Gießen, das als Leitpostamt gilt, unterstellt und führt die amtliche Bezeichnung: .LaunSbach Gießen-Land."

Deutsch-Oesterreichischer Alpen- verein. Die Sektion Oberhessen des Deutsch- Oesterreichischen Alpenvereins vereinigte am Mittwochabend Mitglieder und Gäste im Sing- saal des Realgymnasiums zu einem Vortrags­abend, der starken Zuspruch fand. Landgerichts­direktor Kramer begrüßte die Zuhörer und den Redner des Abends, Dr. Helmuth Lotz. Der Vortragende führte in lebhaften und interes­santen Ausführungen im Geiste seine Zuhörer nach Island. 3n umfassender Weise schilderte er daS Land, feine eigenartigen Verhältnisse in geologischer Hinsicht, die Kultur und das Wirtschaftsleben, die StaatSsorm und die Le­bensverhältnisse der Bewohner. Er erzählte von Vulkanen und Geysiren, von riesenhaften Glet­schern, rasenden Gießbächen und Wasserfallen,

vorn unwirtlichen, schier unbewohnten 3nIanB, von sanften Tälern und Weiüehangen. Wil 3n- teresfe folgte man den Schilderungen der is­ländischen Städte und der Menschen, hörte von ihrem Kampf um das Dasein und von dem modernen Leben in Ret)kjavik, der Hauptstadt deS LandaS. Eine Reihe gelungener Aufnahmen aus allen Tellen der 3nsel, auS den Fllcher- dörfcm, den Städten, den Fjorden, vom Meer und ben pittoresken FclSgcöUden des vulkani­schen Gebietes, erhebende Bilder von der Mitter­nachtssonne über den Wassern, machten auf bie Besucher des Vortragsabends einen tiefen Ein­druck. Dem Redner wurde lebhafter Beifall zu­teil.

** Der Druckfehlerteufel Einen sehr losen Streich spielte der Druckfehlerteufel einer in Frank.urt erscheinenden Zeitung. Es hieß da in einem Festberich., dem Turnverein sei vom Bür­germeister eine wunder ch ne Zahnbürste über­reicht worden. GS war aber in Wirklichkeit eine 3ahnbüste.

Wettere Cofalnad)rtd)ten im 2 Blatt

Sneftaften der HeOaftion.

(Rechtsgutachten sind ohne Derblndlichkell der Schriftleitung.)

Rr. 999. Nach bem Hessischen Gesetz vom 14. De­zember 1928 über bas Besleuerungsrecht ber Rett- gionskörperschaften kann bie besteuernde Religions- gemeinde nur Verzugszinsen im Rahmen der für die Landessteuern gellenden Vorschriften verlangen, wenn die Steuer nicht rechtzeitig ent­richtet worden ist. Die Verpflichtung zur Zahlung eines Mahnzettels, der Ihnen theoretisch am Tage nach der Fälligkeit ausgefertigt werden könnte, be­steht aber für den Pflichtigen nur bann, wenn bie Steuerhebungsorgane tatsächlich einen Mahnzettel ausgefertigt haben. Dieser hätte Ihnen, zum min- besten als eie schon fünf Tage nach der Fälligkeit des Steuerzieles Ihre Steuerschuld entrJAtcten, vor« gelegt werden müssen. Eine andere Praxis Derfticfce gegen den Grundsatz von Treu und Glauben im Verkehr. Der Mahnzettel ist eine besondere Lei­stung. Sie kann nicht in Rechnung gestellt werden, wenn sie nicht erfolgt Ist. Wenden Sie sich erfor­derlichen Falles an das für Sie zuständige Finanz­amt Grünberg und, da es sich um einen Fall von grundsätzlicher Bedeutung handelt, für ben Fall, baß Sie hier mit ber oben niebergelegten Auf­fassung nicht durchbringen, an bas Landessinanz- amt Darmstadt.

Straßenbau. Di« neue Straße steht nach Ihren Darlegungen in keiner Rechtsbeziehung zu ber bereits seit zwei 3ahren beendeten Felbbereini- gung. Wenden Sie sich beschwerdeführend gleich­zeitig an die Gemeinde und an die Provinz al­bte Straßen Hersteller. Rach § 937 Bürger!. Ge­setzbuchs sind Sie als der geschädigte Eigentümer fchadenSersatzberechtigt. Verlangen Sie Abstel­lung deS Mißstandes. 3m Falle der Ablehnung nehmen Sie bie Hilfe eines Anwalts in Anspruch.

Berliner Börse.

Berlin, 12. Dez. (WTB. Funkspruch.) Die Be- ruhigung, die sich zum Schluß des gestrigen Mittags­verkehrs auf Grund des Verbotes des Remarque- Films durchsetzen konnte, ging abends wieder ver­loren. Es waren, wenn auch nur kleine, Äursab- schwächungen festzustellen. Heute früh ist nun eine Tendenz noch nicht zu erkennen, allerdings hat Neu- york inzwischen eine Erholung gemeldet.

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