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Oie Sünde

der Senate Mercandin.

Vornan von Fred Aelius.

18. Fortsetzung. Nachdruck verboten.

Er letzte sich und holte einen Dogen aus dem Schreibtisch. Lange starrte er das Dlatt wie etwas Schicksalhaftes an. Endlich schrieb er:

Renate I

Ich kann Sie heut um alles in der Welt nicht anders nennen als nur so mit Ihrem Hamen. Lind Sie müssen sich zum letztenmal darein ergeben, auch wenn Hochmut Ihre Lippen schürzt. Etwas sei in Ihnen gestern abend mitten durchge­brochen so sagten Ihre Augen bei unferm Ab­schied Ihr Stolz und Ihre Achtung vor sich selbst. Beide seien das Rückgrat Ihres Lebens, ohne das Sie jetzt verkümmern mühten.

Hein! Ilm Gottes willenl Wollen Sie Ihr Schicksal künftig einem schweren und verhängnis­vollen Irrtum unterwerfen? Die Wahrheit ruft. Erwachen Siel

Die Ehre und die Wertung eines Menschen kommen nie von außen. Sie liegen in der eigenen Seele. Wan verliert sein Leben, wenn fnan sich nicht aufrafft, diese Kette ohne Ende, die die Menschen an den Füßen schleppen, zu zerreißen, mit der Konvention und Lüge Schluß zu machen und der Wahrheit ins Gesicht zu sehen.

DaS ist das erste, das ich Ihnen sagen mußte. Und das andere: Ich gehöre Ihnen.

Es ist möglich, daß Sie mich einst brauchen werden. Dann rufen Sie. Ich werde Ihnen dienen wie Ihr Geschöpf ... Ich will zum Heili­gen ... zum Teufel für Sie werden

Ihr Mann ist für drei Tage fort. Hach feiner Rückkehr werde ich die Stellung in der Klinik kündigen. Eie war dereinst ein Sehnsuchtstraum, der Ihrer Höhe galt. Ich träume nicht mehr. Mir ist, als waren alle Traume Schaum. Wenn man näher zusicht, platzen sie wie Seifenblasen. Rur ein Lachen bleibt zurück. Ein gespenfterhaftes vrinsen voller Hohn. Und ein weher Schmerz.

Gute Hacht, RenateI

Ich werde auf Sie warten, bis Sie rufen Verden. Ich bin immer für Sie da. Meine Liebe ist ganz zeitlos, meine Sehnsucht ewig.

Gottsried Griebenow."

Er warf den Brief in einen Kasten. Dann jjlng er heim. Lange lag er wach. Er schlief erst sogen Morgen ein. Die Sonne stand schon hoch om Himmel, als er seine Augen aufschlug. Er fühlte sich erschöpft und müde, doch sein Geist Lar wach und feine Seele ruhig. Alles Fieber- Hafte und Verstörte in ihm war gelöscht.

Griebenow zog sich an, frühstückte und ging dann in die Klinik.

Der weinumrankte Bau im Gerten war fast leer. Hur der Türke und der Maler, dann die Dame, die den rätselhaften Selbstmord ihres Mannes nicht verwinden konnte, und die Fürstin Tfchaidfe waren da. Die Fürstin schien erregt und sonderbar zerstört. Ihre Augen glühten fiebrig. Sie gab verwirrte und bemerkenswert unorientierte Antworten auf die Fragen Grie- benows.

Der Tag ging hin... einer von den letzten in dem Mercandinschen Hause, dachte Griebenow. Er ließ die Reihe der Stunden ruhig und ge­lassen an sich vorbei gleiten. Der Abend kam. Griebenow betrat sein Zimmer. Die Fenster standen offen. Das Laubgewind der Bäume rauschte. Wipfel flammten grün und golden. Stille war im Park... Mespensterhafte Stille rings.

Eben wollte Griebenow sich setzen, da klopfte es. Er drehte sich herum. Es war die Schwester.

Run?"

Der Herr Professor ist vor einer Stunde an­gekommen."

60, so... Danke", sagte Griebenow.

Er nahm den Hörer und verband sich mit der Wohnung des Professors Mercandin. Der Diener war am.Apparat. Dann sagte Griebenow: »Fra­gen Sie den Herrn Professor, wann und wo ich ihn noch heute sprechen dürfte."

Zeit verging. Wieder kam darauf der Diener und bestellte:Ungefähr in einer Stunde in der Wohnung."

Es schlug sechs.

Griebenow betrat die Wohnung Mercandins.

Er mußte in dem blauen Zimmer warten. Teppiche umschmeichelten die Füße. Goldgerahmte Bilder hingen an der Wand. Das Geräusch der Straße tonte durch das Fenster.

Er setzte sich. Eine Flucht von Zimmern lag vor Griebenow. Man sah durch eine Reihe offener Flügeltüren auf ein Bild. Gin van Dyck- fcher wundervoll gemalter Edelmann mit Spitzen­kragen, Küraß, Schärpe hing da an der Wand. Einer von den vielen, die dereinst au 3 golden- braunen Tiefen düsterbleich aus der Bortäflung starrten... Gebeugt von Schuld und Fluch jahr­tausendalter Tradition. Gereckt in Hochmut. Lind gehüllt in Hämisch oder Samt, in Seide oder Elenleder, mit Spitzenkragen oder Stuartkrause. Einer von den längst Verstaubten, dessen Bildnis sich aus einer Ahnengalerie zur Villa Mercandin verirrte.

Griebenow sah wunderlich entrückt auf dieses Bild... versonnen, losgelöst vom klaren Denkern Auch sie ist eine Gräfin, siel ihm flüchtig ein... der edle Sproß aus einer alten Sippe. Lind an ihren Körper dachte er mit einem Male. Er

war weich und schlank wie der von einer Sylphe. Und an ihre Hände, die so zart und fein wie Meisterwerke von Cellini waren...

Griebenow hob seinen Kopf. Plötzlich drangen Stimmen an fein Ohr. Eine Mannesstimme... Mercandins. Lind dazwischen eine andere eine Frauenstimme, die Renates. Diese Stimmen klan­gen spukhaft wesenlos, durch die räumliche Ent­fernung abgedämpft, wurden lauter und erhoben sich zu einem klingenden Kreszendv.

Renate... dachte Griebenow erregt. Lind immer nur: Renate. Sie ist hier. Sie ist in deiner Rähe. Er stand auf. Leise ging er durch die offenen glügeiiurcn durch die Flucht der Heben­räume in der Richtung auf das große Oel- aemälde. Ie näher er dem Bilde kam, um fo lauter und erregter hörte er die beiden Stimmen. Zwei Menschen zürnten miteinander, ein Mann und eine Frau. Der Streit kam aus dem Zimmer, das die Wand mit dem van Dyckschen Bild begrenzte.

Hun erreichte Griebenow das Zimmer mit dem Ritterbild. Reben diesem Bild war eine Tür. Sie war geschlossen und ein Kelim hing davor. Wieder rissen Töne durch die Lust... ein Wim­mern, eine mühsam unterdrückte Klage... ein rohes lautes Männerwort. Dann ein Schrei. Ein Frauenschrei. Grauenvoll... voll tiefster Angst... so voll Schaudern, wie ihn nur die äußerste Gefahr erzwingen konnte... wie ein Mensch, ein Tier in Todesnot ihn ausstöht.

Da riß Griebenow die Tür auf.

In der gleichen Sekunde fiel ein Schuß.

Dor den Augen Griebenows erstand das Dild der neuen Umwelt... fo phantastisch, wirr und grausenhast, daß sein Him sich vorerst sträubte, den Zusammenhang zu fassen.

Irr und wirr griff Griebenow an seinen Kopf. Grelle Chöre wogten aus dem Herzen an das Ohr, die brausend schwollen. Der Doden unter seinen Füßen fing zu schwanken an. Wie im Ringelspiel begannen alle Dinge in dem Zimmer sich sehr schnell um ihn zu drehen. Es schien, als ob ein Mann in seinem Schädel eine Axt erhöbe und ihm das Gehirn zerschmettern wolle.

Griebenow befand sich in dem Arbeitszimmer von Mercandin. Trotz der frühen Abendstunde brannte schon die Schreibtischlampe. In dem matten Strahlenkegel auf dem roten Teppich lag der Körper und der wächsern bleiche Kopf von Mercandin. Die Kiefern aufgeklappt. Die stieren Augen in verglastem Haß. Die Brust von' einem Schuß zerrissen. Die Wunde faustgroß ...

An der Tür zur Linken, vor dem Kelim, der das Schreckenszimmer von der Flucht der anderen Räume trennen mochte, stand Renale Mercandin. Ihr Kopf lag hintenüber an der Wand. Sie preßte die verkrampften Hände gegen ihre Brust ... schmale, weiße Hände, die wie Knabenhände

immer in Bewegung waren. Hände, die verheißen konnten: ich erlöse dich. Ihr Atem flog. Ihre Augen waren Fackelbrände, heiß vor Angst und Grauen.

Griebenow tat haltlos ein paar Schritte vor. .Renate?" sagte er. Und noch einmal: .Renate?" Es klang wie eine Frage.

Sie holte Atem, sah ihn lange an. In einem Chaos der Gefühle, daS an Irrsinn grenzte.

Da war er bei ihr, kniete vor ihr. Umschlang sie, küßte den Saum des weihen Kleides.

.Du...? Du...?"

Er stöhnte.

Hein, nicht du! Ich... Ich... Verstehst du: Ich!" Seine Stimme taumelte vor Erregung. .Wo ist die Wassel Du, wo ist die Wassel

Plötzlich war er wieder hoch. Er sah sich um. Er suchte. Schob den Kelim an der Tür seit­wärts. Aus der Perserbrücke zwischen beiden Zimmern lag der Taschenbrowning. Gr nahm in auf. Seine Finger griffen um den Kolben.

So... Gut. Hun geh. Geh! Rus die Leute!"

Sie schwankte. Schloß die Olugen. Strich mit weißen Fingern über ihre Schläfen. Ihre Arme streckten sich nach vom. Ihre Finger griffen in die Lust und schloffen sich.. - krampsig, wie in irrem, wirrem Spiel. Ihre Knie brachen ein. Sie fiel zusammen.

Da nahm er sie und trug sie auf den Diwan in dem Hebenzimmer. Dann ging er an die Tür und drückte auf den Klingelknopf... einmal... zweimal... immer wieder.

Sekunden später kam der Diener.

Lassen Sie sich telephonisch mit der Polizei verbinden", sagte Griebenow.Ich habe eben Herrn Professor Mercandin erschollen."

»

Der Untersuchungsrichter, Landaerichtsrat von Piloty, saß in seinem Moabiter Arbeitszimmer. Es war ein großer heller Raum von betontes Rüchternheit. Man betrat in diesem weltabge­wandten Zimmer eine Welt für. sich, die Zu­sammenhänge mit dem Leben jenseits dieser Mauern schienen aufgehoben, alle Dinge, die dem Leben Glanz und Freude geben, mußten vor der Schwelle bleiben.

Der Untersuchungsrichter stand mit einer knap­pen, kurzen Heigung feines Oberkörpers auf und nahm dann wieder Platz.

Renate nickte grüßend. Sie war bleich, ge­kleidet in die schwarze Witwentracht mit langem Schleier. Für Sekunden schimmerte ein Hauch von reservierter Freundlichkeit gegen den Be­kannten ihres Hauses über ihre Züge. Dann ver­eiste ihr Gesicht.

Piloty sah. Er wies auf einen Stuhl.Ditte, nehmen Sie Platz."

(Fortsetzung folgt.)

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