Staatsmann nicht schwer ist, über deutsch-französische Verständigung zu sprechen. Ein Gleich, gewicht sehr zu unseren Ängunsten — man fühlt förmlich, wie die ungeheure Last der Voung- Planverpflichtungen sich auf die Schultern des deutschen Volkes legt, wenn auf der anderen Seite das Fazit langjähriger Kämpfe so mit Befriedigung gezogen wird.
Tardieu hat ganz recht, daß für Frankreich das Wesentliche ruht in der Kommerzialisierung derAeparationsschuld, in der Anleihe, die ihm große Beträte an Kapital zur Verfügung stellt, in der „Priorität" der ungeschützten Iahrestzahlungen Deutschlands, von denen Frankreich nicht weniger als 81,7 Prozent erhält, England nur 8,9, Italien 6,8, Iapan 1, Iugoslawien 0,9, Portugal 0,4 Prozent: „Unsere 81 Prozent machen keinen schlechten Eindruck in dieser Landschaft", sagte er befriedigt, und „aus- gezeichnet" rief der Berichterstatter des Auswärtigen Ausschusses dazu. Für diese internationale Anleihe ist ja nun alles vorbereitet. Die Bank für Internationale Zahlungen wird zum l.Mai voraussichtlich in Tätigkeit treten. Ihr Präsident ist bekanntlich ein Amerikaner Mac G a r r a h, der seinen bisherigen Posten als Präsident der „Federal- Aeserve-Dank" in Aeuhork aufgibt. Auf seinen Vorschlag ernennt der Verwaltungsrat den Generaldirektor. Dafür ist ein Franzose, Q u e s n e h (von der Bank für Frankreich), in Aussicht genommen. Generalsekretär soll ein Italiener werden. Daneben werden die Posten eines Vertreters des Generaldirektors und eines Gencralkontrolleurs geschaffen, für die an einen Engländer und an einen Deutschen gedacht wird. Im Verwaltungsrat sitzt bekanntlich für die Dauer feines Amtes der Präsident der deutschen Reichsbank mit seinem Vertreter. Er hat als weitere deutsche Vertreter Dr. Melchior (Dank Ma? Warburg) und Generaldirektor Reusch (Gute Hoffnungshütte) ernannt. So fehlt nur noch eine dritte Gruppe von Mitgliedern des Verwaltungsrates aus den Ländern, aus denen Gründungskapital gezeichnet wurde. Alles ist so vorbereitet, daß die große Wobilisierungsanleihe in allernächster Zeit aufgelegt werden kann, auf die Frankreich wartet. Wie bekannt, sind in Aussicht genommen, 300 Millionen Dollar, von denen 200 bei den früheren Alliierten und 100 in Deutschland aufgelegt werden sollen. Es ist ja dieses riesige Anleihegeschäft, wie erinnerlich, im Haag mit Anleihewünschen Deutschlands für seine Dahn und seine Post verbunden worden, die in Höhe von 400 Millionen Mark befriedigt werden sollen. Lind damit beginnt die ungeheure Verknüpfung und Verbindung der Finanz- und Kreditverhältnisse der Kriegsschuldner unter amerikanischer Führung, die das Zeichen des unter Führung des Hauses Morgan erreichten Abschlusses der Aeparationsregelung im Voungplan ist. Die Dindung, die sich daraus auch für Frankreich ergibt, nimmt TardieU gern hin, toeil er ihre Bedeutung auch im pol.ii'chrn Sinn und ihren materiellen Vorteil für Frankreich erkennt. Diese Bindung verstärkt für Deutschland die Der- pslichtungen aus dem Voungplan noch mehr und macht das Netz, das dieser Plan über Deutsch- land zieht, noch engmaschiger und fester, weil so mit der Reparationsregelung der Kredit von Staat und Wirtschaft aufs engste verbunden wurde.
Diesen großen Zusammenhang hatte Reichs- kanzler Dr. Brüning in der Rede vor seinem - Parteitag im Auge und mit ihm verband er sehr richtig die Notwendigkeit innerer Ordnung und Befestigung der deutschen Wirtschafts- und Finanzverhältnisse: „Niemand kann doch glauben, daß die große internationale Anleihe im Ausland aufgelegt werden kann, wenn das Ausland nicht zu der deutschen Wirtschaft Vertrauen haben kann." Damit ist absolut richtig die nun einmal
so gewordene Regelung der DeparationSfrage mit dem Zwang verknüpft, aus eigener Kraft im Innern Wirtschaft und Finanz in Ordnung zu bringen. Oder wie es der Vortragende vor dem Industrie- und Handelstag in der letzten Woche ausdrückte: „Es ist die Wahl zwischen einer eigenen verantwortlichen Legierung, die diese Forderung durchsetzt, und einer uns von außen aufgezwungenen Neparations- regierung."
So berührt die Auseinandersetzung im Innern, die Deutschland jetzt durchkämpft, auch seine außenpolitische Position Bestimmt aber ist die Außenpolitik des K binetts Brüning — es ist nun einmal nicht andcr^ — durch die Annahme des Poungplans und alles, was daraus folgt. Rückblicke sind nicht mehr nötig und leider ohne BedeutungI Fehler und Llnterlassungen vieler Iahre haben zu dieser Beschränkung der Handlungsfreiheit und Wirkungsmöglichkeit geführt, deren Zwang die neue deutsche Regierung anerkennen muß. Cs hat ebensowenig einen Zweck, in die Vergangenheit hinein zu fragen, warum in diesen zehn Iahren die vorhanden gewesenen, Frankreich entgegengesetzten Kräfte der Welt nicht stärker für uns zur Wirkung kamen oder von uns gebraucht wurden, wie mit Kraftworten zu erklären, daß man nach der Ratifi- zicrung der Voungverträge dieses neue Recht nicht „anerkenne". Natürlich versteht man die heiße nationale Leidenschaft, die zu solcher Erklärung führt, aber sie ist eine reine Demonstration. die den Lauf der Geschichte nicht im mindesten aufhält und die lediglich Deutschland schaden kann, weil ein nun einmal hcrgestellter internationaler Rechtszustand, auf dem weiter gebaut werden muß, in Frage gestellt wird. Für die Revision des Doungplans, die selbstverständlich die erste Forderung weiterer deutscher Außenpolitik ist und bleibt, können wir nur arbeiten von der Grundlage des Plans aus, der nun Bestandteil des Völkerrechts geworden ist.
Aus der Provinzrashauptstadt.
Gießen, den 12. April 1930.
Landes-Buß- und Bettag.
Im 18. Iahrhundert hat der Franzose Montesquieu geistvolle „Betrachtungen über die Ursachen der Gröhe und des Verfalls der Römer" ongestellt. Gröhe und Verfall, Aufstieg und Zusammenbruch, das sind Erscheinungen, die man an Familien beobachtet. Ein Geschlecht steigt aus einfachen Verhältnissen herauf und erzielt durch Tatkraft und Fleiß große Erfolge. Auch die nächste Generation ist noch tüchtig, sie hält fest, was die Eltern ihr anvertraut haben, aber schon bei der dritten beobachtet man Verfallserscheinungen. Söhne und Töchter werden durch den ererbten Reichtum übermütig, lassen es am Fleiße fehlen, versuchen sich in Künsten, für die sie keine Begabung haben, das Leben des Genusses nimmt _ He in Anspruch. Kommen dann noch Ehetragödien, Streit zwischen den Geschwistern hinzu, sind Söhne ungeraten und Töchter leichtsinnig, so ist der Zusammenbruch eines Tages da. So geht es auch mit den Völkern, Montesquieu hat das an den Romern nachgewiesen. Sie waren in alter Zeit ein kernhaftes Bauernvolk, jahrhundertelang zeichneten sie sich durch Tapferkeit und Tüchtigkeit aus; da floh dem Volke die Fülle deS Reichtums zu, es wurde schlaff, und die Germanen, die über die Alpen nach Italien strömten, zerschlugen den Staat.
Wie steht es in der Gegenwart mit unserem Volke? Politisch und wirtschaftlich liegt es am Boden. Die deutschen Städte haben in der Vorkriegszeit eine glanzvolle Entwicklung gesehen, waren machtvolle Gebilde, die in ihnen führenden Dürger waren von einem berechtigten Selbstgefühle erfüllt. Heute liegt über den deutschen
Städten dumpfe Designation, weil die finanziellen Schwierigkeiten riesengroh sind. Zwar regt unser Volk nach wie vor seine Kräfte. Die deutsche Wissenschaft ist so groß wie jemals in der Vergangenheit, und die Technik schreitet weiter. Aber das geistige Leben der großen Massen bietet kein erfreuliches Bild, es fehlt der starke, lebendige Impuls, der durch aller Seelen hindurch geht. Äeberall Änklarhelt und Zersplitterung, ein vielgebrauchtes Wort unserer Zeit ist das Wort „Krisis". Man redet von der Krisis der Erziehung, der Krisis der Kultur, der Krisis der Kunst. Lind die Technik, so groß sie ist, hat sehr bedenkliche Folgeerscheinungen, sie führt zur „Rationalisierung", zu der Ausschaltung der Menschenkraste, so daß vielen das Beste, die Arbeit fehlt. Die massenhafte Auswanderung junger Menschen nach außereuropäl- schen Ländern stimmt doch sehr nachdenklich. In der Dichtung, der Musik und in der bildenden Kunst ist das Epigonentum unverkennbar.
Aber noch etwas anderes ist unverkennbar, nämlich die große Llnruhe, nicht die Llnruhe, die nach Festem und Wertvollem drängt, sondern die Llnruhe der Gereiztheit, der Änzu- friedenheit. Höchst bedenklich muh cs stimmen, daß heute politische Gegensätze in Strahenkämpfen ausgetragen werden. Früher glaubte man, daß die Sünden gegen das fünfte Gebot im wesentlichen in eine alte Zeit gehörten, etwa in die Zeit des Mittelalters, des Faustrechtes, des Dreißigjährigen Krieges und daß sie durch die fortschreitende Bildung immer mehr verschwunden seien. Heute erschrickt man über die Gewissenlosigkeit, mit der Menschenleben auf verbrecherische Art vernichtet werden. Die Zeitungen, die der getreue Spiegel der Zeitgeschehens und der Zeitstimmung sind, berichten Tag für Tag von greulichen Äntaten. Ebensowenig wird heute das Eigentum geachtet. Menschen, auf die man, mit einem volkstümlichen Wort zu reden, früher _5)äufer gebaut hätte, halten es nicht mehr für ehrlos, sich an fremdem Gute, besonders an dem Gute der Allgemeinheit zu vergreifen.
Als einst Israel in schwerer Bedrängnis war, hat der Prophet Ieremia gefragt: „Warum ist bas Land verderbt und verheeret wie eine Wüste, da niemand wandelt?" Er gab im Namen Gottes die Antwort: „Darum daß sie mein Gesetz verlassen, das ich ihnen vorgelegt habe, und gehorchen meiner Rede nicht, leben auch nicht darnach, sondern folgen ihres Herzens Ge- dünken.“ So ist es auch bei unseren Zeitgenossen. Es fehlt ihnen an der festen, religiösen Lleber- xeugung. Auch das religiöse Leben ist heute in die Llnruhe und in die Krisis hineingezogen, wandelt seltsame Wege, ist vielfach phantastische Schwärmerei, glaubt durch die Sinnenwelt zu der ewigen Welt Vordringen zu können. Es fehlt der klare entscheidende Glaube Martin Luthers, der in der Gemeinschaft mit dem lebendigen, richtenden, Verantwortung fordernden, aber auch Sünde vergebenden Gott in Verbindung steht und feine Auswirkung in der Welt der Pflicht, der Hingabe für andere und der Liebe zu anderen findet. Dieses Leben tritt am vollkommensten zutage in Iesus, zu dem die Christenheit in der Karwoche andächtigen Herzens auf- schaut. Das ist zugleich ein Anlaß, daß nachdenkliche Menschen am ersten Tage dieser Woche, am Palmsonntage, der seit 200 Jahren in der Hessischen Evangelischen Landeskirche der Vußtag ist, darüber nachdenken, was ihnen und ihren Volksgenossen fehlt, um wieder auf eine Zeit des Aufstiegs hoffen zu können. H. B.
Daten für Sonntaft 13 April.
Sonnenaufgang 5.11 Uhr, Sonnenuntergang 18.51 Uhr. — Mondausgang 19.27 Uhr, Monduntergang 5.21 Uhr.
1598: Heinrich IV. von Frankreich gewährt im Edikt von Nantes den Protestanten Religonssreiheit;
-- 1872: der Schriftsteller Roda Roda In Pußta» Zdenci geboren.
Daren für Montaft 14. April.
1927: der Verlagsbuchhändler John Klasing In Bielefeld gestorben (geboren 1847).
Gießener Woch rnnarktpreise.
Es kosteten auf dem heutigen Wochenmarkt: Butter 140 bis 170, Matte 30 bis 35, Wirsing 20 bis 30, Weißkraut 8 bis 10, Rotkraut 15 bis 20, gelbe Ruben 10 bis 12, rote Rüben 10 bis 12, Spinat 15 bis 20, Änter-Kohlrabl 6 bis 8, Grünkohl 15 bis 20, Rosenkohl 20 bis 25, Feldsalat 80 bis 100, Tomaten 70 bis 80, Zwiebeln 8 bi» 12, Meerettich 50 bis 70, Schwarzwurzeln 40 bis 60, Kartoffeln 4,5 bis 5, Aepfel 10 bis 15, Dörrobst 30 bis 35, Nüsse 50 bis 70, Honig 40 bis 50, junge Hähne 120 bis 130, Suppenhühner 100 bis 120 Pf. das Pfund; Tauben 70 bis 80. Eier 10 bis 11, Blumenkohl 50 -ftte-lOO, Salat 20 bis 30; Salatgurken 75 bis 80, Lauch 5 bis 10, Sellerie 10 bis 40, Rettich 10 bis 20 Pf. daS Stück; Käse (10 Stück) 60 bis 140 Pf.; Radieschen 15 bis 20 Pf. das Bund; Kartoffeln 3,80 bis 4 Mark der Zentner.
Bornotizen.
— Tageskalender für SamStag. G. D. A.: Elternabend, 20.30 Ähr, im .Hop- feld". — Gießener Ruder-Club „Hassla" 1906 e. D.: Frühjahrs-Hauptversammlung, 20.30Ähr. im Bootshaus. — Kavallerie-Verein e. V.: Mo- natsverfammlung, 20.30 Ähr, im Vereinslokal. — Kurzschriftverein von 1861 und Damenverein „Gabelsberger": Dereinsabend, 20.30 Ähr, int Kaufmännischen Dereinshaus. — Reichsverband der Zivildienstberechtigten: Monatsversammlung, 20.30 Ähr. „Stadt Lich". — V. f.B.: Iah- reshauptversammlung, 20.30 Ähr, im Vereins- 5eim. — Eisenbahn-Fahrbeamtenverein: Versammlung, 20.30 Ähr, im Vereinslokal. — Verein ehern. 116er: Generalversammlung, 20.15 Ähr im Postkeller. — Lichtspielhaus Bahnhofstraße: Tonfilmvorführung „Dich hab ich geliebt". — Astoria-Lichtspiele: „Pariser Änterwelt" und „Wenn du noch eine Heimat hast".
— Tageskalende^: für Sonntag. Stadttheater: „Der Tor und der Tod", lf.30 big gegen 13 Ähr; 18 bis 22.30 Ähr: „Die anders Seite". — Volksbund Deutsche Kriegsgräberfür- sorge: Lichtbildervortrag über das Thema: „Krie- gerfriedhofe im Ausland". 20.15 Ähr, im Großen Hörsaal der Äniversität. — Lichtspielhaus Bahnhofstraße: Tonfilmvorführung „Dich hab ich geliebt"; morgens 11.15 Ähr: Kultur-Film-Dor- stellung: 1. „Das unbekannte Paris" und 2. „Auf griechischen Meeren". — Astoria-Lichtspiele: „Pariser Änterwelt" und „Wenn du noch eine Heimat hast".
— Aus dem Stadttheaterbureau wird uns geschrieben: Die nächste Woche beginnt mit einem Prominenten-Gastspiel. Der populäre Berliner Schauspieler Max Adalbert wird einmalig in dem Lustspiel „Das Parfüm meiner _ grau" am Montag, 14. April, gastieren. Es wird besonders interessieren, unter den Prominenten diese populäre Berliner Schauspielerpersönlichkeit einmal in Gießen zu sehen. Das Gastspiel Adalberts findet im Dienstag- Abonnement statt. — Wegen der Karwoche findet am Mittwoch, 16. April, nicht, wie auf den Plakaten angegeben ist, die Aufführung der Operette „In der Iohannisnacht" statt, sondern des Schauspiels „Louis Ferdinand, Prinz von Preußen" (Fritz von Änruh). Die Erstaufführung der Operette ist auf Dienstag, 22. April, verlegt worden. Die Vorstellung am Mittwoch, 16. April, findet ebenfalls im Dienstag- Abonnement statt. — Am 1. Oflerfeicrtag (20. April) wird nicht „Weekend im Paradies" gegeben, sondern zum letztenmal „Katharina Knie" von Zuckmaher. — Der hessische Buß- und Bettag wird auch im Theater mit ernster Literatur Begangen. Am Vormittag 11 Vs Ähr findet die Hofmannsthal-Gedenkfeier statt (4. Tag des
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Die gesiedete Schlange
^omon von Edgar Wallace.
Wahrend der vergangenen Iahre hatte Crewe fast ganz vergessen, daß ein solcher Mann wie Lane überhaupt existierte, hatte vergessen, daß in der Abgeschlossenheit eines düsteren Gefängnisses mitten im Mvorlande jemand lebte, dem er das größte Änrecht angetan hatte, das man einem anderen überhaupt nur antun kann.
Schon bevor sein Clerk ankam, hatte Crewe ein Dutzend Briese ge chrieben, die Instruktionen für seine Beauftragten an der Börse enthielten. Drei bis vier Tage würde es aber dauern, bevor er seine großen Bestände an Bankpapieren zu Delde machen konnte. Sie der Bank verpfänden, wm:e viel leichter gewesen, aber Banken nahmen nidjt gerne Spekulationspapiere, und es war deshalb doch besser, alles zu verkaufen. Sein Be- sitz an Effekten war gerade nicht so groß, daß der Verkauf irgendeinen nennenswerten Einfluß auf die Kurse der Papiere ausüben würde, denn die Börse war zu der Zeit gerade sehr fest und aufnahmefähig.
Crewe zählte alle Summen zusammen und war von dem Endresultat sehr befriedigt. In diesem Augenbück brachte der Clerk Peters Visitenkarte herein. Zuerst hatte er die Absicht, eine Unterteilung mit ihm abzulehnen, aber er war ebenso begierig, Neuigkeiten zu hören wie Peter selbst. Er räumte,deshalb die Papiere vom Tisch und sagte dem jungen Mann, daß er den Zeitunas- reporter hereinführen sollte.
„Nehmen Sie, bitte, Platz und bedienen Sie sich mit einer Zigarre," sagte er zu Peter und unbefangen zu erscheinen als möglich. „Ich bin allerdings sehr beschästiat und kann Die nur für Minuten lang sprechen. Was bringen (5te für neue Nachrichten über die gefiederte Schlange?
Gr war sehr redselig, aber Peter Börte einen unterdrückten Argwohn aus seiner Stimme. Man konnte ihn nut einem Bösewicht vergleichen, der erchttmnig über bm Tod spricht und doch inner- üch dabei zittert. Peter ließ sich nicht täuschen. Er sah, daß sich alle Eindrücke des furchtbaren Schreckens, der plötzlich vier Menschen erfaßt hatte, bei Crewe summierten und häuften Far- mtt war bereits dem Tod zum Opfer gefallen und Paula Ricks hatte fluchtartig das Land verlassen müssen.
„Es gibt nichts Neues. Die werden doch ver- mutlich Ihr Zeugnis bei der Totenschau abgeben {
®retoe sah ihn groß an.
„Q3ei der Totenschau?"' stammelte er. „Weshalb sollte ich denn dorthin gehen? Ich hatte gamj vergessen, daß eine Totenschau abgehalten wird. Was soll ich denn dort?"
„Sie sind doch der Hauptzeuge! Ich dachte, Sie wären schon vorgeladen. Ich bin gespannt, was der Richter bei der Totenschau sagen wird, wenn er erfährt, daß Mrs. Paula Staines in solcher Eile außer Landes gegangen ist."
Erewe machte ein verzweifeltes Gesicht und sah Peter Dewin ungläubig an.
„Außer Landes gegangen?" wiederholte er. „Mas meinen Sie damit?"
„©ie ist mit dem Expretzzug heute morgen nach Vlissmgen abgefahren. Änd in der Tat kann ich sie nicht tadeln. Ich hoffe, daß sie eine glücklichere Äeberfahrt hat als ehedem ihr Vater."
Er behielt Crewe scharf im Auge, während er sprach und bemerkte, wie seine Gesichtsfarbe wachsbleich wurde.
„Ich kannte ihren Vater nicht."
Sie haben den großen Ricks nicht gekannt?" höhnte Peter.
Der Mann war plötzlich wie vor den Kopf gestoßen, und seine Stimme klang schrill und heiser, als er jetzt sprach.
„3ch weiß wirklich nicht... Ricks... ich dachte immer, sie hieße Staines..." begann er. „Ich wünschte nur, Sie wären nicht immer so verteufelt geheimnisvoll, Dewin."
„Ihr Name ist Ricks — Paula Ricks — sie war die Tochter des Falschmünzers Ricks, der sich vor einer Reihe von Iahren selbst das Leben nahm. Niemand weiß das besser als Sie Mr. Crewe." '
„Sie hat das Land verlassen, sagen Sie? Sind Sie dessen auch sicher?" Leicester vermied ir- gendwelchss Auseinandersetzung, die seine Wahrheitsliebe auf die Probe stellen konnte.
. »2ch sah es selbst", sagte Peter. „Ich hatte irgendwie das Gefühl, daß sie heute abfahren wurde und ging zum Bahnhof, um die Zuge zu beobachten, die Anschluß an die Dampfer haben — mit dem ersten ist sie abgefahren."
jSne wird nach Paris gereift fein.“
Peter schüttelte den Kopf.
-^^Ä^6.en wäre ein großer Ämweg nach Pa- ris. Obgleich ihr Zug sogar Verbindung zu dem Dampfer nach Boulogne hat, ist ihr Gepäck nach Holland aufgegeben worden."
Erewe dachte sehr schnell.
„Ich erinnere mich nun — sie sagte, daß sie für eine Woche verreisen wolle —“ bin^^^er dem Portier in Buckingham Gate fur mindestens ein Iahr n r*l X6 '^..Entgegnete Peter ruhlg.
„Sie brauchen sich darüber gar keinen Illusionen ,2y en( - Miß Ricks ist endgültig und fü? immer fortgegangen, und ich weiß, daß ein ein
ziges kleines Wort sie aus dem Lande getrieben hat."
„Ein kleines Wort?"
Peter nickte.
„Ein merkwürdiges, kleines Wort — aber es hat eben diesen Erfolg gehabt. Ich bin nur gespannt. ob es auch Sie schrecken wird." Gr lehnte sich an einen Stuhl, seine Arme ruhten auf der Lehne. Sie sahen sich beide scharf in die Augeg.
„Dazu gehört aber schon ein sehr starkes Wort, um mir Furcht einzuflößen", sagte Leicester Crewe gelassen.
Peter nahm einen vollständigen Wandel bei dem Mann wahr. Früher schien er ein farbloser, mehr oder weniger uninteressierter Mann zu sein. Er hatte Manieren, Sprache und eine gewisse Lebensart angenommen, wie sie erfolgreiche Geschäftsleute haben, die von ihrem Beruf stark in Anspruch genommen werden und nur eine oberflächliche Kultur und Bildung besitzen. Aber in den letzten achtundvierzig Stunden war diese Kulturschicht von Crewe fast ganz abge- fallen, und bestimmte häßliche Züge seines Charakters zeigten sich immer deutlicher. Er war gewöhnlicher, und seine Stimme hatte den rauhen Klang eines Slraßenhändlers. Von dem vornehmen. Hausbesitzer hatte er sich in den Typus des kleinen Winkelspetulanten zurückverwandelt, der er früher gewesen war.
„Ich will einmal offen mit Ihnen reden, junger Mann", begann er. „Ich habe jetzt genug von all Ihrer Geheimniskrämerei — verstehen Sie mich? Ihr Zeitungsleute nehmt euch zuviel heraus. Aber die Sache kann Ihnen schlecht bekommen, wenn Sie sich nicht höllisch in acht nehmen. Ich weih nicht, wer Ioe Farmer ermordet hat, aber wenn Ihr kleines Wörtchen irgend etwas mit gefiederten Schlangen zu tun hat, dann mochte ich Ihnen nur raten, Ihre Zeit nicht nutzlos bei mir zu verschwenden, Sie können mir keine Furcht einjagen."
„Mrs. Staines —" begann Peter.
„Zum Teufel mit Mrs. StainesI" schrie Crewe. „Cs ist mir furchtbar egal, ob sie hier im Lande ist oder nicht. Ich will auch nicht sehen, was Sie mir zeigen tonnten“, sagte er verletzend, als Peter seine Hand in die Tasche steckte und einen Brief herauszog.
Aber der Reporter ließ sich nicht verblüffen, sondern entfaltete das Papier.
„Diesen Bries habe leb heute morgen mit der ersten Post erhalten , sagte er langsam. „Es ist ein maschinengeschriebenes Dokument und trägt weder Unterschrift noch Adresse."
Er legte das Blatt auf den Tisch und drehte eS um so daß Leicester Crewe eS sehen konnte. Widerwillig las et:
„Leicester Crewe (oder Lewston) siehe die Akten der Londoner Gerichtssitzung unter dem
Olamen Lewston Februar 1905, oder Polizeiblatt vom 14. Februar 1905, S. 3, Spalte 2.
Ella Creed. Ioseph Farmer, siehe die Polizeiakten von Maryleboae Iuni 1910. Ebenso die Peddington Times vom 22. Iuni 1910. Aame Farmster geb. Lewston."
„Run, was soll das?" fragte er, nachdem er das Schriftstück gelesen hatte.
„Ich habe heute morgen schnelle Erkundigungen eingezogen. Sie heißen Lewston. Miß Ella Creed ist Ihre Schwester. Sie heiratete Farmster oder Farmer im Alter von siebzehn Iahren. Sie sind zweimal verurteilt worden, einmal wegen Versicherungsbetruges und einmal wegen betrügerischen Verkaufs wertloser Aktien. Sie entgingen einer früheren Verurteilung wegen Falschdrucks englischer Banknoten, denn es befand sich ein Formfehler in der Anklage. Ihre Schwester und Farmer wurden vor dem Gericht in Maryle- bone wegen Hehlerei angeklagt. Sie scheinen aus einer unternehmenden Familie zu stammen."
Leicester Crewe biß sich auf die Lippen.
„Was wollen Sie damit sagen? Wollen Sie etwa mir die Schuld zuschieben?"
Peter lächelte.
„Wenn dies eine höfliche Frage sein soll, ob ich Sie anzeigen will, so sage ich stein."
Crewe betrachtete das Papier wieder, wandte es um und hielt es gegen das Licht.
„Es wäre mir sehr gleichgültig, auch wenn die ganze Welt dies über mich wußte", sagte er barsch. „Ich besinne mich auf ein kleines Gedicht, in dem ein Mann selbst bei seinem Tod sich noch erhebt, um sich zu bessern. Es ist kein Verbrechen, in der Welt vorwärtszustreben. Änd Sie würden nicht einen Pfennig von mir erhalten. Das müßten Sie besser bei Ella versuchen. Ich nehme an, es ist Ihre Absicht, dies alles bei der Totenschau vorzubringen, um sich eine Sensation für Ihre Zeitung zu verschaffen?"
„Das habe ich nicht vor." sagte Peter sanft. „Wenn ich eine gute Geschichte entdecke, pflege ich sie ganz für mich zu behalten. Sie können Ihr Gemüt von dem Druck befreien daß ich Sie anzeigen will. Ich werde es nicht' tun. Ich versuche nur, ein großes Geheimnis zu entschleiern und hoffe, daß Sie mir dabei behilflich fein werden."
Der Mann sah ihn düster an.
„Was ist denn das für ein Geheimnis?" fragte er mit belegter Stimme.
„Die Geschichte von Gucumatzl" sagte Peter bedeutungsvoll.
Ä Dicht ein Muskel bewegte sich in Crewe* Gesicht. Aber er verfärbte sich, wurde erst tnmleLe rot und dann wachsbleich.
(Fortsetzung folgt)


