Nr. 186 Erstes Blatt
(80. Jahrgang
Dienstag, 12. August 1950
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Dr. Jnebr. Wilh. Lange. Verantwortlich für Politik Dr. Fr. Wilh. Lange; für Feuilleton Dr H.TKyriot; für den übrigen leit Ernst Blumschein und für den Anzeigenteil Max Filter, sämtlich in (Sieben.
Die Verfaffungsfeiern in der Reichshaupistadi.
Der Anstatt vor dem Reichstag.
Hindenburg begibt sich zurVeriaisungofeier
Berlin, 11. Aug. (WTD.) DaS Wetter hatte sich soweit aufgeklärt, daß der Platz der Republik schon in den frühen Morgenstunden im Sonnenschein lag. Lange bevor im Reichstag die Feier ihren Anfang nahm, strömten bereit- viele Tausende zum Platz der Republik, so dah ihn gegen Mittag eine unübersehbare Menschenmenge füllte. D'.e Zugangsstraßen waren dicht beseht, wo die Polizei unter persönlicher Leitung de- Kommandeurs Oberst Heimann-- berg den Verkehr musterhaft regelte. Auch vor dem Palais des Reichspräsidenten hatte sich eine dichtgedrängte Menschenmenge eingefunden. um bei der Abfahrt des Reichspräsidenten ihm ihre Ovation darzubringen. Die Hauptstraßen waren besonders stark beflaggt. Reben allen öffentlichen Gebäuden hatten auch all« Botschaften und Gesandtschaften sowie viele Privathäuser Flaggenschmuck angelegt. Dom Brandenburger Tor wehten sechs riesige Fahnen in den Farben des Reiches und Preu» hens. Auf dem Platz vor dem Reichstag wehten im Hellen Glanz die Fahnen de- Reiches. Die große Rampe rechts und links von der Freitreppe war mit Tannengrün, Lorbeerbäumen und Blumen geschmückt. Pünktlich um 12 Uhr fuhr Reichspräsident vonHindenburg, begleitet von Staatssekretär Meißner und seinem Adjutanten, Oberstleutnant von Hindenburg, am Reichstag vor. Zur selben Minute marschierte die ^Kompanie des Infanterie-Regiments III aus Marienburg im Paradeschritt an und nahm vor dem Reichstag Aufstellung. Der Stadtkommandant Generalmajor Schreiber schritt die Front ab. Auf der Rampe hatten etwa 200 Mitglieder de- Deutschen Sängerbundes unter Leitung von Prof. Wiedemann Aufstellung genommen und trugen während der Feier im Reichstage einige Lieder vg«.
Die Feier im Reichstag.
Der Sitzungssaal des Reichstages ist für die Der- fassungsfeier einfacher als sonst, aber gerade in die- (er Einfachheit besonders würdig geschmückt. Ringsum hängen von der Empore Bonner und Belarien in Schwarzrotgold herab, lieber dem Präsidentenplatz ist der Reichsadler in schwarz und rot auf goldenem Hintergründe angebracht, zu beiden Seiten in grofeen Lettern die Präambel der Reichsoerfassung. Reben der Rednertribüne ragen hohe Sträuße von Gladiolen empor. Auch der Tisch des Hauses ist mit Blumen und Tannen geschmückt. Als besondere Zierde des Saalschmuckes hängt über dem Präsidentenplatz die ehrwürdige schwarzrotgoldene Fahne vom Hambacher Fest. Lorbeerbäume in den Ecken vervollständigen das festliche Bild. Schon eine halbe Stunde vor Beginn des Festaktes begann Saal und Tribünen sich zu füllen. Auf einer der Tribünen erschienen etwa 25 Primaner und Primanerinnen aus verschiedenen Städten des Reiches, die van der Reichsregierung als Gäste zu der Feier geladen sind und während ihres Aufenthaltes in Berlin vom Prvvinzialscbulkvllegtum betreut werden.
Punkt 12 Uhr erschien Reichspräsidentvvn Hindenburg in der großen Mittelloge an der Nordseite des Saales. Die Festoersammlung erhob sich beim Erscheinen des Reichspräsidenten. Der Reichspräsident war von Staatssekretär Meißner und seinem Sohne Dberftcutnant von Hindenburg begleitet. Das Rcichskabinett und die preußische Regierung sind vollzählig vertreten. Auch zahlreiche Vertreter der übrigen Länder und auslcindi- scher Staaten nehmen an der Feier teil. Im Parkett haben die geladenen Gäste, Abgeordnete, Vertreter der Behörden, hervorragende Persönlichkeiten aus Wissenschaft, Kunst Technik, Wirtschaft und Finanz Platz genommen. Nach einem einleitenden Vortrag des Staats- und Domchors unter Leitung von Prof. Hugo Rüdel sprach »
Reichömiuister des Innern Dr. Wirth. Er ging davon aus, daß das deutsche Volk als modernes Kulturvolk besonders nach dem aufwühlenden Erlebnis des Weltkrieges eine andere Staatsverfassung als die demokratische nicht ertragen kann. Der Trieb des Deutschen, die eigenen Persönlichkeitsrechte und -werte zur Geltung zu bringen, sei so tief eingewurzelt, daß man den mannigfachen Anregungen, nach dem VorbUd gewisser auswärtiger Staaten auch bei uns das Diktatursh st em einzurichten, nur mit harten Abwehr begegnen könne. Aber das politische Leben, der politische GeltungswiUe hat die Einheitlichkeit und Geschlossenheit des Dolkswillens zur unbedingten Voraussetzung. Alle Freiheit in der Politik muß zweckmäßig organisiert sein, wenn die Politik selbst fruchtbar bleiben soll. In den demokratischen Republiken wird die politische Führung durch die Parteien gestellt. Wenn sie aber ihre Aufgabe erfüllen sollen, so müssen sie ihrer Ratur nach dafür geeignet sein, sie müssen innerlich auf Demokratie angelegt, regierungsfähig und regierungswillig sein. Der geistige und seelische Entwicklungsprozeß unseres Parteilebens macht es verständlich, daß in unserem Parlament Die Mehrheitsbildung s o ungemein schwer geworden ist. Es ist schon schwer, konkurrierende Kulturkreise zu politischen Arbeitsgemeinschaften zusammenzufinden, eine Sisy- phosarbeit aber muß es werden, wenn Koalitionen da gefunden werden sollen, wo sich Delt-
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Die Serfaffungsfeier der Reichsregierung im Reichstag: Reichsinnenminister Dr. Wirth häll die Festrede.
Reichspräsident von Hindenburg schreitet die Front der Ehrenkompanie vor dem Reichstogsgebäude ab.
anschauungsgemeinschaft und Interessengemeinschaft zu einer einzigen zähen Masse verfilzen. Do wird nicht nur der einheilliche Staatswille unmöglich gemacht, sondern die nationale Geschlossenheit und das Volkstum selbst gefährdet.
wir haben die Demokratie, wir haben die ver- fafsungvrechlliche Gleichberechtigung aller, wir sind innerpolitisch gesehen vielleicht das freieste Volk der Lrde, wir haben den freien Staatsbürger, aber eines ist bei uns noch nicht frei geworden, der polltifche Menfch. Er kann sich als solcher in dem alten, unelastischen Mechanismus unserer politischen Willensbildung noch nicht frei entfalten. Er uesiht keinerlei Schanzev- gleichheit mit den Personen, die von den 3n- teressenorganisationen, von den großen Berufs- Vereinigungen in den Vordergrund geschoben werden.
Dr. Wirth erblickt in diesem Zustand einen wesentlichen Grund für die Zunahme des Radikalismus in der Jugend. Er bedauerte dos grollende Abseitsstehen insbesondere eines Teils der akademisch gebildeten Jugend und betonte, daß die demokratische Staatsform für ein Volk, das die Freiheit kennt und schätzt, einen hohen Wert auch an sich selbst Hobe, auch dann, wenn man den neuen Staat nicht für organisch genug gewachsen ansehe. Ich kann es begreifen, wenn man die Energie und die politische Intelligenz des neuen römischen Diktators bewundert, wenn man die Macht der Wirtschaftsherzöge in den- Vereinigten Staaten an- staunt, wenn man sich von dem persönlichen, revo- lutionäien antikapitalistischen Vorstoß Lenins bestechen läßt. Aber etwas anderes ist die Leistung des Diktators als politische Persönlichkeit; etwas anderes ist die Diktatur als System. Zum mindesten müßte sich hier Der p o l i t i s ch e Me n s ch im Innersten bedroht fühlen. Denn der Politikr ist berufener Führer des lebendigen Lebens, es gibt keinen größeren Widerspruch, als den zwischen dem Mechanismus einer auf sich selbst gestellten verbeamteten Diktatur und dem ewig sich erneuernden Leben.
In unserer Freude über Die Befreiung Der rheinischen Sande übersehen wir aber nicht, daß Räumung nicht restlose Freiheit be- Deutet. Das LanD am Rhein ist auch fernerhin noch ein LanD mürberen Rechts. Die deutsche Souveränität ist erst zum Teil wiederhergestellt. Wahre Freiheit gewinnen wir erst Dann, wenn Der Weg vom minDcren Recht zum gleichen Recht zu EnDe gegangen ist.
Wir wollen dankbar sein, indem wir weiter hoffen und weiter arbeiten. Diese Arbeit gilt jetzt ganz besonders der inneren Ausgestaltung unseres deutschen Staat s- gehäudes. Aber alle sollen mitarbeiten, alle sollen auch mitarbeiten können und darum der deutschen Jugend und Den politischen Köpfen in ihr enDlich freier Raum! Ich senDe Diesen Ruf befonDers an Die, Die Die Ehre haben werden, dem nächsten Reichstag anzugehören. Die demokratische Staatsform ist nicht unzeitgemäß geworden. Der Wllle des deutschen Staatsvolkes muß aber leichter zu finden sein und schneller und entschiedener zum Ausdruck kommen können, als das bisher Der Fall gcwejqg ist. Parlaments- unD Volkswille müssen zu^iner besseren ilebereinftimmung kommen können.
Ihr jungen deutschen Männer und Frauen, stellt euch nicht abseits, macht den kommenden Reichstag nicht arbeitsunfähig mit eurem haß, mit eurem Radikalismus. Ihr selbst würdet
keinen Gewinn davon haben, noch weniger bas deutsche Volk. Das Gebäude der deutschen Demokratie ist für alle da, alle haben Raum, die guten Willens sind. Und wo die (Eingangstore noch verschlossen scheinen oder allzuschwer beweglich sind, wo man sie öffnen mochte, da ist nochzuhelfen. Aber seid dabei, denn wir müffen endlich ein Volk, ein politisches Volk werden.
2m Anschluß an Wirths Festrede hielt der Reichskanzler eine kurze Ansprache:
Die Stunde fordert Einsicht und Vertrauen in die Zukunft. Treten wir geschlossen und einig zusammen! Riemand sei von der Mitarbeit ausgeschlossen, der es ehrlich mit dem Aufbau unteres Staates meint. Geladen wir am heutigen Ter assungstage aufs neue, der Reichsverfassung lebensvollen Inhalt zu geben. Fühlen wir uns auch in diesen Tagen als Brüder und seien wir bestrebt, bei sachlichem Meinungsaustausch auch Dem politisch An- DerdDenlcnDen die ihm zukommende Achtung zuteil werden zu lassen. Sie, Herr Reichspräsident, und Sie. meine Damen und Herren, bitte ich. mit mir einzustimmen in den Rus: Das in der Republik geeinte deutsche Volk, es lebe hoch!
Vor dem Hauptporial des Reichstags.
Rach der Feier begab sich Reichspräsident von Hindenburg in Begleitung von Reichswehrminister G r o e n e r und Oberstleutnant von Hindenburg, den übrigen Mitgliedern des Kabinetts und zahlreicher Parlamentarier durch Die mit Wappen und Flaggen Der Länder geschmückte Kuppelhalle de- Reichstages über Die großeFreitrepve zum Platz der Republik. Von den vielen Tausenden von Zuschauern mit stürmischen Hochrufen begrüßt, unter den Klängen des Präsentiermarsches und des Deutschlandliedes schritt der Reichspräsident in Begleitung des Reichswehrministers und des Berliner Stadtkommandanten Generalmajor Schreiber d i e Front Der Ehrenkompanie ab. Rach Dem Abschreiten Der Front bestieg der ReichS- präsibent seinen Kraftwagen unD fuhr langsam unter erneuten Hochrufen, Tücher- unD Hüte- schwenken des Publikums Die Front entlang nach Dem ReichspräsidentenpalaiS zurück
Die
Heichsregierung, preußische Staatsregierung unD die Stadt Berlin veranstalteten am Montagabend eine gemeinsame Derfassungsfeier, in deren Mittelpunkt eine Rede des preußischen Kultusministers Grimme stand. Ter große Raum wies einen geschmackvollen Flaggen- und Blumenschmuck auf. Die Regierungen waren zahlreich vertreten. Man sah auch Den Rhein- landkommissar Freiherrn Langwerth v. Simmern, zahlreiche Vertreter Der Reichswehr unD Der Reichsmarine, AbgeorDnete unD zahlreiche Vertreter Des Diplomatischen Korps unter ihnen den päpstlichen Runtius.
Die Feier begann mit dem Chorgesang »Halleluja" aus dem Oratorium »Der Messias" von Händel. Generalmusikdirektor Hermann Abendroth (Köln) vereinigte unter seinem Taktstock eine Reihe von Chören.
Minister Grimme
ging von dem einigenden Erlebnis der Rhein- lanDfetet aus. Das Einigkeitsgesühl sei im Leben des politischen Alltags schon wieder abgelöst durch Die Sorge um Den krisenhaften Zustand unseres öffentlichen Seins. Auch andere Länder mit alter parlamentarischer Kultur sehen sich in unterer Zeit vor Ausgaben gestellt, deren Lösung nicht gelingen will. Was mag also die
Wurzel solcher übernationaler Krisenhaftigkeit sein? Sollte nicht eine dieser Wurzel die sein, dah allen Parlamenten Aufgaben zuae- wachsen sind, Deren Lösung über denRah - men Der einzelne n Rationen hinan s g r e i f t ? Die Weltnot Der Arbeitslosigkeit allein beweist Dies. Solchen Tatsachen gegenüber besagt Die Wendung von Der Iugenü des Parlamentarismus so wenig, wie das bloß« Hoffen auf eine neue Jugend im Parlament oder Das Spiel mit Dem Gedanken einer Diktatur. Ein Schuß j u g e n D l i d) er Aufgeschlossenheit und Beweglichkeit täte wohl unserem politischen Leben gut. Wir brauchen Menschen, Die einsehen unD bereit sind. Die Folgerungen Daraus zu ziehen, Daß jedes Volk in einem Doppelreich lebt: in einem übernationalen Reich der Wirtschaft und des Verkehr- und in einem geistig-seelischen Bezirk der Ration. Wir brauchen Menschen, Die national empfinden und zugleich Das übernationale Ziel verfolgen: Die von Der einzelnen Ration allein nicht zu leistende Durchorganisation der Weltwirtschaft.
Die Feier Rang aus mit Der 9. Sinfonie Beethovens, Die Aocmdroth mit großem, mitreißendem Schwung Dirigierte.
Reue Einigungsverhandlungen.
Minister Treviranus ladi Volkspartei und Wirtschastöpariei zu Besprechungen ein.
Berlin, 11. Aug. (ERB.) Wie die „Bör- sen-Zeitung" mitteüt, finden morgen abermals Verhandlungen statt, Deren Ziel die Zusammenfassung wichtiger Teile der bürgerlichen Front im Wahlkampf und nach den Reichstagswahlen im nächsten Reichstag ist. Es handelt sich Darum, Die Konservative Volkspartei, Die Deutsche Vollspur-- t e i und Die Wirtschaftspartei einander zu nähern. Für Die Konservativen wird Minister T r e v i r a n u s , für die Deutsche Volkspar- tei Dr. Scholz, für die Wirtschaftspartei der Abgeordnete Sachsenberg an dieser Besprechung, der man in Den beteiligten Kreisen mit
Optimismus entgegensieht, teilnehmen. Wan wird über Die Möglichkeit einer FraktionS- gemeinschast im nächsten Reichstage, eventuell über einen gemeinf amen Aufruf für Den Wahlkampf verhandeln.
Bon volksparteilicher Seite toirti hierzu der Tel.-An. erklärt, daß der Versuch, in diesen Besprechungen ein neues Parteigebilde zu gründen, aussichtslos fein mülle. Die Volkspartei ist entschlossen, selbständig und unbeschwert in Den Wahlkampf hineinzugehen, nach Dem ihre Demühungen am vergangenen Donnerstag negativ zum Abschluß gekommen sind. Rach allgemeiner Auf«


