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Jugend und Hochschule.

Abtturund Berufswahl.

Don Or. Phil. 3 H. Mitgau, Heidelberg.

In Kürze verlassen wieder Tausende von Abi­turienten die höheren Lehranstalten. Die stehen vor einer der schwierigsten Entscheidungen ihres Lebens: vor ihrer Berufswahl. Früher pflegte das Abitur den Weg zu den sogenannten höheren Berufen zu öffnen. Aach einem mehr ährigen Hochschulstudium fand man alsAkademiker im allgemeinen einstandesgemäßes" und auskömm­liches Unterkommen. Schon vor dem Kriege war dies nicht mehr uneingeschränkt der 5aL Die Rot der Aachkriegszeit mit einer erst langsam aus der Inflationskatastrophe wiedererstehenden Wirtschaft, mit den Lasten des Friedensvertrages, dem Beamtenabbau und den Heeren von Arbeits­losen hat auch die Lage aus dem akademischen Arbeitsmarkte aufs schwerste getrofsen. Zwischen Weihnachten und Ostern bekommen unsere Abi­turienten von allen Seiten zu hören, daß so ziemlich alle akademischen Berufe (bis auf die katholische und evangelische Theologie) überfüllt seien. Wenn man dazu weih, daß auch die Lage der in Frage kommenden nichtakademischen Be­rufe (es sei erinnert an die zahlreichen stellen­losen Kaufleute und Bankbeamten m Deutsch­land) kaum besser sein dürste, kann man die ganze Aot der Derufswahl begreifen, vor der unsere Abiturienten mit ihren Eltern stehen.

Mit den üblichen Warnungen ist ihnen des­halb nicht im geringsten geholfen, solange man nicht eine Tür offnen kann, wenn alle übrigen zugeschlagen werden.

Aun liegen die Dinge in Wirklichkeit nicht so Einfach negativ. Was zunächst die wichtigste Frage nach den Berufsaussichten anlangt: Es gibt in Deutschland keine Stelle, die in der Lage wäre, eindeutig auszusagen, welche Be­rufsaussichten ein bestimmtes Fach in fünf bis sechs Iahren haben w rd. ülnd darum handelt es sich! Der zukünftige Akademiker hat e'wa vier Studienjahre vor sich und für fast sämtliche Berufe mindestens dann noch ein Jahr mit un­besoldeter Praktikantenzeit (ost mit anschließen­dem zweiten Examen), ehe er als Fertigausgebil­deter Anstellung findet. Wer kann den gegenwär­tigen Verhältnissen in Deutschland eine Entwick­lung Voraussagen, die mit einer relativ so lan­gen Zeit zu rechnen hat, mit so zahlreichen un­bekannten Faktoren.

Das entscheidendste Moment für eine Doraus- sage ist natürlich die «"gemeine Wirtschaftslage Deutschlands. Wenn wir heute auch hoffen dürfen, daß cs vorwärts gehen wird, fo kann Endgültiges nach keiner Seite hin prophe'eit werden. Aun kommen aber für eine Derufsstatistik des aka­demischen Arbeitsmarktes noch zahlreiche neue Schwierigkeiten hinzu. Während für andere De- russ'weige von Staat und berufsständigen Or­ganisationen seit Iahren Material gesammelt und verarbeitet worden ist, beginnt erst heute die akademische Berufsberatung die Grundlagen einer umfassenden. Statistik zu beschaffen. Wie für die Berufsberatung im allgemeinen, so soll auch im besonderen für die akademischen Berufe auf der Grundlage der neuen Gesetz­gebung und in Verbindung mit den offiziellen Arbeitsämtern diese seit Iahren dringend er­forderliche Arbeit in Angriff genommen werden. Einstweilen bieten die Hochschulstatistiken der Hoch'chulländer Pie leider nicht einheitlich durch- geführt w-rden sind, für allg meine Fragen (etwa für die Frequenz) Anhaltspunkte, nicht aber für solche speziellen Fragen, wie sie eine akademische Berufsberatung benötigte (abgesehen davon, daß sie oft erst viel zu spät veröffentlicht werden).

Die unter volkswirtschaftlichen und bevöl­kerungspolitischen Gesichtspunkten so wichtige älebersicht über den Bedarf an akademisch ge­bildeten Derufsanwärtern wird stets von unbe­rechenbar :n Konjunkturschwankungen abhängig sein. Heute ist sie meist nichts anderes als eine auf Kombination beruhende Schätzung. (Z. B. Feststellung der Gesamtzahl der Aerzte Deutsch­lands verglichen mit dem Zustrom zum Medizin­studium ergibt einen voraussichtlichen Zuwachs gegenüber einer gle.chbleibenden bzw. veränderten Aachfrage.

Eine weitere Schwierigkeit zeigen andeutungs- wrise die Tatsachen der sogenanntenListen- studenten" (Immatrikulierter, die anstatt zu stu­dieren, irgendwo ein berufliches Dasein führen), ferner der infolge neuer Examensverordnungen

Danzig und sein akademischer Nachwuchs.

Don Senator Or. Or.-Zng. e. h. H. Strunk, Oanzlg.

Für die Erhaltung des Deutschtums in der Freien Stadt Danzig ist die Ausbildung des akademischen Aachwuchses von ausschlaggebender Bedeutung. Die Rechtseinheit des Freistaates mit dem Deutschen Reiche, die Spracheinheit und kulturelle Verbundenheit des Danziger Deutsch­tums mit dem gesamten deutschen Volke sind nur gewährleistet, wenn der akademische Danziger Aach wuchs, gestützt auf die Anerkennung der Reifezeugnisse der Danziger höheren Schulen durch die Länder des Deutschen Reiches und um­gekehrt der akademischen Prüfungen im Reiche durch die Freie Stadt, seine Ausbildung auf den wissenschaftlichen Hochschulen des Deutschen Reiches erlangt und dadurch in engster Verbin­dung mit dem deutschen Forschen, Lehren und Lernen bleibt. Die Abtrennung der Freien Stadt Danzig von dem Deutschen Reich durch den Ver­trag von Versailles hat diese Beziehungen nicht auflösen können, auch nicht auflösen wollen, denn der auch von den ehemaligen alliierten und asso­ziierten Mächten anerkannte deutsche Charakter Danzigs, der in der vom Völkerbunde genehmig­ten Danziger Verfassung staatsrechtlich zum Aus­druck kommt, verpflichtet uns, diesen Zusammen­hang für alle Zeiten zu wahren.

Die Geschichte bestätigt diese Einstellung. Denn der Grund für die Deutscherhaltung Danzigs in den sieben Jahrhunderten seines Bestehens ist, daß Danzig immer in engster kultureller Be­ziehung mit Deutschland gestanden hat: mit dem deutschen Orden, mit den Hansestädten, mit Preu­ßen, mit dem Deutschen Reiche, mit d m gesamten Volksdeutschtum. Dieser rege geistige Verkehr und Austausch vollzog sich einst in der Weise, daß deutsche Gelehrte und Künstler nach Danzig als in eine geistige Gaststätte kamen und hier, durch

in vielen Disziplinen eingeführten Verlängerung des Studiums, die natürlicherweise die Gesamt­zahl der Studierenden erhöhen muh, schließlich die Tats. che des Cebrrtcnrückgang s zwischen 1914 und 1918, der sich etwa in vier Iahren beim Zustrom zum Hochschulstudium auLw.rken wird, alles Faktoren, die bei der Verarbeitung des statistischen Materiales bisher viel zu wenig berücksichtigt worden sind. Mit der Gegenüber- stellung der absoluten Zahlen etwa im Verhält- nis zu den Dorkriegszahlen (wie dies meist ge- schicht) ist es eben nicht getan. Auf diese Weise läßt sich sehr bequem eine re.hängnisvolle äleber- füllung nachw.'isen. Bei weitem am schwierigsten ist nun die psychologische Seite des Problems. Vielleicht werden w.r einmal in der Lage sein, den Ratsuchenden mit statistischem Material die immer wieder gestellten Fragen nach den An- stellungsverhältnissen, der Wartezeit, der De- svldung usw. zu beantworten. Doch das dürfen nicht die letztlich entscheidenden Momente für die Derufswahl sein! Ein günstiges Geschick be­wahre uns vor einer Generation von Abitu­rienten. die ihren Lebensberuf allein von den Konjunkturverhältnissen abhängig macht. Im Mit­telpunkt aller Berufswahl steht vielmehr die Eignungsfrage, lieber diese kann a'e.' keine noch so differenzierte Psychotechnik angesichts der

zahlreichen Möglichkeiten einer Verbindung von Begabung und praktischem Beruf bei der gei­stigen Arbeit Endgültiges aulsagen.

Letzten Endes bleibt jede Berufswahl persön­lichste und innerlichste Entscheidung des Abi­turienten selbst. Er soll nach gründlicher Seibst- prüfung einen solchen Sprung in das Leben herzhaft und mutig wagen, ohne sich immer ängstlich an Wegweiser und Konjunkturverhält­nisse zu halten. Jede akademische Berufsberatung muß sich bei all ihrer Bedeutung und dringlichen Aotwendigkeit demgegenüber ihrer Grenzen be­wußt bleiben und Halt machen vor der inneren Existenzberechtigung jedes Menschen, die gerade im Berufsschicksal eine wesentliche Entscheidung erfahren kann. Eine noch weitere Mechanisierung und Rationalisierung des Enlw ck.'ungsganges der Heranwachsenden Generation ist eine viel größere Schädigung unseres zukünftigen Geisteslebens, als ein volkswirtschaftlicher Ruhen. Berufsberatung darf deshalb niemals Zwang und lleberredung sein, sondern nur Gewisfensschärfung, Anleitung zur Selbstbeobachtung und Selbst­orientierung. Cs scheint erfreulicher Fortschritt zu sein, daß eineDe r u f s e r z ie h un g" in diesem Sinne immer mehr als Angelegenheit der höheren Lehranstalten selbst betrachtet wird.

Auslandstu-mm.

Von Or. Siegfried Scharfe.

Mit außenpolitischem Verständnis und Takt begabt zu sein, scheint nicht zu den deutschen Grundeigei.schaf.eu zu gchlren. Man braucht nur die Probe aufs Exempel zu machen und etwa nach Paris zu fahren, um zu beobachten,^ wie die sich dort aushaltenden deutschen Ausländer mit der ihnen fremden Umgebung auseinander- setzen. Man wird in den allermeisten Fällen eine völlige Hilflosigkeit und älnbeho fenh it on- tressen, die einfach nicht weiß, was sie anfangen soll. Man kann an dieser Hilflosigkeit den deut­schen Ausländer sehr leicht von den Ausländern aller anderen Aational'täten unterscheiden, älnd wenn man Gelegenheit hat. auf einem eng­lischen oder amer'kan sch:n ilc6 r e damv'er die­selbe Frage zu studieren, wird das Ergebnis genau dasselbe sein.

Offenbar gehen wir alle, wenn wir uns über­haupt politisch betätigen, viel zu sehr in der Be­schäftigung mit innerpolitischen Problemen auf, ate daß darüber hinaus noch Energien genug verblieben, die irgendwie auß npolit sch « gesetzt werden könnten. Wir wissen zu wenig von unseren politischen Rachbarn und Kontürrentm. konnten uns deshalb z. D. so gründlich über die tat­sächliche Bedeutung der Vereinigten Staaten während des Krieges täuschen, haben ab:r auch nicht den Instinkt, außenpolitische Situationen entsprechend auszunuhen. Wir verfügen weder über die selbstverständliche Selbstsicherheit des Engländers noch über die gcfä l g: und liebens­würdige Art des Franzosen od:r Amer kaners. Wir wissen in den meisten Fällen nicht, den richtigen Mittelweg innczuh lten zwischen einem michclhaften Prohentum, das sich in überlegenen Kritiken Lust zu machen sucht, und jener völligen Resignation und Selbstausgabe, die ebenso oft und wahrscheinlich noch verderb.icher von Deut­schen im Ausland zur Schau getragen wird.

Wenn es irgendein Mittel gibt, um diesen Zustand zu überwinden, dann sollte dieses Mittel angewandt werden, um wenigstens allmählich eine Besserung herbeizuführen. Wir missen her­aus aus unserer kulturellen und pol'.t schen Iso­liertheit, in der wir uns heute obwohl der Krieg schon seit mehr als zehn Jahren vorbei ist noch immer in sehr starkem Maße be­finden. Es gilt, für eine weltoffene und welt­weite Betrachtungsweise zu werben und Deutsch­land irgendwie als Teil des Weltganzen zu sehen, ihm Weltsunttionen irgendwelcher Art zu geben.

Auslandkundlicher Unterricht, wie er jetzt an vielen Universitäten und Vo.lshochschulen aus­genommen wird, ist gewiß ein vorzügliches Mit­tel, um unseren zu engen Horizont zu weiten. Immerhin läßt sich nicht verkennen, daß rein theoretische Belehrung nur von unterg o.dnetcr Bedeutung sein kann. Viel wichtiger sind Aus- landreisen und ganze im Ausland verbrachte Jahre. Warum sollte es z. B. nicht möglich sein,

daß jeder deutsche Student, solange er sich noch in einem bildungsfähigen A t:r befindet, wenig­stens ein Jahr im Ausland studiert? Warum sollte von der akademischen Freizügigkeit, die glücklicherweise in uns:r:m älniver.llätssystem verankert ist, nicht auch mit Bezug auf das Aus­land Gebrauch gemacht werden?

So lohnenswert es ist, to:nn ein norddeutscher Student aus der anderen Seite des Mains stu­diert oder gar ein Jahr im deutschen Wien zu­bringt, um sich mit den Verhältnissen Deutsch- österrcichs vertraut zu machen, noch viel wich­tiger ist es, ins Ausland zu gehen und fremde Völler, fremde Kulturen, fremde Wirlschcfts- systeme und Staaten eingehend zu studieren. Ein solcher Auslandaufenthalt wird sich nicht nur als fruchtbringend für den einzelnen Studien- und Derus-'zwcig erweisen, sondern vor allen Dingen auch den politischen Blick des Auslandfahrers schärfen. Cs ist von ungeheurer Bedeutung, daß jeder deutsche Student einmal von außen auf die deutsche Politik zu blicken gezwungen wird. Es ergeben sich dabei ga iz neue P.-rsPettivrn, die die Tatsächlichkeit der Dinge in ihren Größen- verhältnissen und ihrer Bedeutung richtiger zu sehen lehren. Es werden sich persönliche Be­ziehungen zwischen d:m Aus and ahrer und dem fremden Volk anbahnen, die in ihrem bilden­den Wert gar nicht überschätzt werden können. Oberflächlich^ Me'nungen und Vorurteile werden revidiert durch gründliche gegenseit ge Bekannt- schäft, und die eckigen Kanten deutscher Art, an denen sich das Ausland zu stoßen Pflegt, werden abgeschlissen.

Es ist verhältnismäßig unwichtig, auf welchen Teil der Welt sich das Studium im Ausland erstreckt. Durch die zentrale Lage Deutschlands im Herzen Europas ist es ja gerade für uns be- fanders leicht gemacht, räum.ichr Entfernungen zu überwinden. Paris liegt nur wenige Stun­den jenseits der deutschen Grenze, und London ist ebenfalls leicht zu erreichen, ganz zu schwei­gen von den skandinavischen Ländern oder der Schweiz. 2n b.sonderen Fällen werden sich auch Verb ndunzen zu früh ren deutschen Schutzgebie­ten Herstellen lassen, die für den Gedanken des Auslandstudiums verwertet werden können. Selbst zu den verschiedenen Teilen der b'iden amerika­nischen Kontinente und nach Ostasien können Zugangsstraßen gefunden werden.

Selbstverständlich fehlt es neben den sprach­lichen Schwierigleiten und solchen der Cnifernung nicht an finanziellen Hindernissen, deren Ucb:r- windung in einem verarmten Deutschland nicht ganz einfach ist. In vielen Fällen wird der Student nicht in der Lage fein, die Mehrkosten eines Studiums im Ausland auf sich zu nehmen. Hier müssen Stipendien und Studienbeihilfen den Ausgleich schaffen, wie sie schon jetzt ich erinnere nur an die Tätigkeit des Akademischen Austauschdienstes, wenn auch nicht in ge­

nügendem Umfange, zur Verfügung stehen. Staat­liche und private Stellen sollten, trotz al.ee durch unsere wirtschaftliche Rotlage bedingten Zurückhaltung, zusammenarbciten, um die Ver­bindungen zwischen dem geistigen Deutschland und Ausland anzubahnen und zu vertiefen.

Das nervöse Kind.

Von Or. Th. A. Maaß.

Die Ansicht, daß der Arzt in allen Erziehunas- fragen ein gewichtiges Wort mitzureden hat, findet mehr und mehr Würdigung. Mag hier oft auch etwas weit gegangen werden und jede kleine Schul­sünde, jede schlecht ausfallende Klassenleistung auf irgendeine körperliche oder nervöse Jndicposit on zurückgeführt werden, so kann doch nicht bezweifelt werden, daß solches Versagen oft nicht nur darauf zurückzuführen ist, daß es am guten Willen fehlt, sondern auf wirkliche, in der Persönlichkeit des Km- Des begründete Hemmungen.

Neuerdings beschäftigt man sich auch mit der Stel­lung des nervösen Kindes in der Schule, und zwar besonders mit den Kindern, die im vorfchulpfl ch- tigen Alter nicht ausgesprochen nervös waren, aber durch erbliche Eigentümlichkeiten oder andere Gründe eine gewisse Anlage zur Nervosität ze g- ten. Bei diesen Kindern entwickelt sich oft unter Dem Einfluß des Schulunterrichts, der trotz aller Reformbestrebungen doch stets Anspannung und einen gewissen Zwang bedingt, eine ausgesprochene sogenannte Milieu-Nervosität.

Besonders häufig ist dies auch bei an sich sehr wenig belasteten Kmdern vom Lande zu beobachten, die zwecks Einschulung in die Stadt kommen. Aller­dings darf nicht vergessen werden, daß hier zu dem unleugbaren Nervenreiz, den die Schule ausübt, verstärkend als zweiter Der Des StaDtlebens tritt

Recht charakteristisch für Die Wesensart Des schul- nervösen Kindes ist Die Entwicklung feiner Phan­tasie. Bei jeDem Kinde ist Diese lebhaft entwickelt unD die Neigung, wahre Erlebnisse oder Geschichten in hohem Maße auszuschmücken, wird nur von schlechten Erziehern als Hang zur Lüge aufgefaßt und geahndet. In allen derartigen stark ausge- schmückten Geschichten des nervösen Kindes ist über­einstimmendes Merkmal, Daß es stets feine eigene Person in Den Mittelpunkt des mehr oder minder frei erfundenen Erlebnisses stellt, und alle Aus­schmückung zur eigenen Werterhöhung anwendet Das ist Die natürliche Reaktion gegen Die Herab­setzung, Die es in vielen Dingen erfährt oder min- Destens empfinDet

Es ist nämlich ganz allgemein zu beobachten, daß Das nervöse KinD, mag es auch, trotz mangelhafter Fähigkeit sich zu konzentrieren, in den wissenschaft­lichen Fächern Durch stark entwickelten Ehrgeiz an­sehnliche Leistungen erzielen, in Den technischen Fä­chern, wie Turney, Gesang, Zeichnen unD Hand» fertigfeit meist vollkommen versagt. Die Durch seine Nervosität erzeugten zahlreichen Hemmungen lasten hier seine Leistungen weit gegen Die seiner unge­hemmten Kameraden zurückstehen, was ihm natür­lich eine doppelt fühlbare Unterwertung einträgt.

Die Mittel, gegen die S ch u l n e r v o s i t ä t er­folgreich einzuschreiten oder, was noch wünschens­werter, ihr vorzubeugen, liegen in Elternhaus und Schule.

Als besonders wichtig wurde befunden, Dem Kinde vor Beginn des schulpflichtigen Alters keinerlei Lernbelastung aufzuoürDen. Die noch immer geübte Sitte, das Kind schon vorher ein bißchen lernen zu lassen, Damit es nachher in Der Schule bester mit- kommt, hat fast stets Den umgekehrten Erfolg.

Ebenso ist es vollkommen abwegig, das Kind, Dem Die Bewältigung der Schulleistungen Schwierig» feiten macht, durch übertriebene Ansprüche bei Den häuslichen Arbeiten vorwärts treiben zu wollen. Der Erfolg ist hier stets das Gegenteil des ge­wünschten. Die Nervosität steigert sich und damit sinkt die Konzentrationsfähigkeit.

Es ist selbstverständlich, daß für das nervöse Kind abendliche, seine Anschauungswelt in ungeeigneter Weise erregende Veranstaltungen wie Theater, Kino und Geselligkeit von Erwachsenen noch weniger angebracht sind, als für das nervengesunde.

Der Wert ausgesprochen medizinischer Behand­lungsmethoden, wie z. B. Bestrahlungen aller Art, ist fein allgemeiner und kann nur von Fall zu Fall vom Arzt richtig eingeschätzt werden. Außerordentlich wichtig aber und von allgemeinster Gülttgkeit ist die Mahnung, jedwedes Streben nach körperlicher Be­tätigung, Das gerade beim nervösen Kind meist außerordentlich schwach entwickelt ist, energisch an» zuregen und zu fördern. Es kann nichts Falscheres

Mäzene gefördert wurden oder ihren Unterhalt in einem ehrenvollen Amt als Professoren an dem damaligen akademischen Gymnasium, als Sekretäre und Baumeister des Rates oder als Pastoren fanden. Die deutsche Ration sandte zuerst ihre besten Söhne nach dem Osten, aber nach dem Naturgesetz der Wechselwirkung gab dann die Kolonialgründung auf preußischem Bo­den nach einer Zeit der Sclbstbeschränkung auf ihre eigenen Ausgaben ihre Maler, Dichter, Ge­lehrten und Philosophen wieder dem Westen zurück, um mit Macht auf das Mutterland zurück­zuwirken. Und fo ist es unter anders gearteten Verhältnissen auch heute, denn Staatsgrenzen sind keine Volksgrenzen, sind keine Kulturgrenzen.

Wenn bisher die Freie Stadt aus ihrer eigenen Hochschulstatistit nur Feststellungen über das Stu­dium der jungen Danziger auf der eigenen Hoch­schule machen konnte, was für die akademische Berufskunde und Berufsberatung und auch für die allgemeine Staatspolitik unzureichend war, fo ist es uns nach dem Erscheinen der ausge­zeichneten »Deutschen Hochschulstatistik' möglich, die Unterlagen für die große Mehrzahl aller Danziger Studierenden zur Hand zu haben und zu verwerten. Aus ihrer Prüfung ergibt sich, daß dieselben Gesetze für den Danziger akade­mischen Rachwuchs gelten, wie für den reichs­deutschen, z. D. das allgemeine starke Anwachsen der Zahl der Studierenden und die große Zu­nahme der weiblichen Studierenden. Es lassen sich jetzt nur die wenigen Danziger Studierenden nicht statistisch erfassen, die in Deutsch-Oesterreich, in der Schweiz, in England, Frankreich und in einigen anderen Ländern Europas und in den Vereinigten Staaten von Rordamerika studieren. Fast sämtliche Danziger Studierende bekennen sich zur deutschen Sprache, i'h nehme an, daß der geringe Rest oder ein Teil des Restes sich zur polnischen Muttersprache o^krnnt.

Cs ist verständlich, daß die Zahl der Dan­ziger, die die reichsdeutschen Technischen Hochschulen besuchen, nur gering ist, nämlich 21. da sie aus naheliegenden Gründen auf un­

serer eigenen Technischen Hochschule studieren. Rur die Technische Hochschule Breslau weist keine Danziger Studierenden auf. Die Zahl der in Danzig selbst studierenden Danz.ger belief sich im Sommersemester 1929 auf insgesamt 247 (da­von 29 weiblich), und zwar 21 Architektur, 20 Dauingenieurwesen, 25 Maschinenbau, 24 Elektro­technik, 7 Schiffs- und Flugtechnik, 21 (davon 5 weiblich) Chemie, 12 Landwirtschaft, 65 (da­von 16 weiblich) Geisteswissenschaften (Deutsch, Erdkunde. Geschichte, Romanisttk, Anglistik), 52 (davon 8 weiblich) Mathematik und Physik.

An den reichsdeutschen Universitäten studierten im S.-S. 1929 insgesamt 399, die sich auf alle reichsdeutschen Hochschulen unter Bevor­zugung der preußischen (295) verteilen: bevorzugt werden die Universitäten von Königsberg (98) und Berlin (59). Don allen nicht reichsdeutschen Studierenden stellen die Danziger an allen reichsdeutschen wissenschaftlichen Hochschulen ein stattliches Kontingent, das 7,48 v. H. ausmacht und nur von Polen (8,56 v. H.) und Rumänien (9,98 v. H.) übertroffen wird.

Aehnlich wie an den Universitäten steht es mit dem Studium der Danziger an den anderen reichsdeutschen wissenschaftlichen Hochschulen. Die landwirtschaftlichen Hochschulen wer­den von 15, die Handelshochschulen von 31 Studierenden, die tierärztliche nHoch- schulen von einem Studenten besucht: das Forst- und Bergfach wird zur Zeit nicht von Danzigern studiert. Da die Freie Stadt Danzig keine pädagogische Akademie unterhalten kann, werden auch die pädagogischen Aka­demien des Reiches von den jungen Danzigern besucht, Die den Lehrerberuf ergreifen wollen, eine kulturell besonders bedeutsame Erscheinung: 28 (davon 9 weiblich) besuchen preußische päda­gogische Akademien, nämlich Elbing und OJonn, und 10 (alle 10 weiblich) die hessische in Mainz, eine Zahl, die zwar noch nicht ausreicht, um den pädagogischen Rachwuchs des Freistaates auf dem Gebiete des Dolksschulwesens ficher- zustellen, die aber in ihrer schnellen Steigerung

(um 29) gegenüber dem Sommerfemester 1928 die Erwartung zuläht, daß auf diesem Wege bald der notwendige Ersatz sichergestellt sein wird.

Die Wahl der Studienfächer der Danziwuc Studierenden auf den reichsdeutschen wissenschaft­lichen Hochschulen in Verbindung mit Den auf unserer Technischen Hochschule gewählten Stu­dienzweige weist Darauf hin. daß Der akademische Rachwuchs in Danzig für die Danziger akade­mischen Berufe vollauf ausreicht, ja Den Bedarf nicht unerheblich überschreitet. Cs zeigt sich im allgemeinen, daß die Danziger Jugend in dem­selben Maße und Umfange wie die reichsdeutfche Jugend von bestimmten Studienfächern angezogen oder abgestoßen wird. Erfreulich ist das An­wachsen der Studierenden der evangelischen Theo­logie, Da auf diesem Gebiete zur Zeit Mangel herrscht, der dazu geführt hat, daß eine große Anzahl von Pfarrstellen nicht besetzt werden konnte. Dem theologischen Studium im Reiche kommt sogar eine kirchenrechtliche, organisato­rische Bedeutung zu. Denn die unter dem Dan­ziger Konsistorium stehende Danziger evangelische Landeskirche ist ein Teil der uniierten preußischen Landeskirche, der evangelische Oberkirchenrat in Berlin ist die höchste kirchliche Behörde für die evangelischen Pfarrer, die preußische Kirchen­beamte sind. Staatsgrenzen sind zum Glück keine Kirchengrenzen. Zu begrüßen ist auch das An­wachsen derjenigen, die die Schulwissenschaften studieren: denn auch auf diesem Gebiete herrscht im Freistaate ein gewisser Mangel, der jedoch durch reichsdeutsche Bewerber ohne Schwierig­keiten gedeckt werden konnte-

Im ganzen bietet diese Betrachtung ein er­freuliches Bild. Dies ist ein Trost für alle Deut­schen, denn die durch den Vertrag von Versailles verursachte Trennung auf politischem und wirt­schaftlichem Gebiete wirkt sich sehr schwer für Danzig aus- Darum kann die Fortdauer deS innigen kulturellen Zusammenlebens gar nicht hoch genug bewertet werden!