Nr. 289 Drittes Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gderhesfen)Mittwoch, 10. Dezember (930
Bücher unter dem Weihnachtsbaum.
Kalender und Almanache.
— Deutscher Almanach f ü r da - 3ahr 19 3 1. HerauSgegeben von Dr. Konrad Nuh- b S ch e r. Ausstattung von Karl S t r a t i L 250 Seiten auf holzfreiem Dickdruckpapier und 19 Bilder auf Kunstdruckpapier. 3n vornehmer Ausstattung 1,50 OHL Verlag Philipp Reclarn jun. Leipzig. (297.) — Wieder bietet der Verlag mit seinem Almanach ein geschlossenes Ganzes, einen Querschnitt durch die geistige und weltanschauliche Lage unserer Zeit. Der 30. Todestag Nietzsches, das bevorstehende Erscheinen seiner Werke in ter ilni- versal-Dibliothek geben den Anlah zu wesentlichsten Aufsahen über seine Lehre und sein Le- ben. Ein Aussatz von H. 3. Moser über die heutige Musil, Aufsätze über die Lebenshaltung der neuen Generation, über Kierkegaard und seinen Kampf mit dem .Korsar" (mit den berühmten Karikaturen), ein unbekanntes Selbstporträt Schopenhauers, Gedichte und Novellen vervollständigen das reiche, umfassende Bild dieses Almanachs, der sich zur Aufgabe seht, ein Wegweiser durch die Zeit zu sein.
— Der Greif-Almanach 1931. 208 Seiten 8° mit zahlreichen Abbildungen. Kart. 1 Mk. Verlag der 3. G. Cottoschen Buchhandlung Nachfolger, Stuttgart und Berlin. (484) — Don den Autoren des Verlages kommen u. a. mit den erzählenden und dramatischen Beiträgen von 3. C. Heer, Klara Hofer, Heinrich Lilienfein, Fred A. Angermayer und Rudolph Strah zu Worte: neues Können offenbart sich in den Erstlings- gaben von Georg Aeik und Marianne von Angern. Bedeutungsvolle Arbeiten aus dem Gebiete der Geschichtsforschung bringen 3ohannes Haller, Egmont Zechlin und Fritz 3affe; aus der Musikgeschichte hat Hans 3oachim Moser ein neues Werk geschöpft, und aus verwaistem Gebiete bringt Emil Michelmann sein schönes Buch über 3ohannes Brahms' 3ugendliebe. Wieder- erwcckt wird Moeller van den Brucks dauernd Werwolfes Werk „Die italienische Schönheit". Dazu kann der Verlag zum ersten Male Briefe aus dem Nachlaß eines seiner Besten, des Heimgegangenen Hermann Sudermann, und auch weitere interessante Gaben aus dem Cottaschen Archiv vor die Oesfcntlichkeit stellen. Schließlich bringt er noch eine Anzahl neuer wertvoller Arbeiten aus dem Gebiete technischer Kultur mit den jüngsten Bänden aus der Schriftenreihe „Wege der Technik".
— Kunst und Leben 19 31. Ein Abreißkalender im 23. 3ahrgang aus dem Verlag Fritz Heyder, Berlin-Zehlendorf. Preis 3,50 Mk. (616).
Kunst- und Literatursreunden wird dieser Kalender das ganze 3ckhr hindurch Freude und Anregung bieten. Mit 53 künstlerischen und sorgfältig wiedergegebenen Zeichnungen und ilr- sprungsholz'chnitten, sowie mit Versen und Aussprüchen deutscher Dichter versehen, stellt der Kalender eine hochwillkommene Weihnachtsgabe dar.
Deutsche Erzähler.
— Jakob Schaffner: D i e Jünglingszeit des Johannes Schattenhold. Union Deutsche Lcrlagsgesellschaft, Stuttgart. (390.) — „Um der Ueberwindung willen ist dies Buch geschrieben", sagt der Schweizer Dichter von seinem neuesten Roman, der die Reihe seiner autobiographischen Werke fortsetzt. Ein stilles Buch voll innerer Demut und Reinheit, wie der Knabe Johannes selber, der aus dem Waisenhause zu einem Basler Schuhmachermeister in die Lehre gegeben wird und nun sich mit den Menschen auseinandersetzen muß und den Nöten und Sorgen ihres kleinbürgerlichen Lebens. Mit epischer Breite und behaglicher Ausführlichkeit, bringt uns Schaffner seine Menschen und ihr Milieu nahe, so daß wir mit ihnen zu leben glauben und jede kleine Wendung ihres Lebensschiffleins mit stärkster Anteilnahme verfolgen. Etwas vom Geiste Meister Gottfried Kellers atmet das Buch dieses Schweizer Dichters unserer Tage. Die große innere Ruhe und Besinnlichkeit, die Geschlossenheit und Harmonie des Dichters und seines Werks geht auch auf uns über. Das ist in unserer Zeit vielleicht das Beste, was man von Schaffners „Johannes Schottenhold" sagen kann.
— Paul Keller: Das Geheimnis des Brunnens. Roman. 265 Seiten 8°. Leinen 6 Mk. Dergstadtverlag, Breslau. (483.) — Mit diesem Roman ist der Dichter wieder in seine schlesische Heimat zurückgekehrt, in der die besten seiner Werke wurzeln. 3n dramatischer Spannung läuft die Geschichte ab, die sich um einen Kriminalfall, den Mord an einem jungen Mädchen, dreht. Trotzdem kommt auch der Humor in der ernsten Erzählung zu seinem Recht. Den zahlreichen Freunden des schlesischen Heimatdichters wird diese Neuerscheinung wllllommen sein.
— Herr Fünf. Roman von Alice B e r e n d. Verlag S. Fischer, Berlin. (468.) — Eine Erzählung, die den Leser mit froher Stimmung erfüllt, meisterhaft in der Form und in der Sprache ist, dabei dos Jntereste stets rege erhäll. Eine bunte Welt zieht an dem geistigen Auge des Lesers vorüber: im Mittelpunkt der Handlung steht ein romantischer Jüngling Eichendorffscher Prägung. Das Buch wird von vielen freundlich ausgenommen werden.
— Robert Musil: Der Mann ohne Eigenschaften. Roman. 1074 Seiten 8°. Geb. 12 Mk., Seinen 15 Mk. Ernst Rowohlt Verlag, Berlin. (600.) — Dieses ausladende Roman- werk, an dem Musil jahrelang gearbeitet hat, will einen sterbenden Staat und eine kranke Gesellschaft gestalten. Daß es sich um die Donaumonarchie handelt, steht als ein Beispiel für alle heute noch bestehenden Staaten. Das Buch will die große Kritik des Geistes der Demokratie durch einen demokratischen Denker fein. Der Gegensatz zwischen naturwissenschaftlichem und humanistischem Gefühlskreis, zwischen den rationalen und irrationalen Elementen des Lebens wird hier in ganz neuer Weise gedeutet. 3n lebendiger Dar- stellung und mit einer bemerkenswerten 3ronie fuhrt der Dichter seine zahlreichen und höchst mannigfachen Gestalten durch Situationen, die überaus charakteristisch sind für die Vorkriegswelt. — Der vorliegende, auf über 1000 Druckseiten die beiden ersten Teile des Romans umfassende Band ist, obwohl in sich abgeschlossen, nur das erste Buch eines Gesamtwertes: das zweite Buch, den
Dritten und vierten Teil umfassend, befindet sich in Vorbereitung. —
— PeterHabichsWandlung. Roman von Artur Brausewetter. Dolksverband der Bücherfreunde, Wegweiser-Verlag G. m. b. H., Berlin-Charlottenburg. Gebunden 2,90 Mark. (572.) — Menschliches Irren und menschliches Reifen, Auf- blühen und Klärung der Leidenschaften, Wachsen und Erweiterung der Erkenntnis bilden die Hauptmotive dieses modernen Romans. Die Hauptgestalt ist ein junger Pfarrer, dem zwei Frauen ai/s (rem- ben Welten nahetreten. Wie er durch heftige Erschütterungen seiner Seele sicher wird, wie er auf harte Proben gestellt wird und überkommene Anschauungen überwindet, wie er einer zerstörenden Verwirrung zu verfallen droht und durch opferbereite Liebe zur Klarheit gelangt, diese Entwicklung ist von Brausewetter mit feiner Lebenskenntnis und erzählerischer Kunst überzeugend gestaltet worden. Frei von jeglicher Moraltendenz beherrscht die Gestaltung des Menschlichen im Menschen die Substanz und die Atmosphäre dieses Romans. Ein wertvolles Buch, dessen Verlegung im Rahmen des Dolksverbandes der Bücherfreunde zu begrüßen ist. Als eine schöne Gabe für den Weihnachtstisch sei dieses Buch allen Freunden guter Literatur besonders empfohlen.
— Frühling in Nervi. Roman von Rudolf P r e s b e r (Deutsche Derlagsanstalt, Stutt» garL) Geb. 7.50 Mk. (430.) — Ein prächtiges Geschenk PreSbers an seine Lesergemeindc, das für die Weihnachtszeit der besonderen Aufmerksamkeit aller Fteunde guter Erzählungen empfohlen sei. Dieses neue Werk Presbers ist ganz erfüllt von der Lebensfreude und Lebenslust des Südens. 3m Mittelpunkt der Handlung steht eine überaus mutige, modern empfindende Frau. Sie, ihre jugendlich reizende Tochter und die mit den Schicksalen der beiden verbundenen Menschen erleben das Wunder des Südens: schwierige Verwirrungen und Lebenstäuschungen wandeln sich unter der fegenspendenden Sonne in Erfüllung und Glück. Hinter den vergnüglichen Geschehnissen, die ein tapfer getragenes Frauenleid enthüllen, hinter dem gutmütigen Spott über All- zurnenschliches fühlt man das tiefe Verstehen eines an Güte und Wissen reichen Dichters. Die Erzählung ist in allen Teilen lebendig gestaltet, in feingeschlisfener Sprache glänzend durchgesuhrt und in hohem Maße fesselnd vom Anfang bis zum Ende. Dieser Roman zählt unstreitig zu dem Besten aus dem reichen Schaffen des Dichters. Er ist eine wertvolle Bereicherung für den gut bestellten Bücherschrank.
Die Wett im Bild.
— Das deutsche Lichtbild, 3ahreS- schau 1 9 3 1, 160 Bildtafeln, Verlag von Robert und Bruno Schuh, Berlin W 9, Schelling- straße 12, Seiden leinenband Preis 15 Mark. (590) — Der neue Band dieser schönsten und reichhaltigsten aller uns bekannten Veröffentlichungen auf photographischem Gebiet ist dem verdienten Forscher der angewandten und wissenschaftlichen Photographie, Feldmarschall-Leutnant Dr. Arthur Frhr. von Hübel, gewidmet. Er enthält wieder wie seine Vorgänger eine Reihe von Fachaussätzen bester Kenner der Materie, aber der Schwerpunkt liegt auch diesmal in den 160 Bildtafeln mit technisch vollendeten Reproduktionen sorgfältig ausgewählter Photographien. Dabei werden alle Gebiete berücksichtigt. Am schönsten scheint uns diesmal die Sammlung von LandschaftS- und Tierstudien zu fein; auch eine Reihe ausgezeichneter Porträts und Aktstudien wurden aufgenommen. Photographische Spielereien, die in den vorhergegangenen Bänden reichlich überwogen, treten erfreulicherweise etwas zurück. 3m ganzen die geschlossenste und eindrücklichste Schau über den Stand der photographischen Kunst, die wir kennen. Dankenswert auch diesmal wieder, daß zu den einzelnen Bildern ausführliche technische Angaben gemacht wurden.
— Das Antlitz des Alters. Photographische Bildnisse von Erich Retzlaff, Einleitung von Jakob Kneip. Leinen 8,50 Mark. Pädagogischer Verlag Düsseldorf. (615.) — Das Werk ist das Ergebnis einer Fahrt durch deutsche Lande. Man weiß, wie schwierig es ist, alte Leute so auf die Platte zu bannen, wie Erich Retzlaff es getan hat. Er bringt uns wieder den tiefen Gehalt und die oft so eigentümliche Schönheit, die im Antlitz des Alters verborgen liegt, näher jene Schönheit, die in ihrer bald herben, bald traurigen, oft ober auch wunderbar verklärten Art der Schönheit der Jugend so ganz unähnlich, die ihr dafür aber an liefe, Mannigfaltigkeit und Macht des Ausdrucks weit überlegen ist. Das Buch mahnt, uns des Alters zu erinnern, das unsere Zeit vergaß. Ehrfurcht wecken ist das schöne Ziel des Buches.
— E. O. Hoppe, Deutsche Arbeit, Verlag Hllftein, Berlin. Preis: Ganzleinen 5 ML
(585.) — Armeen, getrennt durch Ländergrenzen und Ozeane und doch schicksalhaft verbunden, stehen auf den Schlachtfeldern der Arbeit. Ter summende Motor, das rollende Rad, die schwirrende Spindel, der unermüdlich niederschmetternde Hammer sind die Wahrzeichen unseres Planeten im 20. 3ahrhundert. Von den Stätten „Deutscher Arbeit" erzählt dieser Bildatlas, in dem 150 der schönsten fotographischen Aufnahmen von C. O. Hoppe, dem wir schon so viele meisterhafte Lichtbilder verdanken, in ausgezeichneter Reproduktion vereinigt sind. Hasenbilder, die den Salzgeruch ferner Meere atmen, Fördertürme, die wie Wahrzeichen des schweren Dergmannsloses in den grauen Himmel ragen, Schienen, deren Lauf uns in fremde Länder zu führen scheinen, Krahne und Schiffe. Hochöfen und Brücken, Räder und Walzen. Diese Bilder mit ihren kurzen schlagwort- artigen Erläuterungen im Anhang bringen uns den Geist moderner Technik näher als langatmige Abhandlungen. Das Buch entrückt die Arbeitsstätten dem grauen Alltag und zeigt sie in ihrer phantastischen, oft grandiosen Schönheit.
— Walter Gropius: Dauhausbau- ten Dessau (Bauhausbücher Band 12). Mit 203 Abbildungen. 3n Leinen gebunden 18 Mk. Verlag von Albert Langen in München. (593.) — Wit dem Buche „Bauhausbauten Dessau" gibt Walter Gropius einen Bericht über seine eigene Arbeit als Architekt unö Dauorganisator während seiner Dessauer Dauhausjahre. Das Buch vermittelt mit seinen 203 Abbildungen in anschaulichster Weise einen Lieberblick über die während der 3ahre 1924 bis 1928 entstandenen Bauten von Gropius in Dessau: das Dauhaus- gebäude, die Wohnungen der Bauhausmeister, die Siedlung Dessau-Törten mit dem Konsumvereinsgebäude und das Arbeitsamt Dessau. 3m Vorwort ist ein Abriß der Entwicklung des Bauhauses von feinen Weimarer Anfängen an gegeben, während sich der Text im übrigen auf prägnante, grundsätzliche Bemerkungen und sachliche Angaben über die verschiedenen Bauten beschränkt. Für jeden, den die Entwicklung der modernen Bauprobleme interessiert, bedeutet dieses Werk ein aufschlußreiches Dokument.
Biographische Schriften.
— Otto Schulte, M. Philipp Vige- 1 i u s, Pfarrer z u Wetter und Großen- Linden. Sein Leben, feine Arbeit und feine Gemeinde, Schilderungen des Lebens in einer kleinen oberhesfifchen Stadt im 17. Jahrhundert. Mit einem Stammbaum der Familie Digelius von Herrn C. C. P. Digelius (Haag) und Freiherrn von Waldthau- fen (Baffcnheim), Darmstadt, Verlag der Hessischen Volksbücher. Herausgegeben von Wilhelm Diehl. (630.) — Der Verfasser dieses Werks, Pfarrer Otto Schulte in Großen-Linden, wird als Folklorist weithin verehrt und geschätzt. Was ihn durchflammt, ist wirkliche Liebe zum Volk. Seine zahlreichen Arbeiten offenbaren, daß er mit Scharfsinn und feinem Verständnis die kulturellen Aufgaben der Volkskunde erfaßt. In seinem neuen Buch führt er den Pfarrer Vigelius vor, der mit feinem gut deutschen Namen Weigel heißt, der am 14. Juli 1606 in Großen-Linden geboren wurde und nach Absolvierung seiner Universitätsstudien zuerst in Weller bei Marburg, dann in seinem Heimatort Großen- Linden amtierte. Digelius-Weigel hat ein „Proto- kollum" hinterlassen, in dem das Physiognornische des Volks und der Zell lebendig wird, in dem sich die verworrenen inneren und äußeren Zustände einer drangvollen Epoche aufs wundersamste wiederspiegeln. Nicht nur Freskobilder, auch Miniaturmalereien erwecken im Leser erhöhte Stimmung. Dieser Digelius-Weigel ist ein Tatmensch, ein Gestaller, ein Organisator, ein Mann voller Innerlichkeit, voller Ruhe und Haltung, eine Persönlichkeit, die mit lächelnder Wehmut Menschen und Dinge betrachtet. Er versteht es, erzieherisch auf seine Gemeinde zu wirken, sich in ihr Seelen» und Gemütsleben zu versetzen. Das Buch ist in reizvollen Abwandlungen durchaus spannend geschrieben, die Gruppierung der Begebenheiten ist einwandfrei. In seiner Kunst des Erzählens erweist sich Otto Schulte als analytischer Geist, der am Schluß zu vollkommener Synthese gelangt. Ich wünsche dem Buch die weiteste Verbreitung. A. B.
Von Carl Ludwig Schleichs: Besonnter Vergangenheit, den Lebenserinnerungen des berühmten Arztes, Naturforschers, Dichters und liebenswerten Menschen, ist zum Preise von 2,85 Mark das 305. Tausend eine ungekürzte Volksausgabe mit 10 Bildern bei Ernst Rowohlt Verlag KG. a. 21., Berlin W 50, erschienen. Der gleiche Der- lag hat ebenfalls zum billigen Preis von 2,85 Mk. auch eine ungekürzte Volksausgabe von Emil Lud
wigs bekannter Napoleon-Biographie herausgebracht. (634/635.)
— Henry Ford: Und trotzdem vorwärts. 23erlag Paul List, Leipzig C 1. Preis geb. 10 Mark. (565.) — Der amerikanische Autokönig hat zweifellos im praktischen Wirtschaftsleben beim Aufbau seiner Fabrikationswerkstätten in Detroit wie bei der Organisierung des Absatzes, bei der Schaffung immer neuer kaufkrätziger Konsumenten- schichten gigantische Erfolge zu verzeichnen. Sellsam, daß man seinen Wirtschaftstheorien, die er in zwei Büchern — das vorliegende ist schon das dritte — niedergelegt hat, trotzdem mit einigem Skeptizismus begegnet. Und das fast katastrophale Ende der „prosperit/'-Periobe drüben in Amerika scheint dieses skeptische Urteil fast zu bestätigen. Aber bei aller wohlangebrachten Zurückhaltung, namentlich wenn cs sich darum handeln sollte, Fordsche Methoden in der europäischen Wirtschaft einzubürgern, verdient das neue Buch Henry Fords doch unsere größte Aufmerksamkeit, besonders die Kapllel, die von der Einführung der Fordschen Methoden im Ausland und dem Aufbau einer eigenen Industrie in Europa handelt. Hier bedarf es sehr nüchterner Prüfung, wenn die europäische Wirtschaft nicht einen kaum wieder gutzumachenden Schaden erleiden soll.
— Mahatma Gandhi, Mein Leben, übertragen von Hans Reisiger, im Insel-Verlag zu Leipzig. (602.) — Der Führer der indischen Frei- hellsbewegung erMIt hier in der schlichten Sprache des echten Philosophen seine Kindheit, seinen Aufent- hall als Student in London, fein Leben in Süd- afrika, wo während des Burenkrieges die Rechts- Verletzungen der Engländer ihn tief empörten und dkkn Entschluß in ihm reif werden ließen, fein Volk zum Kampf gegen die englische Herrschaft aufzurufen, co wurde er zum Organisator des passiven Widerstands, der mit den Mitteln der Steueroermeige» rung und des Boykotts englischer Waren, Indien zum Kampf um feine Freiheit aufrütteln und rüsten will. Das Buch ist grabe in diesen Tagen der angloindischen Konferenz am Runden Tisch, an dem Platz zu nehmen die Anhänger Gandhis sich weigerten, von großer Bedeutung für die Erkenntnis des indischen Problems und der vielerlei nebeneinander und gegeneinander laufenden politischen Strömungen in Indien, aber auch ein erschütterndes Dokument menschlichen Ringens um Erkenntnis und menschlicher Seelengröße.
Goethe-Literatur.
— Eugen Kühnemann: Goethe. Zwei Bände. Im Insel-Verlag zu Leipzig. (487.) — „Eine Erziehung zum deutschen Geiste" nennt Kühnemann, in ein einziges Werk zusammenfassend feine Reihe großer Gestalten aus dem Reich des deutschen Geistes, die über .Herder", „Kant" und „Schiller" zu „Goethe" führt. Die vier Bücher versuchen, nach den Worten des Verfassers, die Begründung und Darstellung der Geistesgeschichtc als einer philosophischen Wissenschaft. Der große Gegenstand ist das Jneinandergreifen von Persönlichkeit, Werk und Schicksal. Das Werk ist die Persönlichkeit, wie sie selber an ihren gegenständlichen Aufgaben zur Offenbarung und Darstellung kommt, das Schicksal ist das Gesetz, nach dem die Persönlichkeit als geprägte Form sich entwickelt und entwickeln muß. So wird nach dieser Maxime in dem vorliegenden Werk der Faust in den Miteipunkt des Goethischen Schaffens gestellt und aus der Erkenntnis dieser Dichtung das Leben Goethes entwickelt, aus dem Werk wirb bic Persönlichkeit gebeutet. Der Gestal» tungsgebanke in seinem ersten Aufgehen unb in seiner Entfaltung burch alle Szenen bcs Faust soll uerftanben werben, denn in ihm sieht Kühnemann das Leben Goethes, wie es sich selber als Gestalt 3ur Offenbarung wirb. Jnbem wir bas Wesen Goethes verstehen lernen aus bem, was in Goethe bas Lebenbige unb ewig Leben 6d)affcnbc war, sollen wir seine Lebendigkeit in das eigene Leben hinübernehmen. Auch Kühnemanns Buch ist ein volles Zufammenklingen von Werk und Persönlichkeit nach jahrzehntelangem Ringen mit dem großen Vorwurf, ein Buch voll edlen Schwungs unb leiben» schastlicher Hingabe.
— Goethe im Bildnis. Herausgegeben und eingclcitet von Hans Wahl. 69 Seiten Text mit 102 Abbildungen. 3m 3nfel-Derlag, Leipzig. (567) — Mit dieser, vom Direktor deS weimarischen Goethe-Nattonal-Museums betreuten, ausgezeichneten Publikation ergänzt und cr- weitert der 3nsel-Verlag in höchst dankenswerter Weife den Kreis der früher und neuerdings bei ihm erschienenen Goethe-Literatur. An die Seite der Text-Ausgaben, der Biographien, der Briefe und Gespräche rückt hier, den Ge- samteindruck menschlich ergänzend und physiogno- misch abrundend, ein Werk, in dem die irdische Erscheinung Goethes hundertfältig beglaubigt wird mit den zeitgenössischen Bildnissen au- allen Lebensaltern, in immer wechselnder Beleuchtung und Auffassung, mit Oelgemälden, Bleistiftzeichnungen, Schattenrissen, Porträtbüsten und Totenmasken. Alle diese Dokumente werden hie« dargeboten in einer vorbildlichen technischen Wiedergabe und werden kommenttert und gedeutet in der kenntnisreichen, sorgfältig und kritisch ordnenden Einführung des Herausgebers. So ist dieses vornehm gedruckte und gebundene Buch eine überaus schätzenswerte Bereicherung jeder Goethebibliothek: es sollte, darüber hinaus, im Bücherschrank des gebildeten Deutschen nicht fehlen und darf zumal als Weihnachtsgeschenk von unveräußerlichem Wert nachdrücklich empfohlen werden.
— 3 ahrbuch der Sammlung Kippenberg. 8. Band 1930 im 3nsel-Verlag zu Leipzig. (316) — Diese für die Goethe-Literatur weseirt- liche Veröffentlichung bringt in ihrem neuesten Bande u. a. eine erschöpfende Arbeit 3ohann Wolfgang Schottländers über Zelter und seine Beziehungen zu den Komponisten seiner Zeit. Zelter war für seinen Freund Goethe der Mittler zur Musik und daher war seine Stellung zur zeitgenössischen Musik natürlich von dem größten Einfluß auf den Dichter. Der Aufsatz wird ergänzt durch eine Studie von Goslich über Zelter und seine Verleger. Die Totenmaske Zelters ist beigegeben. AuS dem weiteren 3nhalt nennen wir noch zehn Briefe Winkelmanns an seinen Verleger Walther, Mitteilungen aus dem Nachlaß von ZachariaS Werner, eine bibliographische Arbeit über Beethovens Goethe-Kompositionen und schließlich ein Aufsatz Dräuning-Octavios über den Hillschen „Prospect" von Darmstadt, der uns Hessen natürlich besonders interessiert. Er stammt auS dem 3ahre 1775 und gibt ein gutes Dill» von Darmstadt und näherer Umgebung zur Zeit des Darmstädter Goethe-KreiseS.
Politik und Geschichte.
— Die obersten Gewalten im Weltkrieg. Das Werk der Staatsmänner, Heerführer, Parlaments», Presse» unb Volksführer bei der Entente und bei den Mittelmächten. Don Otto v. Moser. Generalleutnant a. D., in Leinen gebunden 9 Mk. Ehr. Belfer AG., Verlagsbuchhandlung, Stuttgart. (642.) Dieses Buch bietet nicht nur eine packende und kritische Beleuchtung der maßgebenden Führerpersönlichkeiten des Weltkriegs und ihrer Tätigkeit, sondern auch eine fesselnde Darstellung des Kriegsverlaufs selbst vom britischen, vom französischen und vom deutschen Standpunkte aus. 3n größter Klarheit sind in drei Hauptabschnitten dargestellt: i. Die Anschauungen über die große Führung des Kriegs und die Gliederung der obersten Gewalten für den Krieg beim Kriegsausbruch 1914: II. Die große Führung des Krieges im Weltkriege selbst bei Großbritannien, bei Frankreich und Deutschland. Auch die Houptursochen des britischen und französischen Sieges und des deutschen Erliegens sind eingehend besprochen. Der Hauptabschnitt llt bringt sodann die wichtigsten Folgerungen und Zukunftslehren.
— M. E. Ravage: „Glanz und Niedergang des Hauses Rothschild". Preis 7,50 Mk. Avalun-Verlag, Hellerau bei Dresden. (365) — Die Rationalisierung auf dem Büchermarkt hat trotz der durch die Wirtschaftslage verursachten Verringerung der Konsumttonskraft des Publikums es immer nod> nicht zuwege gebracht, zu verhindern, daß ein Stoff, der nun einmal für aktuell gehalten wird, der gleichsam in der Luft liegt, von verschiedenen T^rfassern und Verlagen gleichzeitig doppelt und dreifach beackert wird. Das gilt z. D. von der gewiß hochinteressanten und von der Wissenschaft lange genug vernachlässigten Geschichte des Hauses Rothschild. Aber nachdem erst im vergangenen 3ahre Graf Cortt im 3nsel-Verlag auf Grund sorgfältiger Quellenstudien die grundlegende Geschichte der großen Frankfurter Bankfirma in


