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Nr. 160 Erster Statt
ISO. Jahrgang
Zreitag, Juli 1950
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Gießener Familienblätter Heimat tm Bild Die Scholle
Olonats-Beiugsprets:
2.20 Reichsmark und 30 Reichspfennig für Träger- lohn, auch bei Richter» scheinen etnzelnerRummern infolge höherer (Bemalt
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Chefredakteur
Dr. Friedr Wilh. Lange. Derantwvrtlich für Politik Dr Fr. Wilh. Langem für Feuilleton Dr H.Tbgnot; für den übrigen Teil Ernst Blumfchein und für den Anzeigenteil Max Filter, sämtlich in (fließen.
Die Grubenkatastrophe in Hausdorf.
Schwierige Rettunasarbciten. — Keine Lebenden geborgen. - Nie Ursache des Unglücks. — Sollen die gefährdeten Schachte aufgegeben werden?
cnlgegenftcUcn. Als gestern abend einer der Leicht- verunglückten mit den anwesenden Bergräten wieder in bie Grube einsuhr, um an Ort und Stelle die Vorgänge bei dein Unglück zu schildern. erlitt er einen Nervenschock und mußte wieder zu läge gebracht werden. Man hat seht unter Tage eine besondere Pumpe ausgestellt, um die kohlensäuregase zu verdrängen und der Rettungsmann,d)aft das Vordringen zu ermöglichen.
Die (Erregung In hauvdors ist gewachsen, wobei besondere Gerüchte eine Rolle spielen Der einzige Ueberlebenbe aus bcr Abteilung 17, ble etwa 500 Meter von bem Ort ber Katastrophe entfernt war, erzählt, baß er versucht hat, ben Steiger telephonisch z u benachrichtigen. (Es sei lijm aber nicht geglaubt worben, baß seine Meibung zuträse. Später sei er bann mit ber Rettungsmannschaft erneut roleber eingefaßten
Aus Bab (Eßarlottenbrunn find weitere Sanitätskolonnen zur Ablösung herbeigeeilt, ebenso neue Rettungsmannschaften mit den modernsten Sauer- floffapparalen. Die Rcttungs- und Ausräumungs- arbeiten erfuhren gegen Abend einen gewissen Stillstand, obgleich die Frischluftzufuhr gut sunktioniert, so daß die Rettungsmannschaften ohne Gasmaske arbeiten können Die Kohlen ft aub-, Stein- und kohlenmassen bereiten riesige Schwierigkeiten. Vie Lage in der Grube ändert sich fast mit jeder Minute. (Es ist ben einzelnen Leuten oft nur möglich, wenige Minuten an ber Rettungsarbeit teilzunehmen.
Oie Ursache her Katastrophe. Ein stets (Kfäbrbetcr Bezirk. - Int ärmsten . deutschen Kohlenrevier.
Neuro de, 11. Full. Dom Oberbergamt wird mitgeteilt: Die Gefahr der Kohlensäure« ausbriiche ist feit d e m Jahre 1 8 9 4 begannt. Nur drei bis biet Gruben, die in der Hauptsache Im Waldenburger Nedier liegen, find in dieser Weife gefährdet. Da- GaS kommt aus dem Erdinnern, aus den tie« feren Schichten der Erdrinde au- Spalten auf und verbreitet sich in die Kohlenflöze und In das benachbarte Gestein Beim Abla, tritt es bann zutage. Manche a aber fammeln sich die GaSmassen unter starkem Truck a und eS kommt zu NuSdrüchen. Die AuSvruchsgesahr hat auf der WenzeSlauS-Grube In der letzten Zeit -ugenommen. 3m Jahre 1929 wurden 35 Ausbrüche verzeichnet, ohne daß aber ein Ulen» fchenleben verloren ging. Don der Tergbaube« Hörde sind umfangreiche Maßnahmen getroffen worden, von denen man glaubte, daß sie die Sicherheit der Delegschaft unbedingt garan« tierten. An gefährdeten Stellen hat man nach Zurückziehung der Belegschaft durch Fern« - ü n b u n g das angesammelte ( a ( zur Explosion gebracht und dadurch jede Erstickungsgefahr für die dort arbeitenden Menschen beseitigt.
Nach den bisherigen Erfahrungen haben die Ausbruche jedeSmal etwa 1000 Tonnen heraus« geschleudert. Beim jetzigen Ausbruch dürfte e t n Vielfaches dieser Menge herausgeschleudert worden sein. Die Arbeiter sind entweder durch E r st i ck u n g oder durch diese herausgeschleuder« ten GesteinSmafsen getötet worden. Eine Explosion hat nicht stattgefunden. Die Aus« rüftung der NettungSmannschasten war in Orb» nung, was ble Tatsache beweist, baß keiner ber Gasfchuhgeräteträger verunglückt ist. DaS Net«
Bergmannsiod.
Wieder haben die unheimlichen Raturgewalten sich stärker erwiesen als menschlicher Geist und Wille. 3m Waldenburger Kohlengebiet haben 160 brave Bergknappen durch den Einbruch von Kohlensäuregasen in den Schacht den Tod gefunden, weil auch die vorgeschrittene Technik noch kein Mittel kennt, um Ereignissen dieser Art zu begegnen. Die Schicksalsgemeinschaft, in die sich das deutsche Volk eigentlich mehr als je verwachsen fühlen sollte, wird den Opfern, die auf dem Felde der Arbeit geblieben find, ebenso wie ihren Hinterbliebenen, nicht nur die Teilnahme in Worten zuwenden. Der Berns des Bergknappen ist von Gefahren umgeben, die aber den, der schon durch Lieberlieferung an sie gewöhnt ist, nicht schrecken. Auch der Seemann, der Eisenbahner und Bauhandwerker ist ständig von Gefahr umlauert, die durch jene seelische Kraft abgewandt und gemeistert werden können, die wir Pflichttreue nennen. Cs ist schweigendes Heldentum, daß alle diese Männer der Arbeit auszeichnet, ein Heldentum, das sich nur erklären läßt, wenn wir der Arbeit selbst die höchsten sittlichen Werte »umessen. Es haben Tausende in Dergwerksschächten den Tod gefunden, wie auch Taufende von Seeleuten und Fischern von ihren Fahrten nicht zurückgetehrt sind. Immer aber wieder nimmt der Bergmann die Grubenlampe xur Hand, wie immer wieder auch der Hochsee- sischer seine Barke besteigt, ohne daran zu denken, das; der Tod ihn umlauert.
Das schwere Grubenunglück, das den Kurl-Schacht in Hausborf bei Neurobe b troffen hat, dürfte bas größte fein, bas sich in der Nachkriegszeit ereignet hat. Die Kohlenstaubexplosion in bcr Hey- nitz - Grube bei Beutyen am 31. Januar 1923 forderte 112 Tote. Sie wurde noch übertroffen durch die Kohlenstaubexplosion in der Z c ch e „M i • nifter Stein" bei Dortmund am 11. Februar 1925, wo 135 Tote blieben. Die folgenden Gruben- katastrophen sind dann glücklicherweise nicht mehr von solchen Ausmaßen gewesen. Das vergangene Jahr hat leider größere Grubenunglücke zu verzeichnen Am 29. Juli die Schlagwetterexplosion in der „Glück-Helf-Friedens-Hoffnungs"-Grube im WOldenburger Revier mit 25 Toten, am 16. Aug. die Kohlenstaubexplosion im Bergwerk „Gottes- fegen" der Antonienhütte in Oberschlesien mit 16 Toten, am 15. und 16. September die beiden Explosionen durch schlagende Wetter in der de Wen- delschen „C h a r l e s" • ® r u b e in Kleinrösseln mit 24 Toten und am 27. November der Wassereinbruch in einen Schacht der Vereinigten Stahlwerke in Hamborn, der vier Todesopfer forderte.
Bei der großen Gefahr, denen die Bergwerke trotz aller Sicherungsmaßnahmen immer wieder ausgesetzt sind, erscheint diese traurige Statistik gewiß niedrig. Wenn man aber bedenkt, wieviel Menschen durch solche Katastrophen in Mitleidenschaft gezogen werden, wieviele Familien den Ernährer verlieren, und wieviele Kinder dadurch ins Elend geraten, wird man bei der Betrachtung dieser Llnglücksliste fraglos $u einer anderen Einstellung kommen. Zum Glück darf man festste!len, daß der Umfang der Bergwerkskatastrophen geringer geworden ist. Man erinnere sich nur einmal an das Grubenunglück bei Cardiff im Jahre 1913, das 370 Todesopfer forderte, an das Unglück von Radbod, bei dem 335 Bergleute ums Leben kamen. Das größte Ausmaß hat aber wohl das Grubenunglück von Courriöres in Französisch-Lothringen zu verzeichnen, wobei 1200 Bergleute den Tod fanden. Trotz aller vorbeugenden Maßnahmen wird es allerdings kaum möglich fein solche Kata-
Blick auf die Wenzeslaus-Grube bei Hausborf, auf der bas furchtbare Unglück geschah
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ftrophen endgültig aus der Welt zu schaffen. Man kann nur hoffen, daß die technischen Forschungen immer weiter vorangehen, um allmählich immer größere Sicherungsmöglichkeiten zu finden, die das Ausmaß der Grubenunglücke auf ein Mindestmaß herabdrücken.
Kohlensäure-VerMungen.
Bon sachkundiger Seite wirb mitgeteilt :
Die grausige Bergwerks-Katastrophe bei Reu- rode in Schlesien weicht von anderen, leider nicht seltenen Grubenunglücken durch Gasaus- brüche insofern ab, als es sich hier nicht um daS Eindringen explosiver ober giftiger (Safe, deren ?efährlichster Bestandteil gewöhnlich das Koh- e n o x y d ist, handelt, sondern um den von Kohlensäure. Wenn diese sich auch von dem Kohlenoxyd, dem Giftträger in den Gasen unvollständiger Verbrennung, im Kohlendunst und im Leuchtgas, nur durch Mehrgehalt von einem Atom Sauerstoff unterscheidet, weicht sie in der Gistwirkung doch ganz außerordentlich von diesem ab. Das Kohlenoxyd stürzt sich mit Dehemenz aus die roten Blutkörperchen, verdrängt aus diesen, deren Aufgabe der Sauerstofftransport durch den Gesamtorganismus ist. das lebenspendende Element, und setzt sich selbst an seine Stelle. 'Die Kohlensäure zeigt feine Verwandtschaft zum Blutfarbstoff, sondern nur eine Reizwirkung auf nervöse Elemente, besonders die des Atemzentrums, die sie zunächst einmal außerordentlich erregt. Dies ist auch der Grund, daß man heute bei Unfällen ober Krankheiten, die mit einer Lähmung der Atmungstätigkeit einhergehen, gern dem zur Erleichterung ber Atmung gereichten Sauerstoff ein kleines Quantum
der die Atmung anregenden Köhlensäure zusetzt.
3n größeren Mengen in der Atmungslust enthalten, geht die Neizung in Lähmung und Betäubung über und führt dadurch, selbst wenn daneben reichlich Sauerstoff vorhanden ist, zum Tode. Die Kohlensäure nimmt also eine Zwischenstellung zwischen hochgiftigen Gasen wie Kohlenoxyd, Phosgen oder Chlor und denen, die nicht geeignet sind, die Atmung zu unterhalten, wie Stickstoff ober Wasserstoff, ein. Ihre Eigenschaft, außerordentlich schwer zu sein und dadurch sich am Boden anzusammeln, sich nur sehr langsam mit den darüberliegenden Luftschichten zu mischen, sich dabei genügend zu verdünnen, um sich mit der Ventilation schnell zu verziehen, macht ihr Auftreten in abgeschlossenen, engen Räumen, also besonders in Bcrgwerks- stollen, äußer ft gefährlich. Durch geeignete Atemfilter ist, sofern es sich nicht um sehr hohe Konzentrationen handelt und noch ein ausreichendes Quantum Sauerstoff in der Atmosphäre vorhanden ist, ein Schuh möglich.
ür. M.
92 Tote geborgen.
Der Galtst der Bcrstunstsarbcitett.
Hausborf, 11. Juli. (1DIB. Funkspruch.) Die Rettungsarbeiten auf bem Kurt-Schacht finb am Nachmittag wieder etwas in Fluß gekommen. Unter Führung von Bergrat Werne fuhren fünf neue hilfsmannfchasten ein. (Es gelang, eine Wetter- tür ju offnen unb fünf Tote, bie bahlnter lagen, zu bergen. Um 5 Uhr nachmittags konnten weitere fechs Mann geborgen werben Amtlich wirb jetzt mitgetellt, baß zur Belegschaft nicht 193, sonbern 211 Leute zählten, von benen bisher 92 tot geborgen sinb unb 70alsnochein- geschloffen gelten, weitere Tote finb bisher noch nicht geborgen worben, ba sich ben Rettungsmannschaften zu große Schwierigkeiten
üegmtz
7929: 27 Tote
Zobten
Tote
Saarrevier
1907.
1930:
2 Tote
1923:*
112 Tote
79 Tote
\aHdmm o 0Dortmund . 1925:
1912. __ _ . -777 135 Tote
Zeche-Radbodb. Hamm 1906:360Tote
1921: ZecheMont Cenis b.Hamm
HatSe/iburg • faust
Die Rettungsoerjuche.
Anpasten der Gasmasken, Die Rettungsmannschaft steigt ein.
Karte ber größten Grudenkatastrophen in Deutschland seit 1900. — In ber Mitte: Lagekarte des Unglücks- jchachts bei Hausborf in Schlesien.


