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Samstag, 12. April 1930

180. Jahrgang

Nr. 87 Erstes Blatt

Gießener Anzeiger

Vli'S vnd Verlag: vrühl'fche Univerfilälr Buch' nnö Steinöruderei R. Lange in Stehen. Schriftleitung und Geschäftsstelle: Schulllrahe 7.

Annahme von Anzeige» für die Tagesnummer bis zum Nachmittag vorher.

Preis für 1 mm höhe für Anzeigen von 27 mm Breite örtlich 8, auswärts 10 Reichspfennig; für Re» klameanzeigen von 70 mm Breite 35 Reichspfennig, Platzvorfchrist 20v , mehr.

Chefredakteur

Dr. Friedr. Will). Lange. Derantwortlich für Politik Dr. Fr. Wilh. Lange; für Feuilleton Dr H.Tbyriot; für den übrigen Teil Ernst Dlumfchein und für den Anzeigenteil Max Filter, fämtlich in Diesten.

Erfcheint täglich,außer Sonntags und Feiertags.

Beilagen:

Die Illustrierte Gießener Familienblätter

Heimat im Bild Die Scholle

Monots-Vezugsprels: 2.20 Reichsmark und 30 Reichspfennig für Träger, lohn, auch bei Richter« scheinen einzelnerRummern infolge höherer Gewalt.

zernsvrechanschlüste unterSammelnummer225l. Anschrift für Drahlnach» richten Anzeiger Liehen.

Post sch«effonto: Zranlfurt am Main 11686.

wirken, zu deren Vertiefung die

sozialer Staat nicht aufgeben

daß sie erdgebunden sind. QlntauS durch Berührung mit

durchaus klar, Wie der Riese der Erde seine

nämlich, daß sie ihre U n l e r s ch r i f l unter dem Agrarprogramm zurückziehe, wenn die Steuer vom Plenum in der Form verabschiedet werde, wie sie heute im Ausschuß angenommen worden ist, so daß die großen Spezialgeschäfte nicht un­ter die erhöhte Umsatzsteuer fallen würden. Reichsfinanzminister Moldenhauer hat der lvirtschastspartei aber bereits zugesichert, daß die Regierungsvorlage im Plenum morgen wiederherge­stellt wird. Somit schuf die Drohung der wirtschasts- Partei nur eine Augenblickskrise.

Die Deuischnationaten gegen die Dkckungsvorlage?

Berlin, 11.April. (E.N.B. Eigene Meldung.) Die deutschnationale Relchstagsfrak-

Paris, 11. April. (Tel.-Un. Funkspruch.) Ein furchtbares Eisenbahnunglück ereignete sich am Freitagnachmittag in Laissey aus der Strecke BesansonMontbeliard in unmittelbarer Röhe von Befangen. Ein vollbesetzter Militärzug ent g t e i st e und ging vollkommen in Trümmer. Bisher konnten acht Tote und 40 zum Teil sehr schwer Verletzte geborgen werden.

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Lieber den Hergang werden folgende Einzel­heiten gemeldet:

Der Militärzug, der die Reservisten vom Mili­tärübungslager Valdahon in ihre Heimat­städte Belfort und Colmar zurückbringen sollte, hatte Dcsangon verlassen und fuhr mit 7 0 Kilo­meter Geschwindigkeit die kurvenreiche Strecke nach Laisseh zu, als einer der Wagen aus den Schienen spran g und den ganzen Zug mit sich riß. In wenigen Sekunden bot die ganze Strecke das Bild einer furchtbaren Ver­wüstung. Sämtliche Wagen hatten sich buch­stäblich ineinandergeschoben und waren nicht wiederzuerkennen. Lautes Schreien und Todesstöhnen drang aus dem Trümmerhaufen, an dem sich die weniger Schwer- und Unverletz­ten bemühten, ihre Kameraden zu retten. Von Besangon wurden sofort 80 Tragbahren und die notwendigen Hilssmannschaften entsandt, die im

ihr Export zurückgeheu würde, insbesondere unser Ruf ab, als beispielgebend zu fein, den wir wollen.

beitragen muß.

Künstler wie Laie sind sich

Berlin, 11. April. ((Eigene Meldung.) wie wir erfahren, hol sich dos R e i ch s k a b i n e 11 in feiner 19-Uhr-Sihung dahin entschieden, daß es den Ge­danken des Ermächtigungsgesehesfalten lassen will. Der Agrarvorlage soll ein Pa­ragraph la eingefügt werden, in dem ausgesprochen wird, daß das Agrargesetz nut dann Gül tigfelt erhält, wenn die FinanzVorlagen angenommen werden. Zur Begründung dieses Paragraphen wird der Kanzler in der Plenarsitzung des Reichstags das wort nehmen, um mit aller Entschiedenheit festzustellen, daß der Reichstag a u f g e l ö ft wird, wenn die Deckungsvor­lagen nicht bei der zweiten Lesung ange­nommen werden. Der Kanzler wird in seiner Rede außerdem herausarbeiten, daß das Kabinett als die Kernfrage der Situation ansieht: ob näm­lich dem S t a a t e i n s e i n e r j eh i g e n s ch w i e- rigen Notlage die Mittel verweigert werden dürfen, die nach Auffassung der Regierung notwendig sind, wenn der Staat und die deutsche Wirtschaft über die gegenwärtige Krise tjinroegge- bracht werden sollen. Das ist nach Auffassung parla- mentarifcher Kreise auch das Stichwort für den 1 Wahlkampf, durch das das Ermächtigungsgesetz überflüssig wird.

Die Besprechung mit den Parteiführern, die um 20.30 Ahr begann, hatte den Zweck, den Reichstag auf den ganzen Ernst der Situation hinzuweifen. Außerdem soll versucht werden, eine Umstellung der morgigen Tagesordnung zu erreichen, auf der die B e n z 0 l v 0 r l a g e an erster Stelle steht. Nach Auffassung der Regierung wird die Situation schon in etwas erleichtert, wenn die Benzolvorlage, d. h. also praktisch genommen, die mit ihr verbundenen Agrargesetze, erst am Schlüsse behandelt werde. Aber auch, wenn diese Umstellung gelingt, bleibt I immer noch die Hauptschwierigkeif bestehen, Ne in I der Haltung der Deuischnationaten liegt. Von deutsch- nationaler Seite wird bestritten, daß heute bereits ein endgültiger Beschluß gefaßt worden sei. Ls wird

t i 0 n beriet wahrend des ganzen Nachmittags übet ihre Haltung bei der morgigen Abstimmung. 3m Reichstag verlautet, daß nach dem Ergebnis meh­rerer Probeabstimmungen damit zu rechnen ist, daß die veutschnationalen gegen d i« Deckungsvvrlage stimmen werden. Reichs­kanzler Brüning hatte gegen Abend eine Bespre­chung mit Vertretern der deutschnationalen Frak­tion, und es ist wohl anzunehmen, daß sie ihn von der Stimmung in der Fraktion unterrichtet haben. Daraus traten die im Reichstag anwesenden Mitglie­der des Kabinetts zu einer 2U i n i ft e r b e f p r e- chung zusammen. 3m Anschluß an sie wurde für 18.30 Uhr eine ftablnettsfitjung einberufen.

Die Reichstagsfraktion der Deutschnatio­nalen Volkspartei wird morgen vormittag um 10 Uhr zusammentreten. Dem Ergebnis dieser

Harmonie in Sulfur und Wirf schaff Don Dr $r. Rrua v. Aidda und von Salten« stein. Sächsischem Slaaisminisier.

Eisenbahn-Katastrophe bei Vesanpon.

Entgleisung eines Militärtransportes. - Acht Tote, vierzig Verwundete.

deutschen Kultur verstärkte, des kleinsten Gebrauchsgegenstands zu künstleri- fcher Eigenart, die Gestaltung der Jnnenräume nach dem Geschmack des Bewohners in Zeiten, da die Politik Muße zur Vertiefung lieh, droht uns zu entschwinden und die Umgangsformen zeigen Verfallserscheinungen. Wenn aber die Weltgeschichte in Gegensätzen sich bewegt und wir in einem gärenden Zustande stehen, den Politik stark beeinflußt, so brauchen wir keinem Pessimismus zu verfallen, solange noch große Dolksteile Geschmack an großen Kunstwerken oder guten Büchern der öffentlichen Sammlungen fin­den. Rur prüfen läßt sich, ob die gerissene Kluft sich überbrücken läßt, was der Künstler, der Laie an sich tun kann, um im Dienste der Kunst zu .....Kunst durchaus

zu bedenken und in sein System zu bringen, nicht vorübergehen, weil der spekula- schon zu einem festen Ergebnis

einigermaßen gesund zu erhalten, auch wenn Davon hängt

ihm das Gleichgewicht gibt, das allein zu großen Taten in zäher Stetigkeit befähigt. Ohne diese Korrektur gibt es keine Gemeinsamkeit der Masse, sondern nur Doktrinen, die die Wirklichkeit nicht sehen und auflösend wirken, wie die Erfahrungen der Geschichte sie in ständiger Folge aufweisen. Denn durch Verkennung der Wirklichkeit, daß Gut und Döse im einzelnen kämpfen und daß es in diesem Kampfe eines starken Halles, einer sitt­lichen Weltordnung bedarf, wird das Ratur- geseh der Harmonie verletzt. Solange der Mensch nicht in sich die Harmonie herstellt, seinen Leib und seine Seele künstlerisch schult, kann er dem Lebenskampf keine Dauer abgewin­nen, die in die Ewigkeit weift und auf die ihn die eigene Seele hindrängt. Jeder Künstler bedarf dieser Selbstzucht, und damit findet er den Weg zu den Laien, an die er sich wendet. (Zeder findet dann im Gleichklang den Weg zueinander. Die Selbstzucht führt den Großstädter zur vernunft­gemäßen Ernährung im nötigen Maßhalten, zur Bescheidung in Kleidung und Lurus, vor allem aber zu den Ruhepausen des Lebens, welche die schöpferischen Stunden erzeugen. Die Großstadt gesund zu erhalten, ist wichtiger, als ihre Bildung hindern zu wollen. Die Entbehrungen, welche der Druck der Zeit uns auserlegt, sollten der inneren Ausbildung nutzbar gemacht werden, die stillen Stunden zur Vertiefung, um die gestörte Har­monie wiederzufinden.

Auch die Rot der Wirtschaft entspringt nur der Störung der Harmonie in der Volks­wirtschaft, deren Gesetze achtlos überschritten wer- den. Was nützt die Lehre vom Klassenkampf, welche den Egoismus des einzelnen oder einer Masse ohne Rücksicht auf andere in den Vorder­grund stellt, wenn sie in der Wirklichkeit sich als Theorie enthüllt, die die Quelle des Er­werbes verschüttet? Der gesunde Egoismus gelt als Triebfeder des Erwerbs, der nicht ver­urteilt werden kann, aber er findet im Ge­meinschaftsleben seine Grenze da, wo er andere Lebenshaltung angreift und die Harmonie auf­löst. Wie der Erwerbstrieb eines Unterneh- mens seine Grenze findet in-der Verletzung der Lebenshaltung anderer Kreise, so muß der Er» werbstrieb der in ihm Beschäftigten die Grenze in der Erhaltung des Llnternehmens selbst finden. Jetzt aber sehen wir auf der einen Seite hem­mungslose Zusammenfassungen von Unterneh­mungen und damit Ausreißung der Kluft von Arm und Reich, statt durch Erhaltung mitt­lerer und kleiner Betriebe die Verteilung der Einkommen auf weite Kreise zu erleichtern, auf der anderen Seite die ständige Steigerung von Forderungen ohne Rücksicht auf die Leistungs­fähigkeit des Unternehmens, die wieder die Un-

Kraft stets Wiedergewann, müssen auch sie durch Berührung mit der Ratur ständig neue Kraft suchen. Künstler wie Laie suchen sie auch dort, mag auch der Großstädter der stetigen Kraft des Landes noch nicht das volle Verständnis entgegenbringen und der Landbewohner den Vor­zügen der Zivilisation, der schnellen Beweglich­keit und Bequemlichkeit, nicht die Wichtigkeit bei­legen wie der Großstädter. Wer aber Fühlung mit der Ratur sucht, der muß auch das Kleine,

Reichstags-Entscheidung am heutigen Samstag

Der letzte Druck der Regierung auf das Parlament.

Augenblick noch mit den Rettungsarbei­ten beschäftigt sind, da immer noch Tote und Verwundete unter den Trümmern liegen.

Die Unglücksstelle bietet einen grauenerregen­den Anblick. Teile menschlicher Körper liegen umher. Cs war noch nicht möglich, alle $otcn zu identifizieren. Das Unglück ist um so bedauerlicher, als die Reservisten ihre Uebung beendet hatten und zu ihren Familien zurück­kehren wollten. Es handelt sich fast ausschließlich um verheiratete Männer, die Frauen und Kinder zurücklassen.

Oie Ursache des Unglücks.

Paris, 11. April. (WTB.) Die Entglei­sung des Militärzuges in der Räße des Bahnhofes von Laissey ist, wie die zuständige Eisenbahngesellschaft bekanntgibt, auf die Ent­fernung eines Schienenteiles auf der in Reparatur befindlichen Strecke zurückzuführen. Das Unglück ereignete sich bei der Aussahrt aus einem kleinen Tunnel. Glücklicherweise führt die Eisenbahnlinie an dieser Stelle zwischen zwei hohen Felswänden hindurch, so daß der Zug, als er entgleiste, auf dem Bahndamm blieb. Unverständlicherweise war die Baustelle nur durch eine kleine rote Fahne bezeichnet, so daß der Zug mit voller Geschwindigkeit darüber hin­wegfuhr.

ternehmer zu stärkeren Kapitalzusammenfassun­gen drängt. Die Harmonie wird damit auf- stärkste gestört, um so stärker, wenn politische Rebenäbsichten sich in die Gesetze der Volks­wirtschaft schieben. Die Steuergesetzgebung und die Deutschland auferlegten Lasten haben zu einer Finanznot geführt, die zur größten Gefahr wird, da wir nun das Ergebnis der gestörten Har­monie vor uns sehen. Die täglichen Betriebs­einstellungen alter und neuer Werke mit aunr Teil modernen Einrichtungen, welche das Elend der Erwerbslosigkeit verbreitern, die Gefahr, in der die landwirtschaftlichen, die gewerblichen und Handelsbetriebe aller Größen mit dem Ab- schneiden des kleinsten Kredites oder der Ueber- treibung der Steuereinholung stehen, sind so einschneidend groß, daß der Mangel der Kapital­bildung als starke volkswirtschaftliche Verletzung des Gesetzes der Harmonie sichtbar wird.

Hier ist schneller Wandel notwendig, soll poli­tischen Wirrungen vorgebeugt werden, und Ent­schlossenheit im Handeln, die der unerbittlichen Wirklichkeit feste Gesetze nachgeht und sich von leeren Doktrinen abwendet. Werden die Träger der verschiedenen Theorien die Gesetze der Ratur wiederfinden, in denen ein blühendes Deutsch­land gedieh? Hoffnung führt uns auch hier zu dem Optimismus, daß die Harmonie, wenn auch mit schweren Wunden, wieder sich einstellen müsse und die Vorbedingung eines Aufbaues sei. Dessen Voraussetzungen aber sind Steuersenkungen, Ver­einfachungen der Organisationen, unter Umstän­den deren Abbau, größte Sparsamkeit und zur Aufbringung der uns auferlegten Lasten eine Wirtschaftspolitik, welche die Einfuhr ausländi­scher Produkte drosselt, soweit sie nur entbehr­lich sind, und den einheimischen Erzeugnissen einen gesicherten Binnenmarkt bietet. Werden Deutschland untragbare Lasten auferlegt, um das Ziel des Krieges, die Zurückwerfung der deut­schen Entwicklung zu erreichen, noch durchzusetzen, und sind diese Lasten durch Export unmöglich aufzubringen, weil überall Zollmauern dagegen aufgerichtet werden, so ist es ein Gebot der Rotwehr, die Veranlasser solcher Härten die Folgen ihres Schrittes empfinden zu lassen, zu­mal die Drosselung der Einfuhr, an welcher die deutsche Volkswirtschaft mehrere Milliarden ersparen kann, als das einzige Mittel erscheint, die übernommenen Lasten auch wirklich zu er­füllen und dabei die deutsche Wirtschaft noch

Greift man aus den allgemeinen Klagen der Zeit tast aller Berufsstände sich einen Stand heraus, um den Gründen der Rot nachzu­gehen, so werden sich allgemeine Linien und Wirkungen der Umwälzungen der letzten Jahr­zehnte ergeben, wenn man die geschichtliche Ent­wicklung nicht beiseiteschiebt, sondern sie zu er­fassen versucht. Man begegnet dabei immer wie­der Gesehen der Ratur, die sich durch Prinzipien und Theorien nicht beseitigen lassen, sondern unwandelbar ihre Beachtung erheischen.

Der K ü n st l e r wird als der feinnervige, die Schwingungen feiger Zeit erfassende, als der ost prophetisch vorausschauende Mensch angesehen, der seiner Zeit voraneilt, ihre künftige Entwick­lung andeutet. Zum Gestalter wird er in erster Lime aus der Anschauung der Ratur, aus der ständigen Beobachtung des Lebens, aus dem Dergleichen, dem Zweifel und der Belebung des | Materials aus feiner Eigenart heraus. Em stän­diges Ringen ist sein Lebensweg im Suchen nach der Form und der geistigen Durchbildung des Gedankensluges, nichts anderes als der ewige Dualismus von Leib und Seele, Gegenwirkung von Kraft und Stoff, der in seinen Werken zutage tritt, in anderen Ständen sich innerhalb des einzelnen Menschen still und unsichtbar vollzieht.

Schon lange vor dem Kriege, als die Entwick­lung der Großstädte begann, in die es den Künstler wegen des beweglicheren Lebens und des Absatzes der Kunstwerke zog, wo die Mittel zu größeren Aufgaben und Kunstwerken lockend sich zusammenballten, die Anregungen sich zu häufen schienen, zeigten sich in der Kunst An­sätze, über die Form zu mehr geistigem Erfassen des Darzustellenden zu kommen. Große Meister hielten darin Maß, als aber die Massenbewegung einsehte, artete die geistige Bewegung zu einer rein verstandesmäßigen Darstellung aus, welche die Form, den einzigen Maßstab, durch den dem Auge die Wahrnehmung nahegebracht werden kann, als entbehrlich zu zerbrechen strebte, damit aber dem Beschauer entrückte. Genährt durch Züchtung auf Kunstschulen, gestützt aus den im Gegensatz zur Massenbewegung stärker sich aus- wirkenden Individualismus, der nut das sah, was der Künstler sah, entfernten sich Künstler und Laie verständnislos voneinander. Die grüne , - . , ..

Kuh, das gelbe Gesicht, die verzerrten Glieder aber zugegeben, daß die Stimmung der Fraktion mochten wenn sie nur die Form wahrten, als am Ende der heutigen Beratungen keinen Zweifel geistiger Ausdruck oder als Farbwirkung nicht mehr über die Ablehnung taffe. Man wird ab- wider die Ratur im Gesamtbilde erscheinen, dem märten müssen, ob der Druck, der vom Kabinett einfachen Beschauer boten sie nicht das, was er jcl)| angefet)t wird, noch im letzten Augenblick einen sah. Und in diesen Gegensatz trat der große Umfd)roung herbeiführt.

sandel m den Öa8 6ter- ^nen interessanten Zwischenfall gab es in dem

von Kunstwerkes die Tradition pflegte und Kul- hin und her des heutigen?lbendsnoch imS teuer- tur suchte. Diese Kreise hatten unter gesicherten a u s s ch n ß. Die Dirtschaftspartei entarte Lebensverhältnissen ihre Wohnung, ihre Lebens-

Haltung kulturell auszubilden gesucht und waren . , ..,

im Begriff, ihr Leben selbst künstlerisch zu ge- wie das Kmd, sehen, er muh mehr staunen über

ftaltcn. Diese Bewegung ward jäh unterbrochen, den Erfindungsreichtum der Ratur, tote Goethe Das Interesse der zu rasch angehäuftem Besitz es wünscht, er ^muß,3eit^und ^"öe^haben, mes gelangten Reureichen ebenso wie des Teiles der I -L r 4 Massen, der zu einer besseren Lebenshaltung ge- achtlos daran langte ging zunächst auf rein materielle Dinge, live Geist ihn <,- -....... - -;°-

auf Ernährung, Wohnung und Kleidung, ohne drängt. Wenn Goethe nur von der Anschauung zur Kunst in innere Fühlung zu kommen. Wie ausgehen teilt, daher den Gelehrten nicht schätzt, sollten sie, die im materiellen Interesse, in den der vorschnell eine Doktrin aus einer Wahr- Fortschritten der Technik, der Angleichung, der nehmung gestaltet, abends sich in der Anschauung

Austeärtsbeteegung der Zivilisation die Erfüllung einer Zeichnung derart vertieft, daß er sie aus

sahen, sich herangezogen fühlen zu geistiger Durch- dem Geiste des Künstlers in Worten Plastisch Dar­bringung von Kunstwerken, welche die geläufige zustellen versteht, ständig durch Dergleichen die

Fornr der Darstellung anders zur Anschauung Art der Komposition jedes Künstlers zu erfassen

brachte als sie sie um sich herum täglich sahen? weih, so sollte die Art dieses Universalgenies

Und wie weit hatten die Steinmauern der Groß- dem Allzuhastigen zu denken geben. Der über-

stadt sie schon von der Ratur entfernt, wie wenig mäßigen Hervorhebung des Geistigen die für

erlaubte die Hast der Zeit noch ein Ausruhen, alle akademischen Berufe als gefährliche Klippe

eine Dertiesung?! Dazu trat die Uebersetzung gegenüber einer diesem Maßstabe noch nicht gc-

aller Berufszweige mit zahlreichem Menschen- wachsenen Masse steht, nmh der Künstler sich

material, von denen ein jeder den Lebenskampf versagen, wenn er weiten Kreisen dienen will,

schärfer aufnehmen mutzte, um sich durchzusehen. Er muh Geist und Form in Einklang zu bringen

Wir sind ein Dolk ohne Raum geworden und suchen, den Verstand rn der Art der Wieder-

dies drückt schwer auf alle Berufe. Damit wer- gäbe schärfen, aber nicht der Materie aufzteingen.

den zugleich die Grundlagen der Kultur in Aus dem Material heraus, wie Michel Rngelo,

Frage gestellt. Das, was einst den Reiz der süd- Rodin, Kändler u. a., mag ihm die Gestall er-

- - --- - öic Durchbildung wachsen, dann wird sie naiv enipfunden Daftctyen

und jeder wird Verständnis dafür aufbringen.

Denn Kunst ist gebändigte Kraft. Wird die Form durch den Geist bezwungen, ohne sie aufzulösen, so spricht sie selbst zum Beschauer.

Was vom Künstler im besonderen, gilt von jedem Menschen, der denken teilt und sich mit vorgekauten Phrasen nicht begnügt. Wer sich seiner Erdgebundencheit sicher ist, kann mit Dok­trinen allein nicht zum Himmel fliegen, soiidern er muh zu dem in ihm arbeitenden Problem Stel­lung nehmen, der ihm eingeborenen Zweifels­frage nach dem Verhältnis von Seele und Leib. Die Frage nach der Ewigkeit ist nicht bloh eine entscheidende für die Weltanschauung, sondern auch eine psychologische für die Erziehung des Menschen und für seine Lebensführung wichtige. Mag sie beiseite geschoben werden, um den Him­mel schon auf Erden zu genießen, sie tritt im einzelnen doch wieder auf und verlangt Beant­wortung. Wie die Kirche, so haben auch Staats- sührer, wie der große Staufer Friedrich 11. nach dem Beispiele der römischen Kaiser den Ausfluh ihrer Gewalt mindestens dem Scheine nach in die Beziehung zur Ewigkeit gelegt Dies ent- springt zugleich der psychologischen Erkenntnis, dah der einzelne wie die Masse einer Korrektur bedarf, indem ihre Kraft gebändigt wird durch das Beugen unter ein höheres Wesen, dah der einzelne sich damit zur Bescheidenheit und Selbst­losigkeit betermt, die dem Herrenmenschen in